Welche Bedeutung besitzen Rituale für die pädagogische Arbeit?

Gestern hat mein Schulleiterkollege an dieser Stelle gesagt, zu einer evangelischen Schule gehöre die öffentliche Rede. In ihrer Denkschrift „Das rechte Wort zur rechten Zeit“ schreibt die EKD: Es gibt „auch den Anspruch der Öffentlichkeit auf kirchliche Äußerungen – sie hat ein Recht darauf, zu erfahren, was eine Kirche zu entscheidenden, gesellschaftlichen […] Fragen aktuell und auf Dauer geistlich beizutragen hat. Denn Gott hat sich dieser Welt zugewandt – im Geist des Dienens, der liebevollen Zuwendung.“ Nun sind wir gewiss nicht die ganze Kirche, aber eben doch eine kirchliche, evangelische Schule. Daher wollen wir Ihnen, der Schulöffentlichkeit, in der heutigen Ansprache zumindest ausschnitthaft Rechenschaft darüber geben, wie wir unsere pädagogische Arbeit verstehen und was uns als Evangelischer Fachschule für Sozialpädagogik wichtig ist.  

Der folgende Beitrag wurde am 19. Juli 2019 als Schulleitungsrede zur feierlichen Zeugnisübergabe am Ende der schulischen Ausbildung gehalten.

Wer sich bildet, ist mit dem Kernbereich seiner Person daran beteiligt. Daher ist das Verhältnis zwischen Bildung und Religion ein besonders sensibler Bereich. Pädagogische und religiöse Fragen hängen eng zusammen. Aus christlicher Sicht ist der Mensch von Gott dazu geschaffen worden, seinen Freiheits-, Vernunft- und Sprachgebrauch zu kultivieren. Reifung der menschlichen Person und Wachstum im Glauben gehören nach christlicher Auffassung eng zusammen. Eltern, Lehrer, aber auch Erzieherinnen und Erzieher haben hierbei eine gewichtige Aufgabe. Sie können nicht entscheiden, wie die Kinder und Jugendlichen, die ihnen anvertraut sind, später leben, denken und handeln werden. Aber sie beeinflussen den späteren Weg der Heranwachsenden durch das, was sie ihnen durch ihr eigenes Vorbild und durch ihre erzieherische Praxis mit auf den Lebensweg geben – oder eben auch nicht. Dies gilt auch in religiöser Hinsicht. Zunächst einmal lernt jeder Mensch die ersten ethischen Regeln von klein auf durch Nachahmung; in der Werterziehung wird es aber darauf ankommen, den Einzelnen herauszufordern, über die eigenen Entscheidungen nachzudenken, diese zu reflektieren und so die Fähigkeit zur eigenständigen sittlich-religiösen Urteilsbildung zunehmend weiter zu entwickeln. Religiöse Sprachfähigkeit sollte demnach pädagogisch gefördert werden, von klein auf. Sich der Frage nach Gott und nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen, wird nur demjenigen gelingen, welcher der Aufgabe und der Anstrengung der Bildung nicht ausweicht – gleich, ob am Ende eine konfessionell bestimmte Antwort steht oder nicht.

Je mehr Religion aus dem gelebten Alltag schwindet, desto weniger wird es oftmals möglich sein, an den religiösen Gehalt der Kultur anzuknüpfen, den die Heranwachsenden in ihrem Lebensumfeld vorfinden. Dann müssen solche Grundlagen erzieherisch erst angebahnt werden. Dabei geht es erst einmal darum, pädagogisch jene grundlegenden Vorstellungen und Kenntnisse zu legen, an welche die religionspädagogische Arbeit dann anknüpfen kann. Dabei sollte pädagogisch der Eindruck von Künstlichkeit, Banalisierung oder Verzerrung vermieden werden. Eine besondere Herausforderung stellt sich noch einmal in pädagogischen Ganztageseinrichtungen: Je mehr diese vom Lern- zum Lebensort werden, umso wichtiger wird es sein, dass Kinder und Jugendliche auch dort religiös bedeutsame Lebensformen finden können, die ihrem Streben nach religiöser Selbstbestimmung gerecht werden.

