Gesegnete Pfingsten!

Mit dem heutigen Himmelfahrtstag schreiten wir auf Pfingsten zu. Ich wünsche allen Lesern meines Weblogs gesegnete Pfingsten, belebende pfingstliche Erfahrungen sowie erholsame Ferientage. Vielleicht mögen die folgenden Gedanken ein paar Anstöße für die kommenden Tage zu geben. Bleiben Sie meinem Weblog treu, ich freue mich auf den weiteren bildungsethischen Austausch mit Ihnen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Axel Bernd Kunze

 

Die Situation ändert sich an Pfingsten. Das Pfingstgeschehen bringt neuen Schwung. Jetzt spüren die Jünger, was Jesus gemeint hat, als er ihnen einen anderen Beistand verheißen hat. Sie trauen sich an die Öffentlichkeit und teilen anderen davon mit, was sie erlebt und erfahren haben.

Wird damit wieder alles wie früher? – so, wie vor seiner Verhaftung, als Jesus ihre Schar anführte und sie sein Beispiel direkt vor Augen hatten?

Nein! Pfingsten ist ein Neuaufbruch, nicht einfach die Rückkehr zu alten Verhältnissen. Der Heilige Geist ist kein Lückenbüßer. Er konserviert nicht einfach einen früheren Zustand, sondern führt auf seine Weise fort, was in der Geschichte Jesu begonnen hat.

Mit Jesus Christus ist Gottes Reich sichtbar auf Erden angebrochen. In seiner Person hat er uns gezeigt, wer Gott für uns ist. Gottes Liebe nahm für uns sichtbar Gestalt an: eine Liebe, der selbst der Tod nichts anhaben konnte.

Ohne die Sendung des Heiligen Geistes bliebe diese Erfahrung der ersten Christen für uns aber nur Erinnerung. Im Geist hingegen setzt sich diese Selbstoffenbarung Gottes lebendig fort – im lebendigen Leib Christi, der wir als Kirche sind. Dabei geht es um mehr als ein gutes Gefühl oder die Motivation, die Welt gerecht zu gestalten.

Der Heilige Geist ist das lebendige Band zwischen Vater und Sohn: die personale Liebe zwischen beiden, die ausgegossen ist in unsere Herzen.

Liebe ist immer wieder schöpferisch und kreativ. Denn wer könnte sagen, in der Liebe schon alles ausgeschöpft zu haben?

Und so ist der Heilige Geist der Lebensatem, der die Kirche lebendig erhält. Er lässt die Kirche immer wieder neu Gottes Liebe und Nähe spüren. Er erneuert durch die Sündenvergebung die Kirche immer wieder dort, wo sie diese Liebe nicht erwidert hat. Er führt die Kirche durch die Zeiten und lässt sie in jeder Situation neu erfahren, was die Wahrheit des Glaubens ausmacht: nicht ein fester Besitz konservierter Erfahrung, sondern die lebendige Erfahrung von Gottes bleibender Nähe und Liebe. So können wir die ganze Wahrheit immer tiefer erfahren.

entnommen aus: Axel Bernd Kunze: Kein Lückenbüßer [Lesejahr B. Pfingstsonntag], in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 15 (2018), H. 3, S. 453 – 469.

Neuerscheinung: Rituale in Pädagogik und Religionspädagogik

„Rituale vermitteln Sicherheit, bringen Rhythmus und Struktur in unser Leben, machen eine Gemeinschaft auf dramatische Weise sichtbar und stärken soziale Kompetenzen.“

Welche Rolle spielen Rituale für die pädagogische und religionspädagogische Arbeit?

… fragt Axel Bernd Kunze, Schulleiter einer Fachschule für Sozialpädagogik, Privatdozent für Erziehungswissenschaft sowie Lehrbeauftragter in der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik, in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Katholische Bildung, dem Verbandsorgan des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen (119. Jahrgang, Heft 5/6, S. 107 bis 115):

1. Welche Bedeutung besitzen religiöse Fragen für die Bildung? – Zur Bedeutung eines Letztbezugs für die Pädagogik – Religiöse Lernprozesse als Bestandteil umfassender Persönlichkeitsbildung

2. Welche Rolle spielen Rituale für die pädagogische Arbeit? – Was sind Rituale? – Beispiele für den Einsatz von Ritualen in der Pädagogik – Resilienzförderung

3. Was leisten Rituale für eine religionspädagogische Propädeutik? – Von der Ritualisierung zum Ritual: Nach Bedeutung fragen – Begegnung mit gelebter Religion ermöglichen

4. Welche Rolle spielt das Vorbild des Pädagogen oder der Pädagogin?

Neuerscheinung: ENGAGEMENT-Themenheft 1/2018 ist erschienen

Das erste ENGAGEMENT-Themenheft für dieses Jahr ist erschienen: Heft 1/2018 fragt nach der „Verantwortung der Träger Katholischer Schulen“. Der Thementeil wurde gestaltet von Peter Nothaft aus Eichstätt.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:
Thomas Mikhail: Kant als Pädagoge (Rez.: Johannes Gutbrod)

Joachim Detjen: Reden können in der Demokratie 1 + 2 (Rez.: Günter W. Zwanzig)

Michael Bordt: Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen – Vom Mut zum selbstbestimmten Leben (Rez.: Klaus Mertes)

Michael Büge: Cannabiskonsum und psychische Störungen (Rez.: Axel Bernd Kunze)

Hans-Christoph Koller u. a.: Philosophie des Lehrens (Rez.: Axel Bohmeyer)

Hiltrud Schwertje-Wagner u. a.: Wider die Verplanung der Kindheit (Rez.: Björn Igelbrink)

St. Jakobusbruderschaft Trier: Abenteuer Pilgern (Rez.: Mariano Barbato)

Sally Christie: Ikarus fliegt (Rez.: Astrid Frey)

Ross Welford: Zeitreise mit Hamster (Rez.: Cornelia Braun)

ENGAGEMENT wird herausgegeben von der Konferenz der Träger Katholischer Schulen in freier Trägerschaft in Deutschland (KKS) und erscheint im Münsteraner Verlag Aschendorff. Verantwortlicher Redakteur der Rezensionsabteilung ist Axel Bernd Kunze.

 

LESEPROBE: Aktuelle Herausforderungen unserer Demokratie – beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive

EINLEITUNG

aus:

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; 13), Bonn 2018, 164 Seiten; ISBN 978-3862691487.

Bestellmöglichkeit: https://www.scm-shop.de/bildung-in-der-demokratie.html

 

Die Geschichte der deutschen Nationalstaatsbildung zeigt, dass der staatstheoretische und der bildungstheoretische Diskurs von Anfang an eng miteinander verflochten waren. So wurde etwa die Idee der Burschenschaft geboren aus der Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem einen Deutschland, und seiner inneren Freiheit. Zunächst war die deutsche Nation allerdings nur im geistigen Bereich zu haben, wie es Friedrich Schiller in seiner Prosa­skizze „Deutsche Größe“ in Worte gefasst hat: „[…] und wenn auch das Imperium untergegangen, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. […] Sie ist eine sittliche Größe / sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.“ Die deutsche Kulturnation war entstanden; die Bildungsidee geriet nach dem Untergang des Alten Reiches gleichsam zur „Fortsetzung der Reichsidee mit anderen Mitteln“. Die weitere Geschichte der Burschenschaft ist untrennbar verwoben gewesen sowohl mit dem Kampf um geistig-akademische Freiheit als auch mit dem Ringen um nationale Einheit.

Jede Gesellschaft braucht eine symbolische Vorstellung von sich selbst. Eine solche lebendig zu erhalten, ist nicht unwesentlich – wenn auch keineswegs ausschließlich – eine Bildungsaufgabe. Dass uns hierzulande die Pflege unserer eigenen Kultur alles andere als leicht fällt, hat das letzte runde Jubiläum der Gründung der Urburschenschaft vor zweihundert Jahren in Jena gezeigt: Man muss keineswegs Burschenschafter sein, um diesem Datum Bedeutung für unser Gemeinwesen beizumessen – sollte man meinen. Immerhin stehen zwei der wichtigsten Nationalsymbole, Nationalhymne und Nationalflagge, mit diesem Ereignis in Verbindung.  Dessen eingedenk, ist die Nichtbeachtung dieses Jubiläums durch unsere Verfassungsorgane und den größeren Teil der Öffentlichkeit mehr als fragwürdig gewesen.

Ein Land, das sich seiner eigenen Tradition und seiner eigenen Identität nicht mehr bewusst ist, verliert an geistiger Vitalität und schöpferischer Kraft. Wir sehen das unter anderem an der Empörungs- und Moralisierungsrhetorik, die sich in die politische Debatte eingeschlichen hat (vgl. Körtner 2017). Ein solches Land verliert aber auch an Integrationskraft – weil eine überzeugende Kultur fehlt, in die hinein Integration überhaupt möglich wäre. Dies alles sind schlechte Vorzeichen für die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir gegenwärtig stehen. Die geistig-moralischen Grundlagen unseres Gemeinwesens müssen gepflegt werden, wenn die Aufgabe geistiger Selbstbehauptung gelingen soll – und diese Aufgabe wird in den nächsten Jahren nicht kleiner, sondern größer werden.

Der genannte Zusammenhang ist nur ein Beleg dafür, wie sehr politische und Bildungsfragen miteinander verknüpft sind. Wir tragen soziale Verantwortung für Werte und Normen, Sitte und Brauchtum, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Tradition und Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln.

Es wird nicht gelingen, trennscharf zwischen unaufgebbaren Werten und historisch wandelbaren kulturellen Prägungen, Routinen, kollektiven Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken zu unterscheiden, wie es der im schweizerischen Freiburg lehrende Sozialethiker Daniel Bogner jüngst vorgeschlagen hat. Erstere sind nicht ohne letztere zu haben – und umgekehrt. Dass sich Kultur historisch wandelt, ist eine triviale Aussage. Mit dem Wandel kultureller Prägungen, Routinen, kollektiver Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken werden sich auf Dauer auch gesellschaftliche Orientierungswerte wandeln. Daher brauchen wir einen offen und fair geführten Diskurs darüber, was unser Zusammenleben bestimmen soll – und was eben auch nicht.

Jedes Gemeinwesen, das stabil bleiben will, braucht einen gesellschaftlichen Mindestkonsens. Wichtig sind zunächst einmal zentrale Spielregeln einer formalen Sittlichkeit. Zu diesen müssen wir uns als Gemeinwesen verbindlich bekennen, diese müssen wir deutlich einfordern und diese muss der Staat auch bereit sein durchzusetzen. Es geht beispielsweise um eine gewaltfreie Streit- und Debattenkultur, ein robustes Maß an Ambiguitätstoleranz, den Willen zu Verständigung und Toleranz, Fairness und gegenseitigen Respekt, Achtung vor der Verfassung und den unveräußerlichen Rechten anderer.

Allerdings genügt ein Gerüst formaler Verfahrensregeln, wie dieses etwa im Modell eines Verfassungspatriotismus propagiert wird, allein nicht. Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen unterfüttert werden durch ein Fundament emotional gestützter, konkret gelebter Orientierungswerte. Diese bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag und sind Ausdruck gemeinsamer Identität. Man kann von einem Vorrat an kulturellen Selbstverständlichkeiten sprechen, der uns im Alltag den Rücken freihält. An dieser Stelle ist durchaus der umstrittene Begriff „Leitkultur“ zu verwenden, womit noch nichts darüber ausgesagt ist, wie diese abgesteckt werden kann. Leider haben wir in den politischen Debatten alles dafür getan, diesen Begriff klein zu reden. Dass eine solche „Leitkultur“ nicht statisch sein kann, ist eine triviale Erkenntnis. Und selbstverständlich sollte eine Leitkultur so offen formuliert werden, dass sie dem heutigen Freiheitsempfinden gerecht wird. Aber Liberalität ist keinesfalls eine Erfindung unserer Tage, damit hat unsere westliche Gesellschaft schon länger Erfahrung – und das ist auch gut so. Sie war möglicherweise in bestimmten Bereichen früher sogar größer als heute.

