120 Jahre Burschenschaftsdenkmal

Mit einem Festakt am 21. Mai 2022 um 15.50 Uhr am Burschenschaftsdenkmal feiert der Denkmalerhaltungsverein Eisenach e. V. das hundertzwanzigjährige Jubiläum dieses burschenschaftlichen Wahrzeichens. Es steht für die Einheit und Freiheit Deutschlands. Die Festrede hält Landrat a. D. Dr. Martin Kaspari. Ein Grußwort gibt Seine Hoheit Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Zu diesem festlichen Ereignis ist eine Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „Denkmalgeflüster“ erschienen. Im Band wird auch auf die beiden Veröffentlichungen „Wiederentdeckung des Staates in der Theologie“ (von Alexander Dietz, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze und Ludger Schwienhorst-Schönberger, Leipzig 2020) sowie „Bildung in Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind“ (von Axel Bernd Kunze, Bonn 2018) hingewiesen. Die Zeitschrift ist auch online abrufbar:

https://denkmalerhaltungsverein.de/denkmalgefluester

Neue Rezensionen: engagement 3/2021

Axel Bernd Kunze rezensiert im neuen Themenheft 3/2021 der Zeitschrift engagement, das mit deutlicher Verspätung jetzt erschienen ist, folgende Titel:

  • Rezension zu: Clemens Escher: „Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!“ Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949 – 1952, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017, 364 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 204 – 206.
  • Rezension zu: Michael Felten: Unterricht ist Beziehungssache (Bildung und Unterricht; Reclams Universal-Bibliothek; 19692), Ditzingen: Philipp Reclam jun. 2020, 112 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 197 f.
  • Rezension zu: Harald Schulze-Eisentraut/Alexander Ulfig (Hgg.): Gender Studies. Wissenschaft oder Ideologie?, Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag 2019, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 202 f.
  • Rezension zu: Josef Treutlein: Großes Werkbuch Wallfahrten und Prozessionen. Im Geist von Papst Franziskus (Herder Große Werkbücher), Freiburg i. Brsg.: Herder, 223 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 198 f.
  • Rezension zu: Markus Schiefer-Ferrari: Exklusive Angebote. Biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen, Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 195 f.
  • Rezension zu: Clauß Peter Sajak, Michael Langer (Hgg.): Kirche ohne Jugend. Ist die Glaubensweitergabe am Ende? (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg.: Herder 2018, 218 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 192.

GKP: Titus Brandsma soll weiterer Patron der Journalisten werden

Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands fordert in einer Pressemitteilung vom 12. Mai 2022, den in Kürze heiliggesprochenen Hochschullehrer, Journalisten und Widerstandskämpfer Titus Brandsma zum weiteren Patron der Journalisten zu ernennen. Hier die Pressemitteilung im Wortlaut:

Katholischer Journalistenverband unterstützt Appell an Papst Franziskus anlässlich der bevorstehenden Heiligsprechung

Köln/Kürten, 12. Mai 2022. Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) sieht in dem 1942 ermordeten niederländischen Geistlichen und Journalisten Titus Brandsma einen würdigen Patron der Journalistinnen und Journalisten. „Wir unterstützen den Appell belgischer und holländischer Kollegen an Papst Franziskus. In Wort und Tat stellte Titus Brandsma sich gegen die mörderische Ideologie des Nationalsozialismus“, erläutert der Vorsitzende der GKP, Joachim Frank. „Brandsma steht für eine Publizistik im Dienst von Wahrheit, Freiheit und Menschenwürde.“ Ein von vier katholischen Publizisten initiierter offener Brief an Papst Franziskus würdigt Brandsma als Vorbild für Journalistinnen und Journalisten. Der Märtyrer empfehle sich gerade heute, wo Journalistinnen und Journalisten in vielen Teilen der Welt Gewalt bis hin zur Ermordung erleiden müssen, zum Schutzpatron.

Der Karmelitenpater Brandsma wurde 1942 im KZ Dachau aufgrund seines Einsatzes im Widerstand für Pressefreiheit und gegen die nationalsozialistische Ideologie interniert und kurz darauf ermordet. Er wirkte als Chefredakteur einer Zeitung, setzte sich für eine Modernisierung des katholischen Pressewesens in den Niederlanden und eine Professionalisierung der Journalistenausbildung ein. Brandsma wurde verhaftet, als er persönlich eine Anweisung der Niederländischen Bischofskonferenz an die Herausgeber von Kirchenzeitungen verteilte, mit der die Bischöfe den Abdruck von NS-Propaganda untersagten. Bereits 1985 wurde Brandsma von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Am kommenden Sonntag, 15. Mai 2022, ist seine feierliche Heiligsprechung durch Papst Franziskus vorgesehen. Sein Gedenktag ist der 27. Juli.

Seit 1923 ist der heilige Franz von Sales (1567–1622) Patron der Journalisten. Der französische Heilige nutzte als einer der ersten das neue Medium des Flugblatts für die Mission. „Franz von Sales, Gründer des Salesianer-Ordens und Patron der GKP, bleibt für uns Fürsprecher einer Publizistik aus christlichem Geist und Protagonist der europäischen, besonders der deutsch-französischen Verbundenheit”, so Joachim Frank. „Heute, wo Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten wieder an der Tagesordnung ist und von Publizistinnen und Publizisten Mut und Haltung gefragt sind, sehen wir in Titus Brandsmas einen überzeugenden Co-Patron unserer Profession.”

Frank erinnert auch an den Journalisten Fritz Gerlich (1883–1934), der wie Brandsma in Dachau ermordet wurde, und hoffte auf einen baldigen erfolgreichen Abschluss des laufenden

Seligsprechungsprozesses. „Das Leid, das unsere Vorgänger für ihre Überzeugungen erlitten, ist uns eine bleibende Mahnung“, betont Frank.

Der Offene Brief an Papst Franziskus im Volltext: https://www.nd.nl/geloof/katholiekinside/1123789/read-the-open-letter-from-journalists-to-pope-francis-here

Die Gesellschaft Katholischer Publizisten e.V. (GKP) ist ein Zusammenschluss von mehr als 520 Medienschaffenden. Auf der Basis des christlichen Glaubens trägt sie zur Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bei, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen des publizistischen Bereiches. Seit 1984 verleiht die GKP die Franz-von-Sales-Tafel an Menschen, die sich als katholische Publizistinnen und Publizisten besondere Verdienste erworben haben.

Zwischenruf: Wer anders denkt, ist ungebildet?

Werner Roos, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Universität Halle-Wittenberg, schreibt in der aktuellen Maiausgabe von „Forschung und Lehre“, der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes: „Leider taucht auch hier eine unrühmliche Besonderheit unseres Landes auf: der hohe Anteil von Impf-Zweiflern und -Verweigerern. Bei aller Vielfalt der Ursachen und Motive sind mangelndes Vertrauen in wissenschaftliche Forschung sowie unzureichende eigene Urteilsfähigkeit unübersehbar. Bildung und Wissenschaft bedürfen einander in besonderem Maße, auch weil die Richtigkeit und Konsequenz einer wissenschaftlichen Erkenntnis nicht durch Abstimmung in einem demokratisch gewählten Gremium festgestellt werden kann.“ (S. 371)

Richtig, Erkenntnis ergibt sich nicht aus demokratischer Abstimmung, sondern im fairen Ringen um das bessere Argument. Aber der Autor scheint schon vor dem Diskurs zu wissen, was richtig ist und was falsch – nach dem Motto: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält. Alles leicht überprüfbar via Faktencheck. Eine bemerkenswert wissenschaftstheoretische Naivität, die hier im Mitgliedsorgan der größten universitären berufsständischen Vertretung zelebriert wird. Und der Autor weiß offenbar auch, dass, wer anders denkt, nur ungebildet sein kann. O, sancta simplicitas, ora pro nobis!

Der Deutsche Hochschulverband sollte sich vielmehr einmal fragen, warum das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung so abgenommen hat – und dies angesichts einer immer größeren Massenakademisierung in Zeiten von Bolognauniversität und Lissabonprozess. Letzterer wollte den größten Wissensraum von Gibraltar bis zum Nordkap schaffen. Dieser Vertrauensverlust hat viel mit dem Versagen von wissenschaftlichen Selbstregulationsmechanismen zu tun und ist älter als der Coronadiskurs. Aber der Coronadiskurs hat diesen Vertrauensverlust weiter verstärkt, und auch der Hochschulverband selber mit seinen fragwürdigen Preisverleihungen der letzten zwei Jahre. Wer hintereinander einmal den „Cheflautsprecher“ der herrschenden Coronapolitik, Christian Drosten, das andere Mal das BioNTech-Gründerehepaar Şahin-Türeci auszeichnet, betreibt eher populistische Politik als sorgfältige Wissenschaft. Noch steht eine Evaluation der Coronapolitik aus, noch sind die Verträge zwischen BioNTech und der EU nicht öffentlich bekannt. Und keiner weiß, welche Leichen hier noch schlummern.

Ja, der Coronadiskurs hat viel mit Bildungsverfall zu tun – aber anders als Autor Roos meint. Vielen Akteuren der Bolognauniversität ist längst ein substantielles Bildungsverständnis verloren gegangen. Wissenschaft entsteht nicht durch Berufung auf vermeintliche Autoritäten, sondern durch harte Arbeit an Quellen, Daten und Theorien – und jede wissenschaftliche Erkenntnis ist immer nur so lange gültig, wie sie nicht argumentativ widerlegt worden ist, bleibt also fehlbar und vorläufig.

Über den angemessenen Umgang mit Corona muss zu recht unvoreingenommen, fair, kritisch und streitbar gerungen werden. Wer aber Andersdenkende von vornherein als ungebildet verunglimpft, vermachtet von vornherein den notwendigen Diskurs, zerstört damit Vertrauen und verhindert die so notwendige unvoreingenommene Suche nach neuer wissenschaftlicher Erkenntnis.

Jeder darf seine Ansichten publizieren und zur Diskussion stellen. Für die Mitgliedszeitschrift eines professoralen Berufsverbandes ist eine solche holzschnittartige Sicht auf den in der Tat notwendigen Zusammenhang von Bildung  und Wissenschaft allerdings blamabel.

Zwischenruf: Fragwürdige Preispolitik im Deutschen Hochschulverband

Der Deutsche Hochschulverband (DHV), die wichtigste berufsständische Vertretung im Universitätsbereich, kürt jährlich den „Hochschullehrer des Jahres“. Der Preis soll ein positives Bild dieses Berufes in der Öffentlichkeit vermitteln und das Faszinierende an einer Hochschullehrertätigkeit aufzeigen. Die Preisentscheidungen von 2021 und 2022 haben allerdings politisch kontroverse Debatten ausgelöst. 2021 wurde der Virologe Christian Drosten geehrt, der in der Coronapolitik der vergangenen Jahre eine führende Rolle spielte. 2022 geht der Preis an das Ehepaar Şahin-Türeci, die Gründer des Pharmaunternehmens BioNTech.

Kritiker sehen in diesen Preisverleihungen keine gelungene Form der Öffentlichkeitsarbeit, sondern eine gewissenlose Anbiederung an den politischen Mainstream. Die DHV-Führung maße sich mit der Wahl der Preisträger ein politisches Mandat im umstrittenen Feld der Corona- und Infektionsschutzpolitik an, das weit über die Vertretung berufsständischer Interessen hinausgehe.

Und in der Tat: Einem Berufsverband, der sich in polarisierten Zeiten wie den unsirgen für einen unvoreingenommen und fair geführten wissenschaftlichen Diskurs einsetzen will, hätte es hingegen gut zu Gesicht gestanden, nicht derart einseitg Partei zu ergreifen. Dies stärkt nicht das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeits, sondern erweist deren Ansehen einen Bärendienst. Überdies zeigen die Preisverleihungen: Kollegen mit abweichenden Meinungen dürfen vom DHV keine Solidarität und Unterstützung erwarten. Großverbände kranken am selben Syndrom wie einst die Volksparteien. Sie wollen überall mitmischen, erweisen sich aber gegenüber Freiheitseingriffen als kampfesunwillig, gelähnt und zeitgeistig. Am Ende laufen sie dem Zeitgeist und dem politischen Mainstream hinterher.

Der Hochschulverband hat mit den Preisverleihungen in einer nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlichen Kontroverse einseitig Partei ergriffen. Mich beschleicht der Verdacht, dass man in der DHV-Führung letztlich kein substantielles Verständnis von Wissenschaft mehr kennt – und daher nach dem Motto verfährt: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält“.

Dabei hat man übersehen, dass viele Fragen offen sind: Welche Rolle spielte Drosten in der „Gain of function“-Forschung? Wie sehr haben sich wissenschaftliches und politisches Handeln bei ihm vermengt? Neuere Meldungen deuten daraufhin, dass die mRNA-Impfstoffe von BioNTech niemals eine Regelzulassung erhalten könnten, weil der Nutzen zu gering und die Nebenwirkungen sowie Langzeitschäden viel zu groß seien. Sollte sich hier vielleicht der größte Medizinskandal der Neuzeit andeuten, hätte der DHV gegen alle moralische Vorsicht, politische Abwägung und wissenschaftlich saubere Prüfung einseitig und voreilig Partei ergriffen.

Bei alldem geht es nicht um Kleinigkeiten: Hier geht es um die Zerstörung der körperlichen Integrität durch einen autoritären, biopolitischen Neokollektivismus auf ungesicherter wissenschaftlicher Grundlage. Auch wenn die Preisträger 2022 nicht das Patent für die mRNA-Technologie halten und sich nicht öffentlich für eine Impfpflicht positioniert haben, hängt der Biontechimpfstoff doch mittendrin in jenem Medizin- und Politskandal, der sich jetzt anzudeuten beginnt. Gerade ein Wissenschaftlerverband hätte hier genauer hinschauen müssen. Stattdessen hat man nicht selten politisch und medial die Story um das Biontechehepaar als Herz-Schmerz-Schnulze aus Merkels bunter Republik der offenen Grenzen verkauft – und der DHV macht mit oder fällt mindestens darauf rein.

Und was hat man bei Drosten nun auszeichnen wollen? Seine wissenschaftliche Leistung oder seine Leistungen in der Wissenschaftskommunikation? Letzteres wäre Aufgabe seriös und verantwortlich arbeitender Wissenschaftsjournalisten. Bei einer gravierenden Krise, wie wir sie angesichts Corona erlebt haben, bleibt es wichtig, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Öffentlichkeit stellen. Es kann aber nicht darum gehen, dass Wissenschaftler auch noch den medialen und politischen Diskurs dominieren. Wissenschaftler sollten seriöse Forschung liefern, keine populäre Internetkommunikation – dafür sind die medizinischen Herausforderungen, auf die wir valide wissenschaftliche Ansichten brauchen, zu groß. Sollte Drosten u. a. für sein Podcast ausgezeichnet worden sein, zeigt sich auch hier, dass dem DHV ein substantielles Verständnis von Wissenschaft verloren gegangen ist. Nicht die politischen Medienstars unter den Professoren, sondern jene redlichen Wissenschaftler, die fern der Talkshows neue Erkenntnisse generieren und oftmals mit begrenzten finanziellen Mitteln, prekären Verträgen oder geringer Unterstützung zurecht kommen müssen, hätten Preise verdient.

Die Universitäten haben sich in vielen Punkten einer menschenrechtswidrigen Coronapolitik  als Antreiber erwiesen (2G-Regelungen im Lehrbetrieb, Maskenpflicht via Hausrecht, Impfnötigung, Abkanzlung von Wissenschaftlern mit abweichender Meinung …). Zu all diesen Punkten hat man vom Hochschulverband in den vergangenen Jahren nichts gehört. Das ist ein Armutszeugnis. Vielmehr gehören Universitäten und auch der DHV zu jenen gesellschaftlichen Akteuren, die aus der Coronakrise moralisch beschädigt herausgehen.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit muss aktiv geschützt werden

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit fordert Universität Siegen auf, den universitären Schutz von Veranstaltungen zu gewährleisten

Pressemitteilung, 26.4.2022

Die Universität Siegen erwartet von ihren Hochschullehrern, die wissenschaftliche Veranstaltungen organisieren, dass sie im Rahmen ihres Budgets für die Kosten von etwa erforderlichen Sicherheitsdiensten aufkommen. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit lehnt dies aus grundsätzlichen Erwägungen ab und sieht darin eine Verletzung der Wissenschaftsfreiheit. Die Universität ist verpflichtet, die Ausübung des Grundrechts der Wissenschaftsfreiheit, wozu auch die Veranstaltung von wissenschaftlichen Vorträgen und Tagungen gehört, zu schützen. Die Kosten dafür können nicht den Veranstaltern aufgebürdet werden. Das würde dazu führen, dass Drohungen mit Gewalt durch Dritte letztlich darüber entscheiden, wer zu einem Vortrag oder zu einer Tagung eingeladen wird. Dieser Gefahr muss entschieden entgegengetreten werden. Die Universität Siegen wird daher aufgefordert, ihre Entscheidung zu revidieren.

Quelle: http://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de

Hintergrund der Kontroverse sind Auflagen der Universität Siegen im Falle einer Einladung des Politikwissenschaftlers Martin Wagener.

Impuls: Löschkultur und politische Korrektheit – warum das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit entstanden ist

Das folgende Impulsreferat wurde am 20. April 2022 auf einem Diskusisonsabend der Kommunalpolitischen Vereinigung Mönchengladbach gehalten. Der Abend trug den Titel: „Political Correctness“ und „Gendersprache“ – gesellschaftliche Sensibilisierung, Kitsch oder „Politischer Kampfbegriff“?

Sehr herzlich danke ich für die Einladung nach Mönchengladbach und ich freue mich auf einen interessanten, diskussionsstarken, anregenden Abend. Beginnen möchte ich mit dem Zitat eines befreundeten Kollegen aus der Erziehungswissenschaft. Bernd Ahrbeck schreibt in seinem neuesten Band „Jahrmarkt der Befindlichkeiten“: „Die Gesellschaft ändert sich gravierend, in einer Geschwindigkeit und Richtung, die noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar war. Grundfeste der bürgerlichen Ordnung werden infrage gestellt: Nicht nur punktuell, wie es im Laufe der Zeit immer wieder und teils mit erfrischender Wirkung geschah. Nunmehr kumulieren einzelne, ursprünglich separierte Anliegen zu einer Bewegung, die sich machtvoll in Szene setzt und zunehmend an Einfluss gewinnt. Sie strebt einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel an, ein neues kulturelles Selbstverständnis, das mit dem bisherigen an entscheidenden Stellen bricht.“

Angesichts einer derartigen Zeitdiagnose scheint es nicht fern zu liegen, von Kulturkämpfen zu sprechen, die wir in unseren Tagen erleben. Dem damit verbunden moralischen Druck kann sich kaum noch jemand entziehen, schon gar nicht in akademischen, politiknahen, pädagogischen oder wissenschaftlichen Berufen. Drei Aspekte sollen heute Abend Thema der Diskussion sein: „Cancel culture“, „Political correctness“ und eine zunehmende Pflicht zum sprachlichen Gendern.

„Vorwürfe von Benachteiligung und Unmenschlichkeit, stehen allgegenwärtig im Raum, pauschale Anklagen, die sich dem Abgleich mit der Realität nur selten stellen.“ – umschreibt Ahrbeck im Weiteren die Situation, der sich Wissenschaftler immer häufiger gegenübersehen. Abweichende wissenschaftliche Positionen werden in einem solchen Diskurs- und Forschungsklima zunehmend moralisch stigmatisiert. Diese Differenzen sollen nicht mehr im argumentativen Ringen und im wissenschaftlichen Streit ausgetragen werden. Nein, sie werden vielfach mit Boykott, Bashing, Mobbing oder Gewalt von vornherein aus der wissenschaftlichen Arena ausgeschlossen. Administrative oder politische Vorgaben aus Wissenschaftsministerien und Rektoraten greifen immer häufiger in die Wissenschaftsfreiheit des einzelnen Forschers ein. Problematische Inhalte sollen durch Warnhinweise gekennzeichnet werden, Seminarinhalte oder Literaturlisten quotiert werden, missliebige Zeitschriften aus Bibliotheken entfernt werden. Mitunter sind es ganze Fachgesellschaften, die Zensurmaßnahmen gegen missliebige Kollegen oder Positionen  ergreifen. Der Vortragende hat 2019 einen Aufruf von sechzig Wissenschaftlern und Publizisten in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ unterschrieben, der sich gegen einen Boykottaufruf der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik wider die traditionsreiche Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ richtete. Die vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg herausgegebene Zeitschrift steht für die große und für die „alte“ Bundesrepublik durchaus prägende Tradition dominikanischer, rheinischer Sozialethik.

Eine „Cancel culture“ oder Löschkultur, wie sie an angelsächsischen Hochschulen schon länger zu beobachten ist, kann mittlerweile auch in Deutschland nicht mehr geleugnet werden. 2017 erklärte der Deutsche Hochschulverband: „Problematisch ist aber, dass ‚Political correctness‘ zunehmend ausgrenzend und latent aggressiv instrumentalisiert wird, verbunden mit der Attitüde, aus einer moralisch unangreifbaren Position heraus zu argumentieren. Wenn jedoch abweichende wissenschaftliche Meinungen Gefahr laufen, als unmoralisch stigmatisiert zu werden, verkehrt sich der Anspruch von Toleranz und Offenheit in das Gegenteil: Jede konstruktive Auseinandersetzung wird im Keim erstickt. Statt Aufbruch und Neugier führt das zu Feigheit und Anbiederung.“

Wo der freie, plurale, ergebnisoffene, streitbare wissenschaftliche Diskurs, das freie Lehren, Forschen und Publizieren unterbunden werden, ist die Freiheit der Wissenschaft – und damit ein zentrales Grundrecht – in Gefahr. Es geht nicht allein um Zensur der Wissenschaft, sondern  um eine Zensur durch Wissenschaft – und kollegiale Repression kann mitunter noch repressiver sein als solche von außen, weil sie unter dem Radar rechtlicher Absicherungen durchläuft und juristisch schwer greifbar zu machen ist. Große berufsständische Vertretungen wie der Deutsche Hochschulverband erweisen sich hier häufig als wenig kampfeswillig, als indifferent und solidaritätsschwach. Allzu breit gestreut sind die Interessen ihrer Mitglieder oder das Freiheitsverständnis in ihren Reihen.

Im Februar 2021 gründete sich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dem knapp unter sechshundertfünfzig Wissenschaftler aller Fachrichtungen angehören. Im Gründungsmanifest heißt es: „Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll. Wir müssen vermehrt Versuche zur Kenntnis nehmen, der Freiheit von Forschung und Lehre wissenschaftsfremde Grenzen schon im Vorfeld der Schranken des geltenden Rechts zu setzen. Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente verwerflich sind. Damit wird der Versuch unternommen, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren. Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden. Auf diese Weise wird ein Konformitätsdruck erzeugt, der immer häufiger dazu führt, wissenschaftliche Debatten im Keim zu ersticken.“

Das Netzwerk besteht aus einem inneren Kreis von Vereinsmitgliedern und einem erweiterten Netzwerk weiterer Sympathisanten. Das Netzwerk organisiert Veranstaltungen zur Wissenschaftsfreiheit, diskutiert mit Politikern (eine Eintragung im Lobbyregister des Bundestages ist in Planung), verteidigt Kollegen, die öffentlich oder dienstrechtlich unter Druck geraten sind, nimmt im öffentlichen Raum zur Lehr- und Forschungsfreiheit aktiv Stellung und dokumentiert Fälle deutscher „Cancel culture“. Die Liste ist auf den Internetseiten des Netzwerkes öffentlich einsehbar. Ein eigener Blog und eine eigene Fachzeitschrift zur Wissenschaftsfreiheit, aber auch als Veröffentlichungsort für andernorts abgelehnte Positionen sind gegenwärtig in Planung.

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ist ein Zusammenschluss engagierter Wissenschaftler, die sich mit einem zunehmend repressiver werdenden Klima in Wissenschaft und Hochschule nicht abfinden wollen. Der Zusammenschluss ist parteipolitisch und konfessionell neutral. Das bedeutet aber nicht, dass in den eigenen Reihen nicht hart gerungen wird: um das eigene Selbstverständnis von Wissenschaft, um die Grenzen zwischen legitimem Pluralismus und notwendiger Distanzierung von Extremismus, um die Bedingungen redlicher, methodisch kontrollierter Wissenschaft, um das eigene Verständnis von Freiheit – zwischen freiheitlichen und liberalen Positionen.

