Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat am 12. Mai 2026 zum zweiten Mal seinen Positivpreis für Wissenschaftsfreiheit verliehen. Die Verleihung fand dieses Mal in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien statt. Preisträger ist der Soziologe Alexander Bogner. Der erste Preis ging 2024 an den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, den Juristen Bernhard Kempen. Die Preisentscheidung löste auch in den eigenen Reihen deutliche Kritik aus, da Kempen als Vertreter eines hochschulpolitischen Spitzenverbandes die freiheitsfeindliche Coronapolitik mitgetragen hatte. Unter seiner Ägide wurden zentrale Akteure der Coronapolitik, so der Virologe Drosten und die beiden BioNTec-Gründer, als Hochschullehrer des Jahres ausgezeichnet.
In der diesjährigen Begründung des Netzwerkes heißt es: „Der Preisträger hat sich als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie in besonderer Weise für die Wissenschaftsfreiheit eingesetzt und vor einer breiten Öffentlichkeit wesentliche neue Akzente in die aktuellen Debatten zum Thema eingebracht. In ruhigem, sachlichem Ton weist er Ansprüche zurück, mit vermeintlich kritischer Wissenschaft eine bestimmte (‚fortschrittliche‘) Gesinnung qua wissenschaftlicher Autorität für sakrosankt zu erklären. Wissenschaft hat nach Bogner nur dann einen demokratischen Nutzen, wenn sie verlässliches Wissen liefert und nicht Ideologien das Wort redet; wenn sie sich keiner politischen Doktrin verschreibt und genau deshalb eine antiautoritäre Wirkung hat. In dem gemeinsam mit Caspar Hirschi (St. Gallen) verfassten Grundsatztext ‚Rollentausch von Aktivisten und Antiakademikern‘ kritisiert er nicht nur, dass ganze Fachrichtungen ihre wissenschaftlichen Studien mit politischen Zielen verbinden, sondern erklärt sowohl ideologiegeleiteten wissenschaftlichen Aktivismus als auch antiakademischen Populismus mit einer Dialektik, die durch ein wechselseitiges Hochschaukeln von Selbst- und Fremdpolitisierung vorangetrieben wird“ (Pressemitteilung vom 27. März 2026).
Den besonderen Anstoß zur Preisverleihung gab, wie das Netzwerk weiter ausführt, dass Bogner öffentlich dagegen protestiert hatte, dass sich viele wissenschaftliche Vereinigungen aus aktivistischen Motiven der Boykottbewegung (BSD) gegen Israel angeschlossen hätten. BSD wird sowohl vom Deutschen Bundestag als auch vom Österreichischen Nationalrat als antisemitisch eingestuft. Die Internationale Soziologische Vereinigung hat die Mitgliedschaft der israelischen Fachgesellschaft infolge des Gazakrieges suspendiert. Bogner erwirkte als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS) daraufhin, dass diese ihre Mitgliedschaft im internationalen Dachverband beendete. Das Netzwerk Wissenschaft wertet dieses Engagement Bogners in der genannten Pressemitteilung als ein Zeichen von Zivilcourage, das zugleich eine notwendige Debatte über Wissenschaftsfreiheit und die Politisierung von Wissenschaft angestoßen habe.
Der Einsatz des Preisträgers gegen ein aktivistisches Wissenschaftsverständnis und die Ausgrenzung andersdenkender Wissenschaftler oder Wissenschaftsvereingiungen aus politischen Motiven ist zweifelsohne anerkennenswert. Allerdings geht das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zu weit, wenn es so tut, als wären Konzepte wie „israelbezogener Antisemistismus“ nicht selbst Ergebnis einer sozialwissenschaftlichen Debatte. Vielmehr muss es gleichfalls zur Wisenschaftsfreiheit gehören, dass über das, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, an Universitäten fair, methodisch kontrolliert und unvoreingenommen diskutiert und geforscht werden kann. Eine Wissenschaft, die nur gesellschaftliche Vorverständnisse exekutieren wollte, bräuchte im Letzten keine Wissenschaftsfreiheit. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit müsste offenlegen, dass es bei seinem Verständnis von „israelbezogenem Antisemitismus“ einer Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance folgt, basiert, welche wiederum auf einer 2005 ausgearbeiteten Definition des European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia, der heutigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte fußt – im Letzten also selbst einer politischen Definition folgt.
Die Preisverleihung fand in der österreichischen Presse keinesfalls ein allein wohlwollendes Echo. So sprach der „Standard“, um nur ein Beispiel zu nennen, in seiner Berichterstattung im Blick auf den Preisgeber von einem „umstrittenen Netzwerk“ aus Deutschland. Die Philosophin Anne Sopie Meincke von der Universität Wien, welche der Jungen Akademie der ÖAW angehört, kritisierte gegenüber der Presse, dass dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit auch Mitglieder angehörten, die sich am Rand dessen bewegten, was verfassungsrechtlich akzeptabel sei. Sie erwarte eine entsprechende Distanzierung und erklärte, dass der Einsatz für Wissenschaftsfreiheit nicht allein bedeuten könne, Kritik an konservativen bis „weit rechts anzusiedelnden“ Positionen abzuwehren.
Dieser Kritik schließt sich auch der Preisträger selber an. So zitiert ihn der „Standard“ mit folgenden Worten: Man sollte sich im Netzwerk über Kritik nicht wunder, wenn „sich die Energie tonangebender Mitglieder nur an den Gender Studies festfrisst und keiner anderen Disziplin.“ Von einem Preisträger hätte man durchaus eine andere Reaktion und mehr Solidarität gegenüber dem Preisgeber erwarten dürfen.
Mittlerweile haben sich Mitglieder der österreichischen Fachgesellschaft für Soziologie auf eigene Initiative von der Preisverleihung an ihren Kollegen Bogner distanziert und erklärt: „Als ÖGS-Mitglieder sehen wir diese Preisverleihung sehr kritisch und möchten weder mit dem „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ noch mit dessen Verständnis von Wissenschaftsfreiheit in Verbindung gebracht werden.“ Die nicht von der Mitgliederversammlung beschlossene Erklärung wird von der ÖGS auf ihren eigenen Internetseiten veröffentlicht. Man kann dies als Ausdruck eines fachinternen Pluralismus werten, aber auch als Distanzierung vom eigenen Präsidenten. Bogner könnte sich auf das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit berufen, sitzt jetzt aber offenbar zwischen den Stühlen.