Schlaglicht: Nur ein Titel … – Halt! War da nicht noch mehr?

Politische Rücktritte sind nicht mehr in Mode. So war auch nicht zu vermuten, dass Bundesfamilienministerin Giffey einen solchen ankündigte, als sie sich aus der Schusslinie bringen wollte und – einer Aberkennung zuvorkommend – ihren Doktortitel zurückgab. Lassen wir einmal die juristischen Feinheiten beiseite, ob ein solcher Schritt überhaupt möglich ist. Denn eigentlich kann ein Doktortitel nur aberkannt werden. Daher will die Freie Universität Berlin, wie zu vernehmen ist, das Überprüfungsverfahren erneut aufrollen. Schließlich geht es nicht allein um einen Titel, sondern auch um eine dahinterstehende Forschungsarbeit, die Dissertation – und die bleibt schließlich weiterhin in der Welt, ob jemand seinen Doktortitel führt oder nicht.

Für die Ministerin scheint die Forschungsarbeit überhaupt keine Rolle mehr zu spielen. Ihr geht es nur um den Titel: „Wer ich bin und was ich kann“, sei nicht von diesem abhängig. „Was mich als Mensch ausmacht“, liege nicht an dem akademischen Grad. Was einen als Menschen ausmacht, hängt sicher nicht vom akademischen Grad ab – aber der ist offenbar sowieso nur eine leere Hülle für das Prestige. Für Kenntnisse scheint man einen akademischen Grad offenbar für entbehrlich zu halten. Wer wissenschaftlich in der Tat etwas geleistet hat, was im vorliegenden Fall offenbar nicht der Fall ist, darf sich durchaus selbstbewusst mit einem Titel zieren.

Das Bild der Politik wird die Ministerin und vielleicht bald auch Berliner Landesvorsitzende ihrer Partei mit ihren Erklärungen nicht befördern. Denn ein Verstoß gegen wissenschaftliche Redlichkeit, der jetzt von der Ministerin vergessen gemacht werden soll, sagt dann doch etwas über den Menschen hinter dem Titel aus. Aber was soll’s, mag man sich im politischen Berlin denken: Mittlerweile haben alle Parteien ihre Promotionsskandale – also kommt es darauf jetzt auch nicht mehr an. Wertschätzung und Verständnis für Wissenschaft sieht anders aus. Wir werden sehen, ob Giffey die Affäre aussitzen kann. Doch wem die akademische Stärke unseres Landes noch ein Anliegen ist, sollte die bemerkenswerten Worte der nun titellosen Ministerin so oder so nicht vergessen.

Ein Gedanke zu “Schlaglicht: Nur ein Titel … – Halt! War da nicht noch mehr?

  1. Im aktuellen Münster-Tatort hieß es, Arzt sei man nicht auf dem Papier, sondern im Herzen. Es war dort die Ausrede eines Mörders und Betrügers, und ähnlich redet nun die Ministerin. Sie liegt gleich mehrfach daneben; zwei Beispiele müssen genügen:

    1. Doch, ein Titel macht etwas aus: Er weist auf Geburtsadel oder durch Leistung erworbene Ehre, mit der ein Mensch sich von anderen Menschen unterscheidet. Es gehört zur Würde des Menschen, sich unterscheiden zu dürfen, wobei das Unterscheidende immer Akzidens ist und nicht Substanz, ferner als Akzidens nie den ganzen Menschen betrifft und diesen erst recht nicht absorbieren sollte (was freilich sehr oft geschieht – bei Menschen, die vor allem Doktor sind oder Freiherr und dabei des Namens, der Persönlichkeit ermangeln).

    2. Die Ministerin lenkt ab: Es geht gar nicht primär darum, ob sie nun Doktor ist oder nicht. Zur Debatte steht, ob sie betrogen hat, ob sie eine Lügnerin, Betrügerin, Kriminelle ist oder nicht, und dies hat nun in der Tat sehr viel mit ihr als Mensch zu tun. Im Grunde klebt sie weiter am Titel, definiert ihre Situation über die Titelfrage, während die Umwelt eigentlich schon weiß, daß es darum gar nicht geht. Wie kaschiert man ein solches Abblenkungsmanöver am besten? Richtig: Indem man das Gegenteil dessen behauptet, was man tut. Sie behauptet, der Titel sei gleichgültig für die Einschätzung ihrer Person, in Wirklichkeit redet sie vor allem von ihm, um nicht darüber reden zu müssen, was sie für ein Mensch ist.

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