Neuerscheinung: Staat – Identität – Recht. Konfliktlinien in der aktuellen politikethischen Debatte

Am 16. Mai 2019 ist die zweite Ausgabe der Zeitschrift LIMINA – Grazer theologische Perspektiven erschienen. Das Themenheft trägt den Titel „Neue Nationalismen und die Vision der einen Menschheit“. Die Zeitschrift, deren Beiträge im „Double-blind Peer-Review“ entstanden sind, ist online frei zugänglich:

http://unipub.uni-graz.at/limina

Der Bonner Bildungsethiker Axel Bernd Kunze beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Themen Staat – Identität – Recht. Konfliktlinien in der aktuellen politikethischen Debatte (2. Jahrgang, Heft 1/2019, S. 83 – 108). Im Abstract heißt es:

Die Migrationskrise hat bestehende Konfliktlinien innerhalb der Sozialethik deutlich hervortreten lassen. Die sozialethische Reflexion konzentriert sich immer stärker auf die Gesellschaft. Staatsethische Fragestellungen verlieren an Bedeutung; tugendethische Begriffe werden in der neueren politischen Etik zunehmend als normethische Kategorien verwendet. Die Folgen dieser Perspektivveränderung zeigen sich in einem normativen Individualismus. Der Beitrag betont gegenüber diesen Entwicklungen innerhalb der sozialethischen Disziplin die notwendige Rechtsfunktion des Staates als Grundlage eines humanen, an den Menschenrechten orientierten Gemeinwesens; dabei werden sozialethische und rechtswissenschaftliche Perspektiven miteinander verbunden.

The migrant crisis has laid already existing divisions within social ethics open. Social ethics is more and more concerned with society while ethical issues of the state are overlooked. The new political ethics increasingly uses virtue -ethical terms as categories of normative ethics. The consequences of this change in perspective are a normative individualism. In light of these developments in social ethics, this article highlights the necessary legal function of the state as the basis for a human community with respect for human rights. Here, social ethical and legal standpoints and approaches are combinend to investigate this issue.

 

Veröffentlichung: Josef Kraus verteidigt „Die Neue Ordnung“

Sprachgewaltig und streitbar, wie man ihn kennt, hat sich Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in „Tichys Einblick“ zum Boykottaufruf der deutschsprachigen Sozialethiker gegen die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ geäußert. Die Wochenzeitschrift „Die Tagespost“ greift seine Stellungnahme auf:

https://www.die-tagespost.de/politik/Josef-Kraus-verteidigt-Ockenfels-Zeitschrift-Neue-Ordnung;art4685,197219

Die aktuelle Kontroverse zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Das geistige Klima in unserem Land befindet sich in keiner guten Verfassung – aber dagegen gibt es keine „Klimademos“. Wenn ich die gegensätzlichen Reaktionen für und wider die „Erklärung“ verfolge, drängt sich mir der Eindruck auf, diese kommen zwar aus einem Land und dennoch aus zwei „Welten“ – aus Welten, die sich gesprächs- und verständnislos gegenüber stehen. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist nicht mehr erkennbar.

 

Schlaglicht: Es geht um die Freiheit – Gedanken (nicht allein) zum Jubiläumsjahr der Karlsbader Beschlüsse

Mitte März veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik – unter dem euphemistischen Titel „Erklärung“ – einen Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“. Die traditionsreiche Zeitschrift wird vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg e. V. herausgegeben (und nicht, wie mitunter suggeriert wird, von den Dominikanern). Der Boykottaufruf hat deutliche Kritik hervorgerufen, wie beispielsweise im Deutschlandfunk und in der „Tagespost“ zu hören und zu lesen war – und das zu Recht.

Hier geht es nicht um eine einzelne Zeitschrift und deren aktuelle Ausrichtung, zu der man stehen mag, wie man will. Es geht um die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit in unserem Land. Und es geht um die Frage, ob ein (angst-)freier, offener und plural geführter Diskurs in der Kirche noch eine Chance hat. Im Raum steht die Frage, ob wir bereit sind, für zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates und die Grundkoordinaten einer freiheitlichen Gesellschaft zu kämpfen. Diese Prinzipien schließen auch einen robusten Minderheitenschutz für publizistische Positionen außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams ein.

Die Publikationsfreiheit ist nicht grenzenlos. Aber diese Grenzen werden im Rechtsstaat durch das Presse- und Strafrecht gezogen und müssen gerichtlich kontrollierbar bleiben. Ansonsten bleibt in Wissenschaft wie Publizistik der streitbare, mitunter hart geführte Kampf um das bessere Argument das legitime Mittel der Auseinandersetzung. Und dieser argumentative Streit kann auch gegen Positionen geführt werden, die in der „Neuen Ordnung“ vertreten werden.

Doch genau diese Auseinandersetzung scheuen die Urheber der „Erklärung“. Freiheit ist kein fester Besitz, um sie muss immer wieder neu gerungen werden. Daran sollten wir im Jubiläumsjahr der Karlsbader Beschlüsse einmal mehr denken. Die Freiheit ist heute allerdings nicht allein durch staatliche Eingriffe bedroht. Wo Wissenschaftler und Publizisten selbst die Verfolgung des heterodoxen Geistes in ihren eigenen Reihen organisieren, droht eine vollkommene Ächtung missliebiger Personen. Noch schlimmer als die Verfolgung der Presse kann sich eine Verfolgung durch die Presse erweisen. Wer sich sonst zu Recht gegen Einmischungen der Kirchenleitungen in die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit wehrt, sollte genauso hellhörig sein, wenn inquisitorische Mittel aus den eigenen Reihen gegen missliebige Kollegen eingesetzt werden.

Die Kontroverse um die „Neue Ordnung“ zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Das geistige Klima in unserem Land befindet sich in keiner guten Verfassung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ geholfen hat mit zu gründen, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar. Den notwendigen Grundkonsens, auf den unsere freiheitliche Staats- und Gesellschaftsordnung angewiesen bleibt, wieder zu stärken, wird aber nicht mit einem „Totalitarismus der Mitte“, wie mir ein befreundeter Publizist dieser Tage schrieb, gelingen. Wissenschafts- oder Publizistenverbände, die dazu schweigen oder – schlimmer noch – damit sogar sympathisieren wollten, wenn dazu aufgerufen wird, Kollegen mundtot zu machen, die Publikationsfreiheit außer Kraft zu setzen und Bibliotheken zu säubern, hätten auf ganzer Linie intellektuell wie moralisch versagt.

Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“ löst weiterhin Widerspruch aus

Der Boykottaufruf der sozialethischen Lehrstuhlinhaber im deutschsprachigen Raum gegen die vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg herausgegebenen Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ löst weiterhin deutlichen Widerspruch aus. Kritisch kommentiert hatte disesen Boykottaufruf u. a. die katholische Wochenzeitschrift „Die Tagespost“ in ihrer Ausgabe vom 28. März 2019. Eine Woche später folgen die Leserkommentare – und die fallen eindeutig aus, wie schon die Überschriften belegen: Maulkorb statt Argument; Erinnert an die Zeit vor 75 Jahren; Erzieherische Anmaßung.

Jürgen Liminski, der u. a. für den Deutschlandfunk gearbeitet hat, wird in der „Jungen Freiheit“ vom 5. April 2019 gleichfalls deutlich: „Dieser Aufruf offenbart ein Denken, das man eher in Nordkorea oder Saudi-Arabien verorten würde.“ Liminski zitiert den früheren Osnabrücker Sozialethiker Martin Spieker mit den Worten: „Ich hätte nicht gedacht, daß sich die AG Christliche Sozialethik auf dieses Niveau begibt. […] das riecht schon sehr nach Bücherverbrennung.“ Der Boykottaufruf zeigt für Liminski, wie es um die wissenschaftliche Debatte im gesellschaftlich gespaltenen Deutschland bestellt ist: „Es wäre eigentlich die Aufgabe der Intelligenzija eines Landes, solche irrationalen Prozesse zu dämpfen und zu versachlichen. Das geschieht in der Zunft der christlichen Sozialethiker offenbar nicht (mehr).“ Der Chefredakteur der „Neuen Ordnung“, P. Wolfgang Ockenfels OP, wolle sich, wie es im Beitrag heißt, vorerst nicht äußern. Liminski liest sein neues Editorial in der aktuellen Ausgabe der „Neuen Ordnung“, das sich mit dem Fall Relotius beim Hamburger Magazin „Spiegel“ beschäftigt, allerdings als ein indirektes Statement – Ockenfels schreibt: „Es ist die sozialpsychologisch interessante Verbindung von deutscher Sentimentalität und Brutalität. Das passende Format dazu liefert die quasireligiöse Inbrunst, mit der sachliche Fragen wie Immigration und Klimawandel in den Status von Glaubensentscheidungen erhoben werden. Wer in solchen, empirisch falsifizierbaren und revidierbaren Fragen es sich frecherweise erlaubt, anderer begründbarer Auffassung zu sein, riskiert den Ausschluss aus einer religiös-politischen und auch wissenschaftlichen Kommunität.“ Liminskis Fazit lautet am Ende: „Man will die alte Ordnung der linksliberalen Gesellschaft bewahren und koste es die christliche Wahrheit.“ Und – so bleibt anzufügen: die Freiheit.

