Rezension: Wer war Sokrates?

Tino Landmann (2011): Wer war Sokrates? Eine Studie zum sokratischen Problem, München: AVM – Akademische Verlagsgemeinschaft München, 103 Seiten.

Sokrates steht für das Bemühen, auf philosophische Fragen, die Menschen bis heute beschäftigen, allgemeingültige Antworten zu finden. So wichtig Sokrates für die abendländische Geistesgeschichte geworden ist, so unsicher ist unser historischen Wissen über ihn. Tino Landmann, Fachdidaktiker für Philosophie, geht es um eine Wertung der Quellenlage: Inwiefern können die keineswegs wenigen Quellen und die daraus entwickelten Persönlichkeitsbilder des Sokrates in qualitativer wie quantitativer Hinsicht „eine endgültige Antwort auf die wahre Gestalt des historischen Sokrates geben“  (S. 17)? Landmann entwirft eine systematisch klar angelegte wie sprachlich ansprechende biographische Charakterstudie, die Rückschlüsse auf den Gehalt und die Bedeutung der jeweiligen Quellen ermöglicht. Kein Philosophieunterricht wird an Sokrates vorbeikommen, das vorliegende Werk ist als didaktische Sachanalyse sehr empfehlenswert. Vom Verfasser ist im selben Verlag ein weiteres Werk mit fachdidaktischen Anregungen für eine Unterrichtsreihe zur sokratischen Philosophie erschienen.

Der Band geht in drei Schritten vor. Zunächst werden der philosophie- und zeitgeschichtliche Horizont der Blüte griechischer Philosophie beleuchtet: Sokrates steht für eine anthropologische Wende, für eine Philosophie, die sich dem Menschen zuwendet, in das öffentliche Leben eingreift und dieses prägt.

Als zweites folgt eine Diskussion der vorliegenden Quellen; vorangestellt ist eine knappe Darstellung des Forschungsstandes. Im Laufe der Forschungsgeschichte sei der literarisch-fiktive Charakter der Sokratesüberlieferung immer stärker hervorgetreten. Ein einfacher Zugriff auf den historischen Sokrates mithilfe üblicher philosophiegeschichtlicher Erkenntnis sei nicht möglich. Die biographische Charakterstudie, die dann folgt, ordnet Sokrates nicht irgendeiner bestimmten Regierungsform zu. Ihm sei es darum gegangen, ein übergeordnetes Recht zu wahren und hierin ein praktisches Beispiel zu geben – bis hin zum Giftbecher. Anschließend verknüpft Landmann seine Rekonstruktion des griechischen Philosophen kenntnisreich und gelungen mit den Grundfragen seiner Philosophie. Das Gute zu erkennen, ist für Sokrates Voraussetzung vernünftigen Handelns. Die Wirkung des Sokrates und seiner Elenktik haben sich in zahlreichen Quellen niedergeschlagen. Auch wenn die gesicherten historischen Daten nicht konsistent sind und in vielem spekulativ bleiben müssen, lassen sich Leben und Denken des historischen Sokrates nach dem Prinzip des Ausschlussverfahrens doch allgemeingültig rekonstruieren.

Schließlich zeigt Landmann auf, welche Wirkung Sokrates auf die Aufklärung und die Philosophie Kants entfaltet habe. Die sokratische Aufklärung habe das „Scheinwissen des Guten“, das im Individualismus und Wertrelativismus der Sophisten zu finden sei, entlarven wollen. Ziel sei es gewesen, dem Zusammenleben der Menschen eine tragfähige Grundlage zu geben: durch das Streben nach wahrer Erkenntnis und durch die Ermöglichung tugendhaften, vernünftigen Handelns. Wenn Kant über das Wissen aufklären und die Aufklärung selbst durch eine „reflektierte Metaphysik der Aufklärung“ davor bewahren wolle, sich auf Dauer wiederum in eine unreflektierte Anhäufung von Wissen aufzulösen, beruft er sich für den Verfasser zu Recht auf Sokrates.

