Vorankündigung: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Axel Bernd Kunze:

Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Mit einem Geleitwort von Bernd Ahrbeck

(Berlin: LIT 2022)

Pädagogische und religiöse Fragen hängen eng zusammen. Dieses Verhältnis bleibt auch für den weltanschaulich neutralen Staat bedeutsam. Denn zur Sorge um dessen Kontinuität gehört die Sorge um seine kulturelle Wurzeln. Diese sind politisch-geschichtlich gewachsen und religiös geprägt.

Der Band zeigt auf, welch bleibende Bedeutung Bildung und Religion auch in Zeiten gesellschaftlicher Pluralität für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kulturstaat besitzen. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe ein­setzen.

Axel Bernd Kunze ist Sozial- und Bildungsethiker. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft in Bonn und ist als Schulleiter tätig.

WEITERE INFORMATIONEN: https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Neuerscheinung: Die Schwarzburg, Heft 4/2021

Kurz vor dem Jahreswechsel ist die neue „Schwarzburg“ erschienen. Gern weise ich auf folgende Übernahmen aus eigener Feder hin:

Axel Bernd Kunze: Braucht es heute noch Bibliotheken?, in: Die Schwarzburg 130 (2021), Heft 4, S. 18 f. – der Beitrag ist online auch hier zu finden:

Für die Veröffentlichung in der „Schwarzburg“ wurde der vorstehende Beitrag mit einer Vorbemerkung der Redaktion versehen, welche auf die vielfach unterschätzte Bedeutung der Bibliotheken auf Verbindungshäusern hinweist.

Axel Bernd Kunze: Ethik des Politischen, in: Die Schwarzburg 130 (2021), Heft 4, S. 23 f. – der Beitrag ist auch in der Onlineausgabe der Akademischen Blätter erschienen:

https://aka-blaetter.de/ethik-des-politischen/

Ferner möchte ich auf einen interessanten Beitrag eines Bundesbruders aus meiner lb. Alemannia hinweisen: Helmut-Eberhard Paulus beschäftigt sich mit dem Bestreben, die reiche, der Vielfalt der thüringischen Kleinstaaten geschuldeten Residenzenlandschaft in Mitteldeutschland zum Weltkulturerbe zu erklären:

Helmut-Eberhard Paulus: Ein sichtliches Beispiel der strukturgestaltenden Kraft bewahrten Rechts: Das Kulturerbe der Residenzenlandschaft Thüringen soll Weltkulturerbe werden. Zeugnis der Legitimation von Herrschaft durch kulturelle Leistung, in: Die Schwarzburg 130 (2021), Heft 4, S. 25 – 27.

Einen Einblick in die Bemühungen, das Erbe von Schloss Schwarzburg zu erhalten (das allerdings auch bei Erfolg der Initiative nicht zum Weltkulturerbe zählen würde, da dieses keine bis 1918 durchgängig genutzte Hauptresidenz war), zeigt ein Video auf Yotube, das durch die Schaubaustelle führt:

https://www.thueringerschloesser.de/objekt/schloss-schwarzburg/

Buchankündigung: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Axel Bernd Kunze:

Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates.

Mit einem Geleitwort von Bernd Ahrbeck.

LIT-Verlag, ISBN: 978-3-643-15081-3 Reihe: Zeitdiagnosen , Bd. 60

Weitere Informationen: https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Rezension: socialnet-Lexikon

Martin Frenkler rezensiert in der aktuellen Ausgabe der „Schwarzburg“ (130. Jg., H. 2, S. 32 f.) die beiden Onlinelexika WiBiLex und socialnet-Lexikon, insbesondere dessen neuen Artikel zur „Religiösen Bildung“ (verfasst von Axel Bernd Kunze, 22. Februar 2021) – unter dem bezeichnenden Titel: „Besser als Wikipedia“.

Schriftenverzeichnis aktualisiert

Über das Wissenschaftsportal Academie erhalten Sie Zugriff auf ein aktualisiertes, vollständiges Schriftenverzeichnis (Stand: 8. Mai 2021):

Axel Bernd Kunze: Thematisch geordnetes Schriftenverzeichnis, Waiblingen (Rems) 2021.

