Zum Tagesevangelium vom heutigen Neunundzwanzgisten Sonntag im Jahreskreis:
Unsere Kultur gründet auf drei Hügeln: Areopag, Kapitol und Golgatha. Das griechische Erbe steht für die Selbstregierung freier Bürger und die Anerkennung einer vernunftgeleiteten, autonomen Wissenschaft. Das römische Erbe zeigt sich im Gedanken einer Herrschaft des Rechts. Beides wird geformt durch die christliche Haltung der Solidarität und Barmherzigkeit und die Anerkennung einer gleichen Würde aller Menschen. Alle drei Einflüsse verbinden sich zu dem, was wir als christliches Abendland kennen. Produktiv wurde diese Idee nicht zuletzt durch die spannungsvolle Polarität von politischer und religiöser Sphäre bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten – gemäß der unnachahmlichen Formel: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Der Kampf um das rechte Verhältnis von Religion und Politik durchzieht die gesamte Geschichte unseres Kulturraumes: vom Investiturstreit über die Reformation und die Aufklärung bis zur Gründung säkularer Nationalstaaten – um nur einige Stationen zu nennen.
Wenn wir heute über die Alternative Religions- oder Ethikunterricht in der Schule diskutieren, dann ist dies nur vor dem Hintergrund dieser geistesgeschichtlichen Entwicklung möglich. Wenn wir heute darüber streiten, ob ein muslimischer Bundespräsident denkbar ist, dann ist die Trennung von Religion und Politik vorausgesetzt. Am Rande: Formal ist dies gar keine Frage, hierfür genügt ein Blick in unsere Verfassung. Wenn wir uns über diese Frage streiten, dann deshalb, weil wir das höchste Amt im Staat nicht für Symbolpolitik missbrauchen sollten – das wird weder der Würde des Amtes noch den Muslimen, die hier leben, gerecht.
Die Trennung von Politik und Religion bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten, die zu unserem kulturellen Erbe gehört, sollte vor zwei sozialethischen Gefahren warnen: Richtig verstanden, verbieten sich damit sowohl politische Heilslehren als auch voreilige politische Gewissheiten von Seiten der Kirche. Wenn Christen sich politisch zu Wort melden, muss dies sachkundig geschehen. Innerhalb des demokratischen Spektrums links wie rechts der Mitte werden Christen in politischen Streitfragen zu unterschiedlichen Antworten finden können. Dies bleibt kirchlich auszuhalten – auch in der gegenwärtigen Migrations- und Integrationsdebatte. Wer den politischen Streit über die künftige Rolle des Staates, den Umgang mit Zuwanderung oder das angemessene Verständnis von Integration gerade mit sozialethischen Argumenten unterbindet, funktionalisiert entweder die Religion für (partei-)politische Zwecke oder dogmatisiert ohne Not staatspolitische Kontroversen – am Ende könnten sowohl die Interessen der einheimischen Bevölkerung wie auch derjenigen, die dringend auf humanitären Schutz und Asyl angewiesen sind, auf der Strecke bleiben.
(Auszug aus: Axel Bernd Kunze, Ist mit der christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Überlegungen zur notwendigen Rechtsfunktion des Staates, in: Die Neue Ordnung, 71. Jg., H. 5/2017, S. 352 – 365.)