Zwischenruf: Das Wagnis der Transzendenz in der Immanenz

Über die Möglichkeit einer beziehungsorientierten Pädagogik in der Klick- und Kik-Gesellschaft

Von Dr. Hans-Michael Tappen

Wer heute nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erziehung und Bildung fragt, blickt unweigerlich in ein tiefes Paradoxon. Unsere Gegenwart, die sich prägnant als Klick- und Kik-Gesellschaft beschreiben lässt, ist von einer radikalen Verflachung ins Immanente geprägt. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die durch die Unmittelbarkeit des digitalen Klicks und die billige, konsumistische Verwertbarkeit des Kik-Prinzips gesteuert wird. Für uns Pädagogen stellt sich inmitten dieser Dynamik eine fundamentale, fast existenzielle Frage: Wie können wir uns den Jugendlichen von heute wieder auf eine Weise annähern, die sie in ihrer Lebenswelt abholt, ohne dass wir dabei selbst in der reinen Immanenz untergehen?

Um diesen kategorialen Bruch zu verstehen, hilft ein transzendental-kritischer Blick im Geiste Marian Heitgers. Heitger erinnerte uns stets daran, dass Pädagogik kein bloßes Funktionieren, kein technokratisches Abrichten und kein rein biologisches Geschehen ist. Erziehung gründet auf einem personalen Akt, der eine Dimension des Darüber-hinaus – eine Transzendenz – voraussetzt. Janusz Korczaks bahnbrechendes Werk Wie man ein Kind lieben soll ist das gelebte Zeugnis einer solchen Transzendenz. Korczaks Liebe zum Kind war kein sentimentales Gefühl, sondern die Anerkennung einer unantastbaren, metaphysischen Würde im Hier und Jetzt. Das Kind wird bei ihm nicht als zukünftiger Funktionsträger begriffen, sondern als vollwertiges Subjekt im gegenwärtigen Moment.

Demgegenüber sperrt das moderne Immanenzdenken das Kind in einer Schleife der ständigen Optimierung und Sichtbarkeit ein. Das Kind ist, was sich messen, liken und statistisch erfassen lässt. Wo jedoch nur noch das gilt, was unmittelbar da und verwertbar ist, erodiert die Fähigkeit zur Distanzierung und Reflexion. Es kommt zu einem Bruch: Die reizgesteuerte Klick-Welt fordert die sofortige Reaktion, während echte Pädagogik das Innehalten vor dem Geheimnis des Anderen verlangt.

Wie aber lässt sich dieser Bruch überbrücken, ohne in einen wirkungslosen Kulturpessimismus zu verfallen? Ein fruchtbarer Ansatz liegt in einer Neudifferenzierung der altgriechischen Liebesbegriffe, rückgebunden an Korczaks Ethik. Wenn Korczak von Liebe spricht, meint er im Kern Agape – jene bedingungslose, zweckfreie Zuwendung, die das Gegenüber um seiner selbst willen bejaht. In einer Welt, in der Zuwendung meist an die Bedingung eines Likes geknüpft ist, wirkt Agape wie ein heilsames Korrektiv. Flankiert werden muss sie von Philia, der Liebe auf Augenhöhe, die sich in Korczaks Waisenhaus-Justiz als radikale demokratische Partizipation äußerte, und von Storge, der verlässlichen Nestwärme.

Besonders bedeutsam für die heutigen Klick-Kids ist zudem die Philautia, die gesunde Selbstliebe. Korczaks Postulat des Rechts des Kindes auf den heutigen Tag und auf seine eigenen Fehler schützt Jugendliche vor dem permanenten, digital befeuerten Optimierungsdruck. Ergänzt durch das zweckfreie Spiel (Ludus) und die ausdauernde Alltagssorge (Pragma) entsteht hier ein vielschichtiges Beziehungsnetz, das den Erzieherischen Eros – die leidenschaftliche Begeisterung für das Gute und Wahre – allererst entzünden kann.

Dieses Beziehungsnetz erlaubt es uns, das von Marian Heitger beschriebene dialektische Spannungsfeld von Führen und Wachsenlassen für das 21. Jahrhundert neu zu gewichten. Die Klick-Gesellschaft neigt zu einem Zwitterwesen: Einerseits gewährt sie ein digitales Laissez-faire, ein Pseudowachsenlassen, das Kinder den Algorithmen der Konzerne überlässt; andererseits exekutiert sie ein technokratisches Führen durch Leistungstracking. Beides verfehlt die personale Autonomie des Kindes.

Ein echtes Wachsenlassen im Heitger’schen Sinne bedarf des Fundaments von Agape und Philautia: Ich lasse dich wachsen, weil ich dich bedingungslos annehme, damit du eine Stabilität abseits von Klickzahlen entwickeln kannst. Ein gelingendes Führen wiederum darf niemals autoritäre Dressur sein, sondern muss Orientierung stiften. Wenn diese Führung als Philia (dialogische Resonanz auf Augenhöhe) und Pragma (verlässliche Struktur im Alltag) gestaltet wird, bietet sie Jugendlichen genau jenen Halt, den sie in der flüchtigen, digitalen Unverbindlichkeit unbewusst suchen.

Wenn wir diese transzendentale Notwendigkeit anerkennen, stehen wir vor der Frage, wie die pädagogische Praxis unter den Bedingungen der Gegenwart überhaupt gelingen kann. Was muss ein angehender Erzieher heute mitbringen, um dieser Würde des Kindes gerecht zu werden? Er kommt schließlich selbst aus einem laufenden System, das durch Bildungspläne, Dokumentationspflichten und standardisierte Kompetenzraster von einer rein funktionalen Immanenz gesteuert wird. Die Antwort darauf darf keine neue Reihe didaktischer Anweisungen sein – denn Rezepte und Methoden würden den personalen Akt sofort wieder verdinglichen. Es geht nicht um ein neues Verfahren, sondern um eine existenzielle Haltung.

Um sich dem Kind als Subjekt im Sinne von Buber und Heitger zu nähern, bedarf es aufseiten des Pädagogen zuerst der Fähigkeit zur phänomenologischen Enthaltung. Er muss gelernt haben, die Schablonen des Systems – Diagnosen, Defizitberichte, statistische Erwartungen – temporär einzuklammern, um das Kind als Phänomen an sich wahrzunehmen.

Hier liefert Thomas Mikhail mit seiner strukturtheoretischen Untersuchung Bilden und Binden (2009) das kategoriale Fundament für das, was der Erzieher als innere Ausstattung mitbringen muss. Mikhail verdeutlicht, dass gelingendes pädagogisches Handeln immer eine religiöse – im Sinne einer tiefen existentiellen Rückbindung (religio) stehende – Grundstruktur aufweist. Der angehende Erzieher muss die Kompetenz besitzen, den Bildungsauftrag (Bilden) untrennbar mit einem Beziehungsauftrag (Binden) zu verknüpfen. In der Klick- und Kik-Gesellschaft, die Bindungen atomisiert und ins Unverbindliche verflacht, muss der Pädagoge selbst die Fähigkeit zur existenziellen Bindungsbereitschaft in sich tragen. Ohne diese primäre Binden-Qualität des Erziehers bleibt jeder Versuch des Bildens eine rein mechanische, immanente Wissensvermittlung.

Im Sinne Martin Bubers bedeutet dies das Wagnis der echten Begegnung: Der Erzieher nutzt seine eigene Bindungsfähigkeit als Brücke, um eine Ich-Du-Beziehung einzugehen, statt das Kind als ein zu optimierendes Ich-Es zu verwalten. Das erfordert die Reife, die von Heitger beschriebene Antinomie von Führen und Wachsenlassen im Alltag produktiv auszuhalten, statt sie durch technokratische Hektik aufzulösen.

Hier schließt sich der Kreis zu Axel Bernd Kunzes fundamentaler Frage, ob mit der christlichen Sozialethik heute überhaupt noch ein Staat zu machen sei. Bezogen auf die Pädagogik bedeutet dies: Gerade heute ist mit ihr ein Staat zu machen, und zwar als radikales Widerstandsprinzip gegen die totale Ökonomisierung des Sozialen. Der Erzieher der Gegenwart muss das sozialethische Bewusstsein mitbringen, dass die Menschenwürde der Funktionalität vorausliegt. Er wird im System zu einem Anwalt des Transzendenten, indem er sich weigert, das Kind bloß als zukünftigen Funktionsträger einer Klick- und Kik-Ökonomie zu begreifen.

Diese Haltung wird vollends dort auf die Probe gestellt, wo Pädagogik an ihre Grenzen stößt und wo der Begriff der bloßen Wohlstandsverwahrlosung heute viel zu kurz greift. Was wir bei den heutigen Jugendlichen erleben, ist eine tiefergehende, existenzielle Beziehungs- und Sinnverwahrlosung – eine digitale Deprivation durch permanente Reizüberflutung bei gleichzeitiger emotionaler Isolation. In dieser Situation erweist sich Andreas Mehringers heilpädagogisches Konzept des Ausverwahrlosenlassens als zutiefst prophetisch.

Mehringer – folgerichtig ein Korczak-Preisträger – erinnerte uns daran, dass das Kind sich sein auffälliges Verhalten als Schutz- und Überlebenssymptom angeeignet hat. Das exzessive Online-Sein oder die totale Verweigerung der heutigen Jugend sind oft genau solche Schutzpanzer in einer als resonanzlos erlebten Welt. Ausverwahrlosenlassen meint hier das exakte Gegenteil von Gleichgültigkeit oder Laissez-faire: Es fordert vom Erzieher, das Symptom nicht sofort didaktisch wegzutherapieren oder zu sanktionieren. Er muss die Stärke mitbringen, das Kind in seiner Symptomatik auszuhalten, und ihm so lange ein verlässliches, analoges Beziehungsangebot machen, bis das Kind die innere Sicherheit gewinnt, seinen Schutzpanzer von sich aus loszulassen.

Die Traditionslinie von Buber und Korczak über Mehringer bis zu Heitger fordert vom angehenden Pädagogen letztlich eine Form der professionellen Aszese – verstanden im altgriechischen Sinne von áskesis als disziplinierte, bewusste Übung des Zurücktretens und des Verzichts auf den Drang des ständigen, rezeptartigen Eingreifens. Er nähert sich den Kindern und Jugendlichen wieder an, indem er ihnen in der Immanenz ihrer digitalen Welt als unhintergehbarer, präsenter und transzendenter Bezugspunkt gegenübertritt – als ein lebendiges Du, an das sich das Ich des Kindes anlehnen kann, um zu wachsen. Es ist der Entwurf einer Pädagogik, die sich nicht im Immanenzsein verliert, sondern den Jugendlichen zeigt, dass ihr Wert weit jenseits des nächsten Klicks liegt.

Literatur:

Buber, Martin (1923): Ich und Du. Leipzig: Insel-Verlag.

Heitger, Marian (2003): Bildung als Anspruch und Verpflichtung. Grundfragen der Pädagogik. Zürcher Beiträge zur Pädagogik, Band 12. Zürich: Lit-Verlag.

Korczak, Janusz (1919): Wie man ein Kind lieben soll. Deutsche Erstausgabe Göttingen 1967: Vandenhoeck & Ruprecht.

Kunze, Axel Bernd (2014): Bildungsethik. Pädagogische Gerechtigkeit im Horizont christlicher Sozialethik. Stuttgart: Kohlhammer.

Mehringer, Andreas (1976): Kleine Heilpädagogik. Thesen und Impulse für die Praxis. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Mikhail, Thomas (2009): Bilden und Binden. Zur religiösen Grundstruktur pädagogischen Handelns. Grundfragen der Pädagogik, Band 13. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag.

Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen, Dipl.-Sozialpädagoge, absolvierte das Studium der Sozialpädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München sowie ein klassisches Doktoratsstudium in den Fachbereichen Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien, an der er auch promoviert wurde. Nach einem Zusatzstudium der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München ist er heute noch als katholischer Religionslehrer an Berufsschulen in Bayern tätig.

Leserbrief: Verpflichtendes Kindergartenjahr?

Der Verbund Bistumspresse hat in seinen Magazinen zum 27. September 2026 einen Leserbrief zur Diskussion um ein verpflichtendes Kindergartenjahr in Niedersachsen übernommen.

