Neuerscheinungen: Bildung und Religion

„Wir tragen eine soziale Verantwortung – nicht zuletzt in unseren Kindertageseinrichtungen und Schulen – für Werte und Normen, Sitte und Brauchtum, Sprache und Kunst, Kultur und Tradition, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht: Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln.“

… ist Axel Bernd Kunze, Gesamtschulleiter einer Fachschule für Sozialpädagogik, überzeugt. Die Worte stammen aus einer Schulleitungsrede, die im Sommer 2016 anlässlich der feierlichen Zeugnisübergabe an die Berufspraktikantinnen und Berufspraktikanten gehalten wurde. Die Rede war en pädagogisches Plädoyer, Religion nicht aus der Schule zu verbannen. Religiöse Bildung, so Kunze damals, ist eine wertvolle pädagogische Hilfe zur Identitätsbildung, Sinnfindung und Charakterformung.

Axel Bernd Kunze: Warum Religion in die Schule gehört … – Ein pädagogisches Plädoyer,

in: Engagement 34 (2016), H. 4, S. 262 – 265.

 

„Doch erst die Frage nach ihrer Bedeutung macht aus einer bloßen Ritualisierung ein Ritual, eine Inszenierung, in der sich eine für das Subjekt oder die Gemeinschaft bedeutsame Erfahrung symbolisch vermittelt. Daher bleibt es für den bildenden Umgang wichtig, nach der tiefergehenden Bedeutung bestimmter Ritualisierungen zu fragen. Wenn dies pädagogisch gelingt, können Rituale elementare Grunderfahrungen wecken, die für ein Verständnis religiöser Vollzüge oder Gebetsformen fruchtbar gemacht werden können. Organisierte Bildungs- und Erziehungsprozesse in Schule oder Kindertageseinrichtungen können viel dazu beitragen, ein solches Verständnis zu pflegen, gerade dann wenn Heranwachsende nicht mehr aktiv in einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft verwurzelt sind. Angehend Pädagogen werden auch nur dann religiöse Lern- und Bildungsprozesse bei den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen eröffnen und begleiten können, wenn sie selbst ein hinreichendes Verständnis hierfür entwickelt und entsprechende Erfahrungen gemacht haben.“

… so Axel Bernd Kunze in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der schulpädagogischen Zeitschrift ENGAGEMENT. Der Beitrag, wie Schule, nicht zuletzt katholische Schulen, darauf reagieren können, dass sowohl Schüler als auch Lehrer im Umgang mit religiösen Ausdrucksformen immer häufiger Unsicherheit zeigen.

Axel Bernd Kunze: Religionspädagogische Propädeutik. Zur Bedeutung gemeinsamer Rituale in der Schulgemeinde,

in: Engagement 34 (2017), H. 4, S. 254 – 256.

Neuerscheinung: Engagement 4/2016

Mit Verzögerung ist Heft 4/2016 der  Zeitschrift ENGAGEMENT erschienen. Der Themenschwerpunkt trägt den Titel: Katholische Schule 21.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Lillmeier: Die Katholische Grundschule NRW. Öffentliche Grundschule im konfessionellen Gewand. Ein grundschultheoretischer Diskurs (Würzburg 2015).
  • Kaupp u. a. (Hgg.): Handbuch Schulpastoral für Studium und Praxis (Freiburg i. Brsg. 2015).
  • Pemsel-Maier u. a. (Hgg.): Inklusion!? Religionspädagogische Einwürfe (Freiburg i. Brsg. 2014).
  • Klein-Landeck: Inklusions-Material Englisch Klasse 5 – 10 (Berlin 2014).
  • Flüchtlingsrecht (Berlin/Freiburg i. Brsg. 2016).
  • Schweitzer: Bildung (Neukirchen-Vluyn 2014).
  • Klein-Landeck (Hg.): Fragen an Maria Montessori. Immer noch ihrer Zeit voraus? (Freiburg i. Brsg. 2015).
  • Becher u. a. (Hgg.): Kinder, Kinder! – Vergangene, gegenwärtige und ideelle Kindheitsbilder (Frankfurt a. M. 2013).
  • Arning u. a.: Hundert Katholiktentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016 (Darmstadt 2016).
  • Landmann: Wer war Sokrates? Eine Studie zum sokratischen Problem (München 2011).
  • Damm. PeterSilie (München 2016).
  • Wallach: We all locked up (München 2016).

