Schlaglicht: Es geht um die Freiheit – Gedanken (nicht allein) zum Jubiläumsjahr der Karlsbader Beschlüsse

Mitte März veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik – unter dem euphemistischen Titel „Erklärung“ – einen Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“. Die traditionsreiche Zeitschrift wird vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg e. V. herausgegeben (und nicht, wie mitunter suggeriert wird, von den Dominikanern). Der Boykottaufruf hat deutliche Kritik hervorgerufen, wie beispielsweise im Deutschlandfunk und in der „Tagespost“ zu hören und zu lesen war – und das zu Recht.

Hier geht es nicht um eine einzelne Zeitschrift und deren aktuelle Ausrichtung, zu der man stehen mag, wie man will. Es geht um die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit in unserem Land. Und es geht um die Frage, ob ein (angst-)freier, offener und plural geführter Diskurs in der Kirche noch eine Chance hat. Im Raum steht die Frage, ob wir bereit sind, für zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates und die Grundkoordinaten einer freiheitlichen Gesellschaft zu kämpfen. Diese Prinzipien schließen auch einen robusten Minderheitenschutz für publizistische Positionen außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams ein.

Die Publikationsfreiheit ist nicht grenzenlos. Aber diese Grenzen werden im Rechtsstaat durch das Presse- und Strafrecht gezogen und müssen gerichtlich kontrollierbar bleiben. Ansonsten bleibt in Wissenschaft wie Publizistik der streitbare, mitunter hart geführte Kampf um das bessere Argument das legitime Mittel der Auseinandersetzung. Und dieser argumentative Streit kann auch gegen Positionen geführt werden, die in der „Neuen Ordnung“ vertreten werden.

Doch genau diese Auseinandersetzung scheuen die Urheber der „Erklärung“. Freiheit ist kein fester Besitz, um sie muss immer wieder neu gerungen werden. Daran sollten wir im Jubiläumsjahr der Karlsbader Beschlüsse einmal mehr denken. Die Freiheit ist heute allerdings nicht allein durch staatliche Eingriffe bedroht. Wo Wissenschaftler und Publizisten selbst die Verfolgung des heterodoxen Geistes in ihren eigenen Reihen organisieren, droht eine vollkommene Ächtung missliebiger Personen. Noch schlimmer als die Verfolgung der Presse kann sich eine Verfolgung durch die Presse erweisen. Wer sich sonst zu Recht gegen Einmischungen der Kirchenleitungen in die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit wehrt, sollte genauso hellhörig sein, wenn inquisitorische Mittel aus den eigenen Reihen gegen missliebige Kollegen eingesetzt werden.

Die Kontroverse um die „Neue Ordnung“ zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Das geistige Klima in unserem Land befindet sich in keiner guten Verfassung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ geholfen hat mit zu gründen, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar. Den notwendigen Grundkonsens, auf den unsere freiheitliche Staats- und Gesellschaftsordnung angewiesen bleibt, wieder zu stärken, wird aber nicht mit einem „Totalitarismus der Mitte“, wie mir ein befreundeter Publizist dieser Tage schrieb, gelingen. Wissenschafts- oder Publizistenverbände, die dazu schweigen oder – schlimmer noch – damit sogar sympathisieren wollten, wenn dazu aufgerufen wird, Kollegen mundtot zu machen, die Publikationsfreiheit außer Kraft zu setzen und Bibliotheken zu säubern, hätten auf ganzer Linie intellektuell wie moralisch versagt.

Schlaglicht: Und was kommt als nächstes?

Heute ist es wieder soweit: An vielen Orten werden sich wieder Schüler zu „Willensbekundungen“ versammeln, huldvoll begrüßt durch die Vorsitzende des Staatsrates. Selbstverständlich alles ganz eine Sache der Basis, in keiner Weise von politischen Interessen oder Geldgebern gesteuert. Endlich macht die Jugend Druck. Warum ist nur vorher keiner auf die Lösung gekommen!? Man muss doch nur den Kohleausstieg vorziehen. Sachliche Probleme – ach, was. Der gute Wille zählt. Die parlamentarische Abwägung mit anderen politischen Zielen, die gleichfalls Geltung beanspruchen – ach, was. Wer wollte denn so kleinlich sein, wenn die Jugend endlich einmal aktiv wird – zur Freude der Politik. Halt, Moment! War das nicht mal anders gedacht? Eigentlich richten sich Demonstrationen, über deren Ziele man in einer pluralen Gesellschaftl mit unterschiedlichen Interessen immer trefflich streiten kann, an die Politiker als Adressaten. Doch in der Postdemokratie sind Politiker die größten Unterstützer von Demonstrationen – froh und erleichtert darüber, dass die Jugend nun endlich die Lösung vorgibt. Es geht um Haltung, nicht um Bildung – denn die werden wir brauchen, wenn wir technische Lösungen für die Energiefrage der Zukunft finden wollen.

