In der Stadt Viersen wurde ein Kirchenasyl mit polizeilichen Mitteln aufgehoben. Der Fall schlägt hohe Wellen, die Kirche reagiert mit heftigen Vorwürfen an die Adresse der Kommune. Axel Bernd Kunze, katholischer Sozialethiker und Mitautor des Bandes „Wiederentdeckung des Staates in der Theologie“ (Leipzig 2020), äußert sich hierzu in einem Gastkommentar in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Tagespost“: Das Problem Kirchenasyl. Die Autorität des Rechtsstaates nicht infrage stellen, in: Die Tagespost, 76. Jg., Nr. 29/2023, 20. Juli 2023, S. 8.
Kommentar
Zwischenruf: Ein alter Ladenhüter …
Der Berg kreißt und gebiert ein Mäuschen. Jetzt ist der da: der Bürgerrat. Und gleich beschäftigt er sich mit dem „Megathema“ Bildung. Nach der demokratischen Legitimation dieser pseudopartizipatorischen Veranstaltung fragen wir jetzt besser nicht. Was auf demokratischem Wege keine Mehrheit gefunden hat, obwohl schon seit Jahrzehnten darüber diskutiert wird, soll jetzt mit vermeintlich zivilgesellschaftlicher Legitimation wieder aufgewärtmt werden. Und doch: Das längere gemeinsame Lernen bleibt ein „Ladenhüter“. Wenn diese Mutter aller Bildungsreformen so beliebt wäre, wie ihre Verfechter tun, müssten die Gesamtschulen aus allen Nähten platzen. Und die Politik würde ganz von selber nachziehen.
Die Forderungen des „Bürgerrates“ erzählt das schöne Märchen eines ach so diversen Einwanderungslandes, in dem alle Integrationsprobleme sich von selbst lösen, würde man nur endlich das Schulsystem strukturell umbauen. Sicher: Auch über die Struktur des Bildungssystems muss nachgedacht werden. Aber dieses ist schon längst in hohem Maße durchlässig und anschlussfähig. Bildung ist ein personales Geschehen. Und damit ist beim Bürgerrat keine Rede: nicht von Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft, nicht von Orientierungswerten und einer stabilen kulturellen Grundlage, die Halt und Sicherheit geben, nicht vom notwendigen Erziehungsauftrag, für den Familie und Schule zusammen einstehen müssen. Nun gut, Pädagogik steht sowieso an zweiter Stelle, wo sich alles um Gerechtigkeit dreht.
Stattdessen gibt es wolkige Utopien, schön in Pastelltönen gemalt. Mehr frühkindliche Bildung, am besten gleich verpflichtend. Denn Freiheit ist sowieso ein Auslaufmodell. Kleinere Gruppen, natürlich alles kostenfrei. So als hätte man von Fachkräftemangel und finanzieller Überlastung der Kommunen noch nie etwas gehört. Ein zusätzliches Orientierungsjahr für alle, ob notwendig oder nicht – Orientierungslosigkeit in einer verlängerten Pubertät soll staatlich schön abgefedert werden. Wo das Freiheitsbewusstsein schwindet, werden am Ende alle über einen Kamm geschoren.
Was hier zusammenkommt, sind nicht Ideen eines „Bürger“-Rates, sondern kindliche Blütenträume eines finanziell unbegrenzt belastbaren Ich-werde-schon-alles-richten-Staates. Denn Bürger, die noch etwas von wahrer Bürgerlichkeit verstehen, wüssten, dass es für gute Bildung zuerst auf sie selber und nicht auf den Staat ankommt. Der Staat kann Rahmenbedingungen verschaffen, aber nicht die Einzelnen „bebilden“. Wer das glaubt, zeichnet die Karikatur eines Staates, der sich den Grenzen seiner eigenen Wirksamkeit nicht mehr bewusst ist.
