Rezension: Luther für junge Leser

Karlheinz Weißmann: Martin Luther für junge Leser. Prophet der Deutschen, mit Illustrationen von Sascha Lunyakov, Berlin 2017, 169 Seiten.

Das Jubiläumsjahr der Reformation neigt sich dem Ende entgegen – ein Jahr, das von nicht wenigen Misstönen begleitet gewesen ist: Es ging los mit dem Bild zweier kirchlicher Würdenträger im Herbst 2016, die auf dem Jerusalemer Tempelberg nicht zum Kreuz als Teil ihrer Amtsinsignien stehen wollten. Was hätte Luther wohl zu dieser Uminterpretation seines „Hier stehe ich … – ich kann auch jederzeit anders“ durch seinen „Nachfolger“, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, gesagt!? Da war die antifaschistische Entgleisung auf einem regionalen Kirchentag in Mitteldeutschland, bei dem Luther auf unflätigste Weise beschimpft wurde. Da waren kritische Stimmen aus den eigenen Reihen, die den Kirchenleitungen einen unreformatorischen Personenkult um Luther, eine Kommerzialisierung seiner Person vorwarfen und den Jubiläumsfeiern theologische Substanzlosigkeit bescheinigten …

Die Beispiele zeigen, wie schwer es heute fällt, die Reformation und einen ihrer Hauptakteure geschichtlich wie theologisch angemessen zu würdigen. Nur in einem war man sich sicher: Es sollte kein nationales Luthergedenken geben, von dem 1983 selbst die Jubiläumsfeierlichkeiten der SED nicht frei waren. Und doch hat Karlheinz Weißmann seiner Lutherbiographie für junge Leser den Untertitel gegeben: „Prophet der Deutschen“. Dieser greift eine Zuschreibung auf, die Luther, der für sich ein prophetisches Amt in Anspruch nahm, schließlich selbst übernahm, als Bürde, nicht als Ehre. Und das war Luther auch – mindestens was seine Wirkungsgeschichte anging. Er hat die Geschichte Deutschlands ebenso geprägt wie dessen religiöse Landschaft. Nebenbei: Weißmanns Buch ist nicht der Ort, die Frage zu stellen, warum sich die Reformation gerade in den nichtrömischen, germanisch-skandinavisch geprägten Ländern bleibend durchsetzen konnte.

Vollständig erfassen wird man Luther durch eine solche Wertung wohl nicht, allzu facettenreich ist seine Persönlichkeit. Und das wäre für eine Biographie auch ein zu großer Anspruch. Doch dem Historiker und Publizisten Weißmann ist zweifelsohne gelungen (wie schon bei seiner vorangegangenen Geschichte Deutschlands für junge Leser), Luther anregend, differenziert und anschaulich für Heranwachsende zu erschließen. Auch wenn nicht alles beim ersten Mal erfasst wird, weckt das Buch Neugier, sich weiter mit Luther zu beschäftigen, den Fragen um seine Person und Wirkungsgeschichte an anderer Stelle nachzuspüren … Illustriert wurde der Band von Sascha Lunyakov.

Luther wird in den Kontext seiner Zeit eingeordnet, wobei der Verfasser ihn stärker an die Schwelle zur Neuzeit als an den Ausgang des Mittelalters rückt (anders, als es Schillings epochales Lutherwerk jüngst getan hat). Es folgen Kapitel zu Luthers Zeit als Mönch und zu seiner Rolle als Reformator.

Die Bedeutung Luthers für die Nationalgeschichte erkennt Weißmann in dessen Einfluss auf die deutsche Sprache (Bibelübersetzung), in seiner Rolle als Initiator einer (sozialen) Volksbewegung, die im Bauernkrieg dann auf dramatische Weise eskalierte und auch sonst durchaus in innerreformatorischen Streitigkeiten mit sich selbst in Konflikt geriet, und in der Neuordnung der Glaubenslandschaft in Deutschland. Diese Punkte sind alle nicht verwunderlich. Bemerkenswert ist, dass Weißmann Luther nicht als den Beginn eines verhängnisvollen deutschen Sonderweges zeichnet, sondern als Leitfigur in eine Geschichte des deutschen Widerstands einreiht: von Arminius und Widukind über Luther bis zu Bismarck und den Widerständlern vom 20. Juli 1944 und 17. Juni 1953. Dies alles gelingt Weißmann, ohne Luther dabei einseitig zu politisieren. Deplatziert und anbiedernd an den Massengeschmack wirkt einzig die Illustration, die Luther vor einem Heer von Fußballfans zeigt, die schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken.