Irgendwann läuft sich jedes Thema tot. Die Methode verspricht aber bleibenden Erfolg. So kann man sich weitere Demos vorstellen, und es gibt ja auch noch weitere Tage mit lästiger Schulpflicht. Abschaffung der Bundeswehr? Wer könnte ernsthaft etwas dagegen haben. Das Recht auf einen Hochschulabschluss für alle? Wunderbar, dann wäre die Frage der Bildungsgerechtigkeit endlich gelöst. Kostenloses Bahnfahren im ganzen Land? Klingt auch gut, denn nachhaltiger geht es nicht. Weitere schöne Forderungen sind denkbar. Die Politiker werden sich freuen, dass die Schüler endlich die Lösung gefunden haben. Man wird allseits Beifall klatschen … Auf Dauer könnten wir uns dann auch die kostenintensiven Wahlkämpfe sparen.

Wer es noch nicht gemerkt hat: Vorsicht, Satire! Fragt sich nur, wann uns die Realität wieder einholen wird. Nach den Osterferien? Das jedenfalls hofft zumindest die Kultusministerin in Baden-Württemberg – und traut sich vorher nichts gegen die sonnige Stimmung im Land zu sagen.

Schlaglicht: Erlaubt ist, was nicht verboten ist – oder doch nicht mehr!?

Das Freiheitsbewusstsein in unserem Land schwindet in bedenklichem Maße. Zentrale Prinzipien des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates werden schleichend aufgegeben. Für freiheitliche Gesellschaften gilt, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist. Nun will Gesundheitsminister Spahn diese Regel bei der Organspende außer Kraft setzen. Der gute Zweck heiligt aber nicht jedes Mittel. Der Staat wird übergriffig, wo er eine sittlich vielleicht lobenswerte, aber keinesfalls einklagbare Entscheidung des einzelnen Bürgers zu erzwingen versucht. Das Recht über den eigenen Körper bleibt ein hohes Gut, das dem zwangsweisen Zugriff des Staates entzogen bleiben muss, selbst wenn es nur um eine Widerspruchslösung geht. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Mehrheit der Abgeordneten bei der Abstimmung über eine Neuregelung der Organspende (oder notfalls das Verfassungsgericht) an jene Freiheit erinnert, die unsere europäische Kultur einmal stark gemacht hat.

 

Schlaglicht: „nicht repräsentativ“

Man mag über den kanadischen Psychologen und Kulturkritiker Jordan Peterson und dessen provozierende Thesen denken, wie man mag. Immer wieder hat Peterson durch polemische Zuspitzungen polarisiert, wenn er von „kulturellem Marxismus“, „ideologischem Marionetten-Geschwätz“ oder „Vielfalts-Inklusivitäts-Gleichheits-Mob“ gesprochen hat. Wie die F.A.Z.  am 23. März 2019 hat die Theologische Fakultät der Universität Cambridge nach Protesten ihr Angebot einer Gastdozentur für den an der Universität Toronto lehrenden Kollegen zurückgezogen. Vielsagend ist allerdings die Reaktion der Studentengewerkschaft auf diese Entscheidung. Diese äußerte sich nach Angaben der F.A.Z. „erleichtert“. Denn Petersons Positionen seien „nicht repräsentativ für die Studentenschaft“ und daher kein „wertvoller Beitrag“ für die Universität. Dies klingt wie eine ungewollte Bestätigung des Geschmähten: Die Universität soll nicht mehr ein Ort des streitbaren Ringens um das bessere Argument sein, sondern nur noch denen ein Forum bieten, die das sagen, was die Mehrheit denkt. Inklusion, auf die sich die Universität bei ihrer Entscheidung beruht und die Peterson in Frage stelle, läuft damit auf eine Gleichschaltung des öffentlichen Raumes hinaus. Der Widerspruch zum eigenen universitären Leitbild wird gar nicht mehr gesehen, wie die F.A.Z. zu Recht kritisiert. Denn in der Selbstdarstellung der Universität Cambridge heißt es, man sei eine „weltführende Forschungs- und Lehrinstitution“, welche die freie Rede fördern wolle, und zwar in einem Umfeld, „in dem sämtliche Mitarbeiter und Studenten sich in der Lage sehen sollten, überliefertes Wissen in Frage stellen sowie neue Ideen und umstrittene oder unbeliebte Meinungen ohne Sorge vor Respektlosigkeit oder Diskriminierung ausdrücken zu können.“ Nur nebenbei sei daran erinnert, dass es auch in Deutschland schon eine Regierungschefin gegeben haben soll, die ein Buch, das sie gar nicht gelesen hat, als „nicht hilfreich“ aus dem öffentlichen Diskurs verbannen wollte. Nein, Zensur findet nicht statt.

Schlaglicht: 7 Wochen ohne …

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ lautet das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche zur diesjährigen Passionszeit. Wer auf die dazugehörige Homepage geht, findet als erstes Überlegungen zur Notlüge. Nun gut, auch darüber kann man nachdenken. Aber wie sieht es mit unserer gesellschaftlichen Debatte aus!? Unsere öffentliche Kommunikation ist in vielem unglaubwürdig. Hierüber nachzudenken, scheint allerdings weniger gewollt – denn dann ginge es nicht nur um „7 Wochen ohne“, sondern um das Eingeständnis, dass wir vielleicht den so gut eingespielten Mainstream der öffentlichen Debatte einmal verlassen sollten, der sich doch so gut eingespielt hat – und bei dem die Kirchen kräftig mitmischen, aber nicht nur diese.

Wir diskutieren über den Klimawandel – und elektrifizieren oder digitalisieren alle Lebensbereiche. Vom elektrischen Rolladen in jedem Klassenraum bis zum interaktiven Klassenzimmer, das endlich die Kreidezeit überwunden hat. Strom kommt schließlich einfach aus der Steckdose, wie wir dank der Grünen und ihres Widerparts FJS schon lange wissen. Über den Energieverbrauch, der damit verbunden ist, redet niemand. Denn Digitalisierung ist gut, der Digitalpakt jeder Anstrengung wert. Das interaktive Whiteboard verbraucht Energie, die gute, alte Kreidetafel nicht … Aber wer wollte hier kleinlich sein, wo es doch gar nicht um den pädagogischen Nutzen geht.

Wir verschärfen den Datenschutz so, dass bestimmte Bereiche gar nicht mehr richtig handlungsfähig sind – und wir verstärken gleichzeitig die soziale Kontrolle, auch im Bildungsbereich, der eigentlich zur Selbstbestimmung freimachen sollte. Wird es bald automatisch generierte Testdaten geben, wie China es uns vormacht? Das wird auch in Deutschland kommen, gibt sich eine Vertreterin des „Education Engagements“ von Microsoft sicher. Andere Länder machen es vor, Deutschland wird sich das nicht mehr lange leisten können, wir sind in Gesprächen, sie können zuversichtlich sein … Der humanistische Individualismus ist alteuropäischer Kram und steht zum Ausverkauf.

Wir beklagen den Fachkräftemangel in Kindergärten, Pflegeheimen und Handwerksbetrieben – und tun immer noch so, als produzierten berufliche Schulen gescheiterte Lebensläufe am Fließband, wenn sie ihre Absolventen „nur“ mit einem Ausbildungsabschluss in die Welt entlassen. Wohingegen die Hochschulen mit jedem Bachelorabschluss in „Gender Studies“ an der „Knowledge based Society“ und am größten Wissensraum zwischen Lissabon und Helsinki mitarbeiten.

Und wir reden über Vielfalt und Pluralität – und rufen im Namen der Pluralität zum Boykott wissenschaftlich missliebiger Fachzeitschriften und zur Säuberung von Bibliotheken auf. Wo die Historiker vorangegangen sind, wollen die Christlichen Sozialethiker nicht abseits stehen, wie jüngst eine Erklärung zur „Neuen Ordnung“ zeigt. Alles natürlich im Namen der Freiheit. Schlimmer noch als die Zensur der Wissenschaft ist die Zensur durch die Wissenschaft.

Sieben Wochen ohne … – gar kein so schlechter Gedanke. Umkehr ja bitte, aber nicht so radikal. Denn das könnte viele Selbstgewissheiten in Frage stellen. Umkehr kann auch als ein Bildungsgeschehen verstanden werden. Ich sehe ein, dass die Welt auch ganz anders sein könnte – und werde herausgefordert, ein eigenständiges Urteil zu bilden. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat die notwendige Umkehr einmal so auf den Punkt gebracht – ein postsäkularer Gedanke, der gut zur Fastenzeit passen könnte: Denn „der freie Geist verletzt nicht nur das Tabu der Exzellenz, sondern auch das Tabu der Transzendenz. Sein Mut zur Wahrheit sprengt den Funktionalismus, die ausweglose Immanenz der sozialen Systeme. Und wenn man sieht, wie die ‚Weltgesellschaft‘ jedes Wort des Widerstands, jede Geste des Protests mühelos ins eigene Funktionieren einbaut, muss man zu dem Schluss kommen: Transzendenz ist heute der einzige subversive Begriff. Die konkrete Utopie jedes Außenseiters ist der systematische Paradigmenwechsel. Der freie Geist jedoch zielt auf die Metanoia des Einzelnen. Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.“

Schlaglicht: Hauptsache, inklusiv – aber nicht freiheitlich

Auch der sozialethische Nachwuchs weist in seinem Weblog, wie nicht anders zu erwarten war, auf den skandalösen Boykottaufruf der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen die „Neue Ordnung“ hin. Alles natürlich ganz inklusiv und mit Gendersternchen – aber ohne Problem- oder Freiheitsbewusstsein. Und zu allem Überdruss wird einmal mehr „rechts“ und „rechtsextremistisch“ in einen Topf geworfen. Sancta simplicitas, ora pro nobis! Wenn die Gesinnung stimmt, muss man sich nicht um gedankliche Präzision bemühen.

https://forum-sozialethik.de/2019/03/19/sozialethikerinnen-boykottieren-rechte-zeitschrift/

Schlaglicht: Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“

Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik – die Vertretung der Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialethik im deutschsprachigen Raum – hat mit einer Erklärung vom 12. März 2019 zum Boykott der dominikanisch-sozialethischen Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ aufgerufen. Die Erkärung wurde auf den eigenen Internetseiten der Arbeitsgemeinschaft veröffentlicht:

http://www.christliche-sozialethik.de/wp-content/uploads/2019/03/Ag-CSE_Die-Neue-Ordnung_Erklaerung.pdf

Die Dominikanerprovinz wird ausdrücklich aufgefordert, den Boykott aktiv durchzusetzen. Es ist skandalös, dass Wissenschaftler auf diese Weise den freien wissenschaftlich-publizistischen Diskurs zu unterbinden suchen und zur Säuberung wissenschaftlicher Bibliotheken aufrufen. Hier bewahrheitet sich ein Satz aus der aktuellen politischen Debatte in abgewandelter Form: Schlimmer als die Verfolgung der Wissenschaft ist die Verfolgung durch die Wissenschaft.

Namhafte Autoren wie Norbert Blüm, Josef Isensee oder Hans Maier, um nur drei Beispiele zu nennen, stehen für das anerkannte Renommee der „Neuen Ordnung“. Diese bleibt eine wichtige, traditionsreiche (darauf weist die Erklärung selber hin) und profilierte wissenschaftliche Fachzeitschrift, die für einen vitalen, intellektuell anregenden Pluralismus innerhalb der Christlichen Sozialethik unverzichtbar ist. Sowohl „Die Neue Ordnung“ als auch „Wort und Antwort“ zeugen vom wissenschaftlichen Engagement und der akademischen Tradition der deutschen Dominikaner. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Orden den Boykottforderungen nicht unterwirft und „Die Neue Ordnung“ in gewohnter Qualität erhält.

Niemand muss teilen, was in einer Zeitschrift veröffentlich wird. Aber es muss gedruckt werden können, damit darüber diskutiert und gestritten werden kann. Ansonsten wird man am Ende feststellen: Wo alle gleich denken, denkt am Ende niemand mehr.

Die streitbare „Neue Ordnung“ bleibt als profilierte Stimme der deutschsprachigen Sozialethik sowohl für den wissenschaftlichen als auch politisch-gesellschaftlichen Diskurs unverzichtbar – unabhängig davon, welcher parteipolitischen Richtung der Einzelne zuneigt oder welche Presseorgane der Einzelne persönlich bevorzugt. Es geht um nichts Geringeres als den Erhalt der Freiheit – um die Presse- und Wissenschaftsfreiheit, um den Erhalt eines (angst-)freien, pluralen publizistischen Diskurses in der Kirche und in unserem Land. Und dafür lohnt es sich zu streiten.

