Schlaglicht: Der Staat darf sich nicht erpressen lassen

Zum Kommentar von Eckart Lohse „Den gesellschaftlichen Frieden bewahren“ in der F.A.Z. v. 14. September 2020 (S. 1):

Es gibt eine „Christenpflicht“ zu humanitärer Nothilfe. Diese sollte vor Ort geleistet werden, nicht allein im Fall Moria. Denn anders, als Söder glauben machen will, umfasst diese kein Recht auf Niederlassungsfreiheit in Europa. Christliche Staatsethik garantiert dem Staat sein Recht auf Grenzsicherung. Der Staat darf sich in dieser Situation nicht erpressen lassen. Was Helmut Schmidt im „deutschen Herbst“ noch beherzigte, scheint vielen Politikern heute unbekannt zu sein. Söder hingegen moralisiert und nährt damit weiterhin den schwelenden Grundsatzkonflikt, der seit dem Sommer 2015 unser Land spaltet. Diesen zu klären, weigern sich breite Teile der politischen Elite. Soll der gesellschaftliche Frieden wiederhergestellt werden, brauchen wir endlich eine unvoreingenommene, breit geführte Debatte über die staatspolitischen Grundlagen unseres Zusammenlebens, auch unter Einschluss der AfD und ihrer politischen Positionen (ob einem diese persönlich gefallen oder nicht).

Zum Weiterlesen:

Axel Bernd Kunze: Wird der Rechtsstaat noch verstanden? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu einem konstitutiven Merkmal unseres Gemeinwesens, in: Alexander Dietz/Jan Dochhorn/Axel Bernd Kunze/Ludger Schwienhorst-Schönberger: Wiederentdeckung des Staates des Staates in der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020, S. 137 – 175 [Anmerkungen: S. 222 – 224].

Axel Bernd Kunze: Wo stößt Gastfreundschaft an Grenzen?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg./Basel/Wien: Herder 2017, S. 56 – 69.

Axel Bernd Kunze: Staat – Identität – Recht.  Konfliktlinien in der aktuellen politikethischen Debatte, in: LIMINA – Grazer theologische Perspektiven 2 (2019), H. 1, S. 83 – 108.

Axel Bernd Kunze: Ist mit der christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Überlegungen zur notwendigen Rechtsfunktion des Staates, in: Die Neue Ordnung 71 (2017), H. 5, S. 352 – 365.

Neuerscheinung: Wann ist Schule „gerecht“?

Im aktuellen Heft 2/2020 der Zeitschrift „engagement“ fragt der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze: Wann ist Schule „gerecht“? (38. Jg., S. 137 – 140).

Im Rezensionsteil werden folgende Titel vorgestellt:

  • Michael Reitemeyer, Winfried Verburg (Hgg.): Bildung – Zukunft – Hoffnung. Warum Kirche Schule macht (Rez.: Markus Brenk, Detmold i. Westf.)
  • Sabine Bieberstein, Peter Nothaft, Barbara Staudigl (Hgg.): Hoffnungsraum Schule. Perspektiven für eine profilierte Entwicklung katholischer Schulen (Rez.: Hans-Michael Mingenbach, Halle a. d. S.)
  • Tobias Licht, Stephan Mokry (Hgg.): Die Reformation – ein Bildungsgeschehen? Historische und ökumenische Ausblicke (Rez.: Felix Albrecht, Göttingen)
  • Marianne Heimbach-Steins, Anna-Maria Riedl (Hgg.): Kindeswohl zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Theorie und Praxis im Gespräch; Anna-Maria Riedl: Ethik an den Grenzen der Souveränität. Christliche Sozialethik im Dialog mit Judith Butler unter Berücksichtigung des Kindeswohlbegriffs (Rez.: Axel Bernd Kunze, Weinstadt i. Remstal)
  • Frank Nix, Jens Wollmann: Experten helfen Referendaren: Schüler und Eltern beraten (Rez.: Katharina Dübgen, Polling-Oderding)
  • Carolin Philipps: Amina: mein Leben als Junge (Rez.: Anna Winkler-Benders, Bonn a. Rhn.)
  • Q. Raúf Onjali: Der Junge aus der letzten Reihe (Rez.: Maria Holgersson, Bonn a. Rhn.)

Eine unnachahmliche Formel

Mit seiner unnachahmlichen Formel „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ stemmt sich das Evangelium politischen Heilslehren entgegen. Die zweifache Aufforderung, mit der Jesus seine Gegner im heutigen Evangelium bloßstellt, enthält aber auch eine Mahnung an seine eigenen Anhänger, also an uns. Denn umgekehrt liefert das Evangelium auch noch kein umfassendes göttliches Gesetz. Die Kirche sollte sich vor allzu viel Selbstgewissheit in vorletzten Fragen hüten. Um das Gemeinwohl muss immer wieder neu gerungen werden.

Jesu Antwort im heutigen Evangelium mahnt daher auch uns zur Vorsicht: Seien wir im politischen Meinungsstreit vorsichtig, dem anderen vorschnell den guten Willen oder sogar den Glauben abzusprechen! Politik aus christlicher Verantwortung bildet sich im politischen Diskurs, im Wettstreit der politischen Meinungen, im fairen, mitunter auch harten Ringen um das bessere Argument. Daher bleibt für das Christentum auch eine Vielfalt säkularer Gesetze legitim. Niemand sollte in der Kirche vorschnell behaupten, er wüsste schon im Voraus ganz genau, was politisch praktizierte Christlichkeit zu sein habe und was nicht.

Aus einem Predigtvorschlag zum 29. Sonntag im Jahreskreis:

Axel Bernd Kunze: Eine unnachahmliche Formel (Mt 22, 15 – 21), in: Der Prediger und Katechet. Praktische katholische Zeitschrift für die Verkündigung des Glaubens 159 (2020), H. 6 (Oktober/November), S. 732 – 735.

Interview mit der „Tagespost“: Müsste die Sozialethik den Staat wiederentdecken?

Verlässliche, ordnungstiftende Institutionen sind eine der größten Errungenschaften der europäischen Staats- und Gesellschaftsentwicklung. Eine Sozialethik, welche die Funktionsfähigkeit der staatlichen Ordnung aus dem Blick verliert, schwächt letztlich auch jene staatlichen Institutionen, die dem Schutz der Person und ihrer Rechte dienen. Es steht einiges auf dem Spiel: Ethische Maximalforderungen, denen die Sorge um den Erhalt der staatspolitischen Grundlagen abgeht, erscheinen als ein unernst wirkender Gestus prophetischer Kritik. Ohne politische Vernunft wirken sich diese politisch destruktiv aus.

… so Axel Bernd Kunze am 3. September 2020 im Interview mit Stefan Rochow von der Wochenzeitung „Die Tagespost“ (73. Jg., Nr. 36, S. 28). Anlass des Interviews ist das Erscheinen seines Buches „Wiederentdeckung des Staates in der Theologie“ (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020).