Denn wo kulturelle Gemeinsamkeiten, gegenseitige Verbundenheit und wechselseitig übernommene Verpflichtungen schwinden, wo das Vertrauen in intuitiv gewusste, unproblematisch gelebte Gemeinsamkeiten verloren geht, gehen letztlich Freiheitsräume verloren. Ein Gemeinwesen, in dem man sich nicht mehr aufeinander verlassen kann, muss kontrollieren, regulieren und steuern. Daher ist es keineswegs belanglos, wie sich ein Staatsvolk zusammensetzt. Daher sollten Integrationsprobleme in einem Gemeinwesen nicht aus taktischen Gründen verharmlost werden. Vor ihnen die Augen zu verschließen, wird sich über kurz oder lang rächen.

Integration zählt grundsätzlich zu den gesellschaftlichen Funktionen von Schule. Allerdings wird die Schule dieser Aufgabe nur dann pädagogisch gerecht, wenn sie diese mit individuellen Funktionen verbindet, beispielsweise der Aufgabe persönlicher Identitätsbildung. Bildung befähigt den Einzelnen zur Selbstbestimmung, hilft ihm, sich zu den Bedingungen der eigenen Sozialisation zu verhalten, und ermöglicht ihm, sich Alternativen zu erschließen. Dabei soll der Einzelne ein bewusstes Verhältnis zur eigenen Kultur aufbauen. Das Verständnis der eigenen Kultur wird dadurch befragbar sowie differenzierter und wird sich dadurch auch wandeln. Schule kann diesen Prozess der Auseinandersetzung nicht erzwingen, aber sie kann wichtige Anstöße dafür geben.

Diese Integrationsaufgabe von Schule darf einerseits sicher nicht unterschätzt werden, aber sie ist andererseits auch kein Selbstläufer, der politisch beliebig steuerbar wäre. Schule braucht für ihre Erziehungs- und Integrationsaufgabe politischen und gesellschaftlichen Rückhalt und dann auch die notwendigen Ressourcen. Wir können Schule und Lehrerschaft nicht beständig mit neuen Aufgaben überfordern, wenn das Kerngeschäft des Unterrichts am Ende nicht leiden soll. Nur ein Alarmsignal soll hier exemplarisch genannt werden: In Frankfurt haben sich Anfang Februar 2017 fünfundsiebzig Rektoren und Konrektoren mit einem Offenen Brief zu Wort gemeldet, weil die Folgen der unbewältigten Flüchtlingswelle an den Schulen zu einer kaum noch zu bewältigenden Arbeitsbelastung der Lehrer geführt haben. Ferner litten die Schulen, so die Unterzeichner, unter den Auswirkungen unausgegorener Inklusionskonzepte und der Tatsache, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben zu übernehmen habe, für die eigentlich die Familie zuständig sei. Junge Lehrer wollten in der Folge kaum noch eine Stelle in der Großstadt Frankfurt annehmen, so die Schulleiter.

Viel wird davon abhängen, inwieweit Schule zentrale Elemente einer integrativen, überzeugenden Kultur und Wertordnung auch selbst vorlebt. Viele Elemente einer Willkommenskultur in der Schule oder Interkulturellen Pädagogik wirken am Ende dann doch recht hilflos. Angesichts der derzeitigen Integrationsherausforderungen genügt es nicht, einmal ein interkulturelles Schulfest zu veranstalten oder in mehreren Sprachen „Herzlich willkommen“ an die Schultür zu schreiben. Ganz zentral bleibt die Aufgabe, die Verkehrssprache zu erlernen – die wichtigste Voraussetzung, damit keine Parallelgesellschaften entstehen. Desintegration oder Entfremdung zeigt sich mitunter erst in der zweiten oder dritten Generation, wenn die Erinnerungen an die Fluchtumstände verblassen. Die Aufgabe, die hier zu stemmen ist, wird meines Erachtens gegenwärtig noch unterschätzt. Ein erster notwendiger Schritt wäre mehr Realismus in der Integrationsdebatte, der kulturelle und religiöse Unterschiede nicht kleinredet, sondern offen beim Namen nennt.