PS: In Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen – ersetzen Bekenntnisse den streitbaren Diskurs. Daher sei auch an dieser Stelle ein Bekenntnis angeschlossen: Ich werde „Die Neue Ordnung“ – zusätzlich z u weiteren, anders ausgerichteten Zeitschriften – abonnieren, als kleiner Beitrag zur Sicherung publizistischer Pluralität.

Schlaglicht: Wahlen ändern nichts …

… diesen Eindruck kann man gewinnen: „länger gemeinsam lernen“ – denn Jugendliche müssen möglichst lange vor der Realität des Lebens bewahrt werden. Rauchen am besten erst ab 21 … Möglichst lange Anwendung des Jugendstrafrechts … Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Aber: Wählen bereits ab 14 – es geht ja schließlich um keine ernsten Dinge, Hauptsache: Der Staat macht das Leben schön. Und der Strom kommt aus der Steckdose. Moral ersetzt Politik. Und so erfahren die Freitagsdemos Zustimmung aus Parteien, Kirchen, Verbänden … Broder hat den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen: https://www.achgut.com/artikel/broders_spiegel_waehler_mit_kindergeld

Und es bleibt noch eine Frage: Wundert sich eigentlich niemand, dass Greta europaweit herumgereicht wird – alles nur ein Schülerprotest von unten!? Ein Schelm, der an böse Interesse dahinter denkt – die gibt es nur, wenn es um wohlfeile Antikapitalismuskritik gibt. Was war doch noch der Sinn von Lernen? Bildung – damit junge Menschen selber denken und die Welt gestalten können. Und eben nicht gelenkt werden durch politische Interesse, gleich von welcher Seite.

Schlaglicht: Es war einmal eine Universität …

Ab und an zeigt sie sich noch einmal bei Festakten und Feierstunden: Die freiheitliche Universität, die einst an der Wiege des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates stand, zumindest in Preußen und Deutschland: eine Universität, welche aus der Gedanken-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit lebt. Nicht umsonst hat sich der Festredner einer solchen Festveranstaltung gestern Abend beim Land Nordrhein-Westfalen (und beim Steuerzahler) bedankt, der Forschung auch dann fördert, wenn sie Kritik an der aktuellen (Bildungs-)Politik übt. Leider ist das nicht in allen Ländern der Fall, aber auch hier wird das geistige Klima enger und unfreier. Fast als Gegenentwurf zur gestrigen „Sonntagsrede“ liest sich daher ein Beitrag im akutellen „Cato“: Norbert Bolz, Im Neuhumanismus wurde die Universität einst als eine Ausbildungsstätte geistiger Freiheit und menschlicher Souveränität gegründet. Heute fördert sie Angepaßtheit und Unselbständigkeit, in: Cato 2/2019, S. 74 – 78. Der Titel spricht für sich. Der Beitrag wurde in ähnlicher Form schon im November 2018 veröffentlicht:
https://www.achgut.com/artikel/treibhaeuser_der_konformitaet

