Deeper Learning pädagogisch betrachtet – so der Titel der neuen Ausgabe (46. Jahrgang, Heft 2-3, Juli 2026) der Zeitschrift PädagogikUNTERRICHT, der größten Fachzeitschrift für pädagogische Fachdidaktik im deutschsprachigen Raum, herausgegeben vom Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen e. V. Dem Wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift Prof. Dr. Bauer (Bielefeld), Prof. Dr. Beyer (Köln), Prof. Dr. Gather (Köln) und PD Dr. Kunze (Bonn) an.
Didaktik
Leserbrief: Ein Bärendienst
… unter dieser Überschrift nimmt der Bildungsethiker Axel Bernd Kunze in Ausgabe Nr. 18/2026 der Kirchenmagazine im Verbund der nord-, mittel- und ostdeutschen Bistumspresse (Ausgaben vom 30.08.2026, S. 8) Stellung zum neuen Christlichen Religionsunterricht, der in Niedersachsen mit dem neuen Schuljahr begonnen hat:
„In Niedersachsen startet der Christliche Religionsunterricht. Kinder und Jugendliche müssen sich zuerst mit der eigenen Herkunft, Identität und dem eigenen Glauben beschäftigen, bevor interkonfessionelle oder interreligiöse Perspektiven verständliche werden. (…) Der Religionsunterricht verschenkt hier sein Potenzial. Die Heranwachsenden werden nicht in ihrer religiösen Identitätsbildung gestärkt – am Ende ein Bärendienst, den die Kirchen für die Glaubenswiedergabe leisten.“
Zwischenruf: Wider die therapeutische Anpassung. Warum der Staat das „Wasser der Transzendenz“ braucht
Von Dr. Hans-Michael Tappen
Die radikale Immanenzfalle und der Tod der Vernunft
Haben wir verlernt, unser Leben im Licht der Vernunft zu sehen? Die Gegenwart drängt diesen Verdacht auf. Indem wir die Vernunft auf ein rein instrumentelles Werkzeug der Nutzenoptimierung und der permanenten, zirkulären Selbstreflexion reduzieren, treiben wir sie in eine Perversion. Diese Tyrannei der totalen Immanenz zwingt das Subjekt in einen geistig-existentiellen „Selbstmord“: Wir entziehen uns selbst das „Wasser des Lebens“, weil wir den Menschen von jeder echten Transzendenz abschneiden. Wo alles nur noch messbar, verwertbar und immanent gespiegelt ist, erstickt die Freiheit im Zwang zur totalen Selbstbespiegelung.
Gegen die Illusion der Psychotechniken: Das reduzierte Menschenbild
An diesem wunden Punkt offenbart sich die fundamentale Grenze moderner, rein humanistischer Ideenwelten. Wenn wir versuchen, den Verlust des Transzendenten durch eine endlose Kaskade sich ständig erneuernder „Psychotherapiemethoden“ und immanenter Psychotechniken zu kompensieren, betreiben wir bloß Symptomkosmetik. Ein solches therapeutisches Reagieren verwechselt Heilung mit Anpassung.
Es geht hierbei explizit nicht darum, den unbestreitbaren praktischen Wert und die akute Notwendigkeit klinischer Psychotherapie bei realem psychischem Leiden abzuwerten. Der Einspruch richtet sich gegen etwas anderes: gegen die Erhebung der Psychologie zur allgegenwärtigen Ersatzreligion und zum Instrument einer rein immanenten, gesellschaftlichen Konditionierung.
Das christlich-transzendentale Menschenbild verweigert sich dieser Reduzierung. Das DU im Sinne Martin Bubers ist kein psychologisches Gegenüber, das der eigenen Ich-Vergewisserung dient. Bei Erich Fromm bleibt das Du letztlich funktional – ein Katalysator zur Entfaltung einer immanenten Ich-Fähigkeit, die sich in einer rein horizontalen Gefühlsethik wie in der „Kunst des Liebens“ erschöpft. So scharf Fromms damalige Kapitalismuskritik auch war – sie bleibt im anthropozentrischen Raum verhaftet, weil sie die vertikale, konstitutive Achse des echten Bezugs abschneidet. Das Ich wird aber erst am DU, das bei Buber immer auch den Durchblick auf das ewige DU offenhalten muss.
Ebensowenig taugt das DU als missverstandenes, passives „Selbstvergessen“ im Sinne einer verkürzten Lesart von Meister Eckharts Armut im Geiste. Wo die populäre Rezeption und auch Fromm selbst Eckharts Gelassenheit zu einer bloßen Psychohygiene und therapeutischen Befreiung vom Besitzdenken säkularisieren, verfehlen sie deren Kern. Eckharts „Nichts-Haben“ ist keine immanente Lebenskunst zur humanistischen Selbstoptimierung, sondern radikale Ontologie und Mystik: Das Freimachen des Seelengrundes, damit Gott unvermittelt darin gebären kann.
An dieser Stelle bringt uns auch die populäre Transaktionsanalyse von Eric Berne mit ihrem Diktum „Ich bin OK – Du bist OK“ nicht weiter. So heilsam dieses Prinzip im geschützten Raum der therapeutischen Praxis als partnerschaftliches Gleichwertigkeitsgebot sein mag: Auf sozialethischer und staatlicher Ebene bleibt dieses vermeintliche „OK“ in der Immanenz völlig unbestimmt. Gemessen woran eigentlich? Ohne einen objektiven, transzendenten Maßstab verkommt das gegenseitige psychologische Abnicken zur bloßen Wohlfühlformel einer selbstreferentiellen Gesellschaft, deren moralische Koordinaten sich im permanenten Wandel befinden. In einer rein ökonomisierten Welt läuft dieses Prinzip sogar Gefahr, zu einem rein funktionalen „Ich funktioniere – Du funktionierst“ pervertiert zu werden. Das christliche DU hingegen ist kein therapeutisches Label, sondern ein radikaler, unbedingter Anspruch, der uns in die Verantwortung ruft. Es öffnet den Raum für eine echte transzendente Begegnung, die sich jeder psychologischen Handhabung, jeder marktkonformen Optimierung und jeder reinen Nutzenlogik entzieht.
Die Rationalität des Einspruchs: Ein echtes humanes Denken
Ein solcher Einspruch mag der psychologisierten Gegenwart als Phantasterei erscheinen oder gar dem Verdacht ausgesetzt sein, unmodern oder „inhuman“ zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Inhuman ist eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als psychologisches Rädchen versteht, das durch Therapien passend und funktionstüchtig gemacht werden muss, um im ökonomischen Getriebe mitzulaufen.
Dieser transzendentale Einspruch ist kein Rückzug in ein psychoanalytisches „Life Against Death“-Denken im Sinne Norman O. Browns, das die Kultur bloß als neurotische Todesangst begreift und in immanenten Triebbefreiungen schwelgt. Es geht hier nicht um psychischen Vitalismus, sondern um das geistige Überleben der Vernunft selbst. Es ist ein strikt rationaler, logischer Argumentationsgang: Wer das Menschsein vor reiner Zweckmäßigkeit schützen will, muss ein Fundament aufzeigen, das außerhalb des verwertbaren Systems liegt.