Dies überzeugt und rechtfertigt den Untertitel des Bandes, sofern man die darin enthaltene Charakterisierung nicht exklusivistisch versteht. Für Weißmann bleibt Luther ein religiöses Genie – mit der durchaus üblichen Gratwanderung: Luther konnte harte Urteile gegen andere fällen, wurde aber selbst vom Teufel bedrängt. Dies wird man unterschreiben können. Schwieriger hingegen ist Weißmanns theologische Deutung Luthers – … als eines religiösen Denkers, der etwas Neues beginnen wollte. Dies unterschlägt, dass es Luther zunächst um Rückkehr zu den Wurzeln des Evangeliums ging, auch wenn sich dieses Anliegen schnell mit anderen verband. Etwas holzschnittartig bleibt die Charakterisierung der theologischen Unterschiede zwischen den Konfessionen, zumal nach der Einigung in der Rechtfertigungslehre: hier Größe und Allmacht Gottes, dort dessen Gnade und Hinwendung zum Menschen.

Schwierig erscheint es auch, Luther für den Freiheitskampf Widukinds gegen Karl den Großen zu vereinnahmen, ging es doch hier um eine Auseinandersetzung zwischen heidnischen Sachsen und bereits christianisierten Franken.

Was bleibt am Ende? Weißmann verschweigt nicht die Irrwege der Reformation, die innerprotestantischen Auseinandersetzungen und die Spaltungen des konfessionellen Zeitalters: „Das ‚protestantische‘ Deutschland ist selbstverständlich nicht das ganze Deutschland. Es gibt auch das andere, das im Süden und im Westen, das in vieler Hinsicht reichere, lieblichere, länger kultivierte, das mit dem Nachbarn in engerem Austausch stehende, das ursprünglich römische Germanien. Und unbestreitbar hat es Zeiten der tiefen Spaltung und Feindschaft zwischen dem einen und dem anderen gegeben, zum Unglück der Deutschen“ (S. 20). Gerade die Studenten des Wartburgfestes, das eine Feier des dreihundertjährigen Jubiläums der Reformation war, haben diese Spaltung „in zwei Deutschlands“ beklagt und dagegen ihre Stimme erhoben.

Auf der Habenseite steht in politischer Hinsicht der Freiheitsimpetus des „protestantischen Deutschlands“, nicht zuletzt in Gestalt Preußens und der Attentäter des 20. Juli, die noch einmal die besten Traditionen Preußens aufflammen ließen. Theologisch wurde Luther zu einer „Vatergestalt des Glaubens“, die tiefe religiöse Ernsthaftigkeit bezeugte – ein Aspekt, der heute auch von katholischer Seite anerkannt wird.

Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Werk für junge Leser (ab zwölf Jahren), die über Luther und dessen Wirkungsgeschichte mehr erfahren wollen.

Rezension: Menschenrecht Inklusion

Zehn Jahre ist die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen inzwischen alt. Nicht zuletzt mit der starken Forcierung eines inklusionsorientierten Menschenrechtsverständnisses hat diese neue Akzente gesetzt. Eine Tagung an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum hat eine erste Bilanz gezogen und gefragt, welche Auswirkungen damit für die einzelnen sozialen Dienste verbunden sind. Der Tagungsband ist jetzt im Rezensionsportal Socialnet durch Axel Bernd Kunze besprochen worden:

Theresia Degener, Klaus Eberl, Sigrid Graumann, Olaf Maas, Gerhard K. Schäfer (Hg.):

Menschenrecht Inklusion. 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention –

Bestandsaufnahme und Perspektiven zur Umsetzung in sozialen Diensten und diakonischen Handlungsfeldern

(Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 379 Seiten).

