Debatte um Boykottaufruf deutschsprachiger Sozialethiker gegen die „Die Neue Ordnung“

Die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ wurde in der Nachkriegszeit durch die beiden Dominikaner Laurentius Siemer und Eberhard Welty – beide „Vordenker des christlich geprägten Widerstandes im Rheinland“, wie die „Tagespost“ schreibt – begründet. Sie wurden zu einer wichtigen Stimme der katholischen Soziallehre in der „alten“ Bundesrepublik. Jüngst hat die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Sozialethiker im deutschen Sprachraum zum Boykott der Zeitschrift aufgerufen. Dem aktuellen Chefredakteur, Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, werden rechtspopulistische Äußerungen vorgeworfen.

Die Mitte März veröffentlichte Stellungahme wurde zunächst wenig beachtet. Inzwischen kommt die Debatte in Gang. Die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ äußert unter Berufung auf den Bonner Emeritus und Ehrenvorsitzenden der Joseph-Höffner-Gesellschaft, Lothar Ross, deutliche Kritik am Vorgehen der Vereinigung sozialethischer Lehrstuhlinhaber – dort heißt es: „Lehne man sich bewusst an die mittelalterliche Inquistion an? ‚So oder ähnlich haben auch die Nazis nach 1933 aufgefordert, ’nicht bei Juden zu kaufen‘, stellt [Lothar Roos] fest.“ Die Erklärung, so zitiert die Zeitung den Bonner Sozialethiker weiter, sei unwissenschaftlich und arbeite mit bekannten Totschlagargumenten.

Der Deutschlandfunk zitiert den emeritierten Osnabrücker Sozialethiker, Manfred Spieker: Die Erklärung sei „empörend“. Auch Spieker zieht laut Deutschlandfunk – ähnlich wie sein Bonner Kollege – eine eindeutige Parallele: „Das entspricht in meinen Augen überhaupt nicht akademischen Gepflogenheit. Man soll sich auseinandersetzen mit Aufsätzen, denen man nicht zustimmt. Man muss Argumente liefern. Das entspricht einer akademischen Vereinigung. Aber nicht Forderungen stellen, die mich an die Aufforderung erinnern: ‚Bei Juden kauft man nicht‘ oder an eine Bücherverbrennung erinnern.“ Ferner weist Spieker darauf hin, dass die Urheber der Erklärung sich sonst sehr gern kirchliche Interventionen in ihre Arbeit verbitten würden, jetzt aber dasselbe gegenüber einem missliebigen Kollegen praktizierten: „Der Stil, nun ein Verdikt auszusprechen, ist grotesk. Gerade Kollegen, die sich gegen jede bischöfliche oder römische Interventionen gegen ihre wissenschaftliche Arbeit wehren würden und auch schon gewehrt haben, ausgerechnet die rufen einen Orden auf, ein Mitglied zu reglementieren. Das ist so widersprüchlich.“

Die Debatte zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Dabei geht es um mehr als um eine einzelne wissenschaftliche Zeitung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ mitbegründet hat, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar – und damit bröckelt auch der notwendige Grundkonsens über zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates, etwa Wissenschafts- und Publikationsfreiheit. Daher ist es gut, wenn sich jetzt Widerspruch gegen einen solchen Boykottaufruf regt.

 

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