Rezension: Denkmäler bilden Identität

Norbert Borrmann: Identität & Gedächtnis. Denkmäler und politische Architektur von 1800 bis zur Gegenwart, Graz: Ares 2016, 215 Seiten.

„Schwieriges Gedenken“ lautete Mitte März ein Diskussionsbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor, Claus-Peter Clostermeyer, wagte es, ein Thema aufzugreifen, dass politisch leicht für Kontroversen sorgt: Nationale Erinnerung komme in Deutschland vor allem als mahnendes Gedenken daher. Was aber fehle, sei ein nationaler Gedenktag, der an die freiheitlichen Traditionen Deutschlands erinnere. Vorgeschlagen wird ein nationaler Gedenktag am 18. März, der nicht nur an die Märzrevolution von 1848, sondern auch an den Tag der ersten freien Volkskammerwahl 1990 erinnert.

Wie schwierig sich unser Land mit seinem kulturellen Gedächtnis tut, zeigt sich auch an seiner Denkmalkultur. Wer hierfür einen Beleg sucht, sollte sich beispielsweise einmal anschauen, wie ungepflegt das 34,3 Meter große Bismarckdenkmal in Hamburg ausschaut. Unser Land steht aufgrund der politischen Entscheidungen, die in der Migrationskrise gefällt wurden, vor ungeheuren Herausforderungen. Diese sollen hier nicht im Detail diskutiert werden. Doch setzt gelingende Integration eine verbindlich gelebte Kultur voraus, in die hinein Integration überhaupt möglich ist. Integration wird nicht allein über rationale Zustimmung zu einem Konzept formaler Sittlichkeit gelingen, wie dies mit dem Modell eines Verfassungspatriotismus versucht wird – so richtig und wichtig die Sicherung verbindlicher Verfassungswerte auch ist. Identifikation mit einem Land, seinen Werten und Traditionen wird nur gelingen, wenn auch der emotionalen Seite politisch-gesellschaftlicher Integration Beachtung geschenkt wird.

Diese drückt sich unter anderem in Denkmälern und Erinnerungsorten aus. Ein Bildband von Norbert Borrmann beleuchtet unvoreingenommen und ohne den besserwisserischen Zeigefinger, der heute bei politischer Literatur so oft üblich geworden ist, Licht und Schatten der politischen Architektur Deutschlands (am Rande auch Österreichs) von 1800 bis zur Gegenwart: von den Erinnerungsorten der Befreiungskriege über die politische Architektur des Kaiserreiches und der Weimarer Republik bis zur Stein gewordenen Diktatur des Nationalsozialismus. Es ist eine faszinierende Zeitreise durch zweihundert Jahre deutscher Kulturgeschichte, auf die der studierte Architekt, Kunstgeschichtler und Historiker seine Leser mitnimmt. Deutlich wird, wie Geschichte im Sinne herrschender Zeitannahmen, Moden und politischer Sehnsüchte „gemacht“ wird.

Allerdings sollten wir uns nicht allzu erhaben dünken: Formen und Inhalte mögen sich geändert haben, doch auch heute noch soll Architektur bestimmte Haltungen fördern. Ging es früher etwa um die Förderung nationaler Einheit und Stärke, wird heute von „zeitgemäßer“ oder „postnationaler“ Architektur gesprochen. Wir müssen gar nicht allein auf die „großen“ Denkmäler bundesdeutscher Nachkriegsarchitektur schauen, ein eher unscheinbares Beispiel liegt direkt vor den Toren Bambergs in der „fränkischen Toskana“: Das Dorf Geisfeld hat in den Sechzigerjahren seine Dorfkirche durch einen modernen Neubau in Betonbauweise ersetzt – weil, wie es in der Grundsteinurkunde hieß, der Mensch des Atomzeitalters auch neue, zeitgemäße Kirchen brauche. Zum Glück hat man, bevor sich der politische Wind in den späten Siebzigern wieder drehte, nicht alle alten Dorfkirchen abgerissen.