Die Forderung nach einem verpflichtenden Kindergartenjahr (Martina Schwager: Verpflichtend in die Kita?, in: KirchenZeitung, Nr. 17/2026, S. 17) ist nicht neu und wurde schon nach der ersten PISA-Studie erhoben. Konflikte sind vorprogrammiert, etwa dann, wenn Eltern ihr Kind zwar in eine Koranschule schicken, nicht aber in den öffentlichen Kindergarten. Gefordert sind an dieser Stelle die Ordnungs- und Sicherheitsbehörden, aber auch die Fachkräfte, auf die neue Kontroll- und Dokumentationspflichten zukommen würden. Pädagogisch wird damit umzugehen sein, dass möglicherweise nicht mehr alle Kinder freiwillig in der Kindertagesbetreuung sein werden. Ein obligatorischer Kindergarten ist ein starker Eingriff in das Elternrecht, der nach einer sehr sorgfältigen Begründung vonseiten des Staates verlangt, und auch nach einer Art staatlichen Schulaufsicht im Sinne des Grundgesetzes.

Zwischenruf: Der Schrei aus dem Wasser

Warum ohne den Ernst der Neugeburt nur die existenzielle Leere bleibt – Ein Plädoyer für eine Pädagogik des Unverfügbaren im KI-Zeitalter

Von Dr. Hans-Michael Tappen

Wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt, vollzieht sich eine kleine Reinkarnation. Aus dem schützenden Fruchtwasser wird es katapultiert in eine völlig neue Existenzweise. Es folgt ein Schrei. Dieser Schrei ist kein statistisches Rauschen; er ist das erste, unvertretbare Zeichen des Subjekts, das sich – phänomenologisch gesprochen – für das Leben entscheidet. Es tritt ein in das Wasser des Lebens, angewiesen auf eine Ur-Hoffnung und einen Wunsch nach diesem Leben, die es selbst nicht fabrizieren kann.

In der Taufe greift der christliche Kult genau diese anthropologische Ursituation auf. Sie ist kein bürgerliches Familienidyll, sondern das sakramentale Reallabor von Tod und Auferstehung: Der alte Mensch geht unter, der neue steht auf. Das Christentum weiß seit zweitausend Jahren, dass Personsein nur durch Brüche, Krisen und das Durchschreiten von existentiellen Grenzen hindurch verständlich wird. Das zeigt sich sichtbar und greifbar in Taufe und Eucharistie: Im Tod ist das Leben – begründet in der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem biologischen Tod.

Vom Horror der risikolosen Existenz

Betrachten wir dagegen die Gegenwart unserer Jugendlichen, begegnet uns eine tiefe Krise. Wir nennen es oft Wohlstandsverwahrlosung, aber das greift zu kurz. In einer technokratischen Welt, die durch Algorithmen und Versicherungspolicen scheinbar restlos abgesichert ist, versuchen wir, die Jugend im Zustand eines dauerhaften, künstlichen Fruchtwassers zu halten. Alles ist sofort verfügbar, alles wird glattgebügelt, jedes Risiko weichgespült. Ein Klick im Internet kostet nichts und bedeutet nichts. Es entsteht ein pseudo-soziales Verhalten, das im Kern reiner Hedonismus ist: Man sonnt sich im guten Gefühl, ohne dass es einen Cent oder eine echte Anstrengung kostet. Und was nichts kostet, ist am Ende auch nichts wert.

Die Quittung für diesen kollektiven Bluff am Subjekt ist eine endlose, lähmende Langeweile, die nicht selten in suizidalen Ideen, Depressionen und der Flucht in künstliche Paradiese mündet. Wenn der Mensch keine Grenzen mehr spüren darf, wenn ihm der Ernst des Todes und das Wagnis des Lebens genommen werden, versucht er verzweifelt, im Exzess das Leben voll auszukosten. Er sucht den Schrei der Geburt dort, wo nur noch die Leere wartet. Denn die Volksweisheit lügt: Nicht der Tod kostet das Leben – das umsonste, risikolose Leben kostet das Leben!

An dieser Stelle drängt sich unweigerlich die von Axel Bernd Kunze aufgeworfene Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute überhaupt noch ein Staat zu machen? Kann eine Gesellschaft, die sich ganz der utilitaristischen Logik verschrieben hat, mit einer Ethik kooperieren, die das Unverfügbare verteidigt? Die Antwort lautet: Ja, gerade weil eine christliche Sozialethik den Staat davor schützt, sich selbst absolut zu setzen. Sie erinnert das Gemeinwesen daran, dass die Würde des Einzelnen nicht vom Funktionieren im System abhängt. Sie fordert einen Staat, der Räume für echte Freiheit und existentielles Wagnis offenhält, statt seine Bürger in einer vermeintlich lückenlosen Fürsorge-Bürokratie zu entmündigen.

Die KI als Katalysator des existentiellen Zwischenrufs

Hier müssen Pädagogik und Psychotherapie radikal umkehren. Als ich im Jahr 1970 in Nordrhein-Westfalen freiwillig das Fach Einführung in die EDV mit Lochkarten-Denken belegte, war dies ein erster emotionaler Vorgeschmack auf die beginnende Formalisierung des Geistes. Dieses Lochkarten-System kennt nur das unerbittliche Gesetz von Loch oder kein Loch – ein binäres Ja oder Nein. Doch dieses starre Raster ist für ein Christentum, das vom Heiligen Geist her lebt, absolut unentsprechbar. Denn der Geist Gottes lässt sich nicht stanzen: Er weht, wo er will und wann er will. Er tut nichts als wirken – im reinen, unverfügbaren Ereignis der Gegenwart.

Heute stehen wir vor Systemen Künstlicher Intelligenz, die scheinbar alles berechnen können. Doch genau hier liegt die paradoxe Chance für ein radikales Neudenken der momentanen pädagogischen Situationen. Die KI, mit ihren unendlichen Möglichkeiten der Spiegelung und des Diskurses, muss nicht das Werkzeug der finalen Glättung sein. Im Gegenteil: Sie kann uns dabei helfen, den existentiellen Schrei wieder hörbar zu machen. Indem sie die Absurdität rein utilitaristischer Kompetenzraster bis zur Neige durchdekliniert, entlarvt sie den technokratischen Bildungsbetrieb. Sie zwingt uns Lehrer und Therapeuten, das Feld neu zu ordnen und die Grenze des Berechenbaren zu benennen.

Das Geheimnis des Glaubens als pädagogische Kraft

Christliche Pädagogik im Sinne meines Wiener Lehrers Marian Heitger, die von Tod und Auferstehung her denkt, hält die existentielle Wunde des Lebens bewusst offen. Sie verschweigt den Tod nicht, sondern begreift ihn als die Grenze, vor der jeder Algorithmus, jede Lochkarte und jeder KI-Prompt versagt. Vor dieser Grenze steht das Individuum in seiner absoluten Unvertretbarkeit. Erst im Angesicht dieser Grenze gewinnt das Leben seinen unendlichen Wert.

Das Geheimnis des Glaubens ist die Befreiung des Edukanden aus dem immanenten Konsumzwang und der utilitaristischen Zweckrationalität. Wer weiß, dass seine Letztsicherung nicht von dieser Welt ist, muss das Leben nicht im Rausch ersticken. Er kann das Wagnis der Freiheit eingehen, er kann teilen, er kann Verantwortung übernehmen. Weil er sich im Letzten geborgen weiß – in einem Halt, der absolut unverfügbar bleibt. Die KI kann uns die Daten liefern, um die alten Verfahren zu zertrümmern; den Schritt ins gläubige Vertrauen aber muss das Subjekt selbst tun.

Zu Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen, Dipl.-Sozialpäd., absolvierte das Studium der Sozialpädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München sowie ein klassisches Doktoratsstudium in den Fachbereichen Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien, an der er auch promoviert wurde. Nach einem Zusatzstudium der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München ist er heute noch als katholischer Religionslehrer an Berufsschulen in Bayern tätig.

