Rezension: Welche gesellschaftlichen Folgen hat die Pandemiepolitik langfristig?

Sehr ausführlich würdigt die Zeitschrift „Katholische Bildung“ die Essaysammlung „Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad?“ (hgg. v. Sandra Kostner und Tanya Lieske, Stuttgart: ibidem 2022):

Elisabeth Peerenboom-Dartsch (Rez.): Welche gesellschaftlichen Folgen hat die Pandemiepolitik langfristig? Der interdisziplinäre Blick auf Bildung und Demokratie in Deutschland, in: Katholische Bildung 124 (2023), H. 1/2 (Januar/Februar), S. 39 – 48.

„Herausgekommen ist ein Werk, das gerade durch die vielfältige und differenzierte Analyse einen Platz in den Regalen von Schulen, Schulverwaltungen und Lehrerverbänden verdient.“ (S. 40)

„Der Essay mit dem Titel ‚Was die Coronakrise mit Bürgerlichkeit und Bildung zu tun hat‘ von Axel Bernd Kunze, den viele Leserinnen bereits als Autor der ‚Katholischen Bildung‘ kennen, greift noch einmal – wenn auch zum Teil differenzierter – die wesentlichen Aspekte bisheriger Beiträge auf […]. Im Bereich der Bildung beklagt er, dass das Recht auf Bildung oder das Recht auf Ausbildungsfreiheit durch einen verordneten 2G-Lehrbetrieb ausgesetzt wurde. Statt Reflexion war Aktionismus an der Tagesordnung.“

Auf anderen Seiten: Juristische Aufarbeitung der Coronapolitik

Günter Roth, engagiert im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, weist in seinem Block auf ein aktuelles Gerichtsurteil hin, das er am 10. Januar gegen den Freistaat Bayern erstritten hat:

https://einfachkompliziert.de/verteidigung-der-meinungs-und-wissenschaftsfreiheit-gegen-herdentrieb-cancel-culture-und-mobbing-an-hochschulen/

Widerstand gegen eine freiheits- und menschenwürdefeindliche Coronapolitik lohnt sich, auch wenn die Aufarbeitung nur in sehr kleinen (juristischen) Schritten vorangeht. Es stellt die Verfassungs- und Rechtsordnung auf den Kopf, wenn der Freistaat seine in Teilen verfassungswidrige Coronapolitik gerade dadurch absichern will, dass er einem Kritiker mangelnde Verfassungstreue unterstellt. Wenn das Recht auf körperliche Unversehrtheit angegriffen wird, muss Widerspruch erlaubt sein – wann denn sonst!? Und noch etwas lehrt die Auseinandersetzung: Das Recht auf Wissenschaftsfreiheit muss weit ausgelegt werden, sonst ist es am Ende nicht mehr viel wert. Dem geschätzten Kollegen gebührt volle Hoachtung für seine Klage. Er wäre ein würdigerer „Hochschullehrer des Jahres“ als Drosten & Co., die vom Deutschen Hochschulverband politisch hofiert wurden.

Leserbrief: „Die Freiheit als ein hohes Gut“

Axel Bernd Kunze reagiert mit einem Leserbrief unter dem Titel „Die Freiheit als ein hohes Gut“ auf ein Interview der Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer im Mantelteil der nord-, ost- und mitteldeutschen Kirchenzeitungen, veröffentlicht in der Weihnachtsdoppelausgabe 51-52/2022 vom 25. Dezember 2022. In diesem heißt es u. a.:

„Gerade die Sozialethik hätte auf die Verantwortung hinweisen sollen, dass Grundrechtseingriffe immer wieder sorgfältig auf ihre Verhältnismäßigkeit hin geprüft werden müssen. Dies war bei der Coronapolitik häufig nicht der Fall; vielmehr wurden Andersdenkende auf üble Weise diffamiert oder ausgegrenzt. Leider setzt Nothelle-Wildfeuer diese Linie fort. So entsteht kein Mehr an gesellschaftlicher Verantwortung – im Gegenteil.“

