Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl – ein pädagogischer Zwischenruf

In zwei Wochen sind die Bundesbürger wieder zur Wahl gerufen. Soll man einer Monatszeitung glauben, die aktuell titelt: „Die Egal-Wahl. Alles wird teurer. Besser wird nichts“? – eine deutliche Aussage. Ich meine, dass es bei dieser Wahl eine Alternative gibt. Aber so oder so: Der Mensch ist zur Politik verdammt, da wir uns nolens volens Gedanken über die Gestalt unseres Zusammenlebens machen müssen. Die Frage ist nur, wie der politische Diskurs geführt und gestaltet wird.

Eines bleibt dafür unverzichtbar – und Pädagogen sollten in besonderer Weise darum wissen: Politische Handlungskompetenz setzt die Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmungsfähigkeit voraus. Unter diesen Preis dürfen wir nicht gehen. Im Prozess der politischen Bildung geht es um die Aneignung der für die politische Perspektive maßgeblichen Kategorien, mit denen Einsichten über Aufgaben und Probleme der politischen Praxis rational erarbeitet und Entscheidungen in politischen Konflikten verantwortlich getroffen werden. Und damit wären wir beim anspruchsvollen Programm einer Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft, das es immer wieder neu mit Leben zu füllen gilt: in schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen, in Hochschulen und Akademien, in Kirchen und Verbänden, im ehrenamtlichen Engagement und überall dort, wo pädagogisch gedacht und gehandelt wird.

Neuerscheinung: Schule in (Zeiten) der Krise

Axel Bernd Kunze, Privatdozent für Erziehungswissenschaft in Bonn und Schulleiter, beleuchtet in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift des Schwarzburgbundes, „Die Schwarzburg“, die Schulpolitik in Zeiten der Coronakrise:

Axel Bernd Kunze: Schule in (Zeiten) der Krise. Erfahrungen und Reflexionen zum Unterrichten unter Pandemiebedingungen, in: Die Schwarzburg 130 (2021), H. 2, S. 17 – 23.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Coronakrise auf die Erwachsenenbildung.

Ferner würdigt die Zeitschrift in einem ausführlichen Nachruf das Wirken des im April 2021 verstorbenen Studentenhistorikers, SPD-Politikers und Ehrennadelträger des Schwarzburgbundes, Günter W. Zwanzig.

Petra Gärdtner berichtet über die 80. deutsche Studentenhistorikertagung vom März 2021, die sich mit der Geschichte der jüdischen Verbindungen beschäftigte.

Schriftenverzeichnis aktualisiert

Über das Wissenschaftsportal Academie erhalten Sie Zugriff auf ein aktualisiertes, vollständiges Schriftenverzeichnis (Stand: 8. Mai 2021):

Axel Bernd Kunze: Thematisch geordnetes Schriftenverzeichnis, Waiblingen (Rems) 2021.

Ethische Fallbesprechung

Die Fortbildung zu ethischen Fallbesprechungen wurde am 16. April 2021 auf Einladung der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg als Wissenschaftlicher Abend im Rahmen einer Videokonferenz gehalten.

Haben Sie Interese, eine ähnliche Fortbildung zu buchen? Dann nehmen Sie gern mit mir Kontakt auf.

Übersicht

  • Einführung
  • Leitfaden für ethische Fallbesprechungen
  • Fallbeispiel
  • Übung: Ethische Fallbesprechung
  • Reflexion und Auswertung

Instrumente ethischer Entscheidungsfindung

  1. Individualethische Ebene
  2. Professionsethische Ebene (Ethische Fallbesprechung)
  3. Organisationsethische Ebene (Ethikkomitee, Ethikkommission)
  4. Systemethische Ebene (Ethikkommission, Ethikrat)
  5. Sozialethische Ebene (Ethikrat)

Was ist ein ethisches Problem?

Haltungen

  • kollegiale Beratung, keine Delegation ethischer Verantwortung
  • neutrale Moderation, behutsame Anwaltschaft
  • angstfreie Gesprächsatmosphäre
  • kein Konsenszwang, Minderheitenvoten möglich
  • Unvoreingenommenheit
  • Perspektivwechsel
  • guter Wille, Verzicht auf Moralisierung (Der andere hat auch gute Gründe.)