Im Folgenden soll gefragt werden, welche Rolle hierbei Rituale spielen können. Rituale finden sich nicht allein in religiösen Kontexten, sondern bestimmen zugleich unsere alltäglichen Abläufe. Nur einige Beispiele: Sie alle kennen Beispiele aus der Alltags- und Populärkultur, bei denen ein bestimmtes Event, ein Film oder eine Party gleichsam „Kultstatus“ erlangen können. Ein typisches Alltagsritual ist die gepflegte Form der Begrüßung. Das Begrüßungsritual fördert die Kommunikation, schafft Verbundenheit und bringt Wertschätzung für den anderen zum Ausdruck. Im diplomatischen Verkehr bereiten Begrüßungsrituale den Boden für gemeinsame Verhandlungen, auch über kontroverse Punkte, und schaffen die Möglichkeit zur gewaltfreien Verständigung. Im Kindergarten ist der Morgenkreis ein bekanntes Ritual. Das Essen wird in vielen Tageseinrichtungen für Kinder mit einem gemeinsamen Tischspruch, oft unter Anfassen der Hände, begonnen.

Bei Ritualen handelt sich um symbolische Handlungen, die von einer Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft nach einer bestimmten Ordnung, einem festen Ablauf, wiederholt und durchgeführt werden. Ein Ritual wiederum besteht aus mehreren kleineren Sinneinheiten, etwa festgelegten Worten, Gesten oder Zeichen. Rituale sind kulturelle Handlungen, die für den Einzelnen und seine Identitätsbildung unverzichtbare Bedeutung erlangen können. Der Theologe Hans-Martin Gutmann drückt dies im „Lexikon der Religionspädagogik“ folgendermaßen aus: „Auch in seiner Alltäglichkeit zeigt sich die Macht des R[ituals]: R[ituale] verbürgen Heil gegenüber drohendem Chaos. Beispielsweise kann ein nicht erwiderter Gruß einen ‚guten Tag‘ umstandslos in einen schlechten verwandeln.“

Im Ritual zeigt sich, woran der Einzelne sein Leben festmacht und woran er sich bindet. Rituale haben eine entlastende Funktion, sie vermitteln Sicherheit, bringen Rhythmus und Struktur in unser Leben, machen Gemeinschaft sichtbar und stärken soziale Kompetenzen. Bei der Ritualisierung von Abläufen geht es zum Beispiel um Möglichkeiten für gemeinsame Prozesse der Sinnsuche, der Verständigung, der Konfliktlösung oder der gemeinschaftlichen Selbstvergewisserung. Eine besondere Bedeutung besitzen Rituale bei der Begleitung von Übergangen – so auch heute: Mit dieser Feier, mit der feierlichen Zeugnisübergabe, der Überreichung einer Rose und dem gemeinsamen Anstoßen beim Sektempfang findet eine bestimmte Gemeinschaft ihr Ende. Schulische Regeln und Erwartungen, die für die Zeit der Ausbildung ihre Bedeutung und Gültigkeit besaßen, sind an ein Ende gekommen. Das Ritual – so auch die heutige Feier – besitzt eine „Schwellenfunktion“: Es markiert den „Zwischenraum“ zwischen zwei Phasen relativer Stabilität. Das andere, das jetzt kommt und das die bisher eingespielte Ordnung ablöst, erscheint durch das Ritual nicht als Verunsicherung oder gar Bedrohung, sondern als eine neue Realität mit neuen Chancen und erweiterten Möglichkeiten. Für sie bedeutet es einen weiteren Schritt in die berufliche Selbständigkeit.

