Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl – ein pädagogischer Zwischenruf

In zwei Wochen sind die Bundesbürger wieder zur Wahl gerufen. Soll man einer Monatszeitung glauben, die aktuell titelt: „Die Egal-Wahl. Alles wird teurer. Besser wird nichts“? – eine deutliche Aussage. Ich meine, dass es bei dieser Wahl eine Alternative gibt. Aber so oder so: Der Mensch ist zur Politik verdammt, da wir uns nolens volens Gedanken über die Gestalt unseres Zusammenlebens machen müssen. Die Frage ist nur, wie der politische Diskurs geführt und gestaltet wird.

Eines bleibt dafür unverzichtbar – und Pädagogen sollten in besonderer Weise darum wissen: Politische Handlungskompetenz setzt die Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmungsfähigkeit voraus. Unter diesen Preis dürfen wir nicht gehen. Im Prozess der politischen Bildung geht es um die Aneignung der für die politische Perspektive maßgeblichen Kategorien, mit denen Einsichten über Aufgaben und Probleme der politischen Praxis rational erarbeitet und Entscheidungen in politischen Konflikten verantwortlich getroffen werden. Und damit wären wir beim anspruchsvollen Programm einer Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft, das es immer wieder neu mit Leben zu füllen gilt: in schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen, in Hochschulen und Akademien, in Kirchen und Verbänden, im ehrenamtlichen Engagement und überall dort, wo pädagogisch gedacht und gehandelt wird.

Neuerscheinung: Antisemitismus an Schulen

Mit deutlicher Verspätung ist Heft 4/2020 der Zeitschrift engagement zum Thema Antisemitismus an Schulen erschienen.

Im Rezensionsteil werden folgende Bände vorgestellt:

  • Bernd Ahrbeck: Was Erziehung heute leisten kann. Pädagogik jenseits von Illusionen (2020), rezensiert von Johannes Gutbrod
  • Edeltraud Röbe, Marion Aicher-Jakob, Anja Seifert: Lehrer werden – Lehrer sein – Lehrer bleiben (2019), rezensiert von Wilhelm Wittenbruch
  • Cornelia Remon, Rosemarie Godel-Gassner, Rafael Frick, Tillmann Kreuzer (Hgg.): Der Faktor „Geschlecht“ in Forschung und Lehre (2019), rezensiert von Katharina Dübgen
  • Gerd Neuhaus: Glückskekse vom lieben Gott? Religionsunterricht zwischen Lebensweltorientierung und Glaubensvermittlung (2019), rezensiert von Peter Anders
  • Barbara Brüning: Sterben + Tod (2019), rezenisert von Matthias Bär
  • Sabine Achour, Peter Massing: Disziplinen des Politikunterrichts (2019), rezensiert von Axel Bernd Kunze

Neuerscheinung: Recht als Gegenstand im Pädagogikunterricht

Rechtskunde fristet in unseren Schulen ein Nischendasein. Die aktuelle Politik, die unser Land in vielen Themenbereichen spaltet, zeigt, wohin es führt, wenn Rechtsfragen nicht mehr verstanden und zunehmend affektgeleitet, moralisierend und ressentimentgeladen diskutiert werden. In der aktuellen Festschrift zum achtzigsten Geburtstag des Kölner Fachdidaktikers Klaus Beyer plädiert der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze dafür, die rechtskundlichen Anteile in den Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes zu stärken – ausgeführt am Beispiel des Pädagogikunterichts. Die Herausgeber schreiben in ihrer Einleitung:

„Axel Bernd Kunze geht in seinem Beitrag der in der Fachdidaktik bislang kaum beachteten Frage nach, welche Rolle rechtskundliche Anteile im Pädagogikunterricht übernehmen sollten. Er zeigt in zwei Schritten auf, welche Leistungen das Recht und eine funktionierende Rechtsordnung in einem demokratischen Gemeinwesen erbringen und auch welchen Gründen die Einführung in die demokratische Rechtsordnung notwendige Aufgabe schulischen Unterrichts ist. In einem dritten Schritte entfaltet er, orientiert an den pädagogischen Grundbegriffen, die Potentiale, die der Pädagogikunterricht aufweist, um an der Lösung dieser Aufgabe mitzuarbeiten.“

Axel Bernd Kunze: Alles, was recht ist!? – Recht als Gegenstand im Pädagogikunterricht – zugleich Überlegungen zur Rolle des Faches im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld, in: Eckehardt Knöpfel, Elmar Wortmann (Hgg.): Pädagogische Bildung und Handlungskompetenz. Beiträge zur Theorie und Praxis ihrer Förderung (Didactica Nova; 32), Festschrift für Klaus Beyer, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2021, S. 90 – 108.

Weitere Informationen: https://paedagogik.de/alle-anzeigen-paedagogik/product/p%C3%A4dagogische-bildung-und-handlungskompetenz-2288/

Rezension: Wie Menschenrechtsbildung gelingt

Axel Bernd Kunze rezensiert im Internetportal Socialnet den Band

Oskar Dangl, Doris Lindner: Wie Menschenrechtsbildung gelingt. Theorie und Praxis der Menschenrechtspädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 223 Seiten. ISBN 978-3-17-036929-0. 28,00 EUR. Reihe: Brennpunkt Schule

https://www.socialnet.de/rezensionen/27860.php

Neuerscheinung: Beziehung, Präsenz, Kommunikation. Bildungsethische Überlegungen zur digitalen Unterrichtsentwicklung – nicht nur in Coronazeiten

Druckfrisch erschienen:

Axel Bernd Kunze: Beziehung, Präsenz, Kommunikation. Bildungstheoretische und bildungsethische Überlegungen zur digitalen Unterrichtsentwicklung, in: Ralf Lankau (Hg.): Autonom und mündig am Touchscreen. Für eine konstruktive Medienarbeit in der Schule (Pädagogik), Weinheim/Basel: Beltz 2021, S. 56 – 72.

Aus der Einleitung des Herausgebers:

Axel Bernd Kunze greift das Thema aus humanistisch-philosophischer Perspektive auf und argumentiert sowohl bildungstheoretisch wie bildungsethisch. Er formuliert die disziplinarischen, kurativen, didaktisch-methodischen und personalen Anforde­rungen, denen Schule gerecht werden muss, und verbindet sie mit dem Ziel: Befähi­gung zur Selbstbestimmung. Aus historischer wie pädagogischer Perspektive arbeitet er die Bedeutung des Dialogs und Diskurses für Verstehensprozesse heraus und ver­deutlicht die Notwendigkeit des didaktisch strukturierten Unterrichts und der me­thodisch vorstrukturierten Auseinandersetzung mit den Unterrichtsgegenständen. Es ist selbstredend ein Plädoyer für Präsenzunterricht, für Vertrauen als Basis von Beziehung und Bindung und für eine vertrauensvolle Kommunikation. Nur dann ge­lingt ein reflektiertes Gespräch, das Erkenntnisse und Wissen auch und gerade durch Fehler und Irrtümer generiert.

Schlaglicht: Kultusministerin im Südwesten will für Gendersprache sensibilisieren – oder: Wie der Kulturstaat übergriffig wird

Die neue baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (vgl. F.A.Z. v. 28. Juli 2021, S. 4) will die Schüler des Landes für eine vermeintlich geschlechtergerechte Sprache sensibilisieren. Ein solches Ansinnen des Staates ist übergriffig. Schon die unausgesprochene Prämisse des Genderns ist fraglich. Dieses ist weder geschlechtergerecht noch inklusiv, sondern übergriffig und exkludierend. Der öffentliche Raum wird einseitig durch eine radikalkonstruktivistische Theorie besetzt, die gegen linguistische Erkenntnisse grammatikalisches und biologisches Geschlecht ineinssetzt. Der liberale Kultur- und Verfassungsstaat darf im wissenschaftlichen Diskurs nicht einseitig Partei ergreifen oder sogar sprachwissenschaftliche Argumente gänzlich ignorieren. Sprache, die allen gehört, wird durch das Gendern politisiert und moralisiert. Wer anderer Meinung ist, wird ausgegrenzt. Gendersprache ist nur ein Beispiel, bei dem das Mäßigungsgebot im öffentlichen Raum gegenwärtig gefährdet ist. Dies führt zu einem permanenten Bekenntniszwang und macht unfrei. Überdies: Gendersprache zerstört Schönheit und Differenzierungs­fähigkeit unserer Sprache. Wir müssen uns nicht wundern, wenn Schüler am Ende nur noch ungern lesen oder nicht mehr zu einem differenzierten Textverstehen in der Lage sein werden.

Gerechtigkeitsfragen in der Elementarbildung

Der folgende Beitrag wurde am 23. Juli 2021 als Schulleitungsrede im Rahmen einer feierlichen Zeugnisübergabe am Ende des schulischen Teils der Erzieherausbildung gehalten.

Ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges und besonderes Schuljahr liegt hinter uns. Gleiches gilt für Ihre Arbeit in der Praxis. Aus der schulischen Ausbildung, die Sie heute abschließen, wissen Sie, wie wichtig die Frage nach Nähe und Distanz, nach dem ausgewogenen Verhältnis von Nähe und Distanz für den pädagogischen Beruf ist. Die pandemiebedingten Einschränkungen haben vielfach Distanz erzwungen. Und auf diese Weise konnte der besondere Wert von Nähe, Beziehung und Präsenz, die für pädagogische Arbeit unverzichtbar sind, wenn auch schmerzlich, aufs Neue bewusst werden.

Dennoch gingen Schule und Ausbildung weiter, wenn auch mit deutlichen Einschränkungen. Sie konnten Ihre schulische Ausbildung erfolgreich abschließen. Und das wollen wir heute im feierlichen.

Freispielzeit am Morgen – plötzlich gibt es Streit zwischen zwei Jungen, die sich um ein Spielzeugauto balgen. Die Erzieherin muss schlichten: „Ich will auch mal. Der hat schon die ganze Zeit das Auto“, mault einer der beiden Kontrahenten. Oder gemeinsames Essen am Nachmittag: Ein Kind in der Gruppe feiert Geburtstag, der Kuchen ist aufzuteilen. Soll jedes Kind ein gleich großes Stück vom Kuchen erhalten? Oder sollen die kleineren Kinder weniger große Stücke als die älteren in der Gruppe erhalten? – Die Beispiele zeigen: Immer wieder stellen sich im Kindergartenalltag Gerechtigkeitsfragen. Die Kindergartengruppe ist ein wichtiger Ort, an dem Kinder schon sehr früh Gerechtigkeitsprobleme erleben. Und die Erzieherin spielt dabei eine wichtige Rolle: An ihrem Vorbild können die Kinder konkret erleben, wie im sozialen Miteinander mit Gerechtigkeitsproblemen umgegangen werden kann.

Im Kindergartenalltag stellen sich immer wieder Gerechtigkeitsprobleme, die von den Kindern und pädagogischen Fachkräften gelöst werden müssen. Die Kinder erleben in der Gruppe, wie reale Verteilungsfragen gelöst werden und nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird.

Zum pädagogischen Auftrag von Kindertageseinrichtungen gehört es, dass die Kinder mit diesen Erfahrungen nicht allein gelassen werden. Im Rahmen ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags sollen die Erzieherinnen und Erzieher den Kindern helfen, diese Erfahrungen zu ordnen, zu verarbeiten und zu reflektieren. So sollen die Kinder schrittweise auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Sie sollen in ihrer Moralentwicklung gefördert werden und immer stärker jene Fähigkeiten erwerben, die notwendig sind, um Gerechtigkeitsprobleme zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen und moralische Konflikte konstruktiv zu lösen.

Kurz gesagt: Es geht um die Befähigung zu Mündigkeit und Selbständigkeit. Sie als angehende Erzieherinnen und Erzieher haben die wichtige Aufgabe, Kinder in den entscheidenden frühen Jahren ihrer Entwicklung dabei zu begleiten, ihre Fähigkeit zum Freiheitsgebrauch und zur Verantwortungsübernahme zunehmend auszubauen und weiterzuentwickeln.

Wird unser Bildungs- und Erziehungssystem, werden unsere Kindertageseinrichtungen diesen Ansprüchen gerecht? Die Frage kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden, und schon gar nicht abschließend, ein für alle Mal. Gerechtigkeit ist dynamisch zu denken. Das heißt: Es bleibt eine fortdauernde Aufgabe, die bestehenden Institutionen immer wieder einer beständigen, nicht abschließbaren Selbstüberprüfung zu unterziehen. Ein vollständig „gerechtes“ Bildungs- und Erziehungssystem – wie immer man sich dieses auch vorzustellen hätte – wäre notgedrungen statisch und nicht mehr verbesserungsfähig.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wann ist ein Kindergarten gerecht, wann ist eine Pädagogische Fachkraft gerecht? Vielmehr sollte gefragt werden: Wie kann ein Kindergarten, wie können die Pädagogischen Fachkräfte, die dort arbeiten, den einzelnen Kindern gerecht werden?

Ich hoffe, Sie haben an der Fachschule und am Lernort Praxis das nötige Rüstzeug erhalten, diesen und anderen Fragen eigenständig nachzugehen und eigene Antworten zu finden. Ihr Abschlusszeugnis dokumentiert dies. Wir sind sicher, dass sie den Ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen gerecht werden können. Unsere herzlichen Glück- und Segenswünsche begleiten Sie in Ihre neuen Aufgaben, die jetzt kommen werden.

Den Kindern gerecht werden

Der folgende Beitrag wurde am 22. Juli 2021 als Schulleitungsrede zur feierlichen Zeugnisübergabe mit Verleihung der staatlichen Anerkennung als Erzieher oder Erzieherin gehalten.

Freispielzeit am Morgen – plötzlich gibt es Streit zwischen zwei Jungen, die sich um ein Spielzeugauto balgen. Die Erzieherin muss schlichten: „Ich will auch mal. Der hat schon die ganze Zeit das Auto“, mault einer der beiden Kontrahenten. Oder gemeinsames Essen am Nachmittag: Ein Kind in der Gruppe feiert Geburtstag, der Kuchen ist aufzuteilen. Soll jedes Kind ein gleich großes Stück vom Kuchen erhalten? Oder sollen die kleineren Kinder weniger große Stücke als die älteren in der Gruppe erhalten? – Die Beispiele zeigen: Immer wieder stellen sich im Kindergartenalltag Gerechtigkeitsfragen. Die Kindergartengruppe ist ein wichtiger Ort, an dem Kinder schon sehr früh Gerechtigkeitsprobleme erleben. Und die Erzieherin spielt dabei eine wichtige Rolle: An ihrem Vorbild können die Kinder konkret erleben, wie im sozialen Miteinander mit Gerechtigkeitsproblemen umgegangen werden kann.

Im Kindergartenalltag stellen sich immer wieder Gerechtigkeitsprobleme, die von den Kindern und pädagogischen Fachkräften gelöst werden müssen. Die Kinder erleben in der Gruppe, wie reale Verteilungsfragen gelöst werden und nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird.

Zum pädagogischen Auftrag von Kindertageseinrichtungen gehört es, dass die Kinder mit diesen Erfahrungen nicht allein gelassen werden. Im Rahmen ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags sollen die Erzieherinnen und Erzieher den Kindern helfen, diese Erfahrungen zu ordnen, zu verarbeiten und zu reflektieren. So sollen die Kinder schrittweise auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Sie sollen in ihrer Moralentwicklung gefördert werden und immer stärker jene Fähigkeiten erwerben, die notwendig sind, um Gerechtigkeitsprobleme zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen und moralische Konflikte konstruktiv zu lösen.

Zum Beispiel sollen Kinder lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen sowie prosoziales Verhalten und Empathie zu entwickeln. Dies geschieht etwa, wenn die Erzieherin ein Kind, das ein anderes Mitglied der Gruppe geschlagen hat, auffordert, darüber nachzudenken, wie der andere sich jetzt wohl fühlen mag. Erzieherinnen sollten die Konflikte von Kindern behutsam begleiten, aber nicht einfach über deren Kopf hinweg beenden – so nehmen sie den Kindern wichtige Lernchancen. Oder: Die Kinder sollen lernen, begehrtes Spielzeug mit anderen in der Gruppe zu teilen und gemeinsam damit zu spielen. Auf diese Weise bekommen sie ein Gespür dafür, dass vieles nur begrenzt verfügbar ist und eigene Bedürfnisse mitunter zugunsten anderer zurückgestellt werden müssen.

Die Kindertageseinrichtung ist ein entscheidender Ort frühkindlicher Werterziehung und sozialen Lernens. Die Pädagogischen Fachkräfte sind dabei für die Kinder ein wichtiges Vorbild, schon allein aufgrund der moralpsychologischen Entwicklungsvoraussetzungen in der frühen Kindheit. Denn in diesem Alter sind Kinder noch nicht in der Lage, in moralischen Kategorien zu denken; diese sind viel zu abstrakt für den Stand ihrer kognitiven oder emotionalen Entwicklung. Sie orientieren sich sehr stark an den Regeln und Maßstäben, die von wichtigen Bezugspersonen, den Eltern oder Erziehern, vorgegeben werden. Mit zunehmendem Alter lernen die Kinder aber, die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens wahrzunehmen.

Wo Kinder gefragt und in Entscheidungen einbezogen werden, lernen sie, ihre eigenen Bedürfnisse und das, was ihnen wichtig und „wert-voll“ ist, mitzuteilen. Im gemeinsamen Austausch, z. B. im Morgenkreis oder in der Kinderkonferenz, können sie lernen, auch die Anliegen und Ansprüche der anderen wahrzunehmen. Sie werden merken: Was mir wertvoll ist, kann der andere vielleicht ganz anders beurteilen. Und schon gibt es Wertkonflikte. Diese sollten nicht unterdrückt werden. Sie sollten gemeinsam geklärt werden. Dann können die Erfahrungen, welche die Kinder dabei sammeln, zu wertvollen Lernerfahrungen werden. Die eigenen Werte müssen begründet werden. Ansprüche von anderen müssen geprüft werden. Die Kinder müssen ihre unterschiedlichen Vorstellungen abwägen, Kompromisse schließen oder lernen, andere Ansprüche auch einmal abzuweisen.

Wirksame Möglichkeiten zur Mitwirkung und Mitbestimmung werden sich vor allem aus den alltäglichen Situationen in der Gruppe oder Einrichtung ergeben, weniger aus arrangierten Angeboten. Und gerade solche realen Erfahrungen können für die Werterziehung äußerst fruchtbar sein. Denn Vorsicht! Nicht überall und in jeder Situation sollte vorschnell von Beteiligung gesprochen werden. Wo alles und jedes immer schon Beteiligung sein soll, und das auch noch möglichst vollwirksam, verkommt der ethisch wie pädagogisch höchst anspruchsvolle Beteiligungsgedanke zur billigen Floskel oder ist nur noch bloßes Mittel zum Zweck – mit vielleicht ungewollten Folgen.

Schon Kinder merken, wenn sie sich zwar beteiligen sollen, aber die Erzieherin oder der Erzieher im Grunde schon alles selbst entschieden hat. Wo wirksame Beteiligung zwar behauptet, aber letztlich doch nur arrangiert ist, wird Beteiligung praktisch wertlos. Ambivalenz war noch nie ein guter Ratgeber für Erziehung. Und wer den Eindruck gewinnt, immer schon alles zu bekommen, braucht sich gar nicht mehr anzustrengen. Kinder müssen auch einmal die Erfahrung machen, sich an einer widerständigen, nicht immer optimal an sie angepassten Umwelt abarbeiten zu müssen.

Mit ethischen Konflikten umgehen zu können, müssen Kinder schrittweise lernen. Hierfür braucht es einen geschützten Raum, die gestaltete Umgebung in der Kindertageseinrichtung. In der Werterziehung kommt es darauf an, Konflikte nicht zu unterbinden, sondern die Kinder dabei zu begleiten, mit Konfliktsituationen umzugehen – und zwar so, dass die Kinder dabei immer schon als eigenständige Persönlichkeiten ernstgenommen werden. Zugleich gilt es aber das rechte Maß zu wahren: Die Erzieher und Erzieherinnen sollten die Kinder genauso wenig mit den Herausforderungen und Entscheidungen, die im sozialen Zusammenleben zwangsläufig auf sie zukommen, allein lassen. Dies wäre eine Überforderung.

Wirksame Beteiligung setzt das Vermögen voraus, im Ernstfall auch die notwendigen, vielleicht schmerzhaften Konsequenzen der eigenen Entscheidung tragen zu können. Wir sollten in der Elementarbildung daher den Mut haben, nicht überall von Beteiligung zu reden. Vielfach wäre es angemessener, von Mündigkeit und Selbständigkeit zu sprechen, zu der die Kinder erzogen werden sollen. Denn Erzieherinnen und Erzieher haben die wichtige Aufgabe, Kinder in den entscheidenden frühen Jahren ihrer Entwicklung dabei zu begleiten, ihre Fähigkeit zum Freiheitsgebrauch und zur Verantwortungsübernahme zunehmend auszubauen und weiterzuentwickeln.

Wird unser Bildungs- und Erziehungssystem, werden unsere Kindertageseinrichtungen diesen Ansprüchen gerecht? Die Frage kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden, und schon gar nicht abschließend, ein für alle Mal. Gerechtigkeit ist dynamisch zu denken. Das heißt: Es bleibt eine fortdauernde Aufgabe, die bestehenden Institutionen immer wieder einer beständigen, nicht abschließbaren Selbstüberprüfung zu unterziehen. Ein vollständig „gerechtes“ Bildungs- und Erziehungssystem – wie immer man sich dieses auch vorzustellen hätte – wäre notgedrungen statisch und nicht mehr verbesserungsfähig.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wann ist ein Kindergarten gerecht, wann ist eine Erzieherin oder ein Erzieher gerecht? Vielmehr sollte gefragt werden: Wie kann ein Kindergarten, wie können die Pädagogischen Fachkräfte, die dort arbeiten, den einzelnen Kindern gerecht werden?

Liebe Absolventinnen und Absolventen, ich hoffe, Sie haben an der Fachschule und am Lernort Praxis das nötige Rüstzeug erhalten, diesen und anderen Fragen eigenständig nachzugehen und eigene Antworten zu finden. Die staatliche Anerkennung dokumentiert dies. Wir sind sicher, dass sie den Ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen gerecht werden können. Unsere herzlichen Glück- und Segenswünsche begleiten Sie in Ihren neuen Beruf und in Ihre neuen Aufgaben, die jetzt kommen werden.

Neuerscheinung: Autonom und mündig am Touchscreen

Die Coronakrise hat digitales Lernen im breiten Umfang erzwungen. Zugleich hat sich gezeigt: Digitales Lernen ohne Präsenz, ohne Beziehung und ohne Kommunikation gelingt nur begrent. Technik kann kein Ersatz für Pädagogik sein. Ein neuer Band, herausgegeben vom Medienpädagogen Ralf Lankau, reflektiert diese Fragen aus systematischer, ethischer und didaktischer Hinsicht. Unter den Beiträgen des druckfrischen Bandes auch Überlegungen aus ausdrücklich bildungsethischer Perspektive:

Axel Bernd Kunze: Beziehung, Präsenz, Kommunikation. Bildungstheoretische und bildungsethische Überlegungen zur digitalen Unterrichtsentwicklung, in: Ralf Lankau (Hg.): Autonom und mündig am Touchscreen. Für eine konstruktive Medienarbeit in der Schule, Weinheim/Basel: Beltz 2021, S. 56 – 72.

Buchtipp: Vom Denken entwöhnt

Es sind deutliche Worte: VOM DENKEN ENTWÖHNT. Eigentlich leben wir im besten Deutschland, das es je gab – so hört man immer wieder. Oder wie es eine Partei im vergangenen Bundestagswahlkampf glauben machen wollte: In einem Land, in dem wir alle gut und gerne leben. Und dann das: DER DEUTSCHE UNTERTAN ist zurück. Josef Kraus, Bestsellerautor und ehemaliger, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, findet deutliche Worte in seinem neuesten Buch: „Ich mache mir Sorgen um die Zukunft unseres Landes.“ Erstens wegen der zu beobachtenden Deindustrialisierung, zweitens wegen des stickigen Klimas der öffentlichen Diskurse, drittens wegen des schleichenden Verfalls der Demokratie. Das Gegenmittel? Bildung, Bildung, Bildung – aber in erneuerter Form: mit Anstrengung und ohne falsche „Kuschelpädagogik“, mit schulischer Vielfalt und ohne einen ideologischen Einheitsbrei, mit Lehrplänen und ohne (kompetenzorientierte) Leerpläne. Das Buch ist lesenswert und im besten Sinne „frag-würdig“, da es die richtigen Fragen stellt. Und welche Hoffnung hat sein Autor selber? Josef Kraus: „Darauf setze ich. Auf dass sich der Souverän seine Rechte zurückholt. Und ich setze darauf, dass sich der deutsche Michel auf seinen Namenspatron, den Erzengel Michael, den Drachenbezwinger, besinnt. Auf dass ich mich wieder als deutscher und europäischer Patriot fühlen kann.“

Josef Kraus: Der deutsche Untertan. Vom Denken entwöhnt, München: LMV 2021, 351 Seiten.