Der pädagogische und ethische Einspruch nach Marian Heitger
Gerade hier bietet sich der prinzipienwissenschaftliche Ansatz von Marian Heitger mit bestechender Eleganz an. Ein empirischer oder rein psychologischer Ansatz scheitert stets am zirkulären Charakter der Immanenz – er muss mühsam versuchen, seinen eigenen Standpunkt aus sich selbst heraus dogmatisch zu begründen.
Die transzendental-kritische Pädagogik nach Heitger hingegen muss sich nicht darum kümmern, worauf sie steht, weil sie ihren Grund eben nicht selbst legen muss. Dies ist keine metaphysische Flucht vor einer Letztbegründung, sondern die konsequente Anerkennung einer logischen Notwendigkeit. Heitger fragt nach den unhintergehbaren Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Verantwortung. Er setzt an dem Punkt an, an dem der Mensch bereits als freies, verantwortliches Geistwesen angesprochen ist. Die Transzendenz ist hier kein vager Dogmatismus, sondern der unverzichtbare Fluchtpunkt, ohne den Freiheit, Würde und Erziehung gar nicht rational denkbar wären. Wenn die Pädagogik, die Ethik und die Politik diese Dimension preisgeben, kapitulieren sie vor einer reinen Anpassungsideologie.
Die Antwort auf Axel Bernd Kunze: Ist mit christlicher Sozialethik noch ein Staat zu machen?
Was Heitger für die Pädagogik fordert, gilt im selben Maße für das staatliche Gefüge insgesamt – und so warf PD Axel Bernd Kunze die entscheidende Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die Antwort lautet transzendental-kritisch: Gerade heute, und zwar dringender denn je!
Ein Staat, der sich rein aus der Immanenz seiner Institutionen, ökonomischen Kreisläufe und therapeutischen Beruhigungsstrategien speist, zehrt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Wenn wir der Vernunft das „Wasser des Lebens“ – die Ausrichtung auf das Unbedingte und Transzendente – entziehen, verkommt das Gemeinwesen zur bloßen Verwaltungsmaschine eines kollektiven Narzissmus und einer verkommenen Ökonomisierung, die alles Menschliche bloß noch nach seinem Marktwert bemisst.
Die Christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine eigenen Grenzen und an die unantastbare Würde des Menschen, die jenseits aller Verwertbarkeit und psychologischen Optimierung liegt. Sie hält den Raum für das Unverfügbare offen. Genau aus dieser Transzendenz-Orientierung erwächst die stabilisierende, friedensstiftende und sittliche Kraft, die einen Staat erst tragfähig macht.
Fazit
Mit einer christlichen Sozialethik ist sehr wohl ein Staat zu machen – weil sie das Subjekt vor dem immanenten Selbstmord der permanenten Verwertungsreflexion rettet, die Reduktion des Menschen auf bloße Psychotechniken überwindet und der Vernunft ihr transzendentes Fundament zurückgibt.
Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen blickt auf eine jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Bildung, Ethik und Seelsorge zurück. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Altenhilfe an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München promovierte er in Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien (Schüler von Marian Heitger). Zusätzliche Qualifikationen erwarb er in der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) sowie als psychoanalytischer Supervisor. In seiner Biografie verbinden sich Theorie und Praxis auf besondere Weise: Nach langjährigen Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und in der Bewährungshilfe beim Landgericht München I unterrichtet er als reaktivierter katholischer Religionslehrer an einer Münchner Berufsschule. Aus dieser tiefen Verankerung in staatlichen und kirchlichen Institutionen heraus widmet er sich heute Fragen der Lebensbegleitung und untersucht, welche Relevanz religiöse Bildung in unserer modernen Arbeitswelt besitzt.
Rezension: Mündigkeit
Axel Bernd Kunze rezensiert im Onlineportal Socialnet den folgenden Titel zu einem Zentralbegriff pädagogischen Denkens:

Johannes Drerup, Thomas Goll, Miguel Zulaica y Mugica (Hrsg.): Mündigkeit. Zur Debatte über ein unverzichtbares Bildungsideal. Frankfurt am Main: Wochenschau 2025. 185 Seiten. ISBN 978-3-7344-1733-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
Reihe: Dortmunder Schriften zur politischen Bildung. Wochenschau Wissenschaft.
https://www.socialnet.de/rezensionen/33680.php
Die Rezension wird am 2. September 2026 freigeschaltet.
Zwischenruf: Der gerufene Name
Transzendentalkritische und dialogische Überlegungen zur Existenzweise von Pädagogik und Sozialethik
Von Dr. Hans-Michael Tappen (Schüler von Marian Heitger)
»Ein Mensch, der so leer wird, dass er sich durch die Armut des Anderen spiegeln kann – nicht um sich darin zu besitzen, sondern um der unvertretbaren Freiheit des Gegenübers Raum zu geben.«
I. Die Grammatik des Namens und der transzendentalkritische Anspruch
Wenn ich bei meinem Namen gerufen werde – als katholischer Religionslehrer, als Berater oder Bewährungshelfer und als Schüler Marian Heitgers –, so vollzieht sich darin kein bloßes Aktenzeichen menschlicher Identität. Mein Name, Michael, birgt in seiner hebräischen Wurzel keine feststellende Behauptung, sondern die radikale Frage: Wer ist wie Gott? Wer transzendentalkritisch denkt, kann seinen eigenen Namen nicht als gesicherten Besitz verwalten. Ihn hinauszutragen bedeutet, ihn über das eigene Ego hinweg nach außen zu öffnen und zugleich über ihn hinauszufragen.
Die Vernunft darf in diesem Horizont nicht als ein beherrschendes Blicken missverstanden werden. Sie muss Einsicht sein – eine Kraft des Lichtes, die zugleich im Vernehmen und Hören verankert ist. Sehen bedeutet dann, in der Weise der Person mit sich eins zu sein. Person, verstanden in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung von per-sonare: Was durchtönt mich? Das Handeln im pädagogischen oder seelsorgerlichen Raum wandelt sich so in ein bekennendes Begreifen.
II. Sehen und Hören: Die Phänomenologie der Entäußerung
Im Anschluss an das Denken Martin Bubers offenbart sich das Hören als eine ganz andere Bewegung als das distanzierte Sehen. Während das Sehen die Verankerung im Bei-sich-Sein sichert, streckt sich das Hören ins Scheinbare des Nichts aus. Im Moment des echten Hörens findet eine radikale Selbstenteignung statt. Der Name gewinnt seine eigentliche Gestalt erst im Gegenüber – im Du.
Menschliches Leben ist daher keineswegs bloße Struktur, sondern wesentlich Stimme. Erkenntnis erfordert, das Bild zusammen mit seiner Herkunft zu begreifen. Wenn das Bild immer das Bild von etwas ist, so stellt sich die existenzielle Frage: Wessen Genitiv tragen wir? Wer nach sich selbst fragt und dies im Raum des eigenen Namens tut, erkennt, dass der Name seinen Genitiv nicht abstreiten kann. Wir können nach uns selbst nur als Ausgesetzte fragen – als Wesen, die stets über ihren eigenen Namen hinausgehen.