Der vorliegende Band beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive exemplarisch aktuelle Bildungsaufgaben, vor  denen unser demokratisches Gemeinwesen derzeit steht. Dahinter steht die Überzeugung, dass nur eine Bildung, die den Einzelnen zur Freiheit befähigt, und eine Bildungspraxis in unseren Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen, die selbst vom Kerngedanken der Freiheit durchdrungen ist, unserem Zusammenleben in Staat und Gesellschaft zum Besten gereicht. Pädagogischer Widerspruch sollte überall dort formuliert werden, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sie muss erst von uns gestaltet werden – unter Bedingungen und Herausforderungen, von denen niemand vorgeben sollte, sie bereits im Voraus zu kennen. Diese Zukunft zu meistern, bedarf es der Freisetzung der Einzelnen. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln, die über Konvention, Anpassung, Routine und Epigonentum hinausgeht, wird nur eine Pädagogik wecken können, die ihre pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft und die sich ihren pädagogischen Eigensinn politisch nicht nehmen lässt.

Das Auftaktkapitel formuliert einleitend Fragen an den gegenwärtigen Zustand unserer repräsentativen Parteiendemokratie (Kap. II). Anschließend wird aufgezeigt, inwiefern Demokratie ein pädagogisches Thema ist (Kap. III). Dabei wird unterschieden zwischen Demokratie als Bildungsaufgabe und einer Erziehung zur Demokratie. Das folgende Kapitel fragt nach den Chancen, aber auch Grenzen demokratie- und menschenrechtspädagogischer Konzepte in der Lehrerbildung (Kap. IV). Im fünften Kapitel werden aktuelle Veränderungen, die Schule und Hochschule im Zuge der gegenwärtigen Bildungsreformdebatte ergriffen haben, einer pädagogischen Kritik unterzogen (Kap. V). Hierauf aufbauend, werden grundlegende Prinzipien einer eigenständigen pädagogischen Berufsethik dargelegt (Kap. VI). Inwieweit gegenwärtige bildungspolitische Entwicklungen dem Anspruch der Freiheit, wie er dem liberalen Rechts- und Verfassungsstaat zugrunde liegt, gerecht werden, wird an zwei Prüfsteinen exemplarisch diskutiert: dem Umgang mit dem Elternrecht (Kap. VII) und der Inklusionsdebatte (Kap. VIII). Abschließend wird vor dem Hintergrund aktueller migrations- und integrationspolitischer Herausforderungen diskutiert, welche Rolle Religion im Bildungssystem spielen sollte (Kap. IX).

Der Band basiert auf verschiedenen Vorarbeiten, die für die Drucklegung überarbeitet, angepasst und teilweise neu zusammengestellt wurden. In der Regel handelt es sich dabei um Vorträge, die an verschiedenen Orten diskutiert wurden. Auch wenn diese aus ganz unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, geben sie zusammen eine Antwort darauf, warum Staat und Gesellschaft auf Bildung nicht verzichten können. Allerdings bleibt es wichtig, dass der Eigensinn jeder Pädagogik nicht durch politische Zwecke absorbiert wird.

Bildung ist das Vermögen des Einzelnen, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu seiner Umwelt einzunehmen. Bildung ist das Vermögen des Menschen, sich selbst als Urheber eigener Willensbildungsprozesse zu erfahren und eigene Geltungsansprüche zu erheben: „Anders verhält es sich aber, wenn wir (nachträglich) erfahren, dass unsere Willensbildungsprozesse unter dem manipulativen Einfluss anderer Personen standen. […] Das ist […] dann der Fall, wenn der andere auf unseren Willensbildungsprozess in einer Weise Einfluss gewinnt, die zu einem Kontrollverlust führt.“ (Tiedemann 2006, S. 126 f.) Daher ist Bildung als Menschenrecht geschützt: nicht in erster Linie aufgrund gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Erwartungen, sondern um der Freiheit des Einzelnen willen. Der Mensch vermag nicht einfach zu „existieren“. Er ist weder allein festgelegt durch seine natürlichen Anlagen noch durch die Einflüsse seiner Umwelt. Vielmehr muss er selbst entscheiden: Wer will ich sein? Was will ich aus mir machen? Wie will ich leben? Im Bildungsprozess entfaltet der Mensch seine Mündigkeit, seine Individualität und seine Persönlichkeit.

Unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft lebt von dieser Freiheit der Einzelnen. Nur aus der Erfahrung geistiger Integrität und Unabhängigkeit heraus wird der Einzelne dazu fähig, Verantwortung zu übernehmen und sich für Erhalt, Gestaltung und Weiterentwicklung des gemeinsamen Zusammenlebens einzusetzen.

Ich danke allen, die mich ich in den vergangenen Jahren eingeladen haben, über die genannten Themen zu sprechen und nachzudenken, mit denen ich diskutieren und streiten durfte – viele Gedanken zu einer Pädagogik, die selbst nicht politisch  ist, aber gerade deshalb politisch relevant ist, haben sich auf diese Weise klären und weiterentwickeln lassen.

 

Verwendete Literatur

Daniel Bogner: Wechselseitige Integration. Kann Religion eine Integrationsressource sein?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration, Freiburg i. Brsg. 2017, S. 149 – 162, hier: 159.

Andreas Fisch: Gesetzestreue – Verfassungspatriotismus – Leitkultur. Wie entwickelt sich Zusammenhalt in einer Einwanderungsgesellschaft?, in: Ders., Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenhalt – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 325 – 356.

Andreas Fisch, Axel Bernd Kunze: Streitgespräch II: Die Rolle von Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration, in: Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 199 – 209.

Ulrich H. J. Körtner: Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017.

Friedrich Schiller: Deutsche Größe [1801], in: Schillers Werke. Nationalausgabe, 2. Bd., Teil 1: Gedichte in der Reihenfolge ihres Erscheinens 1799 – 1805 – der geplanten Ausgabe letzter Hand (Prachtausgabe) – aus dem Nachlaß (Text), herausgegeben von Norbert Oellers, Weimar 1983, S. 431 – 436, hier: 431.

Paul Tiedemann: Was ist Menschenwürde? Eine Einführung, Darmstadt 2006, S. 126 f.

Neuerscheinung: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

Unsere Demokratie ist in Bewegung geraten. Ein neuer Band reflektiert die aktuellen Herausforderungen unseres
politisch-gesellschaftlichen Zusammenlebens aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive:

Axel Bernd Kunze:

Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

(Pädagogik in Europa in Geschichte und Gegenwart; 13),

Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 2018, 164 Seiten.

Pädagogik ist nicht selbst politisch, aber politisch relevant – durch das, was sie dem Einzelnen mitgibt. Indem Bildung zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln befähigt, ist sie für Demokratie unverzichtbar. Umgekehrt wird sich nur ein demokratisch verfasster Staat politisch mündige Bürger wünschen und auch ertragen können.
Pädagogischer Widerspruch ist dort notwendig, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sondern muss erst noch entworfen werden – unter Herausforderungen, die wir heute noch nicht überblicken können. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit wird nur eine Pädagogik wecken können, die sich ihren pädagogischen Eigensinn bewahrt und ihre eigene pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft.
Streitbar, kritisch und unkonventionell diskutiert der Band aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive aktuelle Bildungsaufgaben, vor denen unser Gemeinwesen steht: von einer Erziehung zur Toleranz über gesellschaftliche Integration und Inklusion bis zum Umgang mit religiöser Vielfalt.

Der Verfasser ist promovierter Sozialethiker und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik und lehrt als Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung. Daneben ist er in München und Heilbronn als Lehrbeauftragter für (berufs-)ethische Fragen in der Sozialen Arbeit tätig.