Schlaglicht: Politische Überwältigung im Namen der Vielfalt …

Die Lichtfeier (Luzernarium) besitzt eine lange Tradition innerhalb der Liturgie; am feierlichsten findet diese innerhalb der römischen Liturgie zu Beginn der Osternachtfeier statt. Seit mittlerweile fünfundzwanzig Jahren holen Pfadfinder vor Weihnachten das sogenannte „Friedenslicht“ aus der Geburtsgrotte in Bethlehem nach Deutschland. In vielen Gemeinden wurde dieses am Ende der Adventszeit im Rahmen einer Lichtfeier ausgeteilt – so auch in jener Gemeinde, in der ich am vierten Advent die Vorabendmesse mitgefeiert habe.
Von einer Lichtfeier möchte ich in diesem Fall aber gar nicht sprechen. Was an diesem Samstagabend geboten wurde, war eine politische Überwältigung der Gottesdienstgemeinde. Ich fühlte mich auf den Parteitag irgendeiner politischen Gruppierung am äußerst linken Rand versetzt. Ich möchte hier nicht das pfadfinderische Engagement schmälern, das innerhalb der DPSG geleistet wird – ich bin selbst aktiver Pfadfinder gewesen und diesem Ideal heute noch verbunden. Allerdings ist mir die parteipolitisch einseitige Parteinahme des jungendpastoralen Dachverbandes BDJK, bis hin zur Übernahme linksradikaler Forderungen, schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Was an diesem Abend dann auch geschah, war ein Missbrauch der Liturgie für politische Indoktrination und Manipulation. Dass man über bestimmte Fragen unter Demokraten auch anderer Auffassung sein kann, schien den Verantwortlichen gar nicht in den Sinn zu kommen. In einer PowerPoint-Präsentation wurden der Gemeinde „gute Nachrichten“ vorgestellt, die allesamt – so die DPSG-Vertreterin – im vergangenen Jahr in den Medien unterdrückt worden seien. Nur zwei Beispiele: Das eine Mal ging es um Flüchtlinge, die bei Siemens Arbeit gefunden haben, das andere Mal um einen SPD-Abgeordneten, der einem AfD-Kollegen als Ersthelfer das Leben rettete. Hier fühlte ich mich als Gottesdienstteilnehmer mehr als für dumm verkauft: Alle genannten Nachrichten waren aus Medienberichten des zu Ende gegangenen Jahres bereits mehr als bekannt. Von manipulativer Berichterstattung konnte hier nicht die Rede sein. Dies traf eher auf die Einführung des Friedenslichtes zu: Auf manipulative Weise wurden am Ende der Messe so unterschiedliche Themen wie der Umgang mit der aktuellen Migrationskrise, Fragen innerer wie äußerer Sicherheit oder die Forderung nach einer inklusiven Einheitsschule für alle umstandslos durch einen undifferenzierten Egalitarisus miteinander verbunden und als „christlich alternativlos“ in den Raum gestellt.
Die Liturgie verkommt zur Spielwiese eines sich fortschrittlich dünkenden Milieus, das keine Hemmungen hat, alles, was politisch missliebig ist, auszugrenzen und abzukanzeln. Ich nenne das borniert. Es war zwar viel von „Vielfalt“ und „Toleranz“ die Rede, doch scheinen diese nur für solche Positionen zu gelten, die einem linksliberalen bis linken Mainstream folgen. Wer davon abweicht, wird mundtot gemacht – auch im Gottesdienst. Befähigung zu demokratischer Mitbestimmung scheint in der kirchlichen Jugendarbeit heute zu bedeuten, sich für eine Gleichschaltung der öffentlichen und innerkirchlichen Debatte einzusetzen.
Wenn wir den unnachahmlichen Satz des Neuen Testaments „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ ernstnehmen, dann richtet sich dieser nicht allein gegen einen Staat, der sich absolut setzt. Der Satz warnt auch die Kirche vor allzu viel politischer Selbstgewissheit in vorletzten Fragen. Das Evangelium ist politisch relevant, aber nicht parteipolitisch. Aus dem Evangelium ergibt sich noch kein umfassendes göttliches Gesetz. Vielmehr sind Christen aufgerufen, sich in gläubiger Verantwortung in die politische Gestaltung unserer Welt einzubringen. Die konkreten Antworten auf die jeweiligen Herausforderungen der Zeit formen sich dabei im politischen Diskurs. Dabei können wir unter Christen auch zu unterschiedlichen politischen Antworten kommen, über die politisch – durchaus mitunter heftig – gestritten werden muss. Dies müssen wir in der christlichen Gemeinde aushalten. Das „Friedenslicht“ steht heute offenbar für eine Politik, die sich keine Gedanken mehr macht, wie unser staatliches Zusammenleben auf Dauer erhalten, die territoriale Integrität des Staates gesichert und die Identität des eigenen Volkes bewahrt werden kann. Politik aus christlicher Verantwortung sieht für mich anders aus – und darüber lasse ich gern mit mir streiten. Dies war aber an jenem letzten Adventssamstag nicht möglich.
Der Gottesdienst darf nicht zur Bühne für parteipolitische Übergriffe verkommen. Wenn ein kirchlicher Verband eine solche Grenzverletzung nicht ausschließen will, gehört das „Friedenslicht“ im neuen Jahr nicht mehr in eine Messfeier.
Es bedarf immer wieder neuer Anstrengung, ein stabiles, befriedetes und leistungsfähiges Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Die Verantwortung, welche die Kirche für ein gelingendes staatliches Zusammenleben trägt, ist nicht gering. Gegenwärtig wird sie dieser Verantwortung in unserem Land nicht gerecht. Viele Akteure in Kirche und Theologie scheinen aber die große Tradition katholischen Staatsdenkens vergessen zu haben.

Rezension: Integrationsfaktor Religion

Axel Bernd Kunze bespricht in der neuen Ausgabe der internationalen Zeitschrift für Christliche Sozialethik, AMOSinternational, den Band Integrationspotenziale von Religion und Zivilgesellschaft. Theoretische und empirische Befunde von Edmund Arens, Martin Baumann und Antonius Liedhegener (Zürich: Pano; Baden-Baden: Nomos 2016, 184 Seiten).

Die Rezension (AMOSinternational, 11. Jg., H. 2/2017, S. 47 f.) ist auch online verfügbar:

http://www.kommende-dortmund.de/kommende_dortmund/6-Ver%F6ffentlichungen/71-AMOSint./868,Heft-2-2017-Europa-und-Afrika-%96-Partnerschaft-auf-Augenh%F6he.html

 

Neuerscheinung: Interkulturelle Bildung

Themenheft 1/2017 (35. Jahrgang) der Zeitschrift „Engagement“ widmet sich dem Thema Interkulturelle Bildung.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  1. Engagement Global gGmbH (Hg.): Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Ein Beitrag zum Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, o. O. (Berlin) 2016 (Rez.: Axel B. Kunze).
  2. Doris Streber: Grundwissen Lehrerbildung: Umgang mit Heterogenität. Praxisorientierung, Fallbeispiele, Reflexionsaufgaben, Berlin 2015 (Rez: Matthias Bär).
  3. Sabine Digel, Josef Schrader (Hgg.): Diagnostizieren und Handeln von Lehrkräften – Lernen aus Videofällen in Hochschulen und Erwachsenenbildung, Bielefeld 2013 (Rez.: Gottfried Kleinschmidt).
  4. Oliver Decker u. a. (Hg.): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Die Leipziger „Mitte“-Studie 2016, Gießen 2016 (Rez.: Karsten Lenz).
  5. Fritz Reheis: Politische Bildung. Eine kritische Einführung, Wiesbaden 2014 (Rez.: Axel B. Kunze).
  6. Anna Sieben u. a. (Hgg.): Menschen machen. Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme, Bielefeld 2012 (Rez.: Joachim Fischer).
  7. Thomas Mikhail (2016): Pädagogisch handeln. Theorie für die Praxis, Paderborn 2016 (Rez.: Julian Daubaris).
  8. Kisten Boie, Jan Birck: Bestimmt wird alles gut, Leipzig 2016; Susanne Böse, Bettina Reich: So bunt ist meine Welt, München 2/2016 (Rez.: Rosemarie Griebel-Kruip).
  9. Esther Ehrlich: Nest, Hamburg 2016 (Rez.: Astrid Frey).
  10. Carla Maria de Almeida: Burder Wolf, Frankfurt a. M. 2016 (Rez.: Astrid Frey).

Die Migrationskrise – Zerreißprobe für die Christliche Sozialethik?

„Zerreißprobe Flüchtlingsintegration“ (Freiburg i. Brsg. 2017) lautet ein sozialethischer Titel, der zu Jahresbeginn erschienen ist. Diese „Zerreißprobe“ zeigt sich auch in der Disziplin selbst. Exemplarisch für diese Einschätzung steht die 34. gemeinsame Medientagung des Cartellverbands Katholischer Deutscher Studentenverbindungen (CV) und der Hanns-Seidel-Stiftung im fränkischen Kloster Banz. Der Staatsrechtslehrer Josef Isensee, Verfasser des Staatsartikels im Handbuch der Katholischen Soziallehre (Berlin 2008), nannte im Rahmen dieser Tagung die weitreichende, einseitige Grenzöffnung Deutschlands im Sommer 2015 einen „humanistischen Staatsstreich“. In einem „Rausch der Moral“ habe man auf jede rechtliche und gesetzliche Grundlage verzichtet. Gänzlich anders hingegen argumentierte im selben Rahmen der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick: Die weitreichende Flüchtlingsaufnahme sei ein „Gebot christlicher Nächstenliebe“ gewesen. Die Bundeskanzlerin habe im Sommer und Herbst 2015 gar nicht anders handeln können. Deutlicher könnten die unterschiedlichen Einschätzungen innerhalb der sozialethischen Debatte nicht zu Tage treten.

Differenzierung oder Vereindeutigung?

Ein neues Diskussionspapier mit dem Titel „Europa und Migration“ aus der Reihe „Kirche und Gesellschaft“ (Nr. 438, Köln 2017), der sog. „Grünen Reihe“ der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, identifiziert die Fronten innerhalb der sozialethischen Integrationsdebatte als „partikularistische“ und „universalistische Vereindeutigungen“: Der Anspruch gemeinwohlverpflichteter Politik werde auf die nationale Ebene begrenzt, politische Ethik auf Staatsethik reduziert, menschenrechtliche (Schutz-)Ansprüche würden auf Bürgerrechte zurückgefahren – so wird die Debatte zusammengefasst. Ferner kritisiert das Papier ein Spiel „populistischer Kräfte mit der Angst der Menschen“ sowie europäische Solidaritätsappelle ohne hinreichende gesellschaftliche Fundierung.

Eingefordert wird eine gesellschaftliche Debatte über die gegenseitigen Erwartungen und wechselseitigen Verpflichtungen, die sich aus der Migrations- und Flüchtlingskrise ergeben. Doch fällt auf, dass die Sozialethik, die sonst gern den hohen Wert von Partizipation, Beteiligungsgerechtigkeit und demokratischer Mitsprache beschwört, in diesem Fall scheinbar mehrheitlich kein Problem mit einer Selbstermächtigung des Kanzleramtes hat. Bis heute ist über die weitgehende Grenzöffnung nicht parlamentarisch entschieden worden.

Staat und Nation sind zum blinden Fleck der Sozialethik geworden. Der Jubiläumskatholikentag von Leipzig hat nationalkonservative und -liberale Positionen von vornherein aus dem gemeinsamen Gespräch wortwörtlich ausgeladen und das kirchlich geduldete Gesprächsspektrum so erheblich eingeschränkt. Der Vorsitzende des gastgebenden Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, erklärte im selben Jahr im Rahmen der Görres-Gesellschaft die Ausbildung von Nationalstaaten zum historischen Problemfall und forderte eine Rückbesinnung auf nationalstaatskritische Positionen des neunzehnten Jahrhunderts, beispielhaft nannte er dabei Novalis oder Joseph Goerres.

Die gegenwärtige Staatsvergessenheit der Christlichen Sozialethik zeigte sich auch auf der Pressekonferenz des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nach der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe. Kardinal Marx erweckte dabei eher den Eindruck eines Regierungssprechers als eines Oberhirten. Positionen, die vom linksliberalen Mainstream abweichen, wurden in seinem Pressestatement recht holzschnittartig abqualifiziert. Wer auf die notwendigen nationalen Grundlagen unseres Verfassungs-, Rechts- und Kulturstaates verweist, muss sich vorwerfen lassen, nationale Interessen „einseitig“ zu betonen oder einem „nationalistischen Kulturverständnis“ das Wort zu reden. Abweichende politische Meinungen geraten zur Karikatur, wenn im Statement des Kardinals von politisch einseitigen Antworten die Rede ist, die „auf Abschottung und Rückkehr in längst vergangene Zeiten“ vemeintlicher Sicherheit hinauslaufen. Eine notwendige Abwägung zwischen berechtigten Sicherheitsinteressen und humanitären Verpflichtungen, zwischen den Anforderungen staatlicher Leistungsfähigkeit und globaler Solidarität findet hier nicht statt. Etikettierung ersetzt das Argument, das Tabu dominiert über eine vorurteilsfreie Diskussion.

