Rezension: Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit

Karlies Abmeier bespricht in den aktuellen „Stimmen der Zeit“ 10/2018 den in zweiter Auflage erschienenen Tagungsband des „Forums Sozialethik – Initiative junger Sozialethikerinnen und Sozialethiker“ zur Migrations- und Integrationsethik:

„Bereichernd ist ein Streitgespräch zwischen den Theologen Andreas Fisch und Axel Bernd Kunze. Geschickt hinter einzelnen Themenkomplexen eingeschoben beiten die vertiefenden Fragen die Chance, dass die Beiträge nicht unwidersprochen präsentiert, sondern Kontroversen ausgetragen und teilweise von akademischen Höhen in die Niederungen der politischen Alltagsdebatte geführt werden.“ (S. 747)

Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hgg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet (Forum Sozizalethik; 18), Münster: Aschendorff 2., durchges. Aufl./2018.

Schlaglicht: Kennt Wissenschaft keine Verantwortungsethik?

Der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, spendet 50.000 Euro für eine Seenothilfeorganisation im Mittelmeer. Aus welchen Quellen die Gelder genau kommen, die der Kardinal hier gespendet hat, ist nicht restlos klar. Die EKD unterstützt gleichfalls solche Organisationen – hier mit Kirchensteuermitteln. Die Kirche ergreift damit auf sehr fragwürdige Weise politisch Position und nimmt dafür alle Mitglieder in gleicher Weise in Mithaftung – das ist
unredlich und sozialethisch fragwürdig. Was sich im Mittelmeer abspielt, ist eine humanitäre Katastrophe, die so allerdings weiter gefördert wird – im Hintergrund steht eine Gesinnungsethik, die nicht mehr fragt, ob damit die Organisierte Kriminalität als Geschäftsmodell weiter angeheizt wird. Politische oder auch militärische Lösungen werden nicht diskutiert.

Unser Land ist gespalten – nicht, weil es unterschiedliche Positionen gibt. Die gibt es in der Regel immer. … sondern weil die verschiedenen Positionen nicht mehr in der Lage sind, das Selbstverständnis des anderen Lagers wahrzunehmen. Wo aber Positionen gar nicht erst wahrgenommen, erst recht nicht verstanden werden, kann es auch keine Auseinandersetzung mehr geben. Und politische Haltungen – auch in der Kirche – klären sich erst im Diskurs. Das Evangelium ist politisch relevant, aber es gibt noch kein umfassendes göttliches Gesetz vor – daher kann es unter Christen unterschiedliche konkrete politische Antworten geben. In der Migrationsethik zieht aber ein neuerlicher Integralismus in die Kirche ein. Sehr schwierig ist es, wenn in der Sozialethik versucht wird, die in der Migrationsethik kontrovers debattierte Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik nur für die Politik gelten zu lassen. Hier geht es nicht allein Fragen vermeintlich böser Realpolitik. Auch Wissenschaft und Kirchen sollten nicht ungehemmt einem überzogenen Moralismus frönen. Dies wäre sozialethisch naiv und fahrlässig.

 

Frankfurter Pfarrer solidarisieren sich mit dem Theologen Ansgar Wucherpfennig

Der Vatikan hat dem Rektor der Frankfurter Jesuitenhochschule, Professor Ansgar Wucherpfennig SJ, wegen seiner Äußerungen zur Homosexualität, zum Zölibat und zur Priesterweihe von Frauen das „Nihil obstat“ verweigert. Der im Februar zum dritten Mal wiedergewählte Rektor kann sein Amt damit nicht weiterführen. Die Maßregelung des Frankfurter Theologen blockiert einmal mehr das moraltheologische Nachdenken über sexualethische Fragen, konterkariert den Neuaufbruch der von Papst Franziskus einberufenen Synode zu Ehe und Familie und beschädigt die Meinungs- und Forschungsfreiheit innerhalb der Theologie.