Die Rezension finden Sie hier:

www.socialnet.de/rezensionen/22093.php

Rezension: Soziale Ungleichheiten

Im aktuellen Heft der internationalen Zeitschrift für Christliche Sozialethik AMOSinternational findet sich eine Rezension des Bandes „Soziale Ungleichheiten. Von der empirischen Analyse zur gerechtigkeitstheoretischen Reflexion“ (herausgegeben von Markus Vogt und Peter Schallenberg; Paderborn 2017). Band 9 der Reihe „Christliche Sozialethik im Diskurs“ enthält auch einen bildungsethischen Beitrag, der sich mit dem Zusammenspiel von Sozialer Arbeit und Bildungsarbeit beschäftigt.

Der Rezensionsteil ist online zugänglich:

http://www.kommende-dortmund.de/kommende_dortmund/6-Ver%F6ffentlichungen/71-AMOSint./876,Heft-3-2017-%D6kumenische-Sozialethik.html

 

Noch einmal gelesen: Guttenbergs Fall

Roland Preuß/Tanjev Schultz: Guttenbergs Fall. Der Skandal und seine Folgen für Politik und Gesellschaft, Gütersloh 2011.

Roland Preuß und Tanjev Schultz haben zum „Bücherherbst“ 2011 einen Band mit dem durchaus doppeldeutigen Titel „Guttenbergs Fall“ vorgelegt. Der einstige Hoffnungsträger der CSU, Karl-Theodor zu Guttenberg, war im Frühjahr desselben Jahres vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten, nachdem seine juristische Dissertation unter Plagiatsverdacht geraten war. Im Herbst 2011 wurde das Verfahren um seine gefälschte Doktorarbeit gegen Zahlung einer Spende eingestellt.

Die beiden Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“ schreiben am Ende ihres Buches: „Ein Comeback braucht Zeit. Der Skandal muss verarbeitet und aufgearbeitet werden. Bei Guttenberg ist da noch einiges zu tun. Er hat die ihm vorgeworfene Täuschung nicht zugegeben, er hat sich seit dem Bayreuther Bericht und bis zur Drucklegung dieses Buches dazu nicht geäußert. Mehrere Anfragen der Autoren dieser Zeilen, über die Plagiatsaffäre zu sprechen, ließ er unbeantwortet. Das lässt die Wunden nicht verheilen“ (S. 177). Inzwischen hat Guttenberg dies nachgeholt, wenn auch in einem eigenen Interviewbuch mit Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, die entscheidende Passagen als Vorabdruck veröffentlichte, und zwar unter der Titelschlagzeile: „Mein ungeheuerlicher Fehler“.

Ob und in welcher Form das politische Comeback gelingt, ist heute noch nicht abzusehen. Ob die gezeigte Reue echt ist, soll an dieser Stelle ebenfalls nicht verhandelt werden.

Ein schaler Beigeschmack ist allerdings schon heute spürbar: Denn von einer Aufarbeitung des wissenschaftlichen Schadens, den Guttenbergs „Fall“ angerichtet hat, kann längst keine Rede sein. In der Politik ist man schnell zur Tagesordnung übergegangen. Die Plagiatsfälle weiterer Politiker wurden eher als Marginalien abgehandelt, selbst für den Posten des Kultusministers in einer bürgerlichen Koalition scheint eine fragwürdige Dissertation kein Karrierehindernis zu sein. Und auch die Justiz hat die Plagiatsaffäre des oberfränkischen Freiherrn vorrangig als Wirtschaftsdelikt abgehandelt und festgestellt, dass der entstandene wirtschaftliche Schaden eher gering sei.

