Rezension: „Selbstkritische Position und kritische Reflexion“ – Festschrift für Werner Baur liefert starke Argumente für kirchliches Bildungshandeln

 

Carmen Rivuzumwami (Hg.) (o. J. [2018]): Gemeinsam: Leben Glauben Bilden. Festschrift für Werner Baur zum Eintritt in den Ruhestand, o. O. (Stuttgart): Evangelischer Oberkirchenrat, 225 Seiten.

 

Zwanzig Jahre war Werner Baur im Stuttgarter Oberkirchenrat für den Bereich Bildung der württembergischen Landeskirche zuständig. Wer den engagierten Lehrer und Schulleiter auf Tagungen oder Sitzungen erlebt hat, konnte spüren, dass Baur auch in kirchenleitender und administrativer Funktion stets ein Pädagoge mit Herzblut geblieben ist. Zu seinem Eintritt in den Ruhestand ist eine Festschrift im Eigenverlag des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart erschienen.

Der Band deckt die gesamte Bandbreite des landeskirchlichen Engagements im Bildungsbereich ab: von Kindertageseinrichtungen und Schulen über die Jugendarbeit bis zur Berufs- und Erwachsenenbildung. Die Autoren kommen aus beiden Landeskirchen Baden-Württembergs, aber auch aus der ökumenischen Nachbarschaft des Bistums Rottenburg-Stuttgart oder des Erzbistums Freiburg. Angesichts der Bandbreite der Themen kann hier nur eine kleine Auswahl der nahezu durchweg pädagogisch sehr engagiert geschriebenen Beiträge hervorgehoben werden.

Den Aufschlag macht ein sehr persönlich gehaltener Beitrag von Martin Schleske, Geigenbaumeister und Schalltechniker. Im Rückgriff auf seine eigene Bildungsbiographie beschreibt er sehr lebendig, anrührend und engagiert, wie wichtig das persönliche Vorbild, die fachliche Begeisterung des Lehrers und die Beziehung in der pädagogische Arbeit sind. Wir sollten das nicht vergessen in Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen –, in denen mal wieder technische Lösungen das – in diesem Fall – digitale Heil ins Tal der Bildung bringen sollen.

Norbert Collmar, Rektor der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, zeichnet am Beispiel des protestantischen Württembergs nach, wie sich aus sozialen und diakonischen Initiativen des neunzehnten Jahrhunderts das bildungspolitische Engagement der Kirche im berufsbildenden Bereich entwickelt hat. Als Beispiel verweist er etwa auf die Gründung der Großheppacher Schwesternschaft durch Wilhelmine Canz. Sie sammelte junge Frauen um sich, die als Kleinkindpflegerinnen ausgebildet wurden. Dieses Engagement setzt sich bis heute fort, in Gestalt einer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik.

Christoph Schneider-Harpprecht, Baurs Kollege aus dem badischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, fragt, wozu ein eigener kirchlicher Bildungsgesamtplan sinnvoll ist. Gegen Kritik an diesem Instrument nennt er vielfache Aufgaben, die ein solcher Plan erfüllen kann: Er kann helfen, die Bildungslandschaft kirchlicher Träger weiterzuentwickeln, den Auftrag und die konstitutiven Merkmale evangelischer Bildungsangebote profilieren helfen, ein möglichst realistisches Bild der zu erreichenden Zielgruppen zeichnen, Chancen und Empfehlungen an die zuständigen Gremien geben. „Wenn der politische Wille vorhanden ist, so können jährlich oder im zweijährigen Rhythmus Zahlen, Daten und Fakten in standardisierter Form zusammengetragen und auch für die Haushaltsberatungen der Landessynode fruchtbar gemacht werden“ (S. 89).

