Herzliche Segenswünsche zum Allerheiligenfest

Die Vorläufer Christi mit Märtyrern und Heiligen von Fra Angelico (1423/24)

Viele Heilige, derer im Laufe des Kirchenjahres gedacht wird, sind auch in einer zunehmend säkular gewordenen Kultur populär geblieben. Denken wir nur an Nikolaus oder Martin. Andere Heilige kennen wir, weil ihr Bild häufig zu sehen ist: Der heilige Johannes Nepomuk steht an zahlreichen Brücken, das Bild des heiligen Florian findet sich an vielen Feuerwehrhäusern. Andere Heilige wiederum sind als beliebte Namenspatrone im Gedächtnis: Peter und Markus, Georg oder Franz, Maria und Barbara, Anna oder Katharina etwa.

Am Allerheiligentag feiert die Kirche aber gerade die vielen, die uns namentlich gar nicht oder nicht mehr bekannt sind. Das Fest rückt gerade das Vermächtnis der ungezählten Namenlosen in den Blick, die nicht im Rampenlicht der Geschichte standen, deren Erinnerung bereits für immer aus dem Gedächtnis der Lebenden gelöscht ist und deren Gräber schon längst von dieser Erde verschwunden sind.

Doch bei Gott sind sie nicht vergessen. Wir wissen sie in der ewigen Gemeinschaft bei Gott. Allerheiligen ist ein zutiefst solidarisches Fest. An diesem Tag gedenken wir als Christen besonders auch jener Gläubigen, deren Lebensentwurf quer zu gesellschaftlichen oder auch – vielleicht häufiger als vermutet – kirchlichen Vorstellungen ihrer Zeit lag, denen womöglich zu Lebzeiten sogar der Himmel abgesprochen wurde oder deren Leben nach menschlichen Maßstäben gescheitert ist. Und doch waren sie auf dem Weg zu Gott, sind sie letzten Endes von Gott bejaht und gerechtfertigt worden.

Es ist schade, dass die Feier des Allerheiligentages in vielen Gottesdiensten dann doch vom Gedächtnis an die „großen“, bedeutenden und bekannten Heiligen geprägt ist. Auch ist es bedauerlich, dass der Inhalt des Allerheiligentages allzuleicht vom nachfolgenden Allerseelengedächtnis für unsere Verstorbenen und den damit verbundenen Friedhofsgang verdrängt wird. Beides hat gewiss seinen Wert und soll nicht schlecht geredet werden. 

Aber am Allerheiligenfest dürfen gerade jene Männer und Frauen einmal im Mittelpunkt stehen, die ihren christlichen Lebensentwurf in der schlichten Alltäglichkeit gelebt haben, in Familie und Beruf, in Routine und Unauffälligkeit, als Alleinstehende oder Vereinsamte, als Gescheiterte oder an den Rand Gedrängte, als Querköpfe oder Bescheidene, als Verlachte oder Verkannte …

Heilige sind keine Ausnahmegestalten. Sie sind überall dort zu finden, wo Christen ihren Glauben ernst nehmen und in der Spur Jesu ihr Leben gestalten. Allerheiligen ruft uns ins Gedächtnis, dass sich Heiligkeit nicht mit menschlichen Maßstäben messen lässt. Die Glückwunsche Jesu in den Seligpreisungen, das als Evangelium an Allerheiligen gelesen wird, kehren die üblichen Maßstäbe um, nach denen Ansehen, Erfolg oder Wohlergehen gewichtet werden. Sehr häufig verwirklicht sich das Lebenszeugnis der Heiligkeit ganz unspektakulär, ohne viel Aufhebens oder Aufsehens – auch heute noch, mitten unter uns.

Und das Lebenszeugnis der Heiligen vermag die Welt zu verändern. Wer in sich die Sehnsucht nach Gottes Gerechtigkeit wach hält und diese Sehnsucht durch sein Leben spürbar macht, verändert diese Welt, der macht Gottes Liebe in dieser Welt sichtbar.

Der Weg zur Heiligkeit ist vielfältig, hier gibt es kein Einheitsmuster. Denn letztlich geht es um eine Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch. Und Liebe ist immer wieder von neuem kreativ und überraschend. Oder wer könnte sagen, in der Liebe schon alles getan zu haben!?

Letztlich sind wir alle zur Heiligkeit berufen. Wenn Gott endgültig offenbar werden wird, werden wir ihn schauen, wie er ist. Die Offenbarung des Johannes am Ende des Neuen Testaments eröffnet uns bereits einen kleinen Blick auf eine große Hoffnungsvision. Wir sind eingeladen zur großen Versammlung der Geretteten. Und es ist gut, dass die Eintrittskarten für diese Versammlung nicht nach menschlichen Kriterien vergeben werden.

Ich wünsche allen Lesern meines Weblogs einen gesegneten Allerheiligentag und danke für die treue Verbundenheit,

Ihr Axel Bernd Kunze

Rezension: Bildung und Religion im Kulturstaat

Jan Dochhorn, Neutestamentler an der Universität Durham, rezensiert in der aktuellen Ausgabe der „Neuen Ordnung“ den Band „Axel Bernd Kunze: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates. Mit einem Geleitwort von Bernd Ahrbeck (Zeitdiagnosen; 60), Berlin: LIT 2022“:

„Was die Grundstruktur des vorliegenden Buches angeht, sehe ich ein Miteinander der Kernbegriffe Bildung, Religion und Kulturstaat, aufgrund dessen der Autor weit ausgreifen kann, in Berufspraktische etwa gleichermaßen wie ins Politische. Die Konstellation läßt sich folgendermaßen kurz beschreiben:

  1. […] Bildung ist nicht primär Sozialisation, verstanden als Anpassung an die Gesellschaft; ihr Begriff ergibt sich auch nicht einfach aus empirischer Forschung, sondern aus berufspraktisch begleiteter Wesensschau und zugleich normativer Bewertung von Bildungsvollzügen. Religion braucht Bildung, weil sie sonst, statt Nachfolge zu sein, zur Nachahmung mißrät und Konvention doer bloße Abhängigkeit von höheren Mächten bleibt.
  2. Bildung braucht Religion, weil der Persönlichkeit ihne das Vermögen, sich zu Fragen der Religion zu verhalten, Entscheidendes fehlt. […] Bekennend praktizierte Religion ermöglicht die erwähnte Bildungserfahrungk, nicht aber eine Religion, die religionswissenschaftlich als ein Fremdes präsentiert wird. Die Pluralität der Bekenntnisse ist dabei vorausgesetzt.
  3. Der liberale Rechtsstaat – nicht zuletzt als Kulturstaat – lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schafft. Religion und damit verbundene Werte gehören zu diesen Voraussetzungen. Der Staat darf auf Religiöses zurückgreifen, ohne es den Bürgern aufzunötigen. Dieses gedankliche Grundgerüst des Buches scheint mir ein insgesamt konsistentes System zu ergeben.“

Jan Dochhorn (Rez.): Bildung und Religion im Kulturstaat, in: Die Neue Ordnung 76 (2022), Heft 5, S. 384 – 390.

„Cancel Culture“ an Schulen? Anmerkungen zu einem Beitrag von Robert Benkens

„Cancel Culture“ in Schulen? – fragt NOVO Argumente für den Fortschritt:

https://www.novo-argumente.com/artikel/cancel_culture_in_schulen

Die Cancel Culture an Schulen, wie im Text beschrieben, ist gar nicht mehr so weit weg – und sie wird kommen. In den Hochschulen wird kräftig am notwendigen ideologischen Überbau gearbeitet, auch hierzulande – sonst bräuchte es etwa ein Netzwerk Wissenschaftsfreiheit (www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de) gar nicht. Und das wird über kurz oder lang (vermutlich eher kurz) in die Schulen überschwappen. Wir haben ein wissenschaftsorientiertes Schulsystem, das sich programmatisch und politisch gewollt an aktueller Wissenschaft ausrichten soll – und dann wird es heißen: Das ist der neueste Stand der Wissenschaft. Wenn wir das aufhalten wollen, bräuchte es ein neues Freiheitsbewusstsein, das gegenwärtig nicht zu erkennen ist. Die Autorin folgt selber in vielem dem Zeitgeist, schreckt dann aber doch auf, weil sie ahnt, was da auf uns zukommen wird. Eltern, die sich einer solchen Entwicklung entgegenstellen wollen, können das in der Regel fast nur noch im Innenraum der Familie.