Zwischenruf: Aufarbeitung der Coronapolitik weiterhin notwendig
Die Corona- und Impfpolitik, die wir erlebt haben, hat auf eine deutliche Polarisierung der Gesellschaft gesetzt. Die geistig-moralischen Langzeitschäden dieser politischen Richtungsentscheidung sind noch heute spürbar. Freundschaften sind daran zerbrochen, Zerwürfnisse selbst im Privaten bis heute nicht geteilt. Eine Aufarbeitung bleibt weiterhin dringend geboten.
Selbstverständlich muss es möglich sein, über verschiedene Entscheidungen der Gesundheitspolitik und das Verhalten einzelner Akteure in Coronazeiten kritisch zu diskutieren – und dabei wird es unterschiedliche Bewertungen geben, das ist Freiheit. Warum aber werden Kritiker der Impfpolitik dabei immer noch oft auf eine Rolle als Verschwörungstheoretiker oder Fake-News-Produzenten festgelegt? Das ist jene Einseitigkeit in der Debatte, die viel zur Polarisierung der Gesellschaft beigetragen hat. Wenn diese affektgeleitete Einseitigkeit in der Coronapolitik, bei der Wissenschaftler kräftig mitgestrickt haben, nicht unvoreingenommen aufgearbeitet wird, wird die Polarisierung chronisch. Und ich bin überzeugt davon: Auf Dauer wird das nicht gutgehen. Verdrängtes drängt sozialpsychologisch irgendwann nach oben.
Als Sozialethiker bleibe ich dabei: Jede Impfung stellt einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar und darf, zumal bei allein notfallzugelassenen neuartigen Impfverfahren, nur eine freie Gewissensentscheidung sein. Diesen menschenrechtsethischen und rechtsstaatlichen Grundkonsens haben weite Teile der Politik, der Wissenschaft, der Medien und der gesellschaftlichen Großorganisationen (einschließlich der Kirchen) in der Coronapolitik verlassen. Bis zur Ankündigung einer (Corona-)Politik „ohne rote Linien“. Eine solche sollte ein verfassungspolitisches und verfassungsrechtliches Unding sein. Es zeugt daher für eine gravierende Verrohung der politischen Debatte, dass sich gegen eine solche Entgleisung eines Bundeskanzlers so gut wie kein Widerstand regte.
Die Menschenrechte bleiben unteilbar. Für das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist genauso Zu streiten wie für die Wissenschaftsfreiheit oder das Recht auf Bildung. Wo es kein Recht am eigenen Körper mehr gibt, gibt es auch keine Wissenschaftsfreiheit und keine Bildungsfreiheit. Wir müssen diese Debatten führen, weil sich der biopolitische Kollektivismus nach Corona nicht erledigt hat. Im Gegenteil: Die Verschärfungen im Infektionsschutzgesetz sind nicht zurückgenommen, der WHO-Vertrag steht vor der Tür – und damit eine zentrale Preisgabe nationaler Souveränität in grundrechtsrelevanten Kernbereichen unseres Verfassungsstaates.
Wenn wir eine unvoreingenommene Aufarbeitung der coronapolitischen Polarisierungen, Übergriffe und Freiheitsverstöße wollen, müssen Grenzüberschreitungen in beiden Debattenlagern in den Blick genommen werden. Und das geschieht in der Regel nicht, stattdessen werden die Kritiker der Corona- und Impfpolitik weiterhin einseitig verdächtigt.
