Zwischenruf: Die Kraft des Unzulänglichen: Warum mit christlicher Sozialethik heute sehr wohl ein Staat zu machen ist

Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen

Ist mit der christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Diese Frage, jüngst aufgeworfen von PD Axel Bernd Kunze, verlangt in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und einer zunehmenden Ökonomisierung des Sozialen nach einer entschiedenen Antwort. Als Schüler des Wiener Pädagogen Marian Heitger und aus der Perspektive seines transzendentalkritischen Ansatzes möchte ich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten.

Um dieses Ja zu begründen, müssen wir den Blick jedoch weg von rein systemischen Debatten und hin zur existenziellen Praxis lenken. Ein aktuelles Interview in der ZEIT (No. 37, 27. August 2026) mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill, mit dem mich eine 54-jährige Freundschaft verbindet, bietet hierfür das perfekte Anschauungsmaterial. Es konfrontiert uns mit einer Wirklichkeit, in der Sozialethik und Pädagogik ihre rein theoretische Hülle abstreifen müssen.

Die Jona-Erfahrung im Kanal von Bukarest

Sporschill berichtet von Moise, dem ersten Straßenkind, dem er vor 35 Jahren im Untergrund von Bukarest begegnete. Das Schicksal dieser Kinder im Kanalsystem – vergraben unter der Erde, betäubt vom Schnüffeln von Autolack – gleicht der biblischen Erzählung von Jona im Bauch des Wals. Es ist der Ort der leersten Gegenwart, ein scheinbar endgültiger Erstickungsort zwischen einer zerstörten Vergangenheit und einer unberechenbaren Zukunft.

Und doch bricht inmitten dieses Elends „Dank“ aus. Nicht als rationale Gegenleistung, sondern als pure, unableitbare Erfahrung, beschenkt worden zu sein. Moise wurde gerettet und ist heute – obwohl traumatisiert durch das schreckliche Schicksal seiner Eltern – ein schöpferischer Mensch, der Graphic Novels zeichnet. Er hat für sich beschlossen, innerlich Kind zu bleiben, um das Erlebte zu überstehen. Durch seine Bilder teilt er das mit, was ihm von Gott durch Sporschills Projekt geschenkt wurde.

Pädagogik als Begegnung: Das konkrete „Du“

An Moises Beispiel zeigt sich, was Martin Buber einst formulierte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Moise sucht kein abstraktes System, keine staatliche Institution und keine klinische Therapie. Seine ganze Sehnsucht nach dem „Du“ ist ganz konkret an die Person des Priesters Georg gebunden. In dieser menschlichen Zuwendung erfährt er das „Ewige Du“, das er anders gar nicht fassen könnte. Der Beziehungsaufbau vollzieht sich hier radikal über das Konkrete, über das Mitleben und den Körper.

Hier berühren sich Pädagogik, Psychologie und Theologie auf existenzielle Weise: Moise hat bereits alles gegeben, was der liebe Gott ihm mitgegeben hatte – die Straße und sich selbst. Mehr kann seine endliche, menschliche Natur schlicht nicht leisten. Jeder Versuch von außen, mehr zu erzwingen – ein falscher „jesuitischer Ehrgeiz“ –, würde die Grenzen dieser endlichen Natur missachten und das mühsam gewachsene Urvertrauen zerstören. Moise hat die Zuwendung im besten Sinne ökonomisiert; er hat einen existentiellen „Versorgungsplan“ getroffen. Diesen gilt es im pädagogischen Alltag auszuhalten und treu einzuhalten.

Das Fundament der kleinen Heilpädagogik

Betrachtet man diese Praxis durch die Brille der klassischen Pädagogik, werden die berühmten sieben Regeln aus Andreas Mehringers Kleiner Heilpädagogik lebendig. Sporschills Arbeit in Rumänien erweist sich als Reinform dieses pädagogischen Katalogs:

  1. Das Kind in seiner Eigenart wahrnehmen und akzeptieren, wie es ist – auch in seiner Unvollkommenheit und mit seinen bleibenden Wunden.
  2. Ausverwahrlosen lassen – den Teufelskreis des Elends auf der Straße aktiv durchbrechen.
  3. Für Akzeptanz in der Gruppe sorgen – die Gemeinschaft im Haus in Marpod real leben.
  4. Lebensperspektiven suchen – dem Leben trotz schwerster Traumata eine Richtung geben.
  5. Der musisch-künstlerische Bereich – Moise drückt sich durch seine Graphic Novels aus, wo Worte fehlen.
  6. Religiöse Bildung – die tägliche, fraglose Gottverbundenheit in der Kapelle erleben.
  7. Sich selbst als Faktor bedenken – die eigene Rolle, die eigenen egoistischen Anteile und die Grenzen als Helfer reflektieren.

Die transzendentalkritische Grenze

Hier schließt sich der Kreis zu Marian Heitger. Sein transzendentalkritischer Ansatz erinnert uns nachdrücklich daran, dass pädagogisches und sozialethisches Handeln den Menschen niemals auf das bloß Messbare, das Funktionale oder Optimierbare reduzieren darf. Der Mensch ist ein Wesen der Freiheit und der Würde – und diese Würde ist unableitbar. Sie ist, wie das jüdische Purim-Fest oder die christliche Gnade, ein reines, ungeschuldetes Geschenk. Hier greift das radikale Prinzip aus dem Matthäusevangelium: „Ich war nackt und ihr habt mich gekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,36). Hier wird nicht kalkuliert, hier wird nicht nach Gegenleistung gefragt; hier wird gehandelt.

Sozialethik ist kein „Nichtstun, das ins Leere blickt“. Sie ist etwas zutiefst Atmendes. Sie akzeptiert das Fragmentarische des Menschen. Sporschill betont im Interview treffend, dass die Wunden des Hungers im Blut bleiben. Die Aufgabe der Sozialethik ist es eben nicht, systemkonforme, perfekt funktionierende „Weltmeister“ zu pflegen, sondern den Schwierigsten die Treue zu halten.

Fazit: Warum damit ein Staat zu machen ist

Ein funktionierendes Gemeinwesen, ein demokratischer Staat, lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann: von unverfügbarer Menschenwürde, von echtem Urvertrauen und von der Bereitschaft zur echten Begegnung. Wenn wir den Menschen nur noch als Rädchen im System oder als reinen Wirtschaftsfaktor begreifen, kollabiert das Soziale.

Die christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine fundamentale Pflicht: Räume für diese unverfügbare Würde zu schaffen. Würde lässt sich nicht rein administrativ verwalten oder von der Kanzel herab predigen – man muss sie, wie bei der von Sporschill gepflegten Tischkultur mit ehemaligen Obdachlosen, „spüren und schmecken“. Eine Gesellschaft, die diese radikale Beziehungsarbeit – das bedingungslose Einstehen für das konkrete Gegenüber – verlernt, verliert ihr Fundament. Deshalb ist mit dieser Ethik heute nicht nur ein Staat zu machen, sie ist seine existenzielle Bedingung.

Literaturbeleg:
Mittelstaedt, Katharina: „Ich erlebe den Himmel und die Hölle auf Erden“. Interview mit Pater Georg Sporschill SJ, in: DIE ZEIT / Christ & Welt, No. 37, 27. August 2026, S. 15.

Über den Autor:
Dr. phil. Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers). Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.

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