Warum die Vertreibung des Religionsunterrichts an bayerischen Berufsschulen in die „optimierte Ohnmacht“ führt
Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Michael Tappen
In München vollzieht sich derzeit ein stiller, aber fundamentaler Umbruch an den Beruflichen Schulen (BRU): Der konfessionelle Religionsunterricht wird unter Verweis auf eine multi-ethnische Schülerschaft und sinkende Katholikenzahlen schrittweise „ausgeschlichen“. Was oberflächlich wie eine pragmatische Anpassung an die moderne Stadtgesellschaft wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als bildungspolitischer Offenbarungseid. Denn der unaufhaltsame Ersatz durch ein oft verflachtes Ersatzfach Ethik entzieht den Jugendlichen genau das, was sie in der heutigen Krisenzeit am dringendsten bräuchten: Einen Raum für transzendentale und metaphysische Gedanken.
Die Illusion der rein immanenten Werteerziehung
Der moderne Ethikunterricht an unseren Berufsschulen neigt immer stärker dazu, sich in zwei Extremen zu verlieren: Entweder er mutiert zu einer Diskussionsrunde über zeitgeistigen „Umwelt- und Ressourcen-Kram“, oder er verkommt zu einem verkürzten „Psychokram“ im Stile einer Schmalspur-Schulsozialarbeit. Den angehenden Lehrkräften wird an den Universitäten oft suggeriert, sie müssten eine Mischung aus Klima-Aktivisten und Therapeuten sein.
Dabei wird eine fatale Rollenkonfusion betrieben. Junge Menschen, die unter massivem Digitalstress stehen, die Klick-und-Kick-Sucht des Smartphones bewältigen und die psychischen Nachwehen der Corona-Pandemie verarbeiten, brauchen keine gut gemeinten, aber unprofessionellen psychologischen Gesprächskreise. Sie brauchen erst recht keine moralischen Appelle zur Selbstopoptimierung. Was sie erleben, ist eine tiefe, existenzielle Sinnkrise. Und diese lässt sich nicht sozialpädagogisch wegreparieren.
Die „Ritalin-Sucht“ als Schrei nach dem Unverfügbaren
Wenn Schule jede Form von Metaphysik – also den Blick auf das, was über das rein Messbare, Materielle und Ökonomische hinausreicht – radikal wegfiltert, hinterlässt sie ein Sesam-öffne-dich-Vakuum. Wenn es kein „Darüber-hinaus“ mehr gibt, muss jeder Trost, jeder Kick und jede Entlastung sofort im Hier und Jetzt konsumiert werden. Der Griff zu Ritalin oder anderen Substanzen ist in einer durchoptimierten, aber metaphysikfreien Welt der logische, profane Ersatz für eine echte Transzendenserfahrung.
Die Berufsschule ist für die allermeisten Jugendlichen die buchstäblich letzte biografische Station, an der sie überhaupt noch mit systematischer Bildung und Kulturgeschichte konfrontiert werden. Danach folgt das reine, funktionale Erwerbsleben. Wenn wir ihnen genau hier die Auseinandersetzung mit den großen, kontroversen religiösen und philosophischen Entwürfen unserer Kultur vorenthalten, entlassen wir sie existenziell schutzlos in den Markt. Wir entlassen sie in die optimierte Ohnmacht: Sie funktionieren zwar perfekt als Rädchen im Getriebe, sind aber sprachlos gegenüber dem eigenen Leid und den Abgründen des Daseins.
Schluss mit der „Versorgungs-Mentalität“ in der Lehrerausbildung
Hierbei geht es längst nicht mehr nur um den römisch-katholischen Religionsunterricht. Das Problem betrifft das Fach Ethik und dessen akademisches Fundament gleichermaßen. In Bayern wird die Ausbildung zum Ethiklehrer viel zu oft als Auffangbecken für Lehrkräfte genutzt, die „versorgt werden müssen“, oder als Bühne für Parteipolitiker, die ihr ideologisches Süppchen kochen wollen. Das ist eine eklatante Missachtung des klaren Verfassungsauftrags zur Herzens- und Charakterbildung.
Wir brauchen stattdessen eine radikale Professionalisierung nach Hamburger Vorbild: Ethik als eigenständiges, wissenschaftliches Studienfach, das zwingend die christliche Philosophie inkludiert. Von Martina Dege findet man im Hamburger Philosophie- und Ethik-Lehramt genau hierzu sehr deutliche und prägende Spuren – allerdings weniger direkt im Vorlesungsverzeichnis der Universität Hamburg, sondern im Fundament der Hamburger Fachdidaktik und der Lehrerbildung. Nur eine solche akademische Tiefenschärfe hält die Schön-Redner vom Studium ab und sichert das intellektuelle Niveau, das für die existentielle Konfrontation an den Berufsschulen zwingend nötig ist.
Kann man mit einer amputierten Sozialethik noch Staat machen?
