… rund um den couleurstudentischen Comment. Rezensiert von Axel Bernd Kunze. Jetzt frisch erschienen in den Akademischen Monatsblättern vom Juli/August 2024 (S. 182 – 184):
Der Wahlkampfdonner in Thüringen und Sachsen hat sich verzogen, das Ringen um Koalitionen und Machtoptionen hat begonnen. Peter Schallenberg, Moraltheologe in Paderborn und bisheriger Direktor der sich in Abwicklung befindlichen Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, hat selber im sächsischen Wahlkampf mitgemischt. Wie er in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ vom 16. August 2024 schreibt, habe sein Lehrstuhl die Wahlprogramme der sechs aussichtsreichsten Parteien unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse habe er, so Schallenberg, in Vorträgen vor Ort vorgestellt – alles unter der Frage: „Wie christlich ist die sächsische Politik?“. So weit, so gut, auch wenn noch einmal genauer zu fragen bliebe, wie der Paderborner Ethiker christliche Politik im einzelnen definiert.
Liest man seine Kolumne vom 16. August 2024 weiter, reibt sich der Leser, der ein gutes Gedächtnis besitzt, allerdings verwundert die Augen. Denn für Schallenberg sind drei Dinge sehr wichtig: „Erstens sind Bildung und Gesundheit die zentralen Pfeiler des Sozialstaates, weil sie zur Freiheit befähigen. Zweitens steht die Nächstenliebe vor Fernstenliebe, Ehe und Familie vor Staatsvolk, Heimat und nationaler Staat vor Weltstaat, ohne dass der Blick für internationale Gerechtigkeit verloren gehen darf.“ Lassen wir an dieser Stelle einmal außen vor, ob familiäre Bindungen gegen nationale Zugehörigkeit ausgespielt werden können – für Christen sollte beides gleichermaßen wichtig sein. Es geht um den Kontext, über den wir sprechen. Oder sollten familiäre Beziehungen am Ende wichtiger sein als staatsbürgerliche Verantwortung? Wir erleben sehr deutlich, was es bedeutet, wenn Familien- und Clanzugehörigkeit rechtsstaatliche Bindungen aufhebt.
Hier geht es um etwas anderes: Erst am 10. Mai 2024 schrieb derselbe Ethiker in derselben Zeitung, Volk meine nach katholischer Auffassung „zunächst und grundsätzlich die gesamte Menschheit“. Und: „Gott kennt weder Blut noch Abstammung noch Nation.“ – anderes zu behaupten, sei „Unsinn“ oder „überholtes Heidentum“. Richtig ist: Das Neue Testament relativiert familiäre und nationale Bindungen, wenn es um die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft geht. Aber es hebt diese Bindungen nicht auf. Überdies war es schon im Mai eine Unterstellung, das Staatsvolk werde von bestimmten politischen Kräften allein abstammungsmäßig definiert. Ein Blick in das Grundgesetz hätte genügt, um zu sehen, dass sich das deutsche Staatsvolk durch Abstammung und Einbürgerung bildet.
Was im Mai noch relativiert, vielleicht sogar negiert wird, soll jetzt vor dem Weltstaat stehen. Eine konsistente Staatslehre ist das nicht; Schallenberg eiert herum. Die Unentschlossenheit, zu dem zu stehen, was es zur Sicherung verlässlicher staatlicher Grundlagen braucht, zeigt sich in einer Ankündigungspolitik, die schon seit neun Jahren keine überzeugende migrationspolitische Antwort findet. Die Wähler in Thüringen und Sachsen haben gesprochen und ihre Antwort darauf gegeben. Will christliche Ethik ernstzunehmende Antworten auf die politischen Herausfordeungen unserer Tage leisten, benötigt sie wieder ein klares Staatsdenken, wie es einmal zur Tradition katholischer Soziallehre gehörte. Denn diese wusste darum, dass Gerechtigkeit und Gemeinwohl nur auf Grundlage verlässlicher staatlicher Strukturen gesichert werden können. Und es gehört zu den ethischen Verpflichtungen des Christen, an der Sorge um die Grundlagen unseres staatlichen Zusammenlebens aktiv teilzunehmen und diese sichern zu helfen.