III. Unverfügbare Freiheit: Marian Heitger und Martin Buber im Gespräch
In der transzendentalkritischen Pädagogik Marian Heitgers ist Freiheit keine empirisch erzeugbare Eigenschaft, sondern die unhintergehbare Bedingung der Möglichkeit von Erziehung überhaupt. Pädagogische Autonomie bedeutet, dass die Freiheit des Zöglings vom Erzieher weder hergestellt noch determiniert werden kann; sie muss vielmehr als unverfügbare Voraussetzung geachtet werden. Erziehung verfehlt ihr eigenes Wesen, sobald sie das Gegenüber zum Objekt technischer Formungs- oder Steuerungsprozesse degradiert.
Hier trifft sich Heitgers kritischer Denkansatz auf fruchtbare Weise mit dem dialogischen Prinzip Martin Bubers. Wo Heitger die wissenschaftstheoretische und transzendentale Grenze pädagogischen Verfügens zieht, beschreibt Buber die existenzielle Wirklichkeit des menschlichen Begegnens: Die Freiheit des Subjekts verwirklicht sich nicht in der monadischen Isolierung des Ichs, sondern im In-Beziehung-Treten zum Du.
Im verdinglichenden Ich-Es-Verhältnis wird das Gegenüber analysiert, beurteilt und zweckhaft eingeordnet – eine Gefahr, die der Pädagogik stets droht, wenn sie sich in bloßer Methodik, Leistungsdiagnostik und Funktionalisierung erschöpft. Das Ich-Du-Verhältnis hingegen entzieht sich jeder Zweck-Mittel-Kategorie. Für die pädagogische und ethische Praxis bedeutet die Verknüpfung beider Denker:
Erstens ist Freiheit keine schrankenlose Beliebigkeit, sondern die Freiheit zur Antwort. Die transzendentalkritische Autonomie bei Heitger schützt die Würde des Zöglings vor pädagogischer Übergriffigkeit; die dialogische Bezogenheit bei Buber verortet diese Autonomie im konkreten, vernehmenden Angesprochensein.
Zweitens bleibt die pädagogische Beziehung ein Wagnis der Unverfügbarkeit. Der Erzieher kann das Du nicht erzwingen, sondern sich nur in wacher Präsenz dafür bereithalten.
Drittens wird der Mensch am Du zum Ich. Autonomie ist damit nicht isolierte Selbstbezogenheit, sondern die Fähigkeit, aus eigener Existenz heraus in der Verantwortung für den Anderen zu stehen.
IV. Wesen als Wohnen und die Flucht in den Schoß des Ichs
Das Suchen nach sich selbst ist ein Akt der Einwilligung und der Bejahung, eine Ausnahme, in der sich das Subjekt selbst riskiert. Denn wer verrät uns, auf welchen verschlungenen Wegen wir zu uns selbst gekommen sind? Ein Mensch, der sich durch die Armut des Anderen spiegelt, erfährt, dass die Freiheit des Anderen weder hörbar noch sichtbar erzwingbar ist. Der Andere muss selbst konkrete, für mich unerfahrbare Freiheit sein; von sich selbst her muss er aus eigener Existenz heraus mithören und mitsprechen. Erst im Hörbarwerden des Ich-Du-Wir findet der Prozess der Selbstverwirklichung statt – im Nachkommen des eigenen Namens unter dem Risiko der inneren Ferne.
Die Wesensgestalt des Namens ist immer bestimmt durch Verheißung. Das mittelhochdeutsche Wort wesan bedeutet ursprünglich wohnen. Man wohnt im eigenen Namen, erfährt darin aber zugleich die Verwundbarkeit einer Existenz auf Abbruch. Aus der Angst vor der Verheißung entspringt die Versuchung, den Namen zu punktualisieren: Ich bin ich und du bist du. Die Transzendenz der Verheißung wird hierbei durch die Beliebigkeit von Möglichkeiten ersetzt; man träumt sich um die Punktualität des eigenen Lebens herum.
In dieser Verweigerung von Verheißung und Handlungskontinuität wurzeln existenzielle Ängste: Die Hysterie als Angst vor der Notwendigkeit des Selbstseins und die Neurose als Angst vor der Selbstverständlichkeit immerwährenden Handelns. Wer vor der Namensgebung flieht und seinen Namen nicht als Gabe hinschenken will, macht ihn schließlich zum bloßen Schoß seines Ichs. Er verschließt sich in einer isolierten Immanenz.
V. Das Unveröffentlichte und die Replik an die Sozialethik
Es gibt Dimensionen des Unveröffentlichten und Unverfügbaren, die man nur erkennt, wenn man sie im Verborgenen belässt. Ein solches reflexives Wissen wird im positiven Vergessen und Sinkenlassen fruchtbar: Ich kann nicht ich selbst sein, ohne dass ich im Tiefsten bereits im Selbst ein Du bin.
Gegenüber der Debatte auf bildungsethik.com um die Frage von Axel Bernd Kunze, ob mit der Christlichen Sozialethik heute noch Staat zu machen sei, drängt sich aus transzendentalkritischer Sicht die Replik auf: Was ist das für ein Staat, der sich nicht in der Gestalt des Denkens verwirklicht?
Ein Gemeinwesen, das die Freiheit des Einzelnen rein funktional oder technisch verkürzt, verfehlt seinen eigentlichen Auftrag. Christliche Sozialethik behält ihre kompromisslose Aktualität genau darin, dass sie den Staat an seine geistige und personale Voraussetzung erinnert: Sie fordert eine Ordnung ein, die den Menschen in seiner unvertretbaren Würde, in seiner Ausgesetztheit und in seiner unverfügbaren Freiheit anerkennt.
Zum Autor:
Dr. phil. Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers). Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an Berufsschulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.
Zwischenruf: Cui bono? Die Entsorgung der Transzendenz im Schulalltag
Transzendental-kritische Anmerkungen zur Brauchbarkeit der Christlichen Sozialethik
Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen
Ist mit der Christlichen Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Frage gewinnt gerade im alltäglichen Vollzug der beruflichen Bildung eine existenzielle Dringlichkeit. Wer heute an beruflichen Schulen unterrichtet, erlebt die schleichende Verdrängung der Transzendenz nicht als abstraktes Theorem, sondern als handfeste Krise im Klassenzimmer.
I. Die Immanenzfalle des Bildungsalltags: Angst vor dem Verworfensein
Die Beobachtungen aus der Unterrichtspraxis zeichnen ein deutliches Bild: Verstärkt durch die Nachwirkungen der Corona-Isolationsphasen, die Herausforderungen multiethnischer Heterogenität und eine fortschreitende digitale Trivialisierung zeigt sich bei vielen Heranwachsenden eine Verkennung der eigenen Transzendenzdimension. Das Bewusstsein, als Person von Gott bei seinem Namen gerufen zu sein, weicht einer ausschließlichen Einordnung des Lebens in Lust- und Nutzenkategorien.
Dieses Verharren in der Beschleunigungsimmanenz wird durch ein hemmungsloses „Kick- und Klick-Verhalten“, den Druck der Arbeitswelt sowie den verbreiteten Rückgriff auf Stimulanzien verfestigt. Wenn der Schulalltag vom Messbarkeits-Paradigma, von Qualitätsstandards, Algorithmen, Excel-Tabellen und einem verflachten Sprachgebrauch beherrscht wird, erscheint die Anstrengung der Vernunft im täglichen Vollzug zunehmend als lästig.
Dahinter verbirgt sich eine tiefsitzende Angst vor dem Verworfensein. Aus Furcht vor Kontrollverlust zieht sich das Subjekt in eine erstarrte „Ich-heit“ zurück und verweigert die Dynamik des Samenkorns: Es will nicht sterben, um Wandlung und Frucht zu ermöglichen, sondern klammert sich an das bloße Überleben. So spaltet das System das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod, Tag gegen die Nacht, Tun gegen das Nichttun. Das Denken verkommt zur reinen Überlebensmechanik.
II. Pädagogische Schärfung: Das Ich-Du, polare Einheiten und die Metapher des Baumes
Dieser Befund fordert Pädagogen heraus, die eigenen Sinne zu schärfen. Wenn Bildung mehr sein soll als die Bereitstellung funktioneller Humankapazitäten, müssen wir mit den Schülern einen Weg einschlagen, der im Sinne Immanuel Kants zum Gebrauch des eigenen Verstandes anleitet.
Transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) begreift Metaphysik nicht als starres Lehrgebäude, sondern als einen gedanklichen Prozess – als ein reflektiertes „Durch-die-Welt-Gehen“. Im multiethnischen Schulalltag bedeutet dies, der durchökonomisierten Alltagswelt die Maske zu entreißen und Verschiedenheiten im unmittelbaren Dialog zu entbinden. Dies gelingt nur in einer Sprache, die nach Martin Buber das echte „Ich-Du“ stiftet und Gemeinschaftlichkeit jenseits bloßer Nützlichkeit ermöglicht.
Dazu gehört das Wiederentdecken der polaren Einheiten im pädagogischen Handeln:
- Sprechen und Schweigen: Ein Sprechen, das das Schweigen als Feind bekämpft, verkommt zum Steuerungsbefehl. Erst das „Schweigen in der Sprache“ öffnet die Dimension des Transzendenten im Wort als Raum der Ehrfurcht.
- Halten und Lassen: Bildung erfüllt sich nicht im permanenten Machbarkeitswahn, sondern in der Gelassenheit des Gewährenlassens. Das Schweigen im Sprechen und das Lassen im Tun schützen die Unverfügbarkeit des Edukanden.
Sinnbildlich lässt sich dieser Selbstvollzug im Licht der Vernunft mit einem Baum vergleichen: Ein Baum wächst nur in dem Maße in das Licht der Selbstverwirklichung, wie er in den dunklen Boden hineinschaut, aus dem er lebt – in das Bewusstsein der eigenen Herkunft, Begrenztheit und Endlichkeit. Wo der Blick in diese Tiefe verweigert wird, verkommt Leben zur flachen Funktion.
III. Wissenschaftlicher Anspruch und die kritische Gegenfrage: Cui bono?
Ist ein solches Denken im Schulalltag bloße Phantasterei? Keineswegs. Es ist streng wissenschaftlich und argumentativ, weil es nach den Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Würde fragt. Wer im Ethik- oder Religionsunterricht so denkt, betreibt keine unzulässige Spekulation, sondern schützt das Subjekt vor der totalen Vereinnahmung durch die Zwecke des Marktes.
Gerade deshalb müsste mit einer Christlichen Sozialethik heute dringend noch Staat zu machen sein. Doch der Befund der Praxis fordert eine Gegenfrage heraus: Warum zeigt der Staat ein abnehmendes Interesse an dieser sozialethischen Fundierung? Cui bono – wer profitiert davon?
Die Antwort liegt nahe: Ein System, das den Menschen primär als ökonomischen Datensatz und reibungslos funktionierendes Zahnrad begreift, empfindet die Erinnerung an das Unverfügbare als störend. Eine Christliche Sozialethik, die den Edukanden als bei seinem Namen gerufene Person versteht und ihn lehrt, Leben und Tod, Halten und Lassen als Ganzes anzunehmen, bleibt der unersetzliche Stachel im Fleisch einer rein immanenten Gesellschaft.
Zum Autor des Gastbeitrages:
Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.
Zwischenruf: Ein transzendental-kritischer Zwischenruf
Von Dr. phil. Hans-Michael Tappen
„Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen?“ – Diese von PD Dr. Axel Bernd Kunze aufgeworfene Grundfrage zwingt uns Theologen und Pädagogen zur ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Antwort darauf entscheidet sich an der Frage, ob wir den Menschen noch als ein auf Transzendenz hin ausgerichtetes Wesen begreifen – oder ob wir ihn längst an eine rein immanente Verwendungs- und Messbarkeitslogik ausgeliefert haben.
I. Das Jona-Syndrom: Die Flucht aus der Transzendenz
Das Buch Jona ist kein harmloses alttestamentliches Märchen, sondern eine existenzielle Fallstudie über den Rückzug des Subjekts vor dem Anspruch des Absoluten. Jona, der „Sohn des Amitai“ („Sohn der Wahrheit“), leidet an einer tragischen Verwechslung: Er hält seine eigene, verfestigte Vorstellung von Ordnung und Gerechtigkeit für die absolute Wahrheit.
Wo die göttliche Transzendenz ihn auffordert, ins Licht der Vernunft zu treten und sich dem radikal Fremden (der Stadt Ninive) zu stellen, wählt Jona die Flucht nach innen – den Regressus ad uterum. Im Bauch des Fisches, eingepfercht zwischen „Kot und Samen“, zieht er sich in die ultimative solipsistische Schutzhöhle zurück.
Er spürt seine Endlichkeit, wagt es aber nicht, seine eigenen Wurzeln dem Wind der Wirklichkeit auszusetzen, aus Angst, zu verdörren wie die spätere Rizinusstaude. Lieber flieht er vor dem gesellschaftlichen WIR und verweigert das ICH-DU (im Sinne Martin Bubers). Er spaltet das Sein in feindliche Gegensätze: Leben gegen den Tod. Jona lässt sich über Bord werfen – nicht aus rettender Liebe, sondern aus der resignativen Ichlosigkeit eines Menschen, der keinen tieferen Sinn mehr reflektieren kann.
II. Die Verflachung zur „PISA-Bildung“: Wenn das Denken erstickt
Wenn wir heute auf den Zustand von Kirche, Gesellschaft und Bildung blicken, begegnen wir Jonas Flucht im institutionellen Maßstab. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer flachen „Gott-ist-tot“-Theologie wird die Auferstehung oft zur bloßen „sozialen Metapher“ verharmlost. Die Kirche erzieht zu einem immanenten, morallastigen Humanismus.
In der Bildungsethik führt dieser Ausfall der Vertikalen direkt in die PISA-Bildung:
Vom Subjekt zum Datensatz: Bildung wird nicht mehr als Befähigung zur Freiheit und Verantwortung vor dem Absoluten verstanden, sondern verkommt zum pragmatischen „Punkte-Sammeln“.
Die Illusion des Gemachten: In Qualitätsmanagement, Kompetenzgerede und Excel-Tabellen versucht das System, das menschliche Sein einzukästeln.
Doch wo das Denken wirklich lebendig ist, hinterlässt es keine administrativen Spuren. In einer digitalisierten „Kick- und Klick-Gesellschaft“ wird dem Menschen das haptische Gegenüber entzogen. Die bürokratische Datenwelt ist die moderne Fortsetzung von Jonas Fischbauch: Das System bleibt unter sich, berührt aber die Existenz des Menschen nicht mehr.
III. Das „Schweigen in der Sprache“ als Schutzraum der Würde
An dieser Stelle erweist sich die transzendental-kritische Pädagogik (in der Tradition Marian Heitgers) als unverzichtbares Korrektiv. Wenn ich mich als Pädagoge im Heitger’schen Sinne „zur Vernunft zwinge“, erkenne ich: Das tiefste Selbst (die Einmaligkeit und Würde) des Edukanden ist kein empirisches Objekt, das sich in Kompetenzrastern erfassen ließe. Das eigene Antlitz des Menschen bleibt dem letzten begrifflichen Zugriff entzogen – es ist unsagbar.
Das erfordert eine Unterscheidung zweier Formen des Schweigens:
1. Das Schweigen nach der Sprache: Das bloße Verstummen, die Sprachlosigkeit oder die bürokratische Kälte.
2. Das Schweigen in der Sprache: Die Dimension des Transzendenten innerhalb des Wortes. Es ist der verbliebene Raum der Ehrfurcht im pädagogischen Gespräch. Das Schweigen in der Sprache schützt die Freiheit des Educanden vor dem Machbarkeitswahn der Institutionen. Es signalisiert: „Ich fordere deine Vernunft heraus, aber ich beherrsche dich nicht. Dein tiefstes Wesen gehört dir und Gott allein.“ Wo dieses Schweigen getötet wird, verkommt die Sprache zum reinen Steuerungsbefehl.
IV. Der Verlust des Futur II und die paulinische Antwort
Wo die Transzendenz gekappt wird, verarmt auch die Grammatik unseres Lebens. Es vollzieht sich der schleichende Verzicht auf das Futur II („Es wird gewesen sein“).
Ohne die Perspektive einer vollendenden Zukunft kollabiert das Leben vom dynamischen Vektor (einer gerichteten Bewegung mit Herkunft und Ziel) zur statischen Existenz im atemlosen Präsens. Man dreht sich im Kreis der eigenen Immanenz.
Mit einer solchen schrumpfenden Grammatik ist in der Tat kein Staat – und erst recht keine Erziehung – mehr zu machen. Denn ohne Transzendenz gäbe es keinen Grund, das eigene Leben für andere einzusetzen.
Erst wo wir die Enge der Immanenz durchbrechen, wird die paulinische Dimension greifbar: Die Auferstehung ist keine verblassende soziale Metapher, sondern eine Wirklichkeit im JETZT. Wo das starr gewordene ICH im Wagnis des DU zum WIR findet, bricht die Auferstehung mitten in unserer Gegenwart auf.
Fazit
Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Ja – aber nur, wenn sie sich weigert, sich den Logiken des reinen Nützlichkeitsdenkens anzupassen. Eine zukunftsfähige Bildungsethik darf den Menschen nicht an PISA-Punkte und Excel-Tabellen ausliefern. Sie muss den Mut besitzen, ihn wieder als Person zu begründen, die beim Namen gerufen ist – nicht um im Schutz solipsistischer Systeme zu verharren, sondern um im Licht von Vernunft, Glauben und Verantwortung nach Ninive aufzubrechen.
Zum Autor des Gastbeitrages:
Hans-Michael Tappen ist promovierter Pädagoge (Universität Wien, in der Tradition Marian Heitgers) und psychoanalytischer Supervisor. Er verbindet jahrzehntelange Erfahrung im staatlichen Justizdienst (u. a. Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe) mit religionspädagogischer Praxis an beruflichen Schulen. Seine Schwerpunkte liegen an den Schnittstellen von Bildungsethik, Lebensbegleitung und der Relevanz religiöser Bildung in der modernen Arbeitswelt.
Replik: Die Zukunft des Buches zwischen Algorithmen und sozialer Realität
Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Michael Tappen
Kommentar zu: Volker Ladenthin, Werner Zillig: Die Zukunft des Buches. Ein Dialog. Würzburg: Königshausen & Neumann 2025.
Die von Volker Ladenthin und Werner Zillig geführte Debatte über das Schicksal der Gutenberg-Galaxis im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz berührt den Kern unseres bildungsethischen Selbstverständnisses. Den klugen und tiefgründigen Gedanken beider Autoren lässt sich in weiten Teilen sehr gerne folgen, da sie die existenzielle Bedeutung des Buches für unsere Kultur präzise herausarbeiten. Dennoch drängt sich eine wesentliche Erweiterung dieser Diskussion auf, die wir im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung der Gegenwart in Deutschland führen müssen.
Wenn Ladenthin warnt, dass der Verzicht auf das Buch ein Verzicht auf komplexes Denken sei, und Zillig die Entstehung elitärer Lesezirkel voraussieht, dann müssen wir diese Thesen konsequent mit der demografischen, sozialen und bildungspolitischen Realität in Deutschland verknüpfen. Der eigentliche Angriff auf Wort und Schrift erfolgt nämlich nicht nur technologisch durch Algorithmen, sondern längst auch strukturell und institutionell.
Als selbst noch aktiv tätiger Lehrer meine ich in der täglichen Praxis feststellen zu können, dass sich die Bildungswelt in Deutschland – spätestens seit und mit den ernüchternden PISA-Ergebnissen – grundlegend verrückt hat. Die heutige Schulbildung scheint immer weniger Wert auf das tiefe, konzentrierte Lesen zu legen. Verstärkt wird dieses Defizit durch den Wandel hin zu einer psychosozialen Kick- und Klick-Gesellschaft, die auf schnelle Reize und sofortige Gratifikation konditioniert ist. Damit verändert sich die Weitergabe des Bildungsstabes an die nächste Generation erheblich, übrigens ein Bruch, der sich in naher Zukunft nochmals dramatisch und hart ausdrücken wird. Schon heute stehen wir in den Klassenzimmern vor der enormen Schwierigkeit, jungen Menschen die Relevanz der Literaturgeschichte überhaupt noch plausibel zu machen.
Diese Entwicklung trifft auf eine veränderte demografische Realität. Durch die zunehmend multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland wandeln sich die sprachlichen Voraussetzungen im Alltag und an den Schulen fundamental. Wenn die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und vor allem in der Schrift schwindet, erodiert das Fundament, auf dem das Medium Buch als Leitmedium existieren kann. Es droht ein sprachphilosophisches Wirrwarr, bei dem eine breite Bevölkerungsschicht den Anschluss an die differenzierte deutsche Schriftsprache verliert.
Hinzu kommt die ökonomische Barriere. Bücher kosten Geld, und dieses Geld muss in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten erst einmal verdient sein. Wenn der Zugang zu komplexer Literatur an finanzielle Ressourcen gekoppelt ist, wird die Teilhabe an Kultur und Bildung vollends zum Privileg.