Eckhard Geier, scheidender Geschäftsführer des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg, unternimmt einen Parforceritt durch fünfhundert Jahre evangelische Schul- und Bildungsgeschichte. Instruktiv beleuchtet er das spannungsreiche Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Bildungsbereich. Evangelische Schulen sind für Geier zum einen „zeitlos zeitgemäß“, weil sie zu allen Zeiten genuin evangelisch-christliche Antworten auf die pädagogischen und sozialen Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit formulierten. Sie sind aber zugleich immer auch „unzeitgemäß“, insofern sie nicht einfach dem bildungspolitischen Mainstream folgen, sondern pädagogische Reformen „gegen den Trend“ ins Werk setzten. Diesen Freiraum von Schulen in kirchlicher Trägerschaft gilt es aber zunehmend gegen eine staatliche Dienst- und Fachaufsicht zu verteidigen, die freie Träger auch in didaktisch-methodischer Hinsicht immer stärker zur Vergleichbarkeit mit staatlichen Schulen drängt.

Bemerkenswert ist schließlich noch der Schlussbeitrag des Bandes: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Landeskirche in Stuttgart-Birkach, hält ein engagiertes Plädoyer für einen weiterhin starken konfessionell geprägten Religionsunterricht, gut begründet, wenn auch im vorstehenden Sinne „unzeitgemäß“, insofern der Hauptstrom der zeitgenössischen Religionspädagogik deutlich in Richtung konfessioneller Kooperation fließt. Identitätsfragen stehen gegenwärtig weder in der pädagogischen noch politischen Debatte hoch im Kurs. Viele erhoffen sich durch eine stärkere Kooperation der Konfessionen beim Religionsunterricht eine Stärkung der christlichen Orientierung innerhalb einer zunehmend heterogener wie säkularer werdenden Schüler- und Elternschaft. Doch besteht die Gefahr, dass durch eine konfessionell-diffuse Lernumwelt die eigene religiöse Identitätsbildung eher erschwert als erleichtert wird – am Ende kennen die Schüler weder ihre eigene Herkunft noch die Konfession der anderen. Für Hermann gehören „perspektivische Positionalität“ und die Aufgabe „positioneller Perspektivität“ im Religionsunterricht eng zusammen. Wer sich der eigenen Konfession sicher ist, erfährt die Position der anderen nicht als Bedrohung. Daher kann gerade ein konfessioneller Religionsunterricht für Hermann zur Pluralitätsfähigkeit und zu starker Toleranz beitragen. Denn über Religion kann nicht distanziert gelehrt oder gelernt werden. Der Stuttgarter Religionspädagoge spricht in diesem Fall von Begegnungslernen, bei dem unweigerlich immer verschiedene Ebenen ineinander fließen und sich wechselseitig bedingen. Es kann keine neutrale Haltung gegenüber Religion geben, selbst eine religionsabstinente Haltung wäre eine Positionierung gegenüber Religion – und so ist Begegnungslernen über Religion immer auch bereits Begegnungslernen in Religion und durch Religion. Wichtig bleibt aber, dass Lehrkräfte bereit sind, zwischen religiöser Reden und Reden über Religion zu unterscheiden.

Wer freie Menschen will, muss auch für ein starkes freies Schulwesen und eine plurale Bildungslandschaft eintreten. Ein Staat, der für sich ein Bildungsmonopol beanspruchen wollte, wäre übergriffig auf den innersten Personkern. Und wenn Religion nicht zu etwas Bedrohlich-Fremden werden soll, gehört Religion in die Schulen und Bildungseinrichtungen. Hermanns Plädoyer am Ende seines Beitrags setzt einen starken Schlusspunkt für die gesamte Festschrift und ein deutliches Ausrufezeichen hinter das bildungspolitische Engagement des zu Ehrenden: „Gebildete Religion braucht selbstkritische Position und kritische Reflexion, zugleich aber auch das Bewusstsein eigener Perspektivität und Bruchstückhaftigkeit – wichtige Werte aufgeklärter Bildung, wie sie evangelischer Bildungstradition zugrunde liegen“ (S. 210).

