„Es braucht pädagogisch die Arbeit an den kulturstaatlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens. Nationale Selbstvergewisserung und ein gemeinsames kulturelles Identitätsbewusstsein, das hilft, auch Krisenzeiten des Staates und seiner Institutionen zu überstehen, und die eigenen Werte im beschleunigten Wandel zu bewahren, braucht ein starkes geistig-moralisches Fundament. Andernfalls droht die Res publica in eine bloße Zweckgemeinschaft, in globalistische Profillosigkeit oder wertrelativistische Beliebigkeit abzudriften. Es liegt an uns, einem freiheitsfeindlichen Nihilismus zu wehren, die christlich-abendländische Tradition unter den Bedingungen unserer Zeit zu profilieren, lebendig zu tradieren und die ethisch-kulturellen Triebkräfte unseres Zusammenlebens zu erneuern.
Dieses geistige Fundament wird Künstliche Intelligenz gerade nicht herstellen können. KI kann allenfalls die Effekte jener Traditionslinien an Kultur und Religion, an Identität und Sinn nachstellen, aus denen sich ein humanes Zusammenleben speist. Sie kann solche Traditionslinien aber nicht begründen. Hierfür braucht es eine konservative, eben werterhaltende, Pädagogik, die mehr sein muss als inhaltsentleerte Kompetenzvermittlung oder bloße Lehr-Lern-Prozessbegleitung. Es braucht eine erneuerte Bildung, die zur Selbstbestimmung befähigen will, die zum Selberdenken anleitet und groß vom Individuum denkt, und es braucht nicht minder neuen Mut zu einer Erziehung, die dazu ermutigt, das Gelernte zu werten, dem Gelernten Sinn zu verleihen und zu fragen, wie dieses lebensdienlich und gemeinwohlförderlich eingesetzt werden kann.“
Die Initiatoren von „Theologia dissidens“, Therese Feiler und Lukas Hillmer, schreiben über ihr Projekt:
„Als Plattform für dissidente Theologen (generisches Maskulinum!) und theologisch Versierte gleichermaßen versammelt ThD Autoren aus allen großen Konfessionen. Sie ist damit katholisch im besten Sinn. Wir sind römisch-katholisch, evangelisch, lutherisch, anglikanisch, aber auch orthodox. Dabei singen wir nicht das Kumbayah einer fluffig-harmlosen Ökumene. Wir sehen die Differenzen – und auch die Unterschiede zwischen den Differenzen. Das gilt ebenfalls für die zu anderen Religionen.
Zu guter Letzt ein Wort zu unserem Logo. Es zeigt eine Skulptur im Halberstädter Dom, laut einem älteren Katalog ein Engel. Freundlich und verschmitzt lächelnd spendet er Segen. Bei allen Härten der Gegenwart repräsentiert er für uns den guten „Geist, der aus Rissen und Sprüngen entweicht“ (Botho Strauß).“
Im Sommer 2025 trafen sich Philosophen und Theologen am Bamberger Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Patrologie (Prof. Dr. Peter Bruns) zu den ersten „Bamberger Sondierungen zur Metaphysik“. Der Titel ist Programm: Es ging um Sondierungen zu einer Wiederentdeckung metaphysischer Fragestellungen. Es ging um Grundlagenfragen, aber auch ganz bewusst um gesellschaftliche Bezüge, verknüpft mit Perspektiven aus Pädagogik, Sozialethik oder Wissenschaftstheorie. Und es geht – denn die Tagungsreihe soll in diesem Herbst fortgesetzt werden.
Druckfrisch ist der erste Tagungsband erschienen:
Jan Dochhorn (Hg.): Bamberger Sondierungen zur Metaphysik. Erste Folge (Philosophie interdisziplinär; 60), Regensburg: S. Roderer 2026.
Autoren des Bandes sind Jan Dochhorn (Durham), Meik Gerhards (Berlin), Salvatore Lavecchia (Udine), Moritz René Pretzsch (Kassel), Harald Schwaetzer (Stuttgart), Matthias Scherbaum (Bamberg) sowie Axel Bernd Kunze (Bonn).
Aus bildungsethischer Sicht darf ich auf folgenden Beitrag im Band hinweisen:
Axel Bernd Kunze: Schafft sich der Kulturstaat seine eigenen Grundlagen? – Überlegungen aus bildungsethischer Perspektive, in: ebd., S. 203 – 224.
Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker erinnert auf seiner Internetseite an die Wiedergründung des Schwarzburgbundes vor fünfundsiebzig Jahren. Das Jubiläum wurde mit einem Festkommers am Samstag vor Pfingsten in Bad Hersfeld gefeiert:
Der Schwarzburgbund (SB) war der Korporationsverband in Deutschland, der dank des Einsatzes seines von 1936 bis 1939 amtierenden Vorsitzenden, Jochen Sievers, am längsten noch eine Verbandstagung abhalten durfte – allerdings unter der Verpflichtung, sich selbst im Rahmen der Schwarzburgtagung 1939 aufzulösen. Die Wiedergründung nach Ende des Nationalsozialismus erfolgte 1951, also vor fünfundsiebzig Jahren.
Dieses Wiedergründungsjubiläum wurde 2026 auf der Schwarzburgtagung (SBT) in Bad Hersfeld festlich begangen: mit einem Empfang im Staudengarten des Stiftsbezirkes, einer Totenehrung am Verbandsdenkmal und einem Festkommers in der Schilde-Halle.
Der Schwarzburgbund wurde 1887 im thüringischen Schwarzburg gegründet. Gründungsmitglieder waren die Uttenruthia Erlangen, die älteste nichtschlagende Verbindung in Deutschland, die Tuiskonia Halle, die Nordalbingia Leipzig und die Sedinia Greifswald, allesamt Korporationen, die stark von evangelischen Theologen geprägt waren. Der Bund vereint nichtschlagende, christliche, in urburschenschaftlicher Tradition stehende Studentenverbindungen unterschiedlicher Ausrichtung, darunter etwa Schwarzburgverbindungen, Burschenschaften, Landsmannschaften und auch eine Damenverbindung. Als föderalistischer Dachverband genießen die Mitgliedsbünde eine hohe Selbständigkeit und pflegen jeweils ihr eigenes, spezifisches Profil. Gegenwärtig zählt der Schwarzburgbund einundzwanzig aktive und fünfzehn vertagte Bünde. Der Korporationsverband versteht sich nicht als Dachverband, sondern als Bund, weshalb alle Mitglieder in einem bundesbrüderlichen Verhältnis zueinander stehen. In seinen Grundsätzen, die 2006 neu gefasst wurden, bekennt sich der Schwarzburgbund zum Christianum, zum Mäßigkeits-, Lebensbund-, Wissenschaftlichkeits- und Vaterlandsprinzip sowie zum Anspruch auf Persönlichkeitsbildung.
War der Bund mit seiner alle zwei Jahre stattfindenden Schwarzburgtagung in den Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder in seine Bundesheimat nach Schwarzburg im Thüringerwald zurückgekehrt, zeigte sich, dass dort mittlerweile die Infrastruktur für eine solche Großveranstaltung leider nicht mehr gegeben ist. So kehrte die Jubiläumstagung 2026 wieder ins hessische Bad Hersfeld zurück, dem Ausweichort in Zeiten der deutschen Teilung. Noch heute findet sich in Stadtmauernähe ein Denkmal des Schwarzburgbundes in Erinnerung an die verstorbenen Bundesbrüder.
Sehr erfreulich war, wie herzlich die Bürgermeisterin der osthessischen Kreis-, Festspiel- und Kurstadt Bad Hersfeld, Anke Hofmann, in ihrem Grußwort im Rahmen des Festkommerses den Schwarzburgbund wieder in Bad Hersfeld willkommen hieß: ein Zeichen, das heute nicht mehr in allen Städten selbstverständlich ist. Jonas van Horrick (Burschenschaft Rheno-Germania Bonn und Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg), der vor Ort ansässig ist, erhielt für seinen Einsatz, die Schwarzburgtagung wieder in Bad Hersfeld abhalten zu können, am Abend einen Ehrenzipfel des Schwarzburgbundes verliehen.
Zwei Ereignisse zeichneten den Festkommers anlässlich der Wiedergründung vor fünfundsiebzig Jahren aus: Zum einen wurde die nichtschlagende, gemischte Europäische Studentenverbindung Robert Schumann Argentorata (RSA) aus Straßburg, welche die Farben blau-gelb auf silbernem Grund trägt, feierlich aufgenommen. Die unter dem Namen Alsatia gegründete Verbindung trägt den heutigen Namen seit 1996. Der Schwarzburgbund kehrt damit ins Elsaß zurück, wo er schon früher mit der Schwarzburgverbindung Wilhelmitana vertreten war. Bekanntester Bundesbruder der Wilhelmitana war der Theologe, Musikwissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, der vor allem als „Urwalddoktor“ und seine medizinische Tätigkeit in Lambarene im damaligen Französisch-Äquatorialafrika bekannt wurde. Der Altherrenverein der Wilhelmitana löste sich 1985 auf.
Zum anderen wurde der zweite Teil des Festkommerses erstmals von einer Bundeschargia und nicht vom neuen Vorort geleitet. Der Schwarzburgbund folgt damit anderen Dachverbänden, die nicht mehr von einer einzigen präsidführenden Mitgliedsverbindung geleitet werden, sondern neuerdings durch eine aus unterschiedlichen Verbindungen sich rekrutierende Chargia.
Die Festrede im Rahmen des Wiedergründungskommerses hielt der Sozial- und Bildungsethiker Axel Bernd Kunze, der als Privatdozent an der Universität Bonn lehrt – zu einem sehr aktuellen Thema: Künstliche Intelligenz und ihr Einsatz in der Schule. Die Geltungsansprüche generierter Chatbottexte kritisch zu prüfen, sei notwendig, wenn der Unterricht die Schüler zur Autonomie befähigen sollte, zeigte sich der Erziehungswissenschaftler überzeugt. Wörtlich sagte er: „Kleiner geht es nicht. Und dies gilt digital wie analog. Insofern braucht es keine neue Bildung oder Ethik 4.0, sondern Klarheit über das, was Lehrerhandeln im Kern schon immer war und bleiben muss: Denn verweigern sich Lehrkräfte der Aufgabe, die Schüler dazu aufzufordern und anzuleiten, nach Gründen zu verlangen, Geltungsansprüche zu prüfen und ebenso Gründe für eigene Äußerungen im Unterricht zu geben, werden sie ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht gerecht.“ Wir sollten uns, so Kunze, nicht vor Künstlicher Intelligenz fürchten, sondern vor einer Gesellschaft, die das Denken verlernt.
Und hier, so der Festredner zum Abschluss seines Vortrags, besitzen Studentenverbindungen eine wichtige Aufgabe: Denn gerade sie könnten Bildungsorte sein, in denen eine akademische Kultur des Selberdenkens gepflegt und gelebt wird. Kunze gab sich überzeugt: „Dies wäre ein zeitgemäßes, ein emanzipatorisches, vielleicht heute mutiges Programm.“
Ad multos annos!
Abbildung: Festkommers im Rahmen der Schwarzburgtagung 2026 (Bad Hersfeld, Schilde-Halle, 23. Mai 2026), im Vordergrund der Festredner, Privatdozent Dr. Axel Bernd Kunze (Redaktion „Die Schwarzburg“, M. Frenkler).
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im Juli 2026 ein Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften veröffentlicht. Das Papier stellt vier Fragen: I. Welche Ziele werden mit den Angriffen auf die Wissenschaften und ihre Freiheit verfolgt?, II. Wo sind die Wissenschaften verwundbar?, III. Welche Faktoren begünstigen die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit?, IV. Wo kann gehandelt werden?
Die Wissenschaftsfreiheit sichert dem akademischen Tun eine starke Autonomie – wenn diese tatsächlich gelebt wird. Im zweiten Kapitel nennt das Papier verschiedene Punkte, in denen wissenschaftliche Akteure sich angreifbar machen und auf diese Weise dann auch das Anliegen der Wissenschaftsfreiheit gefährden können. Es geht um „Cancel Culture“ und Aktivismus von Wissenschaftlern, die Gefahr der Instrumentalisierung oder Abschottung, fehlende Selbstreflexion – auch und gerade über das eigene Verständnis von Wissenschaft – und mangelnde Selbstkontrolle, um Abhängigkeit und finanzielle Risiken. Dem möchte man zustimmen. Aber die Ausführungen würden glaubwürdiger klingen, wenn sie nicht einleitend gleich „geframed“ würden, und zwar durch ein Framing, das deutliche Ressentiments gegenüber den Wissenschaftskritikern offenbart. Stellen diese immer schon gleich „die Wissenschaft“ und „die Wissenschaftsfreiheit“ infrage? Oder nicht eher die konkrete Form, wie Wissenschaft gegenwärtig institutionalisiert ist und im öffentlichen Diskurs zeigt? Statt vorgängig davon auszugehen, dass kritische Stimmen sowieso keine objektiven Fakten und belastbare Schlussfolgerungen auf ihrer Seite haben, würde es guter Wissenschaft entsprechen, diese erst einmal unvoreingenommen zu prüfen und sich diskursiv mit ihnen auseinander zu setzen.
Ja, von „Cancel Culture“ ist die Rede – ein Grund, weshalb wissenschaftliche Akteure heute Kritik auf sich ziehen. Aber die Aussagen zu diesem breit diskutierten Phänomen wiegeln von vornherein ab: Kritik in der Sache werde gern zu einem Ausdruck von „Cancel Culture“ umgebogen. Auch wenn man gleich darauf mehr Selbstreflexion der wissenschaftlichen Akteure einfordert, fällt diese hier aus. Bei zwei weiteren Themen gibt allein Leerstellen zu vermerken. Nicht thematisiert wird die problematische Rolle von Fachgesellschaften, die andersdenkende Stimmen durch Boykottaufrufe, politisch motivierte Sprachregelungen oder Unvereinbarkeitsbeschlüsse von vornherein aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausschließen. Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik boykottiert die Fachzeitschrift „Die Neue Ordnung“, die in der Folge nicht mehr von der Universitätsbibliothek Tübingen im Index theologicus ausgewertet wird. Die Zeitschrift AMOSinternational cancelt Autoren, die sich der Gendersprache verweigern. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft schottet sich mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Anhänger der AfD ab. Eingriffe in die Wissensschaftsfreiheit? Für die DFG nicht. Auch ein Blick auf Wissenschaft steuernde und die Wissenschaftsfreiheit der einzelnen Wissenschaftler beschneidende Leitbilder von Universitäten und Universitätsleitungen fehlt. Dabei kann (kollegiale) Zensur durch Wissenschaft noch problematischer sein als Zensur der Wissenschaft, weil sie unter dem Radar straf- und grundrechtlicher Eingriffe daherkommt.
Und dann gibt es noch eine dritte Leerstelle: der selbstkritische Blick auf sich selbst. Hierzu findet man im DFG-Papier überhaupt nichts.
Pressemitteilung des Bündnisses für humane Bildung vom 13.7.2026
Prof. Zierer: „Wir stecken mitten in einem Bildungsnotstand!“
Klaus Zierer zur aktuellen Lage im Bildungssystem und zu den Handlungsempfehlungen der Prien-Expertenkommission
Offenburg / Stuttgart. Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, stellt in einem ausführlichen Interview mit dem Bündnis für humane Bildung klar, dass aus schulpädagogischer Perspektive wesentliche Empfehlungen der Prien-Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ nicht ausreichend sind und manche sogar in die falsche Richtung gehen.
Die von Bundesbildungsministerin Karin Prien eingesetzte Expertenkommission empfiehlt digitale Bildung bereits in Kindertageseinrichtungen, ein „KI-Seepferdchen“ für Grundschulkinder und eine Altersgrenze von lediglich 13 Jahren für soziale Medien. Dem widerspricht Klaus Zierer: „Hier hatte und habe ich eine dezidiert andere Meinung.“ Die fortschreitende Digitalisierung der frühen Kindheit sei nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Angesichts zunehmender Sprachdefizite, motorischer Auffälligkeiten und sozialer Probleme müsse die Digitalisierung der frühen Bildung gestoppt werden.
Für Klaus Zierer befindet sich die deutsche Bildungspolitik auf dem falschen Weg. Er warnt davor, Digitalisierung mit Bildung zu verwechseln: „Wir stecken mitten in einem Bildungsnotstand.“ Die Vorstellung, dass immer mehr Digitalisierung eine Lösung sei und zu besserer Bildung führe, bezeichnet er als „Irrweg“.
Während der Abschlussbericht die Digitalisierung als pädagogische Aufgabe bereits ab der frühen Kindheit versteht und digitale Kompetenzen möglichst früh fördern will, beschreibt Klaus Zierer genau diese Entwicklung als Ursache der aktuellen Bildungskrise. Es sei zu befürchten, „dass sich der Abwärtstrend weiter verstärken wird. Digitalisierung ist in diesem Zusammenhang, man muss das angesichts der Studienlage so drastisch formulieren, ein Brandbeschleuniger.“ Klaus Zierer fordert stattdessen:
keine digitalen Medien in der Kita,
kein KI-Unterricht in der Grundschule,
spätere Nutzung sozialer Medien (ab 16 Jahren),
Smartphone-Verbote an Schulen,
einen deutlich restriktiveren Umgang mit Tablets und Künstlicher Intelligenz.
Bündnis für humane Bildung fordert öffentliche Debatte
Das Bündnis für humane Bildung sieht sich durch die Aussagen von Klaus Zierer in seiner Kritik bestätigt:
„Das Gutachten und die Handlungsempfehlungen sind eine Mogelpackung“, sagt Ralf Lankau, Sprecher des Bündnisses und Professor für Mediengestaltung, Digitaldesign und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. „Die Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche werden zwar beschrieben, aber statt restriktiver Maßnahmen dienen sie zur Begründung für eine noch frühere und intensivere Nutzung digitaler Endgeräte – und damit faktisch für eine frühe Konditionierung auf Digitalsysteme. Damit kehrt sich die Schutzlogik um. Es ist ein Rettungsversuch des Geschäftsfeldes Bildung für die Industrie und des Zugriffs auf Daten mit dem Ziel der datengesteuerten Schulentwicklung. Das bedient zwar die Interessen der empirischen Bildungsforschung, geht aber an den Bedürfnissen und dem Bildungsanspruch der Schülerinnen und Schüler vorbei. Das Ziel von Erziehung und Unterricht sind gelingende Bildungsbiografien und die Persönlichkeitsentfaltung junger Menschen, die man nicht vollends messen kann, und eben nicht immer mehr Daten über messbare Lernleistungen.“
„Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.“ wird als Zitat meist Albert Einstein zugeschrieben, stammt aber wohl von William Bruce Cameron (1963). Auf die Schule übertragen gilt: Nicht das messbare (Schul-)Wissen ist relevant, sondern das Denken zu lernen und damit auch das selbständige Lernen.
Das Bündnis für humane Bildung fordert Bundesbildungsministerin Karin Prien daher auf, den pädagogisch und gesellschaftlich ungenügenden Handlungsempfehlungen der Kommission nicht zu folgen und stattdessen eine ergebnisoffene und interdisziplinäre Diskussion über Bildungsziele und relevante Vermittlungsmethoden zu eröffnen, an der Erzieher:innen, Kinderärzt:innen, Allgemein- und Fachpädagog:innen, Fachdidaktiker:innen, Psycholog:innen sowie am Gemeinwohl orientierte Vertreter:innen der IT- und KI-Branche vertreten sind.
Burschenschaften, Studentenverbindungen leben von Verbindungen, und zwar analog, nicht digital. Die Orientierungswerte unseres Zusammenlebens zu pflegen und daran mitzuarbeiten, ist eine der vornehmsten Aufgaben der burschenschaftlichen Bewegung. Das Cartell Christlicher Burschenschaften formuliert es in seinen Grundsätzen so: Es geht um „die Pflege des urburschenschaftlichen Gedankengutes christlicher Prägung, die Verbreitung dieser Ideale in der Öffentlichkeit und die Erhaltung des deutschen Verbindungsstudententums in seiner urburschenschaftlichen Ausprägung einschließlich der damit verbundenen Traditionspflege“.
Unsere burschenschaftliche Tradition hat zwei Wurzeln: einerseits die Tradition der Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft und die Einigungsbewegung des neunzehnten Jahrhunderts; andererseits das existentielle Fundament des Christentums. Ideengeschichtlich gehen im Wartburgfest 1817 Luthergedenken und Nationalstaatswerdung Hand in Hand. Der Bezug auf das Christentum war keineswegs kontingent. Er fungierte als geistige Voraussetzung nationaler Selbstfindung und Legitimation einer umfassenden Kulturnation.
Die Geschichte ist weitergegangen; die geistige Rückbindung hat sich entkonfessionalisiert. Die burschenschaftliche Bewegung hat ihre anfängliche protestantisch-nationale Engführung überwunden, so wie es schon Artikel 5 der Grundsätze des Wartburgfestes formulierte und wie es im Konzept einer Bekenntnisökumene gelebt wird: „Die Lehre von der Spaltung Deutschlands in das katholische und in das protestantische Deutschland ist irrig, falsch, unglückselig.“ Diese überkonfessionelle Offenheit der burschenschaftlichen Idee hat sich als Stärke erwiesen. Bedenklich wäre es aber, wenn sich das Bekenntnis zur christlich geprägten Kulturnation nicht entkonfessionalisieren, sondern säkularisieren würde. Die christlichen Wurzeln unserer Kulturnation zu leugnen, wäre geschichtsvergessen.
Die Auseinandersetzung mit den christlichen Wurzeln unserer Kultur muss angesichts der geistigen Herausforderungen unserer Zeit mehr sein als symbolische Selbstvergewisserung und museale Konservierung auf der einen oder eine beliebig austauschbare Option auf der anderen Seite. Nationale Selbstvergewisserung und ein gemeinsames kulturelles Identitätsbewusstsein, das hilft, gerade auch Krisenzeiten des Staates und seiner Institutionen zu überstehen, brauchen ein ethisches Fundament, soll die Nation nicht in eine bloße Zweckgemeinschaft, in globalistische Profillosigkeit oder wertrelativistische Beliebigkeit abdriften. Es liegt an uns, einem freiheitsfeindlichen Nihilismus zu wehren, die christlich-abendländische Tradition unter den Bedingungen unserer Zeit zu profilieren, lebendig zu tradieren und die geistig-moralischen Triebkräfte unseres Zusammenlebens zu erneuern.
Mögen die Burschenschaften auch weiterhin mitbauen am geistigen Fundament einer identitätsbewussten, burschenschaftlich geprägten deutschen Kultur und Nation. Der Wahlspruch GOTT – EHRE – FREIHEIT – VATERLAND, unsere urburschenschaftlichen Ziele und unsere Grundsätze bieten hierfür ein starkes Fundament.
Ich wünsche allen einen guten Semesterabschluss und viel Erfolg für noch ausstehende Prüfungen.
(aus einem Grußwort zur Semesterabschlusskneipe des Sommersemesters 20026)
Abweichende Positionen werden im wissenschaftlichen oder öffentlichen Diskurs gegenwärtig schnell moralisch stigmatisiert, Differenzen nicht mehr im argumentativen Ringen und im diskursiven Streit ausgetragen, sondern von vornherein durch Boykott, Bashing oder Mobbing aus der Diskursarena ausgeschlossen. Wie auf diese Weise Gesprächsblasen entstehen und wie sich Vertreter einer Disziplin gegen andersdenkende Positionen abschotten, demonstriert in diesen Tagen die Christliche Sozialethik – jene Disziplin also, deren Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum, die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik, 2019 einen Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“ verhängte und der traditionsreichen Fachzeitschrift die Wissenschaftlichkeit absprach.
Obgleich Kollegen außerhalb der Fachgesellschaft in einem Offenen Brief dieser Einschätzung widersprachen, wurde die Zeitschrift vom Fachinformationsdienst Index theologicus der Universitätsbibliothek Tübingen ausgelistet, dort publizierte Positionen sollen fortan unsichtbar bleiben. Der Vorgang beschäftigte auch den Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags. Erst im Frühjahr dieses Jahres verteidigte die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins, unter deren Vorsitz der Boykottaufruf verfasst wurde, die damalige Entscheidung der Fachgesellschaft in einer Festrede zum fünfzigjährigen Jubiläum des Index theologicus als Maßnahme der wissenschaftlichen Qualitätssicherung und zum Schutz von Wissenschaftsfreiheit. Dazu gehört schon einiges an Chuzpe. Eine Zensurmaßnahme will die Sozialethikerin nicht erkennen, obgleich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit den Vorgang als Form von „Cancel Culture“ einstuft und in seine Onlinedokumentation aufgenommen hat.
Sprachrohr der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik ist vorrangig die im Herder-Verlag erscheinende Fachzeitschrift „AMOSinternational“. Das aktuelle Themenheft 2/2026 beschäftigt sich mit Postwachstumstheorien (degrowth) – unter dem sprechenden Hefttitel: Wider das Wachstum! Irmi Seidl und Angelika Zahrnt schreiben in dem Heft: „Die Frage, ob eine ausreichende absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch bzw. Umweltschädigung in der nötigen kurzen Frist stattfinden kann, ist zentral. Wachstumskritiker:innen [sic!] sehen keine Hinweise dafür. Ihr Ziel ist, das vorherrschende Wachstumsparadigma mit seinen Dynamiken und Wachstumsabhängigkeiten abzulösen, sodass die ökologischen Grenzen eingehalten, soziale Errungenschaften gesichert und global ausgedehnt werden können, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.“
Kritische Stimmen, etwa ob ein solches Programm volkswirtschaftlich nicht eher Armut befördere, kommen im Themenheft nicht zur Sprache. Postwachstum erscheint als Überlebensfrage der Menschheit.
Anders hingegen ein Beitrag, der zeitgleich in Heft 3/2026 der „Neuen Ordnung“ erschienen ist: Postwachstum – ein sozialethischer Nachruf. Der Kölner Sozialethiker Elmar Nass erklärt die Debatte um Postwachstum für beendet. Postwachstum sei keine Alternative zur vorherrschenden Wirtschaftsordnung gewesen, vielmehr eine gefährliche Utopie.
Vieles ließe sich aus volkswirtschaftlicher Perspektive zu beiden Positionen sagen, doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Pikanterweise zeigt „Die Neue Ordnung“, wie sich in der Debatte um Postwachstum Wissenschaft und Aktivismus untrennbar verbinden. Moment! War nicht gerade dies ein Vorwurf der sozialethischen Fachgesellschaft an die „Neue Ordnung“, weshalb sie diese als unwissenschaftlich verwarf und dort publizierte Stimmen „cancelte“, also aus dem sozialethischen Fachdiskus löschte!? Vielleich könnte man an dieser Stelle von einer wissenschaftlichen Brandmauer sprechen. Im Ergebnis findet jedenfalls kein gemeinsamer Fachdiskurs mehr statt. Es wird nicht mehr um das bessere Argument fair, unvoreingenommen und streitbar gerungen.
Und dies ist kein Zufall, wenn man sich den neuen Newsletter 1/2026 aus dem Institut für Christliche Sozialwissenschaften der, nachdem sie sich ihres Gründers im Namen entledigt hat, nunmehr gesichts- und traditionslosen Universität Münster ansieht. Die neue Institutsdirektorin, Michelle Becka, nutzt diesen als Bühne für eine programmatische Selbstvorstellung. Die Christliche Sozialethik, so lesen wir aus ihrer Feder, solle „zur Unterbrechung und zum immer wieder neuen Anfang“ fähig sein, sich nicht von „einer erstarrten (Diskurs-)Praxis einengen lassen“. Doch wie vorstehend gezeigt, treibt die Disziplin durch ihre „Cancel Culture“ eine solche Praxis gerade selbst voran.
Und wenn die neue Direktorin davon spricht, der nächstjährige Band des Jahrbuches für Christiche Sozialwissenschaften zum Thema „Demokratie und Rechtsautoritarismus“ wolle zur Diskussion einladen, dann wird man wohl auch bei diesem Thema rwarten dürfen, dass die Debatte im engen Rahmen des selbstgesteckten Diskurskorridors verbleibt. Ein Grund, weshalb die eigene Blase kaum verlassen werden dürfte, scheint im Newsletter selbst durch. Denn zwei Aufgaben schreibt Becka der Disziplin und auch sich selbst zu: kritische Analyse und Anklage von Ungerechtigkeit. Auch hier klingt sie an: die problematische Verquickung von Wissenschaft und Aktivismus. Wer den verengten Diskursraum aufbrechen will, sollte zunächst einmal bereit sein, die Position Andersdenkender unvoreingenommen und vor dem Selbstverständis des anderen zur Kenntnis zu nehmen und zu prüfen, und zwar vor jedem Aufruf zum Aktivismus. Denn wer Geltungsansprüche gar nicht erst prüft, sondern Wissenschaft mit Aktivismus verwechselt, wird zwangsläufig zum Getriebenen einer sich immer mehr beschleunigenden Praxis – und zum Liebediener des vorherrschenden Zeitgeistes.