Vor diesem Hintergrund erhält der Appell des Papstes auf seiner Marokkoreise, den die F.A.Z. am 1. April 2019 zitiert, eine ganz neue Bedeutung. Der sozialethisch fragwürdige UN-MIgrationspakt wirft seine Schatten. „Die Länder, die Flüchtlinge aufnähmen,“ – so zitiert die F.A.Z. den Papst – „würden durch deren Beitrag bereichert, sofern dort ‚jede Art vo Diskriminierung und jedes fremdenfeindliche Geühl‘ verhindert werden.“ Dies eröffnet ein breites Feld für Einschränkungen der Presse-, Publikations- und Meinungsfreiheit. Ein Staat, der die Gefühle seiner Bürger administrativ-polizeilich steuert, um kritische Gedanken unterdrücken zu wollen, ist auf Dauer kein Ort der Freiheit mehr. Gerade im „Jubiläumsjahr“ der Karlsbader Beschlüsse sollte dies zu denken geben …

 

Diskussion um die „Erklärung“ der AG Christliche Sozialethik geht weiter

Die gegen „Die Neue Ordnung“ gerichtete „Erklärung“ der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik findet innerhalb der „scientific community“ keinesfalls ungeteilte Zustimmung. Im Wissenschaftsportal „Academia“ fordert ein Beitrag die Urheber auf, den Boykottaufruf zurückzuziehen – um der Freiheit der wissenschaftlichen, durchaus streitbaren Debatte willen:

„The AG katholische Sozialethik which represents the senior researchers of catholic social ethics in German speaking countries has published an open attack against the editor of the renowned journal »Die Neue Ordnung« considering that this journal be removed from the libraries and suggesting that the editor (Pater Ockenfels) be reprimanded by his order. The index librorum prohibitorum comes up again…
Here is an appeal to the AG to take up again and to enjoy the risk of an open academic debate. If points of view proposed in »Die Neue Ordnung« are wrong, misleading, even ethically suspect, then demonstrate that by good research! The better view will be successful in a free debate without censorship!“

https://www.academia.edu/38670544/Against_academic_censorship

Zwei Kommentarstimmen zum Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“

Die Diskussium um die „Erklärung“ der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen „Die Neue Ordnung“ und deren Chefredakteur, Pater Ockenfels, geht weiter. Hier Auszüge aus zwei aktuellen Kommentaren, die sich kritisch mit dem Boykottaufruf der deutschsprachigen Sozialethiker auseinandersetzen:

„Niemand muss die Positionen von Pater Ockenfels teilen. Er aht aber so wie jeder andere auch verdient, dass man sich mit seinen Argumenten auseinandersetzt. Eine solche Auseiandersetzung quasi per Dekret zu untersagen und dies noch mit einem Bekenntnis zur Pluralität des Faches zu verbinden, ist nicht nur unwissenschaftlich, es zeugt auch von einem geringen Reflektionsgrad [sic!] der Handelnden. Was allerdings stark ausgeprägt ist, ist deren Machtbewusstsein: Die Arbeitsgemeinschaft repräsentiert die große Mehrheit ihres Faches. sie könnte also mit großer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, dass es eben auch katholische Sozialethiker gibt, die andere Positionen vertreten. Das wäre echte Toleranz. Stattdessen setzt man auf öffentliche Ächtung. Trotzdem: […] Die Aktivitäten seiner ‚Kollegen‘ zeigen, dass sie ihn offenbar lesen, obwohl sie sich ärgern. Ein starker Beleg für die Relevanz der Zeitung und deren publizistischer Linie.“

Sebastian Sasse in der „Tagespost“ vom 28. März 2019.