Die Frankfurter Pfarrer haben sich mittlerweile in Form einer Onlinepetition mit Wucherpfennig solidarisiert:

Die Maßregelung des unbescholtenen und in Frankfurt sehr geschätzten Wissenschaftlers durch die römischen Behörden wird offenbar mit Aussagen von ihm zum Thema Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare begründet. Wir halten die Anregungen von P. Wucherpfennig zu diesen Themen für einen wichtigen Diskussionsbeitrag und sind ihm dafür sehr dankbar. […]

Im Vatikan meint man offenbar immer noch, missliebige Positionen aus der Welt schaffen zu können, indem man diejenigen mit Sanktionen belegt, die sie äußern. Dieses Verhalten ist das genaue Gegenteil von dem „offenen Dialogs ohne Vorurteile“, den Papst Franziskus sich für die Kirche wünscht. Nur dieser macht uns aber als Kirche in einer offenen Gesellschaft, insbesondere in einer Stadtgesellschaft wie in Frankfurt, gesprächsfähig. Die Zeiten, wo Menschen – auch Amtsträger in der Kirche – sich von römischen Behörden vorschreiben lassen, worüber nachgedacht und diskutiert werden darf, sind Gott sei Dank endgültig vorüber.

Die Onlinepetition kann unter folgendem Link eingesehen und unterzeichnet werden:

https://www.mariaehimmelfahrt-ffm.de/erklaerung-der-pfarrer-der-katholischen-pfarreien-in-frankfurt-zum-fall-ansgar-wucherpfennig/

Tagungsbericht: Zweite Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung in der Bildung

Thomas Thiel berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. Oktober 2018 über die Zweite Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung in der Bildung – unter dem Titel: Lernen im Chatroom. Im Tagungsbericht heißt es:

Die Gesellschaft für Bildung und Wissen, die den Kongress
zum zweiten Mal organisierte, ist eine Art gallisches Dorf, das
den Bildungshumanismus gegen die breite Front von Bertelsmännern,
Kuschelpädagogen und Reformtechnokraten in der
deutschen Bildungspolitik verteidigt. Der Konferenztitel ist eine
ironische Anspielung auf deren Ziel, Fachwissen durch abstrakte
Kompetenzen zu ersetzen. Rund 350 Zuhörer fanden
sich im großen Medizinerhörsaal der Goethe-Universität ein.
„Reichen die Würstchen?“, fragte Josef Pfeilschifter, Dekan der
Medizinischen Fakultät, angesichts des unerwarteten Zustroms.
Sie reichten. Es wäre sogar noch eins dagewesen für einen
Politiker, der das Smartphone im Unterricht verteidigt. Er
hätte auch ein Wort dazu sagen können, ob man wirklich
glaubt, dass Schüler darauf am liebsten Mathematikaufgaben
lösen.

Engagement 3/2018 zum Thema Jungenpädagogik

Das neue Themenheft 3/2018 der Zeitschrift engagement widmet sich dem Thema Jungenpädagogik. Der verantwortliche Herausgeber, Prof. Dr. Clauß Peter Sajak (Universität Münster), beschäftigt sich in der offenen Umschau des Heftes mit der „Genderthematik in den Lehrplänen der Länder der Bundesrepublik Deutschland“. Prof. Dr. Volker Ladenthin (Universität Bonn) fragt: „Ist Unterricht nur wissensorientiert? Über einen Zusammenhang von Wahrheit und Glaube. Eine erkenntnistheoretische Meditation“.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Reinhard Winter: Praxisbuch Jungen in der Schule (Rez.: C. P. Sajak)

Reinhard Winter, der sich als Psychodramaleiter und Diplompädagoge einen Ruf als Experte für Jungenthemen und Jungenpädagogik im deutschsprachigen Raum erworben hat, legt mit dem vorliegenden Buch eine weitere Handreichung vor, in der seine vielfältigen Erfahrungen in der über dreißigjährigen Arbeit mit jungen männlichen Jugendlichen und jungen Männern gebündelt sind.

