Rezension: „Selbstkritische Position und kritische Reflexion“ – Festschrift für Werner Baur liefert starke Argumente für kirchliches Bildungshandeln

 

Carmen Rivuzumwami (Hg.) (o. J. [2018]): Gemeinsam: Leben Glauben Bilden. Festschrift für Werner Baur zum Eintritt in den Ruhestand, o. O. (Stuttgart): Evangelischer Oberkirchenrat, 225 Seiten.

 

Zwanzig Jahre war Werner Baur im Stuttgarter Oberkirchenrat für den Bereich Bildung der württembergischen Landeskirche zuständig. Wer den engagierten Lehrer und Schulleiter auf Tagungen oder Sitzungen erlebt hat, konnte spüren, dass Baur auch in kirchenleitender und administrativer Funktion stets ein Pädagoge mit Herzblut geblieben ist. Zu seinem Eintritt in den Ruhestand ist eine Festschrift im Eigenverlag des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart erschienen.

Der Band deckt die gesamte Bandbreite des landeskirchlichen Engagements im Bildungsbereich ab: von Kindertageseinrichtungen und Schulen über die Jugendarbeit bis zur Berufs- und Erwachsenenbildung. Die Autoren kommen aus beiden Landeskirchen Baden-Württembergs, aber auch aus der ökumenischen Nachbarschaft des Bistums Rottenburg-Stuttgart oder des Erzbistums Freiburg. Angesichts der Bandbreite der Themen kann hier nur eine kleine Auswahl der nahezu durchweg pädagogisch sehr engagiert geschriebenen Beiträge hervorgehoben werden.

Den Aufschlag macht ein sehr persönlich gehaltener Beitrag von Martin Schleske, Geigenbaumeister und Schalltechniker. Im Rückgriff auf seine eigene Bildungsbiographie beschreibt er sehr lebendig, anrührend und engagiert, wie wichtig das persönliche Vorbild, die fachliche Begeisterung des Lehrers und die Beziehung in der pädagogische Arbeit sind. Wir sollten das nicht vergessen in Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen –, in denen mal wieder technische Lösungen das – in diesem Fall – digitale Heil ins Tal der Bildung bringen sollen.

Norbert Collmar, Rektor der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, zeichnet am Beispiel des protestantischen Württembergs nach, wie sich aus sozialen und diakonischen Initiativen des neunzehnten Jahrhunderts das bildungspolitische Engagement der Kirche im berufsbildenden Bereich entwickelt hat. Als Beispiel verweist er etwa auf die Gründung der Großheppacher Schwesternschaft durch Wilhelmine Canz. Sie sammelte junge Frauen um sich, die als Kleinkindpflegerinnen ausgebildet wurden. Dieses Engagement setzt sich bis heute fort, in Gestalt einer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik.

Christoph Schneider-Harpprecht, Baurs Kollege aus dem badischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, fragt, wozu ein eigener kirchlicher Bildungsgesamtplan sinnvoll ist. Gegen Kritik an diesem Instrument nennt er vielfache Aufgaben, die ein solcher Plan erfüllen kann: Er kann helfen, die Bildungslandschaft kirchlicher Träger weiterzuentwickeln, den Auftrag und die konstitutiven Merkmale evangelischer Bildungsangebote profilieren helfen, ein möglichst realistisches Bild der zu erreichenden Zielgruppen zeichnen, Chancen und Empfehlungen an die zuständigen Gremien geben. „Wenn der politische Wille vorhanden ist, so können jährlich oder im zweijährigen Rhythmus Zahlen, Daten und Fakten in standardisierter Form zusammengetragen und auch für die Haushaltsberatungen der Landessynode fruchtbar gemacht werden“ (S. 89).

Eckhard Geier, scheidender Geschäftsführer des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg, unternimmt einen Parforceritt durch fünfhundert Jahre evangelische Schul- und Bildungsgeschichte. Instruktiv beleuchtet er das spannungsreiche Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Bildungsbereich. Evangelische Schulen sind für Geier zum einen „zeitlos zeitgemäß“, weil sie zu allen Zeiten genuin evangelisch-christliche Antworten auf die pädagogischen und sozialen Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit formulierten. Sie sind aber zugleich immer auch „unzeitgemäß“, insofern sie nicht einfach dem bildungspolitischen Mainstream folgen, sondern pädagogische Reformen „gegen den Trend“ ins Werk setzten. Diesen Freiraum von Schulen in kirchlicher Trägerschaft gilt es aber zunehmend gegen eine staatliche Dienst- und Fachaufsicht zu verteidigen, die freie Träger auch in didaktisch-methodischer Hinsicht immer stärker zur Vergleichbarkeit mit staatlichen Schulen drängt.

Bemerkenswert ist schließlich noch der Schlussbeitrag des Bandes: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Landeskirche in Stuttgart-Birkach, hält ein engagiertes Plädoyer für einen weiterhin starken konfessionell geprägten Religionsunterricht, gut begründet, wenn auch im vorstehenden Sinne „unzeitgemäß“, insofern der Hauptstrom der zeitgenössischen Religionspädagogik deutlich in Richtung konfessioneller Kooperation fließt. Identitätsfragen stehen gegenwärtig weder in der pädagogischen noch politischen Debatte hoch im Kurs. Viele erhoffen sich durch eine stärkere Kooperation der Konfessionen beim Religionsunterricht eine Stärkung der christlichen Orientierung innerhalb einer zunehmend heterogener wie säkularer werdenden Schüler- und Elternschaft. Doch besteht die Gefahr, dass durch eine konfessionell-diffuse Lernumwelt die eigene religiöse Identitätsbildung eher erschwert als erleichtert wird – am Ende kennen die Schüler weder ihre eigene Herkunft noch die Konfession der anderen. Für Hermann gehören „perspektivische Positionalität“ und die Aufgabe „positioneller Perspektivität“ im Religionsunterricht eng zusammen. Wer sich der eigenen Konfession sicher ist, erfährt die Position der anderen nicht als Bedrohung. Daher kann gerade ein konfessioneller Religionsunterricht für Hermann zur Pluralitätsfähigkeit und zu starker Toleranz beitragen. Denn über Religion kann nicht distanziert gelehrt oder gelernt werden. Der Stuttgarter Religionspädagoge spricht in diesem Fall von Begegnungslernen, bei dem unweigerlich immer verschiedene Ebenen ineinander fließen und sich wechselseitig bedingen. Es kann keine neutrale Haltung gegenüber Religion geben, selbst eine religionsabstinente Haltung wäre eine Positionierung gegenüber Religion – und so ist Begegnungslernen über Religion immer auch bereits Begegnungslernen in Religion und durch Religion. Wichtig bleibt aber, dass Lehrkräfte bereit sind, zwischen religiöser Reden und Reden über Religion zu unterscheiden.

Wer freie Menschen will, muss auch für ein starkes freies Schulwesen und eine plurale Bildungslandschaft eintreten. Ein Staat, der für sich ein Bildungsmonopol beanspruchen wollte, wäre übergriffig auf den innersten Personkern. Und wenn Religion nicht zu etwas Bedrohlich-Fremden werden soll, gehört Religion in die Schulen und Bildungseinrichtungen. Hermanns Plädoyer am Ende seines Beitrags setzt einen starken Schlusspunkt für die gesamte Festschrift und ein deutliches Ausrufezeichen hinter das bildungspolitische Engagement des zu Ehrenden: „Gebildete Religion braucht selbstkritische Position und kritische Reflexion, zugleich aber auch das Bewusstsein eigener Perspektivität und Bruchstückhaftigkeit – wichtige Werte aufgeklärter Bildung, wie sie evangelischer Bildungstradition zugrunde liegen“ (S. 210).

 

Reisen bildet: Bier, Barock und Burschenschaft … – Eindrücke aus Bamberg

Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid

der fahrenden Scholaren.

Ich will zur schönen Sommerszeit

ins Land der Franken fahren,

valeri, valera, valeri, valera,

ins Land der Franken fahren!

Von Bamberg bis zum Grabfeldgau

umrahmen Berg und Hügel

die breite stromdurchglänzte Au.

Ich wollt’, mir wüchsen Flügel,

valeri, valera, valeri, valera,

ich wollt’, mir wüchsen Flügel.

 

(Joseph Victor von Scheffel)

Seit einigen Jahren gibt es den Interkorporativen Stammtisch Stuttgart, kurz: IKSS, der sich monatlich trifft: ein Treffpunkt für Korporierte unterschiedlicher Dachverbände oder verbandsfreier Bünde, die es aus familiären oder beruflichen Gründen in die schwäbische Metropole verschlagen hat. Seine Teilnehmer kommen aus den schönsten Universitätsstädten Deutschlands. Und so entstand die Idee, auch einmal gemeinsam auf Reisen zu gehen sowie die Studienorte und Verbindungen der anderen Stammtischbrüder kennenzulernen. Gesagt, getan: Das diesjährige verlängerte Wochenende vor dem Tag der Arbeit bot dazu eine günstige Gelegenheit.

Und wo sollte man besser damit beginnen als in Bamberg!? Am Samstagmorgen ging es also am Stuttgarter Hauptbahnhof los – in die Stadt der drei „Bs“: Bier, Barock und Burschenschaft – für einige der Reiseteilnehmer ein kleiner „Kulturschock“: vom protestantisch-nüchternen Württemberg in das katholisch-barocke Oberfranken.

B – wie Bier, Brauereien und Bierkeller

Wie könnte es anders sein: Ein Besuch in Bamberg ohne Bier wäre wie ein Burschenschafter ohne Band. So lernten unsere Corpsstudenten auf der Fahrt auch, dass Bier kein Alkohol ist, sondern vaterländischer Trank … Da das Hotelzimmer noch nicht bezugsfertig war, landete die Gruppe gleich bei Rauchbier, Kloß und Schäuferla – des Franken Leibspeise – im bekannten „Schlenkerla“, das auch als Drehort für „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Blacky Fuchsberger diente. Mindestens einem Teil der Gruppe schmeckte gleich der erste Schluck des rauchigen, dunklen, süffigen Bieres – und nicht erst das dritte Seidla, wie in Bamberg ein halber Liter Bier genannt wird.

Den Bamberger Bierbachelor haben wir nicht geschafft (laut Modulhandbuch sind hierfür alle neun Bamberger Biere an einem Tag zu probieren), aber die Vielfalt der Bamberger Biere kam nicht zu kurz.  Ein besonderes Erlebnis war nach dem sonntäglichen Kirchgang bei bestem Frühlingswetter der Frühschoppen auf dem Spezikeller (Keller – so heißen in Franken die Biergärten, weil traditionell direkt über den Lagerkellern das Bier ausgeschenkt wird) – mit Blick auf Bambergs sieben Hügel und seine Kirchtürme. Am 1. Mai besuchten wir noch den Greifenklaukeller, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die Altenburg hat.

Den krönenden Abschluss bildete am 1. Mai eine Führung durch die „Schlenkerla“-Brauerei am Stephansberg. Wir erfuhren nicht nur, wie mit Hilfe eines Buchenholzfeuers das Rauchmalz hergestellt wird, sondern wir stiegen auch in die alten Felsengänge unterhalb der Bamberger Bergstadt hinab, wo noch heute das Bier gelagert wird.

Bevor der falsche Eindruck entsteht: Auch wenn wir ein – wenngleich akademischer – Stammtisch sind, drehte sich nicht alles nur ums Bier. Bamberg ist nicht nur Bier-, sondern auch Weltkulturerbe-, Gärtner-, Barock-, Bischofs- oder Universitätsstadt.

B – wie Bergstadt, Bamberger Reiter und barocker Katholizismus

Also ging es gleich am ersten Nachmittag nach dem „Schlenkerla“ auf den Domberg hinauf: zum Kaiserdom mit dem berühmten Bamberger Reiter und dem einzigen Papstgrab nördlich der Alpen, zur Alten Hofhaltung, zur Neuen Residenz und zum Rosengarten. Wir hatten im Dom einen sehr kundigen Führer: Als Theologe erschloss er der Gruppe Kaiser Heinrichs Stein gewordene Idee, Bamberg zur „Roma secunda“ zu machen.

Bamberg wurde wie Rom auf sieben Hügeln gegründet: Stephans-, Kaul-, Dom-, Jakobs-, Michels-, Abts- und Altenburgberg. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont blieb, zeigt sich bis heute die für Bamberg typische Dreiteilung in die geistliche Bergstadt, die bürgerliche Inselstadt zwischen den beiden Regnitzarmen und die Gärtnerstadt. Neben dem Bamberger Reiter am bekanntesten dürfte das Brückenrathaus sein, das in der Flussmitte zwischen Berg- und Bürgerstadt errichtet wurde. Seit 1993 ist Bamberg UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Sonntag begann mit einer Messe in der Karmelitenkirche und einem Besuch im Kreuzgang des dazugehörigen Klosters. Der aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Kreuzgang besticht vor allem durch seine Kapitelle mit reichhaltiger Tier- und Pflanzensymbolik. Am Nachmittag besichtigten wir die Kaisermäntel und den Papstornat im Bamberger Diözesanmuseum, wo wir aufgrund des schon sommerlichen Wetters mehr oder weniger die einzigen Besucher waren. Die aktuelle Sonderausstellung zum vierhundertjährigen Jubiläum der von den Jesuiten begründeten Marianischen Herren- und Bürgersodalität vermittelte überdies einen Einblick in die Entwicklung des katholischen Lebens von der Gegenreformation bis in die Gegenwart.

Dass der Volkskatholizismus in Bamberg noch lebendig ist, davon konnten wir uns am 1. Mai bei  der Festmesse und Maiandacht der Sodalität in St. Jakob selber überzeugen. Die ursprünglich romanische Kirche zählt zu den ältesten Bambergs; um sie nach Auflösung des Stifts vor möglichem Abriss zu bewahren, wurde sie im Zuge der Säkularisierung der Marianischen Sodalität übertragen. Am 1. Mai wird in Bayern Maria als Schutzfrau des bayerischen Landes verehrt. Natürlich wurde an diesem Tag auch mit Weihrauch nicht gespart.

Zelebrant und Prediger war der Bamberger Ordinarius für Kirchengeschichte und Patrologie, Farbenbruder Prof. Dr. Peter Bruns. In deutlichen Worten verteidigte er anlässlich der Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten, in Ämtern des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen, die Präsenz dieses zentralen Symbols unserer christlichen Kultur und Religion im öffentlichen Raum. Dabei sparte er auch nicht mit Kritik an beschämenden Äußerungen mancher Bischöfe, die jetzt wortreich vorgeben, die genuin religiöse Bedeutung des Kreuzes zu verteidigen, sich aber nicht zu schade waren, genau dieses auf dem Tempelberg zu verstecken. Das Kreuz, so der Prediger, sei ein öffentliches Zeichen, weil der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis gewesen sei. Das Kreuz stehe für die Grundlagen unserer Kultur, die ethischen Werte unserer Staats- und Gesellschaftsordnung und die Identität unseres Gemeinwesens – auch im säkularen Staat. Wo  dieser sich nicht mehr zu seinen geistigen Wurzeln bekennen will, verliert unser Zusammenleben an Humanität. Das Kreuz im Gerichtsgebäude etwa, so Prof. Bruns, erinnere daran, dass wir alle noch einer anderen Instanz gegenüber verpflichtet sind, es mahne den Ankläger oder Zeugen nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis abzulegen, und es mahne den Richter, das Recht nicht zu beugen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn versucht wird, religiöse oder auch nationale Symbole zunehmend aus dem öffentlichen Raum und damit aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.

Beim Rückweg in die Stadt, an den Domkurien vorbei, galt es noch, der Bamberger Staufersäule des Degerlocher Historikers Gerhard Raff Reverenz zu erweisen. Auch der Oberen Pfarre am Kaulberg statteten wir einen Besuch ab. Die dortige freudenreiche Gnadenmutter wird jährlich am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt in feierlicher Prozession zur schmerzhaften Mutter in der ehemaligen Jesuitenkirche St. Martin getragen.

Geteilte Gefühle löste der in der gleichnamigen Kapelle des Domes verehrte heilige Nagel aus, eine Reliquie, die Bamberg dem heiligen Kaiser Heinrich II. verdankt. Bis heute ist diese Berührungsreliquie ein Objekt frommer Verehrung. Man mag über die Reliquienverehrung denken, wie man will – dass auch der moderne Mensch sich Wirklichkeit nicht allein rational zu erschließen und zu deuten sucht, zeigen – wie auch in anderen Städten – die zahlreichen Schlösser am Geländer der Kettenbrücke.

Bamberg spielt auch für die deutsche Romantik eine wichtige Rolle. Wackenroders Besuch auf dem Bamberger Henricifest wurde zu einem Schlüsselmoment dieser Epoche. Nicht zuletzt wirkte in Bamberg der Romantiker E. T. A. Hoffmann – und so besichtigten wir nicht nur sein Wohnhaus und die Altenburg, auf der er häufig arbeitete, sondern begegneten auch dem Türknauf am Stephansberg, der ihn zum „Apfelweiblein“ inspirierte, oder beim abendlichen Bummel durch den Hain der Stelle, an der er den sprechenden Hund Berganza getroffen haben soll. Die Altenburg mit einem weiten Blick über Fränkische Schweiz und Steigerwald erreichten wir mit einem umgebauten Straßenbahnwagen, der heute Bamberger Touristen über sechs der sieben Hügel bringt.

B – wie Burschenschaft, Bamberger Widerstand und Bamberger Verfassung

1647 gründete Fürstbischof Melchior Otto Voit von Salzburg die Academia Bambergensis, die sich im Laufe der Zeit zur klassischen Vierfakultätenuniversität entwickelte, als solche die Säkularisierung des Hochstiftes aber nicht überlebte. Nur die beiden Fakultäten Theologie und Philosophie bestanden fort. 1972 erfolgte dann die Wiedergründung der heutigen Otto-Friedrich-Universität in Form einer Gesamthochschule. Aktuell zählt die Universität rund dreizehntausend Studenten (bei einer Einwohnerschaft von rund fünfundsiebzigtausend).

Selbstverständlich durfte auch ein Besuch bei der einzigen örtlichen Burschenschaft, der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg, nicht fehlen, nach ihrer Gründung in Leipzig und einer Zwischenphase in Erlangen seit 1991 in der noch jungen Universitätsstadt Bamberg ansässig. Auf dem Weg zum Alemannenhaus durchstreiften wir noch den zweiten Teil des Bamberger Weltkulturerbes: das Gärtnerviertel. Seit dem siebzehnten Jahrhundert bis heute wird in der Stadt Gemüsegartenbau betrieben, etwa der Anbau von Zwiebeln, Samen oder Süßholz.

Als Referentin für den Sonntagabend konnten wir die Bamberger Pädagogin Mechthildis Bocksch aus dem Vorstand der örtlichen Willy-Aron-Gesellschaft gewinnen. Sie stellte den Bamberger Bundesbrüdern und Stuttgarter Gästen die Erinnerungsarbeit des Vereins vor und beleuchtete in ihrem lebendigen Vortrag markante Aspekte des Bamberger Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Dieser wird vor allem durch drei Köpfe repräsentiert, die gemeinsam mit einem Denkmal im Bamberger Harmoniegarten gewürdigt werden: Claus Schenk Graf von Stauffenberg steht für den militärischen Widerstand, der Rechtsanwalt Hans Wölfel für den christlichen Widerstand und der jüdische Waffenstudent sowie Sozialdemokrat Willy Aron für den Widerstand der Arbeiterbewegung. Am „Stolperstein“ vor Arons Wohnhaus in der Luitpoldstraße wurde vor einigen Jahren die fränkische Regionalgruppe des Lassalle-Kreises, des Zusammenschlusses korporierter Sozialdemokraten, gegründet. Und kurz vor dem kommenden Jubiläumsjahr sollte nicht vergessen werden, dass in der Neuen Residenz am Domplatz am 14. August 1919 mit der sogenannten Bamberger Verfassung in der Stadt die erste demokratische Verfassung Bayerns verabschiedet wurde.

Da Stuttgarts bekanntester Bierorgler mit von der Partie war, klang der Abend musikalisch aus. Frankens inoffizielle Hymne aus der Feder Victor von Scheffels durfte dabei selbstverständlich nicht fehlen. Am folgenden Montag war dann Gelegenheit, den Originalschauplatz des Frankenliedes zu erleben: den Gottesgarten im Oberen Maintal mit der Adam-Riese-Stadt Bad Staffelstein, der Korbmacherstadt Lichtenfels, dem Staffelberg, Kloster Banz und der beeindruckenden Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen. 1445 erhielt an dieser Stelle ein Schäfer des Klosters Langheim  eine Vision der vierzehn Nothelfer, zu deren Ehren schon bald eine Kapelle errichtet wurde. Die heutige Basilika aus dem achtzehnten Jahrhundert stammt von Balthasar Neumann.

Und wie bei jeder guten katholischen Wallfahrt durfte nach dem Gebet und dem Kerzenopfer in der Basilika eine Brotzeit und ein „Nothelfertrunk“ in der unmittelbar daneben liegenden Brauerei nicht fehlen – so schließt sich wieder der Kreis …

Es waren vier ereignisreiche, anregende und erfüllte Tage mit guten Gesprächen und eindrücklichen Erlebnissen. Fortsetzung folgt hoffentlich. Denn es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Universitäts- und Studentenstädte in deutschen Landen, die einen Besuch lohnen.

Rezension: Die Universität braucht Geselligkeit – ein bedrohtes akademisches Gut

Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.) unter Mitarbeit von Sabrina Lausen (2017): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen; 19), Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 246 Seiten.

Selten haben Sammel- und Tagungsbände eine derart klare Ausgangsthese wie der Band der beiden Wissenschaftshistoriker Matthias Asche und Dietmar Klenke: „Allein eine geselligkeitspolitisch gut positionierte Universität vermag der Gefahr zu trotzen, zu einer Bildungsanstalt zu werden, bei der die prekäre Balance von wissenschaftlich notwendiger Autonomie und berechtigten Ausbildungsanforderungen von Staat und Gesellschaft zugunsten der Außensteuerung verloren geht. In der Interessenwahrnehmung der Universitäten sind Geselligkeitsformen und geselligkeitspolitische Strategien ein häufig verkannter Faktor der Selbstbehauptung gegenüber der Umwelt“ (S. 10).

Geselligkeit ist mehr als Zeitvertreib. Sie schafft eine politisch bedeutsame Gegenwelt persönlicher, ungezwungener Kontaktpflege und Kommunikation. Interessen lassen sich hier leichter ausgleichen, formale Zwänge leichter umgehen. Vor allem aber, so die Annahme der Herausgeber, hält diese besondere Spielform der Vergesellschaftung eine akademische Kultur lebendig, die nicht nur ein äußeres Programm bleibt, sondern persönlichkeitsbildende Kraft besitzt. Nur eine Universität, die diese Kraft akademischer Kultur bewahrt, wird sich auch gegen Zumutungen und äußere Zwecke zur Wehr setzen können.

Und genau diese Kraft, geht nach Ansicht der Herausgeber der heutigen Universität zunehmend verloren: Marktkonforme Außensteuerung und Binnenhierarchisierung drängten den Anspruch ungehinderter Wahrheitsfindung zunehmend in den Hintergrund. „Emphatischen Aufklärungsgeist treffen wir eher in der Universität des 19. als an derjenigen des 21. Jahrhunderts an“ (ebd.). Der einst „bildungsaristokratische“ Hochschullehrer sei zunehmend zum Dienstleister mutiert, das Studentsein werde nicht mehr als akademische Lebensform verstanden. Das Urteil in der Einleitung des Bandes fällt hart aus: Die Universität wandle sich zusehends zu einer „binnenhierarchisierten Fachschule“ (S. 18) – ein Wandel, der sich, wie der Titel des Bandes deutlich macht, an der akademischen Geselligkeitskultur deutlich ablesen lasse: Die „ideelle Substanz“ der Hochschule werde zunehmend aufgezehrt vom „kühlen Charme“ eines „corporative design“; Elemente der kommerziellen Populärkultur bemächtigen sich der Universität. Es sind nahezu fast nur noch die Studentenverbindungen, die an den verblassten Geist früherer akademischer Geselligkeit erinnerten.

Drei Beiträge beleuchten ausdrücklich die Rolle studentischer Korporationen bei deren Herausbildung. Harald Lönnecker geht der persönlichkeitsprägenden Kraft korporativer Geselligkeitsformen nach: „Der Hochschüler brachte klar und deutlich zum Ausdruck, daß für ihn die Regeln der bürgerlichen Welt nur bedingt galten, er Mitglied und Teil einer Metakultur war, die jenseits einer klar strukturierten Erwachsenenwelt bestand“ (S. 142). Dieser Wirkung konnten sich zumindest bis zum Ersten Weltkrieg selbst solche Verbindungen nicht entziehen, die ausdrücklich mit einem reformatorischen Anspruch gegründet worden waren. Das Spannungsfeld von bürgerlichem und antibürgerlichem Habitus, das die „Alte Burschenherrlichkeit“ prägte, wird von Matthias Stickler im Anschluss näher beleuchtet. Aufs Ganze gesehen waren – so Stickler – aber die Domestizierungs- und Verbürgerlichungstendenzen in der klassischen Phase der Korporationen stärker, die Rückbindung an die Werte des gehobenen Bürgertums sehr groß. Dies änderte sich erst mit zunehmender Pluralisierung des gesellschaftlichen Lebens in der frühen Bundesrepublik; die Verbindungen gerieten zunehmend unter Legitimationszwang und büßten ihren Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit ein. Christian George stellt dar, wie sich bei Wiedergründung der Korporationen nach dem Zweiten Weltkrieg nach anfänglichen Reformansätzen vor allem aufgrund des Widerstands der Alten Herren zunehmend die überkommenen Formen couleurstudentischer Geselligkeit wieder durchsetzten – ein Beleg dafür, dass sich sinn- und identitätsstiftende Rituale nur sehr begrenzt und wenn äußerst behutsam ändern lassen.

Der Inhalt des Bandes geht aber deutlich über Verbindungsgeschichte hinaus. Thematisiert werden Logen als professorale Form der Geselligkeit im Rahmen der vormodernen Universität oder das universitäre Professorenkränzchen als bewusst gesuchte Form geschlossener Privatheit. Wolfgang Müller untersucht, wie sich im nach dem Krieg zunächst französischen Saarland neue Vernetzungen mit europäischem Flair herausbildeten. Sabrina Lausen zeigt auf, wie polnische Verbindungen in der Zwischenkriegsära der Selbstvergewisserung und Festigung der nationalen Identität dienten.