Wolfgang Löhr rezensiert in den aktuellen Akademischen Monatsblättern des Kartellverbandes Katholischer Deutscher Studentenvereine vom Juli/August 2024 den ersten Band des neuen Jahrbuches Wissenschaftsfreiheit, das vom gleichnamigen Netzwerk herausgegeben wird:
Wolfang Löhr (Rez.): Betreten eines Minenfeldes. Wenn Debattenkultur unter weltanschaulichen Druck gerät, in: Akademische Monatsblätter (2024), H. Juli/August, S. 187 – 189.
Axel Bernd Kunze: Die Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt,
in: Gernd Bürkle/Heidi Sivasuntharam: Evangelische Fachschulen für Sozialpädagogik in Baden-Württemberg, in: Friedrich Schweitzer/Evelyn Schnaufer/Eva Dubronner/Hanne Schnabel-Henke (Hgg.): Interreligiöse Kompetenz für pädagogische Fachkräfte im Elementarbereich. Eine Interventionsstudie an Evangelischen Fachschulen in Baden-Württemberg (Glaube – Wertebildung – Interreligiosität. Berufsorientierte Religionspädagogik; 32), Münster i. Westf./New York: Waxmann 2024, S. 100 – 113, hier: S. 111.
Im Verein Deutsche Sprache (VDS) hat sich eine neue Arbeitsgruppe gegründet: Lehrer gegen Gendern. Claus Maas stellt diese in der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten (Nr. 103; III/2024, S. 14) vor. Weitere Informationen unter dem Menüpunkt „Deutsch in Schule und Studium“: www.vds-ev.de/arbeitsgruppen/
Auf dem Internetportal des Projekts „Die pädagogische Wende“ hat der Initiator, der Medienpädagoge Ralf Lankau, zwei neue Beiträge veröffentlicht:
Großbritannien: Ende der Digital-Euphorie
Der Bildungsausschuss des britischen Unterhauses, ‚House of Commons‘ (HoC), hat am 23. Mai 2024 seinen vierten Bericht der Sitzungsperiode 2023-24 veröffentlicht. Darin analysiert die Kommission Auswirkungen von Bildschirmzeiten auf Bildung und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren und formulieren konkrete Empfehlungen für Schulträger, Eltern und den Gesetzgeber. Gefordert werden ein vollständiges Smartphoneverbot in Schulen und klare gesetzliche Regelungen zum Schutz der unter 16-Jährigen. Großbritannien reiht sich damit ein in die Reihe der Länder, für die die kognitive und psychische Gesundheit Minderjähriger wichtiger ist als Geschäftsinteressen der IT-Monopole.
Ahnungslos begeistert oder jemandem auf den Leim gegangen?
Je weniger Ahnung jemand von Technik hat, desto größer ist die Begeisterungsfähigkeit. Diese Beobachtung machte bereits der Computerpionier Joseph Weizenbaum, als er 1966 den ersten ChatBot Eliza publizierte. Begeisterung ohne Fach- und Sachkenntnis zeigt auch die Fraktion der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz bei der unreflektierten Forderung nach KI-Einsatz an Schulen.
Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker begeht sein hundertjähriges Bestehen mit einer wissenschaftlichen Konferenz vom 10. bis 13. Oktober 2024 in Heidelberg, zugleich 10. Europäische Studentenhistorikertagung –gehaltvoll, glanzvoll und doch voll typischer Heidelberger Studentenromantik. Die Studentengeschichte wird dabei als Teilgebiet der Universitäts- und Bildungsgeschichte im Fach Neue und Neueste Geschichte verstanden.
„Comment ist Ausdruck von Freiheit und Bekenntnis. Und es könnte in vielen Bereichen besser aussehen, wenn mehr Akademiker einen solchen Comment kennengelernt hätten. Bei alldem ist Comment schwer zu erklären, man wächst mit der Anzahl an Couleursemestern und vor allen an Lebenserfahrung hinein. Und doch: Grün gelingt es, auf anregende, humorvolle, augenzwinkernde, sich selbst nicht ernster als notwendig nehmende Art und Weise, aber zugleich mit angemessener Tiefe und auf hohem Niveau auszuloten, was Comment bedeutet – und was auch nicht. Hier schreibt ein Couleurstudent mit Herzblut und zeigt, welcher Gewinn es sein kann, den Weg in eine Korporation gefunden zu haben. Der Rezensent hat den persönlich gefärbten Band, der viel an individuellen Erfahrungen seines Autors offenbart, in einem Zug zu Ende gelesen, und dies mit wachsender Begeisterung.“
Auszug aus:
Axel Bernd Kunze: Mit Band und Mütze, Stil und Profil. Ein akademisches Lesevergnügen rund um den couleurstudentischen Comment, in: unitas 164 (2024), H. 3, S. 60 f.
Rezension zu:
Bernhard Grün: Comment-iert! 111 Korporationsstudentische Miniaturen, Bad Buchau 2024.
Ethiker sollten kompetent sein, Grundrechtskonflikte differenziert zu beurteilen – sollte man meinen. In der Coronapandemie sah dies innerhalb der Christlichen Sozialethik anders aus. Die Disziplin hätte einiges aufzuarbeiten. Doch dazu fehlt die Kraft, wie ein aktuelles Interview mit dem Berliner Ethiker und Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl zeigt. Das „Christliche Forum“ übernimmt den Kommentar zu diesem Interview mit dem Internetportal katholisch.de:
„Corona-Aufarbeitung darf nicht nur Rachegelüste befriedigen“ – platter geht es wohl nicht. Dabei sollte man meinen, eine Mitgliedschaft im Nationalen Ethikrat verpflichte. Wie der Adel. Aber nein, hier wird der Mainstream bedient, der Konvention gehuldigt. Und diese wollen keine Fehler bei der Coronapolitik entdecken. Alles richtig gemacht, bescheinigt Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl, der in der Impfpflichtdebatte kräftig moralischen Druck aufgebaut hatte, in einem Interview mit dem kirchenoffiziösen Internetportal katholisch.de auch den Kirchen. Das ist durchschaubar: Ein Funktionär entlastet andere Funktionäre. Weitere Drittmittel sind dadurch sicher nicht gefährdet.
Die massiven Grundrechtseinschränkungen der Coronazeit, die soziale Ausgrenzung Andersdenkender und deren Diffamierung – alles vergessen. Nein, sie gehen weiter. Wer meint, dies sollte in einem freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat aufgearbeitet werden, der wird weiter diffamiert – mit der Unterstellung, er wolle Rachegelüste bedienen. Das alles ist mehr als durchschaubar: Der Pilatus im Ethikrat wäscht seine Hände in Unschuld. Verdächtig macht sich hingegen, wer die Grundrechtsordnung unseres Rechtsstaates verteidigt.
Machen wir es kurz: Die Christliche Sozialethik, die in ihrer hochschulisch-institutionalisierten Fassung längst zu einer Agenda- bzw. Akzeptanzherstellungswissenschschaft verkommen ist, hat in der Coronazeit versagt. Man redet gern über Anerkennung und Respekt, Menschenwürde und Menschenrechte, Haltung und Vielfalt, aber eben nicht über die massiven, massenhaften Grundrechtseinschränkungen der Coronajahre. Schweigen allenthalben. Corona hat das Land, aber ebenso die Kirchen gespalten. Und diese Spaltung wird sich fortsetzen, wenn keine ehrliche, unabhängige, ergebnisoffene Aufarbeitung in Gang kommt. Mit Funktionären wie Lob-Hüdepohl wird eine solche nicht gelingen. Ach ja, man habe es damals ja nicht besser gewusst – keine Kunst: Andersdenkende Stimmen wurden gezielt unterdrückt, diffamiert, kriminalisiert. Aber davon darf heute keine Rede sein. Doch mit Grundrechten spielt man nicht. Eine unverhältnismäßige Politik, wie sie damals passiert ist, kann wieder geschehen, wenn wir das Geschehene nicht aufarbeiten. Mit Menschenwürde, Grundfreiheiten und Grundrechten spielt man nicht.
Der Grund für das Versagen der katholischen Sozialethik liegt in einem Freiheitsverständnis, das nicht mehr von der Vorrangigkeit des Individuums und einer formalen Auslegung der Grundrechte ausgeht, sondern Freiheit sozial rückbindet. Frei sein darf, wer sich sozial wohlverhält. So waren unser Grundgesetz und sein Grundrechtskatalog nicht gemeint gewesen. Wer Sozialethik auf ein solches Freiheitsverständnis baut, negiert den christlichen Personalismus und betreibt Aktivismus statt wissenschaftlich saubere Reflexion.
PS: Wer Gründe sucht, warum eine unvoreingenommene, faire Aufarbeitung der freiheitsfeindlichen Coronapolitik unerlässlich bleibt, dem sei folgender Band empfohlen: