Gemeinsame Erklärung: Erstes Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz

Derzeit wird im politischen Berlin über das Erste Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz verhandelt. Die Veränderungen können mit dem Schlagwort „Von der Professionalität zur Funktionalität“ zusammengefassst werden: „Mit dem Regierungsentwurf zum Ersten Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz (1. KJHSRG) soll das ‚aufgabenspezifische Kompetenzerfordernis‘ gestärkt werden. Personelle Anforderungen sollen stärker nach Aufgaben und Funktionen bestimmt werden. In der Begründung heißt es: ‚Je anspruchsvoller die betreffenden Aufgaben, umso höhere Anforderungen sind an die jeweilige Qualifikation des hierfür zuständigen Personals zu stellen und umgekehrt‘ (BT-Drs. 21/8274 vom 30.09.2026, S. 36).“ Auf Initiative der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) haben sich Akteure, die für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ausbilden, mit einer gemeinsamen Erklärung zu den geplanten Veränderungen geäußert: derzeit wird im politischen Berlin über das Erste Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz verhandelt. Es steht zu erwarten, dass der Gesetzentwurf in Kürze in erster Lesung beschlossen werden wird, auch wenn von verschiedenen Seiten Kritik geäußert wurde. Das Gesetzesvorhaben steht im Zusammenhang mit dem politischen Ziel, SGB VIII und SGB IX im Rahmen der inklusiven Kinder- und Jugenhilferechtsreform enger zusammenzubinden. Die Veränderungen können mit dem Schlagwort „Von der Professionalität zur Funktionalität“ zusammengefassst werden: „Mit dem Regierungsentwurf zum Ersten Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz (1. KJHSRG) soll das ‚aufgabenspezifische Kompetenzerfordernis‘ gestärkt werden. Personelle Anforderungen sollen stärker nach Aufgaben und Funktionen bestimmt werden. In der Begründung heißt es: ‚Je anspruchsvoller die betreffenden Aufgaben, umso höhere Anforderungen sind an die jeweilige Qualifikation des hierfür zuständigen Personals zu stellen und umgekehrt‘ (BT-Drs. 21/8274 vom 30.09.2026, S. 36).“ Gern weise ich auf eine gemeinsame Erklärung hin, die auf Initiative der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft entstanden ist; auch der Bundesverband evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik gehört zu den Unterzeichnern: Wirksame Kinder- und Jugendhilfe ist mehr als die Summe von Funktionen – keine Arbeit nach Tätigkeitsbausteinen!

https://cms-s3.verdi.de/drupal/public/2026-11/Gemeinsame%20Erkl%C3%A4rung%20zum%201.%20KJHSRG.pdf?VersionId=6efd30eb-3b1b-4930-b252-ea96ec193a49

Rezensionen in der „Schwarzburg“ 2/2026

„Die Schwarzburg“ – die Verbandszeitschrift des Schwarzburgbundes – weist in ihrer Rezensionsabteilung auf folgende Veröffentlichungen hin (135. Jahrgang, Heft 2/2026, S. 47):

Axel Bernd Kunze: Erziehen als Beruf – zwischen Betreuung und Bildung. Überlegungen aus der Perspektive sozialpädagogischer Fachschulen, in: Thomas Böhme/Jens Dechow/Andreas Sander (Hgg.): Die Zukunft evangelischer Kitas gestalten. Impulse zum aktuellen Bildungsbericht „Evangelische Tageseinrichtungen für Kinder“ (Evangelische Bildungsberichterstattung; 7), Münster (Westf.)/New York: Waxmann 2026, S. 207 – 224; auch als E-Book: doi: https://doi.org/10.31244/9783818850975.

Jan Dochhorn (Hg.): Bamberger Sondierungen zur Metaphysik. Erste Folge (Philosophie interdisziplinär; 60), Regensburg: S. Roderer 2026.

Jahresfest der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft: 170 Jahre Geschichte und Gemeinschaft

Die Stiftung Großheppacher Schwesternschaft feiert am Sonntag, 18. Oktober, ihr Jahresfest und zugleich das 170-jährige Bestehen der Einrichtung. Besucherinnen und Besucher erwartet ein abwechslungsreiches Programm mit Gottesdienst, Ausstellungen, Begegnungen und Angeboten für die ganze Familie. Der Festtag beginnt um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Stiftskirche in Weinstadt-Beutelsbach. Die Predigt hält Dekanin Dr. Juliane Baur. Es spielt der Posaunenchor Beutelsbach.

Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Stiftung herzlich zum Sektempfang und Mittagessen ins Mutterhaus, Oberlinstraße 4, ein. Kaffee und selbstgebackene Kuchen werden ab ca. 14 Uhr im Speisesaal sowie im Nostalgie-Café der Tagespflege angeboten.

Informations- und Mitmachangebote geben Einblicke in die Arbeit der Stiftung und ihrer Einrichtungen. Dazu gehören eine Bilderschau der Diakonischen Gemeinschaft, der Workshop „Demokratiepädagogik“ von Schülern der Fachschule für Sozialpädagogik, ein Stand des Tansania-Arbeitskreises mit fair gehandelten Produkten sowie Informationen der Pflegeschule. Die Fachschule für Sozialpädagogik und das Kinder- und Familienzentrum stellen in einer Ausstellung Bücher zu schwierigen Themen vor. Für Kinder gibt es einen Maltisch und Kinderschminken. Um 14 Uhr startet zudem eine Führung durch das Haus.

Den Abschluss des Jahresfestes bilden um 16 Uhr ein musikalischer Ausklang und ein gemeinsamer Segen im Speisesaal.

Die Stiftung lädt alle Interessierten herzlich zum Mitfeiern ein und bittet um Anmeldung zum Mittagessen auf http://www.grossheppacher-schwesternschaft.de. Der Eintritt ist frei.

(Pressemitteilung der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft)

Stiftung Großheppacher Schwesternschaft – Kirchliche Stiftung des bürgerlichen Rechts

Bildungs- und Begegnungszentrum am Mutterhaus – Oberlinstraße 4, 71384 Weinstadt-Beutelsbach

Vor 170 Jahren von Wilhelmine Canz gegründet: Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt feiert Jubiläum

Die Industrialisierung und die Soziale Frage im neunzehnten Jahrhunderten veränderten das Remstal vor den Toren Stuttgarts sehr deutlich. Die verelendete Landbevölkerung zog es in die Fabriken, die Kinder verwahrlosten.Wilhelmine Canz (1815 bis 1901) formulierte als ihre Antwort auf die sozialen Herausforderungen der Zeit die Idee, junge Frauen auszubilden, welche – wie es in der damaligen Sprache hieß – „die Kinder von Bauernweibern hüten“ sollten.

Pionierin der Elementar- und Frauenbildung

Wilhelmine Canz, beeinflusst durch das Vorbild Regine Jolbergs, wird damit eine Pionierin christlicher Kindertagesbetreuung und Frauenbildung. Regine Jolberg hatte im badischen Leutesheim und später in Nonnenweier Kinderschulen und 1844 auch ein Mutterhaus zur Ausbildung von Kinderpflegerinnen gegründet. Sie ermutigte Wilhelmine Canz, Ähnliches auch in Württemberg zu versuchen.

Auf Einladung von Pfarrer Albert Spring kam Wilhelmine Canz nach Großheppach im Remstal, heute ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Weinstadt. Die Geschichte der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Trägerschaft der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft begann am 3. Mai 1856 mit dem Eintritt der ersten zwei Lernschwestern in die von Canz gegründete Bildungsanstalt für Kleinkindpflegerinnen.

Die Gründerin war eine gebildete und durchsetzungsstarke Frau. Den Grundstock ihrer Arbeit bildeten nicht zuletzt die Tantiemen aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Idee fand hochrangige Unterstützer, bis zum Stuttgarter Königshof. Die Zahl der jungen Frauen, die Ausbildung und berufliche Perspektive suchen, wächst, sodass Wilhelmine Canze 1860 sich vergrößern muss und das Mutterhaus in das ehemalige Gasthaus „Zum Löwen“ in Großheppach umzieht. 1877 erfolgte eine Umbenennung zum Mutterhaus für evangelische Kleinkinderpflege, von Canz bis zu ihrem einundachtzigsten Lebensjahr 1896 geleitet. 1881 verleiht König Karl von Württemberg diesem die Rechte einer juristischen Persönlichkeit.

Wilhelmine Canz übernahm beispielsweise die Fröbelkästen mit Legekärtchen für geometrische Figuren, setzte sich aber auch in anderen Teilen bewusst von der Fröbelpädagogik ab. Für sie stand der Entwicklungsgedanke im Vordergrund. Der paulinische Grundsatz „Prüft alles und behaltet das Gute“, dem Canz folgte, ermöglichte einen großzügigen pädagogischen Erfahrungsrahmen.

Erweiterte Ausbildungsmöglichkeiten

1950 schließen sich die Großheppacher Schwestern dem Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mütterhäuser an. Die Schule öffnet sich damit auch für Schülerinnen, die nicht Diakonisse werden wollen. 1971 zieht das Mutterhaus, zunächst unter dem Namen „Haus der Diakonie“, auf die andere Remsseite nach Beutelsbach um; die Fachschule erhält dort ebenfalls neue Räumlichkeiten. Der Schule angeschlossen ist ein Wohnheim für junge Frauen in Ausbildung oder Studium.

Was Wilhelmine Canz und andere Pädagogen ihrer Zeit ins Werk gesetzt haben, ist heute ein professioneller Bildungsberuf, der vielfältige Berufs- und Aufstiegsmöglichpkeiten eröffnet. 2004, mit Einrichtung des einjährigen Berufskollegs für Sozialpädagogik, wird die Schule um drei Klassenzimmer erweitert. Durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung wächst die Fachschule in den Folgejahren bis zur Größe von rund vierhundert Schülern und Schülerinnen. Neue Ausbildungsgänge entstehen: 2014 wird eine Berufsfachschule für Kinderpflege (seit 2022: für sozialpädagogische Assistenz) eröffnet und mit der praxisintegrierten Erzieherausbildung begonnen. 2025 kommt eine sozialpädagogische Assistenzausbildung in praxisintegrierter Form dazu. In der Berufsfachschule kann ausbildungsbegleitend ein gleichwertiger mittlerer Bildungsabschluss, während der Erzieherausbildung die Fachhochschulreife erworben werden.

Seit 2017 besteht – in Kooperation mit der Evangelischen und der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg – die Möglichkeit, im Rahmen eines Integrierten Studienmodells zusätzlich zum staatlich anerkannten Erzieherabschuss einen kindheitspädagogischen Bachelorabschluss zu erwerben. Ab dem Schuljahr 2027/28 wird es durch eine Kooperation mit der Fachhochschule des Mittelstands ferner möglich sein, die Erzieherausbildung mit einem ausbildungsbegleitenden Studium in Sozialer Arbeit und Management zu verbinden.

Ziel ist es, jungen Menschen mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzung den Einstieg in das Arbeiten mit Kindern zu ermöglichen und eine Vielfalt an durchlässigen und anschlussfähigen sozialpädagogischen Qualifizierungswegen zu eröffnen. Wer mit einem Hauptschulabschluss in der sozialpädagogischen Assistenzausbildung beginnt, kann sich bis zum Bachelorabschluss weitrqualifizieren. Geleitet wird die Schule im Teammodell durch eine pädagogisch-administrative und eine pädagogisch-didaktische Schulleitung.

Diakonische Gemeinschaft

Nicht nur die Fachschule, auch der Schulträger, die Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, kann gleichfalls auf hundertsiebzig Jahre des Bestehens zurückblicken. Der Träger betreibt ferner die Evangelische Pflegeschule Weinstadt und das Kinder- und Familienzentrum am Sonnenhang, die ebenfalls Teil des Bildungs- und Begegnungszentrums am Mutterhaus in Beutelsbach. Ferner ist der Träger mit dem Wilhelmine-Canz-Zentrum in Großheppach und der Tagespflege im Mutterhaus im Bereich Pflege und mit Angeboten des gemeinschaftlichen Wohnens aktiv.

2022 konnte auf dem Mutterhausgelände ein großer Erweiterungsbau eingeweiht werden. Das Kinder- und Familienzentrum wurde um zwei  Gruppen mit naturnaher und tiergestützter Pädagogik erweitert, eine Tagespflege und moderne Wohnungen für ein Wohnen in Gemeinschaft sind neu entstanden. Die Fachschule für Sozialpädagogik erhielt in diesem Zusammenhang eine Naturwerkstatt in Lehmbauweise als zusätzlichen Unterrichtsraum. Der traditionelle evangelisch-religionspädagogische Schwerpunkt wurde zusätzlich um eine naturpädagogische Konzeption erweitert.

Die Stiftung Großheppacher Schwesternschaft hat sich aktiv bemüht, das traditionelle Modell einer Diakonissengemeinschaft, das historisch an ein Ende gekommen ist, neu zu denken und zukunftsfähig zu machen. 2011 wurde die Eckstein-Gemeinschaft, ein nach dem Leitwort der Stiftung benannter Freundeskreis, gegründet, der Frauen wie Männern einen Zugang zur Diakonischen Gemeinschaft ermöglicht, welche Dienst und Sendung der Stiftung trägt. 2021 schließen sich Schwestern und Eckstein-Gemeinschaft zusammen. Der Diakonischen Gemeinschaft – so heißt es auf den Internetseiten der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, „können sich Menschen anschließen, die die Ziele der Stiftung unterstützen und sich eine Gemeinschaft, die gemäß christlicher Werte leben, anschließen wollen. Die Diakonische Gemeinschaft besteht nun aus Diakonissen, Diakonischen Schwestern und Männern und Frauen, die der Stiftung verbunden sind.“ Ein Teil der Mitglieder der Gemeinschaft lebt auf dem Mutterhausgelände, auf dem verschiedene Formen des Wohnens in Gemeinschaft angeboten werden.

Jahresfest

Gefeiert werden die hundertsiebzig Jahre von Großheppacher Schwesternschaft und evangelischer Fachschule für Sozialpädagogik im Rahmen des traditionellen Jahresfestes am 18. Oktober 2026. Die Feier beginnt mit einem Festgottesdienst in der Beutelsbacher Stiftskirche, in dem Frau Dekanin Juliane Bauer predigen wird, und setzt sich dann in und um das Mutterhaus fort.

Leserbrief: Verpflichtendes Kindergartenjahr?

Der Verbund Bistumspresse hat in seinen Magazinen zum 27. September 2026 einen Leserbrief zur Diskussion um ein verpflichtendes Kindergartenjahr in Niedersachsen übernommen.

Die Forderung nach einem verpflichtenden Kindergartenjahr (Martina Schwager: Verpflichtend in die Kita?, in: KirchenZeitung, Nr. 17/2026, S. 17) ist nicht neu und wurde schon nach der ersten PISA-Studie erhoben. Konflikte sind vorprogrammiert, etwa dann, wenn Eltern ihr Kind zwar in eine Koranschule schicken, nicht aber in den öffentlichen Kindergarten. Gefordert sind an dieser Stelle die Ordnungs- und Sicherheitsbehörden, aber auch die Fachkräfte, auf die neue Kontroll- und Dokumentationspflichten zukommen würden. Pädagogisch wird damit umzugehen sein, dass möglicherweise nicht mehr alle Kinder freiwillig in der Kindertagesbetreuung sein werden. Ein obligatorischer Kindergarten ist ein starker Eingriff in das Elternrecht, der nach einer sehr sorgfältigen Begründung vonseiten des Staates verlangt, und auch nach einer Art staatlichen Schulaufsicht im Sinne des Grundgesetzes.

Zwischenruf: Kindergartenpflicht?

Niedersachsen diskutiert im Kommunalwahlkampf über ein verpflichtendes Kindergartenjahr vor Schuleintritt. Die Forderung ist nicht neu und wurde schon nach der ersten PISA-Studie erhoben. Konflikte sind vorprogrammiert, etwa dann, wenn Eltern ihr Kind zwar in eine Koranschule schicken, nicht aber in den öffentlichen Kindergarten. Gefordert sind an dieser Stelle die Ordnungs- und Sicherheitsbehörden, aber auch die Fachkräfte, auf die neue Kontroll- und Dokumentationspflichten zukommen würden. Pädagogisch wird damit umzugehen sein, dass möglicherweise nicht mehr alle Kinder freiwillig in der Kindertagesbetreuung sein werden. Ein obligatorischer Kindergarten ist ein starker Eingriff in das Elternrecht, der nach einer sehr sorgfältigen Begründung vonseiten des Staates verlangt, und auch nach einer Art staatlichen Schulaufsicht im Sinne des Grundgesetzes.

Vortrag: Bildung angesichts der Digitalisierung

Hohe Festversammlung!

Einige wissen, dass ich früher in Bamberg gewohnt habe. Erlauben Sie mir daher,  mit einem kurzen Umweg zu beginnen, der in die sogenannte „fränkische Toskana“ vor den Toren Bambergs führt: in jenen Landstrich, in dem man im Sommer nicht „in den Biergarten“, sondern „auf den Keller“ geht. Geisfeld hat einen wunderschönen Bierkeller. Und seit 1972 eine moderne Pfarrkirche. Die barocke Dorfkirche war zu klein geworden und wurde abgerissen. Nur der Turm blieb stehen. Der Bamberger Professor für Liturgie, der die Seelsorge vor Ort besorgte, gab mir ein Exemplar der örtlichen Pfarrchronik. Und wie begründete man laut Grundsteinurkunde seinerzeit den Neubau der Pfarrkirche? Der Mensch des Atomzeitalters brauche auch neue Kirchen.

Mittlerweile ist Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen – eine politische Entscheidung, die hier nicht diskutiert werden soll. Aber zum Glück haben wir zwischenzeitlich nicht alle barocken Dorfkirchen abgerissen.

Mittlerweile reden wir nicht mehr vom Atom-, sondern vom KI-Zeitalter, welches uns herausfordert. Die Rhetorik bleibt: Alles müsse neu werden. So wird im öffentlichen oder wissenschaftlichen Diskurs angesichts rasanter digitaler Entwicklungen nach einem neuen Menschenbild 2.0, einer neuen Ethik 2.0, einer neuen Bildung 2.0 und so fort gerufen. Der Gesellschaftswissenschaftler Thomas Gremsl forderte vor noch nicht allzu langer Zeit sogar eine Ethik 4.0 für die Epoche digitaler Transformation.

Doch braucht es tatsächlich immer gleich eine ganz neue Ethik oder ganz neue Bildung? Es geht – wie auch schon früher bei neuen technischen Entwicklungen – im Kern um einen verantwortlichen Umgang mit den erweiterten digitalen Möglichkeiten. Diese wird nur der mündig nutzen können, der durch Bildung und Erziehung jene Fertigkeiten und Kompetenzen erworben hat, welche die digitale Technik und die digitalen Medien selbst gerade nicht anbieten und die nicht allein funktional durch Techniknutzung erworben werden können.

Wie können die neuen digitalen Möglichkeiten verantwortungsvoll und lebensdienlich genutzt werden? Hierauf eine Antwort geben zu können, setzt ethische Urteils- und Handlungsfähigkeit voraus. Und diese muss pädagogisch angebahnt und gefördert werden. Gefordert bleibt also, was Schule schon immer ausmachte: der doppelte Auftrag zu Bildung und Erziehung.

Wo und auf welche Weise können Bildungseinrichtungen digitale Medien didaktisch, methodisch und erzieherisch sinnvoll einsetzen? Und wo möglicherweise auch nicht? Voraussetzung für einen pädagogisch fundierten Umgang mit den neuen digitalen Möglichkeiten bleibt, dass Pädagogische Fachkräfte wie Lehrkräfte ihre eigene Haltung geklärt haben und dass Sie begründen können, wie, wann und warum ein Einsatz digitaler Technik in der pädagogischen Arbeit wichtig ist – oder eben auch nicht. Hierfür braucht es die Bereitschaft, bewusste pädagogische Entscheidungen zu treffen.

Was hat all dies mit dem heutigen Abend zu tun? Mit dem heutigen Tag haben Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, eine entscheidende Etappe Ihrer Bildungsbiographie gemeistert. Der Abschluss, den Sie erworben haben, ist ein wichtiger Schritt in die berufliche Selbständigkeit. Er ermöglicht Ihnen, als Pädagogische Fachkraft mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu arbeiten. Und er dokumentiert, dass wir Ihnen zutrauen eigenständige, bewusste, verantwortungsvolle pädagogische Entscheidungen zu treffen.

Und dieser wichtige Bildungsschritt in die berufliche Selbständigkeit darf heute zurecht gefeiert werden.

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Schule ist kein Selbstzweck. Auch in diesem Fall sollte gelten: Sie kann eingesetzt werden, so der pädagogische Fachdidaktiker Elmar Wortmann, „wenn dies neue motivierende und zugleich fachlich ertragreiche didaktische Handlungsoptionen eröffnet.“ Es gilt weiterhin der altbekannte didaktische Grundsatz: Ein Medium, eine Technik, eine Methode sollte dann im Unterricht eingesetzt werden, wenn damit ein Mehrwert für die Lernenden und den Lernprozess verbunden ist.

Mithilfe Künstlicher Intelligenz können in kurzer Zeit umfangreiche Inhalte, Texte und Informationen generiert werden. Es muss aber klar bleiben, dass es sich dabei um maschinengenerierte Äußerungen handelt. Diese zu generieren, fördert bestimmte Kompetenzen, die für die Nutzung von KI-Tools wichtig sind, etwa das effektive Prompting. Andere Fähigkeiten wie schriftsprachlicher Ausdruck, Lesefähigkeit, hermeneutische oder ethische Urteilskompetenzen können nicht generiert werden, sie müssen weiterhin handlungspraktisch vermittelt und eingeübt werden.

Der Nürnberger Trichter war zu allen Zeiten eine pädagogische Illusion. Heute ist vielleicht ein anderes Bild passender: Das Lernen an technische Hilfsmittel abtreten zu wollen, muss eine Illusion bleiben, wäre vergleichbar mit dem Training auf einem Hometrainer, an den ein Elektromotor angeschlossen ist. Es wäre allein die Simulation von Lernen, mit der wir uns letztlich selbst betrügen.

Chatbottexte dürfen nicht einfach übernommen werden, sondern müssen geprüft werden. Bildung bezeichnet in erster Linie die Fähigkeit, fremde Geltungsansprüche eigenständig zu prüfen sowie selbst sachliche wie sittlich verbindliche Aussagen zu treffen. Chatbots generieren verständliche Texte, können aber keine Geltungsansprüche begründen. Die mit Künstlicher Intelligenz generierten Äußerungen beruhen auf Wahrscheinlichkeiten, sie legen aber nicht – so noch einmal Wortmann – „die Genese der Fragestellungen, das methodische Vorgehen und die Entwicklung der Schlussfolgerungen“ offen und setzen diese auch nicht der Kritik aus. Ob die generierten Äußerungen einen Wahrheitsanspruch beinhalten und ob der unterstellte Anspruch auf Richtigkeit auch tatsächlich gerechtfertigt werden kann, muss geprüft werden.

Die Geltungsansprüche generierter Chatbottexte kritisch zu prüfen, ist notwendig, wenn unser pädagogisches Tun zur Selbstbestimmung, zur Mündigkeit, zur Autonomie befähigen soll. Kleiner geht es nicht. Und dies gilt digital wie analog. Fragen nach Sinn und Religion, Kultur und Orientierungswerten gehören daher unverzichtbar in die Bildungspläne, in Kindertageseinrichtungen wie Schulen. Wir sollten uns nicht vor KI fürchten, sondern vor einer Gesellschaft, die möglicherweise das Selberdenken verlernt. Etwas Bedeutung beizumessen, ethische und politische Entscheidungen zu treffen, unserem Tun Richtung und Sinn zu geben – diese Aufgaben können wir nicht an Maschinen abtreten. Hier sind wir als Menschen gefragt.

Hierfür braucht es keine neuen Dorfkirchen, gar Kathedralen oder Tempel „digitaler Bildung“. Hierfür braucht es kein neues Menschenbild 4.0, keine neue Ethik 4.0 oder keine neue Bildung 4.0. Es braucht auch künftig zuallererst pädagogisches Handeln, das sich seiner ureigenen Aufgabe bewusst ist, auch und gerade angesichts neuer digitaler Möglichkeiten. Es braucht Erzieherinnen und Pädagogen, die wissen, worauf es im Bildungs- und Erziehungsprozess ankommt, damit die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen ins Leben finden und mündig werden. Kurz gesagt: Gefragt ist angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen nicht ein pädagogisches Programm für Digitalisierung, sondern eine reflektierte Pädagogik angesichts der Digitalisierung.

Wir wissen heute nicht, was sich technisch alles noch entwickeln wird und welche neuen digitalen Möglichkeiten auf uns zukommen werden. Aber es bleibt unsere Aufgabe, damit verantwortlich umzugehen. Wie sollen wir pädagogisch verantwortlich auf die digitale Transformation reagieren? Wie können wir die digitalen Möglichkeiten in unseren Bildungseinrichtungen pädagogisch sinnvoll nutzen? Wie können wir Kinder und Jugendliche bestmöglich darauf vorbereiten, in einer digitalen Welt zu leben? Eines ist sicher: Diese Fragen werden Sie in Ihrem künftigen Berufsalltag begleiten – und genauso auch unser Kollegium.

Wir hoffen, dass Sie in Ihrer Ausbildung die notwendigen Grundlagen erworben haben, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen und in ihr berufliches Handeln einzubinden.

Und wir hoffen, dass Sie mit Freude und Begeisterung auf Ihre künftige pädagogische Tätigkeit vorausblicken, dass Sie Freude haben werden, das, was Ihnen wichtig ist, was Sie selbst begeistert und motiviert, künftig an die Kinder und Jugendlichen weiterzugeben, mit denen Sie arbeiten werden und die Ihnen anvertraut sein werden. Heranwachsenden brauchen auch und gerade in digitalen Zeiten lebendige pädagogische Vorbilder.

Hierzu wünsche ich Ihnen im Namen der Schulleitung und des Kollegiums alles Gute, Elan und Zuversicht, die notwendige Kraft und bleibende Freude an der pädagogischen Arbeit sowie nicht zuletzt Gottes Segen. In diesem Sinne: Herzliche Glück- und Segenswünsche zu Ihrem erreichten Bildungsziel, das wir heute feiern dürfen.

(aus einer Schulleiteransprache zur feierlichen Zeugnisübergabe)

Vortrag: Bildung in der Demokratie – Erziehung zur Demokratie

Hohe Festversammlung!

Lassen Sie mich mit einem Zitat des Rechtswissenschaftlers und Richters Paul Tiedemann beginnen:

„Das Gefühl der Authentizität beruht auf der Gewissheit, dass wir selbst die Urheber unserer Willensbildungsprozesse sind. […] Anders verhält es sich aber, wenn wir (nachträglich) erfahren, dass unsere Willensbildungsprozesse unter dem manipulativen Einfluss anderer Personen standen. […] Das ist […] dann der Fall, wenn der andere auf unseren Willensbildungsprozess in einer Weise Einfluss gewinnt, die zu einem Kontrollverlust führt. Die Verletzung der geistigen Integrität besteht in einem intellektuellen Kontrollverlust. Dieser versetzt uns in eine menschenunwürdige Situation wie der leibseelische Kontrollverlust.“

Auf diese Weise über Bildung zu sprechen, mag auf den ersten Blick ungewohnt klingen – und vielleicht auch ein wenig schwer verständlich. Wenn Juristen im schulischen Kontext über Bildung sprechen, geht es in der Regel um Ausbildungs- und Prüfungsordnungen, um Entschuldigungsverfahren oder Regeln der Notenbildung, um Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahmen. All dies dürfen Sie heute hinter sich lassen.

Beim einleitenden Zitat geht es um etwas anderes. Tiedemann verdeutlicht aus juristischer Perspektive, welch hohen Wert Bildung besitzt: Denn ohne Bildung, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung, könnte die mit der Menschenwürdeidee geschützte Fähigkeit zum Vernunft-, Freiheits- und Sprachgebrauch bei uns Menschen gar nicht zur Entfaltung kommen. Ohne Bildung könnte der Einzelne auch nicht real am sozialen Leben teilhaben.

Die Menschenwürdegarantie meint, dass jeder Mensch stets als Selbstzweck zu achten ist, dass er niemals für Zwecke Dritter instrumentalisiert werden darf.

Das hat auch pädagogisch Konsequenzen – für Pädagogische Fachkräfte wie Lehrkräfte gleichermaßen.

Wer erzieht, soll gerecht handeln, nicht aus Gerechtigkeit, also um einer bestimmten Idee willen. Pädagogische Führung zeichnet sich entscheidend durch ein „motivloses Wohlwollen“ am anderen aus. Das meint: Wer pädagogisch handelt, will die Selbstbestimmung des anderen, dessen Mündigkeit und Autonomie fördern. Er darf den Heranwachsenden aber nicht bevormunden und ihm vorschreiben, wie er später zu leben hat. Wer erzieht, muss Zutrauen in die Werturteils- und Entscheidungsfähigkeit des Heranwachsenden mitbringen. Diese ethische und politische Urteilsfähigkeit soll in Kindertageseinrichtungen und Schulen gefördert werden.

Bildung befähigt uns, die vielfältigen Selbst-, Fremd- und Welterfahrungen zu ordnen, zu werten und angesichts der Vielfalt an Möglichkeiten, Sinnentwürfen und Deutungsangeboten eine mündige und verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Daher gehören Fragen nach Sinn und Religion, nach Kultur und Orientierungswerten ganz entscheidend in Bildungspläne hinein, in der Schule genauso wie in der Elementarbildung.

Was hat all dies mit dem heutigen Abend zu tun? Mit dem heutigen Tag haben Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, eine entscheidende Etappe Ihrer Bildungsbiographie gemeistert. Der Abschluss, den Sie erworben haben, ist ein wichtiger Schritt in die berufliche Selbständigkeit. Er ermöglicht Ihnen, als Pädagogische Fachkraft mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu arbeiten.

Und dieser wichtige Bildungsschritt darf heute zurecht gefeiert werden.

Bildung hat nicht nur Bedeutung für den Einzelnen. Wie wir Bildung gestalten und leben, beeinflusst unser gemeinsames Zusammenleben, im Kleinen wie im Großen. Der Einzelne soll durch Erziehung zunehmend Orientierung gewinnen, wie die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten lebensdienlich und gemeinwohlförderlich eingesetzt werden können. So hält Artikel 12 der baden-württembergischen Landesverfassung als Erziehungsziel ausdrücklich fest, dass die Jugend „zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung“ zu erziehen sei.

Jeder erfährt sich mehr oder weniger stark als Subjekt wie Objekt von Politik. Soll der Einzelne handlungs- und entscheidungsfähig werden, muss er in der Lage sein, diese Erfahrungen zu ordnen und zu beurteilen. Wichtig ist die Vermittlung von Kenntnissen über Elemente, Anforderungen und Funktionsweisen der Demokratie. Dies beginnt etwa mit Kinderkonferenzen in der Kindertageseinrichtung und setzt sich in der Schule fort, sei es in der politischen Bildung im Unterricht, in Landtagsbesuchen, in Gesprächen mit Abgeordneten am Tag der Freien Schulen oder durch das praktische Engagement im Rahmen der SMV, der Schülermitverantwortung.

Einübung demokratischer Verantwortung setzt voraus, sich nicht allein Wissen anzueignen, sondern fähig zu sein, dieses zu werten und nach der Bedeutsamkeit dieses Urteils für das eigene Handeln zu fragen. Soll der Einzelne im Bildungsprozess für das Politische aufgeschlossen werden und politisch mündig werden, braucht es hierfür pädagogisch gestaltete Räume. Aufgabe der Bildungspolitik ist es, solche offenzuhalten. Ohne einen lebendigen Diskurs über Politik würde auf Dauer sowohl die Politik an Legitimation verlieren als auch das Gemeinwesen schöpferische Kraft einbüßen.

Bildung in der Demokratie hat zur Aufgabe, die Einsichtsfähigkeit in demokratische Prozesse und die vorgefundene politische Praxis zu fördern und die politische Urteilskraft zu stärken – mit einem doppelten Anliegen: Individuell geht es um die Freiheit zur Mitgestaltung und zum Einflussnehmen. Die hierfür notwendigen Kompetenzen sind pädagogisch zu vermitteln. Gesellschaftlich geht es um die angemessene Klärung von Sachfragen im Sinne des Allgemeinwohls. Demokratie ist nur denkbar mit einem großen Vertrauen in Bildung, das heißt: in die sachliche und sittliche Urteilsfähigkeit jedes Einzelnen und seine Fähigkeit, politische Streitfragen nicht zu emotionalisieren oder zu moralisieren, sondern als Sachfragen zu diskutieren und zu entscheiden.

Die Politik hat eine Ordnungsfunktion und legt zukünftiges Handeln fest, beispielsweise durch Gesetze oder Verordnungen. Die Pädagogik darf das nicht. Andernfalls wäre Bildung nicht mehr die Befähigung, Politik und Demokratie „selber zu denken“, sondern bloße Anpassung an politische Vorgaben. Am Ende stünden nicht Demokraten, die vermeintlich „richtig“ denken, sondern solche, die es verlernt haben, selbst zu denken.

Im Bildungsprozess geht es um die Befähigung auf eine noch unbekannte Zukunft hin: eine Zukunft, die nicht vorgegeben ist, sondern die der Einzelne erst im Verein mit anderen hervorbringen muss. Die Philosophin Hannah Arendt hat dies 1958 einmal so ausgedrückt, ihre Worte sind bleibend aktuell: „Gerade um des Neuen und des Revolutionären willen in jedem Kind muß die Erziehung konservativ sein; dies Neue muß sie bewahren und als Neues in eine alte Welt einführen, die, wie revolutionär sie sich auch gebärden mag, doch im Sinne der nächsten Generation immer schon überaltert ist und nahe dem Verderben.“ Nur durch Freisetzung zur Selbsttätigkeit, auch durch Befähigung zum Widerstand, wo dieser notwendig ist, wird der Einzelne sich als politisches Subjekt begreifen und seinen Anteil zur verantwortlichen Gestaltung des Gemeinwesens beitragen können.

Erziehung zur Demokratie ist „Erziehung zur Öffentlichkeit“. Sie soll den Einzelnen befähigen, die öffentlichen Angelegenheiten mitzugestalten, auch widerstreitende Wahrheitsansprüche im öffentlichen Raum auszuhalten und Konflikte konstruktiv zu bearbeiten. Dabei schließt Toleranz Widerspruch keinesfalls aus, doch muss eines klar bleiben – gerade auch pädagogisch: Auch der irrende Mensch darf als Person nicht aufgegeben werden. All dies braucht einen entsprechenden Umgang des Vertrauens, der Wertschätzung und des gegenseitigen Respekts.

In Bildungseinrichtungen gehört beides zusammen: die Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen auf der einen Seite sowie Tugend- und Werterziehung auf der anderen Seite: Denn – so der Pädagoge Roland Reichenbach – „Kompetenzen sind nicht ‚an sich‘ gut, und natürlich lassen sie sich auch strategisch fragwürdig einsetzen. […] Die Tugend bezeichnet wie die Kompetenz ein (lebenspraktisches) Können, aber darüber hinaus verstärkt sie ein Wollen und verlangt vom Einzelnen gewissermaßen in direkter Unbedingtheit, gemäß seinen Einsichten zu handeln, was bei ‚bloßen‘ Kompetenzen nicht der Fall ist.“

Tugenden oder Bürgerhaltungen sind nicht als Inhalte vermittelbar. Sie entwickeln sich im gemeinschaftlichen Umgang. Werte wachsen in einem Lernklima, das selbst durch Werte geprägt ist. Warum ist es überhaupt sinnvoll, sich zu bilden? Diese Frage kann nicht allein pädagogisch beantwortet werden. Damit Heranwachsende eine Antwort auf diese Frage finden können, braucht es lebendige Vorbilder, braucht es Pädagogische Fachkräfte wie Lehrkräfte, die eine Antwort auf die Frage nach Sinn konkret und überzeugend vorleben und die bereit sind, über das, was sie trägt und motiviert, Auskunft zu geben.

Wir hoffen, dass Sie dies in Ihrer Ausbildung bei uns spüren konnten. Und wir hoffen, dass Sie mit Freude und Begeisterung auf Ihre künftige pädagogische Tätigkeit vorausblicken, dass Sie Freude haben werden, das, was Ihnen wichtig ist, was Sie selbst begeistert und motiviert, künftig an die Kinder und Jugendlichen weiterzugeben, mit denen Sie arbeiten werden und die Ihnen anvertraut sein werden.

Hierzu wünsche ich Ihnen im Namen der Schulleitung und des Kollegiums alles Gute, Elan und Zuversicht, die notwendige Kraft und bleibende Freude an der pädagogischen Arbeit sowie nicht zuletzt Gottes Segen. In diesem Sinne: Herzliche Glück- und Segenswünsche zu Ihrem erreichten Bildungsziel, das wir heute feiern dürfen.

(aus einer Schulleiteransprache zur feierlichen Zeugnisübergabe)

Lernen im Grünen: Was bedeutet Naturpädagogik?

Wir Menschen leben immer schon in Beziehungen: zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu unser Umwelt, der natürlichen wie der kulturell-technischen. Bildung hilft, diese Beziehungen, in die wir immer schon unweigerlich verstrickt sind, zu klären und zu gestalten. Damit ist auch die Aufgabe der Schule beschrieben: Diese soll die Heranwachsenden dabei unterstützen, sich einen differenzierten Selbst-, Fremd- und Weltentwurf zu erarbeiten. Für eine Fachschule für Sozialpädagogik gilt dies in doppelter Hinsicht: Denn was die Auszubildenden in ihrem eigenen Bildungsprozess erfahren, sollen sie im praktischen Teil der Ausbildung und später im Beruf an Kinder und Jugendliche weitergeben. Von klein auf sollen sie die Heranwachsenden bei derselben dreifachen Bildungsaufgabe begleiten.

In der Begegnung mit ihrer natürlichen Umwelt können Kinder diese als etwas Wertvolles, Lebenswertes und damit Schützenswertes erfahren. Doch die Entwicklung einer verantwortlichen, interessierten Haltung zur Natur hängt ganz entscheidend davon ab, inwieweit Kinder überhaupt Möglichkeiten zur Naturbegegnung in ihrem Lebensumfeld vorfinden. Viele Kinder, nicht zuletzt in einer städtisch geprägten Region, sind weitgehend von naturnahen Räumen wie Bach, Wald oder Wiese abgeschnitten. Der Lebensraum wird von Verkehr dominiert. Viele Erfahrungen machen die Kinder medial vermittelt. Überdies sehen wir, dass die natürlichen Ressourcen begrenzt sind und wir mit diesen verantwortlich umgehen sollten.

Ein naturpädagogisches Profil, das ganzheitlich angelegt sein soll, verbindet umweltbezogene, soziale und anthropologische Fragen miteinander und durchdringt somit alle Fächer und Handlungsfelder (z. B. geht es um Bewegungspädagogik, LandArt, den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen im Kunstunterricht, Aspekte gesunder und ökologischer Ernährung oder schöpfungstheologische Fragen im Religionsunterricht), die in der Ausbildung Pädagogischer Fachkräfte heute wichtig sind. Im Vordergrund stehen nicht neue Inhalte; dies wäre angesichts der bestehenden Lehrpläne weder didaktisch sinnvoll noch zeitlich möglich. Vielmehr geht es darum, die Bildungsinhalte im Rahmen des Schulcurriculums so zu strukturieren, dass für die Lernenden die drei genannten Dimensionen erfahrbar und damit zugleich aus naturpädagogischer Perspektive „befragbar“ werden. Die angehenden sozialpädagogischen Assistentinnen sowie Erzieher sammeln eigene Erfahrungen und reflektieren diese. Zugleich sollen sie die notwendigen didaktisch-methodischen Fähigkeiten erwerben, die es braucht, Kindern zu helfen, sich die Welt zu erschließen und zu verstehen.