Tagungsbericht: Zur Aktualität des Gewissens

Friedrich Merz vermochte im April 2022 in der Frage einer Impfpflicht keine Gewissensfrage zu erkennen. Seine Position zeigt exemplarisch, wie wichtig (nicht nur, aber auch) nach einer Coronapolitik, die weiter das Land spaltet, eine Debatte über das Gewissen und seine Bedeutung im politischen und rechtlichen Diskurs ist. Dieser Frage stellte sich eine Tagung, die kurz vor Weihnachten 2022 an der Universität Trier stattfand: „Die Aktualität des Gewissens: Perspektiven der Rechts- und Geisteswissenschaften“. Ein Tagungsbericht findet sich auf den Seiten der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt:

https://www.ku.de/thf/theologie-in-transformationsprozessen-der-gegenwart/aktuelles/detailansicht-theoltrans/teilnehmerbericht-zum-workshop-die-aktualitaet-des-gewissens-in-trier

Pressereaktionen: Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad?

Sandra Kostner/Tanya Lieske (Hgg.): Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad? Eine interdisziplinäre Essaysammlung (Klartext. Schriften zu Politik und Gesellschaft; 1), Stuttgart 2022.

Eine Auswahl an Pressestimmen aus diesem Jahr:

https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel-vormarsch-der-seuchen-100.html

https://www.cicero.de/innenpolitik/corona-gesellschaftliches-post-covid-sandra-kostner-pandemiepolitik

https://multipolar-magazin.de/artikel/unaufgearbeitete-corona-politik

https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-24-november-2022

Zwischenruf: Was bleibt? – Ein anderer Jahresrückblick nach einem Jahr, in dem Deutschland über eine Impfplicht diskutierte

Ein Jahr scharfer politischer und ethischer Polarisierung neigt sich dem Ende entgegen: Deutschland diskutierte über die Einführung einer allgemeinen Impflicht. Am Ende hat sich der Bundestag dagegen entschieden. Befriedet wurde die Debatte dadurch nicht. Die politisch bewusst provozierte Politisierung des Landes dauert fort. Welche Lehren lassen sich am Ende des Jahres aus dem Erlebten ziehen?

1. Schon die aggressive Impfnötigungspolitik, die wir erlebt haben, war eines freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaates unwürdig. Die Politik hat ein Klima der Menschenhetze, Diffamierung und sozialer Ausgrenzung erzeugt, bei dem Grundrechte ohne sorgfältige Verhältnismäßigkeitsprüfung, ohne sorgfältige und ergebnisoffene Folgenabschätzung sowie ohne hinreichende Begründung eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt worden sind. Pars pro toto mag hier der ehemalige saarländische Ministerpräsident Hans stehen, der am 10. Dezember 2021 erklärte: „Zuerst einmal müssen wir eine klare Botschaft an die Ungeimpften senden: Ihr seid jetzt raus aus dem gesellschaftlichen Leben. Deshalb machen wir konsequent 2-G.“Dass über eine allgemeine Impfpflicht im Parlament abgestimmt wurde, war ein Tiefpunkt des Parlamentarismus; ein solches Gesetzesvorhaben hätte niemals die Referentenebene überschreiten dürfen.

2. Eine Politik, die gegen vorpositives Menschenrecht verstößt, kann als „menschenverachtend“ charakterisiert werden. Wir sollten politische Konflikte nicht ohne Not zu moralischen Ziel- und Gewissenskonflikten aufbauen. Wir sollten umgekehrt aber, wo es solche gibt, diese auch nicht verharmlosen und schönreden. Das wäre falsche Irenik. Wenn die körperliche Unversehrtheit, die zum innernsten Kernbereich der Persönlichkeit gehört, nicht mehr unantastbar ist,  ist ein solches Attribut gerechtfertigt. Es hat durch die Coronapolitik reale Formen der Ausgrenzung und eine politisch herbeigezwungene Polarisierung des Landes gegeben, für die jetzt nicht diejenigen verantwortlich gemacht werden können, die – vielleicht mit scharfen Worten, die nicht jedem gefallen – daran Kritik üben.

3. Diese Politik hat politsches und soziales Vertrauen zerstört. Dieses Coronaregime muss aufgearbeitet werden, hierfür fehlen bisher aber der politische und gesellschaftliche Wille. Damit wird sich die politisch bewusst in Kauf genommene Polarisierung fortsetzen. Dies alles ist nicht trivial: Denn die mRNA-Technologie soll mittelfristig die bisherigen Masernimpfstoffe ersetzen, für die schon jetzt eine statusbezogene Impfpflicht gilt. Hier braut sich neues gesellschaftliches und ethisches Konfliktpotential zusammen.

4. Zu einer solchen Aufarbeitung gehört, dass wir aufhören, beim Thema Corona in Schwarz-Weiß-Schablonen zu denken. Wer kritische Fragen zu den neuen mRNA- oder Vektorimpfstoffen stellt, verharmlost damit nicht zwangsläufig Corona, verteufelt nicht Impfstoffe oder diskutiert unseriös. Es ist eine einseitige Unterstellung, dass es unseriöse Argumentation nur auf Seiten der Kritiker der Coronapolitik gegeben habe. Ad-hominem-Argumente, Manipulation, Indoktrination, unseriöser Umgang mit wissenschaftlchen Argmenten, Diskursverweigerung und anderes hat es genauso auf Seiten der Befürworter der Coronapolitik gegben. So wie es auf der einen Seite eine Verharmlosung der Krankheit gegeben haben mag, gab es auf der anderen Seite eine Verharmlosung der Impfschäden  und Nebenwirkungen.

Dass ein Zusammenhang  zwischen Impfung und Nebenwirkungen oft nicht belegt werden kann, hat auch mit coronapolitischen Entscheidungen und einem  unseriösen wissenschaftlichen Umgang zu tun; Obduktionen wurden bewusst verhindert, bestimmte Folgen der Impfungen nicht hinreichend untersucht, Daten unter Verschluss gehalten usw. Ein Rechts- und Verfassungssstaat, in dem nicht mehr die freie Impfentscheidung  gilt, begibt sich auf Abwege. Diese und das Recht am eigenen Körper werden nicht erst durch eine Impfpflicht, sondern bereits durch eine aggressive Impfnötigungspolitik, wie wir sie erlebt haben,  verletzt.

5. Wir sollten, gerade auch bildungsethisch, für einen freien, fairen und sachlichen wissenschaftlichen Diskurs eintreten. Zu einem solchen Diskurs gehört sehr wohl, Impfverfahren kritisch zu befragen und ggf. auch abzulehnen, politische Maßnahmen kritisch zu diskutieren, den wissenschaftlichen Umgang mit endemischen oder pandemischen Krankheitslagen kritisch zu befragen und, und, und. Das ist nicht „irrational“, wie kritischen Stimmen gern vorgeworfen wurde, sondern notwendiger Bestandteil eines freien, fairen und pluralen wissenschaftlichen Diskurses.

7. Und noch ein letzter Gedanke: Zum wissenschaftlichen Ethos gehört auch, die Möglichkeiten, aber auch Grenzen von Wissenschaft, wissenschaftlicher Erkenntnis und wissenschaftlichem Handeln realistisch und selbstkritisch zu beurteilen. Die mRNA-Impfstoffe sind kein „Segen“ und auch kein „Unheil“. Dies hieße, wissenschaftliche Erkenntnis quasireligös zu überhöhen oder umgekehrt zu verteufeln. Sie sind eine Frucht wissenschaftlicher Forschung, über die sachlich, seriös und ergebnisoffen diskutiert und weiter geforscht werden muss. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ihr Einsatz muss dem freien Willen des Patienten überlassen bleiben.

Leider gelingt uns dieser Diskurs angesichts von Corona auch heute nicht auf befriedigende Weise. Wollten wir künftig jede Epidemie oder Pandemie mit einer Massenimpfung der Gesamtbevölkerung bekämpfen (was, so weit ich das als, Nichtbiologe und Nichtmediziner beurteilen kann, auch nicht funktioniert), wäre das eine Hybris von Wissenschaft und Gesundheitspolitik.

Ethische Wertkonflikte lassen sich nicht mit Statistik klären, auch wenn jedes ethische Problem immer einen empirischen Anteil besitzt. Im ethischen Gespräch müssen auch die Wertungen empirischer Daten ethisch reflektiert werden können, und zwar ohne Ad-hominem-Argumente, mit denen eine bestimmte Seite als „unseriös“ bereits von vornherein moralisch diskreditiert und aus dem Gespräch ausgeschlossen wird. Im Fall der neuartigen Coronaimpfstoffe wurde die Schutzwirkung beständig nach unten angepasst, was auch immer wieder eine neue ethische Gütabwägung und Verhältnismäßigkeitsprüfung hätte notwendig machen müssen.

Jede Impfung bleibt ein Eingriff in die körperlilche Unversehrtheit, über den nur der Einzelne vor seinem Gewissen entscheiden darf. Von dieser Überzeugung haben wir uns in weiten Teilen politisch und wissenschaftlich verabschiedet. An dieser Umdeutung unserer Wert-, Freiheits- und Grundrechtsordnung bleibt weiterhin deutlich Kritik zu üben. Abzulehnen ist jener autoritäre, biopolitische Neokollektivismus, der hinter solchen Umdeutungen steht. Schon allein, weil der Geist jetzt aus der Flasche ist, muss die Kritik an einer solchen Gesundheitspolitik weitergehen. Wer diese Impfpolitik unterstützt hat, sollte sich überlegen, dass auch für ihn einmal der Tag kommen kann, an dem seinem Körper eine pharmakologische Substanz zugeführt wird, die er freiwillig und aus eigener Einsicht nicht zu sich nehmen wollte.

Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Forschung und dem politisch-gesellschaftlichen Umgang mit deren Erkenntnissen. Der Staat hat die Wissenschaftsfreiheit zu achten. Er hat aber ebenso wenig ein Recht, den Einzelnen gegen seinen Willen zur Einnahme einer bestimmten pharmakologischen Substanz zu zwingen. Im Jubiläumsjahr des Nürnberger Ärztekodex kann an dieser Stelle auch an die historische Verantwortung erinnert werden, die sonst immer so gern im Munde geführt wird. Bei der aggressiven, menschenverachtenden Impfnötigungspolitik handelt es sich nicht einfach um einen politischen Betriebsunfall, über den wir jetzt bedauernd, aber letztlich achselzuckend hinweggehen könnten. Der Bundeskanzler hat offen eine Politik „ohne rote Linien“ bei der Coronabekämpfung angekündigt. Eine solche Äußerung ist verfassungsfeindlich, da sie die roten Linien, welche die Verfassung setzt, nicht achtet. Die Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes hat in diesem Jahr eine allgemeine Impfpflicht gefordert, damit die statusbezogene Impfpflicht der Pflegekräfte nicht mehr umgangen werden kann. Mit einer solchen Äußerung hat die Vertreterin eines der großen Wohlfahrtsverbände die Gesamtbevölkerung für ihre Personalpolitik instrumentalisiert und damit den Einzelnen zum bloßen Mittel degradiert. Die beiden Beispiele sollen genügen.

Dass beide Äußerungen, von einer Ausnahme abgesehen, von den Bundestagsparteien nahezu unwidersprochen blieben, zeigt eine tiefe Verrohung der politischen Kultur in unserem Land. Der Einzelne bleibt stets als Selbstzweck zu achten. Wo diese Überzeugung nicht mehr geachtet wird, sind wir bereits tief gesunken. Daher bleibt nach Corona das deutliche Misstrauen, dass unsere Verfassung im Ernstfall die körperliche Unversehrtheit nicht hinreichend schützt. Denn wann, wenn nicht in der Krise, muss sich erweisen, ob eine Verfassung trägt. Andere Länder haben die Coronakrise gesellschaftlich deutlich besser bewältigt.

Dies alles sollte aufgearbeitet werden. Sonst werden dauerhafte geistig-moralische Folgeschäden für unser Zusammenbleiben, wird das politische und soziale Misstrauen weiter wirken – zum Schaden des politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Zwischenruf: Simple Logik – einer Sozialethikerin, nicht der Kritiker konkreter Coronapolitik

Zu Recht verweist Ursula Nothelle-Wildfeuer in einem Interview für die Bistumspresse (Nr. 46, 20.11.2022, S. 4 f.), den bistumsübergreifenden Zusammenschluss der nord- und mitteldeutschen Kirchenzeitungen, auf den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung. Dieser wird aber missverstanden, wenn dadurch der Einzelnen für Zwecke der Gemeinschaft funktionalisiert wird. Eingriffe in personale Freiheitsrechte, wie wir sie bei Corona erlebt haben, bleiben im freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat in hohem Maße begründungspflichtig. Der Sozialethikerin kommt es offenbar nicht in den Sinn, dass Kritiker der Coronamaßnahmen berechtigte Anliegen haben könnten und dass es ihnen ebenfalls um Verantwortung und Gemeinwohl geht (z. B. in der Sorge um schwere Impfschäden oder eine Polarisierung der Gesellschaft durch überzogene 2G-Regeln). Äußerst holzschnittartig unterstellt Nothelle-Wildfeuer den Kritikern gleich zu Beginn, Freiheit auf simple Weise mit Beliebigkeit zu verwechseln. Gerade die Sozialethik hätte auf die Verantwortung hinweisen sollen, dass Grundrechtseingriffe immer wieder sorgfältig auf ihre Verhältnismäßigkeit hin geprüft werden müssen. Dies war bei der Coronoapolitik häufig nicht der Fall; vielmehr wurden Andersdenkende auf üble Weise diffamiert oder ausgegrenzt. Leider setzt Nothelle-Wildfeuer diese Linie fort. So entsteht kein Mehr an gesellschaftlicher Verantwortung – im Gegenteil. 

Zwischenruf: Der Geist ist aus der Flasche

Corona ist nicht vorbei – jedenfalls nicht politisch, wenn wir genauer hinschauen. Die folgenden Zeilen gehen auf das G20-Treffen in Indonesien zurück. Wer merkt, was hier passiert? Nicht mehr die Einschränkung des Reisens soll begründungspflichtig sein, sondern die Freiheit des Reisens. Aber das Bürgertum wird angesichts solcher Tendenzen selig weiterschlummern. Das Freiheitsbewusstsein schwindet in unglaublicher Weise. Die Gründungsvorsitzende des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit hat es im Magazin „Cicereo“ vor kurzem treffend auf den Punkt gebracht: Der Geist ist aus der Flasche. Und wer diese Impfpolitik mitträgt, sollte bedenken, dass auch für ihn einmal der Tag kommen könnte, an dem ihm eine pharmakologische Substanz verabreicht wird, die er seinem Körper nicht zuführen will. – Ferner soll der öffentliche plurale und ergebnissoffene Diskurs über angemessene Maßnahmen zur Bekämpfung einer Pandemie im Krisenfall erheblich eingeschränkt werden – das verheißt nichts Gutes und ist ein weiterer Schlag gegen die freiheitliche Gesellschaft.

Aus den Deutschen Wirtschaftsnachrichten vom 19. Novemember 2021 zum G20-Treffen in Indonesien:

Bereits im Verlauf des Gipfeltreffens in Indonesien hatte der indonesische Gesundheitsminister Budi Gunadi Sadikin ein „digitales Gesundheitszertifikat“ nach WHO-Standards gefordert. Während einer Podiumsdiskussion auf Bali Anfang der Woche sagte der Minister: „Wir brauchen ein digitales Gesundheitszertifikat, das von der WHO anerkannt wird.“ Und weiter: „Wenn man ordnungsgemäß geimpft oder getestet wurde, dann kann man sich frei bewegen.

[…]

Im anschließenden Artikel 24 wird zudem die Notwendigkeit beschrieben, dass die globalen Institutionen gegen die Verbreitung widersprechender Informationen kämpfen. „Wir erkennen an, wie wichtig es ist, Desinformationskampagnen, Cyber-Bedrohungen und Online-Missbrauch zu bekämpfen und die Sicherheit der Konnektivitätsinfrastruktur zu gewährleisten.“ Der geplante standardisierte Impfpass nach WHO-Standard soll also von Bemühungen um einen stärkeren Kampf gegen „Desinformation“ begleitet werden. Denn die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie sich trotz aller gemeinsamen Bemühung durch Staaten, Konzerne und Philanthropen immer wieder auch Informationen verbreiten konnte, die der offiziellen Sicht massiv widersprachen.

Folgen der Coronapolitik: Droht ein gesellschaftliches Long Covid?

Seit drei Tagen ist der Band „Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad? Eine interdisziplinäre Essaysammlung“ (hg. v. Sandra Kostner und Tanya Lieske, Stuttgart 2022) erhältlich. CICERO berichtet in seiner Ausgabe vom 12. Oktober 2022 darüber:

https://www.cicero.de/innenpolitik/corona-gesellschaftliches-post-covid-sandra-kostner-pandemiepolitik

Bemerkens- und bedenkenswert sind zwei Absätze aus dem Beitrag von Sandra Kostner, Gründungsvorsitzende des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit:

„Dass Menschen in als bedrohlich wahrgenommenen Situationen stärker nach Sicherheit als nach Freiheit streben, ist verständlich. Bedenklich für eine freiheitlich verfasste Gesellschaft ist aber, dass sich bei vielen Menschen mittlerweile eine Geringschätzung für die Freiheit des Anderen verfestigt hat, die, weil sie medial und politisch (noch) Rückhalt findet – beziehungsweise sogar von dieser Seite angefacht wird –, ganz offen zum Ausdruck gebracht wird.“

„Empathie ist ein zentraler Schritt zur Versöhnungsbereitschaft, und diese muss von allen Seiten aufgebracht werden – insbesondere jedoch von denjenigen, die sich aktiv an der Verächtlichmachung und Ausgrenzung von vermeintlichen Sündenböcken beteiligt haben. 

Vor allem sie sollten sich fragen, warum sie sich von Politik und Medien gegen Mitmenschen aufhetzen ließen und ob sie wollten, dass sie in einer Situation, in der es politisch opportun erscheint, als gesellschaftlicher Blitzableiter dienen müssen. Ferner sollten sie sich überlegen, ob sie wollten, dass andere darüber bestimmen können, welche pharmakologischen Substanzen sie ihrem Körper zuführen. Denn es könnte der Tag kommen, an dem es um Substanzen geht, die sie nicht verabreicht bekommen möchten. Der Geist, der das ermöglicht, ist aus der Flasche. Es ist an uns, ihn dort wieder hineinzubekommen und als Lehre aus den Pandemiejahren künftig darauf zu achten, dass er nicht mehr entweichen kann.“

Bis jetzt sind wir weit davon entfernt, das moralische Desaster der Coronapolitik aufzuarbeiten. Es steht viel auf dem Spiel: Freiheit und Mündigkeit, das Recht am eigenen Körper – und damit zentrale Grundpfeiler eines humanen Zusammenlebens. Die Freiheit ist zutiefst gefährdet, der Kampf um sie muss gerade in unseren Tagen wieder intensiver geführt werden.

Heute erschienen: Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad?

Druckfrisch erschienen und jetzt lieferbar:

Sandra Kostner, Tanya Lieske (Hgg.): Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad? Eine interdisziplinäre Essaysammlung (Klartext. Schriften zu Politik und Gesellschaft; 1), Stuttgart: ibidem 2022, 210 Seiten.

Die Pandemiepolitik der letzten zweieinhalb Jahre ist nicht spurlos an der Gesellschaft vorbeigegangen. So gehören Lockdown, 2G-/3G-Regeln, Masken- und Impfpflichten mittlerweile ebenso zum allgemeinen Wortschatz wie die zur Abwertung von Maßnahmenkritikern verwendeten Begriffe Covidiot, Coronaleugner, Impfgegner oder Schwurbler. Kritik entzündete sich vor allem an der Frage: Welche Freiheitseingriffe sind zum Schutz vor COVID-19 verhältnismäßig? Der Band greift diese Frage auf und beleuchtet, wie sich der Stellenwert individueller Freiheitsrechte durch die ergriffenen Coronamaßnahmen verändert hat. Die Autorinnen und Autoren analysieren die Auswirkungen der Pandemiepolitik auf Wissenschaft, Demokratie und Gesellschaft. Und sie geben wichtige Denkanstöße zur Aufarbeitung der Pandemiepolitik, die Voraussetzung für eine dringend notwendige Versöhnung ist.

Mit Beiträgen von: Rainer Baule, Klaus Buchenau, Jan Dochhorn, Ole Döring, Michael Esfeld, Matthias Fechner, Agnes Imhof, Sandra Kostner, Boris Kotchoubey, Axel Bernd Kunze, Salvatore Lavecchia, Christian Lehmann, Tanya Lieske, Gerd Morgenthaler, Henning Nörenberg, Robert Obermaier und Markus Rieute.

Weitere Informationen, Inhaltsübersicht und Bestellmöglichkeit unter:

https://www.ibidem.eu/de/fachgebiete/gesellschaft-politik/soziologie/pandemiepolitik-freiheit-unterm-rad-9783838217543.html

Axel Bernd Kunze ist im Band mit einem bildungsethischen Beitrag vertreten: Was die Coronakrise mit Bürgerlichkeit und Bildung zu tun hat (S. 181 bis 191).