Zwischenruf: Europa wählen!?

Gib Europa Deine Stimme! – so ein Wahlaufruf der Salesianer Don Boscos für die kommende Europawahl am 9. Juni 2024. Einer von vielen. Einer von vielen, die ähnlich klingen. Doch wofür soll der deutsche Wahlbürger stimmen? Nein, parteipolitisch will man nicht sein. Man ist Zivilgesellschaft, was suggeriert, als würde es noch eine andere Gesellschaft geben. Also bleibt es vage: Wir sollen Europa wählen, Europa unsere Stimme geben … Offenbar kann man Europa auch nicht wählen. Etwa abwählen? Wir wollen nicht kleinlich sein: Wer meint, am 9. Juni 2024 werde über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments abgestimmt, muss umdenken. Es zählen nicht mehr konkrete Parteiprogramme und politische Interessen, sondern Gesinnung. Doch die muss zwangsläufig schwammig bleiben. Hat Europa ein einheitliches Interesse? Denkt und fühlt Europa im Gleichschritt? Wohl kaum. Wir müssen uns nur die unterschiedliche Haltung einzelner EU-Staaten im Nahostkonflikt ansehen. Wer ist Europa – Spanien und Irland mit ihrer Anerkennung eines Palästinenserstaates oder Deutschland, das diesen Schritt nicht geht? Wer europäische Politik auf Gesinnungsformeln verkürzt, kehrt politische Differenzen unter den Teppich. Vielmehr sollte gerade ein Parlament der Ort sein, konfligierende Interessen zu diskutieren, zu abstimmungsfähigen Alternativen zu bündeln und unter dem Anspruch des Gemeinwohls um tragfähige Alternativen zu ringen. Hierfür sollten die Wähler ihre Stimme gebe – ob in Europa oder auf anderen Ebenen. Und das ist auch gut so. Denn freie, gleiche und geheime Wahlen sind eine wichtige Grundlage der Freiheit. Aber nicht, wenn diese zum Gesinnungstest verkommen. Wir müssen über unterschiedliche nationale Interessen, politische Konzepte und zukunftsfähige Lösungen streiten – auch in Europa, gerade um Europa willen. Also: Gib Europa Deine Stimme! Aber nach verantwortlicher Abwägung der zur Wahl stehenden Kandidaten und Programme.  

Gedanken zum Festtag: Fronleichnam

Bone pastor, panis vere,
Jesu, nostri miserere,
Tu nos pasce, nos tuere,
Tu nos bona fac videre
In terra viventium.

(Thomas v. Aquin, 1264, Fronleichnamssequenz)

Pralinen und eine Flasche Wein waren in Bamberg der alljährliche „Preis“ zu Fronleichnam für einen Fensterplatz am Prozessionsweg, erinnert sich die Volkskundlerin Hottelmann-Schmidt an ihre Jugendzeit. Noch heute ist Bamberg für seine prächtige Fronleichnamsprozession bekannt. […]Fronleichnam wird nur dann überzeugend gefeiert werden können, wenn das Fest eingebettet ist in eine zeitgemäße eucharistische Frömmigkeit, die auch das Jahr hindurch das Leben der Gemeinde prägt – beispielsweise eine würdig gestaltete Kommunionspendung oder regelmäßige Gebetsstunden vor dem Allerheiligsten. Die Frage nach der Bedeutung der eucharistischen Gegenwart für das Leben der Gemeinde, geht über die Vorbereitung des Fronleichnamsfestes hinaus und wäre wert, vom Pfarrgemeinderat weiter verfolgt zu werden – auch dann, wenn die Prozessionsaltäre für dieses Jahr wieder auf dem Speicher des Pfarrhauses verstaut sein werden.

(Auszug aus: Axel Bernd Kunze: Pralinen und Wein für einen Fensterplatz, in: Heinrichsblatt, 113. Jg., 11. Juni 2006, S. 28)

Allen Lesern und Leserinnen von „Bildungsethik“ wünsche ich einen gesegneten Fronleichnamsfesttag.