An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu der von PD Axel Kunze aufgeworfenen Frage: „Kann man mit Sozialethik heute noch Staat machen?“ Die Antwort lautet: Nein, man kann es nicht – jedenfalls dann nicht, wenn man die Existenz der Kirche und des Religionsunterrichts auf eine bloße, immanente „soziale Größe“ reduziert, wie es sich derzeit politisch durchzusetzen scheint. Und genau hier liegt der Casus knaxus dieser Entwicklung.
Eine reine humanistische Wohlfahrtsethik verflacht und nivelliert unsere derzeitige multikulturelle Realität, indem sie die real existierenden, tiefen religiösen und kulturellen Unterschiede der Menschen unter einem künstlichen, westlich-abstrakten Wertekonsens begräbt. Wenn Sozialethik nicht mehr transzendental rückgebunden ist, verkommt sie zur bloßen Systemstabilisierung und staatlichen Integrationsethik. Sie verliert ihre kritische, prophetische Gegenkraft zum Markt. Nur wenn wir an der metaphysischen Dimension festhalten, behält die Sozialethik ihre Substanz – und nur dann kann sie Jugendlichen in der Krise ein echtes Fundament bieten.
Ein Sondervermögen für den Stab unserer Verfassung
Wir müssen uns heute ernsthaft fragen, wie wir den Stab unserer bisherigen Verfassung sonst an die nächste Generation weitergeben wollen, wenn wir die geistesgeschichtlichen und metaphysischen Wurzeln, auf denen sie ruht, in der Bildung einfach klammheimlich ausradieren. Wenn der Staat Milliarden für die äußere Sicherheit und wirtschaftliche Transformationen mobilisieren kann, dann müsste uns die innere, ethische und transzendentale Widerstandskraft unserer Jugend heute erst recht ein echtes „Sondervermögen“ wert sein.
Wenn das Phänomen des Religionsunterrichtssterbens an Münchner Schulen ignoriert wird und der Unterricht zu einer psychosozialen Reparaturwerkstatt verflacht, schafft sich das Fach selbst ab. Wir erleben derzeit, wie dieses Fundament leise erodiert – und die Bildungspolitik merkt es nicht einmal. Es ist höchste Zeit für eine Kehrtwende an den Hochschulen und in den Lehrplänen: Wir müssen den Jugendlichen wieder die Zumutung und den Trost transzendentaler Gedanken zutrauen. Alles andere ist keine moderne Bildung, sondern die Kapitulation vor einer seelenlosen Optimierungslogik.
Zur Person:
Dr. phil. Hans-Michael Tappen blickt auf eine jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Bildung, Ethik und Seelsorge zurück. Nach dem Studium der Sozialpädagogik (Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Altenhilfe) an der KSFH München promovierte er in Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien. Er erwarb Zusatzqualifikationen in Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) sowie als psychoanalytischer Supervisor.
Seine Biografie verbindet Theorie und Praxis im staatlichen, kirchlichen und freien Bildungswesen: Er unterrichtete bereits ab 1977 an Gymnasien und Realschulen in Bayern, war ab 1981 hauptamtlich an einer Münchner Berufsschule tätig und wirkte später parallel zu Aufgaben bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und in der Bewährungshilfe beim Landgericht München I weiterhin nebenamtlich. Seine Lehrerfahrung umfasst neben der Waldorfpädagogik in Wien vor allem den langjährigen Wechselbezug zwischen konfessionellem Religionsunterricht und fünf Schuljahren im Fach Ethik an Münchner Berufsschulen. Zuletzt war er dort als reaktivierter Religionslehrer tätig und widmet sich heute Fragen der Lebensbegleitung und der Relevanz metaphysischer Bildung in der modernen Arbeitswelt.
Literatur:
Dege, M. (2007). Lehrer zwischen Verachtung, Selbstverachtung und leidenschaftlicher Professionalität. In K.-J. Pazzini, G. Brandhofer, C. Schink, & W. Schirmacher (Hrsg.), Lehren macht müde: Vom Überleben der Lehrer (S. 231–241). VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Dochhorn, Jan (Hg.): Bamberger Sondierungen zur Metaphysik. Erste Folge, Roderer Verlag, Regensburg 2026 (ISBN: 978-3-68910-079-7).
Kunze, Axel Bernd: Ist mit der Christlichen Sozialethik noch ein Staat zu machen? Überlegungen zur notwendigen Rechtsfunktion des Staates, in: Die Neue Ordnung, 71. Jg., H. 5/2017, S. 364–375.
Tappen, Hans-Michael: Zwischenruf: Die optimierte Ohnmacht: Hat Substanzkonsum etwas mit einer Sinnkrise zu tun?, auf: bildungsethik.com (Veröffentlicht am 27. Juli 2026).
Tappen, Hans-Michael: Zwischenruf: Zwischen Systemfunktion und Lebensrelevanz – Zum Sein und Sollen des katholischen Religionsunterrichts an beruflichen Schulen heute, auf: bildungsethik.com (Veröffentlicht am 2. Juli 2026).