Zwischenruf: Ein transzendental-kritischer Zwischenruf

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

„Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen?“ – Diese von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Grundfrage zwingt uns Theologen und Pädagogen zur ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Antwort darauf entscheidet sich an der Frage, ob wir den Menschen noch als ein auf Transzendenz hin ausgerichtetes Wesen begreifen – oder ob wir ihn längst an eine rein immanente Verwendungs- und Messbarkeitslogik ausgeliefert haben.

I. Das Jona-Syndrom: Die Flucht aus der Transzendenz

Das Buch Jona ist kein harmloses alttestamentliches Märchen, sondern eine existenzielle Fallstudie über den Rückzug des Subjekts vor dem Anspruch des Absoluten. Jona, der „Sohn des Amitai“ („Sohn der Wahrheit“), leidet an einer tragischen Verwechslung: Er hält seine eigene, verfestigte Vorstellung von Ordnung und Gerechtigkeit für die absolute Wahrheit.

Wo die göttliche Transzendenz ihn auffordert, ins Licht der Vernunft zu treten und sich dem radikal Fremden (der Stadt Ninive) zu stellen, wählt Jona die Flucht nach innen – den Regressus ad uterum. Im Bauch des Fisches, eingepfercht zwischen „Kot und Samen“, zieht er sich in die ultimative solipsistische Schutzhöhle zurück.

Er spürt seine Endlichkeit, wagt es aber nicht, seine eigenen Wurzeln dem Wind der Wirklichkeit auszusetzen, aus Angst, zu verdörren wie die spätere Rizinusstaude. Lieber flieht er vor dem gesellschaftlichen WIR und verweigert das ICH-DU (im Sinne Martin Bubers). Er spaltet das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod. Jona lässt sich über Bord werfen – nicht aus rettender Liebe, sondern aus der resignativen Ichlosigkeit eines Menschen, der keinen tieferen Sinn mehr reflektieren kann.

II. Die Verflachung zur „PISA-Bildung“: Wenn das Denken erstickt

Wenn wir heute auf den Zustand von Kirche, Gesellschaft und Bildung blicken, begegnen wir Jonas Flucht im institutionellen Maßstab. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer flachen „Gott-ist-tot“-Theologie wird die Auferstehung oft zur bloßen „sozialen Metapher“ verharmlost. Die Kirche erzieht zu einem immanenten, morallastigen Humanismus.

In der Bildungsethik führt dieser Ausfall der Vertikalen direkt in die PISA-Bildung:

Vom Subjekt zum Datensatz: Bildung wird nicht mehr als Befähigung zur Freiheit und Verantwortung vor dem Absoluten verstanden, sondern verkommt zum pragmatischen „Punkte-Sammeln“.

Die Illusion des Gemachten: In Qualitätsmanagement, Kompetenzgerede und Excel-Tabellen versucht das System, das menschliche Sein einzukästeln.

Doch wo das Denken wirklich lebendig ist, hinterlässt es keine administrativen Spuren. In einer digitalisierten „Kick- und Klick-Gesellschaft“ wird dem Menschen das haptische Gegenüber entzogen. Die bürokratische Datenwelt ist die moderne Fortsetzung von Jonas Fischbauch: Das System bleibt unter sich, berührt aber die Existenz des Menschen nicht mehr.

III. Das „Schweigen in der Sprache“ als Schutzraum der Würde

An dieser Stelle erweist sich die transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) als unverzichtbares Korrektiv. Wenn ich mich als Pädagoge im Heitger’schen Sinne „zur Vernunft zwinge“, erkenne ich: Das tiefste Selbst (die Einmaligkeit und Würde) des Edukanden ist kein empirisches Objekt, das sich in Kompetenzrastern erfassen ließe. Das eigene Antlitz des Menschen bleibt dem letzten begrifflichen Zugriff entzogen – es ist unsagbar.

Das erfordert eine Unterscheidung zweier Formen des Schweigens:

1. Das Schweigen nach der Sprache: Das bloße Verstummen, die Sprachlosigkeit oder die bürokratische Kälte.

2. Das Schweigen in der Sprache: Die Dimension des Transzendenten innerhalb des Wortes. Es ist der verbliebene Raum der Ehrfurcht im pädagogischen Gespräch. Das Schweigen in der Sprache schützt die Freiheit des Educanden vor dem Machbarkeitswahn der Institutionen. Es signalisiert: „Ich fordere deine Vernunft heraus, aber ich beherrsche dich nicht. Dein tiefstes Wesen gehört dir und Gott allein.“ Wo dieses Schweigen getötet wird, verkommt die Sprache zum reinen Steuerungsbefehl.

IV. Der Verlust des Futur II und die paulinische Antwort

Wo die Transzendenz gekappt wird, verarmt auch die Grammatik unseres Lebens. Es vollzieht sich der schleichende Verzicht auf das Futur II („Es wird gewesen sein“).

Ohne die Perspektive einer vollendenden Zukunft kollabiert das Leben vom dynamischen Vektor (einer gerichteten Bewegung mit Herkunft und Ziel) zur statischen Existenz im atemlosen Präsens. Man dreht sich im Kreis der eigenen Immanenz.

Mit einer solchen schrumpfenden Grammatik ist in der Tat kein Staat – und erst recht keine Erziehung – mehr zu machen. Denn ohne Transzendenz gäbe es keinen Grund, das eigene Leben für andere einzusetzen.

Erst wo wir die Enge der Immanenz durchbrechen, wird die paulinische Dimension greifbar: Die Auferstehung ist keine verblassende soziale Metapher, sondern eine Wirklichkeit im JETZT. Wo das starr gewordene ICH im Wagnis des DU zum WIR findet, bricht die Auferstehung mitten in unserer Gegenwart auf.

Fazit

Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Ja – aber nur, wenn sie sich weigert, sich den Logiken des reinen Nützlichkeitsdenkens anzupassen. Eine zukunftsfähige Bildungsethik darf den Menschen nicht an PISA-Punkte und Excel-Tabellen ausliefern. Sie muss den Mut besitzen, ihn wieder als Person zu begründen, die beim Namen gerufen ist – nicht um im Schutz solipsistischer Systeme zu verharren, sondern um im Licht von Vernunft, Glauben und Verantwortung nach Ninive aufzubrechen.

Zum Autor des Gastbeitrages:

Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

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