Wo die Freiheit der Wissenschaft unter die Räder kommt, steht viel auf dem Spiel: unter anderem die Leitungsfähigkeit und das Ansehen der Hochschulen unseres Landes, damit am Ende aber auch volkswirtschaftliche Produktivität, gesellschaftliche Entwicklung, kulturelle Vitalität und technische Innovation, aber auch gesellschaftlicher Friede und politische Stabilität.

Zwischenruf: Hausrecht statt Gesetzgeber?

Viele Kollegen in Schule und Hochschule tragen auch weiterhin Maske – das Vertrauen in die Impfungen ist dahin. Und in Eigenverantwortung kann man das auch machen, gerade in Situationen, die ein höheres Infektionsrisiko bergen. Nun steht das neue Sommersester vor der Tür: ein Semester wieder in Präsenz. Nicht wenige Hochschulen bleiben aber bei einer Maskenpflicht und setzen diese mit Hausrecht durch. Eine Maskenpflicht in einer staatlichen Bildungsinsitution via Hausrecht durchzusetzen, ist allerdings grundrechtlich und rechtsstaatlich mehr als fraglich. Grundrechtseingriffe müssen vom Gesetzgeber legitimiert werden; hier kann es keine Selbstjustiz geben, schon gar nicht in einer Instutition, die in hohem Maße der Sicherung weiterer Grundrechte wie dem Recht auf Berufsausbildungsfreiheit dient. Einzelne Kultusministerien haben dies daher auch ausdrücklich ausgeschlossen. In NRW hat man ein solches „Schlupfloch“ den Universitäten im Bundesland in den infektionsscutzrechtlichen Regelungen eingeräumt, was m. E. aber verfassungspolitisch ein Unding ist. Aber dieser schlampige Umgang mit grundlegenden Prinzipien unserer Verfassungsordnung und unseres Rechtsstaates ist typisch für diese Coronakrise und lässt für das Freiheitsklima im Land nichts Gutes ahnen, zumal angesichts einer Bevölkerung, die gegen den Verlust solcher rechtsstaatlicher Standards nahezu überhaupt keinen Widerstand aufbringt. Wir sollten sensibler sein, was den Umgang mit Grundrechten, verfassungsmäßiger Ordnung und Rechtsstaat angeht. Das sind wir unseren Überzeugungen von Einigkeit und Recht und Freiheit schuldig. Ja, und dies alles zeigt zugleich, dass der Weg in eine „Normalität“ nach den Verfehlungen dieser Coronakrise noch weit sein wird …

Zwischenruf: Kampf um die Sprache

Der Kampf gegen die Moralisierung, Ideologisierung und Zerstörung unserer Sprache durch gendersprachliche Vorgaben ist ein Kulturkampf, der nur mit Mitteln des bürgerlichen Widerstands gewonnen werden kann – aber hierzu müsste sich das freiheitlich gesinnte Bürgertum erst noch ermannen. Kennzeichen solcher Kulturkämpfe ist, dass diese sich nicht in erster Linie an rechtlichen Grenzen orientieren, sondern diese bewusst und gewaltsam verschieben. Auch gegen die Regeln der amtlichen Rechtschreibung arbeiten Universitäten, Kultuspolitiker, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen, öffentlich-rechtliche Medien daran, Gendersprache durchzudrücken und vollendete Tatsachen zu schaffen. Bleibt zu hoffen, dass am Ende doch eine kritische Masse erkennt, was auf dem Spiel steht, und die Opportunitätskosten für die Sprachzerstörer zu groß werden. Das freiheitlich gesinnte Bürgertum muss sich den öffentlichen Raum zurückholen – und hierzu zählt auch unsere nationale Sprache. An den Hochschulen, so fürchte ich, ist dieser Kampf schon längst verloren. Und es ist klar, dass die ideologische Sprachzerstörung, die von den Hochschulen ausgeht, über kurz oder lang auch die Schulen ergreifen wird, denn diese sollen ja „wissenschaftsorientiert“ arbeiten. Nur müsste man dann auch klar zwischen Ideologie und Wissenschaft unterscheiden können …