Zwischenruf: Wissenschaftsfreiheit muss umfassend verteidigt werden

Wie ACADEMIA 3/2024  berichtet, wurde der frühere Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Bernhard Kempen, mit dem Positivpreis für Wissenschaftsfreiheit geehrt. Eine „Cancel Culture“ ist auch hierzulande nicht mehr zu übersehen. In seiner Preisrede habe er betont, dass Wissenschaftsfreiheit jene „Gesamtheit der Umstände“ bezeichne, „unter denen sich Freiheit entfalten könne“.

Es wäre gut gewesen, wenn der eigene Verband unter seiner Ägide auch 2021 und 2022 einer solchen Maxime gefolgt wäre. Die damaligen Auszeichnungen zum „Hochschullehrer des Jahres“ an den Virologen Christian Drosten sowie die Gründer von BioNTech haben sehr deutlich die regierungsamtliche Linie einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik gestützt. Zu den Grundrechtseingriffen, etwa in die körperliche Unversehrtheit, die Wissenschafts- oder Berufsausübungsfreiheit, von denen auch zahlreiche Wissenschaftler betroffen waren, hat der DHV hingegen geschwiegen. Kollegen mit abweichenden Meinungen wurden mit Nichtachtung gestraft oder ausgegrenzt. Für diese Verbandspolitik trägt Kempen als langjähriger Präsident eines hochschulpolitischen Spitzenverbandes maßgeblich die politische Verantwortung.

Und so hinterlässt die Preisvergabe des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit mehr als einen schalen Nachgeschmack. Wer angesichts einer zunehmenden Polarisierung, Politisierung, Moralisierung und Emotionalisierung die Wissenschaftsfreiheit robust verteidigen will, sollte auf einem substantiellen Freiheitsverständnis bestehen und die Unteilbarkeit der Grundrechte verteidigen. 2022 rief die Vorsitzende des Netzwerkes, Sandra Kostner, in einem Aufsatz noch alle Befürworter dieser Coronapolitik dazu auf, sich zu fragen, „ob sie wollten, dass andere darüber bestimmen können, welche pharmakologischen Substanzen sie ihrem Körper zuführen. Denn es könnte der Tag kommen, an dem es um Substanzen geht, die sie nicht verabreicht bekommen möchten. Der Geist, der das ermöglicht, ist aus der Flasche. Es ist an uns, ihn dort wieder hineinzubekommen und als Lehre aus den Pandemiejahren künftig darauf zu achten, dass er nicht mehr entweichen kann.“ Dieser Geist ist nun eines Freiheitspreises würdig. Die Opfer einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik sind hingegen vergessen.

In memoriam: Klaus Gerstein verstorben

Am 22. Mai 2024 verstarb der langjährige frühere Leiter des Arbeitskreises der Studentenhistoriker, Klaus Gerstein, im Alter von 93 Jahren. Erinnert sei heute noch einmal an die Festschrift anlässlich des neunzigsten Geburtstages des Verstorbenen, an dem der Verfasser dieser Zeilen selbst mitgeschrieben hat: Sebastian Sigler (Hg.): Die Vorträge der 79. deutschen Studentenhistorikertagung Jena 2019 zugleich Festschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Klaus Gerstein (Beiträge zur deutschen Studentengeschichte; 36), München: Akademischer Verlag München 2020.

Have, pia anima!

Ein Nachruf findet sich auf den Internetseiten des Arbeitskreises der Studentenhistoriker:

Neuerscheinung: Erklärung oder Boykottaufruf?

Axel Bernd Kunze: Erklärung oder Boykottaufruf? Zur Rolle von Fachgesellschaft am Beispiel des Streits um die Neue Ordnung,

in: Klaus Buchenau/Matthias Fechner (Hgg.): Die Verlorene Wissenschaft. Versuch einer Katharsis nach Corona (Klartext. Schriften zu Politik und Gesellschaft; 2), Stuttgart: ibidem 2024, S. 289 – 307

https://www.academia.edu/119231488/Erkl%C3%A4rung_oder_Boykottaufruf_Zur_Rolle_von_Fachgesellschaften_am_Beispiel_des_Streits_um_die_Neue_Ordnung

Neuerscheinung: Wer ist Jesus für mich?

… so der Titel eines Gottesdienstmodells für den Vierzehnten Sonntag im Jahreskreis:

Axel Bernd Kunze: Wer ist Jesus für mich? [Lesejahr B. Vierzehnter Sonntag im Jahreskreis], in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 21 (2024), H. 4, S. 599 – 614.

Das Evangelium des heutigen Sonntags steht zwischen einem Wunderzyklus und der Aussendung der Zwölf. Der Evangelist Markus erzählt zuvor von der Stillung des Seesturmes, der Heilung eines Besessenen in Gerasa und der Erweckung der Tochter des Jarus. Jesus Christus, so zeigen die Erzählungen, ist Herr über Wind und Wetter, über Dämonen und böse Geister, ja, sogar über Leben und Tod. Dann der erste Ortswechsel: Jesus kommt in seine Heimatstadt Nazaret. Hier schlagen ihm Unverständnis und Unglauben entgegen. Der zweite Ortswechsel: Jesus verlässt seine Heimat bald wieder und wendet sich den Dörfern der Umgebung zu. Sowohl die vorangehenden Wundererzählungen als auch den heutigen Evangelienabschnitt durchzieht eine Frage, die das gesamte Markusevangelium bestimmt – bis zur Antwort unter dem Kreuz: die Frage, wer Jesus ist. Dabei wird deutlich: An Jesus scheiden sich die Geister. Er fordert zur Entscheidung heraus – auch uns.

Elementarbildung: Evangelischer Bildungsbericht liegt vor

Das Comenius-Institut in Münster teilt mit, dass der neue Bildungsbericht zu evangelischen Tageseinrichtungen für Kinder nun als Open-Access-Dokument veröffentlicht wurde. Den Link zum Dokument und weitere Informationen finden Sie auf der Comenius-Website unter https://comenius.de/publikation/evangelische-tageseinrichtungen-fuer-kinder-bildungsbericht-2024/.

Der Bericht wird durch eine Fachtagung im September 2024 begleitet.
 

Gesegnete Pfingsten

Ingeborg-Psalter (um 1220)

Pfingstgedanken aus WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen (21. Jg., 3/2024):

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.“ So haben wir es in der ersten Lesung gehört. Für Lukas, den Verfasser der Apostelgeschichte, liegen zwischen Ostern und Pfingsten fünfzig Tage. Die Liturgie folgt diesem Zeitrhythmus. Für das Johannesevangelium fallen die Erscheinung des Auferstandenen an Ostern und der Empfang des Heiligen Geistes an einem Tag zusammen. So unterschiedlich die Darstellung auch ausfällt, für Lukas wie Johannes gilt: Die Geistsendung gehört zum Ostergeschehen. Ostern und Pfingsten lassen sich nicht trennen.

Lebendige Gegenwart

Was Jesus Christus uns durch seine Auferstehung erwirkt hat, ist kein abgeschlossenes Ereignis, das wir nur aus der Ferne betrachten könnten. Was an Ostern geschehen ist, setzt sich fort, durch das Wirken des Heiligen Geistes, in der Kirche. Wir sind keine unbeteiligten Zuschauer. Wir haben daran lebendigen Anteil, weil Gottes Geist, den Jesus den Seinen verheißen hat, in uns lebt und wirkt. Wir alle wurden, wie es Paulus in der zweiten Lesung ausgedrückt hat, mit dem einen Geist getränkt. In der Taufe ist uns der Heilige Geist geschenkt, er lebt und wirkt in den Getauften, in einem jeden von uns.

Wir können es auch anders sagen: Die frühen Christen haben uns zeitlich nichts vor­aus, auch wenn sie Augen- und Ohrenzeugen der österlichen Ereignisse waren. Der Heilige Geist, den wir empfangen haben, setzt das Werk des Auferstandenen in den Getauften fort, bis ans Ende der Zeiten. Und dies ebenso lebendig und aktuell wie in den Anfängen der jungen Kirche. Was wir in den fünfzig Tagen der Osterzeit feiern, ist lebendige Gegenwart – in uns, durch die Sendung und das Wirken des Heiligen Geistes.

Wirkliche Neuschöpfung

Bei Johannes empfangen die Jünger den Heiligen Geist, indem der Auferstandene sie anhaucht. So wie der erste Adam, der alte Mensch, erschaffen wurde, weil Gott ihm seinen Lebensatem eingehaucht hat, so wird der erlöste Adam, der österliche Mensch, neugeschaffen durch den Hauch des Geistes. Was an Ostern geschieht, ist nicht eine Fortsetzung des Bisherigen. Der Auferstandene kehrt nicht einfach in sein früheres Leben zurück, auch wenn ihn die Jünger an den Malen seiner Hände und seiner Seite erkennen können. Was an Ostern geschieht, ist eine wirkliche Neuschöpfung.

Was wir im Licht von Ostern glauben und erhoffen dürfen, ist nicht eine Erneuerung unseres irdischen Lebens. Im Heiligen Geist sind wir hineingenommen in die Gemeinschaft Jesu mit seinem Vater. Unsere gesamte Existenz wird verwandelt werden, sodass wir Anteil erhalten am Leben Gottes.

Erneuernde Kraft

Für diese Neuschöpfung Gottes, die an Ostern geschieht, steht die Macht der Sündenvergebung. Das Wirken des Geistes schafft eine neue Welt, einen Neubeginn durch Vergebung der Sünden. In Taufe und Firmung wird unser alter Mensch vernichtet. Wir werden erneuert, gleichsam neugeboren. Wir werden gestärkt durch den Beistand, den Jesus uns verheißen hat, damit wir als neue Menschen leben.

Diese verändernde und erneuernde Kraft der Sündenvergebung vertraut der Auferstandene seiner Kirche an. Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Es ist die Gemeinschaft der Glaubenden, in der wir Gottes Beistand erfahren, in den Sakramenten, im gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, in der Gemeinschaft des Gebetes und der gegenseitigen Solidarität.

In der Kirche dürfen wir erfahren, was Ostern bedeutet – immer wieder neu und lebendig. Weil in der Kirche Gottes Geist wirkt. Auch wenn unsere Welt alles andere als heil ist und der endgültigen Vollendung noch entgegengeht, dürfen wir schon im Hier und Jetzt erfahren, was an Ostern begonnen hat. Und das ist die Hoffnungsbotschaft, welche die Kirche bezeugen soll. Dieser pfingstliche Auftrag gilt auch für uns und unsere Gemeinde.

Auch unsere Gemeinde ist reich an vielfältigen Begabungen, an vielfältigen Gaben des Geistes. Jeder soll einsetzen, was ihm möglich ist, damit wir gemeinsam Gottes Wirken in dieser Welt bezeugen: Umkehr, Vergebung und Neuwerden sind möglich. Weil Gott diesen Neuanfang schon gesetzt hat, weil diese Neuschöpfung schon begonnen hat: an Ostern und Pfingsten, in der Auferstehung seines Sohnes und der Sendung seines Geistes.

In dieser Gewissheit wünsche ich allen frohe und gesegnete Pfingsten.

Ich hoffe weiterhin auf Ihr Interesse an „Bildungsethik“ und freue mich auf die weitere bildungsethische Debatte mit Ihnen, Ihr Axel Bernd Kunze