Zwischenruf: Cui bono? Die Entsorgung der Transzendenz im Schulalltag

Transzendental-kritische Anmerkungen zur Brauchbarkeit der Christlichen Sozialethik

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

Ist mit der Christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Frage gewinnt gerade im alltäglichen Vollzug der beruflichen Bildung eine existenzielle Dringlichkeit. Wer heute an beruflichen Schulen unterrichtet, erlebt die schleichende Verdrängung der Transzendenz nicht als abstraktes Theorem, sondern als handfeste Krise im Klassenzimmer.

I. Die Immanenzfalle des Bildungsalltags: Angst vor dem Verworfensein

Die Beobachtungen aus der Unterrichtspraxis zeichnen ein deutliches Bild: Verstärkt durch die Nachwirkungen der Corona-Isolationsphasen, die Herausforderungen multiethnischer Heterogenität und eine fortschreitende digitale Trivialisierung zeigt sich bei vielen Heranwachsenden eine Verkennung der eigenen Transzendenzdimension. Das Bewusstsein, als Person von Gott bei seinem Namen gerufen zu sein, weicht einer ausschließlichen Einordnung des Lebens in Lust- und Nutzenkategorien.

Dieses Verharren in der Beschleunigungsimmanenz wird durch ein hemmungsloses „Kick- und Klick-Verhalten“, den Druck der Arbeitswelt sowie den verbreiteten Rückgriff auf Stimulanzien verfestigt. Wenn der Schulalltag vom Messbarkeits-Paradigma, von Qualitätsstandards, Algorithmen, Excel-Tabellen und einem verflachten Sprachgebrauch beherrscht wird, erscheint die Anstrengung der Vernunft im täglichen Vollzug zunehmend als lästig.

Dahinter verbirgt sich eine tiefsitzende Angst vor dem Verworfensein. Aus Furcht vor Kontrollverlust zieht sich das Subjekt in eine erstarrte „Ich-heit“ zurück und verweigert die Dynamik des Samenkorns: Es will nicht sterben, um Wandlung und Frucht zu ermöglichen, sondern klammert sich an das bloße Überleben. So spaltet das System das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod, Tag gegen die Nacht, Tun gegen das Nichttun. Das Denken verkommt zur reinen Überlebensmechanik.

II. Pädagogische Schärfung: Das Ich-Du, polare Einheiten und die Metapher des Baumes

Dieser Befund fordert Pädagogen heraus, die eigenen Sinne zu schärfen. Wenn Bildung mehr sein soll als die Bereitstellung funktioneller Humankapazitäten, müssen wir mit den Schülern einen Weg einschlagen, der im Sinne Immanuel Kants zum Gebrauch des eigenen Verstandes anleitet.

Transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) begreift Metaphysik nicht als starres Lehrgebäude, sondern als einen gedanklichen Prozess – als ein reflektiertes „Durch-die-Welt-Gehen“. Im multiethnischen Schulalltag bedeutet dies, der durchökonomisierten Alltagswelt die Maske zu entreißen und Verschiedenheiten im unmittelbaren Dialog zu entbinden. Dies gelingt nur in einer Sprache, die nach Martin Buber das echte „Ich-Du“ stiftet und Gemeinschaftlichkeit jenseits bloßer Nützlichkeit ermöglicht.

Dazu gehört das Wiederentdecken der polaren Einheiten im pädagogischen Handeln:

  • Sprechen und Schweigen: Ein Sprechen, das das Schweigen als Feind bekämpft, verkommt zum Steuerungsbefehl. Erst das „Schweigen in der Sprache“ öffnet die Dimension des Transzendenten im Wort als Raum der Ehrfurcht.
  • Halten und Lassen: Bildung erfüllt sich nicht im permanenten Machbarkeitswahn, sondern in der Gelassenheit des Gewährenlassens. Das Schweigen im Sprechen und das Lassen im Tun schützen die Unverfügbarkeit des Edukanden.

Sinnbildlich lässt sich dieser Selbstvollzug im Licht der Vernunft mit einem Baum vergleichen: Ein Baum wächst nur in dem Maße in das Licht der Selbstverwirklichung, wie er in den dunklen Boden hineinschaut, aus dem er lebt – in das Bewusstsein der eigenen Herkunft, Begrenztheit und Endlichkeit. Wo der Blick in diese Tiefe verweigert wird, verkommt Leben zur flachen Funktion.

III. Wissenschaftlicher Anspruch und die kritische Gegenfrage: Cui bono?

Ist ein solches Denken im Schulalltag bloße Phantasterei? Keineswegs. Es ist streng wissenschaftlich und argumentativ, weil es nach den Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Würde fragt. Wer im Ethik- oder Religionsunterricht so denkt, betreibt keine unzulässige Spekulation, sondern schützt das Subjekt vor der totalen Vereinnahmung durch die Zwecke des Marktes.

Gerade deshalb müsste mit einer Christlichen Sozialethik heute dringend noch Staat zu machen sein. Doch der Befund der Praxis fordert eine Gegenfrage heraus: Warum zeigt der Staat ein abnehmendes Interesse an dieser sozialethischen Fundierung? Cui bono – wer profitiert davon?

Die Antwort liegt nahe: Ein System, das den Menschen primär als ökonomischen Datensatz und reibungslos funktionierendes Zahnrad begreift, empfindet die Erinnerung an das Unverfügbare als störend. Eine Christliche Sozialethik, die den Edukanden als bei seinem Namen gerufene Person versteht und ihn lehrt, Leben und Tod, Halten und Lassen als Ganzes anzunehmen, bleibt der unersetzliche Stachel im Fleisch einer rein immanenten Gesellschaft.

Zum Autor des Gastbeitrages:

Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

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