Am Ende sitzen alle im selben Boot, ob Hochschullehrer oder Lehrer. Die Freiheit muss breit verteidigt werden, sonst bleibt davon nicht mehr viel übrig. Ich habe in der Osterwoche in Mönchengladbach an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, im kommunalpolitischen, nicht hochschulischen Kontext. Ich sollte das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit vorstellen und zum sprachlichen Gendern etwas sagen. Anlass war zum einen eine Leserbriefdebatte zu vermeintlichem Rassismus in der Lokalzeitung und zum anderen die Einführung von Gendersprache in der Verwaltung. Ein Mitdiskutant auf dem Podium brachte es auf den Punkt: Wir reden hier nicht mehr über Entwicklungen, die irgendwo fernab an der Universität stattfinden und nur eine kleine Gemeinschaft von Wissenschaftlern betreffen. Nein, Cancel Culture und Löschkultur seien schon mitten unter uns angekommen, in der Stadtgesellschaft, in der gesellschaftlichen Breite. – Und leider spielen die Universitäten eine mehr als unrühmliche Rolle, dass es so weit gekommen ist.

Zwischenruf: Sechs Monate nach der Impfpflichtdebatte im Bundestag ein Blick nach Kanada

Ich habe im April geschrieben – und dazu stehe ich heute noch:  Debatten ohne Fraktionsdiszplin waren oft Sternstunden des Parlaments. Die Impfpflichtdebatte hingegen war eine Niederlage des Parlamentarismus. Ein Antrag auf eine Impfpflicht hätte im freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat die Referentenebene niemals übersteigen dürfen.  Und heute? Die freiheitsfeindliche Coronapolitik wird in der Öffentlichkeit weiterhin totgeschwiegen oder sogar heute noch gerechtfertigt, das gilt etwa für eine Mehrheit in Politik, Wissenschaft, Medien oder Kirchen. Die „Junge Freiheit“ fragte erst jüngst in ihrer Ausgabe vom 28. Oktober 2022: „Wie wahrscheinlich ist es, daß sich ein deutscher Politiker für die maßlosen und Grundrechte verletztenden Anti-Corona-Maßnahmen entschuldigt?“ Anlass für diese Frage war die Entschuldigung der kanadischen Politikerin Danielle Smith, Premierministerin der Provinz Alberta: „Es tue ihr ’sehr leid für jeden Regierungsangestellten, der wegen seines Impfstatus entlassen wurde, und ich heiße jeden willkommen, der zurückkommen will.'“ Ich kann nicht sehen, dass in Deutschland ein ernsthaftes Umdenken, gar eine Aufarbeitung eingesetzt hätte. Vielfach wird der Coronadiskurs in weiten Teilen der Öffentlichkeit immer noch voreingenommen geführt und werden abweichende, kritische Stimmen unfair behandelt.

Sammelrezension: Kommen Tiere in den Himmel?

Dieser Frage – aber nicht nur – geht eine Sammelrezension zu aktuellen Veröffentlichungen einer Theologie der Tiere nach:

„Szene in einem Kindergarten, beruhend auf einer realen Begebenheit: Ein Junge ist traurig. Auf die Frage warum, entgegnet er, sein Hamster sei verstorben. Der Pädagoge nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Dabei sagt der Junge, das lustige Quieken des Hamsters könne doch nicht für immer verschwunden sein.