 

Rezension: Zerreißprobe Flüchtlingsintegration

Die Migrations- und Integrationspolitik spaltet weiterhin das Land und erweist sich – wie ein Buchtitel der Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins im vergangenen Jahr deutlich gemacht hat – für Deutschland als „Zerreißprobe“:

https://bildungsethik.wordpress.com/2017/01/22/nur-ein-narrativ-ein-sozialethischer-zwischenruf-zur-aktuellen-integrationsdebatte/

Der Band aus der Reihe „Theologie kontrovers“ ist jetzt in der Theologischen Literaturzeitung durch den Hannoveraner Diakoniewissenschaftler und Systematischen Theologen Alexander Dietz kritisch gewürdigt worden (Jg. 2018, Nr. 5, Sp. 537 f.):

http://www.thlz.com/artikel/20180/?inhalt=heft%3D2018_5%23r51

„Nachdem Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Sozialwissenschaften und Sozialethische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, bereits vor einem Jahr einen Sammelband mit sozialethischen Positionen zur Flüchtlingskrise vorgelegt hatte, legt sie nun mit dem vorliegenden Band zum Thema Flüchtlingsintegration nach. Das Werk umfasst fünfzehn Beiträge ausschließlich katholischer Theologinnen und Theologen (und einer Gewerkschaftsvertreterin). Im Vergleich zum ersten Band ist leider nicht nur die konfessionelle Zusammensetzung der Autoren begrenzter, sondern auch die positionelle Heterogenität. Nur einer der Beiträge ( Axel Bernd Kunze) vertritt eine dezidiert konservative Position, alle anderen Aufsätze sind aus einer erkennbar links-liberalen Perspektive verfasst. […]“ (Alexander Dietz)

Rezension: Wiener Sozialethiker Körtner ruft zur Vernunft auf

Körtners Argumentationsgang, sachlich vorgetragen, ist grundsätzlicher Natur. Tagespolitische Kontroversen stehen erkennbar im Hintergrund, werden aber nicht im Einzelnen diskutiert. Hierfür gibt es andere Orte der politik- und staatsethischen Debatte. Auch gegnerische Positionen aus der eigenen Disziplin werden selten explizit genannt. Man kann aber zwischen den Zeilen lesen, an welche sozialethischen Aussagen aus jüngerer Zeit, nicht zuletzt im Rahmen der Migrations- und Integrationskrise, der Verfasser beim Schreiben derselben gedacht haben mag.

… so der Sozialethiker Axel Bernd Kunze in einer Rezension in der aktuellen Ausgabe 2/2018 der Zeitschrift AMOSinternational (Thema: Terrorismus und Terrorismusbekämpfung) über das Buch „Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche“ des Wiener Sozialethikers Ulrich H. J. Körtner (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2017, 172 Seiten).

Die Besprechung finden Sie hier.

http://www.amosinternational.de/

 

Rezension: Die Universität braucht Geselligkeit – ein bedrohtes akademisches Gut

Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.) unter Mitarbeit von Sabrina Lausen (2017): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen; 19), Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 246 Seiten.

Selten haben Sammel- und Tagungsbände eine derart klare Ausgangsthese wie der Band der beiden Wissenschaftshistoriker Matthias Asche und Dietmar Klenke: „Allein eine geselligkeitspolitisch gut positionierte Universität vermag der Gefahr zu trotzen, zu einer Bildungsanstalt zu werden, bei der die prekäre Balance von wissenschaftlich notwendiger Autonomie und berechtigten Ausbildungsanforderungen von Staat und Gesellschaft zugunsten der Außensteuerung verloren geht. In der Interessenwahrnehmung der Universitäten sind Geselligkeitsformen und geselligkeitspolitische Strategien ein häufig verkannter Faktor der Selbstbehauptung gegenüber der Umwelt“ (S. 10).