Es wäre spannend herauszuarbeiten, was eine solche sokratische Aufklärung zu den heutigen Debatten in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu sagen hätte. Landmann deutet dies am Ende nur an. Hier könnte ein Ansatzpunkt liegen, das sokratische Problem im Unterricht mit Schülern weiterzudenken: nicht im Sinne einer plumpen Aktualisierung, sondern als Selbsterkenntnis über unser Wissen unter den politischen Bedingungen unserer Zeit – die sich möglicherweise in manchem gar nicht so sehr von denen des damaligen Athens unterscheiden. – Axel Bernd Kunze (Rez.)

(Rezension aus den Burschenschaftlichen Mitteilungen, 2/2016)

Veröffentlichung: „Geschichtliches Erbe“

An der Universität Greifswald soll nach einem Beschluss des Akademischen Senats vom 18. Januar 2017 Ernst Moritz Arndt aus dem Universitätsnamen getilgt werden. Dieser wurde seit 1954 wieder verwendet, nachdem das Staatssekretariat für Hochschulwesen in der DDR den früheren Namen amtlich bestätigt hatte. Jetzt will der Senat zum Namen Universität Greifswald zurückkehren, den die Einrichtung schon einmal zwischen 1945 und 1954 trug. Begründet wird die Namensänderung reichlich naiv mit der internationalen Ausrichtung der Universität als einem „Ort fortschrittlicher Wissenschaft“.  Vom Ideal der Freiheit und der Verpflichtung der Wissenschaft zur „vor-urteilsfreien“ Wahrheitssuche ist keine Rede mehr. Ähnlichkeiten zum Sprachgebrauch nichtdemokratischer Zeiten an der Universität Greifswald sind selbstverständlich rein zufällig.

Gewiss: Ernst Moritz Arndt ist kein „einfacher Patron“. Die zweimalige Verleihung seines Patronats 1933 und 1954 ist überdies beide Male unter diktatorischen Vorzeichen erfolgt. Und dennoch: Ernst Moritz Arndt steht für das Streben Deutschlands nach nationaler Einheit, innerer Freiheit und Demokratie. Arndts Urerlebnis war die Aufhebung der Leibeigenschaft in Pommern. Seitdem stritt er für akademische und bürgerliche Freiheit, auch um den Preis, dass er als Demagoge seinen Lehrstuhl in Bonn zeitweise verlor. Später gehörte er zu den Mitgliedern des Paulskirchenparlaments. Hierin ist er Vorbild bis heute, so ambivalent seine Person auch gewesen sein mag.

Geschichte lässt sich nicht im Nachhinein korrigieren. Wir können uns an geschichtlichen Vorbildern reiben. Auf sie gänzlich zu verzichten, wie Michael Hartmer vorschlägt, ist nicht aufgeklärt, sondern entweder überheblich oder dumm. Ein Volk, das sein geschichtliches Erbe tilgt, schafft sich selbst ab. Eine Universität, die zur gesichtslosen Wissensproduktionsstätte verkommt, fördert nicht mehr gesellschaftliche Orientierungswerte und gedankliche Auseinandersetzung, sondern biegsame Anpassung an den wechselnden Zeitgeist. Ernst Moritz Arndt hätte hierfür mit der für ihn typischen Polemik schon die passenden Worte gefunden.

Axel Bernd Kunze

(Leserbrief aus: Forschung und Lehre, 24. Jahrgang, Heft 4, S. 328)

Rezension: Denkmäler bilden Identität

Norbert Borrmann: Identität & Gedächtnis. Denkmäler und politische Architektur von 1800 bis zur Gegenwart, Graz: Ares 2016, 215 Seiten.

„Schwieriges Gedenken“ lautete Mitte März ein Diskussionsbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor, Claus-Peter Clostermeyer, wagte es, ein Thema aufzugreifen, dass politisch leicht für Kontroversen sorgt: Nationale Erinnerung komme in Deutschland vor allem als mahnendes Gedenken daher. Was aber fehle, sei ein nationaler Gedenktag, der an die freiheitlichen Traditionen Deutschlands erinnere. Vorgeschlagen wird ein nationaler Gedenktag am 18. März, der nicht nur an die Märzrevolution von 1848, sondern auch an den Tag der ersten freien Volkskammerwahl 1990 erinnert.