Noch heute wird die Debatte über die Coronapolitik aufs Ganze gesehen weiterhin einseitig geführt: In der Regel wird immer auf Kritiker der Corona- und Impfpolitik verwiesen, die in unwissenschaftliche „Querdenkerei“ oder Verschwörungstheorie abgeglitten seien oder sich zumindest nicht deutlich genug davon abgesetzt hätten. Sehr häufig begegnen weiterhin Pappkameraden- und Strohmannargumente, welche die Anliegen der Kritiker verzerren. Äußerst selten sind Stimmen zu vernehmen, die darauf hinweisen, welche Grenzüberschreitungen von den Befürwortern der Corona- und Impfpolitik gemacht wurden, beispielsweise durch die Legitimierung von Grundrechtseingriffen, die Diffamierung Andersdenkender oder auch durch eine naive Wissenschaftsgläubigkeit und einen säkularisierten Heilsglauben an Impfversprechen, die von vornherein wissenschaftlich unseriös waren. Forschungsfragen, die unvoreingenommen zu klären wären, liegen auch heute genügend auf dem Tisch, etwa zu den Daten zur Übersterblichkeit in Coronazeiten und deren Ursachen.Ethisch gab es Stimmen für eine auf Zwang und Ausgrenzung setzende Impfpolitik, die einem platten Utilitarismus folgten, den man in anderen Fällen sofort als unwissenschaftlich zurückgewiesen hätte. Mit der Rede von unumstößlichen „Fakten“ und „Faktenchecks“ ist mir in der Corona- und Impfpolitik viel zu oft auf unsachliche Weise Politik gemacht worden. Doch sollten wir wissen: Wissenschaft ist immer nur der letzte Stand des Irrtums. Wissenschaft hat sich durch seriöse Forschung Autorität zu erarbeiten.
Zwischenruf: Gefährlicher Tabubruch
Ludwig Spaenle wärmt in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ vom 15. Juni 2023 (76. Jg., Nr. 24/2023, S. 4) einmal mehr die Forderung nach einem Familienwahlrecht auf und begeht damit einen gefährlichen Tabubruch: Das Wahlrecht darf nicht um bestimmter Ziele oder Inhalte willen manipuliert oder die Wählerschaft so zusammengesetzt werden, daß am Ende ein politisch erwünschtes Ergebnis herauskommt. Der Zweck heiligt hier keineswegs das Mittel, zumal es eine unbewiesene Behauptung bleibt, dass Eltern tatsächlich im Interesse ihrer Kinder abstimmen würden. Überdies werden mit einem Familienwahlrecht die in langen historischen Kämpfen errungenen Prinzipien gleicher und geheimer Wahl in Frage gestellt. Wer Familien politisch mehr Einfluss geben will, der sollte ihre politische Handlungsfähigkeit verbessern: über politische Interessenvertretung, eine Mitarbeit in Parteien oder die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Dieser Weg bleibt mühsam. Manipulationen am Wahlrecht dagegen sind entweder naiv oder sogar gefährlich.
Zwischenruf: Paulskirche ohne Burschenschafter
Wer darf die Frankfurter Paulskirche nutzen, wer nicht? Im aktuellen Jubiläumsjahr wollten auch die Burschenschaften der Demokratiebewegung von 1848 mit einem Festakt an historischer Stätte gedenken – kein Wunder. Schließlich wird die Paulskirchenversammlung nicht ohne Grund auch als „Burschenschafterparlament“ bezeichnet. Die Stadt Frankfurt war mit diesem Ansinnen überfordert – und eierte herum. Am Ende fiel der burschenschaftliche Festakt der politischen Korrektheit zum Opfer und wurde abgesagt. Selbst die einstmals bürgerliche „Zeitung für Deutschland“ namens F.A.Z. hält das Verhalten der Stadt in diesem Fall für peinlich. Doch der Vorgang ist keinesfalls ein Einzelfall.
Unsere Staatsorgane haben schon in den zurückliegenden Jubiläumsjahren (2015: 200 Jahre Urburschenschaft, 2017: 200 Jahre Wartburgfest, 2022: 100 Jahre Lied der Deutschen als Nationalhymne) die burschenschaftlichen Wurzeln der deutschen Einigungsbestrebungen und Nationalstaatsgründung verleugnet. Das wiegt umso schwerer, als mit Flagge und Hymne sich mindestens zwei zentrale Staatssymbole diesen burschenschaftlichen Wurzeln verdanken. Aber es zeigt einmal mehr, wie wir mit Tradition, Geschichte und Identität unseres Staates umgehen. Es bleibt ein Trauerspiel.
