Christliches Forum übernimmt Beitrag zur Organspendedebatte:
Menschenrechtsbildung
Zwischenruf: Allein die freie Zustimmungslösung bei Organspende ist ethisch verantwortbar
Organspende nach Herzstillstand?
Ein Positionspapier der DCD-Working-Group der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) vom September 2026 beschäftigt sich mit der Möglichkeit einer Organspende nach kontrolliertem Herzkreislaufstillstand (cDCD). Es beschreibt die Möglichkeit der Organspende bereits im Vorfeld des Hirntodes, und zwar wenn es bei einem Menschen kontrolliert (auf Intensivstation nach Abschalten der lebenserhaltenden Geräte) oder unkontrolliert (plötzlicher Herztod außerhalb der Intensivstation) zu einem Herzstillstand kommt. Diese Möglichkeit der Organspende ist bereits in zahlreichen Ländern etabliert. Nach einer sogenannten No-touch-Zeit von fünf Minuten nach Abschalten der Geräte oder einer erfolglosen Reanimation wird der Tod festgestellt und anschließend, sofern ein entsprechender Wille vorliegt, die Organentnahme eingeleitet.
Auf den ersten Blick erscheint dieses Vorgehen konsequent. Ein Patient hat vorher weitere lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt, die Medizin respektiert diesen Willen und ermöglicht zusätzlich eine Organspende. Doch genau an diesem Punkt wird die Beurteilung des Patientenwillens schwierig, denn der Wunsch eines Patienten, eine medizinisch aussichtslose oder von ihm nicht mehr gewünschte Behandlung zu beenden, ist zunächst etwas anderes als der Wunsch, nach seinem Tod Organe zu spenden. Diese beiden Entscheidungen müssen strikt voneinander getrennt bleiben. Der Patient und die Angehörigen dürfen niemals den Eindruck gewinnen, dass die Beendigung der Intensivtherapie deshalb besonders sinnvoll oder erwünscht sei, weil anschließend eine Organentnahme möglich wird.
Sobald nach Beendigung der Therapie eine mögliche Organspende angezielt wird, entsteht eine Konstellation, bei welcher der Zeitpunkt des Todes gleichzeitig der Zeitpunkt der Entscheidung zur Organentnahme ist. Auf der einen Seite steht ein sterbender Patient, dessen Behandlung beendet werden soll, auf der anderen Seite steht ein schwer kranker Mensch, der dringend auf ein Organ wartet. Die Interessen der möglichen Empfänger dürfen jedoch niemals in die Entscheidung darüber einfließen, ob und wann die Behandlung des potenziellen Spenders beendet wird.
Hier liegt eine der zentralen ethischen Herausforderungen der Organentnahme nach Herzstillstand. Die Entscheidung zum Abbruch der lebenserhaltenden Therapie muss ausschließlich aus dem Interesse und dem Willen des Patienten heraus getroffen werden, nicht wegen seiner Organe, nicht wegen irgendwelcher Wartelisten und nicht wegen des Mangels an Spenderorganen.
Die angestrebte Organspende nach Herzstillstand (v. a. beim unkontrollierten Herzstillstand außerhalb der Intensivstation) zerstört das notwendige Vertrauen in die Ärzteschaft, in die Institutionen und auch in den Staat und seine Entscheidungsträger. Ein übergriffiger Staat greift steuernd, kontrollierend und ungehemmt in alle Belange des „Menschseins“ ein. Unsere Verfassungsordnung jedoch stellt das Individuum und dessen Schutz vor staatlicher Willkür an die erste Stelle.
Widerspruchslösung?
Noch deutlicher wird die Problematik, wenn gleichzeitig eine Widerspruchslösung eingeführt wird. Bei einer Zustimmungslösung bedeutet Schweigen zunächst, dass keine Zustimmung zur Organspende vorliegt. Bei einer Widerspruchslösung bekommt dasselbe Schweigen eine völlig andere Bedeutung, es wird als Zustimmung behandelt. Aber ist Schweigen tatsächlich eine autonome Entscheidung? Wenn ein Mensch niemals bewusst entschieden hat, Organspender zu sein, kann sein Schweigen dann ethisch tatsächlich als positive Willensbekundung interpretiert werden?
