Schlaglicht: Argumentation auf den Kopf gestellt

Julia Knop fordert von den Priestern, ihr Standesdenken aufzugeben (Neues Priesterbild gefordert. Diener der menschlichen Freude ohne Standesdenken, in: Katholisches Sonntagsblatt, Nr. 8, 21. Februar 2021, S. 6). Und führt als Beleg für ihre Position Gottesdienste während des Lockdown ins Feld. Das Beispiel stellt auf den Kopf, worum es bei der Liturgie geht. Jede Eucharistie wird in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche gefeiert, niemals privat. Gerade ein Priester, der in einer Krisensituation stellvertretend für seine Gemeinde Liturgie feiert, wird seiner dienenden Funktion gerecht. Knop kritisiert falschen Standesdünkel und ist selbst darin verfangen. So verkennt die Erfurter Theologin, wie trostreich es im Frühjahr war, zu wissen, dass die Liturgie weitergeht, auch wenn öffentliche Versammlungen verboten waren.

Zum Weiterlesen zum selben Thema:

Der Gottesdienst muss weitergehen, auch ohne öffentliche Versammlung

Neue Rezension zur Festschrift „200 Jahre Wartburgfest“ erschienen

Harald Lönnecker, Klaus Malettke (Hgg.): 200 Jahre Wartburgfest. 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 2017. Studien zur politischen Bedeutung, zum Zeithintergrund und zum Fortwirken der Wartburgfeier (Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert; 22), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2019, 548 Seiten, 48 Euro.

Die Zeitschrift für Thüringische Geschichte (Bd. 74, 2020, S. 366 – 372) rezensiert die Festschrift der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung zum zweihundertjährigen Jubliäum des Wartburgfestes 1817 – 2017. Der Rezensent, Werner Greiling, nimmt in seiner Rezension auch Bezug auf aktuelle staatspolitische Debatten um Nation, Nationalstaat, Vaterland und Patriotismus. Hier ein Auszug:

„Da der historisch-politischen Relevanz des Festes auf der Wartburg kein Historiker grundsätzlich widersprechen dürfte, ist der völlige Verzicht auf einen wie auch immer gearteten „Staatsakt“ in der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2017 aus Anlass des Jubiläums tatsächlich bemerkens- und bedenkenswert. Insofern handelt es sich hierbei um eine zutreffende Beobachtung der beiden Herausgeber (vgl. S. VIII), die mit ähnlicher Akzentsetzung im theologisch-religionsgeschichtlichen Beitrag von Axel Bernd Kunze über „Erbe und Auftrag christlicher Burschenschaften“, welcher den Bogen von der „christlich-deutschen Gesinnung“ der Burschenschafter bis zu grundlegenden Fragen des Verhältnisses von Religion und Politik in der Gegenwart schlägt, wiederholt wird: Man müsse keineswegs selbst Burschenschafter sein, um der Gründung der Urburschenschaft und dem Wartburgfest „Bedeutung für die deutsche National- und Verfassungsgeschichte beizumessen, zumal mit Nationalhymne und Flagge immerhin zwei der wichtigsten Nationalsymbole mit der burschenschaftlichen Bewegung untrennbar verbunden sind. Umso bemerkenswerter ist, dass beide Jubiläen von den Verfassungsorganen nicht mit einer öffentlichen Feier gewürdigt wurden.“ (S. 419) Geschuldet ist dieser Verzicht unseres Erachtens aber nicht der mangelnden Erinnerungsarbeit und fehlender Wissensvermittlung durch die Historiker, sondern einer politischen und erinnerungskulturellen Grundtendenz, die das „Nationale“ und den „Nationalstaat“, aber auch Begriffe wie „Patriotismus“ und „Vaterland“ zunehmend pejorativ konnotiert. Eine Extremposition bezieht hierbei der heutige Vorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Robert Habeck, der vor einiger Zeit verkündete: „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ (Robert Habeck, Patriotismus – ein linkes Plädoyer, Gütersloh 2010, S. 21)

Solange Derartiges von tonangebenden Kreisen der politischen und medialen Klasse in seltsamer Geschichtsvergessenheit formuliert und vertreten wird, muss die von Lönnecker und Malettke angemahnte „geschichtspolitische Initiative“ (S. IX) ins Leere laufen. Und auch der stolze Verweis auf die Tatsache, „daß auf dem Wartburgfest erstmals die Farben gezeigt wurden, die heute die deutschen Nationalfarben sind“ (S. VIII), macht manchem Zeitgenossen das Treiben der Jenenser Studenten und ihrer Gäste im Oktober 1817 ja eher verdächtig. Der Aufruf der „Linksjugend“ anlässlich der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2018 beispielsweise, „Deutschlandfahnen zu klauen“, weil der öffentliche Raum zunehmend schwarz-rot-gold eingefärbt sei und das „nationale Fieber“ zur Ausgrenzung von Minderheiten sowie steigenden rassistischen Gewalttaten führe, fand seitens jener Personen, die für die Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland eine besondere Verantwortung tragen, keine vernehmbare Zurückweisung. Dabei ist die Distanz zum Nationalen selbstverständlich keineswegs einheitlich und nicht bei allen Spitzenpolitikern so ausgeprägt wie bei Habeck, welcher zwar „mit Deutschland noch nie etwas anzufangen“ wusste, nicht wenigen Wählern aber als Intellektueller mit Chancen auf das Kanzleramt der Bundesrepublik Deutschland gilt. Dennoch handelt es sich bei der mitunter verschämten, häufig aber auch demonstrativen Abkehr vom Nationalen um eine weit verbreitete gesellschaftliche Tendenz, der mit neuen geschichtspolitischen Initiativen der Burschenschaftsgeschichtsschreibung wohl kaum beizukommen sein wird. Dazu bedürfte es schon eher einer „geistig-moralischen Wende“, wie sie 1982 Helmut Kohl postulierte. Eine solche ist derzeit aber nicht in Sicht.“

Bamberger Widerstandskämpfer, Sozialdemokrat, Waffenstudent und Justizreferendar: Willy Aron

Onlinevortrag am 12. Februar 2021 für die Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg

Willy Aron – Justizreferendar und erstes Bamberger Opfer des Nationalsozialismus

(geb. am 3. Juni 1907 in Bamberg, ermordet am 19. Mai 1933 in Dachau)

  • mit 14 Jahren in Bamberg Eintritt in die Sozialistische Arbeiter-Jugend (SAJ)
  • im Wintersemester 1925/26 in Würzburg Aufnahme als Fuchs in die paritätische Studentenverbindung Wirceburgia (Burschenbundsconvent)

Politischer Werdegang

„Wenn man heute in Bamberg der Opfer des Nazismus gedenkt, dann ist an erster Stelle ein Name zu nennen – Willy Aron. Er war der erste Bamberger, der im Kz. Dachau sein Leben für Recht und Freiheit lassen mußte.“ (so Stadtrat Georg Grosch, 1947) – Willy Aron, Sohn des jüdischen Justizrates Albert Aron und dessen Frau Berta (beide starben später ebenfalls im Konzentrationslager), engagierte sich in der jüdischen und sozialistischen Jugendbewegung. Nicht zuletzt die Nationalsozialisten verspotteten Aron, der auch als Student und Justizreferendar ein aktiver Funktionär der Bamberger SAJ blieb, als  „Stehkragenproletarier“. Er hielt Bildungsveranstaltungen, nahm an Wanderungen und Jugendtagen teil.

Schon früh geriet der kämpferische Jungsozialist ins Visier der Nationalsozialisten. Hierzu beigetragen hatte nicht zuletzt, dass Aron im Prozess um die sogenannte „Schlacht am Schillerplatz“, eine von den Nazis am 31. Juli 1932 initiierte Massenschlägerei, die Verteidigung mehrerer Sozialdemokraten übernommen hatte.

Ob seine Führungstätigkeit innerhalb des Bamberger Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold oder seine Äußerung, die Nationalsozialisten hätten den Reichstag selbst in Brand gesteckt, den äußeren Anlass für seine frühe Verhaftung gab, ist umstritten. Auf jeden Fall gehört Willy Aron, den die Nazis einen „Roten Hund“ nannten, in Bamberg zu den Ersten, die das neue Regime am 10. März 1933 aus politischen Gründen in „Schutzhaft“ nehmen ließ, wie es verschleiernd in der Sprache der Nazis hieß. Im Konzentrationslager Dachau, wo er am 15. Mai, eintraf, wurde Aron, der durch seine Körpergröße und seine roten Haare auffiel, auf äußerst brutale Weise misshandelt. Zeugen berichteten später, dass dem bereits Fieberwahnsinnigen immer wieder von neuem auf die eiternden Wunden geschlagen wurde.

Die SS, deren Macht zu dieser Zeit noch nicht hinreichend gefestigt war, versuchte, den Mord an Aron zu vertuschen, und befürchtete, er könnte zum jüdischen Märtyrer werden. Als der Sarg in Bamberg eintraf, durfte er bis zur Beisetzung am 22. Mai nicht mehr geöffnet werden. Im März 1948 begann die strafrechtliche Verfolgung des Falles. Die Täter, die bis zum Schluss kein Schuldgefühl aufbrachten, kamen mit vergleichsweise harmlosen Strafen davon; einer von ihnen beging 1964 Selbstmord.

Andreas Dornheim spricht in seiner Biographie über Aron davon, „dass viele Nationalsozialisten zumindest ahnten, dass sie mit Wilhelm Aron nicht nur einen unschuldigen, sondern auch einen begabten Menschen mit einem gewissen Charisma umgebracht haben“. Schon kurz nach dem Krieg beginnt die öffentliche Erinnerung an Aron, auch dank des publizistischen Einsatzes Thomas Dehlers. Heute erinnern in seiner Heimatstadt die nach ihm benannte Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V., drei „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig (vor dem Anwesen Luitpoldstraße 32) und eine Aronstraße an ihn und seine Familie. Willy Arons Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Bamberg.

Akademischer Werdegang

Willy Aron begann sein Studium im Mai 1925 in Erlangen, wechselte aber, vielleicht wegen des latent antisemitischen Klimas dort, nach nur einem Semester nach Würzburg. Hier wurde er, den sie wegen seiner politischen Auffassung mit Spitznamen „Ilja Andrewitsch“ riefen, Waffenstudent des paritätischen Burschenbundes Wirceburgia.

Die Reception zum Burschen erfolgte nach zwei genügenden Bestimmungsmensuren auf dem Semesterantrittsconvent im Sommer 1926. Sein Leibfuchs Günther Berger berichtete später: „Mir wurde mein Leibbursch ein wertvoller Freund im Gedankenaustausch. Im Zweifel hätte ich mit einem anderen Leibburschen nur über Banalitäten sprechen können.“

Im folgenden Semester wurde Aron zum Zweitchargierten und damit zum Fechtwart gewählt. Als der Semesterabschlussconvent den als still, schlank und sportlich beschriebenen Burschen aus seiner Charge entließ, wurde ihm sofort die Klammerung gestattet. Zeitgleich ließ Aron sich inaktivieren, da er das Sommersemester 1927 in München verbringen will. Dort wurde er Verkehrsgast des Burschenbundes Südmark. Als Aron im Wintersemester 1927/28 nach Würzburg zurückkehrte, erhielt er die Aufgabe des Fuchsmajors übertragen.

Trieb ein Bundesbruder seinen Ulk mit Aron, ließ dieser so etwas keinesfalls einfach auf sich sitzen. Der Studentenhistoriker Thomas Schindler schreibt Aron die Fähigkeit zur Selbstironie zu. So zeichnete er zum 45. Stiftungsfest seiner Wirceburgia (1930) das Liederheft seines Bundesbruders Hellmann hinter seinem Namen nicht nur mit Zirkel (unter Weglassung der Klammer), sondern auch mit der zweimaligen Wiederholung seines Nachnamens – einmal auf Griechisch, einmal auf Hebräisch.

Ab dem 4. März 1930 war Aron wieder dauerhaft in Bamberg ansässig. Ursprünglich preußischer Staatsbürger, war ihm erst Anfang April 1929 im Hinblick auf das erste juristische Staatsexamen die bayerische Staatsbürgerschaft verliehen worden; mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten zerschlugen sich alle Hoffnungen auf eine spätere Beamtenlaufbahn. Sein mutiges politisches Engagement sollte Willy Aron bereits kurz danach mit seinem Leben bezahlen. Das Haus seiner Wirceburgia wurde in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1933 von einem SA-Trupp gestürmt. Willy Aron war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Das Bamberger Volksblatt schloss am 23. Mai 1933 die Notiz über sein Begräbnis mit den Worten: „An der offenen Gruft sprach ein Bundesbruder des Toten herzliche Worte des Abschiedes.“

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei in Gefahr, erklärt der Mainzer Historiker Andreas Rödder, einer der Initiatoren des neuen Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit. Dessen Manifest versteht sich als eine Antwort auf eine „Cancel Culture“, die auch an deutschen Universitäten um sich greife.

Weitere Informationen zu den Zielen des Netwerkes Wissenschaftsfreiheit und den Möglichkeiten einer Mitgliedschaft finden sich unter folgendem Link: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/

Neuer sozialethischer Literaturbericht

Die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle und die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik haben den neuen sozialethischen Literaturbericht für 2020 veröffentlicht. Ferner gibt es einen kumulierten Literaturbericht für den Zeitraum von 2009 bis 2019. Beiträge zur Bildungsethik finden sich jeweils in Kapitel 8.

Sozialethische Veröffentlichungen von Axel Bernd Kunze aus dem Jahr 2020:

Sozialethische Grundlagenfragen

Kunze, Axel Bernd: Sozialethische Umkehr. Zur politisch-gesellschaftlichen Diakonie in Krisenzeiten, in: Die Neue Ordnung, 2020/74/3, S. 164 – 173.

Kirchliche Dokumente

Kunze, Axel Bernd: „Aus dem Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums“ („Gravissimum educationis“; GE 8). Überlegungen zum Erziehungsauftrag (nicht nur) katholischer Schulen, in: Katholische Bildung, 2020/121/11-12, S. 241 – 251.

Politische Ethik

Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Sich erinnern: woran, warum und wozu? Texte und Zitate zu Erinnerung, Demokratie und Zivilität. o. O. (Bamberg) 2020.

Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Fred Forchheimer: Verfolgung – Emigration – Selbstbehauptung. „Omnia mea mecum porto“ (Alles, was mein ist, trage ich bei mir). o. O. (Bamberg) 2020.

Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020.

Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Zum Geleit, in: Dieselben: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020, S. 5 – 7.

Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Einleitung, in: Dieselben: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020, S. 11 – 27 [Anmerkungen: S. 215].

Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Ausblick, in: Dieselben: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020, S. 203 – 214 [Anmerkungen: S. 226].

Kunze, Axel Bernd: Wird der Rechtsstaat noch verstanden? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu einem konstitutiven Merkmal unseres Gemeinwesens, in: Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020, S. 137 – 175 [Anmerkungen: S. 222 – 224].

Kunze, Axel Bernd: Woraus lebt ein Gemeinwesen? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu den kulturellen Grundlagen des Staates, in: Dietz, Alexander; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd; Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie. Leipzig 2020, S. 177 – 201 [Anmerkungen: S. 225].

Kunze, Axel Bernd: Unvereinbar? Überlegungen zum Verhältnis von Parteien und Korporationen am Beispiel der SPD, in: Sigler, Sebastian (Hg.): Die Vorträge der 79. Deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein, München 2020, S. 173 – 220.

Kunze, Axel Bernd (Mitarb.): Zitate zu Erinnerung, Demokratie und Zivilität, in: Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Sich erinnern: woran, warum und wozu? Texte und Zitate zu Erinnerung, Demokratie und Zivilität. o. O. (Bamberg) 2020, S. 13 – 16.

Wirtschaftsethik und Sozialpolitik

Kunze, Axel Bernd: Keine Privatsache, in: Concilium, 2020/56/5, S. 597 – 602.

Kunze, Axel Bernd: Bildung und Beteiligung. Ein Impuls aus der Erzieherausbildung an Fachschulen für Sozialpädagogik, in: Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule, 2019/37/4, S. 209 – 213 [faktisch 2020].

Ethik der Lebensformen

Kessel, Sibylle; Kunze, Axel Bernd; Lorenz, Andreas; Simpfendörfer-Autenrieth, Magdalene (Red.): Unter neuen Vorzeichen. Weinstadt (Rems) 2020.

Kunze, Axel Bernd: Wann ist Schule „gerecht“?, in: Elternforum, 2020/-/3-4, S. 18 f.

Bildung, Wissensgesellschaft, Medien, Kultur

Kunze, Axel Bernd: Pädagogik als Menschenrechtsprofession. Bildungsethische Überlegungen zur Praxis von Schule und Lehrerbildung – am Beispiel der Inklusion, in: Danz, Simone; Sauter, Sven (Hg.): Inklusion, Menschenrechte, Gerechtigkeit. Professionstheoretische Perspektiven. Stuttgart 2020, S. 69 – 102.

Kunze, Axel Bernd: Corona-Denglisch, in: Kessel, Sibylle; Kunze, Axel Bernd; Lorenz, Andreas; Simpfendörfer-Autenrieth, Magdalene (Red.): Unter neuen Vorzeichen. Weinstadt (Rems) 2020, S. 18 f.

Kunze, Axel Bernd: Wissenswertes zu unserer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik, in: Kessel, Sibylle; Kunze, Axel Bernd; Lorenz, Andreas; Simpfendörfer-Autenrieth, Magdalene (Red.): Unter neuen Vorzeichen. Weinstadt (Rems) 2020, S. 9 – 11.

Kunze, Axel Bernd; Lorenz, Andreas: Lernen im Grünen – oder: natürlich digital, in: Kessel, Sibylle; Kunze, Axel Bernd; Lorenz, Andreas; Simpfendörfer-Autenrieth, Magdalene (Red.): Unter neuen Vorzeichen. Weinstadt (Rems) 2020, S. 12 – 17.

Kunze, Axel Bernd (Mitarbeit im Hg.-Kreis): Denk doch mal. Onlinemagazin für Arbeit – Bildung – Gesellschaft. München 2020, Der deutsche Qualifikationsrahmen – eine kritische Bilanz, 2020/-/1; Mehr Werte statt Mehrwert in der Bildung!, 2020/-/2; Wie kann Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung gelingen?, 2020/-/3; Berufliche Erfahrung – Nonformale und informell erworbene Kompetenzen, 2020/-/4.

Kunze, Axel Bernd (Hg.-Beirat): Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule. Münster (Westf.) 2020, Pädagogische Theorien der Schule – warum und wozu?, 2020/38/1; Flucht – Migration – Bildung, 2020/38/2; Entwicklungsfeld Internatspädagogik, 2020/38/3; Antisemitismus, 2020/38/4.

Kunze, Axel Bernd (Wiss. Beirat): Pädagogikunterricht. Die Fachzeitschrift für die pädagogische Fächergruppe. Wesel (Niedrrhn.) 2020, Perspektiven eröffnen. Institutionalisierung – Professionalisierung – Realitätsverarbeitung, 2020/40/1; Fragen, Argumentieren, Urteilen – Bildungsprozesse ermöglichen, 2020/40/2-3; PU digital, 2020/40/4.

Kunze, Axel Bernd (Wiss. Beirat): Pädagogikunterricht. Die Fachzeitschrift für die pädagogische Fächergruppe. PU-Spezial. Wesel (Niederrhn.) 2020, Volker Ladenthin: Pädagogik, das Bildungsfach, 2020/-/April.

Kunze, Axel Bernd (Beirat): Manifest für Bildung. Schluss mit der Bildungs-Deform. o. O. (Wuppertal) 2020.

Kunze, Axel Bernd: Bildungsgerecht. Überlegungen für ein Schulsystem, das dem Einzelnen gerecht wird, in: Bildung aktuell, 2020/71, 6, S. 6 – 8.

Kunze, Axel Bernd: Eine Verteidigung der Präsenzlehre. Erste Antwortversuche auf die Erfahrungen des Sommersemesters 2020, in: Burschenschaftliche Blätter, 2020/135/3, S. 100 – 105.

Kunze, Axel Bernd: Wann ist Schule „gerecht“?, in: Engagement. Zeitschrift für Erziehung und Schule, 2020/38/2, S. 137 – 140.

Kunze, Axel Bernd: Couleurstudentisches Corona-Tagebuch, in: Studenten-Kurier. Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen, 2020/34/3-4, S. 4 f.

Kunze, Axel Bernd: Jedermann hat das Recht auf Bildung (Art. 26 Abs. 1 AEMR 1948). Das Recht auf Bildung als Querschnittsthema innerhalb der Erzieherausbildung, in: Academia, 2020/-/20.04./, https://www.academia.edu/42713057/Das_Recht_auf_Bildung_als_Querschnittsthema_innerhalb_der_Erzieherausbildung.

Kirche und Gesellschaft sowie Religionssoziologie

Kunze, Axel Bernd: Die Macht befreien, in: Concilium, 2020/56/3, S. 337 – 341.

Kunze, Axel Bernd: Der Gottesdienst muß weitergehen, auch ohne öffentliche Versammlung, in: Die Neue Ordnung, 2020/74/5, S. 371 – 373.

Kunze, Axel Bernd: Eine unnachahmliche Formel (Mt 22, 15 – 21), in: Der Prediger und Katechet, 2020/159/6, S. 732 – 735.

Kunze, Axel Bernd: Verheißungsvolle Freude (Jes 35, 1 – 6a. 10), in: Der Prediger und Katechet, 2020/159/1, S. 25 – 28.

Geschichte des Sozialkatholizismus

Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 2020. Vier Gedenkveranstaltungen am 27. und 28. Januar 2020. o. O. (Bamberg) 2020.

Diskussion um Tarifauseinandersetzungen im Öffentlichen Dienst

Die Katholische Soziallehre hat bis heute keine rechte Sozialethik des Öffentlichen Dienstes entwickelt. Dies zeigt sich auch in der „Ansichtssache“ aus der Feder Fbr Weinkamms.

Ein stabiler und verlässlicher Öffentlicher Dienst ist für die Leistungsfähigkeit des Staates von entscheidender Bedeutung. Die Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst haben Anspruch auf eine faire Bezahlung und sie haben das Recht, dafür zu kämpfen, wie andere Berufsgruppen auch. Warum soll ein Streik im öffentlichen Dienst abwegig sein? Weinkamm stellt Behauptungen auf, ohne diese sozialethisch zu belegen.

Wie das Gemeinwohl verwirklicht werden soll, ist nicht einfach vorgegeben; hierum muss immer wieder von neuem gerungen werden. Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: Der Dritte Weg der Kirchen kennt kein Streikrecht. Man mag dazu stehen, wie man will. Die Kirche hat allerdings bis heute kein eigenes Modell der Lohnfindung zu Wege gebracht, sondern schließt sich den Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst an. Verzichteten die Kirchen darauf, würden sie zahlreiche Fachkräfte verlieren. Auch Weinkamm bleibt die Antwort schuldig, wie auf andere Weise die Gehälter im Öffentlichen Dienst festgesetzt werden sollten. Ein Schiedsgericht könnte über das Verfahren der Lohnfindung wachen. Welche finanzpolitischen Spielräume zur Verfügung stehen, kann nur tarifpolitisch entschieden werden.

Den Streik im Öffentlichen Dienst als „Geiselnahme“ zu verzerren, ist populistische Stimmungsmache. Genauso könnte man sagen, eine Verkäuferin im Einzelhandel nehme die Konsumenten in „Geiselhaft“. Weinkamms Beispiele lassen eine andere Vermutung aufkommen: Man will einen Staat, der das Leben schön macht, aber bitte zu geringen Kosten. Die Erziehung der Kinder bleibt erste Pflicht der Eltern, so steht es im Grundgesetz. Es gibt gute Gründe für Kindertageseinrichtungen. Doch wer staatliche Leistungen will, muss die Berufe im Öffentlichen Dienst ordentlich bezahlen. Alles andere ist  unehrenhaft und vertragsbrüchig. Und dort wo der Staat aus hoheitlichen Gründen Streiks ausschließen will, muss er verbeamten.

Spielt Weinkamm mit seiner Kolumne auf die diesjährigen Warnstreiks in Kindergärten und im Nahverkehr an? Dann soll er Ross und Reiter nennen. Erst unter dem Druck von Warnstreiks hat die Dienstgeberseite ein Verhandlungsangebot vorgelegt. Ver.di hatte allen Grund zu streiken. Auch eine coronabedingte Nullrunde hätte tarifpolitisch begründet werden müssen. Nicht die Erzieherinnen haben Eltern die Kinderbetreuung verweigert, sondern die Dienstgeberseite wollte sich aus der Verantwortung stehlen.

Dass der Staat nach Gutsherrenart in der Coronakrise irgendwelche Prämien an Pflege-, Gesundheits- oder Bildungsberufe verteilt, zerstört die Tarifautonomie und macht die Lohnfindung zum Spielball der Parteipolitik. Unser Zusammenleben braucht gut funktionierende Institutionen, richtig. Zu diesen gehört auch die Tarifautonomie. Wer diese als „Eigennutz“ verunglimpft, begeht ein Foul.

(Stellungnahme zur Ansichtssache „Der Streik als öffentliche Geiselnahme“ von Max Weinkamm in der Academia 6/2020, S. 57 f.; veröffentlicht unter dem Titel „Als Eigennutz verunglimpft“ in: Academia 1/2021, S. 59 f.)

In Academia 1/2021 finden sich weitere Stellungnahmen zum selben Thema.

Neuerscheinung: Völkerrecht und Diplomatie

Fünf Jahre sind seit Merkels legendärem Satz „Wir schaffen das“ ins Land gezogen. Gelöst sind die Probleme von damals nicht, auch wenn Politiker gern von der Migrationskrise 2015/16 sprechen – so als sei diese längst beendet worden; mit europäischen Lösungen, versteht sich. Diese erwiesen sich erst vor kurzem als Chimäre. Europa hat das Problem nicht gelöst, sondern weggeschaut. Bis Moria brannte.

Doch Gerald Knaus hat nun endlich die Lösung für die europäische Migrationsfrage gefunden – jedenfalls dann, wenn man dem vollmundigen Klappentext seines Buches Glauben schenken will: „Der Migrationsexperte erläutert, welche Grundsatzprobleme wir lösen müssten und wie aus abstrakten Problemen mehrheitsfähige umsetzbare Maßnahmen werden.“ Experten tummeln sich zuhauf in Talkshows und Nachrichtensendungen. In diesem Fall ist der so Geadelte Gründungsdirektor der Denkfabrik „European Stability Initiative“ sowie Gründungsmitglied des „European Council on Foreign Relations“. Prüfen wir seine Antworten.

Gerald Knaus: Welche Grenzen brauchen wir? Zwischen Empathie und Angst – Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl, München: Piper 2020, 336 Seiten, 18,00 Euro.

Axel Bernd Kunze: Völkerrecht und Diplomatie. Anfragen an einen migrationspolitischen Ratgeber, in: Die Neue Ordnung 75 (2021), H. 1, S. 24 – 31.

Zum Weiterlesen: web.tuomi-media.de/dno2/Dateien/NO121-4.pdf

Rote Fahnen, bunte Bänder

Wissenschaftlicher Abend für die LB! Alemannia zu Bamberg am 29. Januar 2021

Teil I: Was sind politische Parteien?

Wie haben sich die Parteien historisch entwickelt? Der Begriff „Partei“ entwickelte sich im frühen Mittelalter – vorrangig als Rechtsbegriff – aus dem lateinischen „pars“, vor allem gebraucht im Sinne von Streit- oder Prozesspartei. Erinnert sei an den bereits in der Antike formulierten Rechtsgrundsatz: „audiatur et altera pars“. In dieser Wortherkunft klingen die beiden Bezugspunkte an, die im Parteienbegriff bis heute mitschwingen: Teil und Ganzheit. Parteiengeist wurde schon früh mit Spaltung, Zersplitterung, Uneinigkeit und Eigennutz in Verbindung gebracht. Die deutsche Parteiengeschichte kennt die beständige Kritik am zersplitterten Parteienstaat, aber auch das Gegenstück: eine quasireligiöse Überhöhung der Partei als „Mutter der Massen“. Die Wurzeln der Parteienkritik reichen – so z. B. der Parteienforscher Peter Lösche – weit zurück bis in die „konfessionellen, landsmannschaftlich-territorialen, ständischen, sozialen und wirtschaftlichen Spaltungen […] seit der Reformation des 16. Jahrhunderts“.

In einem weiten Sinne politischer Gruppenbildung hat es bereits in der Vormoderne „Parteien“ gegeben, z. B. rivalisierende Gruppen bei Hofe oder in Stadtrepubliken, Geheimgesellschaften, verwandtschaftliche oder konfessionelle Faktionen in Dörfern und Städten. Diese informellen Zusammenschlüsse spielten allerdings keine anerkannte Rolle bei der Besetzung politischer Ämter. Im konfessionellen Zeitalter entstand der Begriff der Religionspartei, der seit dem Westfälischen Frieden zur Bezeichnung der reichsrechtlich anerkannten Konfessionen verwendet wurde. Politische Parteien im heutigen Sinne sind ein Kind der modernen Demokratiebewegung und des Parlamentarismus. In Deutschland schlug ihre Geburtsstunde im Vorfeld der Märzrevolution von 1848. Bereits in dieser Zeit entwickelten sich die großen weltanschaulichen Strömungen, die bis heute im Parteiensystem erkennbar sind.

Das Grundgesetz räumt den Parteien erstmals in der deutschen Geschichte einen verfassungsmäßigen Rang ein und würdigt positiv ihre Rolle im Prozess der politischen Willensbildung. Parteien sind eine hybride Organisationsform des Dritten Sektors: Sie spielen eine intermediäre Rolle zwischen Gesellschaft und Staat. Es handelt sich um Zusammenschlüsse von Bürgern, die sich zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele zusammengeschlossen haben. Die Mitgliedschaft in ihnen ist freiwillig. Faktisch besitzen die Parteien in Deutschland ein Monopol bei der Aufstellung von Kandidaten für öffentliche Ämter und Mandate.

Stecken die Parteien in der Krise? Gegenwärtig sind Auszehrungserscheinungen der Parteien nicht mehr zu übersehen. Die traditionellen Milieubindungen werden schwächer, die Zahl der Aktiven sinkt, und das mitunter recht deutliche Vereinsimage der örtlichen Parteigliederungen ist für jüngere politisch Interessierte kaum noch attraktiv. Parteiarbeit ist mühsam, verlangt Durchhaltevermögen, setzt auf lokale Verankerung sowie kommunalpolitisches Interesse und beansprucht ein hohes Maß an disponibler Zeit.

Schon 1989, aber wenig beachtet, hat der niederländische Soziologe Abram de Swaan auf eine Entwicklung in den westlichen Staaten hingewiesen, die sich der Bildungsexpansion der Nachkriegszeit verdanke und die politischen Beteiligungsmöglichkeiten erheblich verändert habe: Entstanden sei „eine Schicht von wissenschaftlichen Fachleuten und Staatsbeamten […], deren berufliches Fortkommen von kollektiven Einrichtungen abhing. […] Die Akademikergruppen knüpften nicht allein enge Bindungen zum Staatsapparat, sondern unterwarfen weite Teile der Bevölkerung ihrem ‚Regiment‘ – formten sie als Klientel“. Die Debatte verlagere sich zugunsten der Herrschaft von Expertenregimes, die sich politischer Mitsprache entzögen: „Die Klientel der staatsbezogenen Experten ist also überwiegend ein virtueller Kreis geblieben, den Akademiker, Bürokraten und Politiker definieren.“ Die Forderungen der Betroffenen, wenn sie sich überhaupt in Parteien, Gewerkschaften oder Verbänden artikulieren, gehen in „einem Wust sonstiger Forderungen“ unter.

In radikaler Form wird die Kritik an einer hermetisch abgeschlossenen Parteiendemokratie, die keine echten Beteiligungsmöglichkeiten mehr bietet, derzeit vom postdemokratischen Diskurs aufgegriffen, der mit Beginn des neuen Jahrtausends entstanden ist. Einer seiner Vordenker, Colin Crouch, spricht in seinem Bändchen „Postdemokratie“, von Langeweile, Frustration und Desillusionierung, die sich ausbreiten würden: „Alle Parteien mußten erfahren, daß sie dadurch verwundbar werden. Diese Entwicklung steckt hinter vielen der Korruptionsskandale, die Parteien jeder Couleur in allen Industriestaaten in Mitleidenschaft gezogen haben. Sobald die Vorstellung davon, was den öffentlichen Dienst auszeichnet, der Lächerlichkeit und dem Zynismus preisgegeben und das persönliche Profitstreben zum höchsten Ziel des Menschen stilisiert worden ist, muß man damit rechnen, daß Politiker, Berater und andere es für einen wichtigen und gänzlich legitimen Aspekt ihrer Beteiligung am politischen Leben halten, Einfluß gewinnbringend zu verkaufen.“ Zwar überlebten die formalen Merkmale der Demokratie, doch verlagerten sich die Arenen der politischen Entscheidung: Nicht mehr der Bürger, sondern Interessengruppen hätten das Sagen. Die Wahlbürger würden durch professionelles „change management“ gelenkt; die Politiker imitierten die Regeln des Showbusiness und Marketing.

In der Folge verändere sich die Organisationsstruktur der Partei: Diese bilde nicht mehr ein Modell konzentrischer Kreise, dessen innerer Zirkel durch die Führungsspitze gebildet wird, um den sich dann die weiteren Kreise der professionellen Aktivisten, ehrenamtlichen Funktionäre und Partei­mitglieder ziehen. Ausweiten würden sich die Berater- und Lobbyistenzirkel im Umfeld der führen­den Politiker. Im Zuge der Massenakademisierung dürfte der intermediäre öffentliche Bereich weiter an Einfluss gewinnen. Es entstehe eine Ellipse aus politischen Entscheidungsträgern und Beratern.

Haben sich die Parteien somit überholt? Parteien sind in erster Linie freie Zusammenschlüsse von Bürgern zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele. Ihre Ausschaltung wäre nur um den Preis der Freiheit möglich. Dieser Überzeugung gab zu Beginn der Moderne James Madison im zehnten Artikel der „Federalist Papers“ an prominenter Stelle und auf klassische Weise Ausdruck. Die Zeitungsserie gilt als erster Verfassungskommentar der USA. Madison schrieb damals: „Der Einsatz für religiöse, politische und andere Überzeugungen in Wort und Tat, die Bindung an verschiedene politische Führer, die voller Ehrgeiz um Vorherrschaft und Macht ringen, oder an andere Persönlichkeiten, deren Schicksal die menschlichen Leidenschaften erregt haben – all dies hat die Menschheit immer wieder in Parteien gespalten, sie mit Feindseligkeit gegeneinander erfüllt und sie dazu gebracht, einander eher zu peinigen und zu unterdrücken als um des gemeinsamen Wohls willen zusammenzuarbeiten.“

Die Einschätzung ist deutlich: Parteiungen sind ein Übel. Doch ist Madison davon überzeugt, dass es unter den Menschen immer unterschiedliche Meinungen und Leidenschaften geben werde, solange der Mensch seine Freiheit gebraucht. Keiner Regierung sei es erlaubt, eine Gleichheit an Interessen vorzuschreiben oder gar durchzusetzen: „Freiheit ist für Parteiungen, was die Luft für das Feuer ist; die Nahrung, ohne die es augenblicklich erlischt.“ Im freiheitlichen Gemeinwesen könne es nicht darum gehen, die Ursachen von Partei­ungen zu beseitigen, sondern allein über „Mittel zur Kontrolle ihrer Wirkungen“ nachzudenken.

Parteien sind in der repräsentativen Demokratie in erster Linie weltanschauliche, wertorientierte Gruppierungen mit einem politischen Gesamtprogramm und nicht bloße Interessenverbände. Die Parteien bilden einen wichtigen Transmissionsriemen zwischen gesellschaftlicher und politischer Willensbildung. Ihnen obliegt die Aufgabe, gesellschaftliche Interessen auszuhandeln, zu durchsetzungsfähigen Programmen zu bündeln und getroffene Entscheidungen nachträglich kommunikativ zu vermitteln.

Teil II: Mehr Gemeinsamkeiten als gedacht – Studentische Verbindungen und Parteien

Das deutsche Korporationsstudententum verdankt sich der nach staatlicher Einheit und Freiheit strebenden Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts, die sich als Antwort auf Napoleon unter Studenten formierte. Als Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften von Studenten und Alten Herren mit Studienabschluss fördern diese unter ihren Mitgliedern ein akademisches Bildungsideal und sittliches Verantwortungsgefühl. Studentische Korporationen haben keinen parteipolitischen Auftrag. Doch vermitteln sie ihren Mitgliedern gehaltvolle soziale Erfahrungen und bieten dem jungen Studenten Hilfestellung, diese geistig zu verarbeiten. Auf diese Weise vermitteln studentische Korporationen wichtige Bildungs- und Sozialisationserfahrungen, die für politisches Engagement fruchtbar gemacht werden können. In ihnen lernen junge Menschen beispielsweise Verantwortungsgefühl, Organisationstalent, Gesprächs- und Diskussionsfähigkeit, Kompromissfähigkeit und Zusammenhalt. Dabei geht es um mehr als funktionales Wissen oder formale Fähigkeiten. Es geht um Vermittlung eines geistigen Orientierungswissens, um Gemeinwohlbindung und um den Aufbau einer sittlichen Haltung, die daran interessiert ist, die Selbstbestimmung des anderen zu fördern und seine Freiheit zu stärken. In studentischen Korporationen geschieht dies in der schöpferischen Auseinandersetzung mit Werten und Traditionen, durch die Einübung von Regeln, das Ringen um gemeinsame Überzeugungen und durch Einbindung in eine konkrete Verantwortungsgemeinschaft, die ein Leben lang trägt. Dies geschieht im Rahmen basisdemokratischer Entscheidungen; in den Conventen studentischer Verbindungen wurde eine demokratische Kultur der Willensbildung und Entscheidungsfindung schon lange vor Einführung der Demokratie als Staatsform praktiziert.

Dies alles mag für viele Zeitgenossen (nicht in unserem Kreis) antiquiert klingen, ist aber äußerst aktuell. Denn eine Politik, der die Bindung an ein tragfähiges Orientierungswissen verloren geht, wird insgesamt schnelllebiger, sprunghafter und unberechenbarer, ausgerichtet an medialen Stimmungen und kurzatmigen Umfragetrends. Aktuelle Beispiele gibt es in der Politik zuhauf. Der politische „Pragmatiker des Augenblicks“ (Thomas Leif), der seine Entscheidungen nur noch an momentanen, medial beherrschten Stimmungen ausrichtet und auch noch in immer kürzeren Abständen revidiert – alles frei nach dem Motto: „Hier stehe ich, ich kann auch jederzeit anders“ –, verspielt das Zutrauen in seine Kompetenz und schränkt seine eigenen Entscheidungs- und Handlungsspielräume dadurch selbst ein. Politische Durchsetzungsfähigkeit hängt nicht nur von der richtigen Strategie und Taktik ab, so wichtig beide für das Durchsetzen von Interessen und das Herstellen hierfür notwendiger Mehrheiten auch sind. Der nicht selten beklagte Vertrauensverlust in die Steuerungsfähigkeit und Problemlösekompetenz der politischen Akteure zeigt die Auswirkungen einer Politik, der langfristige Orientierungen verloren zu gehen scheinen.

Politische Parteien könnten von den Erfahrungen, dem Engagement und dem Orientierungswissen ihrer korporierten Mitglieder profitieren. Überdies zeigen sich bei genauerem Hinsehen deutliche Parallelen zwischen Parteien und Verbindungen. Die Mitgliederpartei vermittelt wichtige politische Sozialisationserfahrungen. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen technischer und strategischer Politikfähigkeiten, sondern auch um die Weitergabe gemeinsam geteilter Traditionen und politischer Werte. So garantieren Parteien dem politischen Prozess über den Weg kollektiver Selbstregulierung ein bestimmtes Maß an Wertebindung und die kontinuierliche Weitergabe „kollektiv gespeicherter“ Erfahrungen. Dem kulturethischen Wissen, das die Parteien vermitteln, kommt eine nicht zu unterschätzende kulturstaatliche Orientierungsfunktion zu: Erst auf Basis einer solchen Wertgrundlage wird die Politik zu nachhaltigen Entscheidungen fähig und ist eine verlässliche Organisation des politischen Prozesses möglich.

In der SPD gründet dieses Bedeutung in der Bindung an eine mehr als hundertfünfzigjährige Geschichte, in welcher sich die Partei – nicht selten gegen harte Widerstände – für den Aufbau einer starken sozialen Demokratie eingesetzt hat. Verpflichtet sieht sich die SPD den Werten des Demokratischen Sozialismus: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Diese Werte müssen sich nach außen sich im Einsatz für den demokratischen Rechts- und Sozialstaat bewähren. Verstehen sich studentische Korporationen als ein generationenübergreifender Lebensbund, hat sich die SPD von ihren Anfängen her gleichfalls als eine starke Gemeinschaft Gleichgesinnter verstanden. Sichtbarer Ausdruck hierfür ist, dass sich Sozialdemokraten gegenseitig als Genossen anreden und – wie Bundesbrüder – einen Duzcomment pflegen. Die politischen Werte, für welche die Partei steht, sollten sich auch in innerparteilicher Solidarität, im Einstehen für die gemeinsamen Überzeugungen und in einem lebendigen Parteileben zeigen.

Teil III: Korporierte Genossen – ein Buchprojekt

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bist heute, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016.

Das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und studentischen Korporationen ist nicht immer einfach gewesen – bis heute. Doch gab es seit Gründung der SPD zu allen Zeiten zahlreiche korporierte Genossen, berühmte und weniger berühmte, die couleurstudentisches und parteipolitisches Engagement miteinander verbanden. An erster Stelle ist hier Ferdinand Lassalle, der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, zu nennen. In nicht wenigen Fällen wird man sogar sagen können, dass die gemeinsame Korporations- und Parteizugehörigkeit mehr als Zufall war, sondern vielmehr eine Quelle gegenseitiger Inspiration bedeutete. Auch dies gilt bis heute, wie der 2006 gegründete Lassalle-Kreis als Netzwerk korporierter Sozialdemokraten deutlich macht. Stellvertretend soll mit dem Band an verstorbene korporierte Sozialdemokraten erinnert werden: an ihr Leben und Wirken, an ihre politischen Leistungen und ihr gesellschaftliches Engagement.

Die getroffene Auswahl versammelt korporierte Genossen von den Anfängen der Partei bis in die Gegenwart, vom Vormärz und das Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland. Die vorgestellten Genossen waren auf Reichs- oder Bundesebene, in der Landes- oder Kommunalpolitik aktiv; einige von ihnen waren maßgeblich am Aufbau der ersten deutschen Republik von Weimar oder am Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Einige mussten den Einsatz für ihre politischen Überzeugung und ihren Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrecht – wie Willy Aron und Adolf Reichwein – mit ihrem Leben bezahlen.

Die gesammelten Lebensbilder repräsentieren überdies unterschiedliche Strömungen und Flügel innerhalb der Partei. In ihnen zeigen sich unterschiedliche persönliche Motive oder Lebenserfahrungen, die dazu geführt haben, warum jemand zur Sozialdemokratie gestoßen ist. Die Portraits zeigen zugleich, auf welch unterschiedliche Weise die Einzelnen ihre Partei- und Korporationszugehörigkeit mit dem Eintreten für weitere gesellschaftliche oder kirchliche Anliegen verbunden haben. Unterschiedlich sind auch die Berufe der korporierten Genossen, die der Band vorstellt. Neben Sozialdemokraten, die ihr berufliches Leben vollständig der Politik widmeten, begegnen zum Beispiel Journalisten, Juristen, Manager, Pädagogen oder Wissenschaftler.

Vor der Drucklegung mussten in einzelnen Fällen aktuelle politisch-historische Kontroversen, ausgelöst durch neuere biographische Studien, über das Verhalten dargestellter Personen während der NS-Zeit gesichtet werden, was an zwei Beispielen etwas ausführlicher gezeigt werden soll.

So wurde das Lebensbild des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf um ein entsprechendes Kapitel zur Frage „Hinrich Wilhelm Kopf als Unperson? Oder: damnatio memoriae“ ergänzt. Die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen hatte 2013 im Auftrag des Präsidenten des niedersächsischen Landtags den Vorwurf zu untersuchen, inwiefern sich Kopf während der NS-Zeit durch seine Tätigkeit im Auftrag der Haupttreuhandstelle Ost als Treuhänder für das Vermögen von Juden und Geflohenen moralisch schuldig gemacht habe, sodass möglicherweise eine künftige Würdigung als zentrale Gründerfigur des Bundeslandes nicht mehr gerechtfertigt werden könnte. Alexander Voigt und Manfred Blänkner warnen am Ende ihres Lebensbildes im vorliegenden Sammelband vor voreiligen Schlüssen: „Es wäre angesichts der Verdienste des ‚roten Welfen‘ um den demokratischen Aufbau des Landes Niedersachsen angemessen, die belastenden Quellen und deren Interpretation von dritter Seite erneut zu prüfen.“

Im Fall Adolf Reichweins erschien 2007 eine Qualifikationsarbeit mit dem sprechenden Titel „Dienstbares Begleiten und später Widerstand“. Die Verfasserin charakterisiert Reichwein dezidiert als „nationalen Sozialisten“ und hält ihm vor, vor allem durch seine volkskundliche Arbeit, etwa für NS-Dienststellen oder im Warthegau, den Boden für die Durchsetzung nationalsozialistischer Ideen bereitet zu haben. Die These ist erkennbar darauf angelegt, den bestehenden Konsens über Adolf Reichweins Rolle als Reformpädagoge und Widerstandskämpfer zu brechen, wurde in Rezensionen aber immer wieder als einseitig und nicht substanzhaltig zurückgewiesen. Stefan Vogt reiht Reichwein in der Folge jedoch unter die „Jungen Rechten“ ein, die durch ihre Nähe zu nationalsozialistischen Vorstellungen einer sozialistisch orientierten, geeinten Volksgemeinschaft ihren Anteil zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen hätten.

Bei einer Bewertung dürfen zunächst einmal die Unterschiede der Sprach- und Ideenwelt der Weimarer Zeit sowie deren geistig-politischen Anschauungen zu heute nicht übersehen werden. Bei Reichwein betrifft dies etwa seine politisch-weltanschaulichen Vorstellungen über Nation, Volk, Gemeinschaft, Führerprinzip oder die Rolle einer gesellschaftlichen Avantgarde, wie Dieter Wunder in einem Beitrag anlässlich der Vorstellung der Werkausgabe seiner Pädagogischen Schriften herausgearbeitet hat: „Reichwein war ein national denkender Sozialist, der in allen drei ihn besonders interessierenden Feldern der Gegenwart das utopische Gegenbild einer besseren Gesellschaft mit Wirtschaftslenkung, nationaler Versöhnung und neuartiger Demokratie im Kopf hatte.“

Reichwein kam wie andere Pädagogen der damaligen Zeit nicht gänzlich umhin, sich der Sprache der damals herrschenden Ideologie zu bedienen, ohne damit schon sein ganzes pädagogisches Gedankengebäude derselbigen zu unterstellen – im Gegenteil, wie Konrad Vanja betont: „Sprechen doch seine Um­setzun­gen und Inhalte eine andere Sprache, eine Sprache der Nichtausgrenzung, der ethischen Verantwortung und der Beseelung, Gedanken, wie sie vor allem in einer Arbeit an formenden und bil­denden Kräften beim Schüler entfaltet werden können.“

Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth weist nachvollziehbar darauf hin, dass für ein gerechtes Urteil über das Werk Reichweins mehr als die historisch bedingte Semantik heranzuziehen ist: „Wie konnten wir ihn nur in die korrumpierende Nähe der Nazis rücken? Offenbar nur, weil wir allein die Historizität der Semantik, nicht die systematische Spezifik der Argumentation gesehen haben.“

Des Weiteren ist zu bedenken, dass Reichweins politische Vorstellungen zwar – im Gegensatz zu seinem beruflichen Werdegang – eine weitgehende Kontinuität aufweisen, von ihm aber niemals in einer zusammenhängenden Konzeption niedergelegt worden sind. Dieter Wunder ordnet Reichwein innerhalb der sozialistischen Bewegung seiner Zeit jener „Strömung junger ‚bürgerlicher‘ Sozialisten [zu], die, von Wandervogel und Krieg geprägt, für neue Sichtweisen im Gefolge des Bernsteinschen Revisionismus offen waren.“ Der Sozialismus galt Reichwein als jene Zielvorstellung, die versprach, sowohl die sozialen Gegensätze der Zeit, die der Pädagoge nicht zuletzt durch seine Jungarbeiterbildung kennengelernt hatte, aufzuheben als auch die Nation wiederherzustellen und eine neue Gemeinsamkeit des Volkes heraufzuführen. Im Blick auf die Organisation des staatlichen Zusammenlebens vertrat Reichwein in seiner Bildungsarbeit Vorstellungen, die nicht unbedingt denen einer parlamentarischen Demokratie heutiger Prägung entsprachen; bei ihm verbanden sich Vorstellungen einer indirekten Demokratie, wie sie etwa im Kreisauer Kreis erwogen wurden, mit Vorstellungen eines Gildensozialismus: „Dazu passt das von ihm vertretene Führerprinzip. Die unterschiedlichen Interessen werden in dieser Denkrichtung über ein Verhalten, wie es in der Arbeitsgemeinschaft eingeübt wird, überwunden und vermögen dadurch einen einheitlichen Willen zum Ausdruck zu bringen, wie es Rousseaus Demokratie antizipierte und der soziale Realismus praktizierte. Interpretiert man Reichwein in dieser Richtung, so erscheint er als einer der Suchenden, die eine republikfreundliche, aber demokratieferne Haltung aufweisen.“

Nicht verschwiegen werden soll, dass es auch immer wieder zu unüberbrückbaren Konflikten kam, die dazu führten, dass die jeweiligen Betroffenen sich entweder von ihrer Verbindung oder von der SPD trennten. In manchen Fällen lagen der Trennung konkrete Konflikte im Verhältnis zwischen SPD und Verbindungen zugrunde, in anderen Fällen hatte man sich einfach auseinander entwickelt, sei es im persönlichen Verhältnis zur eigenen Korporation oder im gemeinsamen Verständnis sozialdemokratischer Politik. Der Band konzentriert sich auf Genossen, die Zeit ihres Lebens sowohl der SPD als auch ihrer Verbindung die Treue hielten, halten konnten und halten durften. Daher fehlen im Band dann aber auch solche Namen wie Rudolf Breitscheid oder Ernst Reuter.

Nicht zuletzt zeigt sich in den zusammengetragenen Lebensbildern die Vielgestaltigkeit des deutschen Couleurstudentums. Die korporierten Genossen waren Corpsstudenten oder Burschenschafter, Angehöriger paritätischer – jüdisch geprägter – oder christlicher Verbindungen. Am Beispiel Adolf Reichwein zeigt sich, wie der Eintritt in eine Studentenverbindung auch aus der Jugendbewegung erwachsen konnte.

Eines kann das Buch im Letzten aber nicht beantworten (der Rezensent in der F.A.Z. hatte dies als Manko des Bandes angemerkt) – hier wären tiefergehende Forschungen, beispielsweise im Rahmen einer Qualifikationsarbeit notwendig: Wie hat sich die Korporationszugehörigkeit letztlich auf das parteipolitische Engagement ausgewirkt? Welchen Ausschlag hat die korporative Prägung bei politischen Schlüsselentscheidungen gespielt?  Aber selbst bei aufwendiger Recherche wäre es vermutlich nicht möglich, diese Frage aufgrund der Quellenlage befriedigend zu beantworten. Die Lebensbilder sind auf Anregung des früheren Vorsitzenden des Lassalle-Kreises, Alexander Stintzing, über mehrere Jahre hinweg zunächst für die Rubrik „Korporierte Genossen“ auf den Internetseiten des Lassalle-Kreises entstanden (www.lassalle-kreis.de). Eine erste, noch deutlich kleinere Zusammenstellung wurde 2010 anlässlich der Lassalle-Tagung in Tübingen in Manuskriptform an die eigenen Mitglieder herausgegeben. Eine Erweiterung ist geplant, zumindest in der Onlinefassung.

Teil IV: Adolf Reichwein

Reformpädagoge, Volkskundler, Kultuspolitiker und Widerstandskämpfer

(* 3. Oktober 1898 in Bad Ems, + 20. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee)

Adolf Reichwein, in der Weimarer Republik in der Volkshochschulbewegung und Volksschullehrer­bildung tätig, wirkte nach Verlust seiner Professur als Reformpädagoge in Tiefensee, später als Mu­seums­pädagoge am Volkskundemuseum Berlin. Er wurde in einem Schauprozess vom „Volks­gerichts­hof“ als Mitglied des Kreisauer Kreises zum Tode verurteilt. Er gehörte der Akademischen Vereini­gung Marburg an.

Adolf Reichwein (* 3. Oktober 1898 in Bad Ems) entstammte einer sozialdemokratischen Lehrer­familie. Sein reformpädagogisch eingestellter Vater, Karl Gottfried Reichwein, orientierte sich an Pestalozzi. Schon früh unterstützte ihn der Sohn bei  seiner pädagogischen Arbeit an einer einklassigen Volksschule im hessischen Ober-Rosbach oder nahm, als der Vater eingezogen wurde, sogar ersatzweise seine Stelle ein und erhielt so frühe Impulse für seine eigene spätere Tätigkeit als Reformpädagoge. Prägende Jugenderfahrungen waren für Reichwein seine Zeit in der Wandervogel­bewegung, der er sich bereits als Achtjähriger anschloss, und seine Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges an der Ost- und Westfront.

Adolf Reichwein, der sich noch im Kriegseinsatz mit der Volkshochschulidee Grundtvigs beschäftigte, war von der Notwendigkeit einer neuausgerichteten Bildungsarbeit und deren gesellschafts­verändernder Kraft überzeugt. Er gehörte zum linken Flügel der deutschen Reform- und Geisteswissen­schaftlichen Pädagogik. In den nur etwas mehr als zwei Jahrzehnten seiner beruflichen Tätigkeit entwickelte er eigene Reformmodelle sowohl in der Arbeiter-, Lehrer- und Volksschulbildung als auch in der Medien- und Museumspädagogik. Zeitlebens begleiteten ihn die Ideale der Jugendbewegung. Er blieb seinen pädagogischen und politischen Idealen treu bis zum Einsatz seines eigenen Lebens. Ende Juni 1944, kurz vor seiner Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei, mahnte er: „Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des Deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muß es sein. Es ist schon sehr spät, aber noch nicht zu spät.“

Akademischer Werdegang: Reichwein absolvierte nach seiner Ausbildung als Kriegsfreiwilliger die externe Abiturprüfung am Realgymnasium im hessischen Friedberg. Am 5. Dezember 1917 wurde er als Stoßtruppführer bei Cambrai schwer verwundet. Noch während des Lazarettaufenthaltes immatrikulierte er sich im Mai 1918 an der Universität Frankfurt am Main für ein Studium Generale in den Fächern Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie. Dort traf er u. a. auf Franz Oppenheim, Begründer des liberalen Sozialismus, und den „Vater des Arbeitsrechts“, Hugo Sinzheimer, der die Frankfurter Akademie der Arbeit begründete.

1920 wechselte Reichwein für zwei Semester an die Universität Marburg, wo er u. a. Hörer des Pädagogen Paul Natorp und des Literaturkritikers Friedrich Wolters war.

Dort schloss sich Reichwein der Akademischen Vereinigung Marburg an, einer 1912 gegründeten reformierten Studentenverbindung, in der sich viele ehemalige „Wandervögel“ sammelten. Hatte die Akademische Vereinigung 1913 den Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner mitausgerichtet, zog sie sich nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Verbandsleben der Freideutschen Jugend zurück. Reichweins Verbindung trug keine Farben und lehnte das Duell- und Kneipwesen ab, übernahm aber traditionelle Bezeichnungen wie „Fux“ und „Fuxmajor“ und folgte wie andere Korporationen auch dem Konventsprinzip. Bei Neuaufnahmen verzichtete man bewusst auf das Einstimmigkeitsprinzip, da man ausdrücklich Mitglieder unterschiedlicher Meinungen vereinigen wollte. 1955 schloss sich der Bund mit einer weiteren Marburger Verbindung zur Akademischen Vereinigung Sodalitas Philippina Marburg zusammen.

Durch Eintritt in die Akademische Vereinigung schloss Reichwein Freundschaft mit Robert von Erdberg und Hans Bohnenkamp, die seinen pädagogischen Werdegang intensiv begleiten sollten. Auf Anregung von Erdbergs wurde Reichwein 1921 nach Abschluss des Studiums Geschäftsführer des Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigungen in Berlin. Bohnenkamp, später Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen, wird einmal die Aufgabe übernehmen, bereits 1951 das Hauptwerk „Schaffendes Schulvolk“ seines Freundes Reichwein neu aufzulegen und das Andenken an sein pädagogisches Erbe zu sichern. Im Rückblick schrieb er über seinen ermordeten Freund: „Er konnte hinreißend erzählen. Seine erlebten Geschichten standen jede für sich in einer Atmosphäre von Licht und Frische, Untergründiges klang leise mit, aber der Hauptklang war fröhliche Güte.“

1923 wurde Reichwein mit einer Arbeit unter dem Titel „China und Europa. Geistige und künstlerische Beziehungen im 18. Jahrhundert“ in Marburg zum Dr. phil. promoviert. Er war publizistisch für die von Hermann Hesse herausgegebene Zeitschrift „Vivos Voco“ und die „Sozialistischen Monatshefte“ tätig. In den Jahren 1926 und 1927 unternahm er eine Forschungsreise, die ihn über die USA, Kanada und Alaska bis nach Japan, China und den Philippinen führte und die er später in zahlreichen wirtschafts­wissenschaftlichen, länderkundlichen und jugendliterarischen Publikationen auswertete (z. B. Die Rohstoffwirtschaft der Erde, Jena 1928).

Pädagogischer Werdegang: Im April 1919 lernte Reichwein auf einem Volkshochschulkurs in Darmstadt die Methode der Arbeitsgemeinschaft kennen. Im Sommer 1921 führte er selbst eine vierwöchige Arbeitsgemeinschaft von Studenten und Jungarbeitern in Bodenrod im Taunus durch; der Aufruf hierzu erfolgte über die „Ockershäuser Blätter“ der Akademischen Vereinigung Marburg. Sein erstes pädagogisches Schaffen widmete Reichwein bis 1929 der Arbeiterbildung. Er koordinierte zunächst auf Vorschlag Wilhelm Flitners als Geschäftsführer die überörtliche Volkshochschule Thüringen (1923 – 1925), später wurde er Leiter der Volkshochschule Jena (1925 – 1929). In dieser Zeit entwickelte und erprobte er, ausgehend von seinen Erfahrungen in der Jugendbewegung, eine eigene Arbeiterbildungskonzeption, die durch eine Einheit von Lernen, Arbeit, Leben und Erleben geprägt war. Die bisherigen Vorträge wurden durch Arbeitsgemeinschaften in Kleingruppen ersetzt, die sich aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen widmeten. 1926 gründete er das Jenaer Jungarbeiter­wohnheim „Am Beuthenberg“, 1928 leitete er mit Eugen Rosenstock-Hussey in Schlesien das erste „Löwenberger Arbeitslager“ mit Arbeitern, Bauern und Studenten, wo er bereits einige der späteren Freunde aus dem Kreisauer Kreis kennenlernte. Im Sommer desselben Jahres folgte eine zweimonatige Expedition mit zwölf Jungarbeitern nach Skandinavien.

Im April 1929 wurde Reichwein leitender Pressesprecher und persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, mit dem er gemeinsam die Akademisierung der Volksschullehrerausbildung in Preußen vorantrieb. Als Becker zu Beginn des Jahres 1930 von seinem Ministeramt zurücktreten musste, reichte Reichwein gleichfalls seinen Rücktritt ein und wurde zum Sommersemester selbst Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an einer der neugegründeten Pädagogischen Akademien in Halle an der Saale. Im April 1933 wurde die „rote Akademie“ geschlossen, Reichwein durch den neuen nationalsozialistischen Volksbildungs­minister Rust als „unerwünschter Hochschullehrer“ beurlaubt.

Reichwein, der anfänglich davon ausging, dass sich auch die neue Regierung wie ihre Vorgänger nicht lange werde halten können, schlug den Ruf auf eine Professur für Wirtschaftsgeographie an der Emigrantenhochschule in Istanbul aus. Stattdessen wurde er Lehrer an der einklassigen Volksschule in Tiefensee, eine Berliner Sommerfrische am Rande der Märkischen Schweiz. In den sechs Jahren seiner dortigen Tätigkeit entwickelte er sein Tiefenseer Schulmodell, das auf der Basis neuhumanistischer Bildungstheorie verschiedene reform­pädagogische Ansätze mit Erfahrungen aus der Jugendbewegung vereinte. Die Schüler lernten in Arbeitsgruppen durch erlebte Praxis und eigenes Schaffen – so auch der Titel, den Reichwein für sein reformpädagogisches Hauptwerk wählte, in dem er seine Tiefenseer Erfahrungen wissenschaftlich aufbereitete: „Schaffendes Schulwerk“ (erstmals Stuttgart/Berlin 1937). Die Kinder erschlossen sich die Welt anhand gemeinsam gebauter Modelle, durch Werks- und Betriebsbesichtigungen, Museumsbesuche, Exkursionen und Ferienfahrten. 1951 schrieb Hans Bohnenkamp im Geleitwort zur Neuausgabe von Reichweins Schulschrift: „Auch die Eltern merkten die seelische Gelöstheit, die diese Schule ihren Kindern gab. Ein Vater, nach seinen Eindrücken befragt, antwortete: ‚Der Professor? Wissen Sie, der hat unsere Kinder frei gemacht.‘“

Parallel begann Reichwein damit, die Möglichkeiten des neuen Mediums Unterrichtsfilm zu erforschen; 1934 wurde die Dorfschule in Tiefensee zur Versuchsschule der neugeschaffenen Reichsstelle für den Unterrichtsfilm erklärt. Sein Werk „Film in der Landschule – Vom Schauen zum Gestalten“ (erstmals Stuttgart/Berlin 1938) wurde zum Standardwerk der frühen Medienpädagogik.

Reichwein war ein Mensch, der stets neugierig blieb und das Leben liebte. Seine lebendige und mitreißende pädagogische Arbeit konnte auch von Gegnern nicht infrage gestellt werden, wie drei Schulinspektionen belegten. Wolfgang Klafki urteilt über Reichweins pädagogisches Wirken in schwerer Zeit, bei dem er oft bis an die Grenze seiner Kraft ging:

„Es ist eine einmalige, unvergleichliche Leistung, daß Reichwein seine einklassige Landschule in Tiefensee in der Mark Brandenburg als eine humane Kinder- und Jugendschule unter den Bedingungen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems gestaltet hat, als eine weltoffene pädagogische Provinz, in der er – Ansätze der reformpädagogischen Bewegung aufgreifend und in origineller Weise fortführend – eine im Kern antinazistische Erziehung durch reich differenzierten, erfahrungs- und handlungsbetonten Unterricht und ein vielgestaltiges Schulleben entwickelte.“

Reichwein wollte sich zunächst politisch nicht exponieren, nutzte 1938 aber die Möglichkeit zu einer vierwöchigen Vortragsreise nach England, wo er über das „Ländliche Erziehungswesen in Deutschland“ referierte. Sein politischer Wille, der sein pädagogisches Wirken stets geleitet hatte, blieb jedoch wach. Je länger der Nationalsozialismus herrschte, desto stärker drängte es ihn, unmittelbarer im Widerstand zu wirken. So ließ er sich im Mai 1939 an das Staatliche Museum für deutsche Volkskunde in Berlin beurlauben und übernahm dort die Leitung der museums­pädagogischen Abteilung. Hatte er sich schon als Lehrer im Zusammenhang mit den Holz- und Webarbeiten seiner Schüler mit Fragen des Volkshandwerks und der Volkskunst beschäftigt, organisierte er nun vier große Schulausstellungen sowie Führungen und Praktika für Lehrer. Selbst unternahm Reichwein in dieser Zeit mehr als hundert museumspädagogische Vortrags- und Seminarreisen, die er auch zu oppositionellen Kontakten nutzte.

Politischer Werdegang: Obwohl Reichwein einer sozialdemokratischen Familie entstammte und Kontakt zum Kreis von Reformsozialisten hielt, der sich um die „Neuen Blätter für den Sozialismus“ gesammelt hatte und zu dem u. a. Paul Tillich, Fritz Klatt und Eduard Heimann zählten, trat er zunächst nicht der Sozialdemokratischen Partei bei. Mit seiner Sympathie für einen berufsständischen Gildesozialismus stand Reichwein am Rande der sozialdemokratischen Bewegung. Zum Parteieintritt entschloss er sich – gegen den Rat einzelner Freunde – erst im Oktober 1930 unter dem Eindruck der Wahlerfolge der Nationalsozialisten. In der SPD sah Reichwein, der als Hochschullehrer sich stets ausdrücklich zur Weimarer Republik bekannt hatte, die einzige realistische politische Option, der es noch gelingen könnte, „den neuen, lebensgefährlichen Kollektivismus der Blutjünger“ zu stoppen – so in einem Brief an seinen Freund, den Romanisten Ernst Robert Curtius.

Horst von Einsiedel knüpfte den Kontakt zu Reichwein, als sich 1938 ein oppositionell gesinnter Freundeskreis um Hellmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg bildete. Der ehemalige Akademieprofessor wurde als Kultusminister einer Regierung nach Hitler angesehen und war maßgeblich am kulturpolitischen Programm der Widerstandsgruppe beteiligt. Die Briefe von Moltkes sprechen davon, dass beide sich rund fünfzig Mal trafen, nach der Ausbombung in Berlin siedelte die Familie Reichwein 1943 gänzlich nach Kreisau auf das schlesische Gut von Moltkes über. Reichwein nahm an zwei der drei großen Tagungen des Kreisauer Kreises teil.

Im Juni 1944 war Reichwein maßgeblich an einem Berliner Treffen mit Vertretern der illegalen Kommunistischen Partei beteiligt. Die Zusammenkunft wurde durch einen Spitzel, Ernst Rambow, verraten. Reichwein wurde daraufhin am 4. Juli 1944 auf dem S-Bahnhof Berlin-Heerstraße verhaftet und zunächst in die Strafanstalt Berlin-Görden eingeliefert. Durch Folter versuchte man, ihn dazu zu bringen, andere Mitverschwörer zu belasten. Der Schauprozess vor dem „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler, in dem Adolf Reichwein, Julius Leber und Hermann Maaß zum Tod durch den Strang verurteilt wurden, begann am 20. Oktober 1944 um 8 Uhr im Kammergericht in Berlin-Schöneberg. Noch am Nachmittag desselben Tages wurde das Unrechtsurteil in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Reichwein war davon überzeugt, dass Kultur und Bildung eine starke politische Bedeutung haben. Reichwein ging es um eine innere Schulreform, doch beschäftigte er sich auch mit Fragen des Schulsystems, die er unter den Bedingungen des Nationalsozialismus jedoch nicht öffentlich vorantreiben konnte. Hätte er die Zeit der Diktatur überlebt, so wäre er sicher zu einer wichtigen Stimme beim Wiederaufbau eines demokratischen Bildungswesens geworden. Bei seinem Abschied aus Tiefensee schrieb er jedem Kind eine eigens gedichtete Losung ins Poesiealbum. Eine davon ist so etwas wie eine Kurzform seines pädagogischen Vermächtnisses, dem er bis zum Tod treu blieb:

              „Richte immer die Gedanken

              Fest und ohne schwaches Schwanken

              Auf das selbst gewählte Ziel!

              Hilft das Herz als Kompaß viel,

              Weist die Richtung in der Stille,

              Soll der selbst gestählte Wille

              Doch Dich stärken, fest zu halten

              Und dein Leben zu gestalten

              Nach den großen Tugendbildern,

              Die des Lebens Härte mildern:

              Güte allen Menschen zeigen,

              Wahrheit gegen jedermann,

              über andrer Fehler schweigen,

              Und nur wollen, was man kann.“

Neuerscheinung: Erfahrung göttlicher Barmherzigkeit

Papst Johannes Paul II. hat an der Jahrtausendwende den heutigen Tag zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit erklärt. Er berief sich dabei auf einen Wunsch der heiligen Faustyna Kowalska. Der Papst war tief beeindruckt vom Lebens- und Glaubenszeugnis dieser Ordensschwester, die erst dreiunddreißigjährig 1938 in Krakau verstarb. Schon während seiner Zeit als Theologiestudent im dortigen geheimen Priesterseminar betete er immer wieder an ihrem Grab.

Faustyna hatte verschiedene Christusvisionen, in denen sich ihr die Barmherzigkeit Gottes offenbarte. So entstand ein Christusbild mit dem Titel „Jesus, ich vertraue auf dich“: Jesus erscheint in einem lichten, weißen Gewand, die Hand zum Segnen erhoben. Aus seinem Herzen entströmen Strahlen, welche die Barmherzigkeit Gottes symbolisieren. Einmal sagt der Auferstandene zu ihr: „Meine Bamherzigkeit ist so groß, dass kein Verstand, weder von Menschen noch von Engeln, sie in Ewigkeit ergründen kann.“ Im Herzen Jesu, das am Kreuz von der Lanze durchstoßen wird, hat sich das Böse umgewandelt in Liebe.

Faustyna sammlte ihre mystischen Erfahrungen auf Anweisung ihres Beichtvaters in einem Tagebuch. In seinem letzten Buch „Erinnerung und Identität“ schreibt Johannes Paul II.: „Denen, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, erscheinen die im Tagebuch der Hl. Faustyna aufgezeichneten Worte wie ein besonderes Evangelium der Barmherzigkeit, das aus Sicht des 20. Jahrhunderts geschrieben ist. Die Zeitgenossen haben diese Botschaft verstanden. Sie haben sie verstanden gerade aufgrund der dramatischen Anhäufung von Bösem während des Zweiten Weltkriegs und durch die Grausamkeiten der totalitären Systeme.“

Auszug aus einem Gottesdienstmodell zum Zweiten Sonntag der Osterzeit, der in der katholischen Liturgie als Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit begangen wird: Axel Bernd Kunze, Erfahrung göttlicher Barmherzigkeit, in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 18 (2021), H. 2, S. 359 – 374.