Zwischenruf: Wenig kirchliches Gespür für personale Freiheit in Organspendedebatte

Am Donnerstag wird das Parlament erneut über die Organspende diskutieren. Auch die Kirchen haben sich jetzt zu Wort gemeldet. Sie lehnen zwar die Widerspruchslösung ab, wollen aber die Bürger regelmäßig über ihre Spendebereitschaft abfragen, beispielsweise bei der Beantragung eines neues Ausweises. Das Ziel ist eindeutig: Mit dieser Entscheidungslösung – ein Kompromiss zwischen der geltenden Zustimmungs- und immer wieder geforderten Widerspruchslösung – soll die Spendebereitschaft erhöht werden.

https://katholisch.de/artikel/70446-kirchen-wollen-staerkung-der-organspende-ohne-widerspruchsloesung

Zwei Aspekte sucht man in der Presseerklärung der Kirchen vergeblich. Zum einen erfolgt keine Abwägung mit der negativen Meinungsfreiheit, in welche auch eine Entscheidungslösung eingreifen würde. Diese meint das Freiheitsrecht, vor staatlichem Zwang zu einer Meinungsäußerung geschützt zu werden, gerade bei Fragen, die den innersten Kernbereich der Persönlichkeit betreffen. Bei einer gravierenden Materie wie der Organentnahme sollte man annehmen, dass eine solche Güter- und Übelabwägung sorgfältig geprüft wird. Doch Fehlaneige. Wie schon in Coronazeiten scheint den Kirchen das Verständnis für personale Freiheit verloren gegangen zu sein.

Zum anderen wäre, gerade beim Zwang zu einer Entscheidung, zu prüfen, ob ein digitales Organspenderegister tätsichlich geschützt und identitätsgesichert ist, wie die Kirchen annehmen. Bisherige Erfahrungen mit zentralen digitalen Registern oder warnende Stimmen wie etwa bei der elektronischen Patientenakte sollten zur Vorsicht mahnen. Es ist noch nicht lange her, dass die Berliner Verwaltung gehackt und persönliche Daten gestohlen wurden.

Neuerscheinung: Studenten-Kurier 3/2026

Als Mitglied im Beirat der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte weise ich gern auf die neue Ausgabe des Studenten-Kuriers. Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen 3/2026 hin. Themen sind u. a.:

  • Historisches Datu: „Let Europe arise!“ – über Churchills Zürcher Europarede
  • Schwedische Nationen: Korporationsähnliches Leben
  • Der studentische Baedeker: Europa – 4. Teil
  • Scheffels 200. Geburtstag: Das Tier in der Lyrik

Die Zeitschrift wird von der Gemeinschaft für Deutschen Studentengeschichte herausgegeben.

Neuerscheinung: Kompromiss und Gewissen

„Für die Mitwirkung von Christen in der Politik ist es nicht möglich, das Idealbild der christlichen Soziallehre sozusagen hundertprozentig umzusetzen, weil die Zusammenarbeit mit anderen Kräften den Kompromiss notwendig macht. Dabei gibt es freilich eine ‚rote Linie‘, die nicht überschritten werden darf. Dazu äußert sich Axel Bernd Kunze: ‚Kompromiss und Gewissen. Zur Bedeutung von Gewissensfragen im Vorfeld politischer Entscheidungen‘.“ (Manfred Hauke, Herausgeber „Theologisches“, Lugano)

Axel Bernd Kunze: Kompromiss und Gewissen. Zur Bedeutung von Gewissensfragen im Vorfeld politischer Entscheidungen, in: Theologisches. Katholische Monatsschrift 56 (2026), H. 07/08/09 (Juli/August/‘Septmber 2026), Sp. 211 – 218.

Zwischenruf: Die Illusion der versicherten Existenz

Warum der digitale und technokratische Sicherheitswahn das Subjekt betrügt – Ein bildungsethischer Einspruch

Von Dr. Hans-Michael Tappen

Als ich im Jahr 1982 als einer von nur sieben Erwachsenengerichtshelfern in ganz Bayern Dienst tat – als Einmanndienststelle bei der Staatsanwaltschaft Augsburg, zuständig für das gesamte bayerische Nordschwaben –, stand ich täglich vor den Trümmern menschlicher Biografien. Meine Berichte, die bis in den Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags reichten, waren keine statistischen Datensätze. Sie waren der Versuch, dem konkreten, fehlbaren und unvertretbaren Subjekt in seiner existenziellen Not Gehör zu verschaffen. Damals wie heute, im Unterricht mit angehenden Versicherungskaufleuten, begegnet mir dieselbe fundamentale menschliche Sehnsucht: die Suche nach absoluter Sicherheit.

Doch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz und der totalen Vermessung hat diese Suche eine gefährliche Wendung genommen. Wir versuchen, das Unberechenbare durch Algorithmen restlos abzuschaffen und betreiben damit einen folgenschweren Bluff am Subjekt.

I. Der transzendentalkritische Einspruch: Wider die Verzweckung

In der Tradition meines Wiener Lehrers Marian Heitger müssen wir radikal betonen: Bildung und menschliche Existenz gründen in der Freiheit und Autonomie des Subjekts. Heitger stand Zeit seines Lebens mit seiner ganzen Argumentationskraft gegen das, was er die Verzweckung der Bildung nannte. Er warnte eindringlich davor, dass Institutionen zu Betrieben werden, die vorrangig den Kriterien der Nützlichkeit und der Verwertbarkeit genügen. Es war genau diese kritische Perspektive auf die Mechanismen moderner Institutionen, die mich in den 1990er Jahren leitete, als Heitger mich in seiner Funktion als Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaften sowie des Interfakultären Instituts für Sonder- und Heilpädagogik der Universität Wien als Universitätslektor mit Lehraufträgen ausstattete. In den dortigen Seminaren zu Fragen der sonder- und heilpädagogischen Praxis unter den Bedingungen von Institutionalisierung und Professionalisierung zeigte sich bereits im Kern das heutige Dilemma: Wo Verwaltung und Systemlogik überhandnehmen, gerät das konkrete Subjekt aus dem Blick.

Wenn eine Künstliche Intelligenz Biografien glattbügelt, Nuancen nivelliert und historische oder rechtliche Einzigartigkeiten in statistische Wahrscheinlichkeiten auflöst, dann versündigt sie sich an diesem Prinzip. Heitger forderte unnachgiebig:

„Der junge Mensch soll lernen, sein Menschentum zu verwirklichen. Im Vordergrund steht deshalb nicht seine Qualifizierung für wirtschaftliche, politische und sonstige außer ihm liegende Zwecke.“

Derselbe Mechanismus greift, wenn wir die Logik der Vorsorge zu einer existentiellen Lebensphilosophie erheben. Die ehrbare Aufgabe des Versicherungswesens ist die rationale, innerweltliche Absicherung von Lebensrisiken und damit ein unverzichtbarer Beitrag zur Sicherung des sozialen Friedens – eine unbestrittene und zutiefst solidarische Kulturleistung. Der Fehler liegt nicht in der Branche, die im immanenten Raum notwendigen Schutz vor materieller Existenznot bietet. Der Fehler liegt im Bewusstsein des modernen Menschen, der diese funktionale, strukturelle Absicherung mit einer existentiellen Letztsicherung verwechselt. Wer glaubt, das Lebensrisiko durch Policen oder Algorithmen restlos bändigen zu können, verdrängt die conditio humana. Er verwechselt die statistische Verlässlichkeit des Kollektivs mit der unvertretbaren Freiheit des Individuums. Personsein bedeutet bei Heitger jedoch immer Selbstverfügung, als Ausdruck von Freiheit und Autonomie – und das schließt ein Verfügen über den Menschen durch rein funktionale Systeme aus.

II. Die sozialethische Bruchstelle: Die Reduktion des Transzendenten

An dieser Stelle drängt sich die von Axel Bernd Kunze aufgeworfene Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Kann eine Ethik, die auf der Unantastbarkeit der Menschenwürde gegründet ist, in einer technokratischen, rein zweckrationalen Welt überhaupt noch Orientierung bieten?

Sie kann es – aber nur, wenn sie sich nicht selbst kastrieren lässt. Die Krise der modernen Gesellschaft und des modernen Bildungswesens liegt genau darin, dass wir das Christliche oft zu einer bloßen bürgerlichen Wohlfühl-Moralordnung säkularisiert haben. Wenn wir die Auferstehung Christi zu einer bloßen sozialen Größe schrumpfen lassen – zu einem netten Symbol für gesellschaftlichen Zusammenhalt, zu einer Chiffre für Humanismus oder zu einem ethischen Leitfaden für horizontales Wohlbefinden –, dann rauben wir dem Glauben sein Fundament.

Wenn die Auferstehung nur ein soziales Narrativ ist, dann verkommt sie zu einer rein innerweltlichen Beruhigungpille. Sie wird selbst zu einer Art moralischer Versicherungspolice, die man abschließt, um das schlechte Gewissen im System zu beruhigen.

III. Der Bluff am Subjekt

Wenn die Transzendenz jedoch weggewischt und Gott nur noch als soziale Metapher geduldet wird, stürzt das gesamte Gebäude der vermeintlichen Sicherheiten in sich zusammen. Denn wenn es keine Instanz jenseits des Machbaren, Messbaren und Kaufbaren gibt, dann wird das Versichern gegen alles Mögliche zu einem gigantischen Bluff am Subjekt.

Es ist der untaugliche Versuch des Menschen, sich eine metaphysische Stabilität zu kaufen, die er im rein Immanenten niemals finden kann. Wir gaukeln den Schülern vor, das Leben sei restlos planbar, wenn man nur den richtigen Tarif wählt und den richtigen Prompt in die KI eingibt. Doch das ist eine existenzielle Täuschung. Der Mensch sucht seine Sicherheit dort, wo sie nicht zu finden ist: im Bedingungswerk, im Algorithmus, im technokratischen Machbarkeitswahn. Er sucht Halt im Verfügbaren und übersieht, dass der wahre, tragende Halt – theologisch gesprochen: die Bergung in Gott – sich gerade dadurch auszeichnet, dass er absolut unverfügbar ist. Er lässt sich nicht erwerben, nicht versichern und nicht berechnen.

IV. Fazit: Bildung als Ort des Widerstands

Wahre Bildung im Zeitalter von KI-Hype und Marktorientierung darf sich nicht in der Vermittlung von bloßen Nutzerkompetenzen erschöpfen. Sie muss, ganz im Sinne Heitgers, der Ort des kritischen Einspruchs sein. Sie muss angehenden Kaufleuten den Mut zurückgeben, der Illusion der totalen Planbarkeit zu misstrauen, um für den realen Menschen in seiner Unverwechselbarkeit wieder empfänglich zu werden.

Nur wenn wir den Mut haben, die existentielle Wunde des Lebens offen zu halten – die Tatsache, dass der Mensch im Kern unversicherbar bleibt und seine Letztsicherung nicht von dieser Welt ist –, holen wir das Subjekt aus der Anonymität der Datenströme zurück. Erst wo der technokratische Bluff entlarvt wird, beginnt der Raum für echtes Vertrauen, für wahre Verantwortung und für eine christliche Sozialethik, die diesen Namen auch verdient.

Literaturhinweise

Heitger, Marian: Bildung als Selbstbestimmung. Paderborn: Schöningh 2004.

Kunze, Axel Bernd: Ist mit der christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Überlegungen zur notwendigen Rechtsfunktion des Staates. In: Die Neue Ordnung, 71. Jahrgang, Heft 5 (2017), S. 352–365.

Zur Person

Dr. phil. Hans-Michael Tappen, Dipl.-Sozialpäd., absolvierte das Studium der Sozialpädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München sowie ein klassisches Doktoratsstudium in den Fachbereichen Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien, an der er auch promoviert wurde. Nach einem Zusatzstudium der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München ist er heute noch als katholischer Religionslehrer an Berufsschulen in Bayern tätig.

Vorankündigung: 25 Jahre PISA

Der Band erscheint im September 2026 in der Reihe „Gymnasium – Bildung – Gesellschaft“:

Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Thomas Gaube (Hgg.): 25 Jahre PISA. Folgen und Diskussionen (Verlag Julius Klinkhardt).

Die ersten PISA-Studien haben in Deutschland zu einem Aufschwung der empirischen Bildungsforschung, aber auch zum Entstehen eines genuin sozialethischen Bildungsdiskurses geführt Axel Bernd Kunze bilanziert ein Vierteljahrhundert später im vorliegenden Band den Stand der bildungsethischen Diskussion:

Axel Bernd Kunze: Ein sozialethischer Bildungsdiskurs entsteht. Chancen, Grenzen und aktuelle Herausforderungen normativer Bildungsforschung.