Geselligkeit ist mehr als Zeitvertreib. Sie schafft eine politisch bedeutsame Gegenwelt persönlicher, ungezwungener Kontaktpflege und Kommunikation. Interessen lassen sich hier leichter ausgleichen, formale Zwänge leichter umgehen. Vor allem aber, so die Annahme der Herausgeber, hält diese besondere Spielform der Vergesellschaftung eine akademische Kultur lebendig, die nicht nur ein äußeres Programm bleibt, sondern persönlichkeitsbildende Kraft besitzt. Nur eine Universität, die diese Kraft akademischer Kultur bewahrt, wird sich auch gegen Zumutungen und äußere Zwecke zur Wehr setzen können.

Und genau diese Kraft, geht nach Ansicht der Herausgeber der heutigen Universität zunehmend verloren: Marktkonforme Außensteuerung und Binnenhierarchisierung drängten den Anspruch ungehinderter Wahrheitsfindung zunehmend in den Hintergrund. „Emphatischen Aufklärungsgeist treffen wir eher in der Universität des 19. als an derjenigen des 21. Jahrhunderts an“ (ebd.). Der einst „bildungsaristokratische“ Hochschullehrer sei zunehmend zum Dienstleister mutiert, das Studentsein werde nicht mehr als akademische Lebensform verstanden. Das Urteil in der Einleitung des Bandes fällt hart aus: Die Universität wandle sich zusehends zu einer „binnenhierarchisierten Fachschule“ (S. 18) – ein Wandel, der sich, wie der Titel des Bandes deutlich macht, an der akademischen Geselligkeitskultur deutlich ablesen lasse: Die „ideelle Substanz“ der Hochschule werde zunehmend aufgezehrt vom „kühlen Charme“ eines „corporative design“; Elemente der kommerziellen Populärkultur bemächtigen sich der Universität. Es sind nahezu fast nur noch die Studentenverbindungen, die an den verblassten Geist früherer akademischer Geselligkeit erinnerten.

Drei Beiträge beleuchten ausdrücklich die Rolle studentischer Korporationen bei deren Herausbildung. Harald Lönnecker geht der persönlichkeitsprägenden Kraft korporativer Geselligkeitsformen nach: „Der Hochschüler brachte klar und deutlich zum Ausdruck, daß für ihn die Regeln der bürgerlichen Welt nur bedingt galten, er Mitglied und Teil einer Metakultur war, die jenseits einer klar strukturierten Erwachsenenwelt bestand“ (S. 142). Dieser Wirkung konnten sich zumindest bis zum Ersten Weltkrieg selbst solche Verbindungen nicht entziehen, die ausdrücklich mit einem reformatorischen Anspruch gegründet worden waren. Das Spannungsfeld von bürgerlichem und antibürgerlichem Habitus, das die „Alte Burschenherrlichkeit“ prägte, wird von Matthias Stickler im Anschluss näher beleuchtet. Aufs Ganze gesehen waren – so Stickler – aber die Domestizierungs- und Verbürgerlichungstendenzen in der klassischen Phase der Korporationen stärker, die Rückbindung an die Werte des gehobenen Bürgertums sehr groß. Dies änderte sich erst mit zunehmender Pluralisierung des gesellschaftlichen Lebens in der frühen Bundesrepublik; die Verbindungen gerieten zunehmend unter Legitimationszwang und büßten ihren Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit ein. Christian George stellt dar, wie sich bei Wiedergründung der Korporationen nach dem Zweiten Weltkrieg nach anfänglichen Reformansätzen vor allem aufgrund des Widerstands der Alten Herren zunehmend die überkommenen Formen couleurstudentischer Geselligkeit wieder durchsetzten – ein Beleg dafür, dass sich sinn- und identitätsstiftende Rituale nur sehr begrenzt und wenn äußerst behutsam ändern lassen.