Wie schwierig sich unser Land mit seinem kulturellen Gedächtnis tut, zeigt sich auch an seiner Denkmalkultur. Wer hierfür einen Beleg sucht, sollte sich beispielsweise einmal anschauen, wie ungepflegt das 34,3 Meter große Bismarckdenkmal in Hamburg ausschaut. Unser Land steht aufgrund der politischen Entscheidungen, die in der Migrationskrise gefällt wurden, vor ungeheuren Herausforderungen. Diese sollen hier nicht im Detail diskutiert werden. Doch setzt gelingende Integration eine verbindlich gelebte Kultur voraus, in die hinein Integration überhaupt möglich ist. Integration wird nicht allein über rationale Zustimmung zu einem Konzept formaler Sittlichkeit gelingen, wie dies mit dem Modell eines Verfassungspatriotismus versucht wird – so richtig und wichtig die Sicherung verbindlicher Verfassungswerte auch ist. Identifikation mit einem Land, seinen Werten und Traditionen wird nur gelingen, wenn auch der emotionalen Seite politisch-gesellschaftlicher Integration Beachtung geschenkt wird.

Diese drückt sich unter anderem in Denkmälern und Erinnerungsorten aus. Ein Bildband von Norbert Borrmann beleuchtet unvoreingenommen und ohne den besserwisserischen Zeigefinger, der heute bei politischer Literatur so oft üblich geworden ist, Licht und Schatten der politischen Architektur Deutschlands (am Rande auch Österreichs) von 1800 bis zur Gegenwart: von den Erinnerungsorten der Befreiungskriege über die politische Architektur des Kaiserreiches und der Weimarer Republik bis zur Stein gewordenen Diktatur des Nationalsozialismus. Es ist eine faszinierende Zeitreise durch zweihundert Jahre deutscher Kulturgeschichte, auf die der studierte Architekt, Kunstgeschichtler und Historiker seine Leser mitnimmt. Deutlich wird, wie Geschichte im Sinne herrschender Zeitannahmen, Moden und politischer Sehnsüchte „gemacht“ wird.

Allerdings sollten wir uns nicht allzu erhaben dünken: Formen und Inhalte mögen sich geändert haben, doch auch heute noch soll Architektur bestimmte Haltungen fördern. Ging es früher etwa um die Förderung nationaler Einheit und Stärke, wird heute von „zeitgemäßer“ oder „postnationaler“ Architektur gesprochen. Wir müssen gar nicht allein auf die „großen“ Denkmäler bundesdeutscher Nachkriegsarchitektur schauen, ein eher unscheinbares Beispiel liegt direkt vor den Toren Bambergs in der „fränkischen Toskana“: Das Dorf Geisfeld hat in den Sechzigerjahren seine Dorfkirche durch einen modernen Neubau in Betonbauweise ersetzt – weil, wie es in der Grundsteinurkunde hieß, der Mensch des Atomzeitalters auch neue, zeitgemäße Kirchen brauche. Zum Glück hat man, bevor sich der politische Wind in den späten Siebzigern wieder drehte, nicht alle alten Dorfkirchen abgerissen.

Selbstverständlich behandelt Borrmann auch das zum Jubiläum der Schlacht vom Oktober 1813  errichtete Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, „das größte deutsche Nationaldenkmal und zugleich das letzte, das in der Zeitspanne des Zweiten Reiches errichtet wurde“ (S. 96). Der Verfasser würdigt die Werte, für welche das Denkmal steht, tut sich aber zwischen den Zeilen doch ein wenig schwer mit dessen Aussehen: In diesem „Vorzeitkoloß“, wie Borrmann das Leipziger Denkmal nennt, kündigt sich bereits etwas von den Massenschlachten an, die den Ersten Weltkrieg ein Jahr später bestimmen sollen. Gleichwohl würdigt der Verfasser die „enge Synthese von Architektur und Skulptur“ (S. 100), die den Innenraum prägt: „Streng, schwer, mythisch und erhaben wirken so nicht nur die Figuren, sondern das Bauwerk als Ganzes“ (ebd.). Hart ins Gericht geht der Autor hingegen mit dem unwürdigen Umgang, der dem Denkmal heute entgegen gebracht werde (und den so noch nicht einmal die DDR zu Wege gebracht habe): „Größe, Opferbereitschaft, Heroismus, Volkskraft, die Totenehrung von Soldaten – das sind Werte, die das Völkerschlachtdenkmal symbolisiert, und genau diese Werte sind der BRD vollkommen fremd. […] so dominiert hier längst eine lärmende Trivialkultur, die alles Große ins Kleine zieht“ (S. 102). Als traurigen Höhepunkt dieser Trivialisierung verweist der Denkmalpfleger auf das „Badewannenrennen“, dass  im „Tränensee“ stattgefunden hat.