https://www.die-tagespost.de/politik/pl/Kommentar-Maulkorb-statt-Argument;art315,196843

Bildergebnis für Forum Sozialethik

„Etwas gründlicher hätten Sie sich auch überlegen müssen, ob Sie wirklich eine Säuberung von Bibliotheken fordern wollten. Mir scheint die gesamte Erklärung stark von autoritärem Denken geprägt. Würde eine Ausgrenzungshandlung wie diejenige, die Sie anstreben, von rechtsautoritären Kreisen prakti­ziert (etwa im Sinne eines repressiven Antikommunismus), gäbe es vermutlich einen Aufschrei. Einen kaum sehr guten Eindruck macht auch der zarte Hinweis an den Orden, sich doch einmal Gedanken zu machen, wie man mit der Persona non grata Ockenfels verfahren könne. Hier verbünden Sie sich unverhohlen mit ekklesialen Machtstrukturen, die kritisch zu hinterfragen die christliche Sozialethik ansonsten gerne für sich in Anspruch nimmt. Es hat den Anschein, daß Herrschaftstechniken aus der Zeit der Antimodernisteneide und der indizierten Bücher durchaus bejaht werden – wenn sie nur der für gut gehaltenen Sache dienen.“

Jan Dochhorn, Associate Professor an der Durham University, im Wissenschaftsweblog „Forum Sozialethik“

https://forum-sozialethik.de/2019/03/19/sozialethikerinnen-boykottieren-rechte-zeitschrift/

PS: Mittlerweile wurden die Kommentare im Weblog des „Forums Sozialethik“ gelöscht. Bleibt die Frage, wer hier Angst vor einer offen geführten, kritischen Diskussion hat …

Debatte um Boykottaufruf deutschsprachiger Sozialethiker gegen die „Die Neue Ordnung“

Die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ wurde in der Nachkriegszeit durch die beiden Dominikaner Laurentius Siemer und Eberhard Welty – beide „Vordenker des christlich geprägten Widerstandes im Rheinland“, wie die „Tagespost“ schreibt – begründet. Sie wurden zu einer wichtigen Stimme der katholischen Soziallehre in der „alten“ Bundesrepublik. Jüngst hat die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Sozialethiker im deutschen Sprachraum zum Boykott der Zeitschrift aufgerufen. Dem aktuellen Chefredakteur, Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, werden rechtspopulistische Äußerungen vorgeworfen.

Die Mitte März veröffentlichte Stellungahme wurde zunächst wenig beachtet. Inzwischen kommt die Debatte in Gang. Die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ äußert unter Berufung auf den Bonner Emeritus und Ehrenvorsitzenden der Joseph-Höffner-Gesellschaft, Lothar Ross, deutliche Kritik am Vorgehen der Vereinigung sozialethischer Lehrstuhlinhaber – dort heißt es: „Lehne man sich bewusst an die mittelalterliche Inquistion an? ‚So oder ähnlich haben auch die Nazis nach 1933 aufgefordert, ’nicht bei Juden zu kaufen‘, stellt [Lothar Roos] fest.“ Die Erklärung, so zitiert die Zeitung den Bonner Sozialethiker weiter, sei unwissenschaftlich und arbeite mit bekannten Totschlagargumenten.

Der Deutschlandfunk zitiert den emeritierten Osnabrücker Sozialethiker, Manfred Spieker: Die Erklärung sei „empörend“. Auch Spieker zieht laut Deutschlandfunk – ähnlich wie sein Bonner Kollege – eine eindeutige Parallele: „Das entspricht in meinen Augen überhaupt nicht akademischen Gepflogenheit. Man soll sich auseinandersetzen mit Aufsätzen, denen man nicht zustimmt. Man muss Argumente liefern. Das entspricht einer akademischen Vereinigung. Aber nicht Forderungen stellen, die mich an die Aufforderung erinnern: ‚Bei Juden kauft man nicht‘ oder an eine Bücherverbrennung erinnern.“ Ferner weist Spieker darauf hin, dass die Urheber der Erklärung sich sonst sehr gern kirchliche Interventionen in ihre Arbeit verbitten würden, jetzt aber dasselbe gegenüber einem missliebigen Kollegen praktizierten: „Der Stil, nun ein Verdikt auszusprechen, ist grotesk. Gerade Kollegen, die sich gegen jede bischöfliche oder römische Interventionen gegen ihre wissenschaftliche Arbeit wehren würden und auch schon gewehrt haben, ausgerechnet die rufen einen Orden auf, ein Mitglied zu reglementieren. Das ist so widersprüchlich.“

Die Debatte zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Dabei geht es um mehr als um eine einzelne wissenschaftliche Zeitung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ mitbegründet hat, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar – und damit bröckelt auch der notwendige Grundkonsens über zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates, etwa Wissenschafts- und Publikationsfreiheit. Daher ist es gut, wenn sich jetzt Widerspruch gegen einen solchen Boykottaufruf regt.