In der sozialethischen Debattte wird gern ein Mehr an Differenzierung eingefordert. Nicht zuletzt wird diese Erwartung gegenüber jenen geäußert, die ein stärkeres Gewicht staatsrechtlicher und staatsethischer Argumente in der Migrations- und Integrationsdebatte anmahnen. Pikanterweise verfallen solche Appelle leicht selbst in binäre Zuschreibungen, etwa wenn im einleitend genannten Diskussionspapier „Verantwortungsethik“ einfach mit „Realpolitik“ gleichgesetzt wird. Positionen, die davor warnen, die staatsrechtlichen Grundlagen unseres Gemeinwesens nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, werden fast in die Nähe zur Pathologie gerückt.

Allerdings sind Differenzierungen kein Selbstzweck. Umgekehrt können gerade notwendige Vereindeutigungen eine wichtige kognitive und intellektuelle Leistung darstellen. Angesichts einer schleichenden Umdefinition des Staatsvolkes (Merkel am 25. Februar 2017 in Stralsund: „Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt.“) wäre gerade mehr Eindeutigkeit gegenüber unserer Verfassung wünschenswert. Denn geraten die Grundlagen des Staates erst einmal ins Rutschen und brechen kulturelle Konflikte gewaltsam auf, steht viel auf dem Spiel. Rhetorische Beschwichtigungen gegenüber jenen, die einen realen Kontrollverlust des Staates und dessen rechtliche, ökonomische oder kulturelle Überforderung befürchten, werden dann nicht mehr ausreichen. Heute können solche Stimmen an den Rand der öffentlichen Debatte gedrängt werden, obschon die Migrationskrise noch keineswegs beendet ist. Durch verstärkten Familiennachzug, sich vergrößernde Flüchtlingsströme aus Afrika oder weitere Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten könnten sich schnell neue Konflikte größeren Ausmaßes ergeben.

Sozialethik in der Sackgasse?

Daniel Deckers hat in einem Leitartikel der F.A.Z. vom 21. März 2017 darauf hingewiesen, dass die Kirchen in der gegenwärtigen Migrationskrise notwendige Debatten eher verhindert als zur Entwicklung politischer Lösungen beigetragen hätten: Die Bischöfe wüssten nur, „was nicht gehe: Grenzkontrollen, Abschiebungen, sichere Herkunftsländer, humanitäre Korridore. Ebenso zuverlässig werden das Gefühl des Heimatverlustes und die politisch-sozialen wie kulturell-religiösen Konfliktpotentiale einer Einwanderungsgesellschaft kleingeredet, wenn sie nicht gar geleugnet werden.“ Wenn bestimmte Fragen jedoch nicht zugelassen werden, besteht die Gefahr, dass sich diese einmal eruptiv entladen.

Nicht zuletzt sollten wir wieder zu einem realistischen Umgang mit Grenzen zurückfinden. Grenzen zu ziehen und mit diesen verantwortlich umzugehen, ist eine wichtige Kulturleistung, die der Mensch entwickelt hat. Grenzen schützen, stiften Identität und bewahren gerade kulturelle und sprachliche Vielfalt. Niemand würde auf die Idee kommen, sein Haus oder seine Wohnung nicht abzugrenzen. Ein Staat, der seine äußeren Grenzen nicht mehr zu schützen gewillt ist, verschiebt das Problem nach innen: Private Sicherheitsmaßnahmen, vermehrte Kontrollen und damit verbundene Eingriffe in die Privatsphäre im innerstaatlichen Zusammenleben sind die Folge. Schon der Volksmund weiß: Allein die Dummheit ist grenzenlos.

Kirchen und Sozialethik sollten sich als verantwortliche Gesprächspartner in die aktuellen Debatten um unser Staats- und Gesellschaftsverständnis einbringen – keine Frage. Doch steckt die Debatte momentan in der Sackgasse, hier ist dem neuen Diskussionspapier aus der Grünen Reihe zuzustimmen. Aus dieser Sackgasse herauszukommen, setzt voraus, das Selbstverständnis gegnerischer Positionen sachlich, fair und unvoreingenommen wahrzunehmen.