Nach 1945 bemüht sich die Architektur im Westen vor allem darum, Weltoffenheit, Transparenz sowie den Verzicht auf Hierarchie zu symbolisieren. Der Band zeigt etwa den Bonner Kanzlerbungalow oder die Bauten von Günter Behnisch, das Münchner Olympiastadion oder den neuen Bonner Plenarsaal. Allerdings atmet auch diese Architektur, anders als die Kapitelüberschrift suggeriert, eine Menge „Symbolkraft“ – allerdings Symbolkraft, die oft wenig überzeugend wirkt. Borrmann spricht von „ethischem Pathos“ und „missionarischem Eifer“. Der Machtanspruch, der dahinter steckt, ist nicht geringer als in früheren Zeiten: „denn wer nicht mit ihnen ist, vertritt nicht einfach nur eine andere Meinung, sondern ist statt modern reaktionär, statt ehrlich verlogen, statt vernünftig unvernünftig, statt Lichtbringer nur ein Statthalter von Hinterhalt und Finsternis“ (S. 196). Man flieht vor binären Zuschreibungen und reproduziert diese unfreiwillig wie am Fließband.

Nach der Wiedervereinigung kommen noch zwei neue Trends politischer Architektur hinzu, die Borrmann gleichfalls aufgreift. Am Ende des Bandes steht die Rekonstruktionsbewegung, gezeigt werden das Berliner Stadtschloss, die Dresdner Frauenkirche und der umliegende Neumarkt. Damit ist die Geschichte politischer Architektur aber noch nicht ganz zu Ende: Was folgt, ist noch ein Exkurs „Moschee statt Kirche“. Die Bindekraft des Christentums hat hierzulande erheblich nachgelassen. Als ungewollte Mahnmale stehen hierfür die inzwischen profanierten und umgenutzten Kirchen. Wo das Christentum als gelebte Religion schwindet, wird irgendwann auch die kulturethische Prägekraft des Christentums schwinden. Die Folgen werden wir noch zu spüren bekommen durch einen schleichenden Wandel gesellschaftlicher Orientierungswerte.

Wir sollten uns unseres kulturellen Besitzstandes nicht allzu sicher sein, dieser will gepflegt werden – und hierzu trägt auch eine ästhetisch ansprechende, nachhaltige, wertbezogene wie verbindlich gepflegte Denkmalkultur bei. Angesichts der im Band vorgestellten Beispiele (wobei auch Irrungen deutscher Denkmalgeschichte nicht verschwiegen werden) bleibt mehr als fraglich, ob die „Einheitswippe“, über die derzeit politisch gestritten wird, selbst in einer inklusiven Bauweise dies zu leisten vermag. Wenn Berlin überhaupt ein Einheitsdenkmal bekommt, wird sich aber vermutlich eher dieser Denkmalklamauk als eine Rekonstruktion des wilhelminischen Nationaldenkmals am Spreeufer durchsetzen.

Neuerscheinung: Bildung bedarf der Muße – Gedanken zum Sonntag

Bildung bedarf der Muße. Diese ist – nicht zuletzt angesichts permanenter digitaler Vernetzung und mobiler Erreichbarkeit – ein bedrohtes Gut. Umso wichtiger ist es, an den Sonntag und seine kulturelle Bedeutung zu erinnern. Ein Gottesdienstmodell für den Weißen Sonntag, den Sonntag nach Ostern, in der Zeitschrift „WortGottesFeiern“ (Nr. 3/2017, S. 377 – 392) stellt die Bedeutung des Sonntags in den Vordergrund – unter dem Titel: Der erste und der achte Tag. Anlass ist das Evangelium vom sog. ungläubigen Thomas: Acht Tage nach Ostern erscheint Jesus wiederum seinen Jüngern und würdigt den Apostel Thomas, der bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen am Osterabend nicht dabei war, einer eigenen Ostererscheinung. Ein Auszug aus dem Predigtvorschlag:

„An beides erinnert der Sonntag Woche für Woche: zunächst an den ersten Tag von Gottes Neuschöpfung, an jenen Ostertag, an dem Gott seinen Sohn nicht im Tod gelassen, sondern zu neuem Leben auferweckt hat. Dann ist der Sonntag aber auch der achte Tag der Woche, der die Erinnerung an Gottes größere Verheißungen wach hält. […]

Wir dürfen einander am Ende einer Arbeitswoche ein ‚gutes Wochenende‘ wünschen, solange wir uns den Sonntag dadurch nicht nehmen lassen. Verkaufen wir den Sonntag nicht unter Wert, als bloßen Ausklang des Wochenendes. Wir würden damit auch unser eigenes Leben, unsere Sehnsucht und unsere Hoffnung unter Wert verkaufen. Denn als Christen leben wir in der Gewissheit, dass unser Leben nicht einfach in den bloßen Mitteln der Daseinserhaltung aufgeht. Wir haben eine Hoffnung, die weiter reicht, unendlich weiter – bis in Gottes Ewigkeit.“

In diesem Sinne: Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

Rezension: Umstrittene Religionsfreiheit

Thomas Brose, Philipp W. Hildmann (Hgg.): Umstrittene Religionsfreiheit. Zur Diskussion um ein Menschenrecht, Frankfurt am Main: Peter Lang 2016, 249 Seiten.

„Die von Thomas Brose und Philipp Hildmann gesammelten Beiträge gehen auf eine Berliner Expertentagung der Hanns-Seidel-Stiftung und der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste zurück. Die Beiträge vermitteln einen ausgezeichneten Überblick über die aktuellen Konflikte um das individuelle Recht auf Religionsfreiheit, mitunter mit einem verstörenden Blick – so etwa, wenn Tomás Halík, bekennt ‚Warum ich nicht Charlie bin‘. Der Prager Soziologieprofessor würdigt das Anliegen, sich mit ‚Charlie‘ gegen Fanatismus und Fundamentalismus zu solidarisieren, warnt aber davor, einen Zustand, dem nichts mehr heilig ist, selbst zur Religion zu erheben. Ein derartiger Zynismus verschlinge am Ende die freie Gesellschaft, ja sogar sich selbst.

Die Religionen rücken in einer ‚kleiner‘ gewordenen Welt näher zusammen, was keineswegs konfliktfrei vonstatten geht. Die Diskussion um Religionsfreiheit muss weitergehen, damit dieses zentrale Freiheitsrecht nicht zerrieben wird zwischen der Forderung nach einem Ehrschutz für einzelne Religionen auf der einen und einer Art Staatssäkularismus als Schutz vor religiösen Konflikten auf der anderen Seite. Dieser Forderung aus der Einleitung der beiden Herausgeber ist zuzustimmen.“

(aus einer Rezension von Axel Bernd Kunze in den „Stimmen der Zeit“, Heft 4/2017, S. 286 f.)

Veranstaltungsbericht: Liberaler Bildungstag in Stuttgart

Frühkindliche Bildung sei mehr als vorschulische Bildung, der Erziehungsauftrag von Krippen und Kindergärten reiche weiter. Integration in Kindertageseinrichtungen bedürfe nicht allein individueller Sprachförderung, sondern auch strukturell-institutioneller Unterstützung. Dies machte Dr. Ursula Wollasch, Geschäftsführerin des Landesverbandes katholischer Kindertageseinrichtungen, auf dem diesjährigen Liberalen Bildungstag im Stuttgarter Landtag deutlich. Der baden-württembergische Orientierungsplan berge ein großes Integrationspotential, so Wollasch weiter – nicht zuletzt durch sei Bildungs- und Entwicklungsfeld „Sinn, Werte, Religion“. Denn Erzieherinnen und Erzieher sollten wichtige Akteure kultureller Integration sein und gesellschaftliche Toleranz fördern.

