Rezension: „Selbstkritische Position und kritische Reflexion“ – Festschrift für Werner Baur liefert starke Argumente für kirchliches Bildungshandeln

 

Carmen Rivuzumwami (Hg.) (o. J. [2018]): Gemeinsam: Leben Glauben Bilden. Festschrift für Werner Baur zum Eintritt in den Ruhestand, o. O. (Stuttgart): Evangelischer Oberkirchenrat, 225 Seiten.

 

Zwanzig Jahre war Werner Baur im Stuttgarter Oberkirchenrat für den Bereich Bildung der württembergischen Landeskirche zuständig. Wer den engagierten Lehrer und Schulleiter auf Tagungen oder Sitzungen erlebt hat, konnte spüren, dass Baur auch in kirchenleitender und administrativer Funktion stets ein Pädagoge mit Herzblut geblieben ist. Zu seinem Eintritt in den Ruhestand ist eine Festschrift im Eigenverlag des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart erschienen.

Der Band deckt die gesamte Bandbreite des landeskirchlichen Engagements im Bildungsbereich ab: von Kindertageseinrichtungen und Schulen über die Jugendarbeit bis zur Berufs- und Erwachsenenbildung. Die Autoren kommen aus beiden Landeskirchen Baden-Württembergs, aber auch aus der ökumenischen Nachbarschaft des Bistums Rottenburg-Stuttgart oder des Erzbistums Freiburg. Angesichts der Bandbreite der Themen kann hier nur eine kleine Auswahl der nahezu durchweg pädagogisch sehr engagiert geschriebenen Beiträge hervorgehoben werden.

Den Aufschlag macht ein sehr persönlich gehaltener Beitrag von Martin Schleske, Geigenbaumeister und Schalltechniker. Im Rückgriff auf seine eigene Bildungsbiographie beschreibt er sehr lebendig, anrührend und engagiert, wie wichtig das persönliche Vorbild, die fachliche Begeisterung des Lehrers und die Beziehung in der pädagogische Arbeit sind. Wir sollten das nicht vergessen in Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen –, in denen mal wieder technische Lösungen das – in diesem Fall – digitale Heil ins Tal der Bildung bringen sollen.

Norbert Collmar, Rektor der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, zeichnet am Beispiel des protestantischen Württembergs nach, wie sich aus sozialen und diakonischen Initiativen des neunzehnten Jahrhunderts das bildungspolitische Engagement der Kirche im berufsbildenden Bereich entwickelt hat. Als Beispiel verweist er etwa auf die Gründung der Großheppacher Schwesternschaft durch Wilhelmine Canz. Sie sammelte junge Frauen um sich, die als Kleinkindpflegerinnen ausgebildet wurden. Dieses Engagement setzt sich bis heute fort, in Gestalt einer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik.

Christoph Schneider-Harpprecht, Baurs Kollege aus dem badischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, fragt, wozu ein eigener kirchlicher Bildungsgesamtplan sinnvoll ist. Gegen Kritik an diesem Instrument nennt er vielfache Aufgaben, die ein solcher Plan erfüllen kann: Er kann helfen, die Bildungslandschaft kirchlicher Träger weiterzuentwickeln, den Auftrag und die konstitutiven Merkmale evangelischer Bildungsangebote profilieren helfen, ein möglichst realistisches Bild der zu erreichenden Zielgruppen zeichnen, Chancen und Empfehlungen an die zuständigen Gremien geben. „Wenn der politische Wille vorhanden ist, so können jährlich oder im zweijährigen Rhythmus Zahlen, Daten und Fakten in standardisierter Form zusammengetragen und auch für die Haushaltsberatungen der Landessynode fruchtbar gemacht werden“ (S. 89).

Eckhard Geier, scheidender Geschäftsführer des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg, unternimmt einen Parforceritt durch fünfhundert Jahre evangelische Schul- und Bildungsgeschichte. Instruktiv beleuchtet er das spannungsreiche Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Bildungsbereich. Evangelische Schulen sind für Geier zum einen „zeitlos zeitgemäß“, weil sie zu allen Zeiten genuin evangelisch-christliche Antworten auf die pädagogischen und sozialen Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit formulierten. Sie sind aber zugleich immer auch „unzeitgemäß“, insofern sie nicht einfach dem bildungspolitischen Mainstream folgen, sondern pädagogische Reformen „gegen den Trend“ ins Werk setzten. Diesen Freiraum von Schulen in kirchlicher Trägerschaft gilt es aber zunehmend gegen eine staatliche Dienst- und Fachaufsicht zu verteidigen, die freie Träger auch in didaktisch-methodischer Hinsicht immer stärker zur Vergleichbarkeit mit staatlichen Schulen drängt.

Bemerkenswert ist schließlich noch der Schlussbeitrag des Bandes: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Landeskirche in Stuttgart-Birkach, hält ein engagiertes Plädoyer für einen weiterhin starken konfessionell geprägten Religionsunterricht, gut begründet, wenn auch im vorstehenden Sinne „unzeitgemäß“, insofern der Hauptstrom der zeitgenössischen Religionspädagogik deutlich in Richtung konfessioneller Kooperation fließt. Identitätsfragen stehen gegenwärtig weder in der pädagogischen noch politischen Debatte hoch im Kurs. Viele erhoffen sich durch eine stärkere Kooperation der Konfessionen beim Religionsunterricht eine Stärkung der christlichen Orientierung innerhalb einer zunehmend heterogener wie säkularer werdenden Schüler- und Elternschaft. Doch besteht die Gefahr, dass durch eine konfessionell-diffuse Lernumwelt die eigene religiöse Identitätsbildung eher erschwert als erleichtert wird – am Ende kennen die Schüler weder ihre eigene Herkunft noch die Konfession der anderen. Für Hermann gehören „perspektivische Positionalität“ und die Aufgabe „positioneller Perspektivität“ im Religionsunterricht eng zusammen. Wer sich der eigenen Konfession sicher ist, erfährt die Position der anderen nicht als Bedrohung. Daher kann gerade ein konfessioneller Religionsunterricht für Hermann zur Pluralitätsfähigkeit und zu starker Toleranz beitragen. Denn über Religion kann nicht distanziert gelehrt oder gelernt werden. Der Stuttgarter Religionspädagoge spricht in diesem Fall von Begegnungslernen, bei dem unweigerlich immer verschiedene Ebenen ineinander fließen und sich wechselseitig bedingen. Es kann keine neutrale Haltung gegenüber Religion geben, selbst eine religionsabstinente Haltung wäre eine Positionierung gegenüber Religion – und so ist Begegnungslernen über Religion immer auch bereits Begegnungslernen in Religion und durch Religion. Wichtig bleibt aber, dass Lehrkräfte bereit sind, zwischen religiöser Reden und Reden über Religion zu unterscheiden.