Zwischenruf: Achte Kirche in Münster profaniert
Die Klinikenkirche Maria – Heil der Kranken im westfälischen Münster ist am gestrigen Fronleichnamstag profaniert worden. Das „Christliche Forum“ berichtet über die Abschiedsmesse. Diese Nachricht liegt mir besonders am Herzen, da ich in der Kirche mehrere Jahre ministriert habe. Der Glaube hängt nicht allein an Kirchengebäuden, das ist richtig. Richtig ist aber auch: Kirchen sind steinerne Zeugen für den Glauben. Jede Kirche ist ein Verlust. Ein Akt wie in Münster zeigt, wie der Glaube in unserem Land immer mehr verdunstet. Freuen sollten wir uns nicht darüber, im Gegenteil.
Kirchliche Publizistik: Chefredakteurin des Deutschlandfunks fordert Erhalt kirchlicher Medien
Köln/Kürten, 1. Juni 2023. Die Chefredakteurin des Deutschlandfunks, Birgit Wentzien, hat einen offensiven Umgang mit Künstlicher Intelligenz in den Medien gefordert. „Es ist doch so: Aufhalten können wir die Entwicklungen nicht. Sich angstvoll wegzuducken, wäre auch falsch. Nicht die KI bedroht unsere Arbeit, sondern diejenigen, die sie in böser Absicht nutzen“, sagte Wentzien den „Informationen“, der Monatszeitschrift der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) (Juni-Ausgabe). „Alles, was wir mit Hilfe der KI tun, müssen wir transparent und nachvollziehbar machen“, so die DLF-Chefredakteurin weiter.
Wentzien forderte den Erhalt kirchlicher Medien. Dieses Angebot brauche es unbedingt. „Medienarbeit darf für die Kirchen kein Luxus sein. Sie ist für ihre Arbeit essenziell. Ich sehe daher die jüngsten Kürzungen und Streichungen sehr kritisch.“ Als Protestantin, so Wentzien, denke sie hier zuerst an das Aus für die „Evangelische Journalistenschule“. Das seien Verluste, „die sich kommunikativ nicht mehr wettmachen lassen“. Inhaltlich wünscht sie sich von den verbliebenen kirchlichen Medien „mehr Disput, mehr Lust an der Kontroverse – in einer Form, die sich vom sonst leider üblichen Gezeter und Geschrei unterscheidet. Streiten muss man können. Kirchliche Medien sollten vormachen, wie das geht.“
Als Voraussetzung für den Bestand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland machte Wentzien sich für Konsequenzen aus den jüngsten Skandalen etwa um die frühere Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Patricia Schlesinger, stark. Es werde das öffentlich-rechtliche System auch noch in 20 Jahren geben, „wenn wir diejenigen nicht nur gewähren lassen, sondern auch bestärken, die Fehler in den Häusern ausfindig und publik machen“.
Die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stehe auf dem Prüfstand. „Wir müssen über die Schwächen reden und aus den Fehlern lernen“, sagte Wentzien, die seit 2012 im Amt ist. Gleichzeitig beklagte sie in der gegenwärtigen Medienlandschaft eine zu defensive Haltung von Journalistinnen und Journalisten. „Wir sollten das, was wir leisten, frohgemut ins Schaufenster stellen. Die Freiheit der Presse und des Rundfunks, die wir als Journalistinnen und Journalisten in diesem Land genießen, ist spektakulär. Das müssen wir leben – und verteidigen.“
Am 16. Juni diskutiert Wentzien im Rahmen einer Tagung der GKP anlässlich deren 75-jährigen Bestehens in Köln über die Zukunft des Journalismus. Mit dabei ist unter anderem auch „Stern“-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.
Hinweise zum Programm finden Sie unter www.gkp.de/medienarbeit-darf-fuer-die-kirchen-kein-luxus-sein
Die Gesellschaft Katholischer Publizisten e. V. (GKP) ist ein Zusammenschluss von mehrals 550 Medienschaffenden. Auf der Basis des christlichen Glaubens trägt sie zur Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bei, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen des publizistischen Bereiches. Seit 1984 verleiht die GKP die Franz-von-Sales-Tafel an Menschen, die sich als katholische Publizistinnen und Publizisten besondere Verdienste erworben haben.
Quelle: Pressemitteilung der GKP (www.gkp.de)
Neuerscheinung: „Wort-Gottes-Feiern wirken künstlich“
Die Verlagsgruppe Bistumspresse hat ihre Leser um Stellungnahmen zu Wort-Gottes-Feiern gebeten. Ausgewählte Reaktionen wurden in der Ausgabe Nr. 20/2023 jetzt veröffentlicht. Darunter auch der folgende Beitrag von Axel Bernd Kunze:
Die Entwicklung ist anders verlaufen, als vom Zweiten Vatikanum angezielt. Die zögerliche Rezeption dessen, was die Liturgiekonstitution wollte, zeigt, dass es möglicherweise keinen rechten Bedarf für eine solche Feierform gibt.
Die gegenwärtigen Wort-Gottes-Feiern haben sich vor allem als Ersatzform an priesterlosen Sonntagen etabliert. Und diesen Ruf werden sie auch nicht mehr verlieren. Ihren Wert haben Sie darin, dass die Gemeinde am Sonntag zusammenkommt und weiterhin Sonntagsgottesdienste vor Ort gefeiert werden. Das sollte nicht unterschätzt bleiben. Dennoch bleibt ein ungutes Gefühl.
Wort-Gottes-Feiern wirken künstlich, ohne rechte Anbindung an die gewachsene Tradition katholischer Liturgie. Mit zwei Folgen: Zum einen bleiben die Modelle der Bischofskonferenz bemüht, weil sie nicht organisch gewachsen sind und Parallelen zu einer Messfeier krampfhaft vermeiden wollen. Zum anderen weiß ich als Mitfeiernder oftmals nicht, worauf ich mich einlasse. Ich werde überfallen von mehr oder weniger schlüssigen, nicht selten beliebigen Einfällen des Leiters oder der Vorbereitungsgruppe.
Der Tradition katholischer Liturgie entspricht die Feier der Tagzeiten, etwa als Vigil am Vorabend oder als Laudes am Sonntagmorgen. Und das ohne Verwechselungsgefahr mit einer Eucharistiefeier. Hier haben wir eine gewachsene, eingeführte, theologisch stimmige Form, in der die Psalmen und die Schriftlesung ihren guten Ort haben. Ihre Feier kann von Diakonen wie Laien gehalten werden. Warum das Rad neu erfinden?
(erschienen in: Kirchenzeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse, Nr. 20/2023)
Zwischenruf: Ein neues Kapitel in der „Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche“
Vor zwei Jahren veröffentlichte der Hildesheimer Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs eine vielbeachtete Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche. Nun wissen wir: Kniggeregeln ändern sich. Und das wohl auch in der Kirche. Die Geschichte des schlechten Benehmens wird also irgendwann fortzuschreiben sein. Ein neues Kapitel dieser Geschichte bilden die Protestformen extremistischer Klimaaktivisten. Nach Museen sind mittlerweile auch Kunstwerke in Kirchen im Visier, so der Bamberger Reiter.
Doch für das Bamberger Metropolitankapitel sind solche Übergriffe wohl kein schlechtes Benehmen, wenn man einer Pressemitteilung des Erzbistums vom 9. Mai 2023 glauben darf. Eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs wurde zurückgezogen. Und warum sollte man hier auch die Strafverfolungsbehörden behelligen. Denn schließlich erklärte Domkapitular Prof. Dr. Koziel auf einer Podiumsdiskussion: „Wir teilen die Anliegen der Klimaschützer.“ Das Bamberger Domkapitel folgt offenbar der Maxime, dass der Zweck am Ende die Mittel heiligt. So drückt es der Pressesprecher des fränkischen Erzbistums und Regionalkrimiautor in seiner Pressemitteilung selbstverständlich nicht aus: Nein, es gehe ja schließlich um Bewahrung der Schöpfung, ein mithin theologisch wie kirchlich hehres Anliegen.
Der geneigte Kirchensteuerzahler mag dann doch weiterfragen. Denn immerhin finanziert er mit dem Ertrag seiner Hände Arbeit auch den kirchlichen Betrieb. Woher nehmen Erzbistum und Domkapitel das politische Mandat, Ziele, Straftaten und Aktionsformen einer linksextremistischen Protestgruppe, die unseren Rechtsstaat unterhöhlt, durch einseitige Parteinahme zu unterstützen? Aber womöglich gilt eher diese Frage als schlechtes Benehmen, und nicht der Missbrauch des Domes für politischen Aktivismus.
Es mag sein, dass in diesem Fall dem Bamberger Reiter, dessen kunsthistorischer Wert allgemein bekannt sein dürfte, kein Schaden zugefügt wurde. Wenn solche Aktionen vom Metropolitankapitel allerdings nicht mehr verfolgt werden, sollte man sich nicht wundern, wenn der Dom auch künftig für Politaktionen herhalten muss, bei denen dann irgendwann möglicherweise doch weitergehender Schaden entsteht. Auf die Domschweizer könnte man – im Zuge des allerorten bestehenden Fachkräftemangels – auch gleich verzichten. Denn Hausfriedensbruch ist für den Hausherrn des Domes offenbar kein Problem mehr.
Zwischenruf: Was heißt hier Diversität?
Die Alma mater in Bamberg hat dieses Sommersemester als ein „politisches Semester“ deklariert. Wer die Nachrichten für Alumni erhält, wird es gelesen haben. Die neue Rahmenvereinbarung mit dem Freistaat Bayern stellt u. a. das Thema Diversität in den Mittelpunkt. Dies mag im Vergleich mit anderen Bundesländern oder Hochschulen nicht besonders originell sein, soll aber alles andere als ein Papiertiger bleiben. Schon jetzt gibt es an der Universität Bamberg Diversity-Gastprofessuren, Diversity-Gastvorträge, und Diversity-Forschungsprojekte. Künftig wird es jährlich einen Diversity-Tag und auch ein Diversity-Vorlesungsverzeichnis geben. Der Widerspruch zu den im Hochschulbetrieb kritiklos akzeptierten 2G-Regeln zu Coronazeiten scheint niemandem auffallen. Dies mag kein Zufall sein. In Zeiten der „Generation Gleichschritt“ (Ralf Schuler, kürzlich ausgezeichnet mit dem Jürgen-Moll-Preis für verständliche Wissenschaft) ist Diversity oftmals ein Synonym für die Gleichschaltung des öffentlichen Raumes, auch der Universität, deren Diskurse sich immer stärker an einer „woken“ Agenda ausrichten. Diversity gilt nur für jene, die im Strom der Zeit mitschwimmen. Nicht umsonst hat sich vor einigen Jahren ein Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet, das sich gegen Formen einer „Cancel Culture“ hierzulande wendet.
Bereits mit Semesterbeginn nahmen einige Vertreter der akademischen Szene Bambergs den Aufruf zu einem „politischen Semester“ offenbar gleich wörtlich und schritten zur Tat. Während der Kneipe einer örtlichen Verbindung wurde deren Korporationshaus erneut Opfer eines Farbanschlags. Diversity gilt nicht für korporative Traditionen und Werte. Schlagworte, die den öffentlichen und akademischen Diskurs beherrschen, sind keinesfalls ein Papiertiger. Sie prägen das gesellschaftliche Klima. Quod erat demonstrandum.
Gerade deshalb sollten wir im Jubiläumsjahr der Frankfurter Paulskirchenversammlung die freiheitlichen Traditionen unseres Landes selbstbewusst leben. Diese sind keinesfalls überholt, im Gegenteil. Unser Vaterland und unsere Universität brauchen auch weiterhin den Mut zum Selberdenken und den starken Einzelnen, der sich dem Zwang zum Gleichschritt widersetzt. Diese akademischen Tugenden sollten wir hochhalten, gerade in Zeiten wie den unsrigen. Das wäre politisch, im Sinne des Einsatzes für das Gemeinwesen. Sapere aude!