Welche Rolle spielen Rituale für die pädagogische Arbeit mit Kindern? Klaus Fröhlich Gildhoff und Maike Rönnau-Böse vom Zentrum für Kinder- und Jugendforschung der Evangelischen Hochschule Freiburg zählen für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen sechs Schutzfaktoren auf, die bereits in der frühen Bildung gefördert werden sollten: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbststeuerung, Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenz, Stress­management und Problemlösefähigkeit. Die Themen sind Ihnen aus dem zurückliegenden Fachschulunterricht hoffentlich alle gut vertraut. Regelmäßigkeiten im Tagesablauf, klare Strukturen und Rituale sind wichtige Elemente, die Selbststeuerung zu fördern. Kindern gelingt es anders als Erwachsenen noch nicht so gut, innere Abläufe im Kopf durchzuspielen, gedanklich kurz „durchzuatmen“, bevor es weitergeht. Sie benötigen deutliche Rückmeldungen über ihr Handeln und äußere Erinnerungen, die zur Selbstberuhigung und Impulskontrolle anhalten. Für Bildungserfahrungen ist es aber wichtig, nicht allein bei bloßen Ritualisierungen stehen zu bleiben. Dies können etwa gemeinsam vereinbarte Zeichen, z. B. der sogenannte „Schweigefuchs“ oder das bekannte Lied „Eins, zwei, drei, das Spielen ist vorbei“, sein. Noch einmal: Ritualisierungen bieten Orientierung und Sicherheit, sie entlasten und schaffen Freiräume, ermöglichen gemeinsame Erfahrungen und helfen, Krisensituationen zu bewältigen. Dies ist eine Menge und unterstützt das gemeinsame Lernen wie Arbeiten.

Doch Rituale gehen noch einen wichtigen Schritt weiter. In ihnen vermittelt sich eine für den Einzelnen oder die Gemeinschaft bedeutsame Erfahrung. Rituale können etwa ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Angenommenseins und der Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, durch sie werden Alltag und Fest unterscheidbar, sie können Ausdruck von Freude und Trauer sein, und sie helfen, kritische Ereignisse oder Verlusterfahrungen zu bewältigen. Erst die Frage nach ihrer Bedeutung macht aus einer bloßen Ritualisierung ein Ritual. Daher bleibt es wichtig, diese Frage zu stellen. Und wo dies pädagogisch gelingt, können Rituale auch elementare Grunderfahrungen wecken, die für ein Verständnis religiöser Vollzüge fruchtbar gemacht werden können. Die Erziehungsarbeit, die in Kindertageseinrichtungen oder Schulen geleistet wird, kann viel dazu beitragen, ein solches Verständnis zu pflegen, gerade wenn Heranwachsende nicht mehr aktiv und selbstverständlich in religiösen Zusammenhängen verwurzelt sind.

Wer erzieht, wird nicht vermeiden können, selbst zum Modell zu werden. Kinder lernen nicht allein Sachverhalte, sondern zugleich die Bedeutung, welche die Erzieherin oder der Pädagoge den Dingen gibt. Den Umgang mit Ritualen einzuüben, spielt daher nicht zuletzt für die Erzieherausbildung eine wichtige Rolle. Ich möchte nur zwei Beispiele aus unserer Fachschule nennen: Nach den Weihnachtsferien kommt die Schulgemeinde zu einem Neujahrsritual zusammen. Einmal in der Woche lädt der Impuls mitten im Schulalltag dazu ein, zur Ruhe zu kommen – unter dem Motto: „7 Minuten Stille, gute Gedanken, Singen, in Kontakt sein mit Gott für Dich“. Im Mittelpunkt steht dabei ein Bild, Lied, eine Geschichte, eine Erzählung, eine selbst erlebte Begebenheit, die mit den anderen geteilt und gedeutet wird, gerahmt durch eine elementare Struktur kurzer Gebets- und Segensformeln.