Die Konsequenz all dieser Faktoren ist eine bildungsethisch höchst bedenkliche Entwicklung: Es entsteht eine neue Elitenbildung, die gleichzeitig eine besorgniserregende Verstärkung des Solipsismus nach sich zieht. Wenn das Lesen und Verfassen anspruchsvoller gedruckter Bücher auf Deutsch zu einem exklusiven Kreis wird, der sich durch diesen Rückzug selbst positiv stigmatisiert und als letzte Bastion des menschlichen Denkens inszeniert, isolieren sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zunehmend in ihren eigenen, unzugänglichen Erfahrungswelten. Eine solche intellektuelle und soziale Fragmentierung gefährdet die demokratische Basis in Deutschland, die auf einem gemeinsamen, barrierefreien und tiefgründigen Diskurs beruht.
Dabei steht außer Frage, dass Ladenthin und Zillig um diese gesellschaftlichen Realitäten und harten Umbrüche wissen; sie fließen spürbar in ihre Argumentation ein. Dennoch bleibt es für uns alle eine der spannendsten und drängendsten Fragen unserer Zeit, wohin sich das Ganze am Ende entwickeln wird. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des humanistischen Bildungsbegriffs selbst – jenes Ideals, das bei beiden Autoren so klar durchscheint und das wir gerade in einer digitalen und fragmentierten Welt entschlossen verteidigen müssen. Die Zukunft des deutschen Buches ist somit keine reine Frage der Technik, sondern eine brennende Frage der sozialen, integrativen und bildungspolitischen Gerechtigkeit.
Rezension: Gut gebrüllt, Löwe! – oder: Wider die Tyrannei der Gleichheit
Jeder gelingende Bildungsschritt führt zu mehr Ungleichheit. Im Prozess der Bildung, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung, macht sich der Einzelne zu dem, der er in den Grenzen der Natur und des Rechts sein will – und er entscheidet, welchen Gebrauch er von den ihm offenstehenden Chancen zur Bildung machen will.
Dennoch hält sich das egalitaristische Vorurteil, gerecht sei im Bildungssystem allein, was zu immer mehr Gleichheit führt. Wo Bildung als Gleichmacherei missverstanden wird, gehen Individualität und Freiheit verloren. Ein Weg, der in die „Tyrannei der Gleichheit“ führt. Gerechtigkeit verwirklicht sich hingegen in der polaren Spannung von Gleichheit und Freiheit. Wo Gleichheit nicht als Diskriminierungsverbot, sondern als Ergebnisgleichheit verstanden wird, bleiben Anstrengungsbereitschaft und Leistung auf der Strecke – mit der Folge, dass Bildungstitel nicht mehr halten, was sie versprechen, sowie Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr bekommen, was sie vom Bildungssystem zu recht erwarten sollten. Wo Bildungsabschlüsse durch beständige Niveauabsenkung immer mehr entwertet werden, weil sich das System immer mehr an der unteren Leistungsskala orientiert, bleiben am Ende alle auf der Strecke.
Mathias Brodkorb, ehemaliger Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern, und Klaus Zierer, Schulpädagoge an der Universität Augsburg, ziehen gegen eine Bildungspolitik (und auch eine Bildungsethik) zu Felde, die Gleichheit zum Dogma erhoben hat. Ihnen geht es in ihrer Streitschrift nicht darum, Lösungen für eine veränderte Bildungspolitik oder Pädagogik vorzuschlagen. Dies wäre ein zweiter Schritt. Zunächst gilt es, die Prediger der Gleichmacherei und ihre Illusionen zu entzaubern – und dies mit analytischer Präzision, scharfer Zunge, ungehemmter Streitlust und ohne falsche Rücksichtnahmen. Wer die intellektuelle Polemik liebt (leider eine fast in Vergessenheit geratene akademische Tugend), kommt voll auf seine Kosten.
Es geht um den Verlust historischen Denkens, Fehlauffassungen von Begabung, falsche Kausalitätsannahmen und die Halbgötter einer Gesellschaftstransformation mithilfe der Bildung, von Marx bis Bourdieu. Warum müssen wir für die Bildung streiten? Weil viel auf dem Spiel: gesellschaftlicher Zusammenhalt und individuelle Verantwortung. Bildung wird nicht mit dem Einzelnen gemacht, sondern Bildung ist das, was jeder – unter Hilfe anderer – aus sich selbst macht. Und hier liegt schon die falsche Grundannahme vieler bürokratischer Bildungsreformen, die viel Steuergeld, aber auch pädagogische Motivation und Energie kosten. Dem setzen die Autoren entgegen – wohlwissend, dass es dafür kaum medialen Beifall geben wird: „Die Komplexität des menschlichen Lebens lässt sich nicht mit einfachen Botschaften und denselben Instrumenten für alle bewältigen. Wer die bestehenden Probleme im Bildungssystem tatsächlich lösen will, muss dieser Komplexität in die Augen schauen. Und das heißt: Er muss bereit sein, Ungleiches ungleich zu behandeln“ (S. 152). Und bereit sein, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. „Tyrannei der Gleichheit“ geht dieses Wagnis ein.
Mathias Brodkorb, Klaus Zierer: Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft, Berlin: MSB Mathes & Seitz 2026, 191 Seiten.
Sammelrezension: Coronaaufarbeitung – auch eine Bildungsaufgabe
Mia Breusing: Corona kontrovers I. Umgang der Medien und der Exekutive mit Unsicherheit (Politik unterrichten), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 47 Seiten.
Mia Breusing: Corona kontrovers II. Zielsetzung und Vorgehensweisen der Regierungen im Vergleich (Politik unterrichten), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 46 Seiten.
Mia Breusing: Corona kontrovers III. Maßnahmen und Folgen (Politik unterrichten), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 48 Seiten.
Hans-Jürgen Papier, Ursula Münch, Gero Kellermann (Hgg.): Die Zukunft der liberalen Demokratie. Grundlagen, Pandemie- und Klimapolitik (Tutzinger Studien zur Politik; 21), Baden-Baden: Nomos 2025, 163 Seiten.
Hans-Jürgen Papier formuliert den springenden Punkt gleich im Auftaktbeitrag des Bandes. Schwerwiegende Notlagen könnten Grundrechtseinschränkungen notwendig machen. Doch der Zweck heilige eben nicht jedes Mittel. Doch müssten diese Wertkonflikte auf dem Boden der Verfassung gelöst werden. Der Satz „Not kennt kein Gebot“ ist kein geeigneter Ratgeber für den Rechts- und Verfassungsstaat, wie Papier zu Recht anmerkt.