Der Inhalt des Bandes geht aber deutlich über Verbindungsgeschichte hinaus. Thematisiert werden Logen als professorale Form der Geselligkeit im Rahmen der vormodernen Universität oder das universitäre Professorenkränzchen als bewusst gesuchte Form geschlossener Privatheit. Wolfgang Müller untersucht, wie sich im nach dem Krieg zunächst französischen Saarland neue Vernetzungen mit europäischem Flair herausbildeten. Sabrina Lausen zeigt auf, wie polnische Verbindungen in der Zwischenkriegsära der Selbstvergewisserung und Festigung der nationalen Identität dienten.

Und wie sieht es heute aus? Zum Wandel universitärer Geselligkeitskultur hat auch der sogenannte „Di-Mi-Do-Professor“ beigetragen, der zwischen Familie und Hochschulort pendelt und an letzterem nur noch das notwendige Minimum an Zeit verbringt. Dietmar Klenke, einer der beiden Herausgeber, erinnert daran, wie Nordrhein-Westfalen dieser Entwicklung 1999 durch rigide Präsenzvorschriften administrativ einen Riegel vorschieben wollte – ein Versuch, der kläglich scheiterte: nicht nur, da solche Vorschriften zwangsläufig von den Betroffenen als Strafe und Misstrauensvotum empfunden werden mussten, sondern auch als Überlastung erlebt wurden. Wer politisch mehr Kommunikation zwischen Hochschullehrern und Studenten erreichen will, muss an anderer Stelle für Entlastung sorgen – stattdessen fressen bildungsadministrative Aufgaben in der Selbstverwaltung zunehmend mehr Zeit.

Die Bewahrung einer substantiellen, durch kurzlebige Trends nicht irritierbaren und auf wissenschaftliche Autonomie bedachten Geselligkeitskultur zeigt sich an dieser Stelle auch als ein Ressourcenproblem. Nicht zuletzt leidet die marktgerechte Bolognauniversität unter einem Mangel an disponibler Zeit ihrer akademischen Akteure. Der Band zeigt an einem Thema, das nicht unbedingt im Rampenlicht der Hochschulforschung steht, auf, in welch prekärer Lage sich die Universität gegenwärtig befindet. Wer sich akademisch starke Universitäten, eine leistungsfähige Wissenschaftskultur und ein geistig anregendes Studienklima für die junge Generation wünscht, den kann diese Diagnose nicht unberührt lassen. Wie sich die prekäre Lage zum Besseren wandeln lässt, ohne in Nostalgie oder Verklärung alter Zeiten zu verfallen, bleibt am Ende allerdings offen – oder dem geselligen Austausch an anderer Stelle aufgegeben.

(Erstveröffentlichung: Burschenschaftliche Mitteilungen der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg und der Burschenschaft Alemannia zu Leipzig, Heft 1/2018)

Rezension: Parteien und Korporationen

„Als Auffrischung darüber, wie selbstverständlich das Verbindungswesen bis zur NS-Zeit in allen Parteien vertreten war, ist es ein interessantes Buch. Es wäre aber schön, wenn in allen Parteien ein solcher Bekenntnismut bestehen würde.“

Thilo Lambracht im CORPS-Magazin 2/2018 (S. 35) über das Werk „Rote Fahnen, bunte Bänder“ (hg. v. Manfred Blänkner u. Axel Bernd Kunze, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016).

Die ganze Rezension ist online zu lesen unter: http://www.die-corps.de/pageflip/CorpsMagazin_2018-2/index.html#corpsmagazin_2018_2_neu_ansicht/page/34-35

Engagement 4/2017

Internationalität Katholischer Schule – so der Titel des neuen Themenheftes 4/2017 der schulpädagogischen Zeitschrift ENGAGEMENT, das mit zeitlicher Verzögerung Mitte März 2018 erschienen ist. Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Arnold/Zierer: Die deutsche Didaktik-Tradition. Grundlagentexte zu den großen Modellen der Unterrichtsplanung (Rez.: Wilhelm Wittenbruch)
  • Thomas Söding: Das Christentum als Bildungsreligion. Der Impuls des Neuen Testaments (Rez.: Axel Bohemeyer)
  • Von Chossy/Bauer: Erziehen ohne Religion. Argumente und Anregungen für Eltern (Rez.: Matthias Bär)
  • Hilbert: Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler (Rez.: Günther Klempnauer)
  • Brüning: Weltreligionen Klasse 1/2 (Rez.: Matthias Bär)
  • Haider Munske: Unsere Universität im Abstieg? Bologna, Bafög, Bachelor. Beobachtungen und Ratschläge (Rez.: Günter W. Zwanzig)
  • Diering/Timme: Sozialgesetzbuch X. Sozialverwaltungsverfahren und Sozialdatenschutz. Lehr- und Praxiskommentar (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Gnisa: Das Ende der Gerechtigkeit. Ein Richter schlägt Alarm (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Fesler: Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer (Rez.: Astrid Frey)
  • Nicholls: Eine Insel für uns allein (Rez.: Anna Winkler-Benders)

Rezension: Beredtes Schweigen auf weißen Seiten

Hain-Team (Gestaltung): Christliches in der AfD, Würzburg: Echter, 32 Seiten, Euro 2,90.

Wer „tabula rasa“macht, will Raum schaffen für neue Gedanken, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden. So war es in der Antike, als die Römer ihr Wachstäfelchen wieder glatt strichen. Des Schreibens ist bis heute kein Ende – denn der menschliche Geist ist immer wieder erfrischend neu. Wenn wir denn wollen …

Eine Politik, die sich immer häufiger für alternativlos hält, verliert an Vertrauen. Grenzen seien im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr zu schützen, die Flüchtlinge halt nun mal da – und der Bundeskanzlerin fällt auch nach einer deutlichen Wahlschlappe und auf Nachfrage nun wirklich gar nichts ein, was sie hätte anders machen können … Macht auch nichts, dass andere Länder das Gegenteil belegen. Wer will schon von seinem hohen moralischen Ross herabsteigen, auf dem es sich so herrlich sitzt. Allzu mühsam ist doch das politische Geschäft, Alternativen abzuwägen, nach Kompromissen zu suchen und angesichts harter politischer Konflikte um gerechte Entscheidungen zu ringen.

Wehe dem, der da schon im Namen behauptet, es könnte Alternativen geben. War dies nicht mal ein Zeichen für Bildung? … sich vorstellen zu können, dass es auch ganz anders sein könnte. Und wenn schon. Wer erklärt, was nicht sein kann, weil nicht sein darf, den lädt man besser erst gar nicht ein – so wie es das Zentralkomitee beim Jubiläumskatholikentag vorgemacht hat. Ein Schelm, der dabei weniger an die liberale Vereinsfreiheit und Katholikenemanzipation der 1848er Jahre denkt, als an ein anderes Zentralkomitee, das schon einmal bestimmte, was in Leipzig zu gelten habe oder nicht. Dabei bringt eine Schwalbe beim diesjährigen Katholikentag im bürgerlich-liberalen Münster noch keinen Sommer mit sich – sprich: die großzügige Einladung an einen Vertreter der AfD noch keinen Kurswechsel im routiniert eingespielten Funktionärskatholizismus.

Trotz extrem niedriger Priesterzahlen, zahlreicher Kirchenschließungen, immer größer werdender Pfarreifusionen und einer sinkenden Zahl an Gläubigen und Gottesdienstbesuchern fühlt man sich sicher, dass das vom Christentum geprägte kulturethische Fundament unseres Zusammenlebens schon irgendwie halten werde.

Aber etwas zu dessen Sicherung beitragen? Nein, das ist dann doch uncool, irgendwie provinziell und atmet so gar nicht den Duft der großen weiten Dialogwelt, in der man für alles und jeden offen ist, nur nicht für die eigene Tradition. Jüngstes Beispiel dieser Haltung ist ein Bändchen aus dem Würzburger Echter-Verlag. Wo aber Borniertheit dem eigenen Geist enge Grenzen setzt, ist es aus mit frischen Ideen. Das weiße Blatt Papier, hier säuberlich zu einer Art Buch zusammengebunden, das beschrieben werden will, wird zum Menetekel. Der in diesem Fall zu leicht befunden wird, ist am Ende aber der Herausgeber oder Autor selbst, der sich nicht scheut, auch noch die eigene „Gedankenlosigkeit“ vor anderen zur Schau zu tragen.

Besser könnte man nicht demonstrieren, wie wenig ein in den üblichen Floskeln des Politbetriebs erstarrter Katholizismus sozialethisch beizutragen hat zur Debatte um die Sicherung unserer staatlichen Grundlagen und unserer kulturellen Identität. Wo die Demokratie zur „GroKo“ infantilisiert wird, verkommt der politische Diskurs zum Boulevard. Und katholische Publizistik und Politikethik mittendrin, nicht nur dabei: die „heute“-Show auf katholisch, jetzt auch in Buchform.

Das in Preis und Ausstattung als „Give-away“ konzipierte Bändchen demonstriert, wie sich die katholische Gesellschaftslehre von ihrer einmal hochstehenden staatsethischen Tradition verabschiedet hat. Wer sich um die Grundlagen des Staates sorgt, sich für die Identität des eigenen Volkes einsetzt, die Rechtsfunktion des Staates hochhält, für eine geordnete Menschenrechtspolitik eintritt und gegen Christenverfolgung streitet, wird in der Katholischen Soziallehre durchaus fündig werden – und dabei so manches „blaue Wunder“ erleben können. Wer aber nur mehr weiße Blätter zustande bringt, sollte sich am Ende nicht wundern, wenn in nicht mehr allzu ferner Zukunft immer mehr sozialethische Lehrstühle nicht nur wackeln, sondern auch fallen. Ebenso hat sich der bekannte Würzburger Verlag mit dem Band aus der Reihe seriöser Publikationsorte verabschiedet.

Man muss kein Freund irgendeiner bestimmten Partei sein – das Evangelium ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Katholiken, die aus gläubiger Verantwortung Politik betreiben, findet man in allen Bundestagsparteien. Und das ist auch gut so. Wenn man sich aber politisch positioniert, sollte man auch mit offenem Visier kämpfen. Wer hinter den weißen Seiten steht, wird dem Leser nicht verraten. Umso scheinheiliger wirkt es, wenn dieser am Ende aufgefordert wird, seine eigenen Fundstücke einzusenden – man behalte sich vor, diese dann in einer Broschüre abzudrucken, auch anonym. Glaubt man so, politisch vermeintlich aus dem Ruder gelaufene Gläubige öffentlich vorführen zu können!?

Auf dem Katholikentag in Münster wird sicher wieder viel von Dialog, Offenheit und Vielfalt die Rede sein. Wie blechern solches Wortgeklingel oftmals daherkommt, zeigt sich dort, wo der sozialethische Diskurs zum effektheischenden, inhaltsentleerten Klamauk verkommt – und sich dabei selbst blamiert. Wer sich einen Sinn für die starke Tradition katholischer Staats- und Gesellschaftslehre bewahrt hat, wird peinlich berührt sein. Die weißen Seiten demonstrieren auf schonungslose Weise, wie wenig Substantielles der heutige Sozialkatholizismus zu den brennenden Zukunftsfragen um Migration und Integration beizutragen hat – und dies ist beschämend angesichts der ernsthaften Fragen, vor denen wir stehen. Wie die etablierten Parteien in ihren Sondierungsgesprächen schleicht der offizielle „Kirchentalk“ genauso um die offensichtlichen Probleme und drängenden Fragen herum wie die sprichwörtliche Katze um den heißen Brei. Man könnte dies auch als eigene geistige Verzwergung begreifen.