Liebe Absolventinnen und Absolventen,

Sie werden als neue Erzieherinnen und Erzieher die Kinder dabei unterstützen, die Welt zu erkunden und der Bedeutung der Dinge auf die Spur zu kommen, zugleich werden sie damit – und darüber hinausgehend! – die Kinder anregen, nach der Bedeutung und dem Sinn der eigenen Existenz zu fragen, und dies von klein auf. Für diese herausfordernde, spannende und bedeutungsvolle Aufgabe wünsche ich Ihnen alles Gute, Freude, Erfolg und nicht zuletzt Gottes Segen, an dem alles gelegen ist. Unser aller Glück- und Segenswünsche am heutigen Tag, an dem Sie Ihren Ausbildungserfolg feiern dürfen, begleiten Sie dabei.

Neuerscheinung: Bildung – Konzepte und Unterrichtsbeispiele zu einem pädagogischen Grundbegriff

Vor einem Jahr beschäftigten sich führende Vertreter der pädagogischen Fachdidaktik in der Reihe „Didacta Nova“ mit der Einführung in den pädagogischen Grundbegriff ERZIEHUNG: Nun findet dieser Band eine Fortsetzung. Band 29 der Reihe, des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen widmet sich nun dem zweiten Zentralbegriff der Pädagogik, der BILDUNG:

Carsten Püttmann (Hg.):

Bildung. Konzepte und Unterrichtsbeispiel zur Einführung in einen pädagogischen Grundbegriff,

Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2019, 319 Seiten.

Mit Beiträgen von Klaus Beyer, Katharina G. Gather, Fred Hendrihof, Eckehardt Knöpfel, Axel Bernd Kunze, Holger Küls, Volker Ladenthin, Carsten Püttmann, Gernod Röken, Edwin Stiller und Elmar Wortmann.

Zu den Grundbegriffen, die im Pädagogikunterricht gelehrt und gelernt werden müssen, gehört der Begriff „Erziehung“, weil er zusammen mit „Bildung“ das Proprium des Faches bestimmt. Bildung allein wird bekanntlich auch in anderen Wissenschaften thematisiert. Der Pädagogikunterricht hat aber in Kombination mit »Erziehung« seinen eigenen spezifischen Zugang.
Führende Vertreter*innen der Fachdidaktik Pädagogik zeigen in diesem Band auf, wie der Begriff »Bildung« anhand fachdidaktischer Konzepte über einen gelingenden Pädagogikunterricht eingeführt und im Laufe des Unterrichts bis zum (Fach-) Abitur bzw. bis zum Ende der Berufsausbildung (z.B. zum/zur staatl. anerkannten Erzieher*in) so weiterentwickelt wird, dass ein tragfähiges Konstrukt des Begriffs für ein wissenschaftliches Studium oder einen verantwortlichen Gebrauch in privaten und öffentlichen Situationen vorbereitet ist.

Weitere Informationen: http://paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=3210

Axel Bernd Kunze, Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen, widmet sich dem Bildungsbegriff aus menschenrechtlicher Perspektive und beleuchtet das Recht auf Bildung als Querschnittsthema der Erzieherausbildung (S. 291 ff.).

Rezension: Handbuch zur Menschenrechtsbildung

Axel Bernd Kunze bespricht im Webportal Socialnet das von Wolfgang Benedek herausgegebene Werk „Menschenrechte verstehen“, ein Handbuch für die Menschenrechtsbildung:

Cover

Axel Bernd Kunze. Rezension vom 16.04.2019 zu: Wolfgang Benedek (Hrsg.): Menschenrechte verstehen. Handbuch zur Menschenrechtsbildung. BWV • Berliner Wissenschaftsverlags GmbH (Berlin) 2017. 3. Auflage. ISBN 978-3-8305-3770-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24788.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.

https://www.socialnet.de/rezensionen/24788.php

Fazit
Das breit angelegte Handbuch bietet eine fundierte Grundlage für pädagogische Arbeit mit den Menschenrechten, ersetzt aber nicht die bildungstheoretische Reflexion über deren pädagogische Chancen wie Grenzen.

(Axel Bernd Kunze)

Neuerscheinung: Bildung, Identität, Social Media

Das neue Themenheft 1/2019 (39. Jg., Heft April 2019) der Fachzeitschrift „PädagogikUNTERRICHT“ widmet sich den Themen Bildung, Identität, Social Media – u. a. mit folgenden Beiträgen: Identitätsarbeit in Sozialen Netzwerken (Angela Tillmann) und Wolfgang Klafkis Bildungstheorie – Darstellung und kritische Würdigung (Hans-Christoph Koller).

Dem Wissenschaftlichen Beirat der Zeitschirft für die pädagogische Fächergruppe gehören Prof. Dr. K. Beyer (Universität Köln), Prof. Dr. A. Bernhard (Universität Duisburg-Essen), Jun.-Prof. Dr. K. G. Gather (Universität Paderborn) und PD Dr. A. B. Kunze (Universität Bonn) an. Herausgegeben wird die Zeitschrift vom Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (VdP).

Neuerscheinung: Kinderrechte in der Erzieherausbildung

Kurzzusammenfassung: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen kann 2019 ihr dreißigjähriges Jubiläum feiern. Das Dokument legt die Menschenrechte auf die besonderen Schutz-, Förder- und Beteiligungsansprüche von Kindern hin aus. Eine besondere Rolle spielen die Kinderrechte für die Erzieherausbildung an Fachschulen für Sozialpädagogik.

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 37 (2019), Heft 1, S. 34 – 37.

Der Verfasser (PD, Dr. theol., Dipl.-Päd., Zweite Staatsprüfung für das Lehramt der Sek.-Stufe II/I), Dozent für Pädagogik und Gemeinschaftskunde, leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen. Daneben ist er als Lehrbeauftragter für philosophisch-theologische Grundlegung der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München sowie für Bildungskonzepte und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig.

Engagement 1/2019: Lernen im Dialog – 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

engagement 1/2019 dokumentiert den Bundeskongress Katholischer Schule vom September 2018: Lernen im Dialog.

In der offenen „Umschau“ des Heftes würdigt der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze das diesjährige Jubiläum der Kinderrechtskonvention:

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 1/2019, S. 34 – 37.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Rez.: Mariano Barbato)
  • Robert Kruschel (Hg.): Menschenrechtsbasierte Bildung. Inklusive und Demokratische Lern- und Erfahrungswelten im Fokus (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Marcus Weber: Erlebnispädagogik in der Grundschule. 89 Aktionen und Spiele (Rez.: Julian Daubaris)
  • Konrad Fees: Geschichte der Pädagogik. Ein Kompaktkurs (Rez.: Ulrich Reichmann)
  • Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Ernst Peter Fischer, Klaus Wiegandt (Hgg.): Dimensionen der Zeit – Die Entschleunigung unseres Lebens – Forum für Verantwortung (Rez.: Gottfried Kleinschmidt)
  • Werner Schneider: Oskar Schindler/Steven Spielberg. Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt (Rez.: Volker Ladenthin)
  • Michele Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt? (Rez.: Astrid Frey)
  • Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen (Rez.: Astrid Frey)

Rezension: Wieviel Bildung braucht die Demokratie? …

… Axel Bernd Kunze geht es bei der Beantwortung dieser Frage weder um PISA-Studien und Kompetenztraining noch um eine Agenda der politischen Bildungsarbeit zur Stärkung staatsbürgerlicher Resilienz gegenüber dem Populismus. Erfrischend altmodisch hält Kunze die Fahne eines humanistischen Bildungsideals hoch und fordert Freiheit und pädagogischen Eigensinn. […]

Auch wenn man Kunze bei der Kontroversität der Themen nicht immer zustimmen wird, lohnt sich die anregende und kurzweilige Lektüre für jeden, der sich der Frage nach dem Zusammenhang von Demokratie und Pädagogik stellen möchte. Kunze legt mit diesem schlanken Büchlein einen klugen und anregenden Debattenbeitrag vor.

Mariano Barbato, Politikwissenschaftler an der Universität Passau, in Engagement 1/2019, S. 43 f.

Bildergebnis für Kunze Bildung in der Demokratie

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn 2018.

Schlaglicht: Schule zwischen Werterziehung und Indoktrination

Die Demonstrationen „Fridays for Future“ beschäftigen Land auf Land ab die schulische Debatte. Wie soll die Schule, wie sollen die Schulleitungen hierauf reagieren, wenn Schüler hierfür die Schule schwänzen? Schulrechtlich ist die Sachlage eindeutig. Wer während der Schulzeit an Demonstrationen teilnimmt, bleibt dem Unterricht fern und muss hierfür die Konsequenzen tragen. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Maaßen hat in anderem Zusammenhang vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Grundrechte verfassungsmäßig geschützt sind – aber nicht in jedem Fall zum Nulltarif zu haben sind. Das müssen sich auch Schüler und Eltern gewärtigen, wenn sie „Fridays for Future“ unterstützen.  Eine Schule, die ihrem Bildungsauftrag gerecht wird, sollte ihre Schüler dazu befähigen, die rechtlichen, politischen und ethischen Implikationen solcher Aktionen beurteilen und einschätzen zu können. Wie sich der Einzelne dann politisch dazu verhält, muss er selbst verantworten – dies zu entscheiden, ist nicht Aufgabe der Schule.

„Fridays for Future“ weist aber auf ein sehr viel grundlegenderes Problem hin: die Gefahr einer Ideologisierung der Schule, gerade auch um noch so vermeintlich guter Ziele willen. Schule hat einen Auftrag zur Werterziehung und ist in diesem Sinne keinesfalls moralisch neutral. Sie muss sich aber hüten, die Schüler zu indoktrinieren oder zu manipulieren. Die Debatte wird nicht einfacher dadurch, dass heute viele parteipolitische Ziele, für welche Schüler vereinnahmt werden, als ein vermeintlich neutrales, alternativlos Gutes daherkommen.

Werterziehung im Sinne der Befähigung zum Werten ist ein personales Erziehungshandeln zwischen Erzieher und zu Erziehenden. Dies ist etwas anderes als ein politisches Programm, das aufgrund bestimmter politischer Interessen der Schüler-, Eltern- oder Lehrerschaft übergestülpt wird – ein Beispiel hierfür ist das Programm „Schule ohne Rassismus“, dessen „Label“ über vielen Schultüren hängt (wobei bereits Zweifel anzumelden sind, ob der hier verwendete Rassismusbegriff überhaupt hinreichend geklärt und tragfähig ist).

Erziehung ist normativ, darf aber nicht normierend werden. Oder anders gesagt: Wer erzieht, tut dies aus einem motivlosen Interesse dem Heranwachsenden gegenüber. Das Einzige, was er vorab bestimmt, ist die Selbstbestimmung des anderen, nicht aber, welchen Gebrauch der junge Mensch von seiner Freiheit machen will. Erziehung aus Interesse an einem bestimmten (partei-)politischen Interesse heraus wird hingegen zur Ideologie. … und dabei ist es gleich, ob wir „Schule ohne Rassismus“ oder „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ über die Schultür schreiben.

In einer freiheitlichen Gesellschaft sollten wir vorsichtig sein mit staatlichen Parolen. … sind wir aber in vielen schulischen Bereich schon lange nicht mehr. Die Schule ist heute voll davon. Allerdings ist die Schule umgekehrt auch kein wertfreier Raum. Der Verfassungsgesetzgeber hat starke Wertvorentscheidungen getroffen, auch für die Schule. Und das zu Recht. Wichtig bleibt aber: Schule ist politisch, aber niemals parteipolitisch. Und sie muss mit der Widerständigkeit des Subjekts rechnen – das heißt: Sie darf Handlungsfähigkeiten fördern, aber keine Handlungsbereitschaften intentional steuern. Diese Grenze gilt immer. Doch wo ist diese zu ziehen?

Schulen dürfen staatliche Gedenktage wie den Volkstrauertag, den Tag der Deutschen Einheit oder den Holocaustgedenktag begehen. Hier geht es um das sozialmoralische Fundament wie das historische Gedächtnis des Staates; dieses zu pflegen, ist Bestandteil einer gemeinwohlverantwortlichen Schule (selbstverständlich dürfen entsprechende Feiern dann nicht wiederum parteipolitisch vereinnahmend oder indoktrinär-manipulativ ausgestaltet werden). Und eine solche Gedenk- und Erinnerungskultur muss das Überwältigungsverbot achten, also eingebettet sein in eine für die Schüler gedanklich nachvollziehbare historische Bildung. Eine Grenze wäre überschritten, wenn Erinnerungskultur nur mit Moralisierung und Emotionalisierung arbeiten würde – dies widerspricht dem Bildungsauftrag der Schule.

Schwieriger wird es bei Aktionen, bei denen genuin geistig produktive Akte gesetzt werden. Ein Beispiel: Viele Schulen beteiligen sich an der „Stolpersteinaktion“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Zur Erinnerung an Holocaustopfer werden vor Wohngebäuden oder Schulen Gedenksteine ins Pflaster eingelassen. Solche Aktionen gehören allenfalls in das freiwillige Angebot der Schule, nicht in den Pflichtunterricht. Schule soll die Schüler dazu befähigen, Kunst zu rezipieren und selber künstlerisch tätig zu werden. Sie darf aber nicht vorschreiben, welche Art von Kunst die Schüler kollektiv zu praktizieren oder gut zu finden haben. Dies hieße, eine Art „Staatskunst“ zu produzieren.

Der vor kurzem verstorbene Verfassungsrichter und Sozialdemokrat, Ernst-Wolfgang Böckenförde, hat davor gewarnt, Demokratie als Lebensform zu verstehen. Die Freiheit bliebe sonst auf der Strecke. Diese Warnung haben heute – ausgenommen die AfD – alle Parteien im Bundestag vergessen. Und hier liegt ein Grund für die gesellschaftliche Spaltung, die wir gegenwärtig erleben. Diese sollte nicht auch noch in der Schule reproduziert werden.

PS: Und Schule ist kein Reparaturbetrieb für alle möglichen politischen oder gesellschaftlichen Probleme. Schule sollte die Schüler befähigen, die Klimadiskussion kundig zu verfolgen und zu beurteilen. … damit sie sich ein eigenständiges, fundiertes Urteil bilden können. Hierfür braucht es eine solide naturwissenschaftliche und geographische Bildung – keinen „Klimatag“, wie Christian Lindner jetzt vorgeschlagen hat.

Rezension: Befähigung zum Selbstdenken

„Befähigung zum Selbstdenken“ – Unter diesem Titel würdigt Stefan Martin in der aktuellen Ausgabe der „Akademischen Blätter“ (120. Jg., H. III/2018, S. 18 f.) den Band „Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Bonn 2018)“. Die Akademischen Blätter werden herausgegeben vom Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt).

