Veröffentlichung in der Rubrik „Korporierte Genossen“: Ludwig Marum

Der Lassalle-Kreis stellt auf seinen Internetseiten in der Rubrik „Korporierte Genossen“ Sozialdemokraten vor, die gleichzeitig Verbindungsstudenten gewesen waren. In der Geschichte war dies häufig der Fall, angefangen bei Ferdinand Lassalle, dem Gründer der deutschen Sozialdemokratie. Nun hat der Lassalle-Kreis auch den Beitrag über Ludwig Marum, Justizminister, Staatsrat und SPD-Fraktionsvorsitzender in Baden, ermordet 1934 im KZ Kislau, der am 13. März auf der Tagung  „Jüdische Verbindungen und jüdische Korporierte zwischen Zionismus, deutschnationaler Motivation und umgebendem Antisemitismus“ gehalten wurde, auf seinen Internetseiten übernommen:

https://lassalle-kreis.de/content/korporierter-genosse-ludwig-marum-1882-bis-1934

Eine Tagungsdokumentation der Heidelberger Tagung über jüdische Verbindungen ist für 2022 in Planung.

Der Lassalle-Kreis versteht sich als Netzwerk korporierter Sozialdemokraten. Eine Sammlung mit Lebensbildern korporierter Sozialdemokraten wurde vor einigen Jahren in Buchform veröffentlicht:

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016.

Weitere Information: https://lassalle-kreis.de/node/1128

Vortrag dokumentiert: Ludwig Marum, korporierter Sozialdemokrat, badischer Landespolitiker und NS-Opfer

Auf Einladung des Arbeitskreises der Studentenhistoriker erinnerte Axel Bernd Kunze am 13. März 2021 auf der 80. deutschen Studentenhistorikertagung „Jüdische Verbindungen und jüdische Korporierte zwischen Zionismus, deutschnationaler Motivation und umgebendem Antisemitismus“ an Ludwig Marum. Die Tagung, die weitgehend online durchgeführt wurde, fand auf dem ehemaligen Haus der jüdischen Verbindung Badenia bzw. Bavaria in Heidelberg statt, der auch der badische Sozialdemokrat, Justizminister und Fraktionsvorsitzende Ludwig Marum angehörte. Er wurde 1934 im KZ Kislau bei Bruchsal ermordet.

Vortragsmanuskript und Vortragsmitschnitt finden sich unter folgendem Link:

http://studentenhistoriker.eu/?p=1487#_ednref27

Neuerscheinung: Gespaltene Gesellschaft

In der aktuellen Ausgabe der „Neuen Ordnung“ vom April 2021 ist ein Kommentar zum Tagungsband der 21. Ökumenischen Sommerakademie 2019 in Kremsmünster erschienen:

Axel Bernd Kunze: Gespaltene Gesellschaft, in: Die Neue Ordnung 75 (2021), H. 2, S. 141 – 144.

Die Rezension war ursprünglich von der Fachzeitschrift „AMOS international“ angefragt worden, die u. a. von der AG Christliche Sozialethik herausgegeben wird. Die dortige Redaktion verlangte allerdings substantielle Eingriffe in den Text, welche die Intention des Autors verändert hätten. Nach dem Boykottaufruf der AG Christliche Sozialethik gegen die „Neue Ordnung“ vor einigen Jahren verengt sich der Diskurskorridor innerhalb der Disziplin mittlerweile auch an anderen Stellen. Das ist keine gute Entwicklung. Es ist aber vielleicht bezeichnend, dass sich ein solcher Vorgang gerade bei einem Beitrag unter dem Titel „Gespaltene Gesellschaft“ ereignet – quod erat demonstrandum. Der Leser möge selber urteilen, ob die Rezension anstößige Passagen enthält.

Leider ist bei der Redaktion eine Passage entfallen, sodass auf Seite 142 der Anschluss zwischen den unteren Absätzen nicht mehr passt. Im Folgenden finden Sie den Text daher noch einmal in der vollständigen Fassung:

Ein friedliches Zusammenleben in Freiheit, Toleranz, Solidarität und gegenseitiger Verantwortung ist kein fester Besitzstand. Die hierfür notwendigen sozialethischen Orientierungswerte müssen gepflegt werden. Ein solcher Aufruf allerdings sticht in der gegenwärtigen Gesellschaftsdiskussion gleichsam in ein Wespennest – so Gerhard Lehner im vorliegenden Sammelband, der die 21. Ökumenische Sommerakademie 2019 in Kremsmünster dokumentiert: „Wer die Frage nach Einheit, Gemeinschaft und dem allgemein Verbindenden (und damit auch Verbindlichen) stellt, der gerät sehr schnell in den Geruch, Macht ausüben und ausgrenzen zu wollen“ (S. 130). Wenn dem so sein sollte, bleibt die Frage, auf welche Weise die Kirchen in einer zunehmend heterogener werdenden Gesellschaft (und bei schwindendem eigenem Einfluss) überhaupt noch zur Pflege gemeinsamer Orientierungswerte beitragen können.

Severin J. Lederhilger (Hg.): Die gespaltene Gesellschaft. Analysen, Perspektiven und die Aufgabe der Kirchen (Schriften der Katholischen Privat-Universität Linz, Bd. 9), Regensburg: Friedrich Pustet 2020. 176 Seiten, ISBN978-3-7917-3200-8.

Für Paul Michael Zulehner sollten die Kirchen „Oasen ausufernden Vertrauens in Kulturen der Angst“ sein. Zu Recht verweist der Autor auf die hohe Bedeutung von sozialem Vertrauen für ein friedliches, stabiles Zusammenleben. Der Wiener Pastoraltheologe sieht in den vergangenen Jahren eine „Kultur der Angst“ heraufziehen und verweist auf biographische Ängste (z. B. vor Krankheit), soziale Abstiegsängste (z. B. durch den Zuzug von Migranten), kulturelle Ängste (z. B. vor dem Islam) oder auch paradoxe Ängste. Denn eine „Unkultur der Rivalität“ könne auch daraus erwachsen, dass Menschen bereits auf Erden das maximale Himmelsglück suchten – und damit unweigerlich das Gefühl entstehe, stets zu kurz zu kommen. Ängste gehörten zum Leben, mehr oder weniger für uns alle. Aber sie könnten dort übermächtig werden, wo der Einzelne sich nicht mehr durch eine Gemeinschaft des Vertrauens getragen wisse. Die Kirche sollte eine solche Gemeinschaft sein – und könnte dabei auf ihre genuin religiöse Kompetenz zurückgreifen: Denn „[r]ückgebunden […] wird der Mensch auf den Grund seines Lebens dort, wo die Quelle des Urvertrauens wohnt: der in einem heiligen Tanz liebende Gott“ (S. 35).

Zahlreiche Autoren des vorliegenden Bandes verweisen auf die inkludierende Wirkung der Menschenrechte. Walter Suntinger plädiert für kommunikative Strategien (z. B. Zivilcouragetrainings oder „Trainings im Umgang mit Stammtischparolen“), mit denen versucht werde, aktiv auf jene „anderen“ zuzugehen, „die den Menschenrechten (teilweise) ablehnend gegenüberstehen“ (S. 88).

Maria Katharina Moser plädiert dafür, Inklusion als „Strukturprinzip kirchlicher und diakonischer Praxis“ (S. 100) zu verankern. Für die Direktorin der Diakonie Österreich ist die kirchliche Praxis des Mahlhaltens, sowohl im Abendmahl als auch in Agapefeiern, ein „Inklusionsereignis“, bei dem sich gottesdienstlich-religiöse und gesellschaftlich-soziale Praxis sichtbar und wirksam miteinander verschränken könnten (wobei schon das Neue Testament von dabei möglichen Konflikten spreche).

Der Neutestamentler Gerd Theißen plädiert dafür, ein Bekenntnis zu den Menschenrechten in die Liturgie einzubinden – mit einer doppelten Verpflichtung: Das universale Ethos der Menschenrechte müsse in kleinen Gruppen, etwa in Kirche und Gemeinde, praktiziert werden. Zugleich dürften sich (kirchliche) Gruppen aber nicht im eigenen Nest verschließen, sondern müssten diese „universal für alle offen“ (S. 123) bleiben. Ein eigener Textvorschlag für ein menschenrechtsbezogenes Credo beschließt seinen Beitrag.

Manfred Scheuer rechnet in seinem Beitrag die Menschenrechte zu den notwendigen „Säulen des sozialen Friedens“ (S. 167), die es einer Demokratie überhaupt möglich machten, Differenz auszuhalten. Weltweite Gerechtigkeitsdefizite, aber auch Verstöße gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit lassen für den Linzer Bischof diese Säulen wackeln. Denn ohne Glaubens- und Gewissensfreiheit sei eine Wahrheitssuche in Freiheit nicht möglich.

Jede Gesellschaft kennt Spannungen, gibt der eingangs schon zitierte Lehner zu bedenken. Doch wann ist von Spaltungen zu sprechen, „welche einer Gesellschaft zusetzen, und zwar so, dass sie deren Funktionieren beeinträchtigen und ihre Einheit bedrohen?“ (S. 128). Christian Spieß, Sozialethiker im österreichischen Linz, sieht in seinem anerkennungstheoretischen Beitrag den gesellschaftlichen Rubikon dort überschritten, wo der Grundsatz gleicher Freiheit und der Anspruch auf gleiche Teilhabechancen verletzt werden. Als Triebfeder hinter solchen Entwicklungen macht er politische Positionen aus, die den gesellschaftlichen Anspruch auf Pluralismus desavouieren.

Ist es aber nicht gerade die Inanspruchnahme gleicher politischer Freiheit, im öffentlichen Diskurs auch unterschiedliche Pluralitätskonzeptionen vertreten zu können? Wo dies nicht mehr möglich sein sollte, wäre ein Diskurs nicht mehr frei. Der Anspruch auf gleiche Freiheit verkäme zur Farce. Gesellschaftliche Spaltung zeigt sich heute nicht zuletzt in einem öffentlichen Diskurs, in dem es immer weniger gelingt, das Selbstverständnis des anderen unvoreingenommen wahrzunehmen. Dieser Eindruck stellt sich auch in diesem Fall ein. Wer etwa von „Leitkultur“ oder „christlichem Abendland“ spreche, scheint für Spieß nicht pluralitätsfähig zu sein und muss sich zeihen lassen, die Gesellschaft zu spalten. Eine solche Spaltung überwinden zu wollen, würde jedoch voraussetzen, zunächst nach dem Selbstverständnis der anderen zu fragen und zu prüfen, ob nicht auch diese gute Gründe auf ihrer Seite haben könnten.

Insgesamt bleibt die vorliegende Tagungsdokumentation im Rahmen des Erwartbaren; weiterführende Anfragen oder überraschend Neues, das über die bekannten Ansichten des Juste Milieu hinausgehen, bietet der Band leider nicht. Dabei stellen sich beim Lesen durchaus einige Fragen, die es wert wären, sozialethisch tiefergehend diskutiert zu werden – etwa im Anschluss an Suntingers Beitrag:

Der als Menschenrechtskonsulent tätige Autor macht ein „Recht auf Gleichheit“ stark, ohne näher zu diskutieren, wie sich die geforderten aktiven Maßnahmen des Staates gegen Diskrimnierung zum Freiheitsanspruch der Menschenrechte verhalten. Diese geraten in eine egalitaristische Schlagseite, wenn die polare Spannung zwischen Gleichheit und Freiheit, die mit dem Anspruch auf Gerechtigkeit ausgedrückt ist, einseitig zugunsten ersterer aufgelöst wird. Im (kirchlichen) Menschenrechtsdiskurs wiederholt sich an dieser Stelle, was auch sonst im sozialethischen Diskurs zu beobachten ist, wenn die im Personalitätsrprinzip gegebene bleibende Spannung zwischen Individualität und Sozialität einseitig in eine Richtung aufgelöst wird. Ein sozialethischer Freiheitsdiskurs, der diese Spannung aushält und aufrechterhält, bleibt weitgehend ein Desiderat der zeitgenössischen Sozialethik, wie sich hier einmal mehr zeigt. Auch hält Suntinger den eigenen Gleichheitsanspruch selber keineswegs ein, wenn er den gesellschaftlichen Diskurs von vornherein in ein (unausgesprochenes) „Wir“ und die „anderen“ teilt. Offenbar scheint bereits vor allem Diskurs festzustehen, wer Recht hat und wer nicht, wer „überzeugt“ werden muss. Man könnte auch von einem klassischen „Vor-Urteil“ im wörtlichen Sinne sprechen. Eine faire, streitbare, demokratische Diskurskultur bedarf der anspruchsvollen Unvoreingenommenheit und des Willens, zunächst einmal das Selbstverständnis der anderen Seite kennenzulernen, ohne vorschnell Etiketten anzuheften. Dann kann um das bessere Argument gestritten werden. Auch der vorliegende Sammelband vermag diese Polarisierung nicht zu überwinden. Allzu fest scheinen die Rollen verteilt zu sein. Unvoreingenommenheit (nicht: Wertneutralität) würde aber der paulinischen Forderung entsprechen: Prüft alles, und behaltet das Gute. Nach diesem Grundsatz könnte die Kirche tatsächlich ein Akteur sein, der dazu beiträgt, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden.

Gerd Theißens Beitrag kommt reichlich matt daher. Dies mag an der Tendenz kanonischer Lesarten liegen, die gesamte Bibel recht unspezifisch auf Hochglanzbegriffe wie Liebe und Freiheit hin auszulegen. Sein Vorschlag eines liturgischen Menschenrechtsbekenntnisses läuft Gefahr, den Gottesdienst zu politisieren. Die Kirche sollte sich davor hüten, so zu tun, als seien die Menschenrechte bereits ihre eigentliche Botschaft. Die Menschenrechte sind eine Antwort auf historisch-konkrete Erfahrungen von Leid, Unrecht und Gewalt in der Sprache des säkularen Rechts – und gerade darin haben sie ihren unverzichtbaren Wert. Der Theologie aber bleibt die genuine Aufgabe, sich um eine eigenständige Begründung der Menschenrechte zu mühen. Eine solche Leistung ist ein wichtiger Dienst an der Welt, der nach theologischer Substanz verlangt und eine eigenständige theologische Anstrengung gerade nicht ersetzen darf, sondern herausfordert.

Diese theologische Anstrengung wird nur gelingen, wenn der Charakter der Menschenrechte nicht verfehlt wird: Die Menschenrechte sind zunächst Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat, dessen Handeln aufgrund des weitreichenden, für ein stabiles Gemeinwesen aber unabdingbaren staatlichen Gewaltmonopols eingehegt werden muss. Für die theologische Sozialethik bedeutet dies, dass eine Menschenrechtsethik ohne Einbettung in eine gehaltvolle Staatsethik zur Vereinfachung oder Moralisierung tendieren wird. An Zulehners Beitrag wäre durchaus die Anfrage zu richten, ob hinter den genannten Ängsten nicht ernstzunehmende politische Anfragen stecken (etwa im Blick auf die gefährdete Leistungsfähigkeit des Staates, der im Sündenstrudel dieser Weltzeit ein wichtiger Garant bleibt, die menschlichen Begierden zu zügeln), die auch im öffentlichen Diskurs der Kirchen allzu schnell an den Rand gedrängt werden – eine Diskurslage, die alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme darstellt. Politische Anfragen müssen politisch und sozialethisch bearbeitet werden, sollten aber nicht vorschnell durch einen pastoralen Diskurs abgetan werden, was leicht dazu führt, missliebige politische Positionen als Phänomene von Angst und Unsicherheit zu pathologisieren.

Will die Kirche ihrem Auftrag zu politischer und gesellschaftlicher Diakonie gerecht werden, muss sie beides im Blick behalten: die Sorge um eine faire, demokratische gesellschaftliche Streitkultur als Voraussetzung eines geordneten, auf funktionierenden Institutionen beruhenden staatlichen Zusammenlebens und die geistliche Sorge um Menschen, die zwischen die Fugen und Risse einer gespaltenen Gesellschaft geraten. Dieses Verhältnis angemessen auszublancieren, gelingt dem vorliegenden Band nur begrenzt.

Kurzrezension: Rote Fahnen, bunte Bänder

Das österreichische Magazin „Freilich. Das Magazin für Selbstdenker“ hat im Dezember 2020 eine Sonderausgabe zum Thema Burschenschaften herausgebracht. Ein kostenloses Probeheft lag den „Burschenschaftlichen Blättern“ 1/2021 bei. Auf Seite 77 (Sonderausgabe Nr. 2/Dezember 2020) findet sich eine Kurzrezension des Buches „Rote Fahnen, bunte Bänder“ (hg. v. Manfred Blänkner und Axel Bernd Kunze, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016) – unter dem Titel: Sozialdemokraten mit Band und Mütze.

Tagungsdokumentation und Totengedenken: Arbeitskreis der Studentenhistoriker erinnert an jüdische Korporierte

Am 14. März 2021 hat der Arbeitskreis der Studentenhistoriker auf dem Haus des Corps Suevia in Heidelberg ein Gedenken für die korporierten jüdischen Glaubens und für die jüdischen Studentenverbindungen abgehalten. Der orthodoxe Heidelberger Hochschulrabbiner Shaul Friberg sang das El male rachamim, das jüdische Totengebet.

Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker berichtet auf seinen Webseiten über die Heidelberger Tagung zur Geschichte der jüdischen Korporationen in Deutschland und Österreich, die am 13. März 2021 stattfand, und über das Totengedenken am Folgetag:

http://studentenhistoriker.eu/?p=1291

Im Netz findet sich auch eine kürzere Zusammenfassung der Gedenkzeremonie:

Die Gedenkzeremonie und fünf der Vorträge der Tagung, von denen ein Mitschnitt exisiert, sind auf CD gegen Spende erhältlich. Eine formlose Mail an den Arbeitskreis der Studentenhistoriker genügt. Auch der Tagungsband, der im September 2022 erscheint, kann bereits für 22 Euro subskribiert werden, später wird er rund 30 Euro kosten.

An der Heidelberger Tagung, die via Zoom stattfand, nahmen über den deutschsprachigen Bereich hinaus Teilnehmer aus Israel, aus Czernowitz in der Ukraine und aus Polen teil. Die Teilnehmerzahl lag über 100. Man wagt es kaum zu glauben: Aber möglicherweise wird sich in Heidelberg an der Hochschule für jüdische Studien eine neue jüdische Studentenverbindung gründen. Dies wäre nach dem gewaltigen Kulturbruch von 1933 ein großartiges Zeichen der Hoffnung – und eine Bereicherung für die Verbindungslandschaft und die akademische Kultur in Deutschland.

Eine Folgetagung in Basel ist schon geplant: Diese wird von den Schweizer Studentenhistorikern vom 4. bis 6. Februar 2022 in Basel ausgerichtet – also dort, wo vor dann 125 Jahren Theodor Herzl seinen ersten Zionistencongress abhielt, nach dessen Ende er in sein Tagebuch notierte: „Heute habe ich den Judenstaat gegründet!“ Seine Helfer waren Studenten, allesamt korporiert.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Als neues Mitglied im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit weise ich gern noch einmal auf diese Initiative hin:

https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/

„Wir sind ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für ein freiheitliches Wissenschaftsklima einsetzen. Darunter verstehen wir eine plurale von Sachargumenten und gegenseitigem Respekt geprägte Debattenkultur und ein institutionelles Umfeld, in dem niemand aus Furcht vor sozialen und beruflichen Kosten Forschungsfragen und Debattenbeiträge meidet.

Wir widersetzen uns allen Bestrebungen, die Freiheit von Forschung und Lehre aus ideologischen Motiven einzuschränken.“

Informationen zur Mitgliedschaft finden Sie hier.

Schlaglicht: Wissenschaftsfreiheit – berufsethische Selbstregulation oder staatliche Regulierung?

„Dabei scheint es doch so einfach zu sein“, kommentiert Michael Hartmer in der aktuellen Ausgabe 3/2021 von „Forschung & Lehre“, der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes, die aktuellen Debatten über Wissenschafts- und Meinungsfreiheit. Ja, es könnte, wenn es gewollt wäre … Vielfach sind es Wissenschaftler selber, welche die Freiheit einschränken. Eine Fachgesellschaft fordert, eine Fachzeitschrift zu boykottieren und in Bibliotheken abzubestellen. Ein kontroverser Fachbeitrag wird nicht mit einer wissenschaftlichen Replik beantwortet, sondern durch einen Offenen Brief als gänzlich diskurs- und publikationsunwürdig gebrandmarkt. Redaktionen nötigen Autoren gendersprachliche Eingriffe auf, die linguistischen Regeln zuwiderlaufen. Gutachter suchen nicht nach methodischen Fehlern, sondern anstößigen Formulierungen. Herausgeber zensieren, weil ihnen die Aussageabsicht des Autors nicht gefällt. Schnell sind ad-hominem-Argumente im Spiel. Häufig wird etikettiert, nicht argumentiert. Die Liste ließe sich fortsetzen. Toleranz ja, aber bitte nur im engen Korridor der eigenen Meinung. Vielfalt ja, aber bitte nur innerhalb der vorherrschenden Mehrheitsansicht. Wissenschaft, die so vorgeht, verrät sich selbst. Niemand sollte behaupten, er wüsste schon im Voraus, welche Haltung angemessen sei. Was wissenschaftlich standhält, zeigt sich erst im streitbaren Diskurs. Unvoreingenommen und fair ist ein solcher nur dann, wenn kontroverse Positionen angstfrei ausgesprochen und publiziert werden können. Ein erneuertes Freiheitsbewusstsein tut not. Es ist dringend an der Zeit, dass die Fachgesellschaften und Berufsverbände – auch der DHV – die Debatte um Wissenschaftsfreiheit als ihre berufsethische Aufgabe begreifen. Wo die Mechanismen der Selbstregulation versagen, wird über kurz oder lang der Staat regulierend eingreifen müssen. Denn ein Grundrecht wie die Wissenschaftsfreiheit hält auf Dauer nur dann, wenn der Bogen nicht überspannt wird – und das geschieht gegenwärtig allzuoft.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei in Gefahr, erklärt der Mainzer Historiker Andreas Rödder, einer der Initiatoren des neuen Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit. Dessen Manifest versteht sich als eine Antwort auf eine „Cancel Culture“, die auch an deutschen Universitäten um sich greife.

Weitere Informationen zu den Zielen des Netwerkes Wissenschaftsfreiheit und den Möglichkeiten einer Mitgliedschaft finden sich unter folgendem Link: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/

Rote Fahnen, bunte Bänder

Wissenschaftlicher Abend für die LB! Alemannia zu Bamberg am 29. Januar 2021

Teil I: Was sind politische Parteien?

Wie haben sich die Parteien historisch entwickelt? Der Begriff „Partei“ entwickelte sich im frühen Mittelalter – vorrangig als Rechtsbegriff – aus dem lateinischen „pars“, vor allem gebraucht im Sinne von Streit- oder Prozesspartei. Erinnert sei an den bereits in der Antike formulierten Rechtsgrundsatz: „audiatur et altera pars“. In dieser Wortherkunft klingen die beiden Bezugspunkte an, die im Parteienbegriff bis heute mitschwingen: Teil und Ganzheit. Parteiengeist wurde schon früh mit Spaltung, Zersplitterung, Uneinigkeit und Eigennutz in Verbindung gebracht. Die deutsche Parteiengeschichte kennt die beständige Kritik am zersplitterten Parteienstaat, aber auch das Gegenstück: eine quasireligiöse Überhöhung der Partei als „Mutter der Massen“. Die Wurzeln der Parteienkritik reichen – so z. B. der Parteienforscher Peter Lösche – weit zurück bis in die „konfessionellen, landsmannschaftlich-territorialen, ständischen, sozialen und wirtschaftlichen Spaltungen […] seit der Reformation des 16. Jahrhunderts“.

In einem weiten Sinne politischer Gruppenbildung hat es bereits in der Vormoderne „Parteien“ gegeben, z. B. rivalisierende Gruppen bei Hofe oder in Stadtrepubliken, Geheimgesellschaften, verwandtschaftliche oder konfessionelle Faktionen in Dörfern und Städten. Diese informellen Zusammenschlüsse spielten allerdings keine anerkannte Rolle bei der Besetzung politischer Ämter. Im konfessionellen Zeitalter entstand der Begriff der Religionspartei, der seit dem Westfälischen Frieden zur Bezeichnung der reichsrechtlich anerkannten Konfessionen verwendet wurde. Politische Parteien im heutigen Sinne sind ein Kind der modernen Demokratiebewegung und des Parlamentarismus. In Deutschland schlug ihre Geburtsstunde im Vorfeld der Märzrevolution von 1848. Bereits in dieser Zeit entwickelten sich die großen weltanschaulichen Strömungen, die bis heute im Parteiensystem erkennbar sind.

Das Grundgesetz räumt den Parteien erstmals in der deutschen Geschichte einen verfassungsmäßigen Rang ein und würdigt positiv ihre Rolle im Prozess der politischen Willensbildung. Parteien sind eine hybride Organisationsform des Dritten Sektors: Sie spielen eine intermediäre Rolle zwischen Gesellschaft und Staat. Es handelt sich um Zusammenschlüsse von Bürgern, die sich zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele zusammengeschlossen haben. Die Mitgliedschaft in ihnen ist freiwillig. Faktisch besitzen die Parteien in Deutschland ein Monopol bei der Aufstellung von Kandidaten für öffentliche Ämter und Mandate.

Stecken die Parteien in der Krise? Gegenwärtig sind Auszehrungserscheinungen der Parteien nicht mehr zu übersehen. Die traditionellen Milieubindungen werden schwächer, die Zahl der Aktiven sinkt, und das mitunter recht deutliche Vereinsimage der örtlichen Parteigliederungen ist für jüngere politisch Interessierte kaum noch attraktiv. Parteiarbeit ist mühsam, verlangt Durchhaltevermögen, setzt auf lokale Verankerung sowie kommunalpolitisches Interesse und beansprucht ein hohes Maß an disponibler Zeit.

Schon 1989, aber wenig beachtet, hat der niederländische Soziologe Abram de Swaan auf eine Entwicklung in den westlichen Staaten hingewiesen, die sich der Bildungsexpansion der Nachkriegszeit verdanke und die politischen Beteiligungsmöglichkeiten erheblich verändert habe: Entstanden sei „eine Schicht von wissenschaftlichen Fachleuten und Staatsbeamten […], deren berufliches Fortkommen von kollektiven Einrichtungen abhing. […] Die Akademikergruppen knüpften nicht allein enge Bindungen zum Staatsapparat, sondern unterwarfen weite Teile der Bevölkerung ihrem ‚Regiment‘ – formten sie als Klientel“. Die Debatte verlagere sich zugunsten der Herrschaft von Expertenregimes, die sich politischer Mitsprache entzögen: „Die Klientel der staatsbezogenen Experten ist also überwiegend ein virtueller Kreis geblieben, den Akademiker, Bürokraten und Politiker definieren.“ Die Forderungen der Betroffenen, wenn sie sich überhaupt in Parteien, Gewerkschaften oder Verbänden artikulieren, gehen in „einem Wust sonstiger Forderungen“ unter.

In radikaler Form wird die Kritik an einer hermetisch abgeschlossenen Parteiendemokratie, die keine echten Beteiligungsmöglichkeiten mehr bietet, derzeit vom postdemokratischen Diskurs aufgegriffen, der mit Beginn des neuen Jahrtausends entstanden ist. Einer seiner Vordenker, Colin Crouch, spricht in seinem Bändchen „Postdemokratie“, von Langeweile, Frustration und Desillusionierung, die sich ausbreiten würden: „Alle Parteien mußten erfahren, daß sie dadurch verwundbar werden. Diese Entwicklung steckt hinter vielen der Korruptionsskandale, die Parteien jeder Couleur in allen Industriestaaten in Mitleidenschaft gezogen haben. Sobald die Vorstellung davon, was den öffentlichen Dienst auszeichnet, der Lächerlichkeit und dem Zynismus preisgegeben und das persönliche Profitstreben zum höchsten Ziel des Menschen stilisiert worden ist, muß man damit rechnen, daß Politiker, Berater und andere es für einen wichtigen und gänzlich legitimen Aspekt ihrer Beteiligung am politischen Leben halten, Einfluß gewinnbringend zu verkaufen.“ Zwar überlebten die formalen Merkmale der Demokratie, doch verlagerten sich die Arenen der politischen Entscheidung: Nicht mehr der Bürger, sondern Interessengruppen hätten das Sagen. Die Wahlbürger würden durch professionelles „change management“ gelenkt; die Politiker imitierten die Regeln des Showbusiness und Marketing.

In der Folge verändere sich die Organisationsstruktur der Partei: Diese bilde nicht mehr ein Modell konzentrischer Kreise, dessen innerer Zirkel durch die Führungsspitze gebildet wird, um den sich dann die weiteren Kreise der professionellen Aktivisten, ehrenamtlichen Funktionäre und Partei­mitglieder ziehen. Ausweiten würden sich die Berater- und Lobbyistenzirkel im Umfeld der führen­den Politiker. Im Zuge der Massenakademisierung dürfte der intermediäre öffentliche Bereich weiter an Einfluss gewinnen. Es entstehe eine Ellipse aus politischen Entscheidungsträgern und Beratern.

Haben sich die Parteien somit überholt? Parteien sind in erster Linie freie Zusammenschlüsse von Bürgern zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele. Ihre Ausschaltung wäre nur um den Preis der Freiheit möglich. Dieser Überzeugung gab zu Beginn der Moderne James Madison im zehnten Artikel der „Federalist Papers“ an prominenter Stelle und auf klassische Weise Ausdruck. Die Zeitungsserie gilt als erster Verfassungskommentar der USA. Madison schrieb damals: „Der Einsatz für religiöse, politische und andere Überzeugungen in Wort und Tat, die Bindung an verschiedene politische Führer, die voller Ehrgeiz um Vorherrschaft und Macht ringen, oder an andere Persönlichkeiten, deren Schicksal die menschlichen Leidenschaften erregt haben – all dies hat die Menschheit immer wieder in Parteien gespalten, sie mit Feindseligkeit gegeneinander erfüllt und sie dazu gebracht, einander eher zu peinigen und zu unterdrücken als um des gemeinsamen Wohls willen zusammenzuarbeiten.“

Die Einschätzung ist deutlich: Parteiungen sind ein Übel. Doch ist Madison davon überzeugt, dass es unter den Menschen immer unterschiedliche Meinungen und Leidenschaften geben werde, solange der Mensch seine Freiheit gebraucht. Keiner Regierung sei es erlaubt, eine Gleichheit an Interessen vorzuschreiben oder gar durchzusetzen: „Freiheit ist für Parteiungen, was die Luft für das Feuer ist; die Nahrung, ohne die es augenblicklich erlischt.“ Im freiheitlichen Gemeinwesen könne es nicht darum gehen, die Ursachen von Partei­ungen zu beseitigen, sondern allein über „Mittel zur Kontrolle ihrer Wirkungen“ nachzudenken.

Parteien sind in der repräsentativen Demokratie in erster Linie weltanschauliche, wertorientierte Gruppierungen mit einem politischen Gesamtprogramm und nicht bloße Interessenverbände. Die Parteien bilden einen wichtigen Transmissionsriemen zwischen gesellschaftlicher und politischer Willensbildung. Ihnen obliegt die Aufgabe, gesellschaftliche Interessen auszuhandeln, zu durchsetzungsfähigen Programmen zu bündeln und getroffene Entscheidungen nachträglich kommunikativ zu vermitteln.

Teil II: Mehr Gemeinsamkeiten als gedacht – Studentische Verbindungen und Parteien

Das deutsche Korporationsstudententum verdankt sich der nach staatlicher Einheit und Freiheit strebenden Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts, die sich als Antwort auf Napoleon unter Studenten formierte. Als Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften von Studenten und Alten Herren mit Studienabschluss fördern diese unter ihren Mitgliedern ein akademisches Bildungsideal und sittliches Verantwortungsgefühl. Studentische Korporationen haben keinen parteipolitischen Auftrag. Doch vermitteln sie ihren Mitgliedern gehaltvolle soziale Erfahrungen und bieten dem jungen Studenten Hilfestellung, diese geistig zu verarbeiten. Auf diese Weise vermitteln studentische Korporationen wichtige Bildungs- und Sozialisationserfahrungen, die für politisches Engagement fruchtbar gemacht werden können. In ihnen lernen junge Menschen beispielsweise Verantwortungsgefühl, Organisationstalent, Gesprächs- und Diskussionsfähigkeit, Kompromissfähigkeit und Zusammenhalt. Dabei geht es um mehr als funktionales Wissen oder formale Fähigkeiten. Es geht um Vermittlung eines geistigen Orientierungswissens, um Gemeinwohlbindung und um den Aufbau einer sittlichen Haltung, die daran interessiert ist, die Selbstbestimmung des anderen zu fördern und seine Freiheit zu stärken. In studentischen Korporationen geschieht dies in der schöpferischen Auseinandersetzung mit Werten und Traditionen, durch die Einübung von Regeln, das Ringen um gemeinsame Überzeugungen und durch Einbindung in eine konkrete Verantwortungsgemeinschaft, die ein Leben lang trägt. Dies geschieht im Rahmen basisdemokratischer Entscheidungen; in den Conventen studentischer Verbindungen wurde eine demokratische Kultur der Willensbildung und Entscheidungsfindung schon lange vor Einführung der Demokratie als Staatsform praktiziert.

Dies alles mag für viele Zeitgenossen (nicht in unserem Kreis) antiquiert klingen, ist aber äußerst aktuell. Denn eine Politik, der die Bindung an ein tragfähiges Orientierungswissen verloren geht, wird insgesamt schnelllebiger, sprunghafter und unberechenbarer, ausgerichtet an medialen Stimmungen und kurzatmigen Umfragetrends. Aktuelle Beispiele gibt es in der Politik zuhauf. Der politische „Pragmatiker des Augenblicks“ (Thomas Leif), der seine Entscheidungen nur noch an momentanen, medial beherrschten Stimmungen ausrichtet und auch noch in immer kürzeren Abständen revidiert – alles frei nach dem Motto: „Hier stehe ich, ich kann auch jederzeit anders“ –, verspielt das Zutrauen in seine Kompetenz und schränkt seine eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielräume dadurch selbst ein. Politische Durchsetzungsfähigkeit hängt nicht nur von der richtigen Strategie und Taktik ab, so wichtig beide für das Durchsetzen von Interessen und das Herstellen hierfür notwendiger Mehrheiten auch sind. Der nicht selten beklagte Vertrauensverlust in die Steuerungsfähigkeit und Problemlösekompetenz der politischen Akteure zeigt die Auswirkungen einer Politik, der langfristige Orientierungen verloren zu gehen scheinen.

Politische Parteien könnten von den Erfahrungen, dem Engagement und dem Orientierungswissen ihrer korporierten Mitglieder profitieren. Überdies zeigen sich bei genauerem Hinsehen deutliche Parallelen zwischen Parteien und Verbindungen. Die Mitgliederpartei vermittelt wichtige politische Sozialisationserfahrungen. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen technischer und strategischer Politikfähigkeiten, sondern auch um die Weitergabe gemeinsam geteilter Traditionen und politischer Werte. So garantieren Parteien dem politischen Prozess über den Weg kollektiver Selbstregulierung ein bestimmtes Maß an Wertebindung und die kontinuierliche Weitergabe „kollektiv gespeicherter“ Erfahrungen. Dem kulturethischen Wissen, das die Parteien vermitteln, kommt eine nicht zu unterschätzende kulturstaatliche Orientierungsfunktion zu: Erst auf Basis einer solchen Wertgrundlage wird die Politik zu nachhaltigen Entscheidungen fähig und ist eine verlässliche Organisation des politischen Prozesses möglich.

In der SPD gründet dieses Bedeutung in der Bindung an eine mehr als hundertfünfzigjährige Geschichte, in welcher sich die Partei – nicht selten gegen harte Widerstände – für den Aufbau einer starken sozialen Demokratie eingesetzt hat. Verpflichtet sieht sich die SPD den Werten des Demokratischen Sozialismus: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese Werte müssen sich nach außen sich im Einsatz für den demokratischen Rechts- und Sozialstaat bewähren. Verstehen sich studentische Korporationen als ein generationenübergreifender Lebensbund, hat sich die SPD von ihren Anfängen her gleichfalls als eine starke Gemeinschaft Gleichgesinnter verstanden. Sichtbarer Ausdruck hierfür ist, dass sich Sozialdemokraten gegenseitig als Genossen anreden und – wie Bundesbrüder – einen Duzcomment pflegen. Die politischen Werte, für welche die Partei steht, sollten sich auch in innerparteilicher Solidarität, im Einstehen für die gemeinsamen Überzeugungen und in einem lebendigen Parteileben zeigen.

Teil III: Korporierte Genossen – ein Buchprojekt

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bist heute, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016.

Das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und studentischen Korporationen ist nicht immer einfach gewesen – bis heute. Doch gab es seit Gründung der SPD zu allen Zeiten zahlreiche korporierte Genossen, berühmte und weniger berühmte, die couleurstudentisches und parteipolitisches Engagement miteinander verbanden. An erster Stelle ist hier Ferdinand Lassalle, der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, zu nennen. In nicht wenigen Fällen wird man sogar sagen können, dass die gemeinsame Korporations- und Parteizugehörigkeit mehr als Zufall war, sondern vielmehr eine Quelle gegenseitiger Inspiration bedeutete. Auch dies gilt bis heute, wie der 2006 gegründete Lassalle-Kreis als Netzwerk korporierter Sozialdemokraten deutlich macht. Stellvertretend soll mit dem Band an verstorbene korporierte Sozialdemokraten erinnert werden: an ihr Leben und Wirken, an ihre politischen Leistungen und ihr gesellschaftliches Engagement.

Die getroffene Auswahl versammelt korporierte Genossen von den Anfängen der Partei bis in die Gegenwart, vom Vormärz und das Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland. Die vorgestellten Genossen waren auf Reichs- oder Bundesebene, in der Landes- oder Kommunalpolitik aktiv; einige von ihnen waren maßgeblich am Aufbau der ersten deutschen Republik von Weimar oder am Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Einige mussten den Einsatz für ihre politischen Überzeugung und ihren Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrecht – wie Willy Aron und Adolf Reichwein – mit ihrem Leben bezahlen.

Die gesammelten Lebensbilder repräsentieren überdies unterschiedliche Strömungen und Flügel innerhalb der Partei. In ihnen zeigen sich unterschiedliche persönliche Motive oder Lebenserfahrungen, die dazu geführt haben, warum jemand zur Sozialdemokratie gestoßen ist. Die Portraits zeigen zugleich, auf welch unterschiedliche Weise die Einzelnen ihre Partei- und Korporationszugehörigkeit mit dem Eintreten für weitere gesellschaftliche oder kirchliche Anliegen verbunden haben. Unterschiedlich sind auch die Berufe der korporierten Genossen, die der Band vorstellt. Neben Sozialdemokraten, die ihr berufliches Leben vollständig der Politik widmeten, begegnen zum Beispiel Journalisten, Juristen, Manager, Pädagogen oder Wissenschaftler.

Vor der Drucklegung mussten in einzelnen Fällen aktuelle politisch-historische Kontroversen, ausgelöst durch neuere biographische Studien, über das Verhalten dargestellter Personen während der NS-Zeit gesichtet werden, was an zwei Beispielen etwas ausführlicher gezeigt werden soll.

So wurde das Lebensbild des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf um ein entsprechendes Kapitel zur Frage „Hinrich Wilhelm Kopf als Unperson? Oder: damnatio memoriae“ ergänzt. Die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen hatte 2013 im Auftrag des Präsidenten des niedersächsischen Landtags den Vorwurf zu untersuchen, inwiefern sich Kopf während der NS-Zeit durch seine Tätigkeit im Auftrag der Haupttreuhandstelle Ost als Treuhänder für das Vermögen von Juden und Geflohenen moralisch schuldig gemacht habe, sodass möglicherweise eine künftige Würdigung als zentrale Gründerfigur des Bundeslandes nicht mehr gerechtfertigt werden könnte. Alexander Voigt und Manfred Blänkner warnen am Ende ihres Lebensbildes im vorliegenden Sammelband vor voreiligen Schlüssen: „Es wäre angesichts der Verdienste des ‚roten Welfen‘ um den demokratischen Aufbau des Landes Niedersachsen angemessen, die belastenden Quellen und deren Interpretation von dritter Seite erneut zu prüfen.“

Im Fall Adolf Reichweins erschien 2007 eine Qualifikationsarbeit mit dem sprechenden Titel „Dienstbares Begleiten und später Widerstand“. Die Verfasserin charakterisiert Reichwein dezidiert als „nationalen Sozialisten“ und hält ihm vor, vor allem durch seine volkskundliche Arbeit, etwa für NS-Dienststellen oder im Warthegau, den Boden für die Durchsetzung nationalsozialistischer Ideen bereitet zu haben. Die These ist erkennbar darauf angelegt, den bestehenden Konsens über Adolf Reichweins Rolle als Reformpädagoge und Widerstandskämpfer zu brechen, wurde in Rezensionen aber immer wieder als einseitig und nicht substanzhaltig zurückgewiesen. Stefan Vogt reiht Reichwein in der Folge jedoch unter die „Jungen Rechten“ ein, die durch ihre Nähe zu nationalsozialistischen Vorstellungen einer sozialistisch orientierten, geeinten Volksgemeinschaft ihren Anteil zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen hätten.

Bei einer Bewertung dürfen zunächst einmal die Unterschiede der Sprach- und Ideenwelt der Weimarer Zeit sowie deren geistig-politischen Anschauungen zu heute nicht übersehen werden. Bei Reichwein betrifft dies etwa seine politisch-weltanschaulichen Vorstellungen über Nation, Volk, Gemeinschaft, Führerprinzip oder die Rolle einer gesellschaftlichen Avantgarde, wie Dieter Wunder in einem Beitrag anlässlich der Vorstellung der Werkausgabe seiner Pädagogischen Schriften herausgearbeitet hat: „Reichwein war ein national denkender Sozialist, der in allen drei ihn besonders interessierenden Feldern der Gegenwart das utopische Gegenbild einer besseren Gesellschaft mit Wirtschaftslenkung, nationaler Versöhnung und neuartiger Demokratie im Kopf hatte.“

Reichwein kam wie andere Pädagogen der damaligen Zeit nicht gänzlich umhin, sich der Sprache der damals herrschenden Ideologie zu bedienen, ohne damit schon sein ganzes pädagogisches Gedankengebäude derselbigen zu unterstellen – im Gegenteil, wie Konrad Vanja betont: „Sprechen doch seine Um­setzun­gen und Inhalte eine andere Sprache, eine Sprache der Nichtausgrenzung, der ethischen Verantwortung und der Beseelung, Gedanken, wie sie vor allem in einer Arbeit an formenden und bil­denden Kräften beim Schüler entfaltet werden können.“

Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth weist nachvollziehbar darauf hin, dass für ein gerechtes Urteil über das Werk Reichweins mehr als die historisch bedingte Semantik heranzuziehen ist: „Wie konnten wir ihn nur in die korrumpierende Nähe der Nazis rücken? Offenbar nur, weil wir allein die Historizität der Semantik, nicht die systematische Spezifik der Argumentation gesehen haben.“

Des Weiteren ist zu bedenken, dass Reichweins politische Vorstellungen zwar – im Gegensatz zu seinem beruflichen Werdegang – eine weitgehende Kontinuität aufweisen, von ihm aber niemals in einer zusammenhängenden Konzeption niedergelegt worden sind. Dieter Wunder ordnet Reichwein innerhalb der sozialistischen Bewegung seiner Zeit jener „Strömung junger ‚bürgerlicher‘ Sozialisten [zu], die, von Wandervogel und Krieg geprägt, für neue Sichtweisen im Gefolge des Bernsteinschen Revisionismus offen waren.“ Der Sozialismus galt Reichwein als jene Zielvorstellung, die versprach, sowohl die sozialen Gegensätze der Zeit, die der Pädagoge nicht zuletzt durch seine Jungarbeiterbildung kennengelernt hatte, aufzuheben als auch die Nation wiederherzustellen und eine neue Gemeinsamkeit des Volkes heraufzuführen. Im Blick auf die Organisation des staatlichen Zusammenlebens vertrat Reichwein in seiner Bildungsarbeit Vorstellungen, die nicht unbedingt denen einer parlamentarischen Demokratie heutiger Prägung entsprachen; bei ihm verbanden sich Vorstellungen einer indirekten Demokratie, wie sie etwa im Kreisauer Kreis erwogen wurden, mit Vorstellungen eines Gildensozialismus: „Dazu passt das von ihm vertretene Führerprinzip. Die unterschiedlichen Interessen werden in dieser Denkrichtung über ein Verhalten, wie es in der Arbeitsgemeinschaft eingeübt wird, überwunden und vermögen dadurch einen einheitlichen Willen zum Ausdruck zu bringen, wie es Rousseaus Demokratie antizipierte und der soziale Realismus praktizierte. Interpretiert man Reichwein in dieser Richtung, so erscheint er als einer der Suchenden, die eine republikfreundliche, aber demokratieferne Haltung aufweisen.“

Nicht verschwiegen werden soll, dass es auch immer wieder zu unüberbrückbaren Konflikten kam, die dazu führten, dass die jeweiligen Betroffenen sich entweder von ihrer Verbindung oder von der SPD trennten. In manchen Fällen lagen der Trennung konkrete Konflikte im Verhältnis zwischen SPD und Verbindungen zugrunde, in anderen Fällen hatte man sich einfach auseinander entwickelt, sei es im persönlichen Verhältnis zur eigenen Korporation oder im gemeinsamen Verständnis sozialdemokratischer Politik. Der Band konzentriert sich auf Genossen, die Zeit ihres Lebens sowohl der SPD als auch ihrer Verbindung die Treue hielten, halten konnten und halten durften. Daher fehlen im Band dann aber auch solche Namen wie Rudolf Breitscheid oder Ernst Reuter.

Nicht zuletzt zeigt sich in den zusammengetragenen Lebensbildern die Vielgestaltigkeit des deutschen Couleurstudentums. Die korporierten Genossen waren Corpsstudenten oder Burschenschafter, Angehöriger paritätischer – jüdisch geprägter – oder christlicher Verbindungen. Am Beispiel Adolf Reichwein zeigt sich, wie der Eintritt in eine Studentenverbindung auch aus der Jugendbewegung erwachsen konnte.

Eines kann das Buch im Letzten aber nicht beantworten (der Rezensent in der F.A.Z. hatte dies als Manko des Bandes angemerkt) – hier wären tiefergehende Forschungen, beispielsweise im Rahmen einer Qualifikationsarbeit notwendig: Wie hat sich die Korporationszugehörigkeit letztlich auf das parteipolitische Engagement ausgewirkt? Welchen Ausschlag hat die korporative Prägung bei politischen Schlüsselentscheidungen gespielt?  Aber selbst bei aufwendiger Recherche wäre es vermutlich nicht möglich, diese Frage aufgrund der Quellenlage befriedigend zu beantworten. Die Lebensbilder sind auf Anregung des früheren Vorsitzenden des Lassalle-Kreises, Alexander Stintzing, über mehrere Jahre hinweg zunächst für die Rubrik „Korporierte Genossen“ auf den Internetseiten des Lassalle-Kreises entstanden (www.lassalle-kreis.de). Eine erste, noch deutlich kleinere Zusammenstellung wurde 2010 anlässlich der Lassalle-Tagung in Tübingen in Manuskriptform an die eigenen Mitglieder herausgegeben. Eine Erweiterung ist geplant, zumindest in der Onlinefassung.

Teil IV: Adolf Reichwein

Reformpädagoge, Volkskundler, Kultuspolitiker und Widerstandskämpfer

(* 3. Oktober 1898 in Bad Ems, + 20. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee)

Adolf Reichwein, in der Weimarer Republik in der Volkshochschulbewegung und Volksschullehrer­bildung tätig, wirkte nach Verlust seiner Professur als Reformpädagoge in Tiefensee, später als Mu­seums­pädagoge am Volkskundemuseum Berlin. Er wurde in einem Schauprozess vom „Volks­gerichts­hof“ als Mitglied des Kreisauer Kreises zum Tode verurteilt. Er gehörte der Akademischen Vereini­gung Marburg an.

Adolf Reichwein (* 3. Oktober 1898 in Bad Ems) entstammte einer sozialdemokratischen Lehrer­familie. Sein reformpädagogisch eingestellter Vater, Karl Gottfried Reichwein, orientierte sich an Pestalozzi. Schon früh unterstützte ihn der Sohn bei  seiner pädagogischen Arbeit an einer einklassigen Volksschule im hessischen Ober-Rosbach oder nahm, als der Vater eingezogen wurde, sogar ersatzweise seine Stelle ein und erhielt so frühe Impulse für seine eigene spätere Tätigkeit als Reformpädagoge. Prägende Jugenderfahrungen waren für Reichwein seine Zeit in der Wandervogel­bewegung, der er sich bereits als Achtjähriger anschloss, und seine Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges an der Ost- und Westfront.

Adolf Reichwein, der sich noch im Kriegseinsatz mit der Volkshochschulidee Grundtvigs beschäftigte, war von der Notwendigkeit einer neuausgerichteten Bildungsarbeit und deren gesellschafts­verändernder Kraft überzeugt. Er gehörte zum linken Flügel der deutschen Reform- und Geisteswissen­schaftlichen Pädagogik. In den nur etwas mehr als zwei Jahrzehnten seiner beruflichen Tätigkeit entwickelte er eigene Reformmodelle sowohl in der Arbeiter-, Lehrer- und Volksschulbildung als auch in der Medien- und Museumspädagogik. Zeitlebens begleiteten ihn die Ideale der Jugendbewegung. Er blieb seinen pädagogischen und politischen Idealen treu bis zum Einsatz seines eigenen Lebens. Ende Juni 1944, kurz vor seiner Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei, mahnte er: „Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des Deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muß es sein. Es ist schon sehr spät, aber noch nicht zu spät.“

Akademischer Werdegang: Reichwein absolvierte nach seiner Ausbildung als Kriegsfreiwilliger die externe Abiturprüfung am Realgymnasium im hessischen Friedberg. Am 5. Dezember 1917 wurde er als Stoßtruppführer bei Cambrai schwer verwundet. Noch während des Lazarettaufenthaltes immatrikulierte er sich im Mai 1918 an der Universität Frankfurt am Main für ein Studium Generale in den Fächern Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie. Dort traf er u. a. auf Franz Oppenheim, Begründer des liberalen Sozialismus, und den „Vater des Arbeitsrechts“, Hugo Sinzheimer, der die Frankfurter Akademie der Arbeit begründete.

1920 wechselte Reichwein für zwei Semester an die Universität Marburg, wo er u. a. Hörer des Pädagogen Paul Natorp und des Literaturkritikers Friedrich Wolters war.

Dort schloss sich Reichwein der Akademischen Vereinigung Marburg an, einer 1912 gegründeten reformierten Studentenverbindung, in der sich viele ehemalige „Wandervögel“ sammelten. Hatte die Akademische Vereinigung 1913 den Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner mitausgerichtet, zog sie sich nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Verbandsleben der Freideutschen Jugend zurück. Reichweins Verbindung trug keine Farben und lehnte das Duell- und Kneipwesen ab, übernahm aber traditionelle Bezeichnungen wie „Fux“ und „Fuxmajor“ und folgte wie andere Korporationen auch dem Konventsprinzip. Bei Neuaufnahmen verzichtete man bewusst auf das Einstimmigkeitsprinzip, da man ausdrücklich Mitglieder unterschiedlicher Meinungen vereinigen wollte. 1955 schloss sich der Bund mit einer weiteren Marburger Verbindung zur Akademischen Vereinigung Sodalitas Philippina Marburg zusammen.

Durch Eintritt in die Akademische Vereinigung schloss Reichwein Freundschaft mit Robert von Erdberg und Hans Bohnenkamp, die seinen pädagogischen Werdegang intensiv begleiten sollten. Auf Anregung von Erdbergs wurde Reichwein 1921 nach Abschluss des Studiums Geschäftsführer des Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigungen in Berlin. Bohnenkamp, später Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen, wird einmal die Aufgabe übernehmen, bereits 1951 das Hauptwerk „Schaffendes Schulvolk“ seines Freundes Reichwein neu aufzulegen und das Andenken an sein pädagogisches Erbe zu sichern. Im Rückblick schrieb er über seinen ermordeten Freund: „Er konnte hinreißend erzählen. Seine erlebten Geschichten standen jede für sich in einer Atmosphäre von Licht und Frische, Untergründiges klang leise mit, aber der Hauptklang war fröhliche Güte.“

1923 wurde Reichwein mit einer Arbeit unter dem Titel „China und Europa. Geistige und künstlerische Beziehungen im 18. Jahrhundert“ in Marburg zum Dr. phil. promoviert. Er war publizistisch für die von Hermann Hesse herausgegebene Zeitschrift „Vivos Voco“ und die „Sozialistischen Monatshefte“ tätig. In den Jahren 1926 und 1927 unternahm er eine Forschungsreise, die ihn über die USA, Kanada und Alaska bis nach Japan, China und den Philippinen führte und die er später in zahlreichen wirtschafts­wissenschaftlichen, länderkundlichen und jugendliterarischen Publikationen auswertete (z. B. Die Rohstoffwirtschaft der Erde, Jena 1928).

Pädagogischer Werdegang: Im April 1919 lernte Reichwein auf einem Volkshochschulkurs in Darmstadt die Methode der Arbeitsgemeinschaft kennen. Im Sommer 1921 führte er selbst eine vierwöchige Arbeitsgemeinschaft von Studenten und Jungarbeitern in Bodenrod im Taunus durch; der Aufruf hierzu erfolgte über die „Ockershäuser Blätter“ der Akademischen Vereinigung Marburg. Sein erstes pädagogisches Schaffen widmete Reichwein bis 1929 der Arbeiterbildung. Er koordinierte zunächst auf Vorschlag Wilhelm Flitners als Geschäftsführer die überörtliche Volkshochschule Thüringen (1923 – 1925), später wurde er Leiter der Volkshochschule Jena (1925 – 1929). In dieser Zeit entwickelte und erprobte er, ausgehend von seinen Erfahrungen in der Jugendbewegung, eine eigene Arbeiterbildungskonzeption, die durch eine Einheit von Lernen, Arbeit, Leben und Erleben geprägt war. Die bisherigen Vorträge wurden durch Arbeitsgemeinschaften in Kleingruppen ersetzt, die sich aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen widmeten. 1926 gründete er das Jenaer Jungarbeiter­wohnheim „Am Beuthenberg“, 1928 leitete er mit Eugen Rosenstock-Hussey in Schlesien das erste „Löwenberger Arbeitslager“ mit Arbeitern, Bauern und Studenten, wo er bereits einige der späteren Freunde aus dem Kreisauer Kreis kennenlernte. Im Sommer desselben Jahres folgte eine zweimonatige Expedition mit zwölf Jungarbeitern nach Skandinavien.

Im April 1929 wurde Reichwein leitender Pressesprecher und persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, mit dem er gemeinsam die Akademisierung der Volksschullehrerausbildung in Preußen vorantrieb. Als Becker zu Beginn des Jahres 1930 von seinem Ministeramt zurücktreten musste, reichte Reichwein gleichfalls seinen Rücktritt ein und wurde zum Sommersemester selbst Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an einer der neugegründeten Pädagogischen Akademien in Halle an der Saale. Im April 1933 wurde die „rote Akademie“ geschlossen, Reichwein durch den neuen nationalsozialistischen Volksbildungs­minister Rust als „unerwünschter Hochschullehrer“ beurlaubt.

Reichwein, der anfänglich davon ausging, dass sich auch die neue Regierung wie ihre Vorgänger nicht lange werde halten können, schlug den Ruf auf eine Professur für Wirtschaftsgeographie an der Emigrantenhochschule in Istanbul aus. Stattdessen wurde er Lehrer an der einklassigen Volksschule in Tiefensee, eine Berliner Sommerfrische am Rande der Märkischen Schweiz. In den sechs Jahren seiner dortigen Tätigkeit entwickelte er sein Tiefenseer Schulmodell, das auf der Basis neuhumanistischer Bildungstheorie verschiedene reform­pädagogische Ansätze mit Erfahrungen aus der Jugendbewegung vereinte. Die Schüler lernten in Arbeitsgruppen durch erlebte Praxis und eigenes Schaffen – so auch der Titel, den Reichwein für sein reformpädagogisches Hauptwerk wählte, in dem er seine Tiefenseer Erfahrungen wissenschaftlich aufbereitete: „Schaffendes Schulwerk“ (erstmals Stuttgart/Berlin 1937). Die Kinder erschlossen sich die Welt anhand gemeinsam gebauter Modelle, durch Werks- und Betriebsbesichtigungen, Museumsbesuche, Exkursionen und Ferienfahrten. 1951 schrieb Hans Bohnenkamp im Geleitwort zur Neuausgabe von Reichweins Schulschrift: „Auch die Eltern merkten die seelische Gelöstheit, die diese Schule ihren Kindern gab. Ein Vater, nach seinen Eindrücken befragt, antwortete: ‚Der Professor? Wissen Sie, der hat unsere Kinder frei gemacht.‘“

Parallel begann Reichwein damit, die Möglichkeiten des neuen Mediums Unterrichtsfilm zu erforschen; 1934 wurde die Dorfschule in Tiefensee zur Versuchsschule der neugeschaffenen Reichsstelle für den Unterrichtsfilm erklärt. Sein Werk „Film in der Landschule – Vom Schauen zum Gestalten“ (erstmals Stuttgart/Berlin 1938) wurde zum Standardwerk der frühen Medienpädagogik.

Reichwein war ein Mensch, der stets neugierig blieb und das Leben liebte. Seine lebendige und mitreißende pädagogische Arbeit konnte auch von Gegnern nicht infrage gestellt werden, wie drei Schulinspektionen belegten. Wolfgang Klafki urteilt über Reichweins pädagogisches Wirken in schwerer Zeit, bei dem er oft bis an die Grenze seiner Kraft ging:

„Es ist eine einmalige, unvergleichliche Leistung, daß Reichwein seine einklassige Landschule in Tiefensee in der Mark Brandenburg als eine humane Kinder- und Jugendschule unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems gestaltet hat, als eine weltoffene pädagogische Provinz, in der er – Ansätze der reformpädagogischen Bewegung aufgreifend und in origineller Weise fortführend – eine im Kern antinazistische Erziehung durch reich differenzierten, erfahrungs- und handlungsbetonten Unterricht und ein vielgestaltiges Schulleben entwickelte.“

Reichwein wollte sich zunächst politisch nicht exponieren, nutzte 1938 aber die Möglichkeit zu einer vierwöchigen Vortragsreise nach England, wo er über das „Ländliche Erziehungswesen in Deutschland“ referierte. Sein politischer Wille, der sein pädagogisches Wirken stets geleitet hatte, blieb jedoch wach. Je länger der Nationalsozialismus herrschte, desto stärker drängte es ihn, unmittelbarer im Widerstand zu wirken. So ließ er sich im Mai 1939 an das Staatliche Museum für deutsche Volkskunde in Berlin beurlauben und übernahm dort die Leitung der museums­pädagogischen Abteilung. Hatte er sich schon als Lehrer im Zusammenhang mit den Holz- und Webarbeiten seiner Schüler mit Fragen des Volkshandwerks und der Volkskunst beschäftigt, organisierte er nun vier große Schulausstellungen sowie Führungen und Praktika für Lehrer. Selbst unternahm Reichwein in dieser Zeit mehr als hundert museumspädagogische Vortrags- und Seminarreisen, die er auch zu oppositionellen Kontakten nutzte.

Politischer Werdegang: Obwohl Reichwein einer sozialdemokratischen Familie entstammte und Kontakt zum Kreis von Reformsozialisten hielt, der sich um die „Neuen Blätter für den Sozialismus“ gesammelt hatte und zu dem u. a. Paul Tillich, Fritz Klatt und Eduard Heimann zählten, trat er zunächst nicht der Sozialdemokratischen Partei bei. Mit seiner Sympathie für einen berufsständischen Gildesozialismus stand Reichwein am Rande der sozialdemokratischen Bewegung. Zum Parteieintritt entschloss er sich – gegen den Rat einzelner Freunde – erst im Oktober 1930 unter dem Eindruck der Wahlerfolge der Nationalsozialisten. In der SPD sah Reichwein, der als Hochschullehrer sich stets ausdrücklich zur Weimarer Republik bekannt hatte, die einzige realistische politische Option, der es noch gelingen könnte, „den neuen, lebensgefährlichen Kollektivismus der Blutjünger“ zu stoppen – so in einem Brief an seinen Freund, den Romanisten Ernst Robert Curtius.

Horst von Einsiedel knüpfte den Kontakt zu Reichwein, als sich 1938 ein oppositionell gesinnter Freundeskreis um Hellmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg bildete. Der ehemalige Akademieprofessor wurde als Kultusminister einer Regierung nach Hitler angesehen und war maßgeblich am kulturpolitischen Programm der Widerstandsgruppe beteiligt. Die Briefe von Moltkes sprechen davon, dass beide sich rund fünfzig Mal trafen, nach der Ausbombung in Berlin siedelte die Familie Reichwein 1943 gänzlich nach Kreisau auf das schlesische Gut von Moltkes über. Reichwein nahm an zwei der drei großen Tagungen des Kreisauer Kreises teil.

Im Juni 1944 war Reichwein maßgeblich an einem Berliner Treffen mit Vertretern der illegalen Kommunistischen Partei beteiligt. Die Zusammenkunft wurde durch einen Spitzel, Ernst Rambow, verraten. Reichwein wurde daraufhin am 4. Juli 1944 auf dem S-Bahnhof Berlin-Heerstraße verhaftet und zunächst in die Strafanstalt Berlin-Görden eingeliefert. Durch Folter versuchte man, ihn dazu zu bringen, andere Mitverschwörer zu belasten. Der Schauprozess vor dem „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler, in dem Adolf Reichwein, Julius Leber und Hermann Maaß zum Tod durch den Strang verurteilt wurden, begann am 20. Oktober 1944 um 8 Uhr im Kammergericht in Berlin-Schöneberg. Noch am Nachmittag desselben Tages wurde das Unrechtsurteil in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Reichwein war davon überzeugt, dass Kultur und Bildung eine starke politische Bedeutung haben. Reichwein ging es um eine innere Schulreform, doch beschäftigte er sich auch mit Fragen des Schulsystems, die er unter den Bedingungen des Nationalsozialismus jedoch nicht öffentlich vorantreiben konnte. Hätte er die Zeit der Diktatur überlebt, so wäre er sicher zu einer wichtigen Stimme beim Wiederaufbau eines demokratischen Bildungswesens geworden. Bei seinem Abschied aus Tiefensee schrieb er jedem Kind eine eigens gedichtete Losung ins Poesiealbum. Eine davon ist so etwas wie eine Kurzform seines pädagogischen Vermächtnisses, dem er bis zum Tod treu blieb:

              „Richte immer die Gedanken

              Fest und ohne schwaches Schwanken

              Auf das selbst gewählte Ziel!

              Hilft das Herz als Kompaß viel,

              Weist die Richtung in der Stille,

              Soll der selbst gestählte Wille

              Doch Dich stärken, fest zu halten

              Und dein Leben zu gestalten

              Nach den großen Tugendbildern,

              Die des Lebens Härte mildern:

              Güte allen Menschen zeigen,

              Wahrheit gegen jedermann,

              über andrer Fehler schweigen,

              Und nur wollen, was man kann.“

Schlaglicht: Doktorplagiate rechtfertigen keinen kulturellen Kahlschlag

Und wieder wird die Axt an den traditionellen Bestand unserer Kultur- und Geistesordnung angelegt: So weit kommt es noch – weil Politiker fälschen und bestimmte Professoren mitmachen, sollen alle auf ihren Doktortitel verzichten:

https://www.zeit.de/2021/02/promotionsverfahren-doktortitel-macht-buerokratie?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Ich weiß schon, warum ich bereits vor einigen Jahren die ZEIT abbestellt habe, auch so ein sinkendes „Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus“. Es ist schon mehr als erstaunlich, wenn nicht sogar schwer erträglich, wie wenig Achtung hier ein Professor vor der Wissenschaft zeigt. Leider sinkt nicht allein im Journalismus das Niveau, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Teilpraxen. Es scheint so. als wolle der Kollege aus dem Wissenschaftszentrum Berlin beweisen, dass man am besten auch noch gleich den Professorentitel abschaffen sollte, weil dieser keine Aussagekraft mehr zu besitzen scheint.