Rezension: Pluraler Pluralismus

Pluralismus ist zum normativen Signum der Moderne geworden. Ein neuer Band des Moraltheologen Dieter Witschen bietet wertvolle Klärungen, was unter Pluralismus zu verstehen ist. Es gibt nicht das eine Konzept von Pluralismus – oder anders gesagt: Pluralismus ist selbst plural.

Dieter Witschen: Ethischer Pluralismus. Grundarten – Differenzierungen – Umgangsweisen, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016, 131 Seiten.

In Heft 1/2017 der internationalen Zeitschrift für christliche Sozialethik, AMOSinternational, findet sich eine Besprechung des Bandes aus der Feder von Axel Bernd Kunze.

Initiative „Für Freiheit im Bildungssystem“: Gedanken zum Ende von Gaucks Amtszeit

Vor fünf Jahren wurde der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Beauftragte für die Unterlagen der ehemaligen DDR-Staatssicherheit, Joachim Gauck, zum Bundespräsidenten gewählt. Vertreter aus Bildung und Wissenschaft nahmen seine Wahl damals zum Anlass für einen Offenen Brief, der auf problematische Entwicklungen im Bildungs- und Wissenschaftssystem hinweisen wollte: Für Freiheit im Bildungssystem. Initiator des Briefes war der Neutestamentler und Judaist, Dr. Jan Dochhorn. Immer wieder hatte Gauck in Reden und Vorträgen vor seiner Wahl das Thema Freiheit in den Mittelpunkt gestellt. Die Unterzeichner wollten darauf aufmerksam machen, dass die Freiheit mittlerweile auch in unserem Bildungs- und Wissenschaftssystem zu einem bedrohten Gut geworden ist.

Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Als Bundespräsident blieb Gauck weiterhin in der Konfliktkonstellation des Systemgegensatzes zwischen West und Ost gefangen. Gauck hatte die verändernde Kraft der Freiheit als Bürgerrechtler selbst erfahren, dies wird man ihm zugestehen müssen. Nun aber war sie für ihn, der die Unfreiheit am eigenen Leib erfahren hatte, zum festen Besitz geworden. Neuerliche Bedrohungen der Freiheit wollte oder konnte Gauck nicht sehen – für den Antikommunisten hatte sich die verändernde Kraft der Freiheit, an die er einmal geglaubt hatte, mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes aufgebraucht. In der Folge erwies sich Gauck als äußerst biegsam und anpassungsbereit. Die politische Klasse musste von ihm keine kritischen Einwände befürchten. Ja, er stärkte schließlich der Bundeskanzlerin und ihrer gesinnungsethisch ausgerichteten Politik in der Migrationskrise demonstrativ den Rücken: eine Einmischung in die Partei- und Tagespolitik, die unter anderen Vorzeichen zu einer erregten Debatte über die verfassungsgemäße Rolle des Bundespräsidenten geführt hätte.

„Unser Land“, von dem Gauck in seiner Antrittsrede sprach, ist nicht zu einem Land gestärkter Freiheit geworden. Je länger Gaucks Amtszeit währte, desto anachronistischer wirkte sein Freiheitspathos. Was hätte sich aus Perspektive der Freiheit alles sagen lassen – zu einer Demokratie, die von Krise zu Krise hetzt; zu einer Politik, die der Krisen Herr werden will, indem sie sich über bestehendes Recht und bestehende Verträge hinwegsetzt; zu Debatten über eine Postdemokratie, in der politische Entscheidungen immer mehr auswandern in intransparente, transnationale Institutionen; zu einer moralisierenden Flüchtlingspolitik, über die bis heute nicht parlamentarisch entschieden wurde; über eine Selbstermächtigung der Exekutive, die in der Migrationskrise sogar soweit ging, die staatsrechtlichen Grundlagen des eigenen Gemeinwesens in Frage zu stellen; zur schleichenden Aushöhlung der Freiheit in einer Gesellschaft, die das Verhalten ihrer Mitglieder immer stärker durch unausgesprochene Verhaltenserwartungen und soziale Normvorstellungen zu steuern versucht … Gauck erkannte die neuen Gefährdungen der Freiheit nicht.

Sein Biograph Mario Frank (Suhrkamp, 2014) kritisierte, dass die Freiheit für Gauck nur „Vehikel“ und „Mittel zum Zweck“ gewesen sei, um „öffentliche Anerkennung und Bewunderung“ zu ernten: „Er wollte die Früchte seiner Lebensarbeit genießen.“ Er stolperte über seine eigene Eitelkeit und verstieg sich am 19. Juni 2016 vor laufenden Kameras sogar zu der Behauptung: „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem, dass wir stärker wieder mit denen das Gespräch suchen.“ Der ehemalige Bürgerrechtler merkte noch nicht einmal, in welche Nähe er damit zum Diktum Bertolt Brechts kam, der nach dem 17. Juni 1953 der SED-Führung empfahl, sich ein neues Volk zu wählen.

Gauck verzichtete auf eine zweite Amtszeit. Am 12. Februar 2017 wurde Frank-Walter Steinmeier zu seinem Nachfolger gewählt. In seiner Antrittsrede ruft er dazu auf, „mutig“ für Freiheit und Demokratie einzutreten. Wie wahr – nur müsste dieser Einsatz für die Freiheit mehr sein als die übliche politische Konvention. Auch die Anliegen des Offenen Briefes „für ein freiheitliches Bildungssystem und für die Freiheit von Forschung und Lehre“ haben sich nicht erledigt.

Umfrage: Ernst Moritz Arndt aus dem Universitätsnamen tilgen?

Soll Ernst Moritz Arndt aus dem Greifswalder Universitätsnamen getilgt werden? Der entsprechende Senatsbeschluss hat eine Diskussion losgetreten, die weit über Greifswald hinausreicht. Der Deutsche Hochschulverband, die berufsverbandliche Interessenvertretung der Universitätsprofessoren, hat auf seiner Internetseite eine inoffizielle Umfrage gestartet, bei der nach  Zustimmung oder Ablehnung der Namensänderung gefragt wird (wer gegen die Umbenennung ist muss mit „nein“ votieren). Die Umfrage findet sich hier: https://www.hochschulverband.de/hochschulverband-home.html#_

Gastkommentar: Tote Lehre?

„Ahnungslose Absolventen? Zu Heine, Schiller, Goethe fällt in erster Linie der Bildungspolitik nichts mehr ein. Schule und Universität stehen heute für sinnfreie Übungen an sogenannten Stoffen und offene Verachtung“ – meint Jürgen Kaube im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar 2017. Jan Dochhorn widerspricht in einem Punkt entschieden:

Der Kommentar von Kaube zum Zustand der akademischen Lehre (F.A.Z., 11.02.2017, »Tote Lehre«) enttäuscht. Er läuft doch wieder auf den konventionellen Vorwurf hinaus, dass Professoren allzu gerne forschten und dabei angeblich die Lehre vernachlässigten. Ich habe diesen Vorwurf schon als Student gehört – eher von den leistungsschwächeren Kommilitonen. Ein Klima, in dem Forschung schlecht geredet wird, braucht kein Mensch an den Universitäten. Und dass sich niemand von den Dozenten gewehrt hätte oder wehrte gegen die geistfeindlichen Reformen der letzten Dezennien (für die alle Bundestagsparteien verantwortlich zeichnen), stimmt schlichtweg nicht. Es gibt z. B. die Gesellschaft für Bildung und Wissen (GBW). Und was die beiden von Kaube zitierten Germanistikstudentinnen betrifft, die nicht wissen, wer Goethe ist: Ein engagierter akademischer Lehrer würde ihnen sagen: Ihr seid nicht primär Opfer eines schlechten Systems (das vielleicht auch), sondern als künftige Akademiker verpflichtet, eure Bildung euch ein Anliegen sein zu lassen – mit mir als einem harten Trainer. Es kann riskant sein, heute so etwas zu sagen. Denn zur Verbesserung der Lehre hat man die studentische Evaluation erfunden. (Dr. Jan Dochhorn, dr. theol.)