Ethische Entscheidungsfindung

  • Ethische Urteile haben stets
    • einen empirischen und
    • einen normativen Anteil.
  • Klärung der Ausgangssituation
  • Ethische Urteilsbildung und Güterabwägung
  • Formulierung einer Handlungsoption

I. Klärung der Ausgangssituation

  • Was ist die Konfliktsituation?
  • Welche Akteure sind beteiligt?
  • Welche fachlichen, rechtlichen, empirischen, wirtschaftlichen … Aspekte sind zu berücksichtigen?

II. Ethische Urteilsbildung

  • Intuitiver Zugang
  • Welche Werte stehen miteinander im Konflikt?
  • Beurteilung von Ranghöhe und Dringlichkeit (Wohl-Wollen – Wohl-Tun)
    • Basisbedürfnisse haben Vorrang vor höheren Bedürfnissen
  • Welche ethischen Prinzipien leiten mich bei meiner Entscheidung?
    • Menschenwürde
    • Kindeswohl
    • Personalität (Individualität + Sozialität)
    • Gerechtigkeit (Freiheit + Gleichheit)
    • Subsidiarität
    • Solidarität
    • Toleranz
    • Gemeinwohl
    • Inklusion
    • Nachhaltigkeit
    • Mitarbeiterwohl – Klientenwohl – Wirtschaftlichkeit
  • Güterabwägung und Übelminimierung (Vorzugsregeln)
  • Der Fernste – der Ferne – der Nahe – der Nächste
  • Nebenwirkungen dürfen nicht schlimmer sein als Nichthandeln.
  • Sichere Übel vermeiden, wahrscheinliche in Kauf nehmen.
  • Das kleinere und das kürzere Übel vorziehen.
  • Zugunsten der vielen entscheiden.

III. Entscheidungsfindung

  • Ethische Dilemmata müssen im pragmatischen Vollzug gelöst werden.
  • Sammlung von Handlungsoptionen
  • Bewertung (Realitätsprüfung)
  • Begründete Auswahl einer Handlungsoption
  • Gegenprobe: Nichthandeln?
  • Umsetzung, Information, Beteiligung
  • Evaluation
  • Prävention

Fallbeispiel

Im beruflichen Alltag kommt es immer wieder zu Wertkonflikten, etwa auf der professions- oder organisationsethischen Ebene. Ethische Fallbesprechungen sind eine mögliche Methode, in der Aus- oder Fortbildung die notwendigen Kompetenzen sittlicher Urteilsbildung und Entscheidungsfindung einzuüben, die es erlauben, solche Konflikte verantwortlich zu lösen. Im Folgenden wird dargestellt, wie eine ethische Fallbesprechung am Beispiel inklusiver Verpflegung in sozialpädagogischen Ganztageseinrichtungen durchgeführt werden kann.

  1. Hinführung zum Thema
  2. Intuitiver Zugang
  3. Erarbeitung
  4. Sicherung
  5. Auswertung
  6. Formulierung einer eigenen Entscheidung
  7. Mögliche (fächerübergreifende) Vertiefung

Zum Weiterlesen

  • Beim Recht auf Bildung geht es um mehr als Schulstrukturreformen – Bildungsethische Anstöße für die Didaktik des Pädagogikunterrichts, in: Pädagogikunterricht 37 (2017), H. 2/3, S. 11 – 17.
  • Ethische Fallbesprechungen in der Erzieherausbildung und der Fortbildung Pädagogischer Fachkräfte. Am Beispiel inklusiver Verpflegung in sozialpädagogischen Ganztageseinrichtungen, in: Engagement 36 (2018), H. 4, S. 191 – 195.
  • Pädagogik als Menschenrechtsprofession. Bildungsethische Überlegungen zur Praxis von Schule und Lehrerbildung – am Beispiel der Inklusion, in: Simone Danz/Sven Sauter (Hgg.): Inklusion, Menschenrechte, Gerechtigkeit. Professionstheoretische Perspektiven (Schriften der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg im Evangelischen Verlag Stuttgart; 22), Stuttgart: Evangelischer Verlag 2020, S. 69 – 102.

