Neuerscheinung: Kompromiss und Gewissen

„Für die Mitwirkung von Christen in der Politik ist es nicht möglich, das Idealbild der christlichen Soziallehre sozusagen hundertprozentig umzusetzen, weil die Zusammenarbeit mit anderen Kräften den Kompromiss notwendig macht. Dabei gibt es freilich eine ‚rote Linie‘, die nicht überschritten werden darf. Dazu äußert sich Axel Bernd Kunze: ‚Kompromiss und Gewissen. Zur Bedeutung von Gewissensfragen im Vorfeld politischer Entscheidungen‘.“ (Manfred Hauke, Herausgeber „Theologisches“, Lugano)

Axel Bernd Kunze: Kompromiss und Gewissen. Zur Bedeutung von Gewissensfragen im Vorfeld politischer Entscheidungen, in: Theologisches. Katholische Monatsschrift 56 (2026), H. 07/08/09 (Juli/August/‘Septmber 2026), Sp. 211 – 218.

Neuerscheinung: Zum burschenschaftlichen Auftrag heute

Die Festrede zum Stiftungsfest der Nürnberger Burschenschaft Teutonia aus dem Sommersemester 2026 ist im Druck erschienen. Der Festredner, Privatdozent Dr. Axel Bernd Kunze, beleuchtete in der Festrede aus bildungsethischer Perspektive – am Beispiel des Cartells Christlicher Burschenschaften – den burschenschaftlichen Auftrag heute:

Axel Bernd Kunze: Überlegungen zum burschenschaftlichen Auftrag des Cartells Christlicher Burschenschaften (CCB). Stiftungsfestrede 2026. Gehalten im Rahmen des Festkommerses am 12. Juni 2026 auf dem Haus e. s. v. Burschenschaft Teutonia Nürnberg, in: Teutonen-Blätter (2026), Nr. 78 (Sommersemester 2026), S. 60 – 67.

>> Die Orientierungswerte unseres Zusammenlebens zu pflegen und daran mitzuarbeiten, ist eine der vornehmsten Aufgaben der burschenschaftlichen Bewegung. Unser Cartell formuliert es in seinen Grundsätzen so: Es geht um „die Pflege des urburschenschaftlichen Gedankengutes christlicher Prägung, die Verbreitung dieser Ideale in der Öffentlichkeit und die Erhaltung des deutschen Verbindungsstudententums in seiner urburschenschaftlichen Ausprägung einschließlich der damit verbundenen Traditionspflege“. Und dies mit dem Zweck, die Cartellbrüder „zu einer aktiven Betätigung in Staat und Gesellschaft anzuhalten„.

Unsere burschenschaftliche Tradition hat zwei Wurzeln: einerseits die Tradition der Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft und die Einigungsbewegung des neun­zehnten Jahrhun­derts; andererseits das existentielle Fundament des Christentums, insbesondere sind hier national-protestantische Identität, die Anfänge der Inneren Mission, pietistische Innerlichkeit und die Erweckungsbewegung zu nennen. Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt verbanden in ihrem Werk religiöse Bildsprache und nationalen Mythos. Ideengeschicht­lich gehen im Wartburgfest 1817 Luthergedenken und Nationalstaatswerdung Hand in Hand. Der Bezug auf das Christentum war keineswegs kontingent. Er fungierte als geistige Voraussetzung nationaler Selbstfindung und Legitimation einer umfassenden Kulturnation.

Die Geschichte ist weitergegangen; die geistige Rückbindung hat sich entkonfessionalisiert. Die burschenschaftliche Bewegung hat ihre anfängliche protestantisch-nationale Engführung überwun­den, so wie es schon Artikel 5 der Grundsätze des Wartburgfestes formulierte und wie es im Konzept einer Bekenntnisökumene gelebt wird: „Die Lehre von der Spaltung Deutschlands in das katholische und in das protestantische Deutschland ist irrig, falsch, unglückselig.“ Diese überkonfessionelle Offenheit der burschenschaftlichen Idee hat sich als Stärke erwiesen. Auch unser Cartell erstreckt sich von traditionell protestantisch geprägten Städten wie Leipzig oder Nürnberg bis in katholisch geprägte Städte im Rheinland, in Oberfranken oder der Oberpfalz.