Schlaglicht: Politische Überwältigung im Namen der Vielfalt …

Die Lichtfeier (Luzernarium) besitzt eine lange Tradition innerhalb der Liturgie; am feierlichsten findet diese innerhalb der römischen Liturgie zu Beginn der Osternachtfeier statt. Seit mittlerweile fünfundzwanzig Jahren holen Pfadfinder vor Weihnachten das sogenannte „Friedenslicht“ aus der Geburtsgrotte in Bethlehem nach Deutschland. In vielen Gemeinden wurde dieses am Ende der Adventszeit im Rahmen einer Lichtfeier ausgeteilt – so auch in jener Gemeinde, in der ich am vierten Advent die Vorabendmesse mitgefeiert habe.
Von einer Lichtfeier möchte ich in diesem Fall aber gar nicht sprechen. Was an diesem Samstagabend geboten wurde, war eine politische Überwältigung der Gottesdienstgemeinde. Ich fühlte mich auf den Parteitag irgendeiner politischen Gruppierung am äußerst linken Rand versetzt. Ich möchte hier nicht das pfadfinderische Engagement schmälern, das innerhalb der DPSG geleistet wird – ich bin selbst aktiver Pfadfinder gewesen und diesem Ideal heute noch verbunden. Allerdings ist mir die parteipolitisch einseitige Parteinahme des jungendpastoralen Dachverbandes BDJK, bis hin zur Übernahme linksradikaler Forderungen, schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Was an diesem Abend dann auch geschah, war ein Missbrauch der Liturgie für politische Indoktrination und Manipulation. Dass man über bestimmte Fragen unter Demokraten auch anderer Auffassung sein kann, schien den Verantwortlichen gar nicht in den Sinn zu kommen. In einer PowerPoint-Präsentation wurden der Gemeinde „gute Nachrichten“ vorgestellt, die allesamt – so die DPSG-Vertreterin – im vergangenen Jahr in den Medien unterdrückt worden seien. Nur zwei Beispiele: Das eine Mal ging es um Flüchtlinge, die bei Siemens Arbeit gefunden haben, das andere Mal um einen SPD-Abgeordneten, der einem AfD-Kollegen als Ersthelfer das Leben rettete. Hier fühlte ich mich als Gottesdienstteilnehmer mehr als für dumm verkauft: Alle genannten Nachrichten waren aus Medienberichten des zu Ende gegangenen Jahres bereits mehr als bekannt. Von manipulativer Berichterstattung konnte hier nicht die Rede sein. Dies traf eher auf die Einführung des Friedenslichtes zu: Auf manipulative Weise wurden am Ende der Messe so unterschiedliche Themen wie der Umgang mit der aktuellen Migrationskrise, Fragen innerer wie äußerer Sicherheit oder die Forderung nach einer inklusiven Einheitsschule für alle umstandslos durch einen undifferenzierten Egalitarisus miteinander verbunden und als „christlich alternativlos“ in den Raum gestellt.
Die Liturgie verkommt zur Spielwiese eines sich fortschrittlich dünkenden Milieus, das keine Hemmungen hat, alles, was politisch missliebig ist, auszugrenzen und abzukanzeln. Ich nenne das borniert. Es war zwar viel von „Vielfalt“ und „Toleranz“ die Rede, doch scheinen diese nur für solche Positionen zu gelten, die einem linksliberalen bis linken Mainstream folgen. Wer davon abweicht, wird mundtot gemacht – auch im Gottesdienst. Befähigung zu demokratischer Mitbestimmung scheint in der kirchlichen Jugendarbeit heute zu bedeuten, sich für eine Gleichschaltung der öffentlichen und innerkirchlichen Debatte einzusetzen.
Wenn wir den unnachahmlichen Satz des Neuen Testaments „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ ernstnehmen, dann richtet sich dieser nicht allein gegen einen Staat, der sich absolut setzt. Der Satz warnt auch die Kirche vor allzu viel politischer Selbstgewissheit in vorletzten Fragen. Das Evangelium ist politisch relevant, aber nicht parteipolitisch. Aus dem Evangelium ergibt sich noch kein umfassendes göttliches Gesetz. Vielmehr sind Christen aufgerufen, sich in gläubiger Verantwortung in die politische Gestaltung unserer Welt einzubringen. Die konkreten Antworten auf die jeweiligen Herausforderungen der Zeit formen sich dabei im politischen Diskurs. Dabei können wir unter Christen auch zu unterschiedlichen politischen Antworten kommen, über die politisch – durchaus mitunter heftig – gestritten werden muss. Dies müssen wir in der christlichen Gemeinde aushalten. Das „Friedenslicht“ steht heute offenbar für eine Politik, die sich keine Gedanken mehr macht, wie unser staatliches Zusammenleben auf Dauer erhalten, die territoriale Integrität des Staates gesichert und die Identität des eigenen Volkes bewahrt werden kann. Politik aus christlicher Verantwortung sieht für mich anders aus – und darüber lasse ich gern mit mir streiten. Dies war aber an jenem letzten Adventssamstag nicht möglich.
Der Gottesdienst darf nicht zur Bühne für parteipolitische Übergriffe verkommen. Wenn ein kirchlicher Verband eine solche Grenzverletzung nicht ausschließen will, gehört das „Friedenslicht“ im neuen Jahr nicht mehr in eine Messfeier.
Es bedarf immer wieder neuer Anstrengung, ein stabiles, befriedetes und leistungsfähiges Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Die Verantwortung, welche die Kirche für ein gelingendes staatliches Zusammenleben trägt, ist nicht gering. Gegenwärtig wird sie dieser Verantwortung in unserem Land nicht gerecht. Viele Akteure in Kirche und Theologie scheinen aber die große Tradition katholischen Staatsdenkens vergessen zu haben.