Und wie sieht es heute aus? Zum Wandel universitärer Geselligkeitskultur hat auch der sogenannte „Di-Mi-Do-Professor“ beigetragen, der zwischen Familie und Hochschulort pendelt und an letzterem nur noch das notwendige Minimum an Zeit verbringt. Dietmar Klenke, einer der beiden Herausgeber, erinnert daran, wie Nordrhein-Westfalen dieser Entwicklung 1999 durch rigide Präsenzvorschriften administrativ einen Riegel vorschieben wollte – ein Versuch, der kläglich scheiterte: nicht nur, da solche Vorschriften zwangsläufig von den Betroffenen als Strafe und Misstrauensvotum empfunden werden mussten, sondern auch als Überlastung erlebt wurden. Wer politisch mehr Kommunikation zwischen Hochschullehrern und Studenten erreichen will, muss an anderer Stelle für Entlastung sorgen – stattdessen fressen bildungsadministrative Aufgaben in der Selbstverwaltung zunehmend mehr Zeit.

Die Bewahrung einer substantiellen, durch kurzlebige Trends nicht irritierbaren und auf wissenschaftliche Autonomie bedachten Geselligkeitskultur zeigt sich an dieser Stelle auch als ein Ressourcenproblem. Nicht zuletzt leidet die marktgerechte Bolognauniversität unter einem Mangel an disponibler Zeit ihrer akademischen Akteure. Der Band zeigt an einem Thema, das nicht unbedingt im Rampenlicht der Hochschulforschung steht, auf, in welch prekärer Lage sich die Universität gegenwärtig befindet. Wer sich akademisch starke Universitäten, eine leistungsfähige Wissenschaftskultur und ein geistig anregendes Studienklima für die junge Generation wünscht, den kann diese Diagnose nicht unberührt lassen. Wie sich die prekäre Lage zum Besseren wandeln lässt, ohne in Nostalgie oder Verklärung alter Zeiten zu verfallen, bleibt am Ende allerdings offen – oder dem geselligen Austausch an anderer Stelle aufgegeben.

(Erstveröffentlichung: Burschenschaftliche Mitteilungen der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg und der Burschenschaft Alemannia zu Leipzig, Heft 1/2018)

Rezension: Parteien und Korporationen

„Als Auffrischung darüber, wie selbstverständlich das Verbindungswesen bis zur NS-Zeit in allen Parteien vertreten war, ist es ein interessantes Buch. Es wäre aber schön, wenn in allen Parteien ein solcher Bekenntnismut bestehen würde.“

Thilo Lambracht im CORPS-Magazin 2/2018 (S. 35) über das Werk „Rote Fahnen, bunte Bänder“ (hg. v. Manfred Blänkner u. Axel Bernd Kunze, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016).

Die ganze Rezension ist online zu lesen unter: http://www.die-corps.de/pageflip/CorpsMagazin_2018-2/index.html#corpsmagazin_2018_2_neu_ansicht/page/34-35

LESEPROBE: Aktuelle Herausforderungen unserer Demokratie – beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive

EINLEITUNG

aus:

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; 13), Bonn 2018, 164 Seiten; ISBN 978-3862691487.

Bestellmöglichkeit: https://www.scm-shop.de/bildung-in-der-demokratie.html

 

Die Geschichte der deutschen Nationalstaatsbildung zeigt, dass der staatstheoretische und der bildungstheoretische Diskurs von Anfang an eng miteinander verflochten waren. So wurde etwa die Idee der Burschenschaft geboren aus der Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem einen Deutschland, und seiner inneren Freiheit. Zunächst war die deutsche Nation allerdings nur im geistigen Bereich zu haben, wie es Friedrich Schiller in seiner Prosa­skizze „Deutsche Größe“ in Worte gefasst hat: „[…] und wenn auch das Imperium untergegangen, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. […] Sie ist eine sittliche Größe / sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.“ Die deutsche Kulturnation war entstanden; die Bildungsidee geriet nach dem Untergang des Alten Reiches gleichsam zur „Fortsetzung der Reichsidee mit anderen Mitteln“. Die weitere Geschichte der Burschenschaft ist untrennbar verwoben gewesen sowohl mit dem Kampf um geistig-akademische Freiheit als auch mit dem Ringen um nationale Einheit.

Jede Gesellschaft braucht eine symbolische Vorstellung von sich selbst. Eine solche lebendig zu erhalten, ist nicht unwesentlich – wenn auch keineswegs ausschließlich – eine Bildungsaufgabe. Dass uns hierzulande die Pflege unserer eigenen Kultur alles andere als leicht fällt, hat das letzte runde Jubiläum der Gründung der Urburschenschaft vor zweihundert Jahren in Jena gezeigt: Man muss keineswegs Burschenschafter sein, um diesem Datum Bedeutung für unser Gemeinwesen beizumessen – sollte man meinen. Immerhin stehen zwei der wichtigsten Nationalsymbole, Nationalhymne und Nationalflagge, mit diesem Ereignis in Verbindung.  Dessen eingedenk, ist die Nichtbeachtung dieses Jubiläums durch unsere Verfassungsorgane und den größeren Teil der Öffentlichkeit mehr als fragwürdig gewesen.

Ein Land, das sich seiner eigenen Tradition und seiner eigenen Identität nicht mehr bewusst ist, verliert an geistiger Vitalität und schöpferischer Kraft. Wir sehen das unter anderem an der Empörungs- und Moralisierungsrhetorik, die sich in die politische Debatte eingeschlichen hat (vgl. Körtner 2017). Ein solches Land verliert aber auch an Integrationskraft – weil eine überzeugende Kultur fehlt, in die hinein Integration überhaupt möglich wäre. Dies alles sind schlechte Vorzeichen für die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir gegenwärtig stehen. Die geistig-moralischen Grundlagen unseres Gemeinwesens müssen gepflegt werden, wenn die Aufgabe geistiger Selbstbehauptung gelingen soll – und diese Aufgabe wird in den nächsten Jahren nicht kleiner, sondern größer werden.

Der genannte Zusammenhang ist nur ein Beleg dafür, wie sehr politische und Bildungsfragen miteinander verknüpft sind. Wir tragen soziale Verantwortung für Werte und Normen, Sitte und Brauchtum, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Tradition und Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln.

Es wird nicht gelingen, trennscharf zwischen unaufgebbaren Werten und historisch wandelbaren kulturellen Prägungen, Routinen, kollektiven Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken zu unterscheiden, wie es der im schweizerischen Freiburg lehrende Sozialethiker Daniel Bogner jüngst vorgeschlagen hat. Erstere sind nicht ohne letztere zu haben – und umgekehrt. Dass sich Kultur historisch wandelt, ist eine triviale Aussage. Mit dem Wandel kultureller Prägungen, Routinen, kollektiver Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken werden sich auf Dauer auch gesellschaftliche Orientierungswerte wandeln. Daher brauchen wir einen offen und fair geführten Diskurs darüber, was unser Zusammenleben bestimmen soll – und was eben auch nicht.

Jedes Gemeinwesen, das stabil bleiben will, braucht einen gesellschaftlichen Mindestkonsens. Wichtig sind zunächst einmal zentrale Spielregeln einer formalen Sittlichkeit. Zu diesen müssen wir uns als Gemeinwesen verbindlich bekennen, diese müssen wir deutlich einfordern und diese muss der Staat auch bereit sein durchzusetzen. Es geht beispielsweise um eine gewaltfreie Streit- und Debattenkultur, ein robustes Maß an Ambiguitätstoleranz, den Willen zu Verständigung und Toleranz, Fairness und gegenseitigen Respekt, Achtung vor der Verfassung und den unveräußerlichen Rechten anderer.

Allerdings genügt ein Gerüst formaler Verfahrensregeln, wie dieses etwa im Modell eines Verfassungspatriotismus propagiert wird, allein nicht. Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen unterfüttert werden durch ein Fundament emotional gestützter, konkret gelebter Orientierungswerte. Diese bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag und sind Ausdruck gemeinsamer Identität. Man kann von einem Vorrat an kulturellen Selbstverständlichkeiten sprechen, der uns im Alltag den Rücken freihält. An dieser Stelle ist durchaus der umstrittene Begriff „Leitkultur“ zu verwenden, womit noch nichts darüber ausgesagt ist, wie diese abgesteckt werden kann. Leider haben wir in den politischen Debatten alles dafür getan, diesen Begriff klein zu reden. Dass eine solche „Leitkultur“ nicht statisch sein kann, ist eine triviale Erkenntnis. Und selbstverständlich sollte eine Leitkultur so offen formuliert werden, dass sie dem heutigen Freiheitsempfinden gerecht wird. Aber Liberalität ist keinesfalls eine Erfindung unserer Tage, damit hat unsere westliche Gesellschaft schon länger Erfahrung – und das ist auch gut so. Sie war möglicherweise in bestimmten Bereichen früher sogar größer als heute.

Denn wo kulturelle Gemeinsamkeiten, gegenseitige Verbundenheit und wechselseitig übernommene Verpflichtungen schwinden, wo das Vertrauen in intuitiv gewusste, unproblematisch gelebte Gemeinsamkeiten verloren geht, gehen letztlich Freiheitsräume verloren. Ein Gemeinwesen, in dem man sich nicht mehr aufeinander verlassen kann, muss kontrollieren, regulieren und steuern. Daher ist es keineswegs belanglos, wie sich ein Staatsvolk zusammensetzt. Daher sollten Integrationsprobleme in einem Gemeinwesen nicht aus taktischen Gründen verharmlost werden. Vor ihnen die Augen zu verschließen, wird sich über kurz oder lang rächen.

Integration zählt grundsätzlich zu den gesellschaftlichen Funktionen von Schule. Allerdings wird die Schule dieser Aufgabe nur dann pädagogisch gerecht, wenn sie diese mit individuellen Funktionen verbindet, beispielsweise der Aufgabe persönlicher Identitätsbildung. Bildung befähigt den Einzelnen zur Selbstbestimmung, hilft ihm, sich zu den Bedingungen der eigenen Sozialisation zu verhalten, und ermöglicht ihm, sich Alternativen zu erschließen. Dabei soll der Einzelne ein bewusstes Verhältnis zur eigenen Kultur aufbauen. Das Verständnis der eigenen Kultur wird dadurch befragbar sowie differenzierter und wird sich dadurch auch wandeln. Schule kann diesen Prozess der Auseinandersetzung nicht erzwingen, aber sie kann wichtige Anstöße dafür geben.

Diese Integrationsaufgabe von Schule darf einerseits sicher nicht unterschätzt werden, aber sie ist andererseits auch kein Selbstläufer, der politisch beliebig steuerbar wäre. Schule braucht für ihre Erziehungs- und Integrationsaufgabe politischen und gesellschaftlichen Rückhalt und dann auch die notwendigen Ressourcen. Wir können Schule und Lehrerschaft nicht beständig mit neuen Aufgaben überfordern, wenn das Kerngeschäft des Unterrichts am Ende nicht leiden soll. Nur ein Alarmsignal soll hier exemplarisch genannt werden: In Frankfurt haben sich Anfang Februar 2017 fünfundsiebzig Rektoren und Konrektoren mit einem Offenen Brief zu Wort gemeldet, weil die Folgen der unbewältigten Flüchtlingswelle an den Schulen zu einer kaum noch zu bewältigenden Arbeitsbelastung der Lehrer geführt haben. Ferner litten die Schulen, so die Unterzeichner, unter den Auswirkungen unausgegorener Inklusionskonzepte und der Tatsache, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben zu übernehmen habe, für die eigentlich die Familie zuständig sei. Junge Lehrer wollten in der Folge kaum noch eine Stelle in der Großstadt Frankfurt annehmen, so die Schulleiter.

Viel wird davon abhängen, inwieweit Schule zentrale Elemente einer integrativen, überzeugenden Kultur und Wertordnung auch selbst vorlebt. Viele Elemente einer Willkommenskultur in der Schule oder Interkulturellen Pädagogik wirken am Ende dann doch recht hilflos. Angesichts der derzeitigen Integrationsherausforderungen genügt es nicht, einmal ein interkulturelles Schulfest zu veranstalten oder in mehreren Sprachen „Herzlich willkommen“ an die Schultür zu schreiben. Ganz zentral bleibt die Aufgabe, die Verkehrssprache zu erlernen – die wichtigste Voraussetzung, damit keine Parallelgesellschaften entstehen. Desintegration oder Entfremdung zeigt sich mitunter erst in der zweiten oder dritten Generation, wenn die Erinnerungen an die Fluchtumstände verblassen. Die Aufgabe, die hier zu stemmen ist, wird meines Erachtens gegenwärtig noch unterschätzt. Ein erster notwendiger Schritt wäre mehr Realismus in der Integrationsdebatte, der kulturelle und religiöse Unterschiede nicht kleinredet, sondern offen beim Namen nennt.

Der vorliegende Band beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive exemplarisch aktuelle Bildungsaufgaben, vor  denen unser demokratisches Gemeinwesen derzeit steht. Dahinter steht die Überzeugung, dass nur eine Bildung, die den Einzelnen zur Freiheit befähigt, und eine Bildungspraxis in unseren Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen, die selbst vom Kerngedanken der Freiheit durchdrungen ist, unserem Zusammenleben in Staat und Gesellschaft zum Besten gereicht. Pädagogischer Widerspruch sollte überall dort formuliert werden, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sie muss erst von uns gestaltet werden – unter Bedingungen und Herausforderungen, von denen niemand vorgeben sollte, sie bereits im Voraus zu kennen. Diese Zukunft zu meistern, bedarf es der Freisetzung der Einzelnen. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln, die über Konvention, Anpassung, Routine und Epigonentum hinausgeht, wird nur eine Pädagogik wecken können, die ihre pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft und die sich ihren pädagogischen Eigensinn politisch nicht nehmen lässt.

Das Auftaktkapitel formuliert einleitend Fragen an den gegenwärtigen Zustand unserer repräsentativen Parteiendemokratie (Kap. II). Anschließend wird aufgezeigt, inwiefern Demokratie ein pädagogisches Thema ist (Kap. III). Dabei wird unterschieden zwischen Demokratie als Bildungsaufgabe und einer Erziehung zur Demokratie. Das folgende Kapitel fragt nach den Chancen, aber auch Grenzen demokratie- und menschenrechtspädagogischer Konzepte in der Lehrerbildung (Kap. IV). Im fünften Kapitel werden aktuelle Veränderungen, die Schule und Hochschule im Zuge der gegenwärtigen Bildungsreformdebatte ergriffen haben, einer pädagogischen Kritik unterzogen (Kap. V). Hierauf aufbauend, werden grundlegende Prinzipien einer eigenständigen pädagogischen Berufsethik dargelegt (Kap. VI). Inwieweit gegenwärtige bildungspolitische Entwicklungen dem Anspruch der Freiheit, wie er dem liberalen Rechts- und Verfassungsstaat zugrunde liegt, gerecht werden, wird an zwei Prüfsteinen exemplarisch diskutiert: dem Umgang mit dem Elternrecht (Kap. VII) und der Inklusionsdebatte (Kap. VIII). Abschließend wird vor dem Hintergrund aktueller migrations- und integrationspolitischer Herausforderungen diskutiert, welche Rolle Religion im Bildungssystem spielen sollte (Kap. IX).

Der Band basiert auf verschiedenen Vorarbeiten, die für die Drucklegung überarbeitet, angepasst und teilweise neu zusammengestellt wurden. In der Regel handelt es sich dabei um Vorträge, die an verschiedenen Orten diskutiert wurden. Auch wenn diese aus ganz unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, geben sie zusammen eine Antwort darauf, warum Staat und Gesellschaft auf Bildung nicht verzichten können. Allerdings bleibt es wichtig, dass der Eigensinn jeder Pädagogik nicht durch politische Zwecke absorbiert wird.

Bildung ist das Vermögen des Einzelnen, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu seiner Umwelt einzunehmen. Bildung ist das Vermögen des Menschen, sich selbst als Urheber eigener Willensbildungsprozesse zu erfahren und eigene Geltungsansprüche zu erheben: „Anders verhält es sich aber, wenn wir (nachträglich) erfahren, dass unsere Willensbildungsprozesse unter dem manipulativen Einfluss anderer Personen standen. […] Das ist […] dann der Fall, wenn der andere auf unseren Willensbildungsprozess in einer Weise Einfluss gewinnt, die zu einem Kontrollverlust führt.“ (Tiedemann 2006, S. 126 f.) Daher ist Bildung als Menschenrecht geschützt: nicht in erster Linie aufgrund gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Erwartungen, sondern um der Freiheit des Einzelnen willen. Der Mensch vermag nicht einfach zu „existieren“. Er ist weder allein festgelegt durch seine natürlichen Anlagen noch durch die Einflüsse seiner Umwelt. Vielmehr muss er selbst entscheiden: Wer will ich sein? Was will ich aus mir machen? Wie will ich leben? Im Bildungsprozess entfaltet der Mensch seine Mündigkeit, seine Individualität und seine Persönlichkeit.

Unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft lebt von dieser Freiheit der Einzelnen. Nur aus der Erfahrung geistiger Integrität und Unabhängigkeit heraus wird der Einzelne dazu fähig, Verantwortung zu übernehmen und sich für Erhalt, Gestaltung und Weiterentwicklung des gemeinsamen Zusammenlebens einzusetzen.

Ich danke allen, die mich ich in den vergangenen Jahren eingeladen haben, über die genannten Themen zu sprechen und nachzudenken, mit denen ich diskutieren und streiten durfte – viele Gedanken zu einer Pädagogik, die selbst nicht politisch  ist, aber gerade deshalb politisch relevant ist, haben sich auf diese Weise klären und weiterentwickeln lassen.

 

Verwendete Literatur

Daniel Bogner: Wechselseitige Integration. Kann Religion eine Integrationsressource sein?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration, Freiburg i. Brsg. 2017, S. 149 – 162, hier: 159.

Andreas Fisch: Gesetzestreue – Verfassungspatriotismus – Leitkultur. Wie entwickelt sich Zusammenhalt in einer Einwanderungsgesellschaft?, in: Ders., Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenhalt – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 325 – 356.

Andreas Fisch, Axel Bernd Kunze: Streitgespräch II: Die Rolle von Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration, in: Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 199 – 209.

Ulrich H. J. Körtner: Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017.

Friedrich Schiller: Deutsche Größe [1801], in: Schillers Werke. Nationalausgabe, 2. Bd., Teil 1: Gedichte in der Reihenfolge ihres Erscheinens 1799 – 1805 – der geplanten Ausgabe letzter Hand (Prachtausgabe) – aus dem Nachlaß (Text), herausgegeben von Norbert Oellers, Weimar 1983, S. 431 – 436, hier: 431.

Paul Tiedemann: Was ist Menschenwürde? Eine Einführung, Darmstadt 2006, S. 126 f.

Neuerscheinung: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

Unsere Demokratie ist in Bewegung geraten. Ein neuer Band reflektiert die aktuellen Herausforderungen unseres
politisch-gesellschaftlichen Zusammenlebens aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive:

Axel Bernd Kunze:

Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

(Pädagogik in Europa in Geschichte und Gegenwart; 13),

Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 2018, 164 Seiten.

Pädagogik ist nicht selbst politisch, aber politisch relevant – durch das, was sie dem Einzelnen mitgibt. Indem Bildung zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln befähigt, ist sie für Demokratie unverzichtbar. Umgekehrt wird sich nur ein demokratisch verfasster Staat politisch mündige Bürger wünschen und auch ertragen können.
Pädagogischer Widerspruch ist dort notwendig, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sondern muss erst noch entworfen werden – unter Herausforderungen, die wir heute noch nicht überblicken können. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit wird nur eine Pädagogik wecken können, die sich ihren pädagogischen Eigensinn bewahrt und ihre eigene pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft.
Streitbar, kritisch und unkonventionell diskutiert der Band aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive aktuelle Bildungsaufgaben, vor denen unser Gemeinwesen steht: von einer Erziehung zur Toleranz über gesellschaftliche Integration und Inklusion bis zum Umgang mit religiöser Vielfalt.

Der Verfasser ist promovierter Sozialethiker und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik und lehrt als Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung. Daneben ist er in München und Heilbronn als Lehrbeauftragter für (berufs-)ethische Fragen in der Sozialen Arbeit tätig.

Jahresrückblick 2017

Nachdem auch die letzten Publikationsnachträge aus dem Vorjahr erschienen sind, ist der Jahresrückblick mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Hinweisen zu meinen sonstigen pädagogischen und sozialethischen Tätigkeiten aus dem Jahr 2017 online. Sie finden diesen hier.

Für Anfragen oder Rückmeldungen stehe ich gern zur Verfügung. Ich freue mich, wenn Sie meine pädagogische und sozialethische Tätigkeit auch weiterhin interessiert begleiten.

Schlaglicht: Die Titellehre von Privatdozenten – ein Anachronismus?

„Die Titellehre – ein Anachronismus?“, fragt Sascha Sven Noack in der aktuellen Märzausgabe der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ des Deutschen Hochschulverbandes (S. 230 f.). Sein Beitrag bezieht sich auf ein Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes von Ende 2017. Das Gericht stellt die bisherige Praxis nicht grundsätzlich in Frage, mahnt aber an, dass Lehrveranstaltungen, die im Rahmen bestehender Prüfungsordnungen angeboten werden und damit von öffentlichem Interesse seien, auch vergütet werden müssten. Der Autor sieht nach dem Urteil durchaus Anlass, die Titellehre neu in den Blick zu nehmen. Doch die Fragen reichen weiter, als von ihm skizziert.

Wir erleben gegenwärtig, dass jahrzehntelang eingespielte Mechanismen auf den Prüfstand gestellt werden, sei es der NC für Mediziner oder das Streikverbot für Beamte. Man mag diese Entwicklung bedauern oder begrüßen. Es gibt aber mindestens genauso viele gute Gründe, über die konkrete Ausgestaltung der Titellehre neu nachzudenken. Es ist grundsätzlich unehrenhaft, wenn eine erbrachte Leistung nicht vergütet wird. Bereits die Habilitation und das Aufrechterhalten der Bewerbungsfähigkeit des Habilitierten sollten von öffentlichem Interesse sein, nicht erst die Prüfungsrelevanz der erbrachten Titellehre. Bei der Prüfung ihrer Verhältnismäßigkeit muss die Verdichtung vieler akademischer Berufe berücksichtigt werden. Eine nebenberufliche Lehr- und Forschungstätigkeit fällt immer schwerer und wird von Politik und Trägern oft auch gar nicht mehr gewünscht. Die neue Studienstruktur erschwert mancherorts das Abhalten von Blockseminaren. Befreiungen von der Titellehre sollten daher im Sinne der (auch gesundheitlichen) Fürsorgespflicht großzügig gehandhabt werden. Da Lehrveranstaltungen an Fachhochschulen, Fach- und Meisterschulen auf Stufe 6 des DQR dem universitären Bachelor im Kompetenzerwerb gleichgestellt worden sind, ist es nicht mehr plausibel, dass diese nicht auf die Titellehre angerechnet werden. Gleiches gilt für Lehraufträge, da Universitäten mittlerweile selber berufsqualifizierende BA-Studiengänge anbieten, die von den eigenen Dienstherrn im Tarifrecht als nichtwissenschaftlich eingestuft werden.

Tagungsbericht: „200 Jahre Wartburgfest“ am 21. Oktober 2017 in Eisenach

Die Zeitschrift „Der Burschenschafter“ berichtet in Heft 1/2018 über das Wissenschaftliche Symposium der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung (GfbG) „200 Jahre Wartburgfest“, das am 21. Oktober 2017 in Eisenach stattfand (2. Jahrgang, H. 2/2018, S. 72 f.):

„Der GfbG gelang es mit dem Symposium einem hohen Anspruch gerecht zu werden. Das 200. Jubiläum des Wartburgfestes wurde dadurch nicht nur gewürdigt, sondern es konnte in die deutsche Geschichte eingeordnet werden.“ (Der Burschenschafter 1/2018, S. 73)

Die Vorträge sollen 2018 in einer Festschrift erscheinen, herausgegeben von Harald Lönnecker und Klaus Malettke. Darunter auch Beiträge zum christlichen Teil der burschenschaftlichen Bewegung:  https://bildungsethik.wordpress.com/2017/10/23/jubilaeum-200-jahre-wartburgfest/

„Der Vormittag wurde […] abgerundet von PD Dr. Axel Bernd Kunze […]. Der Pädagoge und Sozialethiker sprach zum Thema ‚Die christliche Burschenschaft, Entstehung und Entwicklung‘. [Das Wartburgfest war letztlich auch] Ausgangspunkt jener christlich-korporativen Gemeinschaften, die Teile der burschenschaftlichen Ideen aufgriffen und besonders betonten, andere dagegen ablehnten, vornehmlich den Waffengebrauch.“ (Der Burschenschafter 1/2018, S. 72)

Kommentar: Theologie ohne Kreuz …

… Ein neues Dogma – im Namen der Pluralität?

An der Wiener Universität sollen die Kreuze aus den theologischen Hörsälen verschwinden (Jan-Heiner Tück: Gegen die weiße Wand, in: FAZ v. 15.02.2018, S. 9). Die liberale Gesellschaft frisst ihre Kinder. Vorbei die Zeiten, in denen es darum ging, unterschiedliche Weltanschauungen im öffentlichen Raum sichtbar werden zu lassen, damit diese in einen fairen Wettstreit der Argumente treten können. Die vermeintlich plurale Gesellschaft verlangt Unterwerfung unter ihr egalitaristisches Dogma. Wer hiervor nicht die Knie beugt, wird zum Ketzer erklärt. Um der Pluralität willen wird die gesellschaftliche Vielfalt im Namen ihrer links-liberalen Priester abgeschafft. Früher nannte man das totalitär. Es ehrt den Verfasser, Jan-Heiner Tück, wenn er als Theologe die Anstößigkeit des Kreuzes zumindest als Leerstelle erhalten will – für die Verteidigung der Freiheit und ihrer geistigen Grundlagen bleibt es allerdings viel zu zahm.