Der Kommentator ist Senior Lecturer für Neues Testament an der University of Durham (Vereinigtes Königreich).

Initiative „Publikationsfreiheit“

Die Bundesregierung will noch in dieser Legislaturperiode das Urheberrecht in den Bereichen Bildung und Wissenschaft erheblich einschränken. Wie dem Referentenentwurf für die sogenannte Bildungs- und Wissenschaftsschranke zu entnehmen ist, sollen Verlagspublikationen für Unterricht und Wissenschaft lizenz- und zum Teil auch vergütungsfrei von Hochschulen, Bibliotheken und anderen Bildungseinrichtungen genutzt werden können. Mit diesen Reformplänen werden die Leistungen von Autoren und Verlagen entwertet. Dagegen wendet sich die vom Ulmer-Verlag ins Leben gerufene Initiative

PUBLIKATIONSFREIHEIT für eine starke Bildungsrepublik

Die Initiative ist bereits von zahlreichen Autoren, Buchhändlern, Mitarbeitern der Verlags- und Medienbranche oder Wissenschaftlern unterzeichnet worden. Überlegen Sie, ob Sie die Initiative nicht auch zeichnen möchten … – um der Freiheit willen:

  • … weil eine freie Gesellschaft freie Autoren braucht.
  • … weil die Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit wichtige Grundrechte sind, die in langen historischen Kämpfen erstritten wurden.
  • … weil Publikationsfreiheit eine zentrale Stütze lebendiger Demokratie ist.
  • … weil eine funktionierende Öffentlichkeit eine lebendige Debattenkultur und einen freien gesellschaftlichen Diskurs braucht.
  • … weil die Autoren nicht enteignet werden dürfen und das geistige Eigentum geschützt bleiben muss.
  • … weil geisteswissenschaftliche Leistung und Publikationstätigkeit schon heute allzuoft alles andere als angemessen entlohnt werden.
  • … weil wir Freiheit brauchen und nicht den Obrigkeitsstaat, der geistig Tätige und wissenschaftliche Autoren gängelt.
  • … weil ohne Freiheit das Individuum auf der Strecke bleibt.

Die geplante Gesetzesänderung zeigt einmal mehr, dass geistige Arbeit im Parlament wenig Lobby hat. Für den „Bildungs- und Wissenschaftsstandort“ Deutschland, von dem gern gesprochen wird, verheißt dies wenig Gutes.  Weitere Argumente für die Initiative Publikationsfreiheit finden Sie auch in folgender Stellungnahme im Wissenschaftsportal „Academia“: https://www.academia.edu/s/5fb135c9b6/initiative-publikationsfreiheit-unterschreiben?source=news

Veranstaltungsbericht: Jahresempfang des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg

Am 7. Februar fand der diesjährige Jahresempfang des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg in Stuttgart statt: eine willkommene Gelegenheit zum Austausch zwischen Kirche und Politik, Schulvertretern und Kooperationspartnern. Festredner war in diesem Jahr Staatssekretär Volker Schebesta, MdL. Er betonte in seiner Ansprache, welch wichtigen Beitrag evangelische Schulen für die Bildungsvielfalt in Baden-Württemberg spielten: Einerseits bildeten sie durch ihr besonderes theologisches Profil und ihre evangelische Wertorientierung einen wertvollen Kontrast zum staatlichen Schulwesen. Andererseits leisteten sie wertvolle Arbeit, die Qualität im baden-württembergischen Bildungssystem zu sichern, und zwar im Einklang mit zentralen Anliegen staatlicher Bildungspolitik. Als Beispiele dafür, wie Staat und Kirche am gemeinsamen Strang ziehen, nannte er Inklusion, Demokratiepädagogik oder das Engagement zur (schulischen) Integration von Flüchtlingen.

