Zwischenruf: Wider die therapeutische Anpassung. Warum der Staat das „Wasser der Transzendenz“ braucht

Von Dr. Hans-Michael Tappen

Die radikale Immanenzfalle und der Tod der Vernunft

Haben wir verlernt, unser Leben im Licht der Vernunft zu sehen? Die Gegenwart drängt diesen Verdacht auf. Indem wir die Vernunft auf ein rein instrumentelles Werkzeug der Nutzenoptimierung und der permanenten, zirkulären Selbstreflexion reduzieren, treiben wir sie in eine Perversion. Diese Tyrannei der totalen Immanenz zwingt das Subjekt in einen geistig-existentiellen „Selbstmord“: Wir entziehen uns selbst das „Wasser des Lebens“, weil wir den Menschen von jeder echten Transzendenz abschneiden. Wo alles nur noch messbar, verwertbar und immanent gespiegelt ist, erstickt die Freiheit im Zwang zur totalen Selbstbespiegelung.

Gegen die Illusion der Psychotechniken: Das reduzierte Menschenbild

An diesem wunden Punkt offenbart sich die fundamentale Grenze moderner, rein humanistischer Ideenwelten. Wenn wir versuchen, den Verlust des Transzendenten durch eine endlose Kaskade sich ständig erneuernder „Psychotherapiemethoden“ und immanenter Psychotechniken zu kompensieren, betreiben wir bloß Symptomkosmetik. Ein solches therapeutisches Reagieren verwechselt Heilung mit Anpassung.

Es geht hierbei explizit nicht darum, den unbestreitbaren praktischen Wert und die akute Notwendigkeit klinischer Psychotherapie bei realem psychischem Leiden abzuwerten. Der Einspruch richtet sich gegen etwas anderes: gegen die Erhebung der Psychologie zur allgegenwärtigen Ersatzreligion und zum Instrument einer rein immanenten, gesellschaftlichen Konditionierung.

Das christlich-transzendentale Menschenbild verweigert sich dieser Reduzierung. Das DU im Sinne Martin Bubers ist kein psychologisches Gegenüber, das der eigenen Ich-Vergewisserung dient. Bei Erich Fromm bleibt das Du letztlich funktional – ein Katalysator zur Entfaltung einer immanenten Ich-Fähigkeit, die sich in einer rein horizontalen Gefühlsethik wie in der „Kunst des Liebens“ erschöpft. So scharf Fromms damalige Kapitalismuskritik auch war – sie bleibt im anthropozentrischen Raum verhaftet, weil sie die vertikale, konstitutive Achse des echten Bezugs abschneidet. Das Ich wird aber erst am DU, das bei Buber immer auch den Durchblick auf das ewige DU offenhalten muss.

Ebensowenig taugt das DU als missverstandenes, passives „Selbstvergessen“ im Sinne einer verkürzten Lesart von Meister Eckharts Armut im Geiste. Wo die populäre Rezeption und auch Fromm selbst Eckharts Gelassenheit zu einer bloßen Psychohygiene und therapeutischen Befreiung vom Besitzdenken säkularisieren, verfehlen sie deren Kern. Eckharts „Nichts-Haben“ ist keine immanente Lebenskunst zur humanistischen Selbstoptimierung, sondern radikale Ontologie und Mystik: Das Freimachen des Seelengrundes, damit Gott unvermittelt darin gebären kann.

An dieser Stelle bringt uns auch die populäre Transaktionsanalyse von Eric Berne mit ihrem Diktum „Ich bin OK – Du bist OK“ nicht weiter. So heilsam dieses Prinzip im geschützten Raum der therapeutischen Praxis als partnerschaftliches Gleichwertigkeitsgebot sein mag: Auf sozialethischer und staatlicher Ebene bleibt dieses vermeintliche „OK“ in der Immanenz völlig unbestimmt. Gemessen woran eigentlich? Ohne einen objektiven, transzendenten Maßstab verkommt das gegenseitige psychologische Abnicken zur bloßen Wohlfühlformel einer selbstreferentiellen Gesellschaft, deren moralische Koordinaten sich im permanenten Wandel befinden. In einer rein ökonomisierten Welt läuft dieses Prinzip sogar Gefahr, zu einem rein funktionalen „Ich funktioniere – Du funktionierst“ pervertiert zu werden. Das christliche DU hingegen ist kein therapeutisches Label, sondern ein radikaler, unbedingter Anspruch, der uns in die Verantwortung ruft. Es öffnet den Raum für eine echte transzendente Begegnung, die sich jeder psychologischen Handhabung, jeder marktkonformen Optimierung und jeder reinen Nutzenlogik entzieht.

Die Rationalität des Einspruchs: Ein echtes humanes Denken

Ein solcher Einspruch mag der psychologisierten Gegenwart als Phantasterei erscheinen oder gar dem Verdacht ausgesetzt sein, unmodern oder „inhuman“ zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Inhuman ist eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als psychologisches Rädchen versteht, das durch Therapien passend und funktionstüchtig gemacht werden muss, um im ökonomischen Getriebe mitzulaufen.

Dieser transzendentale Einspruch ist kein Rückzug in ein psychoanalytisches „Life Against Death“-Denken im Sinne Norman O. Browns, das die Kultur bloß als neurotische Todesangst begreift und in immanenten Triebbefreiungen schwelgt. Es geht hier nicht um psychischen Vitalismus, sondern um das geistige Überleben der Vernunft selbst. Es ist ein strikt rationaler, logischer Argumentationsgang: Wer das Menschsein vor reiner Zweckmäßigkeit schützen will, muss ein Fundament aufzeigen, das außerhalb des verwertbaren Systems liegt.

Der pädagogische und ethische Einspruch nach Marian Heitger

Gerade hier bietet sich der prinzipienwissenschaftliche Ansatz von Marian Heitger mit bestechender Eleganz an. Ein empirischer oder rein psychologischer Ansatz scheitert stets am zirkulären Charakter der Immanenz – er muss mühsam versuchen, seinen eigenen Standpunkt aus sich selbst heraus dogmatisch zu begründen.

Die transzendental-kritische Pädagogik nach Heitger hingegen muss sich nicht darum kümmern, worauf sie steht, weil sie ihren Grund eben nicht selbst legen muss. Dies ist keine metaphysische Flucht vor einer Letztbegründung, sondern die konsequente Anerkennung einer logischen Notwendigkeit. Heitger fragt nach den unhintergehbaren Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Verantwortung. Er setzt an dem Punkt an, an dem der Mensch bereits als freies, verantwortliches Geistwesen angesprochen ist. Die Transzendenz ist hier kein vager Dogmatismus, sondern der unverzichtbare Fluchtpunkt, ohne den Freiheit, Würde und Erziehung gar nicht rational denkbar wären. Wenn die Pädagogik, die Ethik und die Politik diese Dimension preisgeben, kapitulieren sie vor einer reinen Anpassungsideologie.

Die Antwort auf Axel Bernd Kunze: Ist mit christlicher Sozialethik noch ein Staat zu machen?

Was Heitger für die Pädagogik fordert, gilt im selben Maße für das staatliche Gefüge insgesamt – und so warf PD Axel Bernd Kunze die entscheidende Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die Antwort lautet transzendental-kritisch: Gerade heute, und zwar dringender denn je!

Ein Staat, der sich rein aus der Immanenz seiner Institutionen, ökonomischen Kreisläufe und therapeutischen Beruhigungsstrategien speist, zehrt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Wenn wir der Vernunft das „Wasser des Lebens“ – die Ausrichtung auf das Unbedingte und Transzendente – entziehen, verkommt das Gemeinwesen zur bloßen Verwaltungsmaschine eines kollektiven Narzissmus und einer verkommenen Ökonomisierung, die alles Menschliche bloß noch nach seinem Marktwert bemisst.

Die Christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine eigenen Grenzen und an die unantastbare Würde des Menschen, die jenseits aller Verwertbarkeit und psychologischen Optimierung liegt. Sie hält den Raum für das Unverfügbare offen. Genau aus dieser Transzendenz-Orientierung erwächst die stabilisierende, friedensstiftende und sittliche Kraft, die einen Staat erst tragfähig macht.

Fazit

Mit einer christlichen Sozialethik ist sehr wohl ein Staat zu machen – weil sie das Subjekt vor dem immanenten Selbstmord der permanenten Verwertungsreflexion rettet, die Reduktion des Menschen auf bloße Psychotechniken überwindet und der Vernunft ihr transzendentes Fundament zurückgibt.

Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen blickt auf eine jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Bildung, Ethik und Seelsorge zurück. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Altenhilfe an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München promovierte er in Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien (Schüler von Marian Heitger). Zusätzliche Qualifikationen erwarb er in der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) sowie als psychoanalytischer Supervisor. In seiner Biografie verbinden sich Theorie und Praxis auf besondere Weise: Nach langjährigen Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und in der Bewährungshilfe beim Landgericht München I unterrichtet er als reaktivierter katholischer Religionslehrer an einer Münchner Berufsschule. Aus dieser tiefen Verankerung in staatlichen und kirchlichen Institutionen heraus widmet er sich heute Fragen der Lebensbegleitung und untersucht, welche Relevanz religiöse Bildung in unserer modernen Arbeitswelt besitzt.

Rezension: Mündigkeit

Axel Bernd Kunze rezensiert im Onlineportal Socialnet den folgenden Titel zu einem Zentralbegriff pädagogischen Denkens:

Johannes Drerup, Thomas Goll, Miguel Zulaica y Mugica (Hrsg.): Mündigkeit. Zur Debatte über ein unverzichtbares Bildungsideal. Frankfurt am Main: Wochenschau 2025. 185 Seiten. ISBN 978-3-7344-1733-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33680.php

Die Rezension wird am 2. September 2026 freigeschaltet.

Zwischenruf: Die Kraft des Unzulänglichen: Warum mit christlicher Sozialethik heute sehr wohl ein Staat zu machen ist

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

Ist mit der christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Diese Frage, jüngst aufgeworfen von PD Axel Bernd Kunze, verlangt in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und einer zunehmenden Ökonomisierung des Sozialen nach einer entschiedenen Antwort. Als Schüler des Wiener Pädagogen Marian Heitger und aus der Perspektive seines transzendentalkritischen Ansatzes möchte ich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten.

Um dieses Ja zu begründen, müssen wir den Blick jedoch weg von rein systemischen Debatten und hin zur existenziellen Praxis lenken. Ein aktuelles Interview in der ZEIT (No. 37, 27. August 2026) mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill, mit dem mich eine 54-jährige Freundschaft verbindet, bietet hierfür das perfekte Anschauungsmaterial. Es konfrontiert uns mit einer Wirklichkeit, in der Sozialethik und Pädagogik ihre rein theoretische Hülle abstreifen müssen.

Die Jona-Erfahrung im Kanal von Bukarest

Sporschill berichtet von Moise, dem ersten Straßenkind, dem er vor 35 Jahren im Untergrund von Bukarest begegnete. Das Schicksal dieser Kinder im Kanalsystem – vergraben unter der Erde, betäubt vom Schnüffeln von Autolack – gleicht der biblischen Erzählung von Jona im Bauch des Wals. Es ist der Ort der leersten Gegenwart, ein scheinbar endgültiger Erstickungsort zwischen einer zerstörten Vergangenheit und einer unberechenbaren Zukunft.

Und doch bricht inmitten dieses Elends „Dank“ aus. Nicht als rationale Gegenleistung, sondern als pure, unableitbare Erfahrung, beschenkt worden zu sein. Moise wurde gerettet und ist heute – obwohl traumatisiert durch das schreckliche Schicksal seiner Eltern – ein schöpferischer Mensch, der Graphic Novels zeichnet. Er hat für sich beschlossen, innerlich Kind zu bleiben, um das Erlebte zu überstehen. Durch seine Bilder teilt er das mit, was ihm von Gott durch Sporschills Projekt geschenkt wurde.

Pädagogik als Begegnung: Das konkrete „Du“

An Moises Beispiel zeigt sich, was Martin Buber einst formulierte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Moise sucht kein abstraktes System, keine staatliche Institution und keine klinische Therapie. Seine ganze Sehnsucht nach dem „Du“ ist ganz konkret an die Person des Priesters Georg gebunden. In dieser menschlichen Zuwendung erfährt er das „Ewige Du“, das er anders gar nicht fassen könnte. Der Beziehungsaufbau vollzieht sich hier radikal über das Konkrete, über das Mitleben und den Körper.

Hier berühren sich Pädagogik, Psychologie und Theologie auf existenzielle Weise: Moise hat bereits alles gegeben, was der liebe Gott ihm mitgegeben hatte – die Straße und sich selbst. Mehr kann seine endliche, menschliche Natur schlicht nicht leisten. Jeder Versuch von außen, mehr zu erzwingen – ein falscher „jesuitischer Ehrgeiz“ –, würde die Grenzen dieser endlichen Natur missachten und das mühsam gewachsene Urvertrauen zerstören. Moise hat die Zuwendung im besten Sinne ökonomisiert; er hat einen existentiellen „Versorgungsplan“ getroffen. Diesen gilt es im pädagogischen Alltag auszuhalten und treu einzuhalten.

Das Fundament der kleinen Heilpädagogik

Betrachtet man diese Praxis durch die Brille der klassischen Pädagogik, werden die berühmten sieben Regeln aus Andreas Mehringers Kleiner Heilpädagogik lebendig. Sporschills Arbeit in Rumänien erweist sich als Reinform dieses pädagogischen Katalogs:

  1. Das Kind in seiner Eigenart wahrnehmen und akzeptieren, wie es ist – auch in seiner Unvollkommenheit und mit seinen bleibenden Wunden.
  2. Ausverwahrlosen lassen – den Teufelskreis des Elends auf der Straße aktiv durchbrechen.
  3. Für Akzeptanz in der Gruppe sorgen – die Gemeinschaft im Haus in Marpod real leben.
  4. Lebensperspektiven suchen – dem Leben trotz schwerster Traumata eine Richtung geben.
  5. Der musisch-künstlerische Bereich – Moise drückt sich durch seine Graphic Novels aus, wo Worte fehlen.
  6. Religiöse Bildung – die tägliche, fraglose Gottverbundenheit in der Kapelle erleben.
  7. Sich selbst als Faktor bedenken – die eigene Rolle, die eigenen egoistischen Anteile und die Grenzen als Helfer reflektieren.

Die transzendentalkritische Grenze

Hier schließt sich der Kreis zu Marian Heitger. Sein transzendentalkritischer Ansatz erinnert uns nachdrücklich daran, dass pädagogisches und sozialethisches Handeln den Menschen niemals auf das bloß Messbare, das Funktionale oder Optimierbare reduzieren darf. Der Mensch ist ein Wesen der Freiheit und der Würde – und diese Würde ist unableitbar. Sie ist, wie das jüdische Purim-Fest oder die christliche Gnade, ein reines, ungeschuldetes Geschenk. Hier greift das radikale Prinzip aus dem Matthäusevangelium: „Ich war nackt und ihr habt mich gekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,36). Hier wird nicht kalkuliert, hier wird nicht nach Gegenleistung gefragt; hier wird gehandelt.

Sozialethik ist kein „Nichtstun, das ins Leere blickt“. Sie ist etwas zutiefst Atmendes. Sie akzeptiert das Fragmentarische des Menschen. Sporschill betont im Interview treffend, dass die Wunden des Hungers im Blut bleiben. Die Aufgabe der Sozialethik ist es eben nicht, systemkonforme, perfekt funktionierende „Weltmeister“ zu pflegen, sondern den Schwierigsten die Treue zu halten.

Fazit: Warum damit ein Staat zu machen ist

Ein funktionierendes Gemeinwesen, ein demokratischer Staat, lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann: von unverfügbarer Menschenwürde, von echtem Urvertrauen und von der Bereitschaft zur echten Begegnung. Wenn wir den Menschen nur noch als Rädchen im System oder als reinen Wirtschaftsfaktor begreifen, kollabiert das Soziale.

Die christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine fundamentale Pflicht: Räume für diese unverfügbare Würde zu schaffen. Würde lässt sich nicht rein administrativ verwalten oder von der Kanzel herab predigen – man muss sie, wie bei der von Sporschill gepflegten Tischkultur mit ehemaligen Obdachlosen, „spüren und schmecken“. Eine Gesellschaft, die diese radikale Beziehungsarbeit – das bedingungslose Einstehen für das konkrete Gegenüber – verlernt, verliert ihr Fundament. Deshalb ist mit dieser Ethik heute nicht nur ein Staat zu machen, sie ist seine existenzielle Bedingung.

Literaturbeleg:
Mittelstaedt, Katharina: „Ich erlebe den Himmel und die Hölle auf Erden“. Interview mit Pater Georg Sporschill SJ, in: DIE ZEIT / Christ & Welt, No. 37, 27. August 2026, S. 15.

Über den Autor:
Dr. phil. Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers). Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

Zwischenruf: Der gerufene Name

Transzendentalkritische und dialogische Überlegungen zur Existenzweise von Pädagogik und Sozialethik

Von Dr. Hans-Michael Tappen (Schüler von Marian Heitger)

»Ein Mensch, der so leer wird, dass er sich durch die Armut des Anderen spiegeln kann – nicht um sich darin zu besitzen, sondern um der unvertretbaren Freiheit des Gegenübers Raum zu geben.«

I. Die Grammatik des Namens und der transzendentalkritische Anspruch

Wenn ich bei meinem Namen gerufen werde – als katholischer Religionslehrer, als Berater oder Bewährungshelfer und als Schüler Marian Heitgers –, so vollzieht sich darin kein bloßes Aktenzeichen menschlicher Identität. Mein Name, Michael, birgt in seiner hebräischen Wurzel keine feststellende Behauptung, sondern die radikale Frage: Wer ist wie Gott? Wer transzendentalkritisch denkt, kann seinen eigenen Namen nicht als gesicherten Besitz verwalten. Ihn hinauszutragen bedeutet, ihn über das eigene Ego hinweg nach außen zu öffnen und zugleich über ihn hinauszufragen.

Die Vernunft darf in diesem Horizont nicht als ein beherrschendes Blicken missverstanden werden. Sie muss Einsicht sein – eine Kraft des Lichtes, die zugleich im Vernehmen und Hören verankert ist. Sehen bedeutet dann, in der Weise der Person mit sich eins zu sein. Person, verstanden in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung von per-sonare: Was durchtönt mich? Das Handeln im pädagogischen oder seelsorgerlichen Raum wandelt sich so in ein bekennendes Begreifen.

II. Sehen und Hören: Die Phänomenologie der Entäußerung

Im Anschluss an das Denken Martin Bubers offenbart sich das Hören als eine ganz andere Bewegung als das distanzierte Sehen. Während das Sehen die Verankerung im Bei-sich-Sein sichert, streckt sich das Hören ins Scheinbare des Nichts aus. Im Moment des echten Hörens findet eine radikale Selbstenteignung statt. Der Name gewinnt seine eigentliche Gestalt erst im Gegenüber – im Du.

Menschliches Leben ist daher keineswegs bloße Struktur, sondern wesentlich Stimme. Erkenntnis erfordert, das Bild zusammen mit seiner Herkunft zu begreifen. Wenn das Bild immer das Bild von etwas ist, so stellt sich die existenzielle Frage: Wessen Genitiv tragen wir? Wer nach sich selbst fragt und dies im Raum des eigenen Namens tut, erkennt, dass der Name seinen Genitiv nicht abstreiten kann. Wir können nach uns selbst nur als Ausgesetzte fragen – als Wesen, die stets über ihren eigenen Namen hinausgehen.

III. Unverfügbare Freiheit: Marian Heitger und Martin Buber im Gespräch

In der transzendentalkritischen Pädagogik Marian Heitgers ist Freiheit keine empirisch erzeugbare Eigenschaft, sondern die unhintergehbare Bedingung der Möglichkeit von Erziehung überhaupt. Pädagogische Autonomie bedeutet, dass die Freiheit des Zöglings vom Erzieher weder hergestellt noch determiniert werden kann; sie muss vielmehr als unverfügbare Voraussetzung geachtet werden. Erziehung verfehlt ihr eigenes Wesen, sobald sie das Gegenüber zum Objekt technischer Formungs- oder Steuerungsprozesse degradiert.

Hier trifft sich Heitgers kritischer Denkansatz auf fruchtbare Weise mit dem dialogischen Prinzip Martin Bubers. Wo Heitger die wissenschaftstheoretische und transzendentale Grenze pädagogischen Verfügens zieht, beschreibt Buber die existenzielle Wirklichkeit des menschlichen Begegnens: Die Freiheit des Subjekts verwirklicht sich nicht in der monadischen Isolierung des Ichs, sondern im In-Beziehung-Treten zum Du.

Im verdinglichenden Ich-Es-Verhältnis wird das Gegenüber analysiert, beurteilt und zweckhaft eingeordnet – eine Gefahr, die der Pädagogik stets droht, wenn sie sich in bloßer Methodik, Leistungsdiagnostik und Funktionalisierung erschöpft. Das Ich-Du-Verhältnis hingegen entzieht sich jeder Zweck-Mittel-Kategorie. Für die pädagogische und ethische Praxis bedeutet die Verknüpfung beider Denker:

Erstens ist Freiheit keine schrankenlose Beliebigkeit, sondern die Freiheit zur Antwort. Die transzendentalkritische Autonomie bei Heitger schützt die Würde des Zöglings vor pädagogischer Übergriffigkeit; die dialogische Bezogenheit bei Buber verortet diese Autonomie im konkreten, vernehmenden Angesprochensein.

Zweitens bleibt die pädagogische Beziehung ein Wagnis der Unverfügbarkeit. Der Erzieher kann das Du nicht erzwingen, sondern sich nur in wacher Präsenz dafür bereithalten.

Drittens wird der Mensch am Du zum Ich. Autonomie ist damit nicht isolierte Selbstbezogenheit, sondern die Fähigkeit, aus eigener Existenz heraus in der Verantwortung für den Anderen zu stehen.

IV. Wesen als Wohnen und die Flucht in den Schoß des Ichs

Das Suchen nach sich selbst ist ein Akt der Einwilligung und der Bejahung, eine Ausnahme, in der sich das Subjekt selbst riskiert. Denn wer verrät uns, auf welchen verschlungenen Wegen wir zu uns selbst gekommen sind? Ein Mensch, der sich durch die Armut des Anderen spiegelt, erfährt, dass die Freiheit des Anderen weder hörbar noch sichtbar erzwingbar ist. Der Andere muss selbst konkrete, für mich unerfahrbare Freiheit sein; von sich selbst her muss er aus eigener Existenz heraus mithören und mitsprechen. Erst im Hörbarwerden des Ich-Du-Wir findet der Prozess der Selbstverwirklichung statt – im Nachkommen des eigenen Namens unter dem Risiko der inneren Ferne.

Die Wesensgestalt des Namens ist immer bestimmt durch Verheißung. Das mittelhochdeutsche Wort wesan bedeutet ursprünglich wohnen. Man wohnt im eigenen Namen, erfährt darin aber zugleich die Verwundbarkeit einer Existenz auf Abbruch. Aus der Angst vor der Verheißung entspringt die Versuchung, den Namen zu punktualisieren: Ich bin ich und du bist du. Die Transzendenz der Verheißung wird hierbei durch die Beliebigkeit von Möglichkeiten ersetzt; man träumt sich um die Punktualität des eigenen Lebens herum.

In dieser Verweigerung von Verheißung und Handlungskontinuität wurzeln existenzielle Ängste: Die Hysterie als Angst vor der Notwendigkeit des Selbstseins und die Neurose als Angst vor der Selbstverständlichkeit immerwährenden Handelns. Wer vor der Namensgebung flieht und seinen Namen nicht als Gabe hinschenken will, macht ihn schließlich zum bloßen Schoß seines Ichs. Er verschließt sich in einer isolierten Immanenz.

V. Das Unveröffentlichte und die Replik an die Sozialethik

Es gibt Dimensionen des Unveröffentlichten und Unverfügbaren, die man nur erkennt, wenn man sie im Verborgenen belässt. Ein solches reflexives Wissen wird im positiven Vergessen und Sinkenlassen fruchtbar: Ich kann nicht ich selbst sein, ohne dass ich im Tiefsten bereits im Selbst ein Du bin.

Gegenüber der Debatte auf bildungsethik.com um die Frage von Axel Bernd Kunze, ob mit der Christlichen Sozialethik heute noch Staat zu machen sei, drängt sich aus transzendentalkritischer Sicht die Replik auf: Was ist das für ein Staat, der sich nicht in der Gestalt des Denkens verwirklicht?

Ein Gemeinwesen, das die Freiheit des Einzelnen rein funktional oder technisch verkürzt, verfehlt seinen eigentlichen Auftrag. Christliche Sozialethik behält ihre kompromisslose Aktualität genau darin, dass sie den Staat an seine geistige und personale Voraussetzung erinnert: Sie fordert eine Ordnung ein, die den Menschen in seiner unvertretbaren Würde, in seiner Ausgesetztheit und in seiner unverfügbaren Freiheit anerkennt.

Zum Autor:

Dr. phil. Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers). Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an Berufsschulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

Rezension: Zur Studentengeschichte im Nationalsozialismus

Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution. Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. 3: Bereich Nord (rezensiert von Axel Bernd Kunze).

Rezension online abrufbar:

https://www.recensio-regio.net/rezensionen/zeitschriften/zshg/151-2026/zwischen-revolution-und-rekonstitution-die-kameradschaften-des-nsd-studentenbundes-und-altherrenschaften-im-ns-altherrenbund-an-den-deutschen-hoch-und-hoeheren-fachschulen-1937-bis-1945-teilband-4-iii-bereich-nord-marl-gemeinschaft-fuer-deutsche

Zwischenruf: Cui bono? Die Entsorgung der Transzendenz im Schulalltag

Transzendental-kritische Anmerkungen zur Brauchbarkeit der Christlichen Sozialethik

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

Ist mit der Christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Frage gewinnt gerade im alltäglichen Vollzug der beruflichen Bildung eine existenzielle Dringlichkeit. Wer heute an beruflichen Schulen unterrichtet, erlebt die schleichende Verdrängung der Transzendenz nicht als abstraktes Theorem, sondern als handfeste Krise im Klassenzimmer.

I. Die Immanenzfalle des Bildungsalltags: Angst vor dem Verworfensein

Die Beobachtungen aus der Unterrichtspraxis zeichnen ein deutliches Bild: Verstärkt durch die Nachwirkungen der Corona-Isolationsphasen, die Herausforderungen multiethnischer Heterogenität und eine fortschreitende digitale Trivialisierung zeigt sich bei vielen Heranwachsenden eine Verkennung der eigenen Transzendenzdimension. Das Bewusstsein, als Person von Gott bei seinem Namen gerufen zu sein, weicht einer ausschließlichen Einordnung des Lebens in Lust- und Nutzenkategorien.

Dieses Verharren in der Beschleunigungsimmanenz wird durch ein hemmungsloses „Kick- und Klick-Verhalten“, den Druck der Arbeitswelt sowie den verbreiteten Rückgriff auf Stimulanzien verfestigt. Wenn der Schulalltag vom Messbarkeits-Paradigma, von Qualitätsstandards, Algorithmen, Excel-Tabellen und einem verflachten Sprachgebrauch beherrscht wird, erscheint die Anstrengung der Vernunft im täglichen Vollzug zunehmend als lästig.

Dahinter verbirgt sich eine tiefsitzende Angst vor dem Verworfensein. Aus Furcht vor Kontrollverlust zieht sich das Subjekt in eine erstarrte „Ich-heit“ zurück und verweigert die Dynamik des Samenkorns: Es will nicht sterben, um Wandlung und Frucht zu ermöglichen, sondern klammert sich an das bloße Überleben. So spaltet das System das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod, Tag gegen die Nacht, Tun gegen das Nichttun. Das Denken verkommt zur reinen Überlebensmechanik.

II. Pädagogische Schärfung: Das Ich-Du, polare Einheiten und die Metapher des Baumes

Dieser Befund fordert Pädagogen heraus, die eigenen Sinne zu schärfen. Wenn Bildung mehr sein soll als die Bereitstellung funktioneller Humankapazitäten, müssen wir mit den Schülern einen Weg einschlagen, der im Sinne Immanuel Kants zum Gebrauch des eigenen Verstandes anleitet.

Transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) begreift Metaphysik nicht als starres Lehrgebäude, sondern als einen gedanklichen Prozess – als ein reflektiertes „Durch-die-Welt-Gehen“. Im multiethnischen Schulalltag bedeutet dies, der durchökonomisierten Alltagswelt die Maske zu entreißen und Verschiedenheiten im unmittelbaren Dialog zu entbinden. Dies gelingt nur in einer Sprache, die nach Martin Buber das echte „Ich-Du“ stiftet und Gemeinschaftlichkeit jenseits bloßer Nützlichkeit ermöglicht.

Dazu gehört das Wiederentdecken der polaren Einheiten im pädagogischen Handeln:

  • Sprechen und Schweigen: Ein Sprechen, das das Schweigen als Feind bekämpft, verkommt zum Steuerungsbefehl. Erst das „Schweigen in der Sprache“ öffnet die Dimension des Transzendenten im Wort als Raum der Ehrfurcht.
  • Halten und Lassen: Bildung erfüllt sich nicht im permanenten Machbarkeitswahn, sondern in der Gelassenheit des Gewährenlassens. Das Schweigen im Sprechen und das Lassen im Tun schützen die Unverfügbarkeit des Edukanden.

Sinnbildlich lässt sich dieser Selbstvollzug im Licht der Vernunft mit einem Baum vergleichen: Ein Baum wächst nur in dem Maße in das Licht der Selbstverwirklichung, wie er in den dunklen Boden hineinschaut, aus dem er lebt – in das Bewusstsein der eigenen Herkunft, Begrenztheit und Endlichkeit. Wo der Blick in diese Tiefe verweigert wird, verkommt Leben zur flachen Funktion.

III. Wissenschaftlicher Anspruch und die kritische Gegenfrage: Cui bono?

Ist ein solches Denken im Schulalltag bloße Phantasterei? Keineswegs. Es ist streng wissenschaftlich und argumentativ, weil es nach den Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Würde fragt. Wer im Ethik- oder Religionsunterricht so denkt, betreibt keine unzulässige Spekulation, sondern schützt das Subjekt vor der totalen Vereinnahmung durch die Zwecke des Marktes.

Gerade deshalb müsste mit einer Christlichen Sozialethik heute dringend noch Staat zu machen sein. Doch der Befund der Praxis fordert eine Gegenfrage heraus: Warum zeigt der Staat ein abnehmendes Interesse an dieser sozialethischen Fundierung? Cui bono – wer profitiert davon?

Die Antwort liegt nahe: Ein System, das den Menschen primär als ökonomischen Datensatz und reibungslos funktionierendes Zahnrad begreift, empfindet die Erinnerung an das Unverfügbare als störend. Eine Christliche Sozialethik, die den Edukanden als bei seinem Namen gerufene Person versteht und ihn lehrt, Leben und Tod, Halten und Lassen als Ganzes anzunehmen, bleibt der unersetzliche Stachel im Fleisch einer rein immanenten Gesellschaft.

Zum Autor des Gastbeitrages:

Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

Rezension: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte

Neue studentenhistorische Rezension:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Rezension zu: Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution. Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD (Schriften des Instituts für Deutsche Studentengeschichte; 4), Marl: Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte e. V. 2025, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 151 (2026), S. 319 – 322.

Zwischenruf: Ein transzendental-kritischer Zwischenruf

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

„Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen?“ – Diese von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Grundfrage zwingt uns Theologen und Pädagogen zur ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Antwort darauf entscheidet sich an der Frage, ob wir den Menschen noch als ein auf Transzendenz hin ausgerichtetes Wesen begreifen – oder ob wir ihn längst an eine rein immanente Verwendungs- und Messbarkeitslogik ausgeliefert haben.

I. Das Jona-Syndrom: Die Flucht aus der Transzendenz

Das Buch Jona ist kein harmloses alttestamentliches Märchen, sondern eine existenzielle Fallstudie über den Rückzug des Subjekts vor dem Anspruch des Absoluten. Jona, der „Sohn des Amitai“ („Sohn der Wahrheit“), leidet an einer tragischen Verwechslung: Er hält seine eigene, verfestigte Vorstellung von Ordnung und Gerechtigkeit für die absolute Wahrheit.

Wo die göttliche Transzendenz ihn auffordert, ins Licht der Vernunft zu treten und sich dem radikal Fremden (der Stadt Ninive) zu stellen, wählt Jona die Flucht nach innen – den Regressus ad uterum. Im Bauch des Fisches, eingepfercht zwischen „Kot und Samen“, zieht er sich in die ultimative solipsistische Schutzhöhle zurück.

Er spürt seine Endlichkeit, wagt es aber nicht, seine eigenen Wurzeln dem Wind der Wirklichkeit auszusetzen, aus Angst, zu verdörren wie die spätere Rizinusstaude. Lieber flieht er vor dem gesellschaftlichen WIR und verweigert das ICH-DU (im Sinne Martin Bubers). Er spaltet das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod. Jona lässt sich über Bord werfen – nicht aus rettender Liebe, sondern aus der resignativen Ichlosigkeit eines Menschen, der keinen tieferen Sinn mehr reflektieren kann.

II. Die Verflachung zur „PISA-Bildung“: Wenn das Denken erstickt

Wenn wir heute auf den Zustand von Kirche, Gesellschaft und Bildung blicken, begegnen wir Jonas Flucht im institutionellen Maßstab. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer flachen „Gott-ist-tot“-Theologie wird die Auferstehung oft zur bloßen „sozialen Metapher“ verharmlost. Die Kirche erzieht zu einem immanenten, morallastigen Humanismus.

In der Bildungsethik führt dieser Ausfall der Vertikalen direkt in die PISA-Bildung:

Vom Subjekt zum Datensatz: Bildung wird nicht mehr als Befähigung zur Freiheit und Verantwortung vor dem Absoluten verstanden, sondern verkommt zum pragmatischen „Punkte-Sammeln“.

Die Illusion des Gemachten: In Qualitätsmanagement, Kompetenzgerede und Excel-Tabellen versucht das System, das menschliche Sein einzukästeln.

Doch wo das Denken wirklich lebendig ist, hinterlässt es keine administrativen Spuren. In einer digitalisierten „Kick- und Klick-Gesellschaft“ wird dem Menschen das haptische Gegenüber entzogen. Die bürokratische Datenwelt ist die moderne Fortsetzung von Jonas Fischbauch: Das System bleibt unter sich, berührt aber die Existenz des Menschen nicht mehr.

III. Das „Schweigen in der Sprache“ als Schutzraum der Würde

An dieser Stelle erweist sich die transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) als unverzichtbares Korrektiv. Wenn ich mich als Pädagoge im Heitger’schen Sinne „zur Vernunft zwinge“, erkenne ich: Das tiefste Selbst (die Einmaligkeit und Würde) des Edukanden ist kein empirisches Objekt, das sich in Kompetenzrastern erfassen ließe. Das eigene Antlitz des Menschen bleibt dem letzten begrifflichen Zugriff entzogen – es ist unsagbar.

Das erfordert eine Unterscheidung zweier Formen des Schweigens:

1. Das Schweigen nach der Sprache: Das bloße Verstummen, die Sprachlosigkeit oder die bürokratische Kälte.

2. Das Schweigen in der Sprache: Die Dimension des Transzendenten innerhalb des Wortes. Es ist der verbliebene Raum der Ehrfurcht im pädagogischen Gespräch. Das Schweigen in der Sprache schützt die Freiheit des Educanden vor dem Machbarkeitswahn der Institutionen. Es signalisiert: „Ich fordere deine Vernunft heraus, aber ich beherrsche dich nicht. Dein tiefstes Wesen gehört dir und Gott allein.“ Wo dieses Schweigen getötet wird, verkommt die Sprache zum reinen Steuerungsbefehl.

IV. Der Verlust des Futur II und die paulinische Antwort

Wo die Transzendenz gekappt wird, verarmt auch die Grammatik unseres Lebens. Es vollzieht sich der schleichende Verzicht auf das Futur II („Es wird gewesen sein“).

Ohne die Perspektive einer vollendenden Zukunft kollabiert das Leben vom dynamischen Vektor (einer gerichteten Bewegung mit Herkunft und Ziel) zur statischen Existenz im atemlosen Präsens. Man dreht sich im Kreis der eigenen Immanenz.

Mit einer solchen schrumpfenden Grammatik ist in der Tat kein Staat – und erst recht keine Erziehung – mehr zu machen. Denn ohne Transzendenz gäbe es keinen Grund, das eigene Leben für andere einzusetzen.

Erst wo wir die Enge der Immanenz durchbrechen, wird die paulinische Dimension greifbar: Die Auferstehung ist keine verblassende soziale Metapher, sondern eine Wirklichkeit im JETZT. Wo das starr gewordene ICH im Wagnis des DU zum WIR findet, bricht die Auferstehung mitten in unserer Gegenwart auf.

Fazit

Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Ja – aber nur, wenn sie sich weigert, sich den Logiken des reinen Nützlichkeitsdenkens anzupassen. Eine zukunftsfähige Bildungsethik darf den Menschen nicht an PISA-Punkte und Excel-Tabellen ausliefern. Sie muss den Mut besitzen, ihn wieder als Person zu begründen, die beim Namen gerufen ist – nicht um im Schutz solipsistischer Systeme zu verharren, sondern um im Licht von Vernunft, Glauben und Verantwortung nach Ninive aufzubrechen.

Zum Autor des Gastbeitrages:

Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

Vorankündigung: Jüdische Verbindungen, jüdische Korporierte

Arbeitskreis der Studentenhistoriker kündigt Band zur Geschichte der jüdischen Korporationen an:

Der Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze würdigt im Band zum einen den badischen Rechts- und Kultuspolitiker sowie Staatsrat Ludwig Marum (Badenia Heidelberg), zum anderen den Bamberger Widerstandskämpfer und Rechtsreferendar Willy Aron (Burschenbund Wirceburgia).

Vorankündigung: Jüdische Korporierte

2021 und 2022 hat der Arbeitskreis der Studentenhistoriker drei Veranstaltungen durchgeführt, die sich mit jüdischen Verbindungen und jüdischen Korporierten beschäftigten. Im Herbst 2026 sollen die Tagungsbeiträge erscheinen. Schon jetzt gibt es einen Vorgeschmack im Podcast „Korpo Talk“:

studentenhistoriker.eu/vorschau-bei-korpotalk-juedische-korporierte-kommendes-buch/