Zwischenruf: Selbstkritik aufseiten der DFG fällt aus

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im Juli 2026 ein Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften veröffentlicht. Das Papier stellt vier Fragen: I. Welche Ziele werden mit den Angriffen auf die Wissenschaften und ihre Freiheit verfolgt?, II. Wo sind die Wissenschaften verwundbar?, III. Welche Faktoren begünstigen die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit?, IV. Wo kann gehandelt werden?

Die Wissenschaftsfreiheit sichert dem akademischen Tun eine starke Autonomie – wenn diese tatsächlich gelebt wird. Im zweiten Kapitel nennt das Papier verschiedene Punkte, in denen wissenschaftliche Akteure sich angreifbar machen und auf diese Weise dann auch das Anliegen der Wissenschaftsfreiheit gefährden können. Es geht um „Cancel Culture“ und Aktivismus von Wissenschaftlern, die Gefahr der Instrumentalisierung oder Abschottung, fehlende Selbstreflexion – auch und gerade über das eigene Verständnis von Wissenschaft – und mangelnde Selbstkontrolle, um Abhängigkeit und finanzielle Risiken. Dem möchte man zustimmen. Aber die Ausführungen würden glaubwürdiger klingen, wenn sie nicht einleitend gleich „geframed“ würden, und zwar durch ein Framing, das deutliche Ressentiments gegenüber den Wissenschaftskritikern offenbart. Stellen diese immer schon gleich „die Wissenschaft“ und „die Wissenschaftsfreiheit“ infrage? Oder nicht eher die konkrete Form, wie Wissenschaft gegenwärtig institutionalisiert ist und im öffentlichen Diskurs zeigt? Statt vorgängig davon auszugehen, dass kritische Stimmen sowieso keine objektiven Fakten und belastbare Schlussfolgerungen auf ihrer Seite haben, würde es guter Wissenschaft entsprechen, diese erst einmal unvoreingenommen zu prüfen und sich diskursiv mit ihnen auseinander zu setzen.

Ja, von „Cancel Culture“ ist die Rede – ein Grund, weshalb wissenschaftliche Akteure heute Kritik auf sich ziehen. Aber die Aussagen zu diesem breit diskutierten Phänomen wiegeln von vornherein ab: Kritik in der Sache werde gern zu einem Ausdruck von „Cancel Culture“ umgebogen. Auch wenn man gleich darauf mehr Selbstreflexion der wissenschaftlichen Akteure einfordert, fällt diese hier aus. Bei zwei weiteren Themen gibt allein Leerstellen zu vermerken. Nicht thematisiert wird die problematische Rolle von Fachgesellschaften, die andersdenkende Stimmen durch Boykottaufrufe, politisch motivierte Sprachregelungen oder Unvereinbarkeitsbeschlüsse von vornherein aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausschließen. Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik boykottiert die Fachzeitschrift „Die Neue Ordnung“, die in der Folge nicht mehr von der Universitätsbibliothek Tübingen im Index theologicus ausgewertet wird. Die Zeitschrift AMOSinternational cancelt Autoren, die sich der Gendersprache verweigern. Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft schottet sich mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Anhänger der AfD ab. Eingriffe in die Wissensschaftsfreiheit? Für die DFG nicht. Auch ein Blick auf Wissenschaft steuernde und die Wissenschaftsfreiheit der einzelnen Wissenschaftler beschneidende Leitbilder von Universitäten und Universitätsleitungen fehlt. Dabei kann (kollegiale) Zensur durch Wissenschaft noch problematischer sein als Zensur der Wissenschaft, weil sie unter dem Radar straf- und grundrechtlicher Eingriffe daherkommt.

Und dann gibt es noch eine dritte Leerstelle: der selbstkritische Blick auf sich selbst. Hierzu findet man im DFG-Papier überhaupt nichts.

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