Größer allerdings ist der kulturelle Schaden, den der Fall Guttenberg und das Verhalten der Unionsparteien, nicht zuletzt der Kanzlerin, angerichtet haben. Nur lässt sich der nicht so ohne Weiteres in Euro und Cent berechnen. Eine Politik, die wissenschaftliches Fehlverhalten und den Diebstahl geistigen Eigentums zum Kavaliersdelikt verniedlicht, untergräbt auf Dauer ihr eigenes Fundament. Sie zerstört auf Dauer jenes Ethos, auf das unser Gemeinwesen unverzichtbar angewiesen ist. Demokratie und Rechtsstaat leben von Werthaltungen und Tugenden, die politikimmanent allein nicht gesichert werden können.

Der Politikredakteur Preuß und sein Kollege aus dem Bildungsressort, Schultz, leisteten journalistisch Schützenhilfe, als Wissenschaftler auf die Plagiate in Guttenbergs Dissertation aufmerksam wurden und erkannten, wie heiß dieser Fall werden würde. Der Stein kam ins Rollen, die Internetgemeinde tat dann mit der Internetseite „GuttenPlag“ das Ihrige dazu. Im Nachgang bleiben zahlreiche Fragen: Warum konnte sich Joschka Fischer, nachdem seien einstige Prügelattacke bekannt geworden war, halten, Guttenberg aber nicht? Warum hat Guttenberg die Gefahren einer Skandalisierung in seinem Fall unterschätzt? Die beiden Journalisten sind der Überzeugung, dass es sich in diesem Fall nicht um einen Medienkonflikt gehandelt habe: „Es liegt daran, dass zu viele Leute in Guttenbergs eigenem Lager zutiefst irritiert sind, von dem was da ans Licht gekommen ist. Guttenberg hat den Rückhalt bei wichtigen politischen Weggefährten verloren – bis hinein in die Bundesregierung“ (S. 26).

Auch die Kanzlerin hat sich anfangs in der Affäre verrechnet: „Merkel zeigt kein Gespür für die Schwere der Täuschungen. Sie unterschätzt die Empörung an den Universitäten“ (S. 86). Der Philosoph Jürgen Habermas fällte Anfang April in der „Süddeutschen Zeitung“ über sie ein vernichtendes Urteil, wie Preuß und Schultz erinnern: „Kühl kalkulierend hat sie für ein paar Silberlinge, die sie an den Wahlurnen dann doch nicht hat einstreichen können, das rechtsstaatliche Amtsverständnis kassiert“ (zitiert nach Preuß/Schultz, S. 86).

Der Ruf der Universitäten mag nicht mehr der beste sein. In einem Land mit hoher und weiter steigender Akademikerquote entwertet man jedoch nicht ungestraft akademische Titel. Dies hätte eine Politikerin wie Angela Merkel wissen können – wenn schon nicht aus Einsicht, dann wenigstens aus Machtinstinkt heraus. Spätestens als Doktoranden Mitte März 2011 einen Offenen Brief an Merkel initiierten, der schon bald vierundsechzigtausend Unterschriften zählte zeigte sich, dass Guttenberg nicht mehr zu halten war.

Eine von Bonn aus gestartete „Erklärung von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern zu den Standards akademischer Prüfungen“, die der Verfasser selbst mitunterzeichnet hat, wird im Anhang des Bandes neben weiteren Dokumenten zwar abgedruckt, im Buch aber leider nur als Marginalie erwähnt. Dabei handelt es sich bei diesem Dokument um einen jener seltenen Fälle der letzten zwei Jahrzehnte, in denen die von überhasteten Dauerreformen, Fehlsteuerungseffekten, Dgradierung und Unterausstattung gebeutelte Wissenschaft einmal die Kraft zum geschlossenen Widerspruch aufgebracht hat.

