Über die Möglichkeit einer beziehungsorientierten Pädagogik in der Klick- und Kik-Gesellschaft
Von Dr. Hans-Michael Tappen
Wer heute nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erziehung und Bildung fragt, blickt unweigerlich in ein tiefes Paradoxon. Unsere Gegenwart, die sich prägnant als Klick- und Kik-Gesellschaft beschreiben lässt, ist von einer radikalen Verflachung ins Immanente geprägt. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die durch die Unmittelbarkeit des digitalen Klicks und die billige, konsumistische Verwertbarkeit des Kik-Prinzips gesteuert wird. Für uns Pädagogen stellt sich inmitten dieser Dynamik eine fundamentale, fast existenzielle Frage: Wie können wir uns den Jugendlichen von heute wieder auf eine Weise annähern, die sie in ihrer Lebenswelt abholt, ohne dass wir dabei selbst in der reinen Immanenz untergehen?
Um diesen kategorialen Bruch zu verstehen, hilft ein transzendental-kritischer Blick im Geiste Marian Heitgers. Heitger erinnerte uns stets daran, dass Pädagogik kein bloßes Funktionieren, kein technokratisches Abrichten und kein rein biologisches Geschehen ist. Erziehung gründet auf einem personalen Akt, der eine Dimension des Darüber-hinaus – eine Transzendenz – voraussetzt. Janusz Korczaks bahnbrechendes Werk Wie man ein Kind lieben soll ist das gelebte Zeugnis einer solchen Transzendenz. Korczaks Liebe zum Kind war kein sentimentales Gefühl, sondern die Anerkennung einer unantastbaren, metaphysischen Würde im Hier und Jetzt. Das Kind wird bei ihm nicht als zukünftiger Funktionsträger begriffen, sondern als vollwertiges Subjekt im gegenwärtigen Moment.
Demgegenüber sperrt das moderne Immanenzdenken das Kind in einer Schleife der ständigen Optimierung und Sichtbarkeit ein. Das Kind ist, was sich messen, liken und statistisch erfassen lässt. Wo jedoch nur noch das gilt, was unmittelbar da und verwertbar ist, erodiert die Fähigkeit zur Distanzierung und Reflexion. Es kommt zu einem Bruch: Die reizgesteuerte Klick-Welt fordert die sofortige Reaktion, während echte Pädagogik das Innehalten vor dem Geheimnis des Anderen verlangt.
Wie aber lässt sich dieser Bruch überbrücken, ohne in einen wirkungslosen Kulturpessimismus zu verfallen? Ein fruchtbarer Ansatz liegt in einer Neudifferenzierung der altgriechischen Liebesbegriffe, rückgebunden an Korczaks Ethik. Wenn Korczak von Liebe spricht, meint er im Kern Agape – jene bedingungslose, zweckfreie Zuwendung, die das Gegenüber um seiner selbst willen bejaht. In einer Welt, in der Zuwendung meist an die Bedingung eines Likes geknüpft ist, wirkt Agape wie ein heilsames Korrektiv. Flankiert werden muss sie von Philia, der Liebe auf Augenhöhe, die sich in Korczaks Waisenhaus-Justiz als radikale demokratische Partizipation äußerte, und von Storge, der verlässlichen Nestwärme.
Besonders bedeutsam für die heutigen Klick-Kids ist zudem die Philautia, die gesunde Selbstliebe. Korczaks Postulat des Rechts des Kindes auf den heutigen Tag und auf seine eigenen Fehler schützt Jugendliche vor dem permanenten, digital befeuerten Optimierungsdruck. Ergänzt durch das zweckfreie Spiel (Ludus) und die ausdauernde Alltagssorge (Pragma) entsteht hier ein vielschichtiges Beziehungsnetz, das den Erzieherischen Eros – die leidenschaftliche Begeisterung für das Gute und Wahre – allererst entzünden kann.
Dieses Beziehungsnetz erlaubt es uns, das von Marian Heitger beschriebene dialektische Spannungsfeld von Führen und Wachsenlassen für das 21. Jahrhundert neu zu gewichten. Die Klick-Gesellschaft neigt zu einem Zwitterwesen: Einerseits gewährt sie ein digitales Laissez-faire, ein Pseudowachsenlassen, das Kinder den Algorithmen der Konzerne überlässt; andererseits exekutiert sie ein technokratisches Führen durch Leistungstracking. Beides verfehlt die personale Autonomie des Kindes.
Ein echtes Wachsenlassen im Heitger’schen Sinne bedarf des Fundaments von Agape und Philautia: Ich lasse dich wachsen, weil ich dich bedingungslos annehme, damit du eine Stabilität abseits von Klickzahlen entwickeln kannst. Ein gelingendes Führen wiederum darf niemals autoritäre Dressur sein, sondern muss Orientierung stiften. Wenn diese Führung als Philia (dialogische Resonanz auf Augenhöhe) und Pragma (verlässliche Struktur im Alltag) gestaltet wird, bietet sie Jugendlichen genau jenen Halt, den sie in der flüchtigen, digitalen Unverbindlichkeit unbewusst suchen.
Wenn wir diese transzendentale Notwendigkeit anerkennen, stehen wir vor der Frage, wie die pädagogische Praxis unter den Bedingungen der Gegenwart überhaupt gelingen kann. Was muss ein angehender Erzieher heute mitbringen, um dieser Würde des Kindes gerecht zu werden? Er kommt schließlich selbst aus einem laufenden System, das durch Bildungspläne, Dokumentationspflichten und standardisierte Kompetenzraster von einer rein funktionalen Immanenz gesteuert wird. Die Antwort darauf darf keine neue Reihe didaktischer Anweisungen sein – denn Rezepte und Methoden würden den personalen Akt sofort wieder verdinglichen. Es geht nicht um ein neues Verfahren, sondern um eine existenzielle Haltung.
Um sich dem Kind als Subjekt im Sinne von Buber und Heitger zu nähern, bedarf es aufseiten des Pädagogen zuerst der Fähigkeit zur phänomenologischen Enthaltung. Er muss gelernt haben, die Schablonen des Systems – Diagnosen, Defizitberichte, statistische Erwartungen – temporär einzuklammern, um das Kind als Phänomen an sich wahrzunehmen.
Hier liefert Thomas Mikhail mit seiner strukturtheoretischen Untersuchung Bilden und Binden (2009) das kategoriale Fundament für das, was der Erzieher als innere Ausstattung mitbringen muss. Mikhail verdeutlicht, dass gelingendes pädagogisches Handeln immer eine religiöse – im Sinne einer tiefen existentiellen Rückbindung (religio) stehende – Grundstruktur aufweist. Der angehende Erzieher muss die Kompetenz besitzen, den Bildungsauftrag (Bilden) untrennbar mit einem Beziehungsauftrag (Binden) zu verknüpfen. In der Klick- und Kik-Gesellschaft, die Bindungen atomisiert und ins Unverbindliche verflacht, muss der Pädagoge selbst die Fähigkeit zur existenziellen Bindungsbereitschaft in sich tragen. Ohne diese primäre Binden-Qualität des Erziehers bleibt jeder Versuch des Bildens eine rein mechanische, immanente Wissensvermittlung.
Im Sinne Martin Bubers bedeutet dies das Wagnis der echten Begegnung: Der Erzieher nutzt seine eigene Bindungsfähigkeit als Brücke, um eine Ich-Du-Beziehung einzugehen, statt das Kind als ein zu optimierendes Ich-Es zu verwalten. Das erfordert die Reife, die von Heitger beschriebene Antinomie von Führen und Wachsenlassen im Alltag produktiv auszuhalten, statt sie durch technokratische Hektik aufzulösen.
Hier schließt sich der Kreis zu Axel Bernd Kunzes fundamentaler Frage, ob mit der christlichen Sozialethik heute überhaupt noch ein Staat zu machen sei. Bezogen auf die Pädagogik bedeutet dies: Gerade heute ist mit ihr ein Staat zu machen, und zwar als radikales Widerstandsprinzip gegen die totale Ökonomisierung des Sozialen. Der Erzieher der Gegenwart muss das sozialethische Bewusstsein mitbringen, dass die Menschenwürde der Funktionalität vorausliegt. Er wird im System zu einem Anwalt des Transzendenten, indem er sich weigert, das Kind bloß als zukünftigen Funktionsträger einer Klick- und Kik-Ökonomie zu begreifen.
Diese Haltung wird vollends dort auf die Probe gestellt, wo Pädagogik an ihre Grenzen stößt und wo der Begriff der bloßen Wohlstandsverwahrlosung heute viel zu kurz greift. Was wir bei den heutigen Jugendlichen erleben, ist eine tiefergehende, existenzielle Beziehungs- und Sinnverwahrlosung – eine digitale Deprivation durch permanente Reizüberflutung bei gleichzeitiger emotionaler Isolation. In dieser Situation erweist sich Andreas Mehringers heilpädagogisches Konzept des Ausverwahrlosenlassens als zutiefst prophetisch.
Mehringer – folgerichtig ein Korczak-Preisträger – erinnerte uns daran, dass das Kind sich sein auffälliges Verhalten als Schutz- und Überlebenssymptom angeeignet hat. Das exzessive Online-Sein oder die totale Verweigerung der heutigen Jugend sind oft genau solche Schutzpanzer in einer als resonanzlos erlebten Welt. Ausverwahrlosenlassen meint hier das exakte Gegenteil von Gleichgültigkeit oder Laissez-faire: Es fordert vom Erzieher, das Symptom nicht sofort didaktisch wegzutherapieren oder zu sanktionieren. Er muss die Stärke mitbringen, das Kind in seiner Symptomatik auszuhalten, und ihm so lange ein verlässliches, analoges Beziehungsangebot machen, bis das Kind die innere Sicherheit gewinnt, seinen Schutzpanzer von sich aus loszulassen.
Die Traditionslinie von Buber und Korczak über Mehringer bis zu Heitger fordert vom angehenden Pädagogen letztlich eine Form der professionellen Aszese – verstanden im altgriechischen Sinne von áskesis als disziplinierte, bewusste Übung des Zurücktretens und des Verzichts auf den Drang des ständigen, rezeptartigen Eingreifens. Er nähert sich den Kindern und Jugendlichen wieder an, indem er ihnen in der Immanenz ihrer digitalen Welt als unhintergehbarer, präsenter und transzendenter Bezugspunkt gegenübertritt – als ein lebendiges Du, an das sich das Ich des Kindes anlehnen kann, um zu wachsen. Es ist der Entwurf einer Pädagogik, die sich nicht im Immanenzsein verliert, sondern den Jugendlichen zeigt, dass ihr Wert weit jenseits des nächsten Klicks liegt.
Literatur:
Buber, Martin (1923): Ich und Du. Leipzig: Insel-Verlag.
Heitger, Marian (2003): Bildung als Anspruch und Verpflichtung. Grundfragen der Pädagogik. Zürcher Beiträge zur Pädagogik, Band 12. Zürich: Lit-Verlag.
Korczak, Janusz (1919): Wie man ein Kind lieben soll. Deutsche Erstausgabe Göttingen 1967: Vandenhoeck & Ruprecht.
Kunze, Axel Bernd (2014): Bildungsethik. Pädagogische Gerechtigkeit im Horizont christlicher Sozialethik. Stuttgart: Kohlhammer.
Mehringer, Andreas (1976): Kleine Heilpädagogik. Thesen und Impulse für die Praxis. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Mikhail, Thomas (2009): Bilden und Binden. Zur religiösen Grundstruktur pädagogischen Handelns. Grundfragen der Pädagogik, Band 13. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag.
Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen, Dipl.-Sozialpädagoge, absolvierte das Studium der Sozialpädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München sowie ein klassisches Doktoratsstudium in den Fachbereichen Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien, an der er auch promoviert wurde. Nach einem Zusatzstudium der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München ist er heute noch als katholischer Religionslehrer an Berufsschulen in Bayern tätig.