Selbstverständlich behandelt Borrmann auch das zum Jubiläum der Schlacht vom Oktober 1813  errichtete Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, „das größte deutsche Nationaldenkmal und zugleich das letzte, das in der Zeitspanne des Zweiten Reiches errichtet wurde“ (S. 96). Der Verfasser würdigt die Werte, für welche das Denkmal steht, tut sich aber zwischen den Zeilen doch ein wenig schwer mit dessen Aussehen: In diesem „Vorzeitkoloß“, wie Borrmann das Leipziger Denkmal nennt, kündigt sich bereits etwas von den Massenschlachten an, die den Ersten Weltkrieg ein Jahr später bestimmen sollen. Gleichwohl würdigt der Verfasser die „enge Synthese von Architektur und Skulptur“ (S. 100), die den Innenraum prägt: „Streng, schwer, mythisch und erhaben wirken so nicht nur die Figuren, sondern das Bauwerk als Ganzes“ (ebd.). Hart ins Gericht geht der Autor hingegen mit dem unwürdigen Umgang, der dem Denkmal heute entgegen gebracht werde (und den so noch nicht einmal die DDR zu Wege gebracht habe): „Größe, Opferbereitschaft, Heroismus, Volkskraft, die Totenehrung von Soldaten – das sind Werte, die das Völkerschlachtdenkmal symbolisiert, und genau diese Werte sind der BRD vollkommen fremd. […] so dominiert hier längst eine lärmende Trivialkultur, die alles Große ins Kleine zieht“ (S. 102). Als traurigen Höhepunkt dieser Trivialisierung verweist der Denkmalpfleger auf das „Badewannenrennen“, dass  im „Tränensee“ stattgefunden hat.

Nach 1945 bemüht sich die Architektur im Westen vor allem darum, Weltoffenheit, Transparenz sowie den Verzicht auf Hierarchie zu symbolisieren. Der Band zeigt etwa den Bonner Kanzlerbungalow oder die Bauten von Günter Behnisch, das Münchner Olympiastadion oder den neuen Bonner Plenarsaal. Allerdings atmet auch diese Architektur, anders als die Kapitelüberschrift suggeriert, eine Menge „Symbolkraft“ – allerdings Symbolkraft, die oft wenig überzeugend wirkt. Borrmann spricht von „ethischem Pathos“ und „missionarischem Eifer“. Der Machtanspruch, der dahinter steckt, ist nicht geringer als in früheren Zeiten: „denn wer nicht mit ihnen ist, vertritt nicht einfach nur eine andere Meinung, sondern ist statt modern reaktionär, statt ehrlich verlogen, statt vernünftig unvernünftig, statt Lichtbringer nur ein Statthalter von Hinterhalt und Finsternis“ (S. 196). Man flieht vor binären Zuschreibungen und reproduziert diese unfreiwillig wie am Fließband.

Nach der Wiedervereinigung kommen noch zwei neue Trends politischer Architektur hinzu, die Borrmann gleichfalls aufgreift. Am Ende des Bandes steht die Rekonstruktionsbewegung, gezeigt werden das Berliner Stadtschloss, die Dresdner Frauenkirche und der umliegende Neumarkt. Damit ist die Geschichte politischer Architektur aber noch nicht ganz zu Ende: Was folgt, ist noch ein Exkurs „Moschee statt Kirche“. Die Bindekraft des Christentums hat hierzulande erheblich nachgelassen. Als ungewollte Mahnmale stehen hierfür die inzwischen profanierten und umgenutzten Kirchen. Wo das Christentum als gelebte Religion schwindet, wird irgendwann auch die kulturethische Prägekraft des Christentums schwinden. Die Folgen werden wir noch zu spüren bekommen durch einen schleichenden Wandel gesellschaftlicher Orientierungswerte.

Wir sollten uns unseres kulturellen Besitzstandes nicht allzu sicher sein, dieser will gepflegt werden – und hierzu trägt auch eine ästhetisch ansprechende, nachhaltige, wertbezogene wie verbindlich gepflegte Denkmalkultur bei. Angesichts der im Band vorgestellten Beispiele (wobei auch Irrungen deutscher Denkmalgeschichte nicht verschwiegen werden) bleibt mehr als fraglich, ob die „Einheitswippe“, über die derzeit politisch gestritten wird, selbst in einer inklusiven Bauweise dies zu leisten vermag. Wenn Berlin überhaupt ein Einheitsdenkmal bekommt, wird sich aber vermutlich eher dieser Denkmalklamauk als eine Rekonstruktion des wilhelminischen Nationaldenkmals am Spreeufer durchsetzen.

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