Wer den Nationalstaat nicht als „Problemfall der Geschichte“ verabschieden will, sondern diesen auch weiterhin als verlässliche Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens sowie als Garant innerer wie äußerer Sicherheit ansieht, leugnet damit nicht zwangsläufig die besonderen Herausforderungen einer globalisierten Welt. Wer ein stärkeres Gewicht staatsethischer und staatsphilosophischer Argumente in der Migrationsdebatte einfordert sowie Respekt vor der bestehenden Verfassungslage anmahnt, reduziert politische Ethik nicht zwangsläufig auf Staatsethik. Vielmehr würde eine poltische Ethik ohne Bezug auf Staat und Nation der herrschenden Verfassungswirklichkeit nicht gerecht. Denn ohne den Souverän, das Staatsvolk, gebe es auch kein Grundgesetz. Wer die Kreierung eines neuartigen „Rechts auf ein besseres Leben“, das letztlich gar nicht justiziabel wäre, kritisiert, reduziert damit noch lange nicht die Menschen- auf Bürgerrechte. Es gibt berechtigte, unabweisbare humanitäre Schutzansprüche. Diese zu gewährleisten, setzt aber gerade einen handlungsfähigen Staat, den Schutz der inneren wie äußeren Sicherheit, die Bindung an Recht und Verfassung sowie eine geordnete Asyl- und Einwanderungspolitik voraus. Wer vor einem überzogenen Moralismus in der gegenwärtigen Migrationsdebatte warnt, reduziert Ethik nicht einfach auf „Realpolitik“.

Auswege aus der Sackgasse

Will die Sozialethik aus ihrer Sackgasse herauskommen, muss die Disziplin zwei grundsätzliche Fragen beantworten – jenseits einer mitunter äußerst emotional aufgeheizten Tagespolitik.

Zum einen: Welcher Stellenwert soll Staat und Nation sozialethisch weiterhin zukommen? Die Nation ist mehr als eine Wärmestube für verunsicherte Ewiggestrige. Auch wer mehr suprastaatliche Kooperationen einfordert, geht dabei weiterhin von souveränen Staaten aus, die zusammenarbeiten und gemeinsam nach Lösungen suchen. Verantwortung muss konkret werden. Sie muss ausgehandelt, organisiert und abgesichert werden. Wirksame Verantwortung wurzelt in den konkreten Beziehungen einer Schicksals- und Solidargemeinschaft, die sich in die Pflicht nehmen lässt. Und dies wird, wie die Migrationskrise deutlich gezeigt hat, weiterhin die Nation bleiben.

Die Europäische Union ist ein Bund von Staaten mit eigenen Interessen auf gemeinsamer Wertgrundlage – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein solcher Zusammenschluss kann helfen, den Herausforderungen einer globaler gewordenen Welt, stärker gerecht zu werden und internationale Aufgaben besser zu bewältigen. Für die demokratische Willensbildung und Entscheidungsfindung eignen sich suprastaatliche Zusammenschlüsse aber nur begrenzt, schon allein wegen sprachlicher Barrieren und fehlender identitätsstiftender Elemente. Wer immer mehr Entscheidungen in suprastaatliche Institutionen auslagert, stärkt technokratische Strukturen und schwächt die demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger. Solidarität und Verantwortung entstehen nicht allein durch rationale Zustimmung, wie es beispielsweise mit dem Konzept eines Verfassungspatriotismus versucht wird. Solidarität und Verantwortung bleiben nur dann lebendig, wenn deren emotionale Seite nicht unterschlagen wird.

Allein rechtlich und politisch handlungsfähige Staaten, die nicht chronisch überfordert sind, die nicht erpressbar sind, nicht von inneren kulturellen Konflikten zerrieben werden und die das Vertrauen der eigenen Bevölkerung genießen, bleiben berechenbar. Nur solche Staaten werden auf Dauer mit anderen friedlich zusammenleben können. Die Debatte um globale Abhängigkeiten und internationale Solidaritätspflichten darf nicht dazu führen, einen fairen Diskurs über die künftige Rolle des Staates in Europa zu unterdrücken.