Rückblick
Angesichts einer nationalen Krisenlage können Grundrechtseinschränkungen zur Sicherung des Gesamtsystems an Grundfreiheiten durchaus gerechtfertigt sein, im Rahmen des rechtspolitischen Gestaltungsspielraumes auch auf einfachgesetzlichem Wege oder durch eine befristete, parlamentarisch hinreichend kontrollierte und immer wieder auf ihre Verhältnismäßigkeit hin überprüfte Ermächtigung der Exekutive. Den hohen Anforderungen, die sich angesichts gravierender Grundrechtskonflikte stellen, angemessen gerecht zu werden, braucht es ein selbstbewusstes Parlament, das auch unter Handlungsdruck nicht auf kontroverse Debatten verzichtet, die Maßnahmen der Exekutive eigenständig prüft und bereit ist, notwendige Abwehrrechte zu formulieren. Soll den Parlamenten nicht allein eine reaktive Rolle verbleiben, müssen der Exekutive starke, proaktive Informationspflichten abverlangt werden. Die notwendige politische Willensbildung darf einerseits nicht in informelle Gremien ausgelagert werden, andererseits muss ein breiter, unvoreingenommener, freier gesellschaftlicher Diskurs gesichert bleiben.
Immer wieder müssen die Verhältnismäßigkeit der Grundrechtseingriffe geprüft werden, muss gefragt werden, ob die freiheitseinschränkenden Maßnahmen einem legitimen Zweck dienen, geeignet, erforderlich und angemessen sind.
Unsere ethischen Grundorientierungen werden in einer Ausnahmesituation einem Stresstest ausgesetzt. Doch auch in einer Ausnahmesituation bleibt die kritische Reflexion über Moral auf eingeführte ethische Kriterien angewiesen. Zentrale Grundprinzipien ethischer Abwägung und Entscheidungsfindung sind etwa die Kriterien der sachlichen Angemessenheit, Widerspruchsfreiheit oder Verhältnismäßigkeit. Versuche hingegen, aus der Lage heraus aktuelle „Sonderethiken“ zu schaffen, verschärfen eine Krise und können schnell auf Abwege führen.
Denn wo sich der Rechtsstaat ohne Not vorschnell in einen Notrechtsstaat wandelt, wird eine Politik effektiver und rationaler Krisenvorsorge und Gefahrenabwehr gerade nicht gestärkt – im Gegenteil: Sprunghafte, willkürliche, widersprüchliche Entscheidungen können die Folge sein. Die Krisenpolitik verliert an Vertrauen und Akzeptanz. Wo sich aber Krisenmaßnahmen nicht mehr auf Einsicht in ihren Sinn und ihre Notwendigkeit stützen können, muss der Staat zunehmend Druck aufbauen, ein Klima der Angst erzeugen und Gefolgschaft erzwingen. Sollen hingegen grundlegende Sicherungen des Rechts und der Humanität nicht preisgegeben werden, müssen neue Herausforderungen und Krisen im Rahmen bewährter rechtsstaatlicher, verfassungspolitischer und ethischer Traditionen bewältigt werden. Das wäre auch in der Coronakrise möglich gewesen, wenn man es ernsthaft gewollt hätte. Doch die Politik hat in weiten Teilen einen anderen Weg eingeschlagen.
Die Folgen sind bis heute spürbar und prägen weiterhin die Wahlkämpfe. Eine faire, transparente und angemessene Aufarbeitung des Coronaunrechts steht bis heute aus. Die damals bewusst in Kauf genommene Polarisierung ist bis heute deutlich spürbar.
Mangelnde Gewaltenteilung
Papier rekurriert vor allem auf den Bedeutungsverlust des Parlaments, der in den Coronajahren spürbar war. Die Abgeordneten haben sich das Heft von einer verfassungsmäßig nicht vorgesehenen Runde aus Kanzlerin und Ministerpräsidenten aus der Hand nehmen lassen. Hierin ist Papier zuzustimmen.
Aber der ehemalige Verfassungsrichter ist klug genug, nicht deutlich zu werden. Er will weiterhin im politischen Geschäft mitspielen. Am Ende bleibt seine Warnung vor Opportunismus und Populismus, ohne wirklich Ross und Reiter zu nennen. Politiker wollen wiedergewählt werden, müssen also in bestimmter Hinsicht „populistisch“ sein, orientiert an den Wünschen und Erwartungen der Wähler. Aber dies allein wird wohl nicht erklären, warum die etablierte Politik angesichts von Corona so kopf- und maßlos reagiert hat. Und es war gerade die bürgerliche Mitte, welche die für den Rechts- und Verfassungsstaat konstitutive uneingeschränkte Herrschaft des Rechts seinerzeit schwer beschädigte.
Der vorliegende Band dokumentiert eine Tagung des Forums Verfassungspolitik der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, die sich am 9. und 10. Juli 2021 mit der „Zukunft der liberalen Demokratie“ beschäftigte. Die beiden Hauptteile des Bandes – „Grundlagen der liberalen Demokratie“ sowie „Demokratie, Pandemie und Klimaschutz“ – werden jeweils durch eine Zusammenfassung der Tagungsdokumentation, die Gero Kellermann, einer der Herausgeber, besorgt hat, ergänzt.
Transformationsprozesse
Edgar Grande benennt drei Veränderungen, welche die Nachkriegsdemokratie durchlaufen habe. Diese habe sich zur Parteien-, Verhandlungs- und Mediendemokratie gewandelt. Alle Fragen würden nach dem Schema von Regierung und Opposition angegangen – auch dort, wo dies nicht angemessen sei. Die Mehrheitsdemokratie verliere an Bedeutung – stattdessen werde verhandelt, bis möglichst ein Konsensus unter allen Beteiligten gefunden sei. Die Medien orientierten sich in ihrer Berichterstattung vor allem am unterstellten Nachrichtenwert – und die Politik umgekehrt strebten vor allem nach Aufmerksamkeit mithilfe von Versprechungen und Ankündigungen.
Die Folge sei ein Steuerungstrilemma angesichts unvereinbarer Handlungsarenen und Regelsysteme: Verhandlungen würden parteipolitisiert und dadurch erschwert und zugleich ins Licht der medialen Öffentlichkeit gezogen, und die Medien trieben die Parteien in eine Dauerpolarisierung. Beschädigt würden am Ende sowohl der Wettbewerb um politische Ämter und die Mechanismen politischer Entscheidungsfindung als auch die öffentliche Darstellung der Politik.
Grande wertet die Entwicklung als irreversiblen Transformationsprozess. Auch seine Analyse läuft auf eine Populismuskritik zurück, ohne dass der Politikwissenschaftler genau definiert, was er darunter versteht. Populistische Parteien verdankten ihrem Aufstieg den Defiziten der realen Verfassung sowie ihren Leistungs- und Repräsentationsdefiziten. Inhaltlich konkret wird Grande nicht. Ob Grandes Vorschläge tatsächlich dazu geeignet sind, bestehende politische Probleme zu lösen oder nur Symptome zu kurieren, mag am Ende dahingestellt bleiben. Die Verringerung zustimmungspflichtiger Gesetze könnte Reformen erleichtern, aber auch die ohnehin schon schwache Stellung der Länder im föderalen Bundesstaat weiter unterlaufen. Formen konsultativer Bürgerbeteiligung würden vermutlich weniger die Repräsentation erhöhen, als vielmehr Politik noch intransparenter und zum Spielball einer einseitig linken Zivilgesellschaft machen. Und drittens – ja, das Zauberwort politische Bildung.