„In dem nun vorgelegten Band Bildung in der Demokratie greift der renommierte Sozialethiker (und Burschenschafter) Axel Bernd Kunze ein Thema auf, das ihn auf seinem gesamten akademischen Werdegang begleitet hat. Bereits in seiner Habilitationsschrift aus dem Jahre 2011 (Das Menschenrecht auf Bildung – eine pädagogisch-ethische und sozialethische Grundlegung) hat er sich eingehend mit der Bedeutung von Bildung für ein gelingendes demokratisches Gemeinwesen beschäftigt. Seither hat er das Thema in zahlreichen Vorträgen und Publikationen weiter vertieft. Die reifen Früchte dieser wissenschaftlichen Kärrnerarbeit werden nun in einem übersichtlich gegliederten und flüssig geschriebenen Buch vorgelegt. […]

Unser liberaler Verfassungs- und Rechtstaat überschreitet Grenzen und verletzt die Würde der Heranwachsenden, wenn er versucht, bestimmte Haltungen als notenmäßig überprüfbare Kompetenzen zu erzwingen. ‚Im Unterricht geht es um die Befähigung zur kritischen Reflexion, nicht um die pädagogische Exekution eines bereits feststehenden Vor-Urteils‘. Das Denken und Wollen der Schüler, hier ist Kunze vorbehaltlos zuzustimmen, muss gegenüber gesellschaftlicher Einflussnahme unverfügbar bleiben. […]

Lasst die Meinungen zu strittigen Themen ruhig aufeinanderprallen! Reinigende Gewitter im politischen Diskurs tragen zur Klärung gesellschaftlicher Fragen bei und fördern letztlich das Gemeinwohl. Dafür muss jedoch die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit der Heranwachsenden von klein auf kultiviert werden. Bildung in Freiheit, so die Quintessenz des Buches, ist dafür eine unverzichtbare Voraussetzung.“

(Stefan Martin, Rez.)

Neuerscheinung: Sozialpädagogik oder Elementarbildung?

Am 30. Januar 2019 hielt Professor Dr. Volker Ladenthin seine Abschiedsvorlesung zum Thema „Bildung und Demokratie“: streitbar, transzendentalkritisch, anschaulich … Er gehörte zu den dienstältesten Professoren der Bonner Philosophischen Fakultät, wie der Dekan in seinem Grußwort vermerkte. Am Ende wurde dem Erziehungswissenschaftler eine Festschrift überreicht, deren Frage sich auf das Leitmotiv seiner Hochschullehrertätigkeit bezieht: Bildung – noch immer ein wertvoller Begriff?! Mit dem Geehrten verlässt wieder einmal mehr eine gewichtige Stimme die Universität, die an einer genuin bildungsbezogenen Begründung von Schule, Hochschule und Lehrerbildung streitbar festgehalten hat – aber eine Abschiedsvorlesung bedeutet hoffentlich nicht den Abschied aus dem öffentlichen Bildungsdiskurs.

Stephan Stomporowski, Anke Redecker, Rainer Kaenders (Hgg.): Bildung – noch immer ein wertvoller Begriff`?! Festschrift für Prof. Dr. Volker Ladenthin (Wissenschaft und Lehrerbildung; 3), Göttingen: V & R unipress/Bonn University Press 2019.

Heutzutage ist es erschreckend bequem, unmündig zu sein. Habe ich eine internationale Vergleichsstudie, die für mich Verstand hat, ein Bildungsmonitoring, das für mich Gewissen hat, und einen Fitness-Tracker, der für mich die passende Diät liefert, können die Mühen des eigenständigen Denkens und Prüfens durch Datensammeln ersetzt werden. Der Begriff der Bildung gewinnt in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Flexibilisierung und globaler Komplexität bei gleichzeitiger Neigung zu Simplifizierung, bequemlicher Isolierung und ökonomischem Verwertungsinteresse zunehmend an pädagogischer Bedeutung.“ (aus dem Klappentext)

Axel Bernd Kunze fragt in seinem Beitrag für die Festschrift: Sind Tageseinrichtungen für Kinder Institutuionen der Sozialpädagogik oder Elementarbildung? Beobachtungen zum bildungsbezogenen Sprachgebrauch um frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung, in: ebd., S. 199 – 217.