Diskussion um die „Erklärung“ der AG Christliche Sozialethik geht weiter

Die gegen „Die Neue Ordnung“ gerichtete „Erklärung“ der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik findet innerhalb der „scientific community“ keinesfalls ungeteilte Zustimmung. Im Wissenschaftsportal „Academia“ fordert ein Beitrag die Urheber auf, den Boykottaufruf zurückzuziehen – um der Freiheit der wissenschaftlichen, durchaus streitbaren Debatte willen:

„The AG katholische Sozialethik which represents the senior researchers of catholic social ethics in German speaking countries has published an open attack against the editor of the renowned journal »Die Neue Ordnung« considering that this journal be removed from the libraries and suggesting that the editor (Pater Ockenfels) be reprimanded by his order. The index librorum prohibitorum comes up again…
Here is an appeal to the AG to take up again and to enjoy the risk of an open academic debate. If points of view proposed in »Die Neue Ordnung« are wrong, misleading, even ethically suspect, then demonstrate that by good research! The better view will be successful in a free debate without censorship!“

https://www.academia.edu/38670544/Against_academic_censorship

Neuerscheinung zu Internaten in der Erzieherausbildung

Internate an beruflichen Schulen verbinden Lernen und Leben miteinander und bieten wichtige Unterstützung bei den ersten Schritten in den Beruf. Ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik zeigt aus bildungsethischer Perspektive, welche Bedeutung das Internat als begleitendes Angebot in der Erzieherausbildung besitzt.

Axel Bernd Kunze: Bildungsethik. Mit Hanni und Nanni zur Erzieherin, in: TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Leben, Lenen und Arbeiten in der Kita (2019), H. 3, S. 48 – 51.

Weitere Informationen zur Zeitschrift finden Sie hier: https://www.klett-kita.de/kitaleitung/tps/

Legitimer Widerstand oder Rechtsbruch? F.A.Z.-Leitartikel kritisiert Umgang mit Schülerprotesten

Reinhard Müller setzt sich im Leitartikel der F.A.Z. vom 29. März 2019 kritisch damit auseinander, wie hierzulande auf die freitäglichen Schülerproteste gegen den Klima wandel reagiert wird. Wo Moralisierung zum eigentlichen Motor der Politik wird, werden rechtsstaatliche Standards auf Dauer unterhöhlt: eine Tendenz, die sich nicht erst seit den „Klimademos“ zeigt.

„Wenn bis hinauf zu Bundespräsident Steinmeier der Eindruck erweckt wird, endlich sei das Problem des Klimawandels erkannt und wirkmächtig adressiert, dann desavouiert die Politik sich selbst, die zahllosen Beamten und Fachleute, die sich seit Jahrzehnten genau darum kümmern. Es ist in jedem Fall bezeichnend, dass der Verstoß gegen die Schulpflicht allenfalls am Rande erwähnt wird. Wer wird denn so streng sein angesichts von en paar Stunden Fehlzeit! […] Doch schon hier beginnt der Rechtsstaat zu bröckeln. […] Die Missachtung der Schulpflicht darf nicht Schule machen. Verantwortlich für diese Erosion ist nicht zuletzt hyperverständnisvolle, opportunistische Politik“ (Reinhard Müller: Rechtsbruch als Protestform, in: F.A.Z., 29. März 2019, S. 1)

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/klima-demos-von-schuelern-rechtsbruch-als-protestform-16114259.html

Welche Rolle spielen Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration? – Tagungsdokumentation des „Forums Sozialethik“ zur Migrations- und Integrationsethik in dritter Auflage angekündigt

Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen in der Migratins- und Integrationsethik. Entsprechend groß ist weiterhin die öffentliche Aufmerksamkeit für die 2017 erstmals erschienene Tagungsdokumentation des „Forums Sozialethik – Initiative junger Sozialethikerinnen und Sozialethiker“, die sich dem Thema aus sozialethischer Perspektive nähert. Nun hat der Verlag eine dritte Auflage angekündigt:

Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hgg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet (Forum Sozizalethik; 18), Münster: Aschendorff 3. Aufl./2019.

Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit: Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet (Forum Sozialethik)

Im Band findet sich auch ein vierteiliges Streitgespräch zwischen dem Dortmunder Wirtschafts- und Sozialethiker Andreas Fisch sowie dem Bonner Politik- und Bildungsethiker Axel Bernd Kunze. Der zweite Teil der zwischen beiden geführten Kontroverse widmet sich der Frage, welche Rolle Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration spielen sollen (S. 199 – 209).

 

Rezension: Krieg und Menschenrechte – als Thema der Menschenrechtsbildung

Axel Bernd Kunze würdigt im Onlineportal SOCIALNET eine Tagungsdokumentation der Katholischen Akademie des Bistums Fulda, Bonifatiushaus, die den Schutz der Menschenrechte in bewaffneten Konflikten für die Menschenrechtsbildung erschließt:

Gunter Geiger, Daniela Schily: Krieg und Menschenrechte. Perspektiven aus Völkerrecht, Erinnerungskultur und Bildung, Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich 2018, 228 Seiten.

Krieg und Menschenrechte: Perspektiven aus Völkerrecht, Erinnerungskultur und Bildung

„Der Band beschäftigt sich mit einem äußerst sensiblen Bereich der Menschenrechte: Wie können diese in bewaffneten Konflikten geschützt werden? Dabei bietet der Band einen auch für „Nichtfachleute“ leicht verständlichen Überblick zu diesem Themenfeld – mit zwei Stoßrichtungen: Zum einen wird die aktuelle Debatte um eine „Responsibility to protect“ aufgegriffen. Zum anderen wird aufgezeigt, wie das Thema in der Erinnerungsarbeit, Menschenrechtsbildung und Gedenkstättenpädagogik pädagogisch aufgegriffen werden kann.“

Die vollständige Rezension finden Sie hier:

https://www.socialnet.de/rezensionen/24757.php

Zwei Kommentarstimmen zum Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“

Die Diskussium um die „Erklärung“ der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen „Die Neue Ordnung“ und deren Chefredakteur, Pater Ockenfels, geht weiter. Hier Auszüge aus zwei aktuellen Kommentaren, die sich kritisch mit dem Boykottaufruf der deutschsprachigen Sozialethiker auseinandersetzen:

„Niemand muss die Positionen von Pater Ockenfels teilen. Er aht aber so wie jeder andere auch verdient, dass man sich mit seinen Argumenten auseinandersetzt. Eine solche Auseiandersetzung quasi per Dekret zu untersagen und dies noch mit einem Bekenntnis zur Pluralität des Faches zu verbinden, ist nicht nur unwissenschaftlich, es zeugt auch von einem geringen Reflektionsgrad [sic!] der Handelnden. Was allerdings stark ausgeprägt ist, ist deren Machtbewusstsein: Die Arbeitsgemeinschaft repräsentiert die große Mehrheit ihres Faches. sie könnte also mit großer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, dass es eben auch katholische Sozialethiker gibt, die andere Positionen vertreten. Das wäre echte Toleranz. Stattdessen setzt man auf öffentliche Ächtung. Trotzdem: […] Die Aktivitäten seiner ‚Kollegen‘ zeigen, dass sie ihn offenbar lesen, obwohl sie sich ärgern. Ein starker Beleg für die Relevanz der Zeitung und deren publizistischer Linie.“

Sebastian Sasse in der „Tagespost“ vom 28. März 2019.

https://www.die-tagespost.de/politik/pl/Kommentar-Maulkorb-statt-Argument;art315,196843

Bildergebnis für Forum Sozialethik

„Etwas gründlicher hätten Sie sich auch überlegen müssen, ob Sie wirklich eine Säuberung von Bibliotheken fordern wollten. Mir scheint die gesamte Erklärung stark von autoritärem Denken geprägt. Würde eine Ausgrenzungshandlung wie diejenige, die Sie anstreben, von rechtsautoritären Kreisen prakti­ziert (etwa im Sinne eines repressiven Antikommunismus), gäbe es vermutlich einen Aufschrei. Einen kaum sehr guten Eindruck macht auch der zarte Hinweis an den Orden, sich doch einmal Gedanken zu machen, wie man mit der Persona non grata Ockenfels verfahren könne. Hier verbünden Sie sich unverhohlen mit ekklesialen Machtstrukturen, die kritisch zu hinterfragen die christliche Sozialethik ansonsten gerne für sich in Anspruch nimmt. Es hat den Anschein, daß Herrschaftstechniken aus der Zeit der Antimodernisteneide und der indizierten Bücher durchaus bejaht werden – wenn sie nur der für gut gehaltenen Sache dienen.“

Jan Dochhorn, Associate Professor an der Durham University, im Wissenschaftsweblog „Forum Sozialethik“

https://forum-sozialethik.de/2019/03/19/sozialethikerinnen-boykottieren-rechte-zeitschrift/

PS: Mittlerweile wurden die Kommentare im Weblog des „Forums Sozialethik“ gelöscht. Bleibt die Frage, wer hier Angst vor einer offen geführten, kritischen Diskussion hat …

Debatte um Boykottaufruf deutschsprachiger Sozialethiker gegen die „Die Neue Ordnung“

Die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ wurde in der Nachkriegszeit durch die beiden Dominikaner Laurentius Siemer und Eberhard Welty – beide „Vordenker des christlich geprägten Widerstandes im Rheinland“, wie die „Tagespost“ schreibt – begründet. Sie wurden zu einer wichtigen Stimme der katholischen Soziallehre in der „alten“ Bundesrepublik. Jüngst hat die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Sozialethiker im deutschen Sprachraum zum Boykott der Zeitschrift aufgerufen. Dem aktuellen Chefredakteur, Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, werden rechtspopulistische Äußerungen vorgeworfen.

Die Mitte März veröffentlichte Stellungahme wurde zunächst wenig beachtet. Inzwischen kommt die Debatte in Gang. Die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ äußert unter Berufung auf den Bonner Emeritus und Ehrenvorsitzenden der Joseph-Höffner-Gesellschaft, Lothar Ross, deutliche Kritik am Vorgehen der Vereinigung sozialethischer Lehrstuhlinhaber – dort heißt es: „Lehne man sich bewusst an die mittelalterliche Inquistion an? ‚So oder ähnlich haben auch die Nazis nach 1933 aufgefordert, ’nicht bei Juden zu kaufen‘, stellt [Lothar Roos] fest.“ Die Erklärung, so zitiert die Zeitung den Bonner Sozialethiker weiter, sei unwissenschaftlich und arbeite mit bekannten Totschlagargumenten.

Der Deutschlandfunk zitiert den emeritierten Osnabrücker Sozialethiker, Manfred Spieker: Die Erklärung sei „empörend“. Auch Spieker zieht laut Deutschlandfunk – ähnlich wie sein Bonner Kollege – eine eindeutige Parallele: „Das entspricht in meinen Augen überhaupt nicht akademischen Gepflogenheit. Man soll sich auseinandersetzen mit Aufsätzen, denen man nicht zustimmt. Man muss Argumente liefern. Das entspricht einer akademischen Vereinigung. Aber nicht Forderungen stellen, die mich an die Aufforderung erinnern: ‚Bei Juden kauft man nicht‘ oder an eine Bücherverbrennung erinnern.“ Ferner weist Spieker darauf hin, dass die Urheber der Erklärung sich sonst sehr gern kirchliche Interventionen in ihre Arbeit verbitten würden, jetzt aber dasselbe gegenüber einem missliebigen Kollegen praktizierten: „Der Stil, nun ein Verdikt auszusprechen, ist grotesk. Gerade Kollegen, die sich gegen jede bischöfliche oder römische Interventionen gegen ihre wissenschaftliche Arbeit wehren würden und auch schon gewehrt haben, ausgerechnet die rufen einen Orden auf, ein Mitglied zu reglementieren. Das ist so widersprüchlich.“

Die Debatte zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Dabei geht es um mehr als um eine einzelne wissenschaftliche Zeitung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ mitbegründet hat, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar – und damit bröckelt auch der notwendige Grundkonsens über zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates, etwa Wissenschafts- und Publikationsfreiheit. Daher ist es gut, wenn sich jetzt Widerspruch gegen einen solchen Boykottaufruf regt.

 

Schlaglicht: „nicht repräsentativ“

Man mag über den kanadischen Psychologen und Kulturkritiker Jordan Peterson und dessen provozierende Thesen denken, wie man mag. Immer wieder hat Peterson durch polemische Zuspitzungen polarisiert, wenn er von „kulturellem Marxismus“, „ideologischem Marionetten-Geschwätz“ oder „Vielfalts-Inklusivitäts-Gleichheits-Mob“ gesprochen hat. Wie die F.A.Z.  am 23. März 2019 hat die Theologische Fakultät der Universität Cambridge nach Protesten ihr Angebot einer Gastdozentur für den an der Universität Toronto lehrenden Kollegen zurückgezogen. Vielsagend ist allerdings die Reaktion der Studentengewerkschaft auf diese Entscheidung. Diese äußerte sich nach Angaben der F.A.Z. „erleichtert“. Denn Petersons Positionen seien „nicht repräsentativ für die Studentenschaft“ und daher kein „wertvoller Beitrag“ für die Universität. Dies klingt wie eine ungewollte Bestätigung des Geschmähten: Die Universität soll nicht mehr ein Ort des streitbaren Ringens um das bessere Argument sein, sondern nur noch denen ein Forum bieten, die das sagen, was die Mehrheit denkt. Inklusion, auf die sich die Universität bei ihrer Entscheidung beruht und die Peterson in Frage stelle, läuft damit auf eine Gleichschaltung des öffentlichen Raumes hinaus. Der Widerspruch zum eigenen universitären Leitbild wird gar nicht mehr gesehen, wie die F.A.Z. zu Recht kritisiert. Denn in der Selbstdarstellung der Universität Cambridge heißt es, man sei eine „weltführende Forschungs- und Lehrinstitution“, welche die freie Rede fördern wolle, und zwar in einem Umfeld, „in dem sämtliche Mitarbeiter und Studenten sich in der Lage sehen sollten, überliefertes Wissen in Frage stellen sowie neue Ideen und umstrittene oder unbeliebte Meinungen ohne Sorge vor Respektlosigkeit oder Diskriminierung ausdrücken zu können.“ Nur nebenbei sei daran erinnert, dass es auch in Deutschland schon eine Regierungschefin gegeben haben soll, die ein Buch, das sie gar nicht gelesen hat, als „nicht hilfreich“ aus dem öffentlichen Diskurs verbannen wollte. Nein, Zensur findet nicht statt.

Neuerscheinung: Kinderrechte in der Erzieherausbildung

Kurzzusammenfassung: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen kann 2019 ihr dreißigjähriges Jubiläum feiern. Das Dokument legt die Menschenrechte auf die besonderen Schutz-, Förder- und Beteiligungsansprüche von Kindern hin aus. Eine besondere Rolle spielen die Kinderrechte für die Erzieherausbildung an Fachschulen für Sozialpädagogik.

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 37 (2019), Heft 1, S. 34 – 37.

Der Verfasser (PD, Dr. theol., Dipl.-Päd., Zweite Staatsprüfung für das Lehramt der Sek.-Stufe II/I), Dozent für Pädagogik und Gemeinschaftskunde, leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen. Daneben ist er als Lehrbeauftragter für philosophisch-theologische Grundlegung der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München sowie für Bildungskonzepte und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig.

Schlaglicht: 7 Wochen ohne …

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ lautet das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche zur diesjährigen Passionszeit. Wer auf die dazugehörige Homepage geht, findet als erstes Überlegungen zur Notlüge. Nun gut, auch darüber kann man nachdenken. Aber wie sieht es mit unserer gesellschaftlichen Debatte aus!? Unsere öffentliche Kommunikation ist in vielem unglaubwürdig. Hierüber nachzudenken, scheint allerdings weniger gewollt – denn dann ginge es nicht nur um „7 Wochen ohne“, sondern um das Eingeständnis, dass wir vielleicht den so gut eingespielten Mainstream der öffentlichen Debatte einmal verlassen sollten, der sich doch so gut eingespielt hat – und bei dem die Kirchen kräftig mitmischen, aber nicht nur diese.

Wir diskutieren über den Klimawandel – und elektrifizieren oder digitalisieren alle Lebensbereiche. Vom elektrischen Rolladen in jedem Klassenraum bis zum interaktiven Klassenzimmer, das endlich die Kreidezeit überwunden hat. Strom kommt schließlich einfach aus der Steckdose, wie wir dank der Grünen und ihres Widerparts FJS schon lange wissen. Über den Energieverbrauch, der damit verbunden ist, redet niemand. Denn Digitalisierung ist gut, der Digitalpakt jeder Anstrengung wert. Das interaktive Whiteboard verbraucht Energie, die gute, alte Kreidetafel nicht … Aber wer wollte hier kleinlich sein, wo es doch gar nicht um den pädagogischen Nutzen geht.

Wir verschärfen den Datenschutz so, dass bestimmte Bereiche gar nicht mehr richtig handlungsfähig sind – und wir verstärken gleichzeitig die soziale Kontrolle, auch im Bildungsbereich, der eigentlich zur Selbstbestimmung freimachen sollte. Wird es bald automatisch generierte Testdaten geben, wie China es uns vormacht? Das wird auch in Deutschland kommen, gibt sich eine Vertreterin des „Education Engagements“ von Microsoft sicher. Andere Länder machen es vor, Deutschland wird sich das nicht mehr lange leisten können, wir sind in Gesprächen, sie können zuversichtlich sein … Der humanistische Individualismus ist alteuropäischer Kram und steht zum Ausverkauf.

Wir beklagen den Fachkräftemangel in Kindergärten, Pflegeheimen und Handwerksbetrieben – und tun immer noch so, als produzierten berufliche Schulen gescheiterte Lebensläufe am Fließband, wenn sie ihre Absolventen „nur“ mit einem Ausbildungsabschluss in die Welt entlassen. Wohingegen die Hochschulen mit jedem Bachelorabschluss in „Gender Studies“ an der „Knowledge based Society“ und am größten Wissensraum zwischen Lissabon und Helsinki mitarbeiten.

Und wir reden über Vielfalt und Pluralität – und rufen im Namen der Pluralität zum Boykott wissenschaftlich missliebiger Fachzeitschriften und zur Säuberung von Bibliotheken auf. Wo die Historiker vorangegangen sind, wollen die Christlichen Sozialethiker nicht abseits stehen, wie jüngst eine Erklärung zur „Neuen Ordnung“ zeigt. Alles natürlich im Namen der Freiheit. Schlimmer noch als die Zensur der Wissenschaft ist die Zensur durch die Wissenschaft.

Sieben Wochen ohne … – gar kein so schlechter Gedanke. Umkehr ja bitte, aber nicht so radikal. Denn das könnte viele Selbstgewissheiten in Frage stellen. Umkehr kann auch als ein Bildungsgeschehen verstanden werden. Ich sehe ein, dass die Welt auch ganz anders sein könnte – und werde herausgefordert, ein eigenständiges Urteil zu bilden. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat die notwendige Umkehr einmal so auf den Punkt gebracht – ein postsäkularer Gedanke, der gut zur Fastenzeit passen könnte: Denn „der freie Geist verletzt nicht nur das Tabu der Exzellenz, sondern auch das Tabu der Transzendenz. Sein Mut zur Wahrheit sprengt den Funktionalismus, die ausweglose Immanenz der sozialen Systeme. Und wenn man sieht, wie die ‚Weltgesellschaft‘ jedes Wort des Widerstands, jede Geste des Protests mühelos ins eigene Funktionieren einbaut, muss man zu dem Schluss kommen: Transzendenz ist heute der einzige subversive Begriff. Die konkrete Utopie jedes Außenseiters ist der systematische Paradigmenwechsel. Der freie Geist jedoch zielt auf die Metanoia des Einzelnen. Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.“