„Ist Gender nun eine Theorie oder Ideologie?
Möglicherweise ist diese Alternative gar nicht zu entscheiden. Denn wenn wir den dialektischen Charakter der Aufklärung ernstnehmen, lassen sich Ideologien nicht prinzipiell von „Nichtideologien“ abgrenzen. Jede Form der Aufklärung bewegt sich weiterhin auf dem Boden historischer Situativität. Vielmehr bezeichnet „Ideologie“ einen besonderen Modus des Diskursgebrauchs. Jeder Diskurs, der politisch mobilisieren will, gerät in die Gefahr, ideologisch zu werden. Denn wer mobilisiert, spitzt zu, vereinfacht und instrumentalisiert. Hierfür bieten auch die beiden Bände einiges an Anschauungsmaterial. Im politischen Diskurs werden die konzeptuelle Dimension und analytische Kraft in Anspruch genommner Konzepte leicht reduziert zugunsten ihrer Tauglichkeit dafür, eigene Ansprüche zu untermauern und durchzusetzen. Kein Denksystem ist davor geschützt, dies gilt sowohl für die Kritik als auch die Verteidigung des Bestehenden.
Auch der Genderdiskurs vermag sich gegen eine solche Gebrauchsweise nicht zu wehren. Denn Diskurse sind keine Subjekte. Vielmehr sind es die Diskursakteure, die selbst im Modus der Ideologie an der welterschließenden Funktion des beanspruchten Gespräches festhalten. Übersehen wird dabei schnell der Hang mobilisierender Diskurse, sich selbst gegen Kritiker abzuschotten und reale Widersprüche in der politisch-ethischen Umsetzung zu verdrängen.
Es wäre eine Aufgabe auch für die theologische Ethik, solche Prozesse im Blick auf den Genderdiskurs auszuloten […]“
Auszug aus:
Axel Bernd Kunze: Theorie oder Ideologie?, in: Concilium 53 (2017), Heft 3, S. 366 – 370.
Sammelrezension zu:
Margit Eckholt (Hg.): Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche, Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, 438 Seiten.
Thomas Laubach (Hg.): Gender – Theorie oder Ideologie? Streit um das christliche Menschenbild (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg.: Herder 2017, 333 Seiten.