Ein realistisches Wissen über politische Mechanismen sowie politische Urteilsfähigkeit sind wichtige Voraussetzungen für die reale Teilhabe am politischen Leben. Doch Bildung ist zuallererst Befähigung zum Selberdenken, nicht ein Instrument zur Herstellung politisch erwünschter Ansichten. Vielleicht verstehen viele Wähler schon heute mehr von politischen Fragen, als Wissenschaftler auf Tagungen bereit sind anzunehmen. Es gab durchaus ernstzunehmende Gründe, warum nicht alle den damaligen Grundannahmen der Coronapolitik bereitwillig folgen wollten. Und nicht wenige Zweifel haben sich hinterher als gar nicht so unbegründet herausgestellt.
Frage nach der Verhältnismäßigkeit
Der Rechtswissenschaftler Horst Dreier konstatiert in seinem Beitrag, dass die „Grundrechte im Zuge der Pandemiebekämpfung in historisch einmaliger Weise eingeschränkt, nicht aber suspendiert“ (Papier u. a., S. 95) worden seien. Gerichte hätten zwar in Bezug auf alle Abwägungsregeln einzelne Maßnahmen verworfen, sei es als unverhältnismäßig, ungeeignet, nicht erforderlich oder unangemessen. Die großen Linien der Politik seien aber im Großen und Ganzen bestätigt worden. Also alles bestens?
Hat es die Schweiz besser gemacht? Daniel Thürer unternimmt einen Blick in das südliche Nachbarland. Im Vergleich zu Deutschland war die Coronapolitik dort deutlich föderalistischer angelegt. Angesichts der wachsenden Bedeutung internationaler und völkerrechtlicher Verflechtungen steht eine solche Politik unter Druck. Der Züricher Völkerrechtler bleibt gegenüber der konkreten Coronapolitik weitgehend unkritisch und wünscht sich am Ende seines Beitrags mehr Führungsstärke vonseiten des Bundesrates.
Manfred Schröder, Rechtswissenschaftler aus Passau, nimmt dann das Verfassungsgebot des Klimaschutzes in den Blick, bei dem die Abwägung der Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel und damit einhergehenden Freiheitsbeschränkungen nicht minder im Raum steht wie bei den Coronamaßnahmen. Zumindest vorsichtig formuliert Schröder Bedenken, dass sich mit der „Absehbarkeit“ zukünftiger Beeinträchtigungen wirklich eine verfassungsfeste Diskussion führen ließe: „Die mit dieser Begründung zu erwartenden, absehbar schwerwiegenden Eingriffe in die Grundrechte ließen sich nur rechtfertigen, wenn sie mit der Verfassung insgesamt im Einklang stünden und insbesondere verhältnismäßig wären; ansonsten bestünde ein Unterlassungsanspruch des einzelnen Grundrechtsträgers“ (S. 130 f.).
Bürgerliches Fundament
Die vorliegenden Beiträge stellen die üblichen Annahmen über die Coronakrise oder den Klimawandel, wie sie in der gesellschaftliche Mitte geführt werden, nicht infrage. Die Zeit ist mittlerweile weitergegangen. Wenn Dreier in seinem Beitrag davon spricht, dass der „interessanteste Teil“ in der Debatte über den Grundrechtsschutz in der Pandemie noch vor uns liege, könnte das als Aufruf zu einer sorgfältigen Aufarbeitung gelesen werden. Doch gerade eine solche steht bis heute noch aus.
Gerade in Deutschland wird der notwendige Aussöhnungsprozess nicht leicht fallen, da hierzulande wenig Erfahrung mit zivilreligiösen oder identitätsstiftenden Ritualen besteht, auf der aufgebaut werden könnte. Doch wenn ein Aussöhnungsprozess gelingt, hat dieser nicht allein eine heilende Seite im Blick auf die verursachten Verletzungen, sondern auch eine präventive, die künftigen Verwerfungen vorbeugen kann. Hoffentlich werden sich am Ende dieser moralischen Krise noch genügend Einzelne mit bürgerlichem Selbstverständnis finden, die eine ethische Neugründung unserer Wert- und Verfassungsordnung anzustoßen bereit sind.
Kleiner geht es jedoch nicht. Denn es braucht eine selbstbewusste, mutige, am Freiheitsideal orientierte bürgerliche Öffentlichkeit, die sich schützend vor die Verfassung stellt, sich kollektivistischen Zumutungen entgegenstemmt und in der streitbar um das bessere Argument gerungen wird, jenseits politischer Nötigung und jenseits der Vereinnahmung des Einzelnen durch übermächtige gesellschaftliche Kollektive. Dies alles aus dem Bewusstsein heraus, dass der Gemeinschaft so am besten gedient ist.
Von dieser bürgerlichen Fundierung der liberalen Demokratie ist im Band allerdings so gut wie gar nichts zu lesen. Das verwundert, insofern der Bürger nicht weniger als der Souverän der Verfassungsordnung ist. Und – daran muss eine Akademie für politische Bildung offenbar erinnert werden: auch das aktive Subjekt jeder politischen Bildung.
Pädagogische Aufarbeitung
Den Umgang mit grundrechtsrelevanten Krisen wie der Coronakrise aufzuarbeiten, bleibt nicht nur eine politische, sondern auch pädagogische Aufgabe. Der Wochenschau-Verlag hat hierzu drei Hefte mit Unterrichtsreihen herausgegeben: Umgang der Medien und der Exekutive mit Unsicherheit (I), Zielsetzung und Vorgehensweise der Regierungen im Vergleich (II) sowie Maßnahmen und Folgen (III).
Der erste Band der dreiteiligen konsekutiv aufgebauten Reihe ist durchwachsen. Die vorgelegten Materialien laden tatsächlich dazu ein, die Unsicherheit der Entscheidungsträger während der Coronakrise nachzuvollziehen, die begrenzte Aussagekraft von statistischen Daten und politischen Einschätzungen zu diskutieren und die eigene Urteilsbildung zu schulen. Die Schwierigkeit liegt allerdings darin, dass es im Politikunterricht schwer sein wird, die medizinischen und naturwissenschaftlichen Aussagen einzuordnen. Wenn die Lernenden hier nicht vorschnell für eine partikulare Sicht vereinnahmt werden sollen, wäre bei der Unterrichtsplanung genügend Zeit einzubauen, die vorliegenden Materialien einzuordnen und möglicherweise auch noch mit weiteren Stimmen zu korrelieren – denn die Diskussion ist seit 2022 weitergegangen, was auch den Einbezug neuerer Positionen wichtig macht. Möglicherweise bieten sich an dieser Stelle auch Möglichkeiten zum interdisziplinären Arbeiten zwischen Politik-, Biologieunterricht und Gesundheitslehre. Bei einer am Überwältigungverbot und Kontroversitätsgebot ausgerichteten Unterrichtsplanung können die vorliegenden Hefte aber dazu beitragen, die politische und ethische Urteilsfähigkeit wie die hermeneutischen Kompetenzen der Schüler zu stärken. Allerdings braucht es hierzu noch ein eigenes Kapitel im Rahmen der Unterrrichtsreihe, mit dem die politischen Abwägungs- und ethischen Vorzugsregeln eigens eingeführt werden, damit die notwendige Abwägung auch systematisch, methodisch kontrolliert und argumentativ begründet von den Lernenden geleistet werden kann.