Rezension: Inklusive Pädagogik

„Man kann den Eindruck gewinnen, es ist ein wenig stiller um die Frage nach Inklusion geworden. Die erste Euphorie scheint geschwunden, ein stärkerer Realismus hat eingesetzt. Einen ähnlichen Anspruch erhebt auch die vorliegende Einführung zu einer inklusiven Pädagogik, wie Ulrich Heimlich in seinem Vorwort schreibt: „Vielmehr war es mir stets ein Anliegen, die begleiteten Einrichtungen zu besuchen und die alltäglichen Nöte und Sorgen der praktisch pädagogisch Tätigen vor Ort kennenzulernen. Dies hilft meiner Erfahrung nach, einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der Integration bzw. Inklusion zu werfen“ (S. 5). Ein weiteres Anliegen des Verfassers ist es, die sonderpädagogische Fachkompetenz als notwendige Bedingung für pädagogische Qualität in der Inklusionsdebatte zu Gehör zu bringen.“

aus einer Rezension zu: Ulrich Heimlich: Inklusive Pädagogik. Eine Einführung, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, 326 Seiten (Rezensent: Axel Bernd Kunze) im Rezensionsportal Socialnet.de:

https://www.socialnet.de/rezensionen/26356.php

Rezension: „Shrinking Spaces“

„Shrinking Spaces“: ein Begriff, der bisher vor allem in der Politik und Entwicklungszusammenarbeit verwendet wurde. Gemeint sind schrumpfende zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume in autokratischen Staaten. Zunehmend wird dieser Begriff aber auch für den europäischen Kontext verwendet. Zwei Beispiele: So sind seit dem „Ausländische-Agenten-Gesetz“ 2012 in Russland Nichtregierungsorganisationen, die Mittel aus dem Ausland erhalten, verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Oder in der Türkei wurden nach dem Militärputsch von 2016 mehr als 1.400 zivilgesellschaftliche Organisationen geschlossen. In Deutschland ist der Begriff im Zusammenhang von Befürchtungen adaptiert worden, zunehmender „Rechtspopulismus“ könne auf Dauer demokratische Freiheitsräume beschneiden und gesellschaftliche Exklusionstendenzen befördern. (Axel Bernd Kunze)

Reiner Becker, Irina Bohn, Tina Dürr-Oberlik, Beate Küpper, Tino Reinfrank (Hrsg.): Shrinking Spaces, Frankfurt am Main: Wochenschau 2019, 176 Seiten (= Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit, 01/2019).

Eine Besprechung finden Sie hier:
www.socialnet.de/rezensionen/26013.php

Das vorliegende Heft zeigt, wie Bildung und Kultur zum Kampfplatz um Diskurshegemonie und Lagerbildung werden können. Eine klare Struktur des Themenheftes ist bei alldem aber nicht zwingend erkennbar. Vieles hat man schon an anderer Stelle in ähnlicher Form gelesen. Es gehe um „Mosaiksteine“ ohne den Anspruch, ein vollständiges Bild liefern zu wollen, schreiben die verantwortlichen Redaktionsmitglieder einleitend in ihrem Editorial. Dies wird man sagen können, aber auch nicht mehr. Denn die einzelnen Beiträge des Themenheftes entfernen sich mitunter recht weit vom Konzept „Shrinking Spaces“. Hinzu kommt einmal mehr eine Schwäche ähnlicher Publikationen und Debattenbeiträge: Was unter „Populismus“ bzw. „Rechtspopulismus“ auf der einen oder „Zivilgesellschaft“  bzw. „Gesellschaft“ auf der anderen Seite verstanden wird, wird nicht sauber definiert.  (Axel Bernd Kunze)

Neuerscheinung zur Interkulturellen Pädagogik: Diakonische Bildung für Pädagogische Fachkräfte in der Elementarbildung

„Das KiTa-Handbuch“, herausgegeben von Martin R. Textor und Antje Bostelmann, hat in der Rubrik „Interkulturelle Pädagogik“ einen Beitrag von Axel Bernd Kunze zur Diakonischen Bildung für Pädagogische Fachkräfte in der Elementarbildung veröffentlicht. Die Gedanken basieren auf einem Impulsvortrag im Rahmen des 1. Bildungskongresses des Kaiserswerther Verbandes, der Ende September in Lutherstadt Wittenberg stattfand; der Vortrag wurde für die Druckfassung wesentlich erweitert:

Diakonische Bildung – Drei Praxisbeispiele aus der Aus- und Fortbildung Pädagogischer Fachkräfte zum Umgang mit religiös-kultureller Vielfalt

Der Artikel im „KiTa-Handbuch“ ist online zugänglich.

Weitere Beiträge im „KiTa-Handbuch“ aus der Feder desselben Autors finden Sie hier. Bisher sind erschienen:

Den historischen Moment fast übersehen … – Persönliche Erinnerungen zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls

Persönliche Kontakte in die DDR hatten wir mangels „Ostverwandtschaft“ nicht. Das änderte sich in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre: Aufgewachsen im Zonenrandgebiet, gehörten Luftballonweitflugwettbewerbe zu vielen Sommer-, Pfarr- und Schulfesten. Dabei ging es nicht allein um den Wettbewerbscharakter, wie ich erst später verstanden habe: Die Ballons sollten über die Grenze nach Osten fliegen. Und einmal gewann ich sogar den ersten Preis: zehn Kinokarten, überreicht vom Bürgermeister, mit Bild in der Lokalzeitung. Der Ballon wurde in der Nähe von Halberstadt gefunden. Eine Bekanntschaft mit der Finderfamilie entwickelte sich. Seitdem fuhren wir regelmäßig im kleinen Grenzverkehr dorthin und besuchten gemeinsam den Ostharz. Da auf dem Land ein wenig Selbstversorgung möglich war, erhielten wir im Gegenzug Wurst aus Hausschlachtung und Eier als Geschenk mit nach Hause – im Kofferraum für die Grenzkontrolle unter Decken versteckt.

Eine Fahrt ist mir bis heute deutlich in Erinnerung geblieben: Sommer 1989, letzter Feriensonntag in der DDR. Die angespannte Atmosphäre war nahezu greifbar. Es gab abfällige Bemerkungen. Denn als Westdeutscher fiel man unwillkürlich auf. Auf der nächtlichen Rückfahrt (man musste die Grenzübergangsstelle, so der DDR-Jargon, bis Mitternacht passiert haben) wurde unser Westauto in einem Dorf angehalten, Jugendliche trommelten aufs Autodach und rüttelten den Wagen durcheinander. Folgen hatte es nicht, nach kurzem Stopp konnten wir weiterfahren – unheimlich war es aber doch.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Nahezu täglich gab es neue Entwicklungen. Erstmals schauten wir in der Familie die „Aktuelle Kamera“, um zu erfahren, wie in der DDR über die krisenhaften Ereignisse berichtet wurde. Ich weiß noch, wie die Einschränkung der Reisefreiheit in die CSSR in den letzten drei Minuten der Sendung nahezu versteckt wurde. Bei alldem muss ich gestehen, den historischen Moment am 9. November fast übersehen zu haben. Ja, ich hatte davon gehört, aber zunächst nicht ferngesehen. Die Brisanz von Schabowskis Mitteilung auf der abendlichen Pressekonferenz erfasste ich irgendwie so richtig erst ein paar Tage später. Seltsam, aber es fühlte sich zunächst gar nicht nach Mauerfall an, allzu selbstverständlich schienen wir uns mit diesem Monstrum eingerichtet zu haben … – auch wenn Besuche an der innerdeutschen Grenze bei mehreren Klassenfahrten und Schulausflügen zum Pflichtprogramm gehörten. In meiner Schulzeit in den Achtzigern wurden wir, anders als es heute mitunter zu hören ist, immer wieder an das Wiedervereinigungsgebot erinnert.

Recht bald stand der Gegenbesuch an. Wir holten unsere „Luftballonbekanntschaft“ ab und fuhren in den Westen. Noch heute habe ich am Abend auf der Rückfahrt die Autoschlange am provisorischen Grenzübergang vor Augen. Ein DDR-Auto in der Reihe der Wartenden bot sich an, unseren Besuch einsteigen zu lassen, damit wir nicht in der langen Schlage warten mussten.

Eine Berlinreise mit einem Schulfreund zur Nacht auf den 3. Oktober 1990 hatten wir schließlich doch nicht realisiert. Das Datum wirkte ein wenig zufällig. Und vielleicht ist es auch nicht ganz zufällig, dass sich bis heute keine so recht überzeugende Form einstellen will, den neuen Nationalfeiertag festlich zu begehen. Die Wiedervereinigung bleibt letztlich doch emotional ein wenig mehr mit dem 9. November verbunden, als die Mauer fiel.

Die Wiedervereinigungszeremonie vor dem Reichstag habe ich dann vor dem Fernseher verfolgt: Zum Anstoßen gab es Sekt; am Abend sind wir in der Familie zum Ökumenischen Gottesdienst gegangen. Später, bereits im Studium, habe ich während der Semesterferien regelmäßig im Untereichsfeld in einer Ferienstätte gearbeitet. Für mich gehörte es immer dazu, mit den Kindern und Jugendlichen zur nahe gelegenen ehemaligen Grenze zu gehen und zu erklären, was dort geschehen ist. Es ist wichtig, die Erinnerung an diese Phase deutscher Nachkriegsgeschichte wachzuhalten. In den ersten Jahren waren immer mal wieder Jugendliche darunter, die selbst noch Erfahrungen als Pionier gesammelt hatten und davon berichten konnten. Aus dem Mund von Gleichaltrigen wirkt Geschichte noch einmal eindrücklicher und lebendiger. Familien aus den neuen Bundesländern waren anfänglich mitunter recht erstaunt, wie mit Aussichtstürmen, Hinweistafeln und Schildern die Erinnerung an die unmenschliche und unnatürliche Teilung wachgehalten worden war.

Und so hatte ich es auch immer empfunden und in der Familie vermittelt bekommen: Es gibt nicht West- und Ostdeutschland. Auf beiden Seiten der Grenze ist Deutschland. Und dieses Gefühl ist geblieben. Für die Wiedervereinigung gab es keine Blaupause, nicht alles mag politisch optimal geglückt sein. Aufs Ganze gesehen, dürfen wir aber überaus dankbar sein, dass eine Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit möglich geworden ist – im knappen Zeitfenster noch nicht einmal eines Jahres nach Maueröffnung.

Fünf Thesen zur Diakonischen Bildung – nicht nur an Fachschulen für Sozialpädagogik

  1. Diakonische Bildung im Rahmen sozial-caritativer Einrichtungen ist wichtig und vielfältig – in zwei Richtungen: im Blick auf die eigene Profilbildung als kirchlicher, wertorientierter Bildungsanbieter bzw. Träger und im Blick auf die berufsethische Befähigung der Mitarbeiter.
  2. Aber: Diakonische Bildung braucht zeitliche und personelle Ressourcen.
  3. Allerdings wird Diakonische Bildung nur dann Akzeptanz finden, wenn sie nicht zu einer zusätzlichen Verdichtung des „Tagesgeschäfts“ beiträgt. Die behandelten Fragen müssen dem jeweiligen Arbeitsfeld entsprechen, die Teilnahme daran einen Gewinn für die eigene, konkrete Arbeit versprechen. Dies verlangt dem Moderator häufig hohe Flexibilität und kommunikative Kompetenz ab.
  4. Für die schulische Arbeit in Fachschulen für Sozial- und Pflegeberufe sind Schnittstellen zwischen Fragen diakonischer Bildung und pädagogischer (Berufs-)Ethik (einschl. Menschenrechtsbildung) besonders wichtig. Dies kann z. B. durch die Möglichkeit zur kollegialen Fallbesprechung/Beratung gelingen.
  5. Diakonische Bildung kann nicht additiv sein, sondern sollte schlüssig in das Leben der Schulgemeinde eingebunden werden. Unterrichtsgestaltung soll zur ethischen Urteilsbildung anregen. Gemeinschaft muss im Schulalltag konkret erlebbar sein – dazu gehört auch: Interesse an der Persönlichkeit des Einzelnen zeigen. Der eigene Anspruch („anspruchsvoll“) darf auch eingefordert werden – durch das wertschätzende, aber verbindliche Vorbild. Und: Wenn Partizipation zum eigenen Selbstanspruch gehört, müssen Formen Diakonischer Bildung im Schulalltag auch partizipativ entwickelt werden.

Praxisbeispiel: Diakonische Bildung an der Fachschule für Sozialpädagogik

Unsere Fachschule ist im Bereich der Kinderpflege- und Erzieherausbildung tätig. Gemeinsam mit der Evangelischen und der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg bieten wir seit 2017 auch ein Integriertes Studienmodell an, das Ausbildung und Studium miteinander verzahnt: Neben der staatlichen Anerkennung im Erzieherberuf ist gleichzeitig der Erwerb eines Bachelorabschlusses in Früher Bildung und Erziehung möglich. Gesellschaftliche Veränderungen, aber auch die Aufnahme neuer Ausbildungsgänge haben dazu beigetragen, dass die Schulgemeinde heterogener und pluraler geworden ist. Mit religiöser und kultureller Vielfalt pädagogisch angemessen umgehen zu können, wird für angehende Kinderpfleger und Erzieherinnen immer wichtiger, nicht zuletzt in der Region Stuttgart.

  1. Profilfächer

Das Zusammenleben in der Schulgemeinde wie der Einsatz in den Praxiseinrichtungen vermitteln gehaltvolle soziale Erfahrungen. Hieraus können wichtige Bildungsprozesse werden, wenn es Schule gelingt, den Schülern Hilfestellung zu geben, diese geistig zu verarbeiten. Unsere Fachschule reagiert auf die genannten Herausforderungen im Rahmen des Wahlpflichtbereichs. Schon vor einiger Zeit haben wir damit begonnen, diesen Bereich der Stundentafel zu Profilfächern auszubauen, die nicht nur klassen-, sondern auch ausbildungsgangübergreifend unterrichtet werden und in denen spezifische Themen der Ausbildung praxisorientiert vertieft werden sollen. In Zusammenarbeit mit externen Kooperationspartnern besteht die Möglichkeit, durch eine praktische Zusatzleistung oder eine Praxisprüfung Zusatzzertifikate zu erwerben.

Neu zum Kanon der Profilfächer gehören die Fächer „Theologisieren mit Kindern“ sowie „Interreligiöses Lernen“. In der Konzeption des zweiten der beiden Fächer heißt es: „Die Welt trifft sich im Kindergarten. Und Kinder erleben sie ganz selbstverständlich: die kulturelle und religiöse Vielfalt, die unser gesellschaftliches Zusammenleben heute prägt. Zugleich nehmen wir aber wahr, dass religiöse Differenz auch zu Konflikten und Abgrenzungen führen kann. So wird auch von der Gestaltung religiöser Vielfalt der gesellschaftliche Frieden in unserem Land abhängen. Deswegen ist danach zu fragen, wie diese Vielfalt pädagogisch gestaltet und für Bildungsprozesse fruchtbar gemacht werden kann“ [Pfr. Andreas Lorenz]. An dieser Stelle wird deutlich, wie sich individueller Kompetenzaufbau und gesellschaftliche Diakonie miteinander verschränken.

Keine Werterziehung wird ohne Rückgriff auf letzte Grundüberzeugungen die verwirrende Vielzahl an Werten in eine stimmige Ordnung bringen können. Beide Formate bieten vor diesem Hintergrund die Möglichkeit, religiöse und kulturelle Vielfalt als Lernanlass aufzugreifen und reflexiv zu bearbeiten, in Auseinandersetzung mit der spezifischen Tradition einer evangelischen Ausbildungsstätte wie der persönlichen Identität des einzelnen Schülers.

  1. Wochenimpuls

Je mehr Religion aus dem gelebten Alltag schwindet, desto weniger wird es Schule möglich sein, an den religiösen Gehalt der Kultur anzuknüpfen, den die Lernenden in ihrem Lebensumfeld vorfinden. Wo religiöse Erfahrungen fehlen oder auch eine religiös indifferente Lernumwelt die Begegnung mit gelebter Religion verhindert, müssen solche Grundlagen pädagogisch erst angebahnt werden. Angehende Pädagogische Fachkräfte werden auch nur dann religiöse Lern- und Bildungsprozesse bei den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen eröffnen und begleiten können, wenn sie selbst ein hinreichendes Verständnis hierfür entwickelt und entsprechende Erfahrungen gemacht haben.

Nicht selten werden Erfahrungen, an welche der Unterricht bei der Beschäftigung mit Religion anknüpfen kann, über die zeitstrukturierende Funktion religiöser Ausdrucksformen angebahnt. Eine wichtige religionspropädeutische Rolle spielen hierbei Rituale. Diese sind kulturelle Handlungen, die für den Einzelnen und seine Identitätsbildung unverzichtbare Bedeutung erlangen können. Anders als Regeln, die für einen angemessenen sozialen Umgang wichtig sind, lassen sich Rituale nicht einfach zweckrational deuten. Rituale wollen vielmehr Freiräume eröffnen. Dabei geht es zum Beispiel um die Möglichkeit für gemeinsame Prozesse der Sinnsuche, der Verständigung, der Konfliktlösung oder der gemeinschaftlichen Selbstvergewisserung.

Eine wichtige Rolle im religionspädagogischen Profil unserer Fachschule nimmt der Wochenimpuls ein, der jeden Dienstag den Schulalltag für einen Moment unterbricht – unter dem Motto: „7 Minuten Stille … für Dich … für Gott“. Gerahmt durch eine sehr sparsame, aber deutlich erkennbare, wiederkehrende liturgische Struktur lädt der Impuls, der aus dem Kreis der Lehrer- oder Schülerschaft gestaltet wird, dazu ein, ein Gedicht, einen Text, ein Bild, einen Gedanken oder ein Lied gemeinsam miteinander zu teilen.

  1. Ethische Fallbesprechung

Zur Fachschule gehört gleichfalls ein Fortbildungsbereich für Pädagogische Fachkräfte; u. a. bieten wir auf Basis des baden-württembergischen Kindertagesbetreuungsgesetzes bestimmten Berufsgruppen die Möglichkeit, sich berufsbegleitend als Pädagogische Fachkraft für eine Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen nachzuqualifizieren.

Im Rahmen der Aktualisierung unseres religionspädagogischen Profils war es uns als diakonischer Einrichtung ein Anliegen, hierbei ausdrücklich auch Fragen der sozialpädagogischen Berufsethik einzubinden. Ein angemessener Umgang mit Menschen- oder Kinderrechten setzt die Befähigung zur sittlichen Urteilsbildung und Entscheidungsfindung voraus. Ethische Fallbesprechungen können ein Weg sein, die hierfür erforderlichen Kompetenzen einzuüben. Hierfür wurde ein eigenes Ethikmodul konzipiert, das in verschiedenen Kontexten erprobt und vorgestellt wurde, etwa in einem Gastvortrag an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und auf einem Fachtag des Bundesverbands evangelischer Ausbildungsstätten.

Die folgende Fallbesprechung ist anschlussfähig an verschiedene pädagogische Themenfelder: zum Beispiel Integration und Identität, Normen und Werte in der Erziehung, Heterogenität und Interkulturelle Pädagogik, Inklusion und pädagogischer Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen, politische Bildung und Demokratiepädagogik, Rahmenbedingungen erzieherischen Handelns und Ausgestaltung pädagogischer Institutionen. Abhängig vom Kontext und von den Erfahrungen der Lerngruppe, sind vorbereitend sozial- und berufsethische Prinzipien einzuführen, die für eine begründete Abwägung der betroffenen Werte und eine sachlich informierte Fallbesprechung wichtig sind.

Die Lernenden werden rasch merken, dass es bei diesen fiktiven Speiseplänen nicht allein um Fragen der Küchenorganisation geht. Hinter beiden Speiseplänen stecken Wertentscheidungen, welche die „Rechte in der Bildung“ betreffen und die in der gemeinsamen Diskussion sichtbar gemacht werden sollen: Was ist einer Bildungseinrichtung wichtiger? Geht es in öffentlichen Kindergärten in erster Linie um Gleichheit oder um die Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen? Wie weit darf eine Bildungseinrichtung Anpassung von denen erwarten, die sie besuchen? Wie weit sind individuelle Bedürfnisse und Weltanschauungen zu berücksichtigen? Und was fördert Integration besser?

In Unterricht und Fortbildung kann ein ethischer Konflikt nur simuliert werden. Dennoch sollen die Lernenden am Ende begründet eine konkrete Handlungsoption formulieren. Charakteristisch für menschenrechtsethische Konflikte ist, dass diese allein im praktischen Vollzug aufgelöst werden können, wobei nach einer Lösung zu suchen ist, bei der alle betroffenen Werte und Güter geachtet werden, soweit dies in der konkreten Konfliktsituation möglich ist. Ziel ethischer Fallbesprechung ist kein Konsens. Das sollte einleitend in der Lerngruppe auch angesprochen werden. Es kann und darf abweichende Voten geben, auch wenn sich die Gruppe am Ende auf eine Lösung verständigen soll.

Folgende Schritte sind bei der ethischen Fallbesprechung zu gehen:

  1. Hinführung zum Thema und Sammlung erster Hypothesen: Warum liegt hier ein ethisches Problem vor?
  2. Intuitiver Zugang: Jeder Gesprächsteilnehmer bringt immer schon erste Intuitionen bei der Beurteilung von Wertkonflikten mit; diese sollten eingangs in einem ersten Meinungsbild zugelassen werden.
  3. Erarbeitung: Hier ist es wichtig, nach dem intuitiven Zugang eine gewisse Distanz zu schaffen. Die Lerngruppe kann nach Zufall geteilt werden; beide Teilgruppen erhalten – unabhängig von der persönlichen Meinung jedes Einzelnen – den Auftrag, nach Motiven und Gründen zu suchen, warum die „eigene“ Bildungseinrichtung einen Speiseplan wie den vorgelegten verwendet.
  4. Sicherung: Die Ergebnisse werden im Plenum gesammelt und vom Moderator stichwortartig visualisiert.
  5. Auswertung: Im Auswertungsgespräch wird es darauf ankommen, die Kerngedanken beider Positionen herauszuarbeiten. Dabei wird deutlich, dass beide Einrichtungen möglicherweise ähnliche Motive gesellschaftlicher Integration oder Toleranz verfolgen – aber auf zwei unterschiedlichen Wegen: Im einen Fall werden gleichheitsorientierte Ansprüche höher gewichtet, im anderen Fall freiheitsorientierte Ansprüche. Im ersten Fall geht es darum, dass in Bildungseinrichtungen „das Gemeinsame“ im Mittelpunkt steht. Etwaige individuelle kulturelle oder religiöse Bedürfnisse müssen dahinter zurücktreten. Im zweiten Fall steht die Anerkennung von Vielfalt stärker im Mittelpunkt. Die einzelne Bildungseinrichtung muss sich auf individuelle Bedürfnisse einlassen, da eine gemeinsame kulturelle Auffassung, beispielsweise hinsichtlich der Ess- und Speisekultur, nicht mehr vorausgesetzt werden darf.
  6. Formulierung einer eigenen Entscheidung: Dabei geht es nicht um „richtige“ oder „falsche“ Antworten. Entscheidend bleibt die Stimmigkeit der ethischen Argumentation, mit welcher der Einzelne seine Position begründet und gegenüber den anderen vermittelt. Aufgabe des Moderators ist es an dieser Stelle, durch aktives Zuhören, gezielte Impulse oder vertiefte Nachfragen dazu anzuregen, die eigene Position argumentativ auszuweisen, abzusichern oder noch einmal an anderen Perspektiven zu messen und gegebenenfalls zu überdenken.

Das Fallbeispiel ist erkennbar konstruiert, greift aber aktuelle politische Debatten auf und lässt grundsätzlich mehrere Handlungsoptionen offen. Der zur Diskussion stehende Fall macht zentrale Konflikte um die Rechte in Bildungseinrichtungen und den Umgang mit den Freiheitsräumen der Heranwachsenden (und ihrer Eltern) sichtbar. Die Lehrkraft darf Perspektiven ergänzen, muss aber aushalten können, dass Positionen vertreten werden, die der eigenen widersprechen. Gerade dies kann ein Lackmustest für gelebte Freiheit im pädagogischen Prozess sein, der damit implizit selbst zu einem modellhaften Lernort für den Umgang mit Freiheitsrechten in der Bildung wird.

 

Zum Weiterlesen:

Zu Kap. 1:

  • Axel Bernd Kunze: Wie sollte pädagogisch über Religion gesprochen werden? Überlegungen zum Verhältnis von Bildung und Religion in der pluralen Gesellschaft, in: Pädagogische Rundschau 67 (2013), H. 5, S. 491 – 505.
  • Axel Bernd Kunze: Religion nicht unter Wert verkaufen: Zum pädagogischen Stellenwert interreligiöser Lernprozesse, in: Katholische Bildung 115 (2014), H. 3, S. 111 – 121.

Zu Kap. 2:

  • Ruth Herb: Innehalten in der Schulgemeinschaft, in: Gruß der Großheppacher Schwesternschaft 58 (2016/2017), Nr. 125 v. November 2016, S. 38 – 40.
  • Axel Bernd Kunze: Religionspädagogische Propädeutik. Zur Bedeutung gemeinsamer Rituale in der Schulgemeinde, in: Engagement 34 (2016), H. 4, S. 254 – 256.

Zu Kap. 3:

  • Axel Bernd Kunze: Ethische Fallbesprechungen in der Erzieherausbildung und der Fortbildung Pädagogischer Fachkräfte. Am Beispiel inklusiver Verpflegung in sozialpädagogischen Ganztageseinrichtungen, in: Engagement 36 (2018), H. 4, S. 191 – 195.
  • Axel Bernd Kunze: Beim Recht auf Bildung geht es um mehr als Schulstrukturreformen – Bildungsethische Anstöße für die Didaktik des Pädagogikunterrichts, in: Pädagogikunterricht 37 (2017), H. 2/3, S. 11 – 17.

 

Kurzvortrag (Praxisbeispiel) im Workshop „Gemeinsame Identität weitergeben – Diakonische Bildung an Schulen und Ausbildungsstätten“ im Rahmen des 1. Diakonischen Bildungskongresses des Kaiserswerther Verbandes mit dem Titel „Flughöhe gewinnen“ (Lutherstadt Wittenberg, 20. September 2019)