Schlaglicht: Es geht um mehr als Seenotrettung

Die Seenotrettung zählt zu den uralten moralischen und rechtlichen Pflichten: eine  Verpflichtung, die aber gegenwärtig im Mittelmeer auf skrupellose und massenhafte Weise von Organisierter Kriminalität ausgenutzt wird. Viele zivilgsesellschaftliche Akteure tragen dazu bei, dass die europäischen Staaten gegen diese nicht robuster, auch militärisch vorgehen. Die Kirchen spielen hier ebenfalls eine unverantwortliche Rolle, indem sie sich zu Fürsprechern eines unbegrenzten Niederlassungsrechtes in Europa machen. Sie machen nicht allein Politik möglich, wie sie gern für sich in Anspruch nehmen, sondern betreiben Politik mit fragwürdigen Zielen. Denn ein solches Recht gibt es aus guten Gründen nicht, darum wird moralischer Druck erzeugt – auch im Verbund der norddeutschen Kirchenzeitungen. Auf Dauer untergräbt dies die Stabilität der Staats- und Rechtsordnung in Europa.

ZUM WEITERLESEN:

Axel Bernd Kunze: Wird der Rechtsstaat noch verstanden? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu einem konstitutiven Merkmal unseres Gemeinwesens, in: Alexander Dietz/Jan Dochhorn/Axel Bernd Kunze/Ludger Schwienhorst-Schönberger: Wiederentdeckung des Staates des Staates in der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020, S. 137 – 175 [Anmerkungen: S. 222 – 224].

Schlaglicht: Kompetenz heißt noch nicht Mündigkeit

Ja, es gibt sie noch: die Kompetenzkritiker. Kompetenz führt zunächst einmal zu funktionalem Verhalten. Das brauchen wir auch – aber Mündigkeit ist damit noch nicht erreicht. Hieß der frühere Dreiklang eines umfassenden Bildungsprozesses „Wissen – Urteilen – Handeln“, sprechen Kompetenztheoretiker von „Wissen – Handeln – Urteilen“. Es geht nicht mehr darum, das Gelernte zu beurteilen, sondern zu beurteilen, ob das Handeln dem Erwarteten oder auch dem politisch Gewollten angemessen ist. Dies entspricht der politisch vielfach vorhandenen Überzeugung, in den Bildungsinstitutionen ließen sich Einstellungen und Verhaltensdispositionen der Bevölkerung steuern – etwa im Sinne eines gesellschaftspolitisch erwünschten Diskurses. Einem Kollegen entfuhr bei einer Fortbildung gegenüber dem Referenten: „Hören Sie mal, mit einem humanistischen Menschenbild hat das alles, was sie uns hier erzählen, nichts mehr zu tun.“ Und damit auch nicht mit einem humanistischen Lehrerethos. Aber es ist klar, dass sich die Kompetenzorientierung überall durchsetzen würde. Josef Kraus beschreibt die Folgen für das bayerische Abitur, das auch keine Insel bildungspolitischer Glückseligkeit mehr ist. Die Folgen spüren wir in einem schleichenden Verfall des öffentlichen Diskurses.

Schlaglicht: Ernüchternde Zahlen

Die jüngste Kirchenstatistik ist ernüchternd. Geht das Glaubensleben dramatisch zurück, steht nicht allein für die Kirche einiges auf dem Spiel, sondern auch für das gesellschaftliche Klima und die Orientierungswerte, die unser Land prägen. Bischof Wilmer verdient Anerkennung, wenn er um ehrliche Antworten auf diese Krise ringt. Aber auch kritische Gegenfragen müssen erlaubt sein.

1. Ist eine katholisch-muslimische Kindertagesstätte in Gifhorn, in denen Gottesdienste mit Bibelversen, Koransuren und Vaterunser gefeiert werden, wirklich das richtige „Kraftzentrum“? Wird ein religionspädagogischer Synkretismus dem Auftrag, das Evangelium zu verkünden, tatsächlich gerecht?

2. Sind „verrückte Ideen“ liturgisch tragfähig? Ich möchte nicht jeden Sonntag von den Vorlieben irgendeiner Vorbereitungsgruppe überrascht werden. Warum pflegt die Kirche nicht stärker die Stundenliturgie, wenn Eucharistiefeiern schwinden? Hier gibt es eine Tradition, die würdig und tragfähig wäre, gerade auch an priesterlosen Tagen.