Moralisch bleiben schwerwiegende Fragen. Nicht entschieden zu haben, ist nicht zwangsläufig dasselbe, wie zugestimmt zu haben. Die Widerspruchslösung verschiebt die Verantwortung vom Staat beziehungsweise vom medizinischen System auf den Einzelnen: Wer nicht widerspricht, muss damit rechnen, dass seine Organe nach seinem Tod entnommen werden. Die rechtliche Zulässigkeit beantwortet aber noch nicht die moralische Frage, ob aus einem unterlassenen Widerspruch tatsächlich eine autonome Zustimmung abgeleitet werden darf.
Besonders problematisch ist dies bei Menschen, die sich niemals ausreichend mit dem Thema Organspende beschäftigt haben, die sprachliche oder kognitive Einschränkungen haben oder die aus anderen Gründen keine bewusste Entscheidung getroffen haben. Viele Menschen verdrängen den eigenen Tod und beschäftigen sich nicht damit. Je weitreichender die Konsequenz einer Entscheidung ist, desto höher sollten die Anforderungen an die Feststellung eines tatsächlich bestehenden Willens sein. Eine Widerspruchslösung darf nicht dazu führen, dass aus Unwissenheit oder Nichtbefassung eine Zustimmung konstruiert wird.
Es steht viel auf dem Spiel!
Organentnahme nach Herzstillstand, Widerspruchslösung, bei der eine Zustimmung faktisch unterstellt wird … Wenn diese Vorschläge juristisch-politische Realität werden, kann von einer anthropologischen, ethischen und rechtlichen Zeitenwende gesprochen werden. Der eigene Körper wird zwangskollektiviert und dem Zugriff – sollen wir sagen: der Willkür? – des Staates ausgesetzt, mit unabsehbaren Folgen für unser Menschenbild, unser Leibverhältnis, unsere Verfassungsordnung und unser Zusammenleben.
Das Argument, der Staat habe eine soziale Verpflichtung, die Spendebereitschaft zu erhöhen, wirkt „harmlos“, ist es aber keineswegs. Wo der Körper der Verfügbarkeit Dritter und der Verzweckung durch den Staat überantwortet wird, erodiert ein humanes Zusammenleben.
Im Grunde ist eine solche Politik noch freiheitsfeindlicher als die Coronapolitik, die wir erlebt haben. Damals konnte man sich noch wehren, wenn auch die politischen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Konsequenzen, die „Coronaleugner“ zu tragen hatten, dem Rechtsstaaat Hohn sprachen. Wenn man im Krankenhaus an Geräten liegt, vielleicht gar nicht bei Bewusstsein ist, kann man sich überhaupt nicht mehr wehren. Ein Organspenderecht, das die individuelle Verfügungsgewalt über den eigenen Körper und die individuelle Freiheit mit Füßen tritt, wird auch das Vertrauen in die medizinischen Berufsgruppen zerstören.
Keine Zustimmungsfiktion zulassen!
Eine Widerspruchslösung im Organspenderecht kehrt die Beweislast um und führt zu einer Zustimmungsfiktion. Denn Schweigen ist keine Zustimmung, schon gar nicht bei einer derart gravierenden Materie, wenn der Staat in den Sterbeprozess aktiv eingreift. Die Verfügung über den eigenen Körper und den eigenen Sterbeprozess berührt den innersten Kernbereich der Persönlichkeit, der vor dem Zugriff des Staates geschützt sein muss – oder wir sollten die Menschenwürdeformel aus unserer Verfassung streichen.
Schutz der negativen Meinungsfreiheit!
Auch eine verpflichtende Entscheidungslösung, wie sie beispielsweise von der katholischen Bischofskonferenz als Kompromiss ins Spiel gebracht wurde, ist moralisch nicht gerechtfertigt. Bei diesem Modell wären alle Bürger mit Vollendung des achtzehnten Lebensjahres gezwungen, eine dokumentierte Entscheidung zu treffen (etwa im Bürger- oder Einwohnermeldeamt bei Beantragung eines neuen Personenstandsdokuments), ob sie einer „postmortalen“ Organentnahme zustimmen. Der Staat hat bei einer derart gravierenden Materie auch kein Recht, den Einzelnen zu einem Bekenntnis zu zwingen – das verlangt die negative Meinungsfreiheit. Dieses Abwehrrecht schützt vielmehr gerade den Einzelnen, vor staatlichem Zwang, eine Haltung nach außen einzunehmen, sich öffentlich zu positionieren oder fremde Ansichten als eigene annehmen zu müssen.
Kein Framing in der Organspendedebatte!
Mindestens müsste der Rechtsstaat die Option vorsehen, als Antwortmöglichkeit „keine Entscheidung“ anzugeben, und eine Organentnahme nur bei eindeutiger Antwort mit Ja zulassen. Normative Urteile enthalten immer implizit einen empirischen Anteil. Wenn in der Organspendedebatte von „postmortaler“ Organentnahme gesprochen wird, sollte klar bleiben, dass gerade diese Annahme in der ethischen Debatte über Organspende bereits umstritten ist. Wer aber schon der Frage nicht zustimmen kann, weil sie unausgesprochen Partei ergreift oder die erwartete Entscheidung in eine bestimmte Richtung „framed“, könnte immerhin noch mit „keine Entscheidung“ antworten. Transparenz bei gravierenden ethischen Entscheidungen sollte in einem freiheitlichen Gemeinwesen anders aussehen.
Sensible persönliche Daten schützen!
Mitunter werden Forderungen nach einer Widerspruchs- oder Enscheidungslösung bei der Organspende mit der Forderung nach einem digitalen Organspenderegister verbunden. Es bestehen erhebliche Zweifel, ob ein solches tätsächlich geschützt und identitätsgesichert aufgebaut werden kann. Bisherige Erfahrungen mit zentralen digitalen Registern oder warnende Stimmen wie etwa bei der elektronischen Patientenakte sollten zur Vorsicht mahnen. Es ist noch nicht lange her, dass beispielsweise die Berliner Verwaltung gehackt und sensible persönliche Daten gestohlen wurden.
Fazit:
Organspende muss die freie, persönliche Entscheidung des Einzelnen bleiben. Eine Widerspruchslösung stellt eine Zustimmungsfiktion dar und ist um der Menschenwürde willen abzulehnen. Eine Entscheidungslösung verletzt das Grundrecht auf negative Meinungsfreiheit und ist ebenfalls abzulehen. Der Zwang, seine Daten in ein digitales Organspenderegister einzuspeisen, ist aus Sicherheitsbedenken und um der informationellen Selbstbestimmung willen abzulehen.
Die Debatte über Organspende muss transparent und fair geführt werden. Das Kontroversitätsgebot ist strikt zu achten. Jedes Framing ist abzulehnen. Unser Körper ist kein „Volkseigentum“. Der Sterbeprozess und die Verfügung über den eigenen Körper am Lebensende müssen vielmehr vollständig geschützt sein. Der Staat hat kein Recht, durch rechtlichen Druck die Organspendebereitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen. Ethisch, menschenrechtlich und rechtsstaatlich angemessen bleibt allein eine freie Zustimmungslösung.
Der individuelle Sterbeprozess gehört zum innersten Kernbereich der Persönlichkeit, der im freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat vor dem Zugriff durch den Staat oder Dritte vollständig geschützt bleiben muss. Jeglichem Kollektivismus in der Organspendedebatte ist eine eindeutige Absage zu erteilen.
Buchtipp: Bedrohte Freiheit – (nicht nur) im Recht, in den Medien und in der Wissenschaft
Leben wir im besten Deutschland, das es je gab? Die Autoren eines neuen Bandes, der zur Frankfurter Buchmesse erscheint, haben daran Zweifel, wenn sie auf den Zustand der Freiheit in unserem Land schauen. „Freiheit ist das Lebenselement der Demokratie“, ist der Klappentext überschrieben. Und genau dieses konstitutive Lebenselement eines freiheitlichen Gemeinwesens ist erheblich angegriffen, etwa in den Teilpraxen von Recht, Medien und Wissenschaft.
„Hausdurchsuchung im Morgengrauen, Posts gelöscht, Artikel angezeigt, Konto weg – obwohl der Bürger gegen kein Gesetz verstoßen und nur seine Meinung gesagt hat? Formen politischer Zensur und Repression sind in Deutschland zum Alltag geworden. Wie konnte es dazu kommen?
Die Autoren analysieren in diesem Buch Herkunft, Funktionsweise und Missbrauchspotenzial des neuen Systems der Informationskontrolle und beleuchten dessen Folgen für die Meinungs-, Medien- und Wissenschaftsfreiheit sowie für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Gesellschaft.
In ihren Beiträgen treten sie für die umfassende Wiederherstellung der Freiheitsrechte in der Rechtswirklichkeit ein. Ihr Anliegen ist die Stärkung eines gesellschaftlichen Ethos, das den Bürger als zu Freiheit, Vernunft und eigenverantwortlicher Urteilsbildung fähigen Menschen versteht.
Mit Beiträgen von Manfred Kölsch, Jobst Landgrebe, Hans-Georg Maaßen, Michael Meyen, Gerd Morgenthaler, Amrei Müller, Dietrich Murswiek, Dirk Schmitz, Rupert Scholz und Henrieke Stahl.“
Henrieke Stahl (Hg.): Vom Verfall der Freiheit in Recht, Medien und Wissenschaft, Basel: discorso Verlagsgenossenschaft 2027.
Neuerscheinungen: Ludwig Marum und Willy Aron
Bildungs- und studentengeschichtliche Portraits zu zwei jüdischen Korporierten:
Axel Bernd Kunze: Justizminister, Staatsrat, SPD-Politiker, Korporierter: Ludwig Marum, in: Sebastian Sigler (Hg.): Jüdische Verbindungen – jüdische Korporierte. „Mit Wort und Wehr für Judas Ehr’“ ,Berlin: Duncker und Humblot 2026, S. 443 – 454.
Axel Bernd Kunze: Erstes Bamberger Opfer des Nationalsozialismus: Wilhelm Aron, in: Sebastian Sigler (Hg.): Jüdische Verbindungen – jüdische Korporierte. „Mit Wort und Wehr für Judas Ehr’“, Berlin: Duncker und Humblot 2026, S. 493 – 503.

Zwischenruf: Organspendedebatte deutet Zeitenwende an
Was in der Organspendedebatte mittlerweile ernsthaft debattiert wird, ist unheimlich: Organentnahme nach Herzstillstand, Widerspruchslösung, bei der eine Zustimmung faktisch unterstellt wird, erweiterte Entscheidungslösung unter Missachtung der negativen Meinungsfreiiheit … Für alles gibt es Beispiele aus anderen Ländern. Wenn diese Vorschläge juristisch-politische Realität werden, kann von einer anthropologischen, ethischen und rechtlichen Zeitenwende gesprochen werden. Der eigene Körper wird zwangskollektiviert und dem Zugriff – sollen wir sagen: der Willkür? – des Staates ausgesetzt, mit unabsehbaren Folgen für unser Menschenbild, unser Leibverhältnis, unsere Verfassungsordnung und unser Zusammenleben. Dagegen muss Widerstand geleistet werden – und zwar jetzt und entschieden.
Aber warum kommt dieser Widerstand nicht in Gang? Vielleicht hat man vermeintliche „Organleugner“ noch nicht als rechte Schwurbler gebrandmarkt und ins gesellschaftliche Aus gestellt!? Diese zynische Bemerkung sei an dieser Stelle erlaubt. Meine Vermutung ist, dass das vermeintlich „harmlose“ Argument, der Staat habe eine soziale Verpflichtung, die Spendebereitschaft zu erhöhen, wirkt. Dieses Argument ist aber alles andere als harmoos. Wo der Körper der Verfügbarkeit Dritter und der Verzweckung durch den Staat überantwortet wird, erodiert jedes humane Zusammenleben.
Im Grunde ist eine solche Politik noch freiheitsfeindlicher als die Coronapolitik, die wir erlebt haben. Damals konnte man sich noch wehren, wenn auch die politischen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Konsequenzen, die „Coronaleugner“ zu tragen hatten, jedem Rechtsstaaat Hohn sprachen. Wenn man im Krankenhaus an Geräten liegt, vielleicht gar nicht bei Bewusstsein ist, kann man sich überhaupt nicht mehr wehren. Ein Organspenderecht, das die individuelle Verfügungsgewalt über den eigenen Körper und die individuelle Freiheit mit Füßen tritt, wird auch das Vertrauen in die medizinischen Berufsgruppen zerstören.
Schweigen ist keine Zustimmung, schon gar nicht bei einer derart gravierenden Materie. Die Verfügung über den eigenen Körper und den eigenen Sterbeprozess berührt den innersten Kernbereich der Persönlichkeit, der vor dem Zugriff des Staates geschützt sein muss – oder wir sollten die Menschenwürdeformel aus unserer Verfassung streichen. Der Staat hat bei einer derart gravierenden Materie auch kein Recht, den Einzelnen zu einem Bekenntnis zu zwingen – das verlangt die negative Meinungsfreiheit (doch ist das Verständnis für den status negativus dieses Grundrechts weitgehend verschwunden).
Letztlich spielt es keine Rolle, aus welcher weltanschaulich-philosophischen Perspektive für die Verfügung über den eigenen Körper argumentiert wird. Viele Wege führen in diesem Fall nach Rom. Bleiben wir an dieser Stelle bei Kant: Der Mensch darf niemals ausschließlich für Zwecke Dritter gebraucht werden. Der Satz bleibt gültig – auch und gerade angesichts der Organspendedebatte, die in eine sehr gefährliche Richtung läuft. Es steht viel auf dem Spiel!
Neuerscheinung: 25 Jahre PISA-Studien – eine Bestandsaufnahme
Als Mitautor weise ich gern auf eine neuerschienene Bestandsaufnahme nach fünfundzwanzig Jahren PISA-Studien hin:

Axel Bernd Kunze: Ein sozialethischer Bildungsdiskurs entsteht. Chancen, Grenzen und aktuelle Herausforderungen normativer Bildungsforschung, in: Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Thomas Gaube (Hgg.): 25 Jahre PISA. Folgen und Diskussionen, Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2026, S. 80 – 105.
Christliches Forum: Kirchen zur Organspendedebatte
CHRISTLICHES FORUM übernimmt Beitrag zur Organspendebatte:
Zwischenruf: Wenig kirchliches Gespür für personale Freiheit in Organspendedebatte
Am Donnerstag wird das Parlament erneut über die Organspende diskutieren. Auch die Kirchen haben sich jetzt zu Wort gemeldet. Sie lehnen zwar die Widerspruchslösung ab, wollen aber die Bürger regelmäßig über ihre Spendebereitschaft abfragen, beispielsweise bei der Beantragung eines neues Ausweises. Das Ziel ist eindeutig: Mit dieser Entscheidungslösung – ein Kompromiss zwischen der geltenden Zustimmungs- und immer wieder geforderten Widerspruchslösung – soll die Spendebereitschaft erhöht werden.
https://katholisch.de/artikel/70446-kirchen-wollen-staerkung-der-organspende-ohne-widerspruchsloesung
Zwei Aspekte sucht man in der Presseerklärung der Kirchen vergeblich. Zum einen erfolgt keine Abwägung mit der negativen Meinungsfreiheit, in welche auch eine Entscheidungslösung eingreifen würde. Diese meint das Freiheitsrecht, vor staatlichem Zwang zu einer Meinungsäußerung geschützt zu werden, gerade bei Fragen, die den innersten Kernbereich der Persönlichkeit betreffen. Bei einer gravierenden Materie wie der Organentnahme sollte man annehmen, dass eine solche Güter- und Übelabwägung sorgfältig geprüft wird. Doch Fehlaneige. Wie schon in Coronazeiten scheint den Kirchen das Verständnis für personale Freiheit verloren gegangen zu sein.
Zum anderen wäre, gerade beim Zwang zu einer Entscheidung, zu prüfen, ob ein digitales Organspenderegister tätsichlich geschützt und identitätsgesichert ist, wie die Kirchen annehmen. Bisherige Erfahrungen mit zentralen digitalen Registern oder warnende Stimmen wie etwa bei der elektronischen Patientenakte sollten zur Vorsicht mahnen. Es ist noch nicht lange her, dass die Berliner Verwaltung gehackt und persönliche Daten gestohlen wurden.
Vorankündigung: 25 Jahre PISA

Der Band erscheint im September 2026 in der Reihe „Gymnasium – Bildung – Gesellschaft“:
Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia, Thomas Gaube (Hgg.): 25 Jahre PISA. Folgen und Diskussionen (Verlag Julius Klinkhardt).
Die ersten PISA-Studien haben in Deutschland zu einem Aufschwung der empirischen Bildungsforschung, aber auch zum Entstehen eines genuin sozialethischen Bildungsdiskurses geführt Axel Bernd Kunze bilanziert ein Vierteljahrhundert später im vorliegenden Band den Stand der bildungsethischen Diskussion:
Axel Bernd Kunze: Ein sozialethischer Bildungsdiskurs entsteht. Chancen, Grenzen und aktuelle Herausforderungen normativer Bildungsforschung.
Zum Verhältnis von Pädgogischer Ethik und Sozialethik der Bildung – eine exemplarische Fallbesprechung
Bildung als moderner Integrationsbegriff entsteht mit der Aufklärung, da die Gesellschaft sich ausdifferenziert und die Ziele des pädagogischen Handelns nicht mehr aus einer teleologischen Weltdeutung, der überlieferten Sitte oder der überkommenen gesellschaftlichen Praxis abgeleitet werden können. Was pädagogisch Geltung beansprucht, muss sich vor der regulativen Idee der Bildung ausweisen.
Bildung gehört nicht zu den klassischen Gegenstandsbereichen der Christlichen Sozialethik. Ein Grund dürfte im personalen Charakter der Bildung zu suchen sein, der sich vordergründigen strukturethischen Überlegungen zunächst einmal verschließt. Die ethische Reflexion über die pädagogische Beziehung ist vorrangig eine individualethische Aufgabe, die ihren Ort in einer eigenen pädagogischen Bereichsethik hat. Erst in jüngerer Zeit hat sich ein eigenständiger sozialethischer Bildungsdiskurs herausgebildet, angestoßen durch die ersten PISA-Studien vor rund zweieinhalb Jahrzehnten. Maßgeblich hierzu beigetragen hat ein Bamberger DFG-Forschungsprojekt zum Menschenrecht auf Bildung.
Zentrale Akteure dieses Forschungsprojektes sind als Herausgeber auch an einem neuen Lehrbuch zur Christlichen Sozialethik beteiligt, das 2022 erschienen ist. Daher verwundert es nicht, dass unter den behandelten Handlungsfeldern dem sozialethischen Bildungsdiskurs deutliche Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Der Titel löst ein zweiteiliges Vorgängerwerk ab, das in den Jahren 2004 und 2005 als Gemeinschaftswerk der bayerischen Lehrstühle für Sozialethik ebenfalls im Regensburger Verlag Friedrich Pustet herausgekommen war. Das neue Lehrbuch versteht die Christliche Sozialethik ausdrücklich als ein theologisches Fach. Programmatisch heißt es zu Beginn: „Wir arbeiten mit einer Pluralität von Ansätzen und rechnen mit einer andauernden Lerngeschichte im Fach, die durch Rezeption und Erprobung neuer Denkansätze aus der Philosophie, den Gesellschaftswissenschaften und der Theologie vorangetrieben wird“ (Heimbach-Steins u. a., S. 18). Der Band versteht sich ausdrücklich als ein Lehrbuch, das didaktisch-methodisch zum Selbststudium anleiten soll.
Im vorliegenden Kontext soll allein das vom Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip verhandelte Kapitel zur Bildung (ebd., S. 387 – 399) in den Blick genommen werden. Der Band wählt einen menschenrechtlichen Zugang über das Recht auf Bildung. Der Aufbau des Bildungskapitels lässt sich mit dem bekannten sozialethischen Dreischritt von Sehen – Urteilen – Handeln beschreiben.
(1.) Sehen: Die aktuelle Bedeutung von Bildungsfragen für die sozialethische Diskussion wird zunächst auf zweifache Weise begründet: (1.1) Zum einen sei Bildung „in modernen Wissensgesellschaften zur neuen sozialen Frage“ (ebd., S. 388) geworden. (1.2) Zum anderen seien durch die internationalen Schulleistungsvergleichsstudien der OECD erhebliche Defizite im deutschen Bildungssystem deutlich geworden.
(2.) Urteilen: (2.1) In sozialethischer Reflexion wird Bildungsgerechtigkeit als ein Teilaspekt umfassender Beteiligungsgerechtigkeit verstanden, und Bildung damit als eine zentrale Voraussetzung für Beteiligung. (2.2) Konkretisiert wird das am Menschenrecht auf Bildung, das mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 erstmals international festgeschrieben wurde. Begründet wird dieses sowohl über die Individualität als auch Sozialalität des Menschen: Bildung sei „unabdingbar für Subjektwerdung und gesellschaftliche Beteiligung sowie in beiderlei Hinsicht notwendige Voraussetzung der Freiheit. Weil alle Menschen Bildung für ein menschenwürdiges Leben brauchen, muss ihnen auch ein Recht auf Bildung zugestanden werden“ (ebd., S. 391).
(3.) Handeln: (3.1) Im Folgenden wird dann aufgezeigt, welche staatlichen Pflichten sich aus dem Recht auf Bildung ergeben. Die Forderungen orientieren sich an der dreifachen Trias von Achtungs-, Schutz- und Erfüllungspflichten, die für den aktuellen Menschenrechtsdiskurs maßgeblich ist, und am 4A-Schema, das im UN-Monitoringsystem entwickelt wurde, um die durchaus umstrittenen Sozialrechte zu konkretisieren und deren Justiziablität zu stärken. Defizite im deutschen Schulsystem sieht der Verfasser des Bildungskapitels vor allem im Blick auf die Annehmbarkeit und Adaptierbarkeit der Bildungsangebote, also bezogen auf die inhaltlich-qualitative Seite. Dies mündet in die Forderung, nicht die Kinder müssten sich der Schule, sondern vielmehr sollte sich die Schule den Kindern anpassen. (3.2) Am Ende wird eine Reihe an Reformen für das deutsche Bildungssystem gefordert, etwa ein Ausbau frühkindlicher Bildung, eine verbesserte Sprachdiagnostik und -förderung, eine Minderung an Übergängen und Segregationseffekten im traditionell gegliederten Schulsystem und eine Forcierung inklusiver Bildungsangebote. Starke Kritik erfährt der sogenannte „monolinguale Habitus“ im deutschen Schulsystem, der dazu führe, dass (außereuropäische) Herkunftssprachen von Kindern mit Migrationshintergrund nicht gewürdigt und in den Bildungsprozess einbezogen würden.
Ohne Zweifel ist die sozialethische Reflexion bildungsbezogener sozialer Praktiken eine wichtige Aufgabe, die lange nicht nicht genügend im Blickfeld der Disziplin lag. Dass diese im vorliegenden Lehrwerk einen deutlichen Stellenwert erhält, ist verdienstvoll. Immerhin ist Bildung in modernen Gesellschaft für nahezu alle gesellschaftlichen Teilpraxen ein zentraler Schlüssel für soziale Teilhabe und Mitbestimmung. Allerdings verlangt der sozialethische Bildungsdiskurs nach einer sorgfältigen Verknüpfung von bildungsphilosophischen und sozialwissenschaftlichen Zugängen. Denn wird Bildung allein auf ihre äußere soziale Seite reduziert, droht die Gefahr, diese auf eine soziologisch zu beschreibende Anpassungsleistung zwischen Person und Sozialstruktur zu reduzieren, und zwar ausdrücklich auch dann, wenn im Blick auf die Anpassungsfähigkeit der schulischen Systeme programmatisch anderes intendiert wird. Auch der vorliegende Beitrag entgeht dieser Gefahr nicht. Anders als die umfassende, dreifache Pflichtentrias des Staates nahelegt, fällt der durch ein Recht auf Bildung zentral zu leistende Schutz der geistig-intellektuellen Integrität, die für ein menschenwürdiges Leben unabdingbar ist, weitgehend aus. Das Recht auf Bildung erscheint in der Folge vor allem als ein soziales Anspruchsrecht und betont wird somit der partizipative Aspekt von Beteiligungsgerechtigkeit. Der kontributive Aspekt von Beteiligungsgerechtigkeit, der darauf zielt, dass sich der Einzelne als ein ethisch produktives Subjekt verwirklichen und erfahren kann, wird kleingeschrieben.
Diese Unwucht im sozialethischen Blick auf Bildung zu vermeiden, hätte vorausgesetzt, Bildung zunächst einmal anthropologisch und pädagogisch zu dimensionieren: ein Schritt, der im vorliegenden Fall übersprungen wird, sodass vorrangig über sekundäre Bildungszwecke gesprochen. Bildung bezieht sich auf jenen Bereich menschlichen Denkens und Handelns, der weder durch Natur eindeutig festgelegt ist noch allein kontingenten Umwelteinflüssen überlassen werden soll. Dass Bildung sozialstaatliche, wirtschaftliche und politische Effekte zeitigt, soll keinesfalls bestritten werden, allerdings liegt das Spezifikum von Bildungsprozessen gerade darin, dass diese über eine Stärkung der Urteilskraft erzielt werden. Bildungsethische Reformforderungen müssen sich daher daran messen lassen, ob sie die Selbstbestimmung des Einzelnen fördern. Immer wieder scheint im Lehrbuch eine Frontstellung zwischen pädagogischen und sozialethischen Ansprüchen auf. Gerade wenn eine verbesserte Qualität schulischer Angebote angemahnt wird, ist eine solche aber nur über eine überzeugende Verschränkung pädagogischer und sozialethischer Anliegen zu erreichen.
Wenn die Stimme der Bildungsethik angesichts der gegenwärtigen Problemlagen merklich stumm geworden ist, dann dürfte ein Grund darin zu suchen sein, dass im sozialethischen Bildungsdiskurs vom pädagogischen Grundbegriff der Bildung wenig bis gar nicht, aber viel von Komposita wie Bildungsfinanzierung, Bildungssteuerung, Bildungssozialpolitik und so fort die Rede ist. Am Ende kommt auch das vorliegende Beitragskapitel über das Niveau einer Maßnahmenpädagogik nicht hinaus, deren Einzelforderungen weder priorisiert noch systematisch miteinander verbunden werden. Dies zu leisten, hätte es einer deutlichen Zentrierung auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule und einer sorgfältigen pädagogischen Kontextualisierung bedurft. Bei der sozialethischen Urteilsbildung wäre neben dem normativ-menschenrechtlichen Zugang noch eine sozialwissenschaftliche Grundierung über die verschiedenen Funktionen von Schule für den Einzelnen wie das Gemeinwesen sinnvoll gewesen.
Mängel im deutschen Bildungssystem sind gegenwärtig mehr als deutlich sichtbar und werden auch öffentlich diskutiert. Diese werden allerdings nicht allein über strukturelle Reformen zu lösen sein; vielmehr muss nicht minder darüber reflektiert werden, ob die vorherrschenden Bildungs- und Erziehungskonzepte angemessen sind und wie Lehrkräfte gerade bei der Wahrnehmung ihres doppelten pädagogischen Auftrags zu Bildung und Erziehung gestärkt werden können. Und dies wird nur im Miteinander geschehen. Demgegenüber scheinen im vorliegenden Lehrbuch immer wieder implizite Vorbehalte gegenüber dem professionellen Selbstverständnis von Lehrkräften durch, wenn diesen etwa eine mangelhalfte Kultur der Kollegialität oder mangelnde Bereitschaft zum konstruktiven Feedback vorgehalten wird.
Abschließend soll noch ein Blick auf den didaktischen Anspruch des Lehrbuches geworfen werden. Der Stil ist wenig erörternd. So wird der Hamburger Volksentscheid von 2010 zum Erhalt des gegliederten Schulsystems allein als Bildungsprotektionismus gedeutet, ohne dass die Motive der Gegenseite zur Sprache kommen. Aber nur wenn das Kontroversitätsgebot beim Umgang mit politisch strittigen Themen beachtet wird, werden sich die Lernenden am Ende auch ein eigenständiges Urteil bilden können. Und hierfür bleibt noch ein Zweites wichtig: Auf gesellschaftliche Kontroversen im Diskurs über Bildung und Bildungsreformen wird zwar hingewiesen, ohne dass aber die strittigen Positionen für die Nutzer des Lehrbuches nachvollziehbar herausgearbeitet werden. Hierzu trägt auch der sparsame Gebrauch von Verweisen bei, der vermutlich den Lehrbuchcharakter verstärken soll, sich aber letztlich als kontraproduktiv erweist. Am Ende muss der Leser schlicht glauben, was ihm vorgesetzt wird, statt zum Gelernten eine aufgeklärte und eigenständige Haltung einzunehmen. Aufgabe eines anspruchsvollen Lehrbuches wäre es nicht, Kontroversen zu vereindeutigen oder als bloße, letztlich beliebige Meinung zu präsentieren (etwa im Fall der Inklusion: „Manche Eltern favorisieren homogene Lerngruppen, weil sie meinen, ihre Kinder würden so besser gefördert“, ebd., S. 397), sondern auszuleuchten. Wo dies unterbleibt, wird ein Lehrbuch eher Ratlosigkeit bei seinen Nutzern erzeugen, als diese zum selbständigen Urteilen anzuleiten.
Marianne Heimbach-Steins, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hgg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch, Regensburg: Friedrich Pustet 2022, 528 Seiten.