Diese Beobachtung lenkt die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik: Warum sind Wissenschaftler trotz des allseits an den Universitäten spürbaren Unmuts politisch kaum handlungsfähig? Welche Folgen für das Promotionswesen sind aus den Plagiatsaffären der vergangenen Jahre zu ziehen? Wo müssen die Universitäten sich an die eigene Nase fassen, wo muss aber auch die Wissenschaftspolitik umsteuern? Wer Universitäten für Promotionen leistungsabhängige Mittel zuteilt, muss sich nicht unbedingt wundern, wenn deren Zahl steigt, auch wenn die Qualitätsstandards nicht immer eingehalten werden. Gerade angesichts des bevorstehenden, von der Professorenschaft aber noch weitgehend verdrängten Umbaus der Promotion deutschen Zuschnitts, die als eigenständige wissenschaftliche Leistung konzipiert ist, zum konsekutiven dritten Studienabschnitt, der mit einem „PhD“ abschließt, wäre es notwendig, über diese Fragen gezielt nachzudenken.

Was bleibt? – Die Affäre Guttenberg hat die Politik zunächst einmal entzaubert. Nicht mehr der charismatische, glamouröse Shootingstar, der sich selbst inszeniert, sondern der solide Politarbeiter ist in der Union wieder gefragt. Das muss allerdings nicht so bleiben, wenn die etablierten Parteien weitere an Bindekraft verlieren und der Unmut an ihnen wächst. In postdemokratischen Zeiten, die gegenwärtig gern beschworen werden, kann ein Selbstvermarkter wie Guttenberg schnell wieder einmal populär werden.

Vorerst hat die Wissenschaft gesiegt. Der Versuch der politischen Klasse, die Plagiatsaffäre zur privaten Bagatelle herunterzuspielen, die durch die Arbeit des (keinesfalls unumstrittenen) Ministers mehr als aufgewogen werde, ist nicht aufgegangen. Vor einer ehrlichen Aufarbeitung dieser Affäre, die damit nicht nur ein wissenschaftlicher, sondern auch ein politischer Skandal war, hat sich die Politik aber gedrückt. Die bürgerliche Fassade der Politik hat deutlich Risse bekommen. Und so bleibt etwas hängen, nicht nur an Guttenberg – gleich, ob dessen politisches Comeback gelingen wird oder nicht: „Guttenbergs Plagiate waren mehr als nur eine Fußnote in der Geschichte des Landes. Sie waren auch mehr als nur eine kleine Schlamperei. Guttenberg hat die Wissenschaft und die Öffentlichkeit getäuscht. Er hat sich unmöglich benommen. Der Skandal hat Charaktermängel offenbart, vor allem beim Umgang mit berechtigter Kritik“ (S. 27).

Dennoch hat der Fall Guttenberg gezeigt, wie gefährdet das wissenschaftliche Ethos inzwischen ist und wie wenig Wertschätzung wissenschaftliche Leistung noch genießt. Beides zu verteidigen und hochzuhalten, wird künftig nicht zuletzt eine wichtige Bildungs- und Erziehungsaufgabe sein. Das sind wir unserer Tradition schuldig. Ohne den mutigen Kampf um die Freiheit im neunzehnten Jahrhundert und damit auch um die akademische Freiheit und den Schutz geistigen Eigentums wäre unser heutiger Rechts- und Verfassungsstaat, wären auch unsere Universitäten mit ihrer grundrechtlich geschützten Freiheit von Forschung und Lehre nicht denkbar. Wir tun gut daran, dieses Erbe nicht zu verspielen – um der Leistungsfähigkeit und intellektuellen Vitalität unseres Landes willen.

Erstveröffentlichung: Die Schwarzburg 121 (2012), H. 1, S. 25 – 27.

Rezension: Gender – Theorie oder Ideologie?

„Ist Gender nun eine Theorie oder Ideologie?