Das Evangelische Schulwerk vertritt die Interessen der allgemein- und berufsbildenden Schulen der beiden Landeskirchen in Baden-Württemberg und ihrer Träger gegenüber staatlichen und kirchlichen Kooperationspartnern.

Vortrag: Gedanken zur Jahreslosung 2017 – aus theologischer und pädagogischer Sicht

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Die evangelische Jahreslosung für 2017 steht beim Propheten Hesekiel, Kapitel 36, Vers 26. Nehmen wir die Worte im Zusammenhang wahr – mit den Worten der neu revidierten Lutherbibel:

Denn ich will euch aus den Völkern herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen, und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.

Ich will euch von all eurer Unreinheit erlösen und will das Korn rufen und will es mehren und will keine Hungersnot über euch kommen lassen. Ich will die Früchte der Bäume und den Ertrag des Feldes mehren, dass euch die Völker nicht mehr verspotten, weil ihr hungern müsst. Dann werdet ihr an euren bösen Wandel denken und an euer Tun, das nicht gut war, und werdet euch selbst zuwider sein um eurer Sünde und eurer Gräuel willen. [Hesekiel 36, 24 – 31]

Soweit die Worte aus dem Alten Testament. Drei Gedanken möchte ich anschließen – als Theologe und Pädagoge.

1. Wer kann einen neuen Anfang schaffen?

Die Worte des Propheten Hesekiel sind schwer einzuordnen: Die Worte bergen einerseits eine Verheißung. Andererseits kleidet der Prophet diese in eine unmissverständlich scharfe Form. Gott fällt ein hartes Urteil über das Treiben der Menschen und die Regungen ihres Herzens. Auch die Zeitgenossen Hesekiels mögen irritiert gewesen sein von dem, was der Prophet ihnen zuruft: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Diese Zusage mag wie blanker Hohn geklungen haben: Im Jahre 587 vor Christus wurden die Stadt Jerusalem und der religiöse Mittelpunkt des Volkes, der Jerusalemer Tempel, zerstört. Die Oberschicht wurde deportiert. Hesekiel selbst war einer der ersten, die als Vasallen in die Verbannung nach Babylon verschleppt wurden. Die verhärteten Herzen der Israeliten mögen noch am steinernen Heiligtum in Jerusalem gehangen haben. Doch wozu? Das Heiligtum lag in Trümmern. Gott schien sich abgewandt zu haben. Er schien das Volk im Stich gelassen zu haben.

In einer solchen Situation fällt es schwer, den Worten zu glauben, die der Prophet spricht. Und tatsächlich wollten längst nicht alle seine Worte hören. Viele hatten dann doch die Hoffnung aufgegeben, sich vom alten Glauben der Väter abgewandt oder sich zumindest mit den Verhältnissen im Exil arrangiert.

Doch der Prophet hält an den alten Verheißungen fest. Wer, wenn nicht Gott allein kann einen neuen Anfang schaffen!? Wer, wenn nicht Gott allein kann neue Hoffnung geben und die Herzen der Menschen erneuern!? Wer, wenn nicht Gott allein kann den sündigen Menschen in seinem Innersten erreichen!? Der Mensch allein kann das nicht schaffen – gleich, woran er sein Herz hängt.

2. Wie schafft Gott einen neuen Anfang?

Und hier wird aus der schonungslosen Diagnose des Propheten eine Verheißung: Gott weiß, dass Israel es nicht allein schaffen wird. Das Herz ist verhärtet, der Wille gebrochen. Doch Gott macht den ersten Schritt; er ermöglicht Umkehr und Erneuerung. Gott schafft einen radikalen Neuanfang und bricht die versteinerten Herzen der Menschen auf. Er geht auf sein Volk zu und bietet eine lebendige Beziehung an, die tiefer geht und weiterreicht, als wir Menschen uns dies jemals versprechen könnten. Sein Zuspruch gilt. Und Gott schenkt uns das, was es dazu braucht: ein neues Herz und einen neuen Geist.

Dieser Zuspruch, diese Verheißung galt zuerst dem geschundenen Volk Israel. Und wie ist es mit uns heute? Noch ist das Jahr jung. Wir wissen nicht, was es bringen wird – für die Welt und für jeden Einzelnen persönlich? privat oder beruflich? politisch, gesellschaftlich oder kirchlich? Wenn wir in unsere Welt schauen, dann wissen wir, dass die Worte des Propheten Hesekiel nichts an Aktualität verloren haben. Die Verunsicherung ist groß. Ich will das jetzt gar nicht näher ausbuchstabieren. Der Mensch ist zu großen Leistungen fähig, zugleich kann sein Herz aber auch ein Abgrund sein. Immer wieder bedürfen wir der Umkehr und Neuausrichtung.

Und doch dürfen wir in dieses Jahr hineingehen mit der Verheißung, dass Gott diese Welt nicht im Stich lässt – damals wie heute. Für uns Christen gründet diese Zusicherung in der Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Gott ist in diese Welt gekommen, um dem Menschen die Möglichkeit zu einer neuen Existenz zu schaffen. In Jesus Christus erkennen wir, welche Möglichkeiten der Mensch hat, wenn er Gottes Verheißungen wählt. Wer sich Jesus Christus anvertraut und sich taufen lässt, dem wird ein neues Herz geschenkt – oder wie es der Apostel Paulus an die Korinther geschrieben hat – eine Gemeinde, die es ihm wahrlich nicht immer leicht gemacht hat: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

3. Welcher Verheißung wollen wir folgen?

Für jeden stellt sich die Frage, welcher Verheißung er folgen will. Der Mensch kann dieser Frage ausweichen, aber die Frage bleibt. Der Verheißungen, die nach unserer Aufmerksamkeit rufen, sind viele. Mitunter kann man den Eindruck gewinnen, dass hierzu auch die „Bildung“ gehört – als eine Art „Heilsversprechen“ der säkularisierten Wissensgesellschaft, das zum vermeintlichen Allheilmittel für alle sozialen Probleme geworden ist, auf die wir sonst keine Antwort wissen. Was soll die Schule nicht alles leisten? Fast kein Fach, das nicht schon von irgendeiner Lobbygruppe gefordert worden wäre: Klimakunde und Konsumerziehung, Datenschutzunterricht oder – wie der Bundeslandwirtschaftsminister vor kurzem gefordert hat – Ernährung. Selbst das Unterrichtsfach Glück gibt es bereits. Über eine Frage aber wird erstaunlich wenig diskutiert: Warum ist es überhaupt sinnvoll, sich zu bilden?

Wenn wir auf diese Frage keine Antwort mehr wissen, werden Motivation zur Bildung und Freude am Lernen nur schwer zu wecken sein. Bildung würde dann auch kaum als Genuss und Bereicherung des eigenen Lebens erfahren werden können. Bildung, die mehr sein will als Anpassung an äußere Erwartungen, braucht ein Fundament an Sinn, das innerpädagogisch allein nicht gelegt werden kann. Um einen solchen Lebenssinn muss sich jeder selbständig mühen. Aber wir können den Einzelnen, das Kind, den Schüler, den Heranwachsenden, dabei pädagogisch begleiten.

Wer sich bildet, soll sein Leben aktiv gestalten, sich nicht einfach nur treiben lassen oder äußeren Erwartungen oder Zwängen entsprechen. Dies gelingt nur, wenn Bildung mehr sein will als Wissensvermittlung, wenn sie den Einzelnen als sittliches und religiöses Subjekt ernst nimmt. Die Diagnose „bildungsarm“ wird schnell ausgesprochen. Heranwachsende können aber auch in anderer Hinsicht „arm“ sein: Gerade Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu nehmen, an sittlichen Beanspruchungen lernen und reifen zu können, kann nicht minder Ausdruck einer mangelnden Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation sein. Bildung wird nicht über Konvention, Routine oder bloße Wissensaneigung hinausgehen, wenn nicht gleichzeitig die Frage nach dem tieferen Sinn menschlichen Daseins gestellt wird: Was trägt unser Leben? Auf welche Verheißungen können wir unser Leben gründen? Was dürfen wir für uns und unsere Welt erhoffen?

Ob eine Antwort auf diese Fragen gelingt, kann niemand garantieren – hier zeigt sich die Dramatik, mitunter auch tiefe Tragik menschlicher Existenz. Doch können wir pädagogisch dazu beitragen, dass der Einzelne Orte vorfindet, wo die Suche nach Sinn möglich ist, wo Sinn- und Wertfragen gestellt werden dürfen. Kinderhäuser und Schulen können und wollen hoffentlich solche Orte sein. Der Bundesverband evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik hat das evangelische Profil von Schule im vergangenen Jahr auf folgende Formel gebracht: Evangelische Bildung hat „nicht Funktion, sondern Bedeutung“, „nicht Zweck, sondern Wert“.

Dies können Kinder und Heranwachsende dort erfahren, wo religiöse und Sinnfragen pädagogisch nicht ausgeklammert werden. Es ist aus der Mode gekommen: Aber man kann auch von Charakter- und Herzensbildung sprechen. Bildung kann das Leben bereichern und beziehungsreicher machen, auch in religiöser Hinsicht. Wer aus christlicher Verantwortung pädagogisch tätig wird, ist herausgefordert, immer wieder neu über sein eigenes Sinnfundament und auch über den eigenen Glauben nachzudenken. Warum ist es sinnvoll, sich zu bilden? Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage, dürfen wir uns der alten Verheißungen erinnern: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. – Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.

Erziehung aus gläubiger Verantwortung ist, nichts Geringeres als ein zentraler christlicher Liebesdienst, ein anderes Wort für Diakonie – ein wichtiger Dienst, von dem unser aller Zusammenleben profitiert, damit es ein gutes und gerechtes Zusammenleben wird. In diesem Jubiläumsjahr soll das letzte Wort dem gehören, der 1524 „An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes [geschrieben hat], daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“. Wovon Martin Luther schreibt, das haben Wilhelmine Canz, Johannes Bosco und andere christliche Erzieher in ihrer Zeit umgesetzt, mit den Mitteln und unter den Herausforderungen der damaligen Zeit. Das wollen wir auch heute noch umsetzen, wiederum mit den Mitteln und unter den Herausforderungen unserer Zeit: „Nun besteht das Gedeihen einer Stadt nicht allein darin, daß man große Schätze sammelt, feste Mauern, schöne Häuser, viele Kanonen und Harnische herstellt. Vielmehr, wo es viel davon gibt und es kommt in die Hände wahnsinniger Narren, so ist das ein um so schlimmerer und um so größerer Schaden für diese Stadt. Vielmehr das ist einer Stadt Bestes und ihr allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und ihre Kraft, daß sie viele gute, gebildete, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl Schätze und alle Güter sammeln können, sie erhalten und recht gebrauchen. […] Nun, solche Männer müssen aus Knaben werden, und solche Frauen müssen aus Mädchen werden. Es ist also darum zu tun, daß man kleine Knaben und Mädchen dazu recht unterrichte und aufziehe.“

Gott segne unser pädagogisches und diakonisches Tun – in diesem noch jungen Jahr: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. – Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.

Weinstadt, 30. Januar 2017 – PD Dr. Axel Bernd Kunze