3. Dass die Kirche ihren Beitrag zum Infektionsschutz leistet, lässt sich theologisch begründen. Dass sie ihre Sakramente selber kleinredet, hat der Staat nicht gefordert. Die Coronahinweise aus dem Hildesheimer Generalvikariat wirkten sozial kalt und wenig pastoral. Beim Spargelessen an Fronleichnam sagte ein Freund bitter: Wenn man sich in der Gastwirtschaft mehr willkommen und wertgeschätzt fühlt als in der Kirche, könne man auch gleich mit dem Frühschoppen beginnen. Das Verhalten vieler Kirchenleitungen in der Coronakrise hat engagierte Gläubige vor den Kopf gestoßen. Leider gilt dies auch für das Deutschlandfunkinterview von Bischof Wilmer an Ostern.

Schlaglicht: Gemeinwohl setzt die produktive Freiheit des Einzelnen voraus

Die Verfassung sollte dem gemeinsamen Zusammenleben einen verlässlichen Rahmen geben. Immer häufiger hingegen wird sie zum Spielball einzelner Interessengruppen und zum Instrument einer von oben verordneten Gesellschaftsreform. Ein Missverständnis! Im Vordergrund vieler Reformvorschläge steht häufig nicht mehr die produktive Freiheit der Einzelnen zum Wohl des gesellschaftlichen Ganzen, sondern eine durch den Staat gelenkte Freiheit. Auf diese Weise untergräbt der liberale Rechts- und Verfassungsstaat aber sein eigenes Fundament. Denn ein vitales, geistig produktives und wirtschaftlich erfolgreiches Gemeinwesen bleibt auf individuelle Freiheit angewiesen.“ (Axel Bernd Kunze, Gründungsmitglied der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V.)

Eine solche Freiheit wäre umso wichtiger, wenn jetzt die Folgen des pandemiebedingten Stillstands („Lockdown“) bewältigt werden sollen – und nicht ein intventionistischer „Neostaatskapitalismus“ (Die Tagespost), wie er aus dem zweiten coronabezogenen Konjunkturpaket der Bundesregierung spricht. Die Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit sowie die Gewährleistung der Daseinsvorsorge müssen wieder zu Hauptaufgaben des Staates werden. Darüber hinaus bedarf es einer neuen Wertschätzung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Selbsttätigkeit. Staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben, die Verstaatlichung privater Mittel (z. B. über staatlich gesteuerte Krisenfonds), europäischer Zentralismus, die Vergemeinschaftung von Staatssschulden, bürokratische Überregulierung, der sozialpolitische Griff in die Staatskasse oder eine weitere Steigerung der Staatsquote werden nicht helfen, die kommende Rezession zu bewältigen. Was Not tut, sind ein Abbau staatlicher Gängelung, finanzielle Entlastungen und die Stärkung gesellschaftlicher Freiheiten, welche helfen, bürgerliche Eigentätigkeit, staatsbürgerliche Verantwortung und wirtschaftliche Produktivität zu entbinden.

[Zitat aus: Arbeitspapiere der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V., Heft 3/2020]

Schlaglicht: Wort zum Pfingstmontag

Christiane Thiele, evangelische Theologin sowieso Studentenpfarrerin in Halle an der Saale, hat im „Deutschlandfunk“ vorgeschlagen, den Pfingstmontag zu streichen – zugunsten des Versöhnungstages Jom Kippur. Neu ist der Vorschlag nicht: Er wurde zuvor schon durch den Münchner Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf, Vertreter der liberalen Theologie, ins Spiel gebracht. Wenn man die aktuelle Stimmungslage im Land bedenkt, steht zu befürchten: Steter Tropfen höhlt auch hier den Stein.

Was auffällt, ist zunächst einmal die Begründung. Bei Lichte besehen, geht es der umtriebigen Theologin gar nicht um das Judentum. Ein allgemeines Versöhnungsfest soll es werden. Denn Versöhnung sei für alle Menschen wichtig. Religiöse Inhalte werden aufgelöst in einen schwammigen Humanismus, der irgendwie für alle zustimmungsfähig sein soll, außer natürlich für AfD-Wähler, konservative Traditionalisten und solche unverbesserlichen Stammtischbrüder, die das christliche Abendland noch nicht wie Kardinal Marx verabschiedet haben.

Im Kern geht es wieder einmal um ein Projekt, Identität auszulöschen, die eigene kulturelle Prägung unseres Gemeinwesens zu verneinen und irgendwie progressiv zu wirken. Der sattsam bekannte Kirchensound in Dauerschleife: Vielfalt ist gut. Die christliche Feiertagskultur oder was von ihr überhaupt noch übrig ist, taugt nur noch als Verschiebemasse. Auf einen Feiertag mehr oder weniger kommt es nicht an, Hauptsache, die liberale Seele hat ein gutes Gewissen. Orientierungswerte sind sowieso austauschbar, die Kirchen haben nichts mehr zu sagen, ein allgemeiner Humanismus wird es schon richten.

Die Coronakrise hat die Sprachlosigkeit der Kirchen mehr als deutlich werden lassen. Dass die Kirchen ihren Teil zum Infektionsschutz beitragen, ist richtig und lässt sich theologisch begründen. Dass sie theologisch sprachlos werden und ihren liturgischen Heilsdienst selber für entbehrlich erklären, hat der Staat nicht gefordert. Dafür sind die Kirchen selbst verantwortlich. Dass die Bundeskanzlerin am Ende des Stillstands von Geschäften und Friseurläden sprach, nicht aber von Gottesdiensten, haben die Kirchenverantwortlichen sich selbst zuzuschreiben – oder wie es Peter Hahne auf wunderbare Weise ausgedrückt hat: „EDEKA statt EKD“.

Am Ende könnte selbst den gutmütigsten Gläubigen auffallen, dass sie Gottesdienst und Predigt gar nicht brauchen – jedenfalls dann nicht, wenn die Kirchen nur das erklären, was der politische Mainstream immer schon sagt, von Mülltrennung über Klimarettung bis Gendergerechtigkeit.

Nur ein aktuelles Beispiel sei genannt: Nach langen Wochen des Schweigens gibt es eine erste sozialethische Auseinandersetzung mit der „Coronakrise“ – endlich, möchte man ausrufen. „Solidarität in der Corona-Gesellschaft“ heißt das Heft, das innerhalb der sogenannten Grünen Reihe der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle erschienen ist, verfasst von der Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer und ihrem Mitarbeiter, Lukas Schmitt. Zunächst wird seitenlang referiert, was jeder Zeitungsleser nach drei Monaten Coronakrise mehr als zur Genüge weiß. Dann eine Seite Schlussfolgerungen – mit folgendem Dreiklang: 1. Christliche Sozialethik könne angesichts der aufgezeigten Ambivalenzen keine fertigen Lösungen anbieten. 2. Sie müsse dabei auch erkennen, dass die Strategie der tastenden Schritte und des Fahrens auf Sicht die neue Normalität sei. 3. Im Hintergrund der vielfältigen gesellschaftlichen Diskurse stünden die beiden existentiellen Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ – Ja, ist das alles!? Kein Wort zu Vorrangregeln, zur Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel, zu den grundrechtlichen Konflikten im Rahmen der Pandemievorsorge, zur Rolle des Staates, zu einer sozialethisch gebotenen Krisenvorsorge, zur strittigen Frage der Lastenverteilung nach Ende des Stillstands, zu den damit verbundenen wirtschaftsethischen Implikationen, zu angemessenen Reaktionen auf die zu erwartenden Steuerausfälle und Staatsschulden …

Kommen wir auf die Feiertagsfrage zurück. Wenn es schon darum geht, einen allgemein konsensfähigen Feiertag zu schaffen … – warum nehmen wir nicht den 5. Oktober? Welttag des Lehrers! Der ist religiös neutral, und Bildung ist mindestens so gut wie Vielfalt – wer wollte etwas dagegen haben!? Immerhin hat das erzwungene „Homelearning“ doch vor Augen geführt, wie systemrelevant Lehrer sind. Und wer immer noch nicht überzeugt ist, sollte bedenken: Der 5. Oktober lässt sich in Deutschland wunderbar durch einen Brückentag mit dem Tag der Deutschen Einheit verbinden. Einem Herbsturlaub steht damit nichts mehr im Wege, ganz ohne störende religiöse, identitätsstiftende Bezüge. Was will man mehr.

Allen einen gesegneten Pfingstmontag, solange wir ihn noch haben!

Literaturhinweis:

Axel Bernd Kunze: Woraus lebt ein Gemeinwesen? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu den kulturellen Grundlagen des Staates, in: Alexander Dietz, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze, Ludger Schwienhorst-Schönberger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020 [erscheint voraussichtlich im Herbst 2020].

Schlaglicht: Sommerferien oder Lehrerarbeitszeit – Schäubles Kategorienfehler

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Sommerferien-verkuerzen-Soeder-widerspricht-Schaeuble-id57241811.html

Die Äußerungen des Bundestagspräsidenten in der „Augsburger Allgemeinen“ reizen zu einer Stellungnahme und dürfen so nicht stehenbleiben: Sollen die Sommerferien verkürzt werden? Ein Kollege hat das Interview Wolfgang Schäubles gestern schlicht und einfach als „Frechheit“ bezeichnet. Zu Recht. In anderen Fällen würde man die Äußerungen des Bundestagspräsidenten als „populistischen“ Unfug bezeichnen. Ach nein, Populismus – im Sinne grober, mutwilliger Vereinfachungen der politischen Debatte – gibt es ja in den Volksparteien per definitionem gar nicht.

Die Schulen sind geschlossen. Damit ist aber nicht die Dienstpflicht für Lehrkräfte aufgehoben, diese sind seit Beginn der Schutzmaßnahmen vollständig im Einsatz und haben unter hohem persönlichen Einsatz in kürzester Zeit E-Learning-Modelle installiert. Die persönliche Beratung der Schüler via Internet, die Entwicklung neuer Methoden und Lernformate für das onlinegestützte „Homelearning“, individuelles Feedback, die pädagogische Begleitung der Schüler in Videokonferenzen oder via Telefon ist zeitaufwendig … Auch die Zusammenarbeit im Kollegium ging onlinegestützt weiter, Gleiches gilt für die Schulleitungen. Hinzu kommt der erhöhte Zeitaufwand, der jetzt noch für Abschlussprüfungen mit kleinen Lerngruppen, vermehrten Nachprüfungsterminen, erhöhten Sicherheitsauflagen, Umsetzung von Hygieneplänen usw. entsteht.

Wer eine gesamte Berufsgruppe auf diese Weise öffentlich angreift, scheint auf die Wählerstimmen aus der Lehrerschaft bei der nächsten Wahl keinen Wert zu legen. Leider bleibt Söders Entgegnung, der alles dafür tut, Kanzlerkandidat zu werden, halbherzig und erweckt gleichfalls ein schiefes Bild. Denn es geht hier nicht allein um Ferien; es geht um den Umgang mit der Arbeitszeit einer ganzen Berufsgruppe des öffentlichen Dienstes. Wer meint, Lehrer sollten in diesem Schuljahr mehr arbeiten, muss dies als Mehrabeit vergüten.

Ich hoffe, dass die Kultusministerien der Länder in dieser Frage hart bleiben und dass die Lehrerverbände solchen Vorhaben der Politik deutlichen Widerstand entgegensetzen. Statt in die Kultushoheit der Länder einzugreifen, sollte der Bundestagspräsident lieber überlegen, wie das Parlament, dem er vorsteht, Pandemievorsorge, Zivilschutz und Katastrophenpläne verbessern kann. Hier werden wir, wenn die Krise durchgestanden ist, genügend politische Versäumnisse aufzuarbeiten haben und notwendige Fragen stellen müssen.

Zwischenruf: Der Gottesdienst muss weitergehen – auch ohne öffentliche Versammlung!

„Man redet lang und viel“, so Christian Geyer am 30. März 2020 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung [1]. Und verfehlt dann doch, was in herausfordernden Zeiten wie den gegenwärtigen zu sagen wäre. Nicht zum ersten Mal in der aktuellen Krise nimmt der Journalist scharfzüngig, aber durchaus treffend die Stellungnahmen seiner „Kollegen“ aus dem theologischen Feuilleton auseinander.

Aus Infektionsschutzgründen sind öffentliche Versammlungen verboten, auch in Kirchen, nicht aber Gottesdienste an sich. Und diese sollten weiterhin stattfinden, genauso wie das Osterfest in zwei Wochen. Sollte man meinen. Denn nichts gibt mehr Halt als ein Ritus, der auch in Krisenzeiten weitergeführt wird. Nichts entspricht dem sakramentalen Charakter der Kirche mehr als Priester, die stellvertretend und fürbittend den heiligen Dienst vollziehen. Und nichts ist tröstlicher als das Bewusstsein, dass es in der Liturgie eben doch immer um mehr geht als um das, was sich gerade hier und jetzt soziologisch erklären lässt. Gefragt sind jetzt nicht ein pastoralsoziologischer Kult um die Gemeinde, auch keine spirituellen Banalitäten oder niedrigschwelligen Trivialritualisierungen. In Krisenzeiten braucht es nicht spirituelles Toastbrot, sondern geistliches Schwarzbrot.

Vielfach war es die Kirche mit ihrer jahrhundertealten Kontinuität, die in Krisenzeiten Halt und Orientierung zu geben vermochte. Und was hören wir von Theologen jetzt? Da werden von Liturgiewissenschaftlern „Geistermessen“ kritisiert  [2] – als würde nicht jede Messe, und sei der Kreis der Mitfeiernden auch noch so klein, nicht privatissime, sondern gerade in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche gefeiert, der irdischen wie der himmlischen. Da wird gefordert, das Osterfest zu verschieben [3] – als sei der Auferstehungsglaube so etwas wie ein Pfarrfest, das man nur feiern kann, wenn die Gemeinde auch tatsächlich zu Bier und Bratwurst zusammenkommt. Da kommt aus der Schweiz der theologische Vorschlag für ein priesterloses Gedächtnismahl [4] – als sei das Sakrament nur ein kirchenpolitisches Vehikel, mit dem man, die Gunst der Stunde nutzend, die eigene theologische Privatmeinung durchsetzen könne. Da ätzt eine Theologin gegen einen „Retrokatholizismus“ [5] – als wolle man den Gemeinden nicht nur die öffentlichen Gottesdienste, sondern auch noch die private Volksfrömmigkeit nehmen. Und schließlich werden von Theologen, die sonst nicht oft genug fordern können, die Kirche müsse mit der Zeit gehen, im Internet übertragene Gottesdienste skandalisiert [6] – ohne sich vorstellen zu können, dass diese für viele Hochbetagte die letzte Möglichkeit sind, gemeinsame Gottesdienste überhaupt noch wahrzunehmen. Die Päpste früherer Zeiten hatten weniger Berührungsängste mit neuer Medientechnik und haben diese sehr offensiv für ihre Zwecke eingesetzt.

„Ihr macht uns die Kirche kaputt …“ [7] – möchte man da ausrufen, wenn dieser Buchtitel nicht schon längst besetzt wäre. Die Vorschläge zeugen weder von religionsgeschichtlichen Kenntnissen noch von pastoraler Sensibilität. Vielen Theologen scheint der Halt abhandengekommen zu sein. Beständige Dekonstruktion als theologisches Lieblingsspiel …

Doch eine Kirche, die gerade jetzt „zeitgemäß“ sein wollte (in Anlehnung an eine Formulierung des schon zitierten Christian Geyers in der Frankfurter Allgemeinen vom 25. März 2020 [8]), braucht anderen theologischen Rat. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, welchen Halt Tradition zu geben vermag: nicht als leere Form, sondern als Tabernakel, als ein Schatzkästlein geistlicher Nahrung, die auch in Zeiten der Dürre sättigt und am Leben erhält. Dies mögen für den einen Formen der Volksfrömmigkeit sein, etwa das Rosenkranz- oder Angelusgebet, für den anderen das Stundengebet  [9], und für den dritten die Mitfeier eines Gottesdienstes im Internet – alles Formen, auch ohne öffentliche Versammlung die kirchliche Verbindung zu pflegen und aus der Kraft der Liturgie zu leben. Hierfür sollten die Bischöfe Hilfestellung geben, wie es ein Erfurter Hirtenbrief mit seinen Vorschlägen zum häuslichen Nachvollzug der Kar- und Osterliturgie versucht. [10]

Es gehört zum juridischen Charakter des römischen Katholizismus, dass Bischöfe nun von der Sonntagspflicht dispensieren – das soll auch so bleiben. Gleichzeitig wäre es aber auch wichtig, die Priester anzuhalten, das gottesdienstliche Leben auch ohne öffentliche Versammlung in den Kirchen weiterzuführen. Kirche ist Heilsanstalt. Und als solche ist sie immer größer als die Gemeinde vor Ort, so wichtig die Kirchengemeinde vor Ort pastoral auch ist.

Mit welch unterschiedlicher Haltung der Coronakrise liturgisch begegnet wird, kann ein Vergleich verschiedener Gottesdienstankündigungen deutlich machen. In meiner Wohnortpfarrei erscheint der wöchentliche Pfarrbrief weiterhin; doch wo sonst immer der kirchliche Kalender mit den Gottesdienstzeiten abgedruckt wurde, steht nur noch der dürre Hinweis „Wegen der Corona-Krise müssen alle Gottesdienste bis einschließlich Sonntag, 19. April entfallen.“ – … müssen jetzt alle Gottesdienste „entfallen“!? Oder gilt dies nicht vielmehr nur für die öffentliche Mitfeier!?

Zwei Beispiele wie es auch anders geht: Der Verfasser ist häufig im nordenglischen Durham zu Gast. Die dortige römisch-katholische Pfarrei St. Cuthbert führt weiterhin alle Eucharistiefeiern auf, und zwar als „No Public Mass“. [11] Offensichtlich ist den englischen Priestern nicht bewusst, welchen liturgischen und geistlichen Flurschaden sie damit nach Ansicht deutscher Theologieprofessoren anrichten. Und im Rundbrief des Rektorats Canisianum der Priesterbruderschaft St. Petrus in Saarlouis liest sich die gegenwärtige Situation folgendermaßen: Auch hier wird die volle Messordnung abgedruckt – mit dem Hinweis: „Bitte berücksichtigen Sie die Bestimmungen des Bistums Trier, ob die Hl. Messen mit Beteiligung der Gläubigen gefeiert werden können.“ Ein klares Signal: Das liturgische Leben der Kirche geht weiter – auch in Zeiten der Krise.

An deren Ende wird sich zeigen, ob der gemeinsame Gottesdienst vermisst wurde oder nicht. Hoffen wir, dass er vermisst wird – weil es um die Verehrung Gottes geht. Wäre es anders, sollte dieses ein alarmierender Weckruf an die kirchlich Verantwortlichen sein.

[1] Christian Geyer: Man redet lang und viel. Der Kirchenreformdiskurs verfehlt die Debatte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 76 v. 30.03.2020, S. 11.

[2] Albert Gerhards, Benedikt Kranemann, Stephan Winter: Privatmessen passen nicht zum heutigen Verständnis von Eucharistie, in: katholisch.de, 18.03.2020, https://www.katholisch.de/artikel/24874-privatmessen-passen-nicht-zum-heutigen-verstaendnis-von-eucharistie.

[3] Clemens Leonhard: Ostern doch noch verschieben?, in: feinschwarz.net. Theologisches Feuilleton, 30.03.2020, https://www.feinschwarz.net/ostern-doch-noch-verschieben/.

[4] Daniel Bogner: Diese Krise wird auch die Kirche verändern, in: katholisch.de, 26.03.2020, https://www.katholisch.de/artikel/24963-diese-krise-wird-auch-die-kirche-veraendern.

[5] Julia Knop: „Ein Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert“ – Julia Knop warnt vor kirchlichen Rückschritten angesichts Corona, in: Theologische Schlaglichter auf Corona, 26.03.2020, https://theologie-aktuell.uni-erfurt.de/warnung-vor-retrokatholizismus-knop/.

[6] Vgl. Johannes Loy: Winzige Gemeinde im Dom – dafür eine große im Netz, in: Westfälische Nachrichten, 20.03.2020, https://www.wn.de/Muensterland/4174192-Internet-Gottesdienste-Winzige-Gemeinde-im-Dom-dafuer-eine-grosse-im-Netz.

[7] Daniel Bogner: Ihr macht uns die Kirche kaputt … … doch wir lassen das nicht zu!, Freiburg i. Brsg. 2019.

[8] Christian Geyer: Jetzt ganz zeitgemäß. Die Messe ohne Volk, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 72 v. 25.03.2020, S. N 3.

[9] Wer mag kann auch dies via Internet in Gemeinschaft tun, etwa über den Livestream des Erzbischöflichen Priesterseminars Salzburg (t1p.de/priesterseminarsalzburg), über den täglich die Laudes und die Vesper „gestreamt“ werden.

[10] Kar- und Ostertage anders, bewusster erleben als sonst. Brief von Bischof Ulrich Neymeyr an die katholischen Christen in Vorbereitung auf Ostern (30.03.2020), in: https://www.bistum-erfurt.de/presse_archiv/nachrichtenarchiv/detail/kar_und_ostertage_anders_bewusster_erleben_als_sonst/.

[11] https://www.stcuthberts-durham.org.uk/archives/274.

 


Anmerkung der Redaktion

Der vorliegende Beitrag wurde als Leserbrief zum zitierten Beitrag von Clemens Leonhard (30.03.2020) vom Debattenportal „feinschwarz.net – Theologisches Feuilleton“ für eine Veröffentlichung abgelehnt. Früher stand ein Feuilleton einmal für den streitbaren Meinungskampf: Gekämpft wurde mit dem scharfen Schwert des freien Wortes um das bessere Argument. Und es gab Zeiten – aber es sind nicht die unsrigen – da übersetzte man Polemik noch mit Streitkunst – oder wie es die „Fliegenden Blätter“ einmal ausgedrückt haben: „Was ist Polemik? Eine öffentliche und moralische Balgerei zwischen zwei gebildeten Menschen, wobei statt Blut Tinte fließt.“ Aber ein solcher Streit hat in der Theologie gegenwärtig keine Heimat mehr. Auf Dauer bekommt dies einer Disziplin nicht. Streit belebt; alles schon von vornherein besser zu wissen, verödet die Debattenkultur. Es gibt „Banalitäten“, auch in der Kirche oder der Theologie. Dies ist nicht zu ändern. Darüber nicht reden zu wollen, schafft das Phänomen aber nicht aus der Welt. Über die Wertung könnte man sich dann immer noch streiten – ja, „könnte“, wenn es denn gewollt wäre. Bei „feinschwarz“ ist dies offenbar nicht der Fall, auch wenn es im Impressum heißt, man wolle „pluralen und pluralitätsfähigen Diskussionen“ Raum geben. Die Antwort der Redaktion erweckte den Eindruck, man wüsste schon im Voraus, welche Vorschläge „bedenkenswert“ seien – und welche besser gar nicht erst das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollten. Das könnte man auch als „Vor-Urteil“ bezeichnen, ist aber leider kein Einzelfall. Häufig ist innerhalb der theologischen Debatte zu beobachten, wie etikettiert, aber nicht mehr argumentiert und analysiert wird. Ein Feuilleton, das ohne Debatte und ohne Streitkultur auskommen will, ist intellektuell kalter Kaffee und verzichtbar. Ob etwas „bedenkenswert“ ist oder nicht (das gilt selbstverständlich auch für die Position des Verfassers dieser Zeilen) entscheidet sich erst in der offen geführten Debatte. Wir sollten uns wieder an das Wort Voltaires erinnern: „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, daß Sie sie äußern dürfen.“

Schlaglicht: Keine Enteignung der geistig Kreativen und wissenschaftlich Produktiven!

Keine Frage: In herausfordernden Zeiten wie diesen sind pragmatische und wirksame Lösungen gefragt. Dies gilt jetzt auch für die Schulen, da Lehrer ihre Schüler auf elektronischem Wege mit Materialien für das Selbstlernen zuhause versorgen müssen. Die F.A.Z. (Unterricht neu denken, Nr. 66, 18.03.2020, S. 9) berichtet, wie die Verlage darauf reagieren: Einige von ihnen setzen in dieser Notsituation Begrenzungen des Urheberschutzes außer Kraft.
Eines sollte aber klar bleiben: Das geistige Eigentum von Autoren ist nicht etwas, das man auf Dauer verschenken kann.
In derselben Ausgabe (Nr. 66, 18.03.2020, S. 4) mahnt Dorothee Bär, der Einsatz von „eLearning“ werde auch nach Ende der Krise gebraucht. Mag sein. Dies mag auch für einen weiteren Satz der CSU-Politikerin im Interview gelten: „Die Welt wird nach dieser Krise sicher eine andere sein.“ Doch eines darf sich nicht ändern: Wer Texte für das „eLearning“ nutzen will, muss die Urheber für die Nutzung ihrer Werke vergüten.
Die gegenwärtige Krise zwingt uns, wenn sie überwunden ist, viele politische Annahmen, die bisher unhinterfragt Geltung beanspruchten, auf den Prüfstand zu stellen. Das Urheberrecht gehört nicht dazu. Und es wäre ein falsches Signal, wenn Schüler jetzt den Eindruck bekämen, alles, was über das Internet kommt, sei kostenfrei zu haben. Wer den Urheberschutz schleift, enteignet die geistig Kreativen und wissenschaftlich Produktiven. Hinter deren Produkten steckt Leistung, die fair entlohnt werden muss.

Schlaglicht: Wenn der Rechtsstaat zerbröselt …

„Wie der Rechtsstaat ausgehöhlt wird“ – lautet „DIE WARNUNG“ Hans-Jürgen Papiers. Der Verfasser des gleichnamigen Buches hat dem Recht in hoher Funktion gedient. Immerhin war er einmal Präsident des Bundesverfassungsgerichts gewesen. Seine Warnung scheint alles andere als aus der Luft gegriffen – jedenfalls dann, wenn man genau hinschaut: Wer sich einen klaren Blick für die institutionelle Ordnung unseres Gemeinwesens bewahrt hat und sich diesen nicht von aktuellen politischen Aufgeregtheiten im Gewand postrealsozialistischer Antifarhetorik trüben lässt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus – wenn die Lage denn nicht so ernst wäre. In atemberaubender Geschwindigkeit gerät unser Rechtsstaat aus der Façon. Vielleicht wird er weniger ausgehöhlt. Vielleicht ist es eher so, dass der Rechtsstaat nach und nach zerbröselt – vor aller Augen, unter aktivem Zutun der bürgerlichen Mitte.

Die Vorgänge vor kurzem im Thüringer Landtag haben gezeigt, dass mittlerweile nicht nur kleine Ecken abgestoßen werden. Der Rechtsstaat zeigt ganze Abbruchkanten. Gespenstisch hätte früher das Bild einer Bundeskanzlerin angemutet, die vom fernen Pretoria aus dekretiert, dass die demokratische Wahl eines bürgerlichen Ministerpräsidenten durch ein Landesparlament „rückgängig gemacht“ werden muss. Das Machtwort wirkt. Der Amtsinhaber kapituliert unter dem politischen, medialen, gesellschaftlichen und auch gewalttätigen Druck der sogenannten „Zivil“-Gesellschaft.

Weniger prominent, aber nicht minder bezeichnend, ist ein Vorgang, der sich derzeit im Bistum Münster abspielt. Wie Generalvikar Klaus Winterkamp auf einer Tagung der Mitarbeitervertretungen angekündigt hat, werde das Bistum Münster künftig keine AfD-Mitglieder im leitenden Kirchendienst dulden. Ein aktueller Fall sei der Bistumsleitung derzeit nicht bekannt.  Wie die Alternative für Deutschland politisch zu bewerten ist, soll an dieser Stelle dahingestellt bleiben. Für das Bistum Münster betrieben zumindest Teile der Partei eine „demokratie- und menschenverachtende Politik“. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine andere Äußerung des Generalvikars, die etwa von der bistumseigenen Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ zitiert wird: „Ob meine Meinung zu dieser Frage vor einem Arbeitsgericht Bestand hat, weiß ich nicht. Ich spreche hier als Theologe, der auch für den Sendungsauftrag der Kirche steht.“ Einige Gegenfragen sollten kritische Mitarbeitervertreter, Journalisten oder Leser an dieser Stelle dann doch stellen: Gehören Rechtssicherheit und Rechtsschutz für kirchliche Mitarbeiter künftig nicht mehr zum Demokratie- und Menschenrechtsverständnis der Kirchenleitung? Steht der theologisch zu beurteilende Sendungsauftrag der Kirche künftig grundsätzlich über dem Recht oder außerhalb des Rechtsstaates? Wenn die Kirchenleitung dies künftig so sehen wollte, wäre über den Autonomieartikel der Weimarer Reichsverfassung noch einmal neu nachzudenken. Bisher leisten die Diözesanbischöfe vor Amtsantritt einen Eid auf die Verfassung und tragen damit Sorge, dass diese auch in ihrem Amtsbereich eingehalten wird. Man mag dies als Petitesse oder bloße Formalie abtun. Nein, diese Verpflichtung im Rahmen des Konkordatsrechts zählt zum wesentlichen Fundament jenes kooperativen Staats-Kirche-Verhältnisses, wie es für Deutschland typisch ist. Wo der Rechtsstaat ins Wanken gerät, werden über kurz oder lang auch die weitreichenden Beteiligungsrechte der Kirche innerhalb unseres Gemeinwesens ins Wanken geraten. Was der Münsteraner Generalvikar sich mit seiner Äußerung leistet, ist einmal mehr das, was man als Bärendienst bezeichnet.

 

Schlaglicht: Alle Wege führen nach Rom! … nur mit dem Flugzeug?

Entscheiden sich Schulen bei Klassenreisen für alternative Verkehrsmittel wie die Bahn rücken auch andere Zielorte in den Fokus: Statt nach Rom oder London geht es nach Köln oder München.

… heißt es angesichts der aktuellen Klimaproteste der „Fridays-for-Future-Bewegung“ in der aktuellen Ausgabe von „Erziehung und Wissenschaft“, der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Warum eigentlich? Es gab Zeiten, da fuhr man auf Studienreise mit dem Zug über den Brenner nach Rom. Der Verfasser erinnert sich noch daran – und auch an den „Lokalkolorit“, der damit verbunden war:  Da es in Italien mal wieder einen Streik gegeben hatte, traf der überfüllte Zug in München mit über dreistündiger Verspätung ein. Auch so kann man Europa kennenlernen – und nebenbei auf der Fahrt noch seinen achtzehnten Geburtstag feiern.

Statt unpolitischem „Lifestyle-Gehopse“ wäre vielleicht tatsächlich einmal über den eigenen Lebensstil nachzudenken. Nur wäre das unbequemer als ein freier Schultag – und möglicherweise mit tatsächlichen Veränderungen verbunden.