Rezension: Warum Glaube und Bildung zusammengehören …

Soll der Einzelne im Glauben mündig sein und die Heilige Schrift lesen können, bedarf er der Bildung. An verschiedenen Stellen seiner Schriften ruft Luther daher die weltliche Obrigkeit dazu auf, sich um die Bildung der Kinder und Jugendlichen zu kümmern: „Das Kind als solches stellt er in seiner Individualität und Würde als Adressat von Bildung und Erziehung in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch, für Mädchen eine umfassendere Allgemeinbildung zu fordern“ – so der Kirchenhistoriker Stephan Mokry (S. 101) im Bändchen „Die Reformation – ein Bildungsgeschehen?“. Die Publikation ist im Rahmen des Projekts „2017: Neu hinsehen! Ein katholischer Blick auf Luther“ entstanden und somit eine Frucht des zu Ende gegangenen Jubiläumsjahres der Reformation. Diese war auch eine Bildungsbewegung und hat – nach den Klosterschulen des Mittelalters – der Bürgerschule zum Durchbruch verholfen, und dies nicht allein aus einem Interesse an gut ausgebildeten kirchlichen Amtsträgern heraus. Mokry zeigt auf, wie die Grunderkenntnis der Rechtfertigung allein aus Glauben zum Impuls für einen modernen Bildungsbegriff wurde: In seiner Ratsherrenschrift plädiert Luther dafür, „junge Menschen so zu erziehen, dass sie ihre Talente entdecken und rein theoretisch nun frei die weitere Entfaltung ihrer Persönlichkeit verfolgen können“ (S. 102). Nicht mehr der Stand, in den jemand hineingeboren wird, sondern die „durch gute Bildung und Erziehung freigelegten, von Gott geschenkten Grundanlagen“ (S. 102) sollen den Lebensweg bestimmen.

Tobias Licht, Stephan Mokry (Hgg.): Die Reformation – ein Bildungsgeschehen? Historische Einordnung und ökumenische Ausblicke, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt; Paderborn: Bonifatius 2017, 125 Seiten.

Rezension: Jahrbuch Extremismus und Demokratie würdigt „Rote Fahnen, bunte Bänder“

„Bereits die Idee zu diesem Publikationsprojekt ist zu loben, da sie die Geschichte eines nicht unwichtigen Teils studentischen und akademischen Lebens in der deutschen Geschichte ausleuchtet und damit die Forschung bereichert.“

Manuel Becker in einer Rezension für das Jahrbuch Extremismus und Demokratie, Ausgabe 2017, über den Band:

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute, Bonn 2016, 320 S.

Rezension: Menschenrechte – Einführung mit Dokumenten

2018 jährt sich die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum siebzigsten Mal: „Menschenrechte werden nicht mehr als exklusive Angelegenheit nationaler Staaten erachtet, sondern als Aufgabe der Völkergemeinschaft in Form der Vereinten Nationen“ (S. 58). Der Aufbau eines internationalen Menschenrechtsregimes hat nach Ende des Ost-West-Gegensatzes noch einmal deutlich an Dynamik gewonnen. Bis heute setzt sich der Ausbau der Menschenrechte fort. Der Magdeburger Menschenrechtspädagoge K. Peter Fritzsche hat vor diesem Hintergrund sein bekanntes Lehrbuch zu den Menschenrechten in dritter Auflage aktualisiert und an neuere Entwicklungen im Menschenrechtsschutz angepasst.

Eine Besprechung der Neuauflage des Lehrbuchs aus der Feder von Axel Bernd Kunze finden Sie im Onlineportal Socialnet:

https://www.socialnet.de/rezensionen/22389.php

Karl Peter Fritzsche: Menschenrechte. Eine Einführung mit Dokumenten, Stuttgart 2016, 3., erweiterte und aktualisierte Auflage, 410 Seiten. ISBN 978-3-8252-4487-3.