Zum abendländischen Erbe gehört nicht zuletzt die Trennung von Politik und Religion bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten. Dies verbietet sowohl politische Heilslehren als auch voreilige politische Gewissheiten von Seiten der Kirche. Wenn Christen sich politisch zu Wort melden, muss dies sachkundig geschehen. Innerhalb des demokratischen Spektrums links wie rechts der Mitte werden Christen in politischen Sachfragen aber auch zu unterschiedlichen Antworten finden können. Dies bleibt innerkirchlich auszuhalten. Wer den politischen Streit über die künftige Rolle des Staates, den Umgang mit Zuwanderung oder das angemessene Verständnis von Integration gerade mit sozialethischen Argumenten unterbindet, funktionalisiert entweder die Religion für (partei-)politische Zwecke oder dogmatisiert ohne Not staatspolitische Kontroversen – am Ende könnten sowohl die Interessen der eigenen Bevölkerung wie auch derjenigen, die dringend auf Schutz und Asyl angewiesen sind, auf der Strecke bleiben.

Zum anderen: Welcher Stellenwert kommt den Menschenrechten sozialethisch zu und wie lassen sich diese begründen? Die Menschenrechte sind kein beständig auszuweitendes Instrument permanenter Gesellschaftsreform – dies würde sie unnötig politisieren. Sie schützen fundamentale Freiheitsansprüche des Einzelnen, die um der Menschenwürde willen nicht angetastet werden dürfen. Sie sind vorstaatliches Recht, bleiben aber auf einen handlungsfähigen Staat angewiesen, der sie garantiert und wirksam durchsetzt.

Viele Stimmen der zeitgenössischen Sozialethik verhalten sich an dieser Stelle indifferent: Auf der einen Seite wird darauf verwiesen, dass die Handlungsmacht des Staates in einer globalisierten Welt nicht überschätzt werden dürfe. Auf der anderen Seite erwartet man aber gerade vom Staat ungeheure Integrations-, Sozial- und Transferleistungen. Diese Widersprüche kennzeichnen letztlich auch die Vorschläge am Ende des genannten Diskussionspapieres „Europa und Migration“. Formuliert werden diese in Form von drei Vorrangregeln: (1.) Gleiche Würde aller Menschen und menschenrechtliche Anerkennung genießen Vorrang vor allen Differenzen. (2.) Die Person hat Vorrang vor jeder gesellschaftlichen Institution. (3.) Das Gemeinwohl hat Vorrang vor partikularen Interessen.

Die Menschenrechte schützen die gleiche Würde aller, ermöglichen aber als Freiheitsrechte gerade Differenzierung – auch in kultureller Hinsicht. Verfehlt wäre es, einen Gegensatz zwischen Menschenrechten sowie freiheitlichem Rechts- und Verfassungsstaat aufbauen zu wollen. Gerade die Mannigfaltigkeit der Staatenwelt, wenngleich sie auch Auslöser zwischenstaatlicher Konflikte sein kann, ermöglicht die Entfaltung kollektiver Zugehörigkeit und kultureller Eigenart und garantiert damit Individualität und Freiheit.

Und noch etwas fällt auf: Auf der einen Seite wird ein Vorrang der Person vor jeder gesellschaftlichen Institution behauptet, auf der anderen Seite aber auch ein Vorrang des Gemeinwohls – ein Widerspruch? Freiheit im gemeinsamen Zusammleben lebt nicht vom Entweder-oder, sondern von polaren Grundspannungen, die im freiheitlichen Gemeinwesen nicht in die eine oder andere Richtung aufgelöst werden dürfen. Vielmehr bedarf es eines vermittelnden Bindegliedes: Die staatliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit bleibt als jener Ort wichtig, an dem die notwendige Vermittlung zwischen individual- und gemeinwohlbezogenen Interessen geschieht. Suprastaatliche Verbünde können dies nicht leisten. Die Sozialethik täte gut daran, die Rolle des Staates nicht unbedacht kleinzureden oder gar zu beschädigen.

Verwendete Literatur

Daniel Deckers: Rote Blitze, rote Linien, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21. März 2017, S. 1.

Jürgen Fuchs, Wolfgang Braun, Christoph Dicke: Humanistischer Staatsstreich oder Gebot christlicher Nächstenliebe?, in: Academia 110 (2017), H. 1, S. 34 – 36.

Marianne Heimbach-Steins: Europa und Migration. Sozialethische Denkanstöße (Kirche und Gesellschaft; 438), Köln 2017.

Dies. (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg. 2017.

Josef Isensee: Staat, in: Anton Rauscher (Hg.): Handbuch der Katholischen Soziallehre, Berlin 2008, S. 741 – 774.

Walter Lesch: Kein Recht auf ein besseres Leben? Christlich-ethische Orientierung in der Flüchtlingspolitik, Freiburg i. Brsg. 2016.

Pressebericht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, anlässlich der Pressekonferenz zum Abschluss der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 9. März 2017 in Bensberg (Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz v. 9. März 2017).

Thomas Sternberg: Europa – eine christliche Vision?, in: http://www.goerres-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/Ordner_mit_Dateien_von_alter_Seite/files/STE-000_0.mp3 [Audiodatei].

Neuerscheinung: Wissenschaftler antworten auf die erste päpstliche Umweltenzyklika

Wolfgang George (Hg.): Laudato si´. Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus (Gießen 2017).


INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT STELLT ARGUMENTE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN AUF DEN PRÜFSTAND UND ERÖFFNET DISKURS AUS VERSCHIEDENEN PERSPEKTIVEN

Aus der Presseinformation der TransMIT GmbH:
„Gießen, 20. Januar 2017 – Angesichts der Herausforderungen unserer Gegenwart erschien im Jahr 2015 eine der in jüngster Zeit wirkungsmächtigsten Schriften zur aktuellen Weltsituation. In der nun im Psychosozial-Verlag veröffentlichten Publikation „Laudato Si‘ – Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus“ prüfen 25 Wissenschaftler unterschiedlichster Herkunft, Fachdisziplin und Expertise erstmals die päpstliche Schrift Laudato Si‘ auf deren wissenschaftliche und pragmatische Evidenz. Herausgeber des Buches ist der Gießener Psychologe und Leiter des TransMIT-Projektbereichs für Versorgungsforschung, Wolfgang George. Ein Blick in die internationalen Medien zeigt, dass die weltweite Resonanz auf die in der zweiten Enzyklika „Laudato-Si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ verhandelten Themen bis heute ungebrochen ist. Wie von Papst Franziskus angestrebt, wird dessen Schrift auch außerhalb der Welt katholischer Christen wahrgenommen und mitunter lebhaft besprochen. Vor diesem Hintergrund prüfen 20 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen im vorliegenden Buch den Text von Papst Franziskus auf dessen wissenschaftliche Berechtigung. Weitere 5 NGO-Vertreter (Greenpeace, GermanWatch, Deutscher Nachhaltigkeitsrat, Misereor, Umweltbundesamt) analysieren und ergänzen die Aussagen der Enzyklika entlang ihrer zumeist auch internationalen Erfahrung. […]
Ziel des Projektes ist es, die Inhalte und aufgebrachten Diskussionslagen der Enzyklika nicht nur wissenschaftlich zu bewerten, sondern da wo möglich differenziert und zugleich lösungssuchend weiterzuführen. Ein Beispiel für den Anspruch des Buches, die sich aufgrund des Enzyklikatextes ergebenden Lösungsansätze aufzunehmen, ist das Kapitel „Nachhaltige regionale Transformation und räumliche Gerechtigkeit“ des Ökonomen und Regionalwissenschaftlers Ulf Hahne. Er macht erkennbar, wie der in der Enzyklika formulierte Lösungsweg einer nachhaltiger Regionalentwicklung auch praktisch gelingen könnte, wie durch kleinräumliche Lösungen eine auch ethisch gerechte Transformation von Regionen und Städten vollzogen werden könnte. […] Das Projekt will nicht zuletzt zu einer Bewusstseins-, Wissens- bzw. Verhaltensbildung des Lesers beitragen. Hierzu wird in den Kapiteln, in welchen dies möglich ist, ein Transfer der in der Enzyklika formulierten Bilanz- und Ausblickpositionen aufgezeigt. Dabei wendet sich das Buch nicht nur an Wissenschaftler, die an einem aus ihrer Fachdisziplin begründenden unabhängigen und zugleich werteorientierten Erkenntnisprozess sowie einer Auseinandersetzung zu den Inhalten der Enzyklika Laudato Si´ aus ganz unterschiedlicher Perspektive interessiert sind, sondern an alle Leser, die Aufklärung, Fortschritt, Zivilisation und Humanismus auch im 21. Jahrhundert als schützenswerte gesellschaftliche und individuelle Zielorientierungen betrachten.“

Weitere Informationen: http://www.laudato-si.info