 

Schlaglicht: „nicht repräsentativ“

Man mag über den kanadischen Psychologen und Kulturkritiker Jordan Peterson und dessen provozierende Thesen denken, wie man mag. Immer wieder hat Peterson durch polemische Zuspitzungen polarisiert, wenn er von „kulturellem Marxismus“, „ideologischem Marionetten-Geschwätz“ oder „Vielfalts-Inklusivitäts-Gleichheits-Mob“ gesprochen hat. Wie die F.A.Z.  am 23. März 2019 hat die Theologische Fakultät der Universität Cambridge nach Protesten ihr Angebot einer Gastdozentur für den an der Universität Toronto lehrenden Kollegen zurückgezogen. Vielsagend ist allerdings die Reaktion der Studentengewerkschaft auf diese Entscheidung. Diese äußerte sich nach Angaben der F.A.Z. „erleichtert“. Denn Petersons Positionen seien „nicht repräsentativ für die Studentenschaft“ und daher kein „wertvoller Beitrag“ für die Universität. Dies klingt wie eine ungewollte Bestätigung des Geschmähten: Die Universität soll nicht mehr ein Ort des streitbaren Ringens um das bessere Argument sein, sondern nur noch denen ein Forum bieten, die das sagen, was die Mehrheit denkt. Inklusion, auf die sich die Universität bei ihrer Entscheidung beruht und die Peterson in Frage stelle, läuft damit auf eine Gleichschaltung des öffentlichen Raumes hinaus. Der Widerspruch zum eigenen universitären Leitbild wird gar nicht mehr gesehen, wie die F.A.Z. zu Recht kritisiert. Denn in der Selbstdarstellung der Universität Cambridge heißt es, man sei eine „weltführende Forschungs- und Lehrinstitution“, welche die freie Rede fördern wolle, und zwar in einem Umfeld, „in dem sämtliche Mitarbeiter und Studenten sich in der Lage sehen sollten, überliefertes Wissen in Frage stellen sowie neue Ideen und umstrittene oder unbeliebte Meinungen ohne Sorge vor Respektlosigkeit oder Diskriminierung ausdrücken zu können.“ Nur nebenbei sei daran erinnert, dass es auch in Deutschland schon eine Regierungschefin gegeben haben soll, die ein Buch, das sie gar nicht gelesen hat, als „nicht hilfreich“ aus dem öffentlichen Diskurs verbannen wollte. Nein, Zensur findet nicht statt.

Schlaglicht: 7 Wochen ohne …

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ lautet das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche zur diesjährigen Passionszeit. Wer auf die dazugehörige Homepage geht, findet als erstes Überlegungen zur Notlüge. Nun gut, auch darüber kann man nachdenken. Aber wie sieht es mit unserer gesellschaftlichen Debatte aus!? Unsere öffentliche Kommunikation ist in vielem unglaubwürdig. Hierüber nachzudenken, scheint allerdings weniger gewollt – denn dann ginge es nicht nur um „7 Wochen ohne“, sondern um das Eingeständnis, dass wir vielleicht den so gut eingespielten Mainstream der öffentlichen Debatte einmal verlassen sollten, der sich doch so gut eingespielt hat – und bei dem die Kirchen kräftig mitmischen, aber nicht nur diese.

Wir diskutieren über den Klimawandel – und elektrifizieren oder digitalisieren alle Lebensbereiche. Vom elektrischen Rolladen in jedem Klassenraum bis zum interaktiven Klassenzimmer, das endlich die Kreidezeit überwunden hat. Strom kommt schließlich einfach aus der Steckdose, wie wir dank der Grünen und ihres Widerparts FJS schon lange wissen. Über den Energieverbrauch, der damit verbunden ist, redet niemand. Denn Digitalisierung ist gut, der Digitalpakt jeder Anstrengung wert. Das interaktive Whiteboard verbraucht Energie, die gute, alte Kreidetafel nicht … Aber wer wollte hier kleinlich sein, wo es doch gar nicht um den pädagogischen Nutzen geht.

Wir verschärfen den Datenschutz so, dass bestimmte Bereiche gar nicht mehr richtig handlungsfähig sind – und wir verstärken gleichzeitig die soziale Kontrolle, auch im Bildungsbereich, der eigentlich zur Selbstbestimmung freimachen sollte. Wird es bald automatisch generierte Testdaten geben, wie China es uns vormacht? Das wird auch in Deutschland kommen, gibt sich eine Vertreterin des „Education Engagements“ von Microsoft sicher. Andere Länder machen es vor, Deutschland wird sich das nicht mehr lange leisten können, wir sind in Gesprächen, sie können zuversichtlich sein … Der humanistische Individualismus ist alteuropäischer Kram und steht zum Ausverkauf.

Wir beklagen den Fachkräftemangel in Kindergärten, Pflegeheimen und Handwerksbetrieben – und tun immer noch so, als produzierten berufliche Schulen gescheiterte Lebensläufe am Fließband, wenn sie ihre Absolventen „nur“ mit einem Ausbildungsabschluss in die Welt entlassen. Wohingegen die Hochschulen mit jedem Bachelorabschluss in „Gender Studies“ an der „Knowledge based Society“ und am größten Wissensraum zwischen Lissabon und Helsinki mitarbeiten.

Und wir reden über Vielfalt und Pluralität – und rufen im Namen der Pluralität zum Boykott wissenschaftlich missliebiger Fachzeitschriften und zur Säuberung von Bibliotheken auf. Wo die Historiker vorangegangen sind, wollen die Christlichen Sozialethiker nicht abseits stehen, wie jüngst eine Erklärung zur „Neuen Ordnung“ zeigt. Alles natürlich im Namen der Freiheit. Schlimmer noch als die Zensur der Wissenschaft ist die Zensur durch die Wissenschaft.

Sieben Wochen ohne … – gar kein so schlechter Gedanke. Umkehr ja bitte, aber nicht so radikal. Denn das könnte viele Selbstgewissheiten in Frage stellen. Umkehr kann auch als ein Bildungsgeschehen verstanden werden. Ich sehe ein, dass die Welt auch ganz anders sein könnte – und werde herausgefordert, ein eigenständiges Urteil zu bilden. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat die notwendige Umkehr einmal so auf den Punkt gebracht – ein postsäkularer Gedanke, der gut zur Fastenzeit passen könnte: Denn „der freie Geist verletzt nicht nur das Tabu der Exzellenz, sondern auch das Tabu der Transzendenz. Sein Mut zur Wahrheit sprengt den Funktionalismus, die ausweglose Immanenz der sozialen Systeme. Und wenn man sieht, wie die ‚Weltgesellschaft‘ jedes Wort des Widerstands, jede Geste des Protests mühelos ins eigene Funktionieren einbaut, muss man zu dem Schluss kommen: Transzendenz ist heute der einzige subversive Begriff. Die konkrete Utopie jedes Außenseiters ist der systematische Paradigmenwechsel. Der freie Geist jedoch zielt auf die Metanoia des Einzelnen. Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.“

Rezension: Wieviel Bildung braucht die Demokratie? …

… Axel Bernd Kunze geht es bei der Beantwortung dieser Frage weder um PISA-Studien und Kompetenztraining noch um eine Agenda der politischen Bildungsarbeit zur Stärkung staatsbürgerlicher Resilienz gegenüber dem Populismus. Erfrischend altmodisch hält Kunze die Fahne eines humanistischen Bildungsideals hoch und fordert Freiheit und pädagogischen Eigensinn. […]

Auch wenn man Kunze bei der Kontroversität der Themen nicht immer zustimmen wird, lohnt sich die anregende und kurzweilige Lektüre für jeden, der sich der Frage nach dem Zusammenhang von Demokratie und Pädagogik stellen möchte. Kunze legt mit diesem schlanken Büchlein einen klugen und anregenden Debattenbeitrag vor.

Mariano Barbato, Politikwissenschaftler an der Universität Passau, in Engagement 1/2019, S. 43 f.

Bildergebnis für Kunze Bildung in der Demokratie

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn 2018.