Möglicherweise ist diese Alternative gar nicht zu entscheiden. Denn wenn wir den dialektischen Charakter der Aufklärung ernstnehmen, lassen sich Ideologien nicht prinzipiell von „Nichtideologien“ abgrenzen. Jede Form der Aufklärung bewegt sich weiterhin auf dem Boden historischer Situativität. Vielmehr bezeichnet „Ideologie“ einen besonderen Modus des Diskursgebrauchs. Jeder Diskurs, der politisch mobilisieren will, gerät in die Gefahr, ideologisch zu werden. Denn wer mobilisiert, spitzt zu, vereinfacht und instrumentalisiert. Hierfür bieten auch die beiden Bände einiges an Anschauungsmaterial. Im politischen Diskurs werden die konzeptuelle Dimension und analytische Kraft in Anspruch genommner Konzepte leicht reduziert zugunsten ihrer Tauglichkeit dafür, eigene Ansprüche zu untermauern und durchzusetzen. Kein Denksystem ist davor geschützt, dies gilt sowohl für die Kritik als auch die Verteidigung des Bestehenden.

Auch der Genderdiskurs vermag sich gegen eine solche Gebrauchsweise nicht zu wehren. Denn Diskurse sind keine Subjekte. Vielmehr sind es die Diskursakteure, die selbst im Modus der Ideologie an der welterschließenden Funktion des beanspruchten Gespräches festhalten. Übersehen wird dabei schnell der Hang mobilisierender Diskurse, sich selbst gegen Kritiker abzuschotten und reale Widersprüche in der politisch-ethischen Umsetzung zu verdrängen.

Es wäre eine Aufgabe auch für die theologische Ethik, solche Prozesse im Blick auf den Genderdiskurs auszuloten […]“

Auszug aus: 

Axel Bernd Kunze: Theorie oder Ideologie?, in: Concilium 53 (2017), Heft 3, S. 366 – 370.

Sammelrezension zu:

Margit Eckholt (Hg.): Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche, Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, 438 Seiten.

Thomas Laubach (Hg.): Gender – Theorie oder Ideologie? Streit um das christliche Menschenbild (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg.: Herder 2017, 333 Seiten.

 

 

Rezension: Zum Bildungs- und Erziehungsauftrag von Studentenverbindungen

„Die Lektüre des Buches ist allen zu empfehlen, die sich über die Vielfalt der Geschichte der Demokratie bis in die Gegenwart hinein informieren wollen. Der Band zeigt, welchen Bildungs- und Erziehungsauftrag Studentenverbindungen erfüllen, welche Orientierungswerte sie vermitteln und wie sie ihren Mitgliedern Wertvorstellungen für das spätere Berufsleben vermitteln können. Und der Band kann jungen Menschen vor ihrem Studium, die sich überlegen, möglicherweise einer Studentenverbindung beizutreten, einen lebendigen, praxisnahen Einblick darüber vermitteln, was es heißt, sein Studium auf diese Weise zu gestalten.“

Oberbürgermeister a. D. Dr. Günter W. Zwanzig in einer Rezension für Heft 2/2017 der Zeitschrift „ENGAGEMENT. Zeitschrift für Erziehung und Schule“ über den Band „Rote Fahnen, bunte Bänder“, der vor einem Jahr auf der Jubiläumstagung des Lassallekreises in Tübingen vorgestellt wurde:

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016, 319 Seiten.

Rezension: Der alte Zauber des Professorenberufs ist weggeblasen …

Hildegard Krämer, Axel Bernd Kunze, Harald Kuypers (Hgg.):

Beruf: Hochschullehrer. Ansprüche, Erfahrungen, Perspektiven,

Festschrift für Prof. Dr. Volker Ladenthin, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2013, 286 Seiten.

 

Aus einer Rezension in der aktuellen Ausgabe 2/2017 der schulpädagogischen und erziehungstheoretischen Fachzeitschrift ENGAGEMENT:

„Zunächst muss auffallen, dass gleich mehrere Beiträge eine Degradierung des Hochschullehrers wahrnehmen: Der alte Zauber des Professorenberufs scheint weggeblasen; an die Stelle des abgehobenen oder auch zerstreuten Professors ist der freundliche Dozent getreten, der einen Powerpointvortrag hält und evaluiert wird (zuerst von Studenten und dann anhand der studentischen Evaluationen von Vorgesetzten, die es früher so nicht gab). […]

Von einer demokratischen Mentalität war die Rede, und diese spiegelt sich auch wider in demokratiepädagogischen Konzepten, die tendentiell Demokratie weniger als Staats- denn als Lebensform propagieren, und diese spricht Axel Bernd Kunze an. Demokratie als Lebensform – das kann Totalerfassung von Leben im Sinne eines Prinzips bedeuten, kann auch die Verwechslung von demokratischer Gesinnung (Respekt für die Regeln der Staatsform Demokratie) und Wohlverhalten implizieren (Einpassung in einen Mainstream, der eine offene Diskussion gerade über zentrale Fragen der Gesellschaftsgestaltung gar nicht mehr zulässt).

Pädagogisch ist hier die Gefahr der Überwältigung beziehungsweise Indoktrination gegeben. Autorität mag gut sein, das Autoritäre ist es nicht, und es maskiert sich offenbar gern mit Begriffen des Nichtautoritären (Demokratie). Der Beitrag endet mit einem Zitat von Norbert Bolz: „Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens dein Denken“. Das ist der prophetische Ruf zur Umkehr, in dessen Rahmen eine ebenfalls zitierte prophetische Diagnose von Norbert Bolz wohl ihren richtigen Sinn erhält: „Nichts fürchtet die Regierung einer modernen Massendemokratie nämlich mehr als einen selbständig denkenden Menschen“ (Seiten 146 f.).

Dieser Satz ist schlimm, weil er wahr sein könnte.“

Dr. Jan Dochhorn

Der Rezensent ist Theologe und Senior Lecturer an der Universität Durham (Vereinigtes Königreich).

Neuerscheinung: Engagement 2/2017

Druckfrisch erschienen ist in diesen Tagen das neue Themenheft 2/2017 der Zeitschrift ENGAGEMENT – passend zum Reformationsjubiläum trägt es den Titel: Mit evangelischen Schulen im Gespräch.

Der Rezensionsteil stellt folgende Titel vor:

  • Marianne Heimbach-Steins (Universität Münster) bespricht „Über Schule reden. Zum Profil katholischer Schulen in der Diözese Würzburg“, herausgegeben von Thomas Franz und Stefan Heil.
  • Axel Bernd Kunze (Universität Bonn) stellt die Festschrift „160 Jahre in Gemeinschaft. Leben – lernen – arbeiten – beheimaten“ der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft vor.
  • Joachim Fischer (IB-Fachschule für Sozialwesen in Stuttgart) würdigt den Band „In the days of Caesar. Pentecostalism and Political Theology“ von Amos Young.
  • Björn Igelbrink (Graf-Adolf-Gymnasium in Tecklenburg) rezensiert den „Kompas Schulwechsel. Den Übergang gestalten“ von Anne Roth und Sabine Ogrin.
  • Axel Bernd Kunze (Universität Bonn) diskutiert die inklusionsskeptischen Thesen von Michael Felten in seinem neuen Band „Die Inklusionsfalle. Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“.
  • Gottfried Kleinschmidt (Leonberg) rezensiert den Titel „Lebenslanges Lernen und Emotionen – Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive“ von Wiltrud Gieseke.
  • Jan Dochhorn (Universität Durham) würdigt die Festschrift zu Ehren des Bonner Erziehungswissenschaftlers Volker Ladenthin: „Beruf: Hochschullehre. Ansprüche, Erfahrungen, Perspektiven“, herausgegeben von Hildegard Krämer, Axel Bernd Kunze und Harald Kuypers.
  • Günter W. Zwanzig (Oberbürgermeister von Weißenburg in Bayern a. D.) stellt den Band „Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute“, herausgegeben von Manfred Blänkner und Axel Bernd Kunze, vor.
  • Dominique Moldehn, Astrid Frey und Birgit Fromme (Borromäusverein Bonn) stellen folgende Kinder- und Jugendbücher vor: Du und ich und alle anderen Kinder. Gesammelte Geschichten und Kindergedichte (Bart Moeyaert), Was würdest du tun? (Karin Gruß und Tobias Krejtschi) sowie Sally Jones – Mord ohne Leiche (Jakob Wegelius).