Aus „Gemeinsamer Erklärung“ soll Petition werden

„Gemeinsame Erklärung 2018“ lautet ein Text, mit dem sich am 15. März 2018 Vera Lengsfeld, ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, zusammen mit weiteren 30 Erstunterzeichnern  öffentlich zu Wort meldete. Gefordert werden wirksame Maßnahmen, die den mit der Migrationskrise eingetretenen inneren wie äußeren Kontrollverlust Deutschlands beenden und die rechtsstaatliche Ordnung an den deutschen Grenzen wiederherstellen. Rasch stieg die Zahl der Unterzeichner, an Ostern waren es bereits fast 15.000.

Inzwischen haben die Initiatoren einen Strategiewechsel angekündigt: Zum einen soll die Unterstützerliste nicht allein auf Publizisten, Künstler, Wissenschaftler und Akademiker beschränkt sein. Zum anderen soll die Erklärung durch eine Massenpetition an den Deutschen Bundestag begleitet werden. Mit dieser soll die Bundesregierung aufgefordert werden, eine Kommission einzusetzen, die „schnellstmöglich Vorschläge unterbreitet, wie der durch die schrankenlose Migration eingetretene Kontrollverlust im Inneren des Landes beendet werden kann; wirksame Hilfe für die tatsächlich von politischer Verfolgung und Krieg Bedrohten organisiert werden kann und wo dies idealerweise geschehen sollte.“ Wer die Petition unterstützen will, kann dies online auf den Seiten der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ tun.

Neuerscheinung: Themenheft „Bildung“ der Zeitschrift „Lebendiges Zeugnis“

Das erste Themenheft dieses Jahres der neugestalteten Zeitschrift „Lebendiges Zeugnis“ (73. Jahrgang, Heft 1, März 2018) widmet sich dem Thema BILDUNG. Die Zeitschrift, die vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken herausgegeben wird, beleuchtet in ihrem Themenschwerpunkt nicht zuletzt die Rolle der Kirche als Bildungsträger im Allgemeinen (Ralph Bergold) und das kirchliche Engagement in verschiedenen Bereichen des Bildungssystems, etwa die Arbeit der Katholischen Schulen (Joachim Göbel und Martin Steffens), die Bildungsarbeit der Caritas (Martina Polleres-Hyll und David Himler), die kirchliche Erwachsenenbildung (Claudia Pfrang), die politische Bildungsarbeit der Kirche (Guido Erbrich) sowie die Jugendakademien und Stipendienwerke (Andreas Glock). Das Themenheft wurde konzeptionell entwickelt vom Münchner Kirchenhistoriker Dr. Stephan Mokry, Mitglied des Beirates der Zeitschrift. Ein Jahresabonnement (vier Hefte/Jahr) kostet 21,00 Euro.

Axel Bernd Kunze beleuchtet aus bildungsethischer Perspektive, wie im Bildungsbereich, nicht zuletzt in der Schule, mit Fragen konfessioneller Identität umgegangen werden sollte:

Axel Bernd Kunze: Prüfstein von Bildungsfreiheit und positiver Religionsfreiheit. Bildungsethische Überlegungen zum Umgang mit konfessioneller Identität, in: Lebendiges Zeugnis 73 (2018), H. 1 v. März 2018, S. 13 – 24.

 

Gute Wünsche für gesegnete Kar- und Ostertage

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnt die Feier der Kar- und Ostertage. Allen, die mein Weblog zur Bildungsethik interessiert verfolgen, wünsche ich gesegnete Kar- und Ostertage, gute Feiertage sowie erholsame Osterferien. Vielleicht können die folgenden Gedanken ein paar Akzente für die kommenden Tage setzen. Ich freue mich, wenn wir auch weiterhin im gemeinsamen Austausch über bildungsethische Fragen miteinander in Verbindung bleiben.

Ihr Axel Bernd Kunze

„Ostern steht nicht für eine Totenauferweckung, durch die der Verstorbene in sein bisheriges Leben zurückkehrt. Ostern steht für die endgültige Überwindung des Todes, für eine ganz neue und einzigartige Wirklichkeit, die über unseren irdischen Erfahrungsbereich hinausgeht. Uns Menschen, die noch diesseits des Todes leben, fehlt die Möglichkeit, uns diese Wirklichkeit umfassend vorzustellen und davon zu sprechen.

Das irdische Leben Jesu – seine Verkündigung, sein Tod, sein Begräbnis – können wir beschreiben. Was aber mit Ostern in unsere Welt einbricht, liegt auf einer anderen Ebene von Wirklichkeit, entzieht sich unserer Kontrolle. Wir können darüber nur in übertragener Weise sprechen. Schon die Rede von einem „historischen Ereignis“ versagt beim Ostergeschehen, da es um eine Wirklichkeit jenseits unserer irdischen Geschichte geht.

Der verstorbene Wiener Neutestamentler Jacob Kremer, der sich viel mit den biblischen Ostergeschichten beschäftigt hat und daher auch oft liebevoll „Osterjacob“ genannt wurde, hat die Schwierigkeiten, von Ostern zu sprechen, einmal in folgendes Bild gepackt: Die Ostergeschichten des Neuen Testaments veranschaulichen das, was an Ostern geschehen ist, nicht in Form einer einfachen Fotographie, sondern als ein gutes, vielschichtiges Gemälde. Das Bild, welches das Neue Testament uns von Ostern zeichnet, bezeugt auf verschiedenartige Weise, was an Ostern geschehen ist und wie die neue Wirklichkeit in unsere Welt einbricht.

Die Erscheinungen des Auferstandenen sind starke subjektive Erfahrungen, die das Neue und Unfassbare erfahrbar werden lassen: Jesus lebt. Es geht um diese Erfahrung.

Über den Vorgang der Erscheinungen selbst sagen uns die neutestamentlichen Texte hingegen nichts. Aber sie machen deutlich, dass die Zeugen der Ostererscheinungen diese einmalige Erfahrung sehr deutlich von anderen mystischen Erlebnissen, Träumen oder Visionen unterscheiden. Nicht die Berichte über das leere Grab oder eine Engelerscheinung am Ostermorgen, sondern die Bezeugung der Apostel und anderer, dem Auferstandenen begegnet zu sein, begründet den Glauben der frühen Christen.“

Auszug aus einem Predigtvorschlag zum Ostermontag:

Axel Bernd Kunze: Ostermontag: Fortdauernde Begegnung mit dem Auferstandenen (Lk 24, 13 – 35), in: Der Prediger und Katechet. Praktische katholische Zeitschrift für die Verkündigung des Glaubens 157 (2018), H. 3., S. 324 – 327.

Werkausgabe der Schriften Adolf Reichweins

Leider hat sich mit Ablauf des Jahres 2017 der Adolf-Reichwein-Verein aufgelöst. Dieser zeichnete u. a. verantwortlich für die Werkausgabe des Pädagogen, Volkskundlers und Kultuspolitikers:

Adolf Reichwein: Pädagogische Schriften. Kommentierte Werkausgabe in fünf Bänden. Vorworte von Christian Ritzi und Konrad Vanja, herausgegeben und bearbeitet von Ullrich Amlung, mit einem Gesamteditorial zur Werkausgabe von Karl Ch. Lingelbach und Ullrich Amlung, Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2011 bis 2015.

Weitere Informationen zu Adolf Reichwein finden Sie im Adolf-Reichwein-Forum.

Einen Lebenslauf Adolf Reichweins finden Sie auf den Seiten des Lassalle-Kreises.

Jahresrückblick 2017

Nachdem auch die letzten Publikationsnachträge aus dem Vorjahr erschienen sind, ist der Jahresrückblick mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Hinweisen zu meinen sonstigen pädagogischen und sozialethischen Tätigkeiten aus dem Jahr 2017 online. Sie finden diesen hier.

Für Anfragen oder Rückmeldungen stehe ich gern zur Verfügung. Ich freue mich, wenn Sie meine pädagogische und sozialethische Tätigkeit auch weiterhin interessiert begleiten.