Wer freie Menschen will, muss auch für ein starkes freies Schulwesen und eine plurale Bildungslandschaft eintreten. Ein Staat, der für sich ein Bildungsmonopol beanspruchen wollte, wäre übergriffig auf den innersten Personkern. Und wenn Religion nicht zu etwas Bedrohlich-Fremden werden soll, gehört Religion in die Schulen und Bildungseinrichtungen. Hermanns Plädoyer am Ende seines Beitrags setzt einen starken Schlusspunkt für die gesamte Festschrift und ein deutliches Ausrufezeichen hinter das bildungspolitische Engagement des zu Ehrenden: „Gebildete Religion braucht selbstkritische Position und kritische Reflexion, zugleich aber auch das Bewusstsein eigener Perspektivität und Bruchstückhaftigkeit – wichtige Werte aufgeklärter Bildung, wie sie evangelischer Bildungstradition zugrunde liegen“ (S. 210).

 

Rezension: Zerreißprobe Flüchtlingsintegration

Die Migrations- und Integrationspolitik spaltet weiterhin das Land und erweist sich – wie ein Buchtitel der Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins im vergangenen Jahr deutlich gemacht hat – für Deutschland als „Zerreißprobe“:

https://bildungsethik.wordpress.com/2017/01/22/nur-ein-narrativ-ein-sozialethischer-zwischenruf-zur-aktuellen-integrationsdebatte/

Der Band aus der Reihe „Theologie kontrovers“ ist jetzt in der Theologischen Literaturzeitung durch den Hannoveraner Diakoniewissenschaftler und Systematischen Theologen Alexander Dietz kritisch gewürdigt worden (Jg. 2018, Nr. 5, Sp. 537 f.):

http://www.thlz.com/artikel/20180/?inhalt=heft%3D2018_5%23r51

„Nachdem Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Sozialwissenschaften und Sozialethische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, bereits vor einem Jahr einen Sammelband mit sozialethischen Positionen zur Flüchtlingskrise vorgelegt hatte, legt sie nun mit dem vorliegenden Band zum Thema Flüchtlingsintegration nach. Das Werk umfasst fünfzehn Beiträge ausschließlich katholischer Theologinnen und Theologen (und einer Gewerkschaftsvertreterin). Im Vergleich zum ersten Band ist leider nicht nur die konfessionelle Zusammensetzung der Autoren begrenzter, sondern auch die positionelle Heterogenität. Nur einer der Beiträge ( Axel Bernd Kunze) vertritt eine dezidiert konservative Position, alle anderen Aufsätze sind aus einer erkennbar links-liberalen Perspektive verfasst. […]“ (Alexander Dietz)

Rezension: Wiener Sozialethiker Körtner ruft zur Vernunft auf

Körtners Argumentationsgang, sachlich vorgetragen, ist grundsätzlicher Natur. Tagespolitische Kontroversen stehen erkennbar im Hintergrund, werden aber nicht im Einzelnen diskutiert. Hierfür gibt es andere Orte der politik- und staatsethischen Debatte. Auch gegnerische Positionen aus der eigenen Disziplin werden selten explizit genannt. Man kann aber zwischen den Zeilen lesen, an welche sozialethischen Aussagen aus jüngerer Zeit, nicht zuletzt im Rahmen der Migrations- und Integrationskrise, der Verfasser beim Schreiben derselben gedacht haben mag.

… so der Sozialethiker Axel Bernd Kunze in einer Rezension in der aktuellen Ausgabe 2/2018 der Zeitschrift AMOSinternational (Thema: Terrorismus und Terrorismusbekämpfung) über das Buch „Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche“ des Wiener Sozialethikers Ulrich H. J. Körtner (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2017, 172 Seiten).

Die Besprechung finden Sie hier.

http://www.amosinternational.de/

 

Neuerscheinung: Inklusion als interpretierendes Prinzip

Die erste Ausgabe der Zeitschrift PÄDAGOGIKUNTERRICHT in diesem Jahr dokumentiert u. a. die Beiträge des vergangenen Pädagogiklehrertages. „Pädagogikunterricht“ ist die größte Fachzeitschrift zur pädagogischen Fachdidaktik im deutschsprachigen Raum. Begleitet wird die Zeitschrift durch den Wissenschaftlichen Beirat des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (VdP).

Das neue Beiratsmitglied, der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze, konturiert im aktuellen Inklusionsdiskurs „Inklusion als interpretierendes Prinzip“ (38. Jg., Heft 1, S. 48 – 54).

Reisen bildet: Bier, Barock und Burschenschaft … – Eindrücke aus Bamberg

Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid

der fahrenden Scholaren.

Ich will zur schönen Sommerszeit

ins Land der Franken fahren,

valeri, valera, valeri, valera,

ins Land der Franken fahren!

Von Bamberg bis zum Grabfeldgau

umrahmen Berg und Hügel

die breite stromdurchglänzte Au.

Ich wollt’, mir wüchsen Flügel,

valeri, valera, valeri, valera,

ich wollt’, mir wüchsen Flügel.

 

(Joseph Victor von Scheffel)

Seit einigen Jahren gibt es den Interkorporativen Stammtisch Stuttgart, kurz: IKSS, der sich monatlich trifft: ein Treffpunkt für Korporierte unterschiedlicher Dachverbände oder verbandsfreier Bünde, die es aus familiären oder beruflichen Gründen in die schwäbische Metropole verschlagen hat. Seine Teilnehmer kommen aus den schönsten Universitätsstädten Deutschlands. Und so entstand die Idee, auch einmal gemeinsam auf Reisen zu gehen sowie die Studienorte und Verbindungen der anderen Stammtischbrüder kennenzulernen. Gesagt, getan: Das diesjährige verlängerte Wochenende vor dem Tag der Arbeit bot dazu eine günstige Gelegenheit.

Und wo sollte man besser damit beginnen als in Bamberg!? Am Samstagmorgen ging es also am Stuttgarter Hauptbahnhof los – in die Stadt der drei „Bs“: Bier, Barock und Burschenschaft – für einige der Reiseteilnehmer ein kleiner „Kulturschock“: vom protestantisch-nüchternen Württemberg in das katholisch-barocke Oberfranken.

B – wie Bier, Brauereien und Bierkeller

Wie könnte es anders sein: Ein Besuch in Bamberg ohne Bier wäre wie ein Burschenschafter ohne Band. So lernten unsere Corpsstudenten auf der Fahrt auch, dass Bier kein Alkohol ist, sondern vaterländischer Trank … Da das Hotelzimmer noch nicht bezugsfertig war, landete die Gruppe gleich bei Rauchbier, Kloß und Schäuferla – des Franken Leibspeise – im bekannten „Schlenkerla“, das auch als Drehort für „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Blacky Fuchsberger diente. Mindestens einem Teil der Gruppe schmeckte gleich der erste Schluck des rauchigen, dunklen, süffigen Bieres – und nicht erst das dritte Seidla, wie in Bamberg ein halber Liter Bier genannt wird.

Den Bamberger Bierbachelor haben wir nicht geschafft (laut Modulhandbuch sind hierfür alle neun Bamberger Biere an einem Tag zu probieren), aber die Vielfalt der Bamberger Biere kam nicht zu kurz.  Ein besonderes Erlebnis war nach dem sonntäglichen Kirchgang bei bestem Frühlingswetter der Frühschoppen auf dem Spezikeller (Keller – so heißen in Franken die Biergärten, weil traditionell direkt über den Lagerkellern das Bier ausgeschenkt wird) – mit Blick auf Bambergs sieben Hügel und seine Kirchtürme. Am 1. Mai besuchten wir noch den Greifenklaukeller, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die Altenburg hat.

Den krönenden Abschluss bildete am 1. Mai eine Führung durch die „Schlenkerla“-Brauerei am Stephansberg. Wir erfuhren nicht nur, wie mit Hilfe eines Buchenholzfeuers das Rauchmalz hergestellt wird, sondern wir stiegen auch in die alten Felsengänge unterhalb der Bamberger Bergstadt hinab, wo noch heute das Bier gelagert wird.

Bevor der falsche Eindruck entsteht: Auch wenn wir ein – wenngleich akademischer – Stammtisch sind, drehte sich nicht alles nur ums Bier. Bamberg ist nicht nur Bier-, sondern auch Weltkulturerbe-, Gärtner-, Barock-, Bischofs- oder Universitätsstadt.

B – wie Bergstadt, Bamberger Reiter und barocker Katholizismus

Also ging es gleich am ersten Nachmittag nach dem „Schlenkerla“ auf den Domberg hinauf: zum Kaiserdom mit dem berühmten Bamberger Reiter und dem einzigen Papstgrab nördlich der Alpen, zur Alten Hofhaltung, zur Neuen Residenz und zum Rosengarten. Wir hatten im Dom einen sehr kundigen Führer: Als Theologe erschloss er der Gruppe Kaiser Heinrichs Stein gewordene Idee, Bamberg zur „Roma secunda“ zu machen.

Bamberg wurde wie Rom auf sieben Hügeln gegründet: Stephans-, Kaul-, Dom-, Jakobs-, Michels-, Abts- und Altenburgberg. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont blieb, zeigt sich bis heute die für Bamberg typische Dreiteilung in die geistliche Bergstadt, die bürgerliche Inselstadt zwischen den beiden Regnitzarmen und die Gärtnerstadt. Neben dem Bamberger Reiter am bekanntesten dürfte das Brückenrathaus sein, das in der Flussmitte zwischen Berg- und Bürgerstadt errichtet wurde. Seit 1993 ist Bamberg UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Sonntag begann mit einer Messe in der Karmelitenkirche und einem Besuch im Kreuzgang des dazugehörigen Klosters. Der aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Kreuzgang besticht vor allem durch seine Kapitelle mit reichhaltiger Tier- und Pflanzensymbolik. Am Nachmittag besichtigten wir die Kaisermäntel und den Papstornat im Bamberger Diözesanmuseum, wo wir aufgrund des schon sommerlichen Wetters mehr oder weniger die einzigen Besucher waren. Die aktuelle Sonderausstellung zum vierhundertjährigen Jubiläum der von den Jesuiten begründeten Marianischen Herren- und Bürgersodalität vermittelte überdies einen Einblick in die Entwicklung des katholischen Lebens von der Gegenreformation bis in die Gegenwart.

Dass der Volkskatholizismus in Bamberg noch lebendig ist, davon konnten wir uns am 1. Mai bei  der Festmesse und Maiandacht der Sodalität in St. Jakob selber überzeugen. Die ursprünglich romanische Kirche zählt zu den ältesten Bambergs; um sie nach Auflösung des Stifts vor möglichem Abriss zu bewahren, wurde sie im Zuge der Säkularisierung der Marianischen Sodalität übertragen. Am 1. Mai wird in Bayern Maria als Schutzfrau des bayerischen Landes verehrt. Natürlich wurde an diesem Tag auch mit Weihrauch nicht gespart.

Zelebrant und Prediger war der Bamberger Ordinarius für Kirchengeschichte und Patrologie, Farbenbruder Prof. Dr. Peter Bruns. In deutlichen Worten verteidigte er anlässlich der Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten, in Ämtern des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen, die Präsenz dieses zentralen Symbols unserer christlichen Kultur und Religion im öffentlichen Raum. Dabei sparte er auch nicht mit Kritik an beschämenden Äußerungen mancher Bischöfe, die jetzt wortreich vorgeben, die genuin religiöse Bedeutung des Kreuzes zu verteidigen, sich aber nicht zu schade waren, genau dieses auf dem Tempelberg zu verstecken. Das Kreuz, so der Prediger, sei ein öffentliches Zeichen, weil der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis gewesen sei. Das Kreuz stehe für die Grundlagen unserer Kultur, die ethischen Werte unserer Staats- und Gesellschaftsordnung und die Identität unseres Gemeinwesens – auch im säkularen Staat. Wo  dieser sich nicht mehr zu seinen geistigen Wurzeln bekennen will, verliert unser Zusammenleben an Humanität. Das Kreuz im Gerichtsgebäude etwa, so Prof. Bruns, erinnere daran, dass wir alle noch einer anderen Instanz gegenüber verpflichtet sind, es mahne den Ankläger oder Zeugen nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis abzulegen, und es mahne den Richter, das Recht nicht zu beugen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn versucht wird, religiöse oder auch nationale Symbole zunehmend aus dem öffentlichen Raum und damit aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.

Beim Rückweg in die Stadt, an den Domkurien vorbei, galt es noch, der Bamberger Staufersäule des Degerlocher Historikers Gerhard Raff Reverenz zu erweisen. Auch der Oberen Pfarre am Kaulberg statteten wir einen Besuch ab. Die dortige freudenreiche Gnadenmutter wird jährlich am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt in feierlicher Prozession zur schmerzhaften Mutter in der ehemaligen Jesuitenkirche St. Martin getragen.

Geteilte Gefühle löste der in der gleichnamigen Kapelle des Domes verehrte heilige Nagel aus, eine Reliquie, die Bamberg dem heiligen Kaiser Heinrich II. verdankt. Bis heute ist diese Berührungsreliquie ein Objekt frommer Verehrung. Man mag über die Reliquienverehrung denken, wie man will – dass auch der moderne Mensch sich Wirklichkeit nicht allein rational zu erschließen und zu deuten sucht, zeigen – wie auch in anderen Städten – die zahlreichen Schlösser am Geländer der Kettenbrücke.

Bamberg spielt auch für die deutsche Romantik eine wichtige Rolle. Wackenroders Besuch auf dem Bamberger Henricifest wurde zu einem Schlüsselmoment dieser Epoche. Nicht zuletzt wirkte in Bamberg der Romantiker E. T. A. Hoffmann – und so besichtigten wir nicht nur sein Wohnhaus und die Altenburg, auf der er häufig arbeitete, sondern begegneten auch dem Türknauf am Stephansberg, der ihn zum „Apfelweiblein“ inspirierte, oder beim abendlichen Bummel durch den Hain der Stelle, an der er den sprechenden Hund Berganza getroffen haben soll. Die Altenburg mit einem weiten Blick über Fränkische Schweiz und Steigerwald erreichten wir mit einem umgebauten Straßenbahnwagen, der heute Bamberger Touristen über sechs der sieben Hügel bringt.

B – wie Burschenschaft, Bamberger Widerstand und Bamberger Verfassung

1647 gründete Fürstbischof Melchior Otto Voit von Salzburg die Academia Bambergensis, die sich im Laufe der Zeit zur klassischen Vierfakultätenuniversität entwickelte, als solche die Säkularisierung des Hochstiftes aber nicht überlebte. Nur die beiden Fakultäten Theologie und Philosophie bestanden fort. 1972 erfolgte dann die Wiedergründung der heutigen Otto-Friedrich-Universität in Form einer Gesamthochschule. Aktuell zählt die Universität rund dreizehntausend Studenten (bei einer Einwohnerschaft von rund fünfundsiebzigtausend).

Selbstverständlich durfte auch ein Besuch bei der einzigen örtlichen Burschenschaft, der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg, nicht fehlen, nach ihrer Gründung in Leipzig und einer Zwischenphase in Erlangen seit 1991 in der noch jungen Universitätsstadt Bamberg ansässig. Auf dem Weg zum Alemannenhaus durchstreiften wir noch den zweiten Teil des Bamberger Weltkulturerbes: das Gärtnerviertel. Seit dem siebzehnten Jahrhundert bis heute wird in der Stadt Gemüsegartenbau betrieben, etwa der Anbau von Zwiebeln, Samen oder Süßholz.

Als Referentin für den Sonntagabend konnten wir die Bamberger Pädagogin Mechthildis Bocksch aus dem Vorstand der örtlichen Willy-Aron-Gesellschaft gewinnen. Sie stellte den Bamberger Bundesbrüdern und Stuttgarter Gästen die Erinnerungsarbeit des Vereins vor und beleuchtete in ihrem lebendigen Vortrag markante Aspekte des Bamberger Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Dieser wird vor allem durch drei Köpfe repräsentiert, die gemeinsam mit einem Denkmal im Bamberger Harmoniegarten gewürdigt werden: Claus Schenk Graf von Stauffenberg steht für den militärischen Widerstand, der Rechtsanwalt Hans Wölfel für den christlichen Widerstand und der jüdische Waffenstudent sowie Sozialdemokrat Willy Aron für den Widerstand der Arbeiterbewegung. Am „Stolperstein“ vor Arons Wohnhaus in der Luitpoldstraße wurde vor einigen Jahren die fränkische Regionalgruppe des Lassalle-Kreises, des Zusammenschlusses korporierter Sozialdemokraten, gegründet. Und kurz vor dem kommenden Jubiläumsjahr sollte nicht vergessen werden, dass in der Neuen Residenz am Domplatz am 14. August 1919 mit der sogenannten Bamberger Verfassung in der Stadt die erste demokratische Verfassung Bayerns verabschiedet wurde.

Da Stuttgarts bekanntester Bierorgler mit von der Partie war, klang der Abend musikalisch aus. Frankens inoffizielle Hymne aus der Feder Victor von Scheffels durfte dabei selbstverständlich nicht fehlen. Am folgenden Montag war dann Gelegenheit, den Originalschauplatz des Frankenliedes zu erleben: den Gottesgarten im Oberen Maintal mit der Adam-Riese-Stadt Bad Staffelstein, der Korbmacherstadt Lichtenfels, dem Staffelberg, Kloster Banz und der beeindruckenden Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen. 1445 erhielt an dieser Stelle ein Schäfer des Klosters Langheim  eine Vision der vierzehn Nothelfer, zu deren Ehren schon bald eine Kapelle errichtet wurde. Die heutige Basilika aus dem achtzehnten Jahrhundert stammt von Balthasar Neumann.

Und wie bei jeder guten katholischen Wallfahrt durfte nach dem Gebet und dem Kerzenopfer in der Basilika eine Brotzeit und ein „Nothelfertrunk“ in der unmittelbar daneben liegenden Brauerei nicht fehlen – so schließt sich wieder der Kreis …

Es waren vier ereignisreiche, anregende und erfüllte Tage mit guten Gesprächen und eindrücklichen Erlebnissen. Fortsetzung folgt hoffentlich. Denn es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Universitäts- und Studentenstädte in deutschen Landen, die einen Besuch lohnen.

Rezension: Die Universität braucht Geselligkeit – ein bedrohtes akademisches Gut

Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.) unter Mitarbeit von Sabrina Lausen (2017): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen; 19), Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 246 Seiten.

Selten haben Sammel- und Tagungsbände eine derart klare Ausgangsthese wie der Band der beiden Wissenschaftshistoriker Matthias Asche und Dietmar Klenke: „Allein eine geselligkeitspolitisch gut positionierte Universität vermag der Gefahr zu trotzen, zu einer Bildungsanstalt zu werden, bei der die prekäre Balance von wissenschaftlich notwendiger Autonomie und berechtigten Ausbildungsanforderungen von Staat und Gesellschaft zugunsten der Außensteuerung verloren geht. In der Interessenwahrnehmung der Universitäten sind Geselligkeitsformen und geselligkeitspolitische Strategien ein häufig verkannter Faktor der Selbstbehauptung gegenüber der Umwelt“ (S. 10).

Geselligkeit ist mehr als Zeitvertreib. Sie schafft eine politisch bedeutsame Gegenwelt persönlicher, ungezwungener Kontaktpflege und Kommunikation. Interessen lassen sich hier leichter ausgleichen, formale Zwänge leichter umgehen. Vor allem aber, so die Annahme der Herausgeber, hält diese besondere Spielform der Vergesellschaftung eine akademische Kultur lebendig, die nicht nur ein äußeres Programm bleibt, sondern persönlichkeitsbildende Kraft besitzt. Nur eine Universität, die diese Kraft akademischer Kultur bewahrt, wird sich auch gegen Zumutungen und äußere Zwecke zur Wehr setzen können.

Und genau diese Kraft, geht nach Ansicht der Herausgeber der heutigen Universität zunehmend verloren: Marktkonforme Außensteuerung und Binnenhierarchisierung drängten den Anspruch ungehinderter Wahrheitsfindung zunehmend in den Hintergrund. „Emphatischen Aufklärungsgeist treffen wir eher in der Universität des 19. als an derjenigen des 21. Jahrhunderts an“ (ebd.). Der einst „bildungsaristokratische“ Hochschullehrer sei zunehmend zum Dienstleister mutiert, das Studentsein werde nicht mehr als akademische Lebensform verstanden. Das Urteil in der Einleitung des Bandes fällt hart aus: Die Universität wandle sich zusehends zu einer „binnenhierarchisierten Fachschule“ (S. 18) – ein Wandel, der sich, wie der Titel des Bandes deutlich macht, an der akademischen Geselligkeitskultur deutlich ablesen lasse: Die „ideelle Substanz“ der Hochschule werde zunehmend aufgezehrt vom „kühlen Charme“ eines „corporative design“; Elemente der kommerziellen Populärkultur bemächtigen sich der Universität. Es sind nahezu fast nur noch die Studentenverbindungen, die an den verblassten Geist früherer akademischer Geselligkeit erinnerten.

Drei Beiträge beleuchten ausdrücklich die Rolle studentischer Korporationen bei deren Herausbildung. Harald Lönnecker geht der persönlichkeitsprägenden Kraft korporativer Geselligkeitsformen nach: „Der Hochschüler brachte klar und deutlich zum Ausdruck, daß für ihn die Regeln der bürgerlichen Welt nur bedingt galten, er Mitglied und Teil einer Metakultur war, die jenseits einer klar strukturierten Erwachsenenwelt bestand“ (S. 142). Dieser Wirkung konnten sich zumindest bis zum Ersten Weltkrieg selbst solche Verbindungen nicht entziehen, die ausdrücklich mit einem reformatorischen Anspruch gegründet worden waren. Das Spannungsfeld von bürgerlichem und antibürgerlichem Habitus, das die „Alte Burschenherrlichkeit“ prägte, wird von Matthias Stickler im Anschluss näher beleuchtet. Aufs Ganze gesehen waren – so Stickler – aber die Domestizierungs- und Verbürgerlichungstendenzen in der klassischen Phase der Korporationen stärker, die Rückbindung an die Werte des gehobenen Bürgertums sehr groß. Dies änderte sich erst mit zunehmender Pluralisierung des gesellschaftlichen Lebens in der frühen Bundesrepublik; die Verbindungen gerieten zunehmend unter Legitimationszwang und büßten ihren Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit ein. Christian George stellt dar, wie sich bei Wiedergründung der Korporationen nach dem Zweiten Weltkrieg nach anfänglichen Reformansätzen vor allem aufgrund des Widerstands der Alten Herren zunehmend die überkommenen Formen couleurstudentischer Geselligkeit wieder durchsetzten – ein Beleg dafür, dass sich sinn- und identitätsstiftende Rituale nur sehr begrenzt und wenn äußerst behutsam ändern lassen.

Der Inhalt des Bandes geht aber deutlich über Verbindungsgeschichte hinaus. Thematisiert werden Logen als professorale Form der Geselligkeit im Rahmen der vormodernen Universität oder das universitäre Professorenkränzchen als bewusst gesuchte Form geschlossener Privatheit. Wolfgang Müller untersucht, wie sich im nach dem Krieg zunächst französischen Saarland neue Vernetzungen mit europäischem Flair herausbildeten. Sabrina Lausen zeigt auf, wie polnische Verbindungen in der Zwischenkriegsära der Selbstvergewisserung und Festigung der nationalen Identität dienten.

Und wie sieht es heute aus? Zum Wandel universitärer Geselligkeitskultur hat auch der sogenannte „Di-Mi-Do-Professor“ beigetragen, der zwischen Familie und Hochschulort pendelt und an letzterem nur noch das notwendige Minimum an Zeit verbringt. Dietmar Klenke, einer der beiden Herausgeber, erinnert daran, wie Nordrhein-Westfalen dieser Entwicklung 1999 durch rigide Präsenzvorschriften administrativ einen Riegel vorschieben wollte – ein Versuch, der kläglich scheiterte: nicht nur, da solche Vorschriften zwangsläufig von den Betroffenen als Strafe und Misstrauensvotum empfunden werden mussten, sondern auch als Überlastung erlebt wurden. Wer politisch mehr Kommunikation zwischen Hochschullehrern und Studenten erreichen will, muss an anderer Stelle für Entlastung sorgen – stattdessen fressen bildungsadministrative Aufgaben in der Selbstverwaltung zunehmend mehr Zeit.

Die Bewahrung einer substantiellen, durch kurzlebige Trends nicht irritierbaren und auf wissenschaftliche Autonomie bedachten Geselligkeitskultur zeigt sich an dieser Stelle auch als ein Ressourcenproblem. Nicht zuletzt leidet die marktgerechte Bolognauniversität unter einem Mangel an disponibler Zeit ihrer akademischen Akteure. Der Band zeigt an einem Thema, das nicht unbedingt im Rampenlicht der Hochschulforschung steht, auf, in welch prekärer Lage sich die Universität gegenwärtig befindet. Wer sich akademisch starke Universitäten, eine leistungsfähige Wissenschaftskultur und ein geistig anregendes Studienklima für die junge Generation wünscht, den kann diese Diagnose nicht unberührt lassen. Wie sich die prekäre Lage zum Besseren wandeln lässt, ohne in Nostalgie oder Verklärung alter Zeiten zu verfallen, bleibt am Ende allerdings offen – oder dem geselligen Austausch an anderer Stelle aufgegeben.

(Erstveröffentlichung: Burschenschaftliche Mitteilungen der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg und der Burschenschaft Alemannia zu Leipzig, Heft 1/2018)

Sonderausstellung im Diözesanmuseum Bamberg

Die Marianische Kongregation war ein wichtiger „Transmissionsriemen der katholischen Reform“, so Norbert Jung im Katalog zur Sonderausstellung „Ein ungeahnter Schatz!“ zum vierhundertjährigen Jubiläum der Marianischen Herren- und Bürgersodalität Bamberg. 1610 berief der Bamberger Bischof die Jesuiten in seine Bischofsstadt, drei Jahre später übernahmen sie dort die Leitung des Priesterseminars. Zur Unterstützung und Festigung ihrer Bildungsanstregungen gründeten die Jesuiten in Bamberg sehr bald Schüler- und Studentenkongregationen. Nicht viel später regte der Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen, der selber Jesuitenschüler war, auch die Gründung einer Bürgersodalität an, er wurde auch ihr erster Präfekt. Die Sodalität erhielt am 22. Februar 1618, also vor vierhundert Jahren, ihre offizielle Anerkennung; ein Jubiläum, das am genannten Tag in diesem Jahr mit einem feierlichen Pontifikalamt in der Bamberger St.-Jakobskirche festlich begangen wurde. Die Sodalität hat heute rund dreihundert Mitglieder.

Die Sonderausstellung im Diözesanmuseum Bamberg ist noch bis zum  27. Mai 2018 zu sehen.

Ein Ausstellungskatalog ist erschienen:

400 Jahre (1618 – 2018. Marianische Herren- und Bürgersodalität Bamberg. Ein ungeahnter Schatz! (Kleine Ausstellungsführer des Diözesanmuseums Bamberg; 15), hg. v. Diözesanmuseum Bamberg, Bamberg 2018, 108 Seiten, ISBN 978-3-931432-47-8.

Weitere Informationen über die Marianische Herren- und Bürgersodalität Bamberg:

http://www.marianische-sodalitaet-bamberg.de/

Weitere Informationen über das Diözesanmuseum Bamberg:

http://www.dioezesanmuseum-bamberg.de/

 

Rezension: Parteien und Korporationen

„Als Auffrischung darüber, wie selbstverständlich das Verbindungswesen bis zur NS-Zeit in allen Parteien vertreten war, ist es ein interessantes Buch. Es wäre aber schön, wenn in allen Parteien ein solcher Bekenntnismut bestehen würde.“

Thilo Lambracht im CORPS-Magazin 2/2018 (S. 35) über das Werk „Rote Fahnen, bunte Bänder“ (hg. v. Manfred Blänkner u. Axel Bernd Kunze, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016).

Die ganze Rezension ist online zu lesen unter: http://www.die-corps.de/pageflip/CorpsMagazin_2018-2/index.html#corpsmagazin_2018_2_neu_ansicht/page/34-35

Schlaglicht: Der Kulturstaat braucht eine normative Grundlage – oder: Warum das Kreuz von öffentlicher Bedeutung ist

Deutschland erlebt eine neuerliche Kruzifixdebatte, seit der bayerische Ministerpräsident, Markus Söder, beschlossen hat, in allen öffentlichen Gebäuden des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen. Wie bei einem solchen Thema nicht anders zu erwarten, löste der bayerische Vorstoß heftige ablehnende Reaktionen aus. Der Münchner Kardinal Marx warf Söder vor, das Land zu spalten und das Kreuz im Namen des Staates zu enteignen. Es mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen, wie glaubwürdig es wirkt, wenn gerade jener oberste Repräsentant des deutschen Katholizismus, der sich auf dem Tempelberg nicht zu fein war, sein Bischofskreuz zu verstecken, nun dazu aufschwingt, mit aller Vehemenz den religiösen Gehalt des Kreuzes zu verteidigen.

Der freiheitliche Rechts- und Verfassungsstaat soll weltanschaulich neutral sein, aber keinesfalls religionslos. Israel, wo die Mesusa selbstverständlich in öffentlichen Gebäuden hängt, ist hierfür nur ein Beispiel. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio erinnerte in der liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“ daran, dass das deutsche Religionsverfassungsrecht gerade nicht laizistisch angelegt ist: „Danach kann der neutrale, der säkulare Staat durchaus wohlwollend auf Religionsgemeinschaften zugehen, die Hand zur Kooperation ausstrecken und aus der Welt des Glaubens auch Symbole und Botschaften übernehmen, solange das nicht Parteinahme oder gar theologische oder inhaltliche Positionierung bedeutet.“

Ein anderer Verfassungsrichter, Wolfgang Böckenförde, wurde vor allem durch sein Diktum berühmt, wonach der säkulare Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Der moderne Staat bedarf der Legitimation. Wir haben uns daran gewöhnt, in einem stabilen, demokratischen Rechts-, Sozial- und Kulturstaat zu leben. Doch selbstverständlich ist das keineswegs. Und so tun wir alle gut daran, mit den kulturellen Grundlagen unseres Staatswesens nicht allzu sorglos umzugehen.

Das Kreuz im Gerichtsgebäude erinnert auch im säkularen Staat daran, dass irdische Gerechtigkeit immer fehlbar bleibt und wir noch einer anderen Instanz, nennen wir sie Gott oder Gewissen, verantwortlich bleiben. Ankläger und Zeugen werden daran erinnert, nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis gegen andere abzulegen, Richter daran, das Recht nicht zu beugen oder vorschnell Urteile zu sprechen.

Das Kreuz in Amtsgebäuden, erinnert daran, dass jeder Einzelne eine unveräußerliche Würde besitzt. Im sozialen Rechtsstaat wird diese in der Anerkennung vorstaatlicher Menschenrechte konkret. Allerdings kann der Wille zum Recht rechtsimmanent allein nicht gesichert werden. Ein formaler Verfassungspatriotismus genügt als Ethos nicht, um die Menschenrechte dauerhaft zu sichern. Hierfür braucht es eine tiefergehende religiöse oder ethische Motivation.

Der Mensch ist mehr als ein Funktionär der sozialen Verhältnisse. Lebendig, geistig vital und schöpferisch bleibt ein Gemeinwesen nur dann, wenn seine Bevölkerung nicht allein funktional qualifiziert ist, sondern umfassend gebildet. Hierzu gehört ein Wissen um die eigene kulturelle Herkunft und Identität. Diese ist nicht beliebig austauschbar. In früheren Zeiten hat man für Kreuze in Schulen gekämpft. Ein Staat, der sein kulturelles Gedächtnis verliert und in dem es keine verlässlichen Gemeinsamkeiten mehr gibt, muss den Verlust an Integrationskraft durch Kontrolle und Steuerung ersetzen.

Die Identität unseres Gemeinwesens ist weder vom Himmel gefallen noch in einem weltanschaulichen Vakuum entstanden. Sie ist historisch-konkret gewachsen, und zwar in einem Prozess, in dem religiöse und kulturelle Werte nicht zu trennen sind. Wer dies nicht sehen will, sollte die Kultur unseres Zusammenlebens einmal mit der konkreten Praxis etwa in muslimischen Ländern des Nahen oder Mittleren Ostens vergleichen. Das Kreuz steht nicht allein für Heimat, Geborgenheit oder regionale Brauchtumspflege – das wäre zu wenig.

Das Kreuz steht für die kulturellen Wurzeln, aus denen unser demokratischer Rechts-, Sozial- und Kulturstaat lebt. Es ist kein Missbrauch des Kreuzes oder die Enteignung einer Religion, wenn sich unser Staat auf diese Wurzeln besinnt und diese im öffentlichen Raum präsent hält. Er wird dadurch auch nicht übergriffig, sofern er nicht den Einzelnen zu religiösen Bekenntnisakten zwingt. Intoleranz gegenüber Religion entsteht im Gegenteil leichter dort, wo diese als etwas Bedrohliches erscheint und öffentlich nicht mehr verstanden wird. Der Staat verletzt auch nicht die notwendige Pluralität unserer Gesellschaft oder das Toleranzgebot, wenn seine Akteure darauf hinweisen, dass die kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens und die Identität des Staatsvolkes nicht beliebig austauschbar sind. Das Kreuz zeigt an, dass unser Land kein kultur- und gesichtsloser Raum ist – so etwa Nora Gomringer, die Leiterin des Internationalen Künstlerhauses „Concordia“ in Bamberg, im Interview mit der „Herder Korrespondenz“. Wollten wir uns auf andere Erzählungen festlegen, aus denen sich das historisch-geistige Erbe unseres Zusammenlebens speist, würde sich dessen Ethos unweigerlich ändern. Ja, selbst der Streit über das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol setzt die besondere abendländische Prägung voraus, wie sie sich in der Trennung von religiöser und politischer Sphäre bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten äußert.

Differenzierter als Marx hat sich sein evangelischer Amtsbruder Heinrich Bedford-Strohm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Wort gemeldet, auch wenn sein Votum für einen „öffentlich orientierenden Umgang“ mit dem Kreuz recht schwammig bleibt. Schon Paulus wusste, wie sehr das Kreuz polarisiert: Den Griechen bleibt es eine Torheit, den Juden ein Ärgernis. Zu Recht weist der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland dann auch darauf hin, dass sich das Kreuz nicht vorschnell vereinnahmen lässt: Es zwingt staatliches Handeln zur Demut und bewahrt vor der Versuchung des Totalitarismus. Die rechtmäßige, in biblischer und sozialethischer Tradition gut begründete Gewalt des Staates bedarf normativer Grundlagen, wenn sie nicht zum Unrecht einer Räuberbande mutieren soll. Das Kreuz bleibt aber auch eine Anfrage an die Kirche, die sich vor allzu vorschnellen politischen Heilsgewissheiten in vorletzten Fragen hüten sollte. Gerade zahlreiche Wortmeldungen aus den Kirchen in der seit 2015 emotional geführten Migrations- und Integrationsdebatte belegen, wie virulent diese Versuchung ist. Und möglicherweise haben die abwehrenden Haltungen deutscher Kardinäle gegen Söders Kreuzinitiative auch etwas damit zu tun, dass man es auf einmal mit der Angst bekommt, die eigene Blauäugigkeit gegenüber dem Islam werde am Ende als zu leicht befunden.

Das Kreuz ist öffentlich, weil auch der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis war. Das Kreuz ist politisch relevant, weil es aus christlicher Sicht eine Wahrheit über Gott und den Menschen ausdrückt. Es ist aber nicht parteipolitisch, so als könnten aus ihm eins zu eins Forderungen für die Tagespolitik abgeleitet werden. Das Kreuz in öffentlichen Gebäuden kann das harte Ringen um eine an Recht und Gerechtigkeit orientierte Politik in Verantwortung vor Gott und den Menschen nicht ersetzen. Vor dieser Aufgabe stehen Christen wie Nichtchristen gleichermaßen. Und das Kreuz in öffentlichen Gebäuden ersetzt auch nicht ein lebendiges religiöses Leben. Wie die Kirchen in Deutschland geistlich wieder vitaler werden können, bleibt eine brennende Anfrage an alle, die sich auch persönlich zur religiösen Bedeutung des Kreuzes bekennen.

Schlaglicht: Warum ich nicht am Katholikentag in Münster teilnehme …

Münster hält sich für eine liberale Universitäts- und Beamtenstadt: der richtige Ort also für einen Katholikentag, auf dem sich der Katholizismus gern gesellschaftskritisch, dialogoffen und modern präsentiert – ein wenig jedenfalls. Beim Jubiläumstreffen vor zwei Jahren in Leipzig hatte das gastgebende Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD) gänzlich ausgeladen. Jetzt darf immerhin der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion im Rahmen des offiziellen Katholikentagsprogramms auftreten. Gern gesehen ist Volker Münz dennoch nicht, wie der oberste Repräsentant des deutschen Funktionärskatholizismus, Thomas Sternberg, im Februar im Interview deutlich machte: „Wir haben die kirchenpolitischen Sprecher aller Fraktionen im Bundestag eingeladen; dazu gehört nun leider auch die AfD.“ Unverblümt rückte der ZdK-Präsident und CDU-Politiker im Gespräch mit der Bielefelder Zeitung die AfD in die Nähe des Nationalsozialismus.

Noch im vergangenen Jahr hatte Sternberg versucht, den links-liberalen – „Wir sind Kirche“ – wie den konservativen Flügel – „Forum deutscher Katholiken“ – des organisierten Laienkatholizismus an das ZdK zu binden, was in beiden Fällen scheiterte. Vom Anspruch, das ZdK zum Repräsentanten der gesamten Bandbreite des deutschen Katholizismus zu machen, ist im Vorfeld des münsterschen Katholikentreffens nicht mehr viel übrig geblieben. Christen, die etwa in der Migrations- und Integrationspolitik von der Linie der Großen Koalition abweichen, vertreten nicht einfach eine andere politische Meinung, über die demokratisch gestritten werden kann, sondern werden plakativ des Rassismus verdächtigt.  Und das ZdK lässt sich gern vor den parteipolitischen Karren seines Präsidenten spannen. Liberalität und Dialogoffenheit sehen anders aus.

Der Katholikentag von Münster verschließt sich der kontroversen Debatte, noch bevor diese überhaupt beginnen kann. Die christliche Botschaft ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Christen engagieren sich in einem weiten demokratischen Spektrum links wie rechts der Mitte. Und das ist gut so. Denn unter Christen darf es unterschiedliche Positionen zu politischen Fragen geben, darf über politische Streitfragen politisch diskutiert werden und muss um das rechte politische Handeln mitunter auch hart gerungen werden. Gerade ein ehemaliger Akademiepräsident wie Sternberg sollte dies wissen, waren es doch nicht zuletzt die katholischen Akademien, die in der „alten“ Bundesrepublik viel dazu beigetragen haben, die Ausgrenzung sozialdemokratisch engagierter Katholiken zu beenden.

Stattdessen setzt der Münsteraner Katholikentag jenen neuen Kulturkampf und jene Spaltung des Landes innerkirchlich fort, die wir erleben, seit Merkel ihre realitätsuntaugliche, unkontrollierte, als alternativlos deklarierte Einwanderungspolitik an Recht und Parlament vorbei durchgesetzt hat – und welche die Große Koalition trotz allen Heimatgeredes bis heute fortführt. Es ist ein innerbürgerlicher Kulturkampf, der hier ausgetragen wird: zwischen links-liberalen und poststrukturalistisch orientierten einerseits, freiheitlich-konservativen und staatsnahen Positionen andererseits. In diesem aktuellen Kulturkampf, den der katholische Publizist Matthias Matussek in seinem neuen Buch „White Rabbit“ auf intellektuell anregende und sprachlich genussvolle Weise wortgewaltig beschrieben hat, zeigt sich ein neuerlicher katholischer Integralismus, auf Seiten der Bischofskonferenz wie des Laienkatholizismus. Das parteipolitische wie sozialethische Spektrum, das Bischöfe und Laienfunktionäre für zulässig erachten, bleibt äußerst begrenzt. Weite Teile der kirchlichen oder theologischen Öffentlichkeit haben sich vom Traditionsstrom katholischer Staatsethik verabschiedet. Die Integrität des Staates, seine Rechtsfunktion und die kulturelle Identität des Staatsvolkes zu verteidigen, steht sozialethisch gegenwärtig nicht hoch im Kurs.

Je lauter das Lied der Buntheit, Verschiedenheit und Toleranz im deutschen Katholizismus gesungen wird, umso obsessiver wird der Druck, politischen Konformismus zu erzwingen – auch innerkirchlich. Dies hat sich im Vorfeld des diesjährigen Katholikentages einmal mehr gezeigt: Was die Jusos für die SPD, ist der BDKJ für das ZdK. Der Jugendverband setzte das ZdK mit dem Vorwurf unter Druck, es mache die AfD in Münster hoffähig. Und eine Münsteraner Erklärung, initiiert vom Institut für Theologie und Politik, will glauben machen, dass sich kirchlicher Mut gerade darin zeige, die AfD erneut auszuladen.

„Suche Frieden …“ lautet das Motto des diesjährigen Katholikentages in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens. Doch ein nennenswerter Beitrag zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung unseres Landes, von der selbst die Kanzlerin in der Regierungserklärung zu Beginn ihrer aktuellen Amtszeit gesprochen hat, wird von diesem Katholikentag nicht ausgehen. Hierfür braucht es keine „mutige Kirche“, die sich dem kontroversen Gespräch verweigert, sondern – in Matusseks Worten – einen „auseinandersetzungsstarken, traditionsstolzen, überzeugten und überzeugenden Katholizismus“. Das gegenwärtige ZdK steht hierfür nicht, sondern verzwergt sich gerade selber, indem es den politischen Katholizismus auf einen Abklatsch des üblichen Debattenmainstreams reduziert.

Grund zum streitbaren Gespräch und zur Auseinandersetzung gibt es mehr als genug: in den sozialethischen Debatten um Migration und Integration, den Umgang mit dem Islam und die kulturelle Identität unseres Landes, um die Funktion des Staates und die Bedeutung des Kreuzes im öffentlichen Raum oder um Streit um die Konsequenzen aus „Amoris laetitia“ für konfessionsverschiedene Ehepaare oder gleichgeschlechtliche Paare. Das Gespräch unter Christen wird weitergehen. Und es bleibt der Kirche in unserem Land zu wünschen, dass es weiterhin oder auch neuerlich Orte des politisch engagierten Katholizismus gibt, an denen mutiger, kontroverser und vitaler gestritten wird, als die selbst auferlegten Begrenzungen des Münsteraner Katholikentages erwarten lassen.