  • Claudia Krell, Kerstin Oldemeier (Hgg.): Coming out – und dann …?! (Rez.: W. Scheel)

Das Buch ist nicht nur für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen empfehlenswert, sondern auch für Menschen, die haupt- oder ehrenamtlich mit jungen Menschen zu tun haben, besonders für Pädagogen Pädagoginnen inner- und außerhalb von Schulen.

  • Herbert Bassarak (Hg.): Lexikon der Schulsozialarbeit (Rez.: D. Rüsch)

Dieses Lexikon sollte in jedem Jugendamt Schule machen und in jeder Schule helfen, dass die Schülerinnen und Schüler zugleich auch als Kinder beziehungsweise Jugendliche wahrgenommen werden. Denn es bedarf auf Dauer einer fundierten Konzeptionierung und verlässlichen Ausstattung an Personal und Räumen, damit Schulsozialarbeit in all ihren Möglichkeiten wirksam werden kann. Das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ ist hierfür ein hervorragender Baustein!

  • Marcus Bär, Manuela Franke (Hgg.): Spanischdidaktik (Rez.: B. Igelbrink)

Dieses Buch aus der Praxis für die Praxis könnte zu einem Standardwerk im Buchregal aller (angehenden) Spanischunterrichtenden avancieren.

  • Carmen Rivuzumwami (Hg.): Gemeinsam: Leben Glauben Bilden (Rez.: A. B. Kunze)

Bemerkenswert ist schließlich noch der Schlussbeitrag des Bandes: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Landeskirche in Stuttgart-Birkach, hält ein engagiertes Plädoyer für einen weiterhin starken konfessionell geprägten Religionsunterricht, gut begründet, wenn auch im vorstehenden Sinne „unzeitgemäß“, insofern der Hauptstrom der zeitgenössischen Religionspädagogik deutlich in Richtung konfessioneller Kooperation fließt.

  • Matthias Arnold, Philipp Thull (Hgg.): Theologie und Spiritualität des Betens (Rez.: W. Eykmann)

Neben den empirisch-psychologischen Befunden, die – so die Behauptung Anton Bubers – am meisten den Betenden selbst nützen und neben den „Gebete(n) als literarische Gattung“ (Georg Langenhorst) sowie neben den außergewöhnlichen Gebetserhörungen bei „Heiligsprechungsverfahren“ und „Lourdes“ (Andreas Resch CSsR) beeindruckt die pädagogisch-theologische Verortung des Gebetes in der, wie man früher gesagt hat, Allgemeinen Pädagogik; hier modern formuliert: Das Verhältnis von Erziehung, Bildung und Religion in der pluralen Gesellschaft im Bezug zum Gebet (Axel Bernd Kunze).

  • Herbert Hömig. Altenstein (Rez.: J. Dochhorn)

Lässt sich dieses materialreiche Buch für den Unterricht in der Oberstufe einsetzen? Falls eine Quelle zu verwenden ist, bietet sich wohl die Denkschrift von 1807 an (vergleiche hierzu die biblio­graphische Angabe S. 387, dort Anmerkung 1); der Stil des Freiherrn dürfte allerdings als etwas zäh empfunden werden. Ansonsten findet sich reichlich Material für neue Wahrnehmungen von Geschichte und Gegenwart.

  • Iben Akerlie: Lars, mein Freund (Rez.: A. Frey)
  • Christoph Scheuring: Absolute Gewinner (Rez.: K. Steinfeld-Bartelt)

 

Buchtipp: Bildung in der Demokratie

Der Verlag für Kultur und Wissenschaft wirbt in der neuen Ausgabe des „Burschenschafters“ (Jg. 2, 2/2018, S. 11) für den Titel:

Bildung in der Demokratie

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind.

Pädagogik ist nicht selbst politisch, aber politisch relevant – durch das, was sie dem Einzelnen mitgibt. Indem Bildung zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln befähigt, ist sie für Demokratie unverzichtbar. Umgekehrt wird sich nur ein demokratisch verfasster Staat politisch mündige Bürger wünschen und auch ertragen können. Pädagogischer Widerspruch ist dort notwendig, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sondern muss erst noch entworfen werden – unter
Herausforderungen, die wir heute noch nicht überblicken können. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit wird nur eine Pädagogik
wecken können, die sich ihren pädagogischen Eigensinn bewahrt und ihre eigene pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft.
Streitbar, kritisch und unkonventionell diskutiert der Band aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive aktuelle Bildungsaufgaben,
vor denen unser Gemeinwesen steht: von einer Erziehung zur Toleranz über gesellschaftliche Integration und Inklusion bis zum Umgang mit religiöser Vielfalt.
Axel Bernd Kunze ist promovierter Sozialethiker und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik und lehrt als Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung. Daneben ist er in München und Heilbronn als Lehrbeauftragter für (berufs-)ethische Fragen in der Sozialen Arbeit tätig.

Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn; ISBN 9783862691487; 164 Seiten, 15,80 €.

Der Band ist in jeder Buchhandlung erhältlich.

Ein „Fundstück“ zum Tag der Deutschen Einheit …

Welche Nation würde nicht sich selbst, ihre Traditionen, ihren Besitz und ihre Grenzen schützen? […] Das organisierte Vergessenmachen all dieser Selbstverständlichkeiten ist eine Form der Lüge. Jede Identität ist besser und verträglicher als die Heuchelei, mit der wir behaupten sollen, keine Identität zu haben und für alles offen zu sein. Wer für alles offen sein will, muss viel einstecken können.

So Andreas Lombard in „Cato“ 6/2018.

Ich wünschen allen Lesern meines Weblogs einen guten, erholsamen Tag der Deutschen Einheit.

Schlaglicht: Vor der bayerischen Landtagswahl …

„Wie sich die CSU von ihrem C entfernt“ – die Titelzeile über dem Kommentar einer Journalistin der Stuttgarter Zeitung steht pars pro toto für zahlreiche Äußerungen zum diesjährigen Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung. Mittlerweile hat sich der Pulverdampf wieder gelegt; die politisch-publizistische Öffentlichkeit hat vor der bayerischen Landtagswahl in diesem Monat neue Aufreger gefunden: ein Anlass, noch einmal auf die Kontroverse in diesem Frühjahr zurückzuschauen. Ein Kommentar soll Position beziehen und darf zuspitzen – keine Frage. Ein kluger Kommentar allerdings kehrt Kontroversen nicht einfach unter den Tisch oder moralisiert politische Streitfragen auf eine Weise, die dem Gegenüber den guten Willen von vornherein abspricht.

Der Verfasser hat mehrfach den bayerischen Kreuzerlass ausdrücklich verteidigt. Ich habe keine Schwierigkeiten damit, über diese Position mit mir streiten zu lassen. Ich habe aber Schwierigkeiten damit, wenn parteipolitisch strittige Fragen so verkürzt und moralisiert werden, dass der andersdenkenden Seite das „C“, also das Christliche, abgesprochen wird.  Denn die christliche Botschaft ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Christen engagieren sich in einem weiten demokratischen Spektrum links wie rechts der Mitte. Und das ist gut so. Denn unter Christen darf es unterschiedliche Positionen zu politischen Fragen geben, darf über politische Streitfragen politisch diskutiert werden und muss um das rechte politische Handeln mitunter auch hart gerungen werden. Stattdessen zeigt sich angesichts der kontrovers geführten Migrations- und Integrationsdebatte ein neuerlicher katholischer Integralismus, auf Seiten der Bischofskonferenz wie des Laienkatholizismus. Äußerst begrenzt ist am Ende das parteipolitische wie sozialethische Spektrum, das innerkirchlich für zulässig erachtet wird, übrig bleibt nicht selten eine gesinnungsethische Schrumpfform des Christlichen, die sich vom Traditionsstrom katholischer Staatsethik grundlegend verabschiedet hat. Die Integrität des Staates, seine Rechtsfunktion und die kulturelle Identität des Staatsvolkes zu verteidigen, mag sozialethisch gegenwärtig nicht hoch im Kurs stehen, widerspricht meines Erachtens aber gerade nicht einer politischen Ethik aus christlicher Verantwortung.

Das Kreuz in Bayerns Behörden macht darauf aufmerksam, dass staatliches Handeln fehlbar bleibt. Der Staat, in dessen Amtsräumen Kreuze hängen, weiß darum und respektiert, dass seine Amtsträger noch einer anderen Instanz gegenüber verantwortlich sind. Wenn wir das unnachahmliche Wort „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ ernstnehmen, sollte sich umgekehrt auch die Kirche vor allzu voreiligen politischen Gewissheiten in vorletzten Fragen hüten. Nur ein Beispiel: Der Zusammenhang, der zwischen der Tätigkeit von Rettungsschiffen, die im Auftrag internationaler Nichtregierungsorganisationen fahren, und der Organisierten Kriminalität von Schlepperbanden besteht, ist – um nur ein Beispiel aus dem oben genannten Kommentar wiederum pars pro toto aufzugreifen – differenzierter zu beurteilen, als dies eine Empörungsrhetorik nahelegt, die vom „Gipfel des Zynismus“ spricht. Über Fragen des politischen Stils auf der einen wie der anderen Seite der politischen Auseinandersetzung kann man dann immer noch streiten. Die Entfremdung zwischen CSU-Führung und -Basis hat nicht erst, wie der Kommentar suggeriert, mit dem jüngsten Asylstreit begonnen – schon der Aufstieg der AfD in Bayern ist ein Anzeichen dafür. Die einen stören sich an einer restriktiver werdenden Einwanderungspolitik, die anderen an einer Politik, die Fragen nach Vaterland, Nation, Identität oder nach den verfassungsrechtlichen Grundlagen des Staates an den Rand schiebt. Dabei geht es nicht allein um die Frage, welche Partei bei der nächsten Landtagswahl verlieren oder gewinnen wird, sondern es geht um die Frage, wie wir in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren als Volk gemeinsam leben wollen. Diese Kontroversen müssen wir führen – auch und gerade unter politisch interessierten Christen. Und ich wünsche mir an diesem Tag der Deutschen Einheit, dass wir diese Kontroversen mit dem notwendigen Freimut, der unerlässlichen Toleranz und dem gebotenen Respekt vor unterschiedlichen parteipolitischen Positionen führen können, ohne dass wir einander das „C“ absprechen.

Kommentar: Katholische und muslimische Kinder üben den gleichberechtigten Dialog? – Das Bistum Hildesheim geht problematische Wege

In Gifhorn – im Bistum Hildesheim – ist in diesem Jahr eine katholisch-muslimische Kindertagesstätte namens „Abrahams Kinder“ eröffnet worden. Die Presse hat ausdrücklich darüber berichtet, beispielsweise die „Tagespost“ vom 16. August 2018: „Mittagessen mit Mohammed“ (S. 30). Das Projekt ist reichlich umstritten – zu Recht, wie ich meine. Die katholische Kirche zieht sich in der norddeutschen Diaspora aus verschiedenen Gründen mit ihrer Pastoral aus der Breite zurück. Gleichzeitig scheint es aber genügend Ressourcen für ein derart fragwürdiges Projekt zu geben. Vom bleibenden Missionsauftrag der Kirche ist bei den Verantwortlichen überhaupt kein Wort mehr zu vernehmen.

Bei allem Verständnis für den Dialog zwischen unterschiedlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften ist es nicht Aufgabe der katholischen Kirche, Trägeraufgaben für fremde religiöse Angebote zu übernehmen. Wenn Bedarf für einen muslimischen Kindergarten bestehen sollte, bleibt es Aufgabe muslimischer Träger, einen solchen im Rahmen der verfassungsrechtlichen Religionsfreiheit zu gründen. Überdies ist der Verein DITIB aufgrund seiner politischen Bindungen an die Türkei ein problematischer Kooperationspartner, dessen Charakter als Bekenntnisorganisation sehr fragwürdig ist. Die Kirche misst hier eindeutig mit zweierlei Maß: Während sich die Kirchenführungen von einer Bundestagspartei wie der AfD auch ohne zwingende Beweise für verfassungsfeindliche Bestrebungen deutlich distanzieren (die Studie des Münsteraner Instituts für Christliche Sozialwissenschaften im Auftrag der Katholischen Büros in den neuen Bundesländern spricht an dieser Stelle Bände), hat man in diesem Fall weniger Berührungsängste; dies wird sich vermutlich auch jetzt nicht ändern, nachdem DITIB zumindest zum Prüfungsfall für den Verfassungsschutz geworden ist.

Das Projekt in Gifhorn ist aber nicht allein politisch blauäugig, sondern auch pädagogisch wenig zielführend. Dialog setzt voraus, dass der Einzelne in seinem eigenen Glauben beheimatet ist und etwas in das gemeinsame Gespräch einzubringen hat. Die Auseinandersetzung mit fremden religiösen Überzeugungen kann nur auf Basis des Eigenen gelingen. Wenn Kinder gleichberechtigt in das Christentum und den Islam eingeführt werden sollen, führt dies zu einer diffusen und indifferenten Lernumwelt, welche die religiöse Erziehung eher behindert als erleichtert – wobei von interreligiöser Gleichberechtigunng bei diesem Projekt sowieso keine Rede sein kann, wenn für die Kinder ausschließlich nach Halalregeln gekocht wird.

Die Äußerungen des Gifhorner Bürgermeisters in der Presse lassen erahnen, was am Ende von der religiösen Erziehung in einer vermeintlich katholischen Kindertageseinrichtung noch übrig bleibt: Religion wird auf ihren ethischen Gehalt reduziert , und die bestehenden Unterschiede zwischen den Religionen werden eingeebnet. Religiöse Erziehung bedeutet dann nur noch soziales Lernen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner im Sinne einer allgemein menschlichen Wertschätzung. Wir betrügen unsere Kinder damit um religiöse Erfahrungen; den christlichen Glauben werden wir auf diese Weise nicht lebendig erhalten können. Es ist eine kluge Entscheidung, dass sich die evangelische Kirche schlussendlich aus Sorge um ihr evangelisches Profil als Bildungsträger aus diesem gemeinsamen Vorhaben herausgehalten hat. Vermutlich bleibt es eine vergebliche Hoffnung, dass der neue Hildesheimer Bischof sich seiner Hirtensorge besinnt und das fragwürdige Projekt beendet. Dies würde nicht das Ende des interreligiösen Dialogs bedeuten, im Gegenteil.

Aus aktuellem Anlass noch einmal: Prinzip der Repräsentation nicht verstanden

Nur ein Drittel der Mitglieder im Deutschen Bundestag sei weiblich, so kritisieren weibliche Abgeordnete – und favorisieren Quotierung im Wahlrecht. Prominente Verfechterin dieses Vorstoßes, der die Demokratie auf den Kopf stellt, kommt von Justizministerin Katarina Barley. Wer zu viel Schnaps trinkt, sollte aufhören, bevor die Sinne vollkommen vernebelt sind – bei Schnapsideen gilt diese Bremse oft nicht. Daher soll an dieser Stelle aus aktuellem Anlass noch einmal ein Beitrag wiederholt, