Zwischenruf: Diskussion um Boykottaufruf geht weiter

2019 hatte die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik zum Boykott der sozialethischen Fachzeitschrift „Die Neue Ordnung“ aufgerufen und dieser die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. In der Wochenzeitung „Die Tagespost“ widersprachen mehr als sechzig Wissenschaftler und Publizisten mit einem Offenen Brief diesem Vorgehen. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit stuft den Vorgang in seiner Onlinedokumentation als Form von „Cancel Culture“ ein. Der Boykottaufruf, in dessen Folge die Zeitschrift aus dem Index Theologicus der Universitätsbibliothek Tübingen ausgelistet wurde, beschäftigte auch den Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags.

Im Februar 2026 feierte der Onlinedienst Index Theologicus sein fünfzigjähriges Jubiläum. Die Festrede hielt die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins. Dabei kam auch die Debatte um den Boykottaufruf der Fachgesellschaft zur Sprache. Die Festrednerin war seinerzeit Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gewesen. Wie schon in der Debatte zuvor wollte Heimbach-Steins in ihrer Festrede nicht von einer Zensurmaßnahme sprechen. Wörtlich sprach sie von einer „Gratwanderung zwischen grundlegenden Kriterien von Wissenschaftlichkeit (vs. Ideologie/Propaganda) und dem sehr ernst zu nehmenden, zuweilen aber auch zu schnell und zu Unrecht erhobenen Vorwurf der Zensur“ (ThQ 1/2026, S. 161 f.). Die Fachgesellschaft habe der traditionsreichen Zeitschrift „aus Gründen einer über Jahre beobachteten, fragwürdigen ideologischen Entwicklung“ (ebd., S. 162) den Wissenschaftscharakter abgesprochen.

Es gehört schon viel Chuzpe dazu, das Unsichtbarmachen andersdenkender wissenschaftlicher Meinungen als Verteidigung von Wissenschaft und nicht als Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit zu verstehen. Auch wenn der Petitionsausschuss seinerzeit der Petition nicht abhelfen wollte, sprach der Landtag dennoch von einem „Boykottaufruf“ – eine Formulierung, welche die Fachgesellschaft stets von sich gewiesen hatte. Das Verhalten der Vertretung der deutschsprachigen, universitär bestallten Sozialethiker stellt eine Anmaßung dar, insofern Beiträge anerkannter Wissenschaftler, die in der „Neuen Ordnung“ weiterhin publizieren, als unwissenschaftlich verunglimpft werden. Und selbst wenn die „Neue Ordnung“ nicht mehr wissenschaftlich sein sollte, ist es nicht Aufgabe einer Fachgesellschaft den öffentlichen Wissenschaftsdiskurs auf diese Weise zu vermachten. Zu einem fairen und streitbaren Dialog mit den Unterzeichnern des Offenen Briefes ist es bis heute nicht gekommen.

Träger des Grundrechtes auf Wissenschaftsfreiheit sind auch nichtuniversitär arbeitende Wissenschaftler. Wer – wie die Urheber des Boykottaufrufes – von Pluralität in der eigenen Disziplin spricht, sollte davon besser schweigen, wenn er andersdenkende Wissenschaftler außerhalb der eigenen Fachgesellschaft aus dem disziplinären Diskurs ausschließt. Jedenfalls sollte man sich nicht wundern, wenn Wissenschaftler, die von diesem Machtgebaren betroffen sind, von ihrem Petitionsrecht Gebrauch machen. Es spricht überdies Bände, wenn ein Landtag einen Boykottaufruf als legitimes Mittel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ansieht. Und es hätte einer von Steuermitteln finanzierten, öffentlichen Bibliothek gut zu Gesicht gestanden, den Charakter der „Neuen Ordnung“ ergebnisoffen und pluralistisch zu prüfen, und zwar unter Würdigung sich widerstreitender Positionen innerhalb der sozialethischen Gemeinschaft.

Die Folgen dieses Boykottaufrufes sind eine Vermachtung und Moralisierung des wissenschaftlichen Diskurses. Beides führt am Ende in gegenseitige Sprachlosigkeit und Gesprächsverweigerung – zwischen Agendawissenschaft auf der einen und den Verteidigern einer formalen Auslegung der Grundrechte auf der anderen Seite. Für Pluralität und Vielfalt spricht das alles nicht.

Die Festrede ist in der Theologischen Quartalschrift Tübingen dokumentiert:

Marianne Heimbach-Steins: 50 Jahre IxTheo. Eine Würdigung aus sozialethischer Perspektive, in: Theologische Quartalschrift Tübingen 206 (2026), H. 1, S. 151 – 164.

Mittlerweile ist der Konflikt auch in wissenschaftlichen Publikationen aufgearbeitet worden:

Axel Bernd Kunze: Erklärung oder Boykottaufruf? Zur Rolle von Fachgesellschaften am Beispiel des Streits um die Neue Ordnung, in: Klaus Buchenau/Matthias Fechner (Hgg.): Die Verlorene Wissenschaft. Versuch einer Katharsis nach Corona (Klartext. Schriften zu Politik und Gesellschaft; 2), Stuttgart 2024, S. 289 – 307.

Axel Bernd Kunze: Gefährliche Medien? Sozialethische Reflexionen in Zeiten von „Cancel Culture“, in: Theologisches 56 (2026), H. 01/02/03 v. Januar/Februar/März 2026, Sp. 27 – 38.

Die interessierte Öffentlichkeit kann sich so selbst ein Bild machen.

Gesellschaft für Bildung und Wissen: Neue Flugschrift

„Mittlerweile ist’s eine Binsenweisheit: Unterrichten wurde vielerorts über die Maßen anstrengend, die Ergebnisse der Bildungsprozedur sind immer öfter bescheiden. 

Anstatt aber die Hauptursachen der Misere anzupacken bzw. ihre Lösung einzufordern (mehr und besser ausgebildetes Personal, bessere Sprachintegration & Inklusion), gefallen sich immer mehr Stimmen (Aussteiger, Influencer, Bildungsunternehmer) darin, das System als Ganzes zu diffamieren: Man müsse in Schule einfach alles ganz anders machen, das alte Bildungssystem gehöre schlichtweg abgeräumt.

Ein junger Kollege und ich haben diesem Transformationsgerede mal auf den Zahn gefühlt. Angesichts der Tatsache, dass es der Slogan „Unterricht ist aller Übel Anfang“ bis in Talkshows schafft, schien es uns nötig klarzustellen, dass personaler und geordneter Unterricht eine kulturelle Errungenschaft ist, die entschieden verteidigt gehört.

Weiter’sagen“ erwünscht!“

(Michael Felten)

Jetzt auch online verfügbar: Das Archivsystem Usbekistans

Axel Bernd Kunze: Kulturauftrag des Staates, in: Mukhayyo Isakova: Das Archivsystem Usbekistans, übersetzt von Matxoliqova Nilufar, hg. v. Mönchengladbacher Verein für interdisziplinäre Geisteswissenschaft e. V., Mönchengladbach: Mönchengladbacher Verein für interdisziplinäre Geisteswissenschaft e. V. 2006, S. 7 f.

Online verfügbar unter:

https://mvigmoenchengladbach.wixsite.com/website/archivsystem-usbekistans

Rezension: Brauchen wir eine allgemeine Dienstpflicht?

Zum Jahresbeginn 2026 wurde die Wehrpflicht – zunächst in freiwilliger Form – in Deutschland wieder aktiviert. Die Diskussion, so steht zu erwarten, wird aber weitergehen. Aus aktuellem Anlass rezensiert der Bildungs- und Sozialethiker Axel Bernd Kunze daher den Band

Alexander Dietz, Hartwig von Schubert: Brauchen wir eine allgemeine Dienstpflicht?, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2023:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Dienstpflicht statt Wehrpflicht?, in: Theologisches. Katholische Monatsschrift 56 (2026), H. 01/02/03, Sp. 69 – 74.

Neuerscheinung: Gefährliche Medien?

Axel Bernd Kunze beschäftigt sich aus bildungs- und bibliotheksethischer Perspektive in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift THEOLOGISCHES anhand von zwei Fallbeispielen mit Erscheinungsformen einer „Cancel Culture“ in Deutschland. Anhand des Boykottaufrufes der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen die sozialethische Fachzeitschrift „Die Neue Ordnung“ und der Auslistung der Bibliothek des Konservatismus aus dem Gemeinsamen Bibliotheksverbund zeichnet er aktuelle Gefährdungen der Wissenschaftsfreiheit hierzulande nach:

Axel Bernd Kunze: Gefährliche Medien? Sozialethische Reflexionen in Zeiten von „Cancel Culture“, in: Theologisches. Katholische Monatsschrift 56 (2026), H. 01/02/03 v. Jan./Febr./Mrz. 2026, Sp. 27 – 38.

Neuerscheinung: Die Fuxenstunde

DIE FUXENSTUNDE – mittlerweile schon ein Klassiker des Couleurstudententums – ist druckfrisch in dritter, aktualisierter und erweiterter Auflage erschienen:

Bernhard Grün, Christoph Vogel: Die Fuxenstunde. Handbuch des Korporationsstudententums, 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Bad Buchau: Federsee 2026.

Erstmals findet sich im Handbuch auch ein eigener Eintrag zum Cartell Christlicher Burschenschaften (CCB). Neu sind auch zwei Studientexte aus bildungsethischer Perspektive:

Axel Bernd Kunze: Chargenamt und bundesbrüderliche Gemeinschaft, in: ebd., S. 42 – 50;

Axel Bernd Kunze: Braucht das öffentliche Leben noch Religion?, in: ebd., S. 72 – 83.

Bestellmöglichkeit: Federsee Verlag – Landkreis BC, Geschichte und Kultur

Christus resurrexit. Alleiua.

Matthias Grünewald (Isenheimer Altar).

Wir staunen über das, was Gott an Ostern bewirkt hat. Dabei geht es nicht um ein ungläubiges Staunen, sondern um ein sehnsuchtsvolles Sichausstrecken in Richtung der immer noch größeren Möglichkeiten Gottes. Christen leben in der Gewissheit, dass die Fragen unserer menschlichen Existenz in Jesus Christus eine Antwort gefunden haben. Diese Gewissheit überwindet den bohrenden, zersetzenden Zweifel. Diese Gewissheit ist aber kein Wissen, das unseren Blick verengt und unser Herz hochmütig werden lässt. Wir haben – wie Thomas – den Auferstandenen gefunden. Diese Erfahrung gibt Sicherheit, aber wir können sie nicht einfach festhalten. Diese Erfahrung trägt vielmehr eine Verheißung in sich und eine Sehnsucht, die unser Begreifen und Sinnen übersteigt.

Der Apostel Thomas durfte das spüren. Jesu Wunden waren nicht umsonst. Jesu verklärte Wunden leuchten im Licht von Ostern wie Edelsteine und strahlen jene Verheißungen Gottes wider, die unser Leben groß machen. Aus Jesu geöffneter Seite strömt uns das neue Leben zu, das an Ostern begonnen hat und das sich dereinst in Gottes Ewigkeit vollenden wird. Dies dürfen wir heute feiern. In diesem Sinne wünsche ich allen einen guten, gesegneten Sonntag.

(aus: Axel Bernd Kunze, Der erste und der achte Tag [Lesejahr A. Zweiter Sonntag der Osterzeit – Weißer Sonntag], in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 3/2017, S. 377 – 392)

Wir wünschen allen Lesern und Leserinnen von „Bildungsethik“ eine gesegnete österliche Festzeit.