Bedenklich wäre es aber, wenn sich das Bekenntnis zur christlich geprägten Kulturnation nicht entkonfessionalisieren, sondern säkularisieren würde. Die soziokulturelle Realität wie der Zustand der Kirchen hierzulande können dazu verführen, die Wirkungsgeschichte des Christentums zu unter­schätzen. Doch die Bochumer Literaturwissenschaftlerin Bettina Gruber warnt: „Europa wurde mit dem Christentum und nicht gegen das Christentum groß und eine Zeitlang zur führenden Macht.“ Selbst die Säkularisierung wäre im Letzten nicht denkbar ohne die christliche Tiefenstruktur unserer Kultur. Die christlichen Wurzeln unserer Kulturnation zu leugnen, wäre geschichtsvergessen.

Die Auseinandersetzung mit den christlichen Wurzeln unserer Kultur muss angesichts der geistigen Herausforderungen unserer Zeit mehr sein als symbolische Selbstvergewisserung und museale Konservierung auf der einen oder eine beliebig austauschbare Option auf der anderen Seite. Nationale Selbstvergewisserung und ein gemeinsames kulturelles Identitätsbewusstsein, das hilft, auch Krisen­zeiten des Staates und seiner Institutionen zu überstehen, brauchen ein ethisches Fundament, soll die Nation nicht in eine bloße Zweckgemeinschaft, in globalistische Profillosigkeit oder wertrelativistische Beliebigkeit abdriften. Es liegt an uns, einem freiheitsfeindlichen Nihilismus zu wehren, die christlich-abendländische Tradition unter den Bedingungen unserer Zeit zu profilieren, lebendig zu tradieren und die geistig-moralischen Triebkräfte unseres Zusammenlebens zu erneuern.

Mögen die Burschenschaft Teutonia Nürnberg, unser Cartell Christlicher Burschenschaften und seine weiteren Mitgliedsbünde auch weiterhin mitbauen am geistigen Fundament einer identitätsbewussten, burschenschaftlich geprägten deutschen Kultur und Nation. Unser Wahlspruch GOTT – FREIHEIT – VATERLAND, unsere urburschenschaftlichen Ziele und unsere Grundsätze bieten hierfür ein starkes Fundament.<<


Buchhinweis: Transhumanismus

„In theologischer Hinsicht ist der Transhumanismus eine direkte religiöse Antithese zum Christentum, eien pervertierte Form des christlichen Glaubens.“ – so Harald Walch (S. 81) in seinem neuen Buch „Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir?“ Es heißt mich mehr nur „Gott ist tot“. Im Namen der szientistischen Weltanschauung des Transhumanismus setzt sich der Mensch selbst zum Gott ein. Der Transhumanismus bedroht unsere Kultur, unsere Freiheit und Eigenverantwortung. Wer sich damit nicht abfinden und Widerstand gegen den neuen (medizinischen) Materialismus leisten will, muss zunächst einmal verstehen, was unter Transhumanismus zu verstehen ist. Der Band erscheint im noch jungen Verlag discorso, den der Autor mitbegründet hat und der sich für eine neue Debattenkultur einsetzen will – gegen die fehlgeleiteten szientistischen Diskursverengungen der Gegenwart.

Harald Walach: Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir?, Basel: discorso Verlagsgenossenschaft 2026, 302 Seiten.

http://discorso.ch

Zwischenruf: Wider die therapeutische Anpassung. Warum der Staat das „Wasser der Transzendenz“ braucht

Von Dr. Hans-Michael Tappen

Die radikale Immanenzfalle und der Tod der Vernunft

Haben wir verlernt, unser Leben im Licht der Vernunft zu sehen? Die Gegenwart drängt diesen Verdacht auf. Indem wir die Vernunft auf ein rein instrumentelles Werkzeug der Nutzenoptimierung und der permanenten, zirkulären Selbstreflexion reduzieren, treiben wir sie in eine Perversion. Diese Tyrannei der totalen Immanenz zwingt das Subjekt in einen geistig-existentiellen „Selbstmord“: Wir entziehen uns selbst das „Wasser des Lebens“, weil wir den Menschen von jeder echten Transzendenz abschneiden. Wo alles nur noch messbar, verwertbar und immanent gespiegelt ist, erstickt die Freiheit im Zwang zur totalen Selbstbespiegelung.

Gegen die Illusion der Psychotechniken: Das reduzierte Menschenbild

An diesem wunden Punkt offenbart sich die fundamentale Grenze moderner, rein humanistischer Ideenwelten. Wenn wir versuchen, den Verlust des Transzendenten durch eine endlose Kaskade sich ständig erneuernder „Psychotherapiemethoden“ und immanenter Psychotechniken zu kompensieren, betreiben wir bloß Symptomkosmetik. Ein solches therapeutisches Reagieren verwechselt Heilung mit Anpassung.

Es geht hierbei explizit nicht darum, den unbestreitbaren praktischen Wert und die akute Notwendigkeit klinischer Psychotherapie bei realem psychischem Leiden abzuwerten. Der Einspruch richtet sich gegen etwas anderes: gegen die Erhebung der Psychologie zur allgegenwärtigen Ersatzreligion und zum Instrument einer rein immanenten, gesellschaftlichen Konditionierung.

Das christlich-transzendentale Menschenbild verweigert sich dieser Reduzierung. Das DU im Sinne Martin Bubers ist kein psychologisches Gegenüber, das der eigenen Ich-Vergewisserung dient. Bei Erich Fromm bleibt das Du letztlich funktional – ein Katalysator zur Entfaltung einer immanenten Ich-Fähigkeit, die sich in einer rein horizontalen Gefühlsethik wie in der „Kunst des Liebens“ erschöpft. So scharf Fromms damalige Kapitalismuskritik auch war – sie bleibt im anthropozentrischen Raum verhaftet, weil sie die vertikale, konstitutive Achse des echten Bezugs abschneidet. Das Ich wird aber erst am DU, das bei Buber immer auch den Durchblick auf das ewige DU offenhalten muss.

Ebensowenig taugt das DU als missverstandenes, passives „Selbstvergessen“ im Sinne einer verkürzten Lesart von Meister Eckharts Armut im Geiste. Wo die populäre Rezeption und auch Fromm selbst Eckharts Gelassenheit zu einer bloßen Psychohygiene und therapeutischen Befreiung vom Besitzdenken säkularisieren, verfehlen sie deren Kern. Eckharts „Nichts-Haben“ ist keine immanente Lebenskunst zur humanistischen Selbstoptimierung, sondern radikale Ontologie und Mystik: Das Freimachen des Seelengrundes, damit Gott unvermittelt darin gebären kann.

An dieser Stelle bringt uns auch die populäre Transaktionsanalyse von Eric Berne mit ihrem Diktum „Ich bin OK – Du bist OK“ nicht weiter. So heilsam dieses Prinzip im geschützten Raum der therapeutischen Praxis als partnerschaftliches Gleichwertigkeitsgebot sein mag: Auf sozialethischer und staatlicher Ebene bleibt dieses vermeintliche „OK“ in der Immanenz völlig unbestimmt. Gemessen woran eigentlich? Ohne einen objektiven, transzendenten Maßstab verkommt das gegenseitige psychologische Abnicken zur bloßen Wohlfühlformel einer selbstreferentiellen Gesellschaft, deren moralische Koordinaten sich im permanenten Wandel befinden. In einer rein ökonomisierten Welt läuft dieses Prinzip sogar Gefahr, zu einem rein funktionalen „Ich funktioniere – Du funktionierst“ pervertiert zu werden. Das christliche DU hingegen ist kein therapeutisches Label, sondern ein radikaler, unbedingter Anspruch, der uns in die Verantwortung ruft. Es öffnet den Raum für eine echte transzendente Begegnung, die sich jeder psychologischen Handhabung, jeder marktkonformen Optimierung und jeder reinen Nutzenlogik entzieht.

Die Rationalität des Einspruchs: Ein echtes humanes Denken

Ein solcher Einspruch mag der psychologisierten Gegenwart als Phantasterei erscheinen oder gar dem Verdacht ausgesetzt sein, unmodern oder „inhuman“ zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Inhuman ist eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als psychologisches Rädchen versteht, das durch Therapien passend und funktionstüchtig gemacht werden muss, um im ökonomischen Getriebe mitzulaufen.

Dieser transzendentale Einspruch ist kein Rückzug in ein psychoanalytisches „Life Against Death“-Denken im Sinne Norman O. Browns, das die Kultur bloß als neurotische Todesangst begreift und in immanenten Triebbefreiungen schwelgt. Es geht hier nicht um psychischen Vitalismus, sondern um das geistige Überleben der Vernunft selbst. Es ist ein strikt rationaler, logischer Argumentationsgang: Wer das Menschsein vor reiner Zweckmäßigkeit schützen will, muss ein Fundament aufzeigen, das außerhalb des verwertbaren Systems liegt.

Der pädagogische und ethische Einspruch nach Marian Heitger

Gerade hier bietet sich der prinzipienwissenschaftliche Ansatz von Marian Heitger mit bestechender Eleganz an. Ein empirischer oder rein psychologischer Ansatz scheitert stets am zirkulären Charakter der Immanenz – er muss mühsam versuchen, seinen eigenen Standpunkt aus sich selbst heraus dogmatisch zu begründen.

Die transzendental-kritische Pädagogik nach Heitger hingegen muss sich nicht darum kümmern, worauf sie steht, weil sie ihren Grund eben nicht selbst legen muss. Dies ist keine metaphysische Flucht vor einer Letztbegründung, sondern die konsequente Anerkennung einer logischen Notwendigkeit. Heitger fragt nach den unhintergehbaren Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Verantwortung. Er setzt an dem Punkt an, an dem der Mensch bereits als freies, verantwortliches Geistwesen angesprochen ist. Die Transzendenz ist hier kein vager Dogmatismus, sondern der unverzichtbare Fluchtpunkt, ohne den Freiheit, Würde und Erziehung gar nicht rational denkbar wären. Wenn die Pädagogik, die Ethik und die Politik diese Dimension preisgeben, kapitulieren sie vor einer reinen Anpassungsideologie.

Die Antwort auf Axel Bernd Kunze: Ist mit christlicher Sozialethik noch ein Staat zu machen?

Was Heitger für die Pädagogik fordert, gilt im selben Maße für das staatliche Gefüge insgesamt – und so warf PD Axel Bernd Kunze die entscheidende Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die Antwort lautet transzendental-kritisch: Gerade heute, und zwar dringender denn je!

Ein Staat, der sich rein aus der Immanenz seiner Institutionen, ökonomischen Kreisläufe und therapeutischen Beruhigungsstrategien speist, zehrt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Wenn wir der Vernunft das „Wasser des Lebens“ – die Ausrichtung auf das Unbedingte und Transzendente – entziehen, verkommt das Gemeinwesen zur bloßen Verwaltungsmaschine eines kollektiven Narzissmus und einer verkommenen Ökonomisierung, die alles Menschliche bloß noch nach seinem Marktwert bemisst.

Die Christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine eigenen Grenzen und an die unantastbare Würde des Menschen, die jenseits aller Verwertbarkeit und psychologischen Optimierung liegt. Sie hält den Raum für das Unverfügbare offen. Genau aus dieser Transzendenz-Orientierung erwächst die stabilisierende, friedensstiftende und sittliche Kraft, die einen Staat erst tragfähig macht.

Fazit

Mit einer christlichen Sozialethik ist sehr wohl ein Staat zu machen – weil sie das Subjekt vor dem immanenten Selbstmord der permanenten Verwertungsreflexion rettet, die Reduktion des Menschen auf bloße Psychotechniken überwindet und der Vernunft ihr transzendentes Fundament zurückgibt.

Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen blickt auf eine jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Bildung, Ethik und Seelsorge zurück. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Altenhilfe an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München promovierte er in Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien (Schüler von Marian Heitger). Zusätzliche Qualifikationen erwarb er in der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) sowie als psychoanalytischer Supervisor. In seiner Biografie verbinden sich Theorie und Praxis auf besondere Weise: Nach langjährigen Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und in der Bewährungshilfe beim Landgericht München I unterrichtet er als reaktivierter katholischer Religionslehrer an einer Münchner Berufsschule. Aus dieser tiefen Verankerung in staatlichen und kirchlichen Institutionen heraus widmet er sich heute Fragen der Lebensbegleitung und untersucht, welche Relevanz religiöse Bildung in unserer modernen Arbeitswelt besitzt.

Rezension: Mündigkeit

Axel Bernd Kunze rezensiert im Onlineportal Socialnet den folgenden Titel zu einem Zentralbegriff pädagogischen Denkens:

Johannes Drerup, Thomas Goll, Miguel Zulaica y Mugica (Hrsg.): Mündigkeit. Zur Debatte über ein unverzichtbares Bildungsideal. Frankfurt am Main: Wochenschau 2025. 185 Seiten. ISBN 978-3-7344-1733-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.

https://www.socialnet.de/rezensionen/33680.php

Die Rezension wird am 2. September 2026 freigeschaltet.

Zwischenruf: Die Kraft des Unzulänglichen: Warum mit christlicher Sozialethik heute sehr wohl ein Staat zu machen ist

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

Ist mit der christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Diese Frage, jüngst aufgeworfen von PD Axel Bernd Kunze, verlangt in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und einer zunehmenden Ökonomisierung des Sozialen nach einer entschiedenen Antwort. Als Schüler des Wiener Pädagogen Marian Heitger und aus der Perspektive seines transzendentalkritischen Ansatzes möchte ich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten.

Um dieses Ja zu begründen, müssen wir den Blick jedoch weg von rein systemischen Debatten und hin zur existenziellen Praxis lenken. Ein aktuelles Interview in der ZEIT (No. 37, 27. August 2026) mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill, mit dem mich eine 54-jährige Freundschaft verbindet, bietet hierfür das perfekte Anschauungsmaterial. Es konfrontiert uns mit einer Wirklichkeit, in der Sozialethik und Pädagogik ihre rein theoretische Hülle abstreifen müssen.

Die Jona-Erfahrung im Kanal von Bukarest

Sporschill berichtet von Moise, dem ersten Straßenkind, dem er vor 35 Jahren im Untergrund von Bukarest begegnete. Das Schicksal dieser Kinder im Kanalsystem – vergraben unter der Erde, betäubt vom Schnüffeln von Autolack – gleicht der biblischen Erzählung von Jona im Bauch des Wals. Es ist der Ort der leersten Gegenwart, ein scheinbar endgültiger Erstickungsort zwischen einer zerstörten Vergangenheit und einer unberechenbaren Zukunft.

Und doch bricht inmitten dieses Elends „Dank“ aus. Nicht als rationale Gegenleistung, sondern als pure, unableitbare Erfahrung, beschenkt worden zu sein. Moise wurde gerettet und ist heute – obwohl traumatisiert durch das schreckliche Schicksal seiner Eltern – ein schöpferischer Mensch, der Graphic Novels zeichnet. Er hat für sich beschlossen, innerlich Kind zu bleiben, um das Erlebte zu überstehen. Durch seine Bilder teilt er das mit, was ihm von Gott durch Sporschills Projekt geschenkt wurde.

Pädagogik als Begegnung: Das konkrete „Du“

An Moises Beispiel zeigt sich, was Martin Buber einst formulierte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Moise sucht kein abstraktes System, keine staatliche Institution und keine klinische Therapie. Seine ganze Sehnsucht nach dem „Du“ ist ganz konkret an die Person des Priesters Georg gebunden. In dieser menschlichen Zuwendung erfährt er das „Ewige Du“, das er anders gar nicht fassen könnte. Der Beziehungsaufbau vollzieht sich hier radikal über das Konkrete, über das Mitleben und den Körper.

Hier berühren sich Pädagogik, Psychologie und Theologie auf existenzielle Weise: Moise hat bereits alles gegeben, was der liebe Gott ihm mitgegeben hatte – die Straße und sich selbst. Mehr kann seine endliche, menschliche Natur schlicht nicht leisten. Jeder Versuch von außen, mehr zu erzwingen – ein falscher „jesuitischer Ehrgeiz“ –, würde die Grenzen dieser endlichen Natur missachten und das mühsam gewachsene Urvertrauen zerstören. Moise hat die Zuwendung im besten Sinne ökonomisiert; er hat einen existentiellen „Versorgungsplan“ getroffen. Diesen gilt es im pädagogischen Alltag auszuhalten und treu einzuhalten.

Das Fundament der kleinen Heilpädagogik

Betrachtet man diese Praxis durch die Brille der klassischen Pädagogik, werden die berühmten sieben Regeln aus Andreas Mehringers Kleiner Heilpädagogik lebendig. Sporschills Arbeit in Rumänien erweist sich als Reinform dieses pädagogischen Katalogs:

  1. Das Kind in seiner Eigenart wahrnehmen und akzeptieren, wie es ist – auch in seiner Unvollkommenheit und mit seinen bleibenden Wunden.
  2. Ausverwahrlosen lassen – den Teufelskreis des Elends auf der Straße aktiv durchbrechen.
  3. Für Akzeptanz in der Gruppe sorgen – die Gemeinschaft im Haus in Marpod real leben.
  4. Lebensperspektiven suchen – dem Leben trotz schwerster Traumata eine Richtung geben.
  5. Der musisch-künstlerische Bereich – Moise drückt sich durch seine Graphic Novels aus, wo Worte fehlen.
  6. Religiöse Bildung – die tägliche, fraglose Gottverbundenheit in der Kapelle erleben.
  7. Sich selbst als Faktor bedenken – die eigene Rolle, die eigenen egoistischen Anteile und die Grenzen als Helfer reflektieren.

Die transzendentalkritische Grenze

Hier schließt sich der Kreis zu Marian Heitger. Sein transzendentalkritischer Ansatz erinnert uns nachdrücklich daran, dass pädagogisches und sozialethisches Handeln den Menschen niemals auf das bloß Messbare, das Funktionale oder Optimierbare reduzieren darf. Der Mensch ist ein Wesen der Freiheit und der Würde – und diese Würde ist unableitbar. Sie ist, wie das jüdische Purim-Fest oder die christliche Gnade, ein reines, ungeschuldetes Geschenk. Hier greift das radikale Prinzip aus dem Matthäusevangelium: „Ich war nackt und ihr habt mich gekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,36). Hier wird nicht kalkuliert, hier wird nicht nach Gegenleistung gefragt; hier wird gehandelt.

Sozialethik ist kein „Nichtstun, das ins Leere blickt“. Sie ist etwas zutiefst Atmendes. Sie akzeptiert das Fragmentarische des Menschen. Sporschill betont im Interview treffend, dass die Wunden des Hungers im Blut bleiben. Die Aufgabe der Sozialethik ist es eben nicht, systemkonforme, perfekt funktionierende „Weltmeister“ zu pflegen, sondern den Schwierigsten die Treue zu halten.

Fazit: Warum damit ein Staat zu machen ist

Ein funktionierendes Gemeinwesen, ein demokratischer Staat, lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann: von unverfügbarer Menschenwürde, von echtem Urvertrauen und von der Bereitschaft zur echten Begegnung. Wenn wir den Menschen nur noch als Rädchen im System oder als reinen Wirtschaftsfaktor begreifen, kollabiert das Soziale.

Die christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine fundamentale Pflicht: Räume für diese unverfügbare Würde zu schaffen. Würde lässt sich nicht rein administrativ verwalten oder von der Kanzel herab predigen – man muss sie, wie bei der von Sporschill gepflegten Tischkultur mit ehemaligen Obdachlosen, „spüren und schmecken“. Eine Gesellschaft, die diese radikale Beziehungsarbeit – das bedingungslose Einstehen für das konkrete Gegenüber – verlernt, verliert ihr Fundament. Deshalb ist mit dieser Ethik heute nicht nur ein Staat zu machen, sie ist seine existenzielle Bedingung.

Literaturbeleg:
Mittelstaedt, Katharina: „Ich erlebe den Himmel und die Hölle auf Erden“. Interview mit Pater Georg Sporschill SJ, in: DIE ZEIT / Christ & Welt, No. 37, 27. August 2026, S. 15.

Über den Autor:
Dr. phil. Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers). Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

Rezension: Zur Studentengeschichte im Nationalsozialismus

Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution. Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. 3: Bereich Nord (rezensiert von Axel Bernd Kunze).

Rezension online abrufbar:

https://www.recensio-regio.net/rezensionen/zeitschriften/zshg/151-2026/zwischen-revolution-und-rekonstitution-die-kameradschaften-des-nsd-studentenbundes-und-altherrenschaften-im-ns-altherrenbund-an-den-deutschen-hoch-und-hoeheren-fachschulen-1937-bis-1945-teilband-4-iii-bereich-nord-marl-gemeinschaft-fuer-deutsche

Vorankündigung: Jüdische Verbindungen, jüdische Korporierte

Arbeitskreis der Studentenhistoriker kündigt Band zur Geschichte der jüdischen Korporationen an:

Der Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze würdigt im Band zum einen den badischen Rechts- und Kultuspolitiker sowie Staatsrat Ludwig Marum (Badenia Heidelberg), zum anderen den Bamberger Widerstandskämpfer und Rechtsreferendar Willy Aron (Burschenbund Wirceburgia).

Vorankündigung: Jüdische Korporierte

2021 und 2022 hat der Arbeitskreis der Studentenhistoriker drei Veranstaltungen durchgeführt, die sich mit jüdischen Verbindungen und jüdischen Korporierten beschäftigten. Im Herbst 2026 sollen die Tagungsbeiträge erscheinen. Schon jetzt gibt es einen Vorgeschmack im Podcast „Korpo Talk“:

studentenhistoriker.eu/vorschau-bei-korpotalk-juedische-korporierte-kommendes-buch/