Onlineveröffentlichung: Universität als Kompetenztrainingsanstalt

Gesellschaft für Bildung und Wissen hat einen kritischen Gastbeitrag von Hans-Jürgen Bandelt, Professor für Mathematik an der Universität Hamburg, und Axel Bernd Kunze, Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn sowie Gesamtschulleiter einer Fachschule für Sozialpädagogik, zum „Kompetenzmodell Hochschullehre“ veröffentlicht:

https://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/universitaet-als-kompetenztrainingsanstalt.html

Der Beitrag ist in überarbeiteter Form am 1. März 2017 in der Rubrik „Forschung und Lehre“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

Neuerscheinung: Braucht die Universität noch Wissenschaftler?

Hans-Jürgen Bandelt, Professor für Mathematik an der Universität Hamburg, und Axel Bernd Kunze, Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn sowie Gesamtschulleiter der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt, nehmen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. März 2017 die kompetenzorientierten Hochschulreformen, die das Gesicht der Universität radikal verändert haben, kritisch in den Blick und fragen:

Hans-Jürgen Bandelt, Axel Bernd Kunze:

Wie man Wissensdefizite kompetent einordnet. Im Studium sind Kompetenzen statt Wissen gefragt. Braucht man in der Lehre dann noch Wissenschaftler?,

in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Forschung und Lehre), Nr. 51/2017, 1. März 2017, S. N4.

Beide Autoren schreiben:

„Professoren und Dozenten sind nach dieser Bildungsvorstellung nur noch denkbar als Akquisiteure von Forschungsgeldern, als Bereitsteller von MOOCs, als Koordinatoren virtueller Tutoren und als Wahlkommission für die künftig hochselektiven Masterstudiengänge. Alles Aufgaben, für die man eigentlich kein wissenschaftliches Studium mehr braucht.“

Neuerscheinung: Welche Rolle spielt Bildung für die Soziale Arbeit?

In diesen Tagen ist die Dokumentation des letztjährigen Berliner Werkstattgespräches der deutschsprachigen Sozialethiker erschienen.Herausgeber sind Professor Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie Msgr. Professor Dr. Peter Schallenberg, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

Axel Bernd Kunze fragt in dem Band, in welchem Zusammenhang Bildung und Soziale Arbeit zueinander stehen. Sein Beitrag zeigt am Beispiel der Sozialraumorientierung auf, wie Bildungs- und Soziale Arbeit voneinander profitieren können.

Markus Vogt, Peter Schallenberg (Hgg.): Soziale Ungleichheiten. Von der empirischen Analyse zur gerechtigkeitstheoretischen Reflexion (Christliche Sozialethik im Diskurs; 9), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017, 209 Seiten.

Aus der Verlagsankündigung:

„Zahlreiche Studien diagnostizieren weltweit wachsenden soziale Ungleichheiten. Andere sprechen von Erfolgen in der Überwindung der Differenzen. Wie aussagekräftig sind die jeweils zugrunde gelegten Parameter? Tendiert der Kapitalismus zu mehr finanzieller Ungleichheit, wie Thomas Piketty behauptet? Wie ist der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und sozialer Exklusion in verschiedenen Kontexten von Armut und Reichtum näher zu bestimmen? Was ergibt sich daraus für den normativen Stellenwert der Gleichheit?
Vor dem Hintergrund dieser Debatten setzt sich das Buch sowohl mit Modellen, Ergebnissen und Bewertungen der empirischen Gerechtigkeitsforschung als auch mit philosophisch-konzeptionellen Fragen des Verhältnisses von Gleichheit und Gerechtigkeit auseinander. Einen dritten Schwerpunkt bilden Konkretionen in unterschiedlichen Handlungskontexten wie Erbschaftssteuer, globale Armut, Klimawandel oder Gesundheitsversorgung und Eurokrise.“

Weitere Informationen zu dem Band finden Sie hier.

Vorankündigung: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt

Für März ist ein neues Buch des langjährigen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes angekündigt:

Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen (Verlag Herbig, 2017).

Der Titel erinnert an das Werk „The Death and Life of the Great American School System: How Testing and Choice Are Undermining Education“ von Diane Ravitch. In der Verlagsankündigung heißt es: „Werden unsere Kinder immer dümmer? Nein, aber sie werden immer ungebildeter. Drei große Problembereiche prangert der Bestsellerautor Josef Kraus an: die unheimliche und oft unsinnige Struktur des Bildungssystems, die Inhalte der Lehrpläne und das Problem der Sprache.“