Die Überlegungen aus Kindermund werfen Fragen auf, die auch in der ‚großen‘ Theologie diskutiert werden. Bei einer Theologie der Tiere geht es nicht allein um ethische Fragen, wie der Mensch seinen tierischen Mitgeschöpfen gerecht werden kann. Im Raum steht auch eine Neujustierung des Verhältnisses von Schöpfung und Erlösung: Kommen Tiere in den Himmel? Wird auch die leidende Tierwelt Erlösung finden? In welcher Form gilt die eschatologische Hoffnung des christlichen Glaubens auf eine Vollendung der gesamten Schöpfung für das Tier?“

Besprochen werden folgende Titel:

Rainer Hagencord: Gott und die Tiere. Ein Perspektivenwechsel. Mit einem Beitrag von Bischöfin i. R. Bärbel Wartenberg-Potter (topos premium), Kevelaer: topos plus 2018, 191 Seiten.

Simone Horstmann, Thomas Ruster, Gregor Taxacher: Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere, Regensburg: Friedrich Pustet 2018, 384 Seiten.

Martin M. Lintner: Der Mensch und das liebe Vieh. Ethische Fragen im Umgang mit Tieren, Innsbruck: Tyrolia 2017, 294 Seiten.

Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine zeitgemäße christliche Tierethik (topos premium), Kevelaer: topos plus 2019, 236 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.): Kommen Tiere in den Himmel?, in Concilium 58 (2022), Heft 4, S. 489 bis 494.


Zwischenruf: Gestern Verschwörungstheorie – und heute? Aber Aufarbeitung nicht in Sicht

Leider werden die Erfahrungen mit der Coronapolitik des vergangenen Winters wohl nicht dazu führen, dass wir künftig mit dem Vorwurf von Verschwörungstheorie oder Schwurblertum vorsichtiger umgehen. Es wäre schön, aber der Mensch ist nicht so. Nun zeigt sich, welche Halbwertszeit Verschwörungstheorien haben können. Wir hätten über unterschiedliche medizinische, wissenschaftliche und politische Standpunkte gelassen streiten und um das bessere Argument ringen können, wenn man sich nicht entschlossen hätte, den freien, streitbaren, pluralen Diskurs durch eine Politik aggressiver Impfnötigung, Menschenhetze, Diffamierung und Ausgrenzung zu unterbinden. Statt die politische und moralische Katastrophe des vergangenen Winters aufzuarbeiten, wird man diese aussitzen und sich hinter neuen Krisenthemen verstecken. Allein: Das Vertrauen in Verfassungsstaat auf der einen und soziale Beziehungen auf der anderen Seite bleibt beschädigt. Das Land politisch willentlich zu spalten und zu polarisieren, bleibt nicht ohne Folgen. Und was wir erlebt haben, betrifft auch die Wissenschaft – nur zwei Beispiele. Vergessen wir nicht: Der Herr Gesundheitsminister ist wissenschaftlicher Kollege. Und im  Deutschen Hochschulverband hat man in beiden vergangenen Jahren gezielt Kollegen als Hochschullehrer des Jahres ausgezeichnet, die zu den Hauptakteuren einer fragwürdigen, freiheitsfeindlichen Coronapolitik gehören.


https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2022/gestern-verschwoerungs-theorie-heute-offiziell-impfung-schuetzt-nicht/

Das große Versprechen: Gedanken zur Freundschaft – anhand einer Essaysammlung von Joachim Negel

„Miteinander reden und lachen;

sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen;

zusammen schöne Bücher lesen;

sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen;

mitunter auch streiten,

freilich ohne Gehässigkeit,

wie man es wohl auch einmal mit sich selbst tut;

manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen

und damit die Eintracht würzen;

einander belehren und voneinander lernen;

die Abwesenden schmerzlich vermissen

und die Ankommenden freudig begrüßen –

lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,

die aus dem Herzen kommt,

sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten

und wie Zunder den Geist in Gemeinsamkeit entflammen,

so daß aus den Vielen eine Einheit wird.“

Diese Worte sind tausendsechshundert Jahre alt. So umschreibt der abendländische Kirchenvater Augustinus in seinen „Confessiones“ (IV 8, 13; Übers. zitiert nach Negel, S. 6) die Lebensform der Freundschaft.

Doch was macht deren besonderen Wert aus? Drei Antworten sollen anhand des umfangreichen, tiefgehenden und überaus lesenswerten Bandes aus der Feder Joachim Negels erschlossen werden. Auch wenn der Klappentext des Bandes vorsichtig davon spricht, der Titel bestehe aus zwanzig Essays, die das Thema aus unterschiedlichen Richtungen in den Blick nehmen, ergeben diese für den Leser einen inneren, stimmigen Zusammenhang. Der folgende Dreiklang verweist auf den philosophischen, politischen und geistlichen Gehalt des Freundschaftsversprechens.

(1) Der Fundamentaltheologe an der Universität Freiburg in der Schweiz und Burgpfarrer auf Burg Rothenfels umschreibt die Lebensform der Freundschaft folgendermaßen: „Freundschaft ist zunächst und vor allem Gespräch. Freunde sind im Gespräch miteinander, und je intensiver das Gespräch, umso größer der Raum, der sich zwischen ihnen eröffnet. In ihm wird die Welt bedeutsam; man hört, was die Dinge sagen wollen; man sieht (in) ihr Antlitz und gerät dadurch in eine Tiefe und Weite der eigenen Seele wie auch der Welt, die es vorher nicht gab“(Negel, S. 51). Und so könne die Freundschaft auch als Geburt der Philosophie bezeichnet werden.

Erinnert sei etwa an Vergil. Dieser bedeutendste Vertreter der augusteischen Dichtung führte nicht allein die lateinische Sprache zu besonderer Blüte, was ihm bis heute einen Platz in der humanistischen Bildung sichert. Er setzte in seinem Epos Aeneis dem Freundespaar Euryalus und Nisus ein ewiges Denkmal. Das Ideal ihrer Freundschaft, das Vergil schildert, steht nicht allein für die Tugend römischer Tapferkeit, sondern verkörpert die seelische Größe der Hochherzigkeit, deren Verpflichtung letztlich selbst das Scheitern der Tat überstrahlt.

(2) Die amicitia ist aber nicht allein eine philosophische, sondern zugleich auch eine eminent politische Tugend. So schreibt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik: „Die Erfahrung lehrt, daß Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält, denn die [politische] Eintracht hat offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Freundschaft.“ Gemeinsame Orientierungswerte, sozialer Zusammenhalt und Bürgersinn stehen als Ressourcen nicht beliebig zur Verfügung. Die Fundamente, auf denen Staat und Gesellschaft ruhen, müssen gepflegt werden. Ein Gemeinwesen sollte daher mit seinen Traditionen, dem Wissen um seine kulturelle Herkunft und Identität nicht allzu verschwenderisch oder leichtfertig umgehen, wenn die Fundamente nicht bröckeln sollen.

Das gemeinsame Ethos unseres Gemeinwesens will gepflegt werden. Gerechtigkeit im Staat gründet im Kern auf der Tugend seiner Bürger. Der Mensch ist unhintergehbar ein zoon politikon, wie Aristoteles formuliert hat, gemeinschaftsfähig wie gemeinschaftsbedürftig zugleich. Für Michel Foucault könne Eintracht als „Freundschaft unter Bürgern“verstanden werden. Diese Tugend ist für Negel unverzichtbar für ein humanes und geordnetes Zusammenleben. Unser gesellschaftliches Ethos „beruht auf der Vorzüglichkeit ihrer seelischen Veranlagung, auf der konzentrierten Pflege solcher Veranlagung im Austausch mit den Freunden sowie auf der daraus sich erbildenden vernünftigen Einsicht“ (ebd., S. 127). Wo dieses Ethos zerfällt, setzen über kurz oder lang politische, soziale und kulturelle Verteilungskämpfe ein, auf Dauer degeneriere der Staat zur Tyrannis, zur Ochlokratie oder zur Oligarchie.

Ein Freundschaftsideal zu pflegen, hat insofern eine eminent politische Bedeutung, die wir nicht unterschätzen sollten, und dieses Pfund sollten wir – gerade als Christen – nicht hinter Mauern im Privaten verstecken, sondern im Beruf, im Engagement für das Gemeinwesen und in der gesellschaftlichen Diakonie gelebten Glaubens einsetzen, damit es reichen Zins bringt.

(3) Und ein dritter Gedanke: „Nur am Du bildet sich ein Ich.“ Ohne liebendes Du könne es auch kein Ich geben – so habe es Martin Buber in seiner Dialogphilosophie stark gemacht. Dies mag der Grund sein, warum das Thema Freundschaft die Gemüter aller Epochen der abendländischen Geistesgeschichte immer wieder bewegt hat. Wo sich Menschen in Freundschaft verbinden, öffnen sich unverhoffte Möglichkeiten, erleben wir uns als beschenkt und können auch andere beschenken: Ich kann dem Leben trauen, weil ein anderer zu mir steht.

Freundschaft bedeute Treue und Trost – so heißt es schon in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur. „Es gibt Gefährten, die gereichen zum Verderben. Mancher Freund aber ist anhänglicher als ein Bruder“(Spr 18, 24), heißt es im Buch der Sprichwörter. Und „ein treuer Freund ist ein Trost im Leben; ihn findet, wer den Herrn fürchtet“ (Sir 6, 16), sagt der Weisheitslehrer Jesus Sirach.

Trost und Treue: Nicht umsonst sei in der christlichen Tradition versucht worden, auch die innertrinitarische Beziehung in Freundschaftskategorien zu denken und die Beziehung zu Gott als Gottesfreundschaft zu deuten.

Freundschaft ist ein großes Versprechen. Letztlich versprechen wir mit jeder Freundschaft mehr, als wir Menschen in unserer Sterblichkeit halten können. Mit der Treue, die wir einander versprechen, eröffnen sich existentielle Fragen religiöser Natur, so Negel. Es gehe um den Grund des Lebens, der mich trägt. In einer säkularen Gesellschaft wirkten Fragen danach oft peinlich. Selbst in kirchlichen Zusammenhängen mag es oft nicht mehr leicht fallen, diese Fragen zu stellen. Und doch: Wir können ihnen am Ende nicht ausweichen. „Die Religion war mir seit langem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können. Es war unerträglich, einzeln und mit sich allein zu sein.“ – zitiert Negel den Schriftsteller Peter Handke mit seinem „Kurzen Brief zum langen Abschied“.

Für Christen könne der tragende Grund des Lebens letztlich vom Menschen nicht selbst gemacht werden oder von ihm ausgesucht werden; er übersteige das, was der Mensch sich selbst geben kann. Für Christen sei es ein ganz Anderer, der uns sagt: Du sollst sein. Theologen sprechen von Gnade. An ihr habe die Freundschaft Anteil. Und so öffne uns die Freundschaft eine Tür in die Unendlichkeit, in die Ewigkeit.

Gespräch und Hochherzigkeit, Eintracht und vernünftige Einsicht, Treue und Trost – sind Kurzformeln für jene Tiefe der Freundschaft, die Negel in seinem Essayband auf sehr berührende Weise erschließt. Hier wird theologische Reflexion zu literarischem Genuss. Das Werk füllt in der Debatte über Freundschaft eine zentrale Lücke, indem nicht allein philosophische, psychologische oder kulturwissenschaftliche Fragen verhandelt werden. Unaufdringlich gelingt es Negel, auch die politischen Implikationen und nicht zuletzt religiösen Hintergründe des Freundschaftsideals auszuleuchten.

Allerdings vermeidet Negel zu recht die Falle, die Tugend der Freundschaft nahtlos zu einer normethischen Kategorie zu erheben, aus der sich vorschnell politische Forderungen ableiten lassen, wie es etwa in jüngeren sozialethischen Veröffentlichungen immer wieder zu erleben ist, nicht zuletzt wenn von Gastfreundschaft im Rahmen der migrationsethischen Debatte die Rede ist. Die Verfassung steckt den Rahmen ab, in dem Freiheit sich entfalten kann. Wie dieser Rahmen so ausgefüllt wird, dass ein lebensdienliches wie gemeinwohlförderliches Zusammenleben sich entfalten kann, muss immer wieder ausgehandelt werden, im Rahmen einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit, welche die Tätigkeit des Staates und den produktiven Willen der Einzelsubjekte zusammenbringt.

Christen werden dabei ihre Orientierungswerte, etwa die Tugend der Gastfreundschaft, einbringen. Sie wissen aber auch um die Differenz zwischen religiöser und politischer Sphäre, nach der unnachahmlichen Formel bei Matthäus: Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Denn das christliche Evangelium stemmt sich nicht allein politischen Heilslehren entgegen, die sich selbst absolut setzen, es liefert umgekehrt auch nicht einfach ein umfassendes göttliches Gesetz. Vielmehr eröffnet das Evangelium den Raum für eine Politik aus christlicher Verantwortung, die im politischen Diskurs Kontur gewinnt und eine Verschiedenartigkeit säkularer Gesetze zulässt.

Joachim Negel: Freundschaft. Von der Vielfalt und Tiefe einer Lebensform, Freiburg im Breisgau: Herder 2019, 533 Seiten.

Neuer Tätigkeitsbericht des ICS ohne eigenes Kapitel zur Sozialethik der Bildung

Das Münsteraner Institut für Christliche Sozialwissenschaften (ICS) hat im Oktober seinen neuen Tätigkeitsbericht für 2021/22 vorgelegt. Zum Forschungsbereich Sozialethik der Bildung heißt es  darin: „Der Schwerpunkt Sozialethik der Bildung (7) wird, mit Blick auf die Auswirkungen der Corona-Krise, zur Zeit ebenfalls v. a. auf der Ebene des Wissenstransfers bedient; Überlegungen zu Entwicklungen des außerschulischen kirchlichen Bildungsengagements stellen sich nicht zuletzt angesichts von Sparmaßnahmen der Diözesen“ (S. 9). Allerdings fällt auf, dass sich im weiteren Verlauf des Tätigkeitsberichtes kein Unterkapitel zu bildungsethischen Forschungen am Institut mehr findet. Der Schwerpunkt Sozialethik der Bildung lief seit 2006, zunächst gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, nach 2011 mit Eigenmitteln weitergeführt. Mittlerweile spielen innerhalb der sozialethischen Aufmerksamkeitsökonomie bildungsethische Fragestellungen, die nach den ersten PISA-Studien innerhalb der Disziplin zu einem eigenständigen Diskursfeld avanciert waren, gegenwärtig nur noch eine geringe Rolle.

Der ICS-Tätigkeitsbericht ist online abrufbar:

Rundfunkinterview: Bildung, Religion und Schule

Marcel Joppa im Gespräch mit Axel Bernd Kunze

Erstausstrahlung: Dienstag, 18.10.22, 06:05 Uhr

In der Ausgabe von Kontrafunk aktuell vom 18. Oktober 2022 sprach Marcel Joppa mit der Dirigentin Kerstin Behnke über den Zustand der deutschen Kulturbranche nach Lockdowns und weiteren Corona-Maßnahmen. Die Professorin für Chor- und Ensembleleitung befürchtet mit dem Krieg in der Ukraine außerdem eine weitere Politisierung des Kulturbetriebs. In einem Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler und Autor Axel Bernd Kunze geht es dann um das deutsche Schulsystem: Der Schuldirektor wünscht sich mehr Einfluss von Religion auf die Bildung und er stellt der Politik ein schlechtes Zeugnis aus. Außerdem beschäftigt sich der Journalist Tom J. Wellbrock mit der aktuellen Frankfurter Buchmesse, in der möglicherweise nicht die Literatur im Mittelpunkt stehen wird.

Die Sendung kan nachgehört werden:

https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-18-oktober-2022

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Onlineringvorlesung zur Wissenschaftsfreiheit

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit startet in diesem Wintersemester 2022/23 eine Onlineringvorlesung zu Aspekten der Wissenschaftsfreiheit: Voraussetzungen – Einschränkungen – Verteidigung.

Die Vorträge finden jeweils montags von 18 bis 19.30 Uhr statt.

Zugangsdaten und weitere Informationen unter: