Vorankündigung: Neue bildungsethische Kolumne am 18. Juni 2020 in der „Tagespost“

Die regelmäßige sozialethische Kolumne auf der Wirtschftsseite der Wochenzeitung „Die Tagespost“ am 18. Juni 2020 wird sich in dieser Woche aus gegebenem Anlass einem bildungsethischen und pädagogischen Thema widmen, man könnte auch sagen: Lernen in und aus der Krise. Der Bonner Sozialethiker und Erziehungswissenschaftler schreibt unter der Überschrift „Technik kann nicht Personen ersetzen“ über die Folgen des pandemiebedingt erzwungenen Lernens von zuhause aus. Die Kolumne erscheint zugleich auf den Seiten der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Offener Brief: Zur Verteidigung der Präsenzlehre

In den letzten Jahren haben sich an den Hochschulen Elemente einer digitalen Lehre immer mehr durchgesetzt: zunächst als Unterstützung der Präsenzlehre, dann als deren Ergänzung oder gar als eine mögliche Alternative, und nun, mit Corona, als glückliche Rettung. Und in der Tat: Ohne digitale und virtuelle Formate hätte sich das Sommersemester 2020 nicht durchführen lassen. Und auch grundsätzlich leisten digitale Elemente mittlerweile einen wertvollen Beitrag zur Hochschullehre. Im Gefühl des plötzlich möglichen digitalen Sprungs nach vorn drohen indes drei Aspekte verloren zu gehen, die unserer Überzeugung nach von grundlegender Bedeutung für das Prinzip und die Praxis der Universität sind:

1. Die Universität ist ein Ort der Begegnung. Wissen, Erkenntnis, Kritik, Innovation: All dies entsteht nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes. Für diesen gesellschaftlichen Raum können virtuelle Formate keinen vollgültigen Ersatz bieten. Sie können womöglich bestimmte Inhalte vermitteln, aber gerade nicht den Prozess ihrer diskursiven, kritischen und selbständigen Aneignung in der Kommunikation der Studierenden.

2. Studieren ist eine Lebensphase des Kollektiven. Während des Studiums erarbeiten sich die Studierenden Netzwerke, Freundschaften, Kollegialitäten, die für ihre spätere Kreativität, ihre gesellschaftliche Produktivität und Innovationskraft, für ihren beruflichen Erfolg und ihre individuelle Zufriedenheit von substantieller Bedeutung sind. Dieses Leben in einer universitären Gemeinschaft kann in virtuellen Formaten nicht nachgestellt werden.

3. Die universitäre Lehre beruht auf einem kritischen, kooperativen und vertrauensvollen Austausch zwischen mündigen Menschen. Dafür, so sind sich Soziologie, Erziehungs-, Kognitions- und Geisteswissenschaften völlig einig, ist das Gespräch zwischen Anwesenden noch immer die beste Grundlage. Auch dies lässt sich nicht verlustfrei in virtuelle Formate übertragen.

Mit Blick auf diese drei Aspekte wollen wir den Wert der Präsenzlehre wieder in Erinnerung rufen. Wir fordern eine – vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche – Rückkehr zu Präsenzformaten. Was die Schulen zu leisten in der Lage sind, sollte auch Universitäten möglich sein: die Integration von Elementen der Präsenzlehre, etwa in kleineren Gruppen in größeren zeitlichen Abständen, je nach Bedarf, je nach lokalen Gegebenheiten. Einzelne Universitäten, einzelne Fakultäten könnten hier individuelle, verantwortliche Modelle entwickeln.

Wir weisen auf die Gefahr hin, dass durch die aktuelle Situation die herkömmlichen Präsenzformate an Wertschätzung und Unterstützung durch die Hochschulleitungen, die Bildungsministerien und die Politik verlieren könnten, eine Unterstützung, die sie in der Zeit nach Corona dringend brauchen werden. So sinnvoll und wichtig Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus sind: Corona sollte nicht zu einer nachgereichten Begründung für Entwicklungen in der Lehre werden, die vor Corona offen und kritisch diskutiert wurden. Diese kritischen Debatten dürfen nicht durch scheinbare Evidenzeffekte, wie sie die Pandemie bisweilen produziert, abgekürzt werden.

Die Präsenzlehre als Grundlage eines universitären Lebens in all seinen Aspekten gilt es zu verteidigen.

(aus: https://www.praesenzlehre.com/)

Sie können den Offenen Brief heute noch bis 18 Uhr unter https://www.praesenzlehre.com/ als Erstunterzeichner mittragen.

Schlaglicht: Sommerferien oder Lehrerarbeitszeit – Schäubles Kategorienfehler

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Sommerferien-verkuerzen-Soeder-widerspricht-Schaeuble-id57241811.html

Die Äußerungen des Bundestagspräsidenten in der „Augsburger Allgemeinen“ reizen zu einer Stellungnahme und dürfen so nicht stehenbleiben: Sollen die Sommerferien verkürzt werden? Ein Kollege hat das Interview Wolfgang Schäubles gestern schlicht und einfach als „Frechheit“ bezeichnet. Zu Recht. In anderen Fällen würde man die Äußerungen des Bundestagspräsidenten als „populistischen“ Unfug bezeichnen. Ach nein, Populismus – im Sinne grober, mutwilliger Vereinfachungen der politischen Debatte – gibt es ja in den Volksparteien per definitionem gar nicht.

Die Schulen sind geschlossen. Damit ist aber nicht die Dienstpflicht für Lehrkräfte aufgehoben, diese sind seit Beginn der Schutzmaßnahmen vollständig im Einsatz und haben unter hohem persönlichen Einsatz in kürzester Zeit E-Learning-Modelle installiert. Die persönliche Beratung der Schüler via Internet, die Entwicklung neuer Methoden und Lernformate für das onlinegestützte „Homelearning“, individuelles Feedback, die pädagogische Begleitung der Schüler in Videokonferenzen oder via Telefon ist zeitaufwendig … Auch die Zusammenarbeit im Kollegium ging onlinegestützt weiter, Gleiches gilt für die Schulleitungen. Hinzu kommt der erhöhte Zeitaufwand, der jetzt noch für Abschlussprüfungen mit kleinen Lerngruppen, vermehrten Nachprüfungsterminen, erhöhten Sicherheitsauflagen, Umsetzung von Hygieneplänen usw. entsteht.

Wer eine gesamte Berufsgruppe auf diese Weise öffentlich angreift, scheint auf die Wählerstimmen aus der Lehrerschaft bei der nächsten Wahl keinen Wert zu legen. Leider bleibt Söders Entgegnung, der alles dafür tut, Kanzlerkandidat zu werden, halbherzig und erweckt gleichfalls ein schiefes Bild. Denn es geht hier nicht allein um Ferien; es geht um den Umgang mit der Arbeitszeit einer ganzen Berufsgruppe des öffentlichen Dienstes. Wer meint, Lehrer sollten in diesem Schuljahr mehr arbeiten, muss dies als Mehrabeit vergüten.

Ich hoffe, dass die Kultusministerien der Länder in dieser Frage hart bleiben und dass die Lehrerverbände solchen Vorhaben der Politik deutlichen Widerstand entgegensetzen. Statt in die Kultushoheit der Länder einzugreifen, sollte der Bundestagspräsident lieber überlegen, wie das Parlament, dem er vorsteht, Pandemievorsorge, Zivilschutz und Katastrophenpläne verbessern kann. Hier werden wir, wenn die Krise durchgestanden ist, genügend politische Versäumnisse aufzuarbeiten haben und notwendige Fragen stellen müssen.

Rezension: Wissenschaft in der Demokratie

Ob Finanzkrise, Migrationsdebatte, Klimadebatte, Coronakrise Das Urteil wissenschaftlicher Experten ist gefragt – sei es in der Politikberatung, in Talkshows, auf Podiumsdiskussionen oder in Experteninterviews. Doch eines kann die Wissenschaft nicht: Einigkeit herstellen und Lösungen vorgeben, die nur noch politisch exekutiert werden müssen. So einfach gestaltet sich das Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Medien keineswegs: Wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben umstritten, der politische Umgang mit ihnen ebenso und längst nicht alles, was in den Medien als Erkenntnis „der“ Wissenschaft verkauft wird, formuliert tatsächlich einen wissenschaftlichen Konsens. Notwendig bleibt eine funktionierende Öffentlichkeit, in der über die verschiedenen menschlichen Teilpraxen hinweg um den richtigen Umgang mit bestehenden Kontroversen gerungen wird. Diesem Thema widmet sich eine neue Reihe im De Gruyter-Verlag.“

aus einer Rezension zu: Wilfried Hinsch, Daniel Eggers (Hgg.): Öffentliche Vernunft? Die Wissenschaft in der Demokratie, Berlin 2019, 118 Seiten (Rezensent: Axel Bernd Kunze) im Rezensionsportal Socialnet.de:

https://www.socialnet.de/rezensionen/26500.php

Rezension: „Shrinking Spaces“

„Shrinking Spaces“: ein Begriff, der bisher vor allem in der Politik und Entwicklungszusammenarbeit verwendet wurde. Gemeint sind schrumpfende zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume in autokratischen Staaten. Zunehmend wird dieser Begriff aber auch für den europäischen Kontext verwendet. Zwei Beispiele: So sind seit dem „Ausländische-Agenten-Gesetz“ 2012 in Russland Nichtregierungsorganisationen, die Mittel aus dem Ausland erhalten, verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Oder in der Türkei wurden nach dem Militärputsch von 2016 mehr als 1.400 zivilgesellschaftliche Organisationen geschlossen. In Deutschland ist der Begriff im Zusammenhang von Befürchtungen adaptiert worden, zunehmender „Rechtspopulismus“ könne auf Dauer demokratische Freiheitsräume beschneiden und gesellschaftliche Exklusionstendenzen befördern. (Axel Bernd Kunze)

Reiner Becker, Irina Bohn, Tina Dürr-Oberlik, Beate Küpper, Tino Reinfrank (Hrsg.): Shrinking Spaces, Frankfurt am Main: Wochenschau 2019, 176 Seiten (= Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit, 01/2019).

Eine Besprechung finden Sie hier:
www.socialnet.de/rezensionen/26013.php

Das vorliegende Heft zeigt, wie Bildung und Kultur zum Kampfplatz um Diskurshegemonie und Lagerbildung werden können. Eine klare Struktur des Themenheftes ist bei alldem aber nicht zwingend erkennbar. Vieles hat man schon an anderer Stelle in ähnlicher Form gelesen. Es gehe um „Mosaiksteine“ ohne den Anspruch, ein vollständiges Bild liefern zu wollen, schreiben die verantwortlichen Redaktionsmitglieder einleitend in ihrem Editorial. Dies wird man sagen können, aber auch nicht mehr. Denn die einzelnen Beiträge des Themenheftes entfernen sich mitunter recht weit vom Konzept „Shrinking Spaces“. Hinzu kommt einmal mehr eine Schwäche ähnlicher Publikationen und Debattenbeiträge: Was unter „Populismus“ bzw. „Rechtspopulismus“ auf der einen oder „Zivilgesellschaft“  bzw. „Gesellschaft“ auf der anderen Seite verstanden wird, wird nicht sauber definiert.  (Axel Bernd Kunze)

Welche Lehren werden wir pädagogisch aus der Coronakrise ziehen?

Wird die derzeitige Krise, die zum notfallmäßigen „Home schooling“ zwingt, eine Digitalisierungseuphorie befördern oder am Ende doch eine rasche digitale Ernüchterung nach sich ziehen – vielleicht schneller als seinerzeit bei den Sprachlaboren und beim Programmierten Lernen? Das ist gegenwärtig noch nicht ausgemacht. Lernen mit digitalen Medien ist noch keineswegs Bildung. Jetzt mögen schnelle und wirksame Krisenhelfer via Internet gefragt sein. Für Bildungserlebnisse braucht es dauerhaft aber kein lernpraktisches Toastbrot, sondern pädagogisches Schwarzbrot.

„Krisenzeiten sind Zeiten, in denen interessierte Kreise gerne versuchen, aus der Not Profit zu schlagen. Dieser Profit kann materieller oder ideologischer Natur sein. Im Falle der Corona-Krise gerieren sich die bekannten Befürworter der „Digitalisierung von Bildung“ als solche ideologischen und materiellen Krisengewinnler. Nun scheint endlich bewiesen, wie dringlich die Umstellung von Schule und Hochschule auf digital gestütztes Lehren und Lernen sei. Und seitens der Politik entblödet man sich nicht, dies auch noch zu forcieren.“

Zum Weiterlesen:

Jochen Krautz: Zur Erinnerung: Bildendes Lernen braucht Schule und Unterricht. Warum digitales Lernen auch in Krisenzeiten nur ein Notstopfen bleibt, in: https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/zur-erinnerung-bildendes-lernen-braucht-schule-und-unterricht.html (2. April 2020).

Rezension: Kinderrechte – in die Verfasssung?

Der vorliegende Gesetzesentwurf für ein eigenständiges Kindergrundrecht in der Verfassung ist vorerst politisch gescheitert, doch dürfte in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen … Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, sei auf folgende Publikation hingewiesen:

„Sollten Kinderrechte in die Verfassung aufgenommen werden oder nicht? Es gibt gute juristische Gründe, dies nicht zu tun, wie der Band verdeutlicht. Pädagogen mögen das vielleicht nicht immer gern hören, aber die Verfassung ist der falsche Ort für Symbolpolitik. Die Gefahr systematischer Brüche in der Verfassungsordnung wäre viel zu groß – die Folgen könnten am Ende nicht allein Eltern, sondern auch Lehrer deutlich zu spüren bekommen.“

aus: Axel Bernd Kunze (Rez.): Rezension zu: Arnd Uhle (Hg.): Kinder im Recht. Kinderrechte im Spiegel der Kindesentwicklung (Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zu Philosophie, Politik und Geistesgeschichte; 96), Berlin: Duncker & Humblot 2019, 328 Seiten, in: Engagement 37 (2019), H. 4, S. 221 f.

Rechtschreibung – unwichtig?

Nein! – …. sagt die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. Wenn sich etwas ändern solle, so die Marburger Erziehungswissenschaftlerin, brauche es ein gesellschaftliches Umdenken bei diesem Thema. In einem Blogbeitrag nimmt sie prägnant Stellung zu einer Debatte, die durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten neu entfacht wurde. Denn „An den Lehrern liegt es nicht!“:

https://www.jmwiarda.de/2020/02/11/an-den-lehrern-liegt-es-nicht/

Die jahrelange (und jahrzehntelange) Vernachlässigung der Rechtschreibung ist ein Armutszeugnis für eine Kulturnation – aber leider nicht das einzige, was Deutschland gerade sträflich vernachlässigt.

Neue Veröffentlichungen verlinkt

In der rechten Menüspalte finden Sie neue Arbeitsproben und Auswahlveröffentlichungen zu pädagogischen und sozialethischen Themen verlinkt.

Ferner finden Sie unter der Kategorie „Kolumnen“ einen Link zu den sozialethischen Kolumnen, die regelmäßig in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in der „Tagespost“ erscheinen. Unter der Kategorie „Kolumnist der ‚Tagespost'“ finden Sie Kolumnen von Axel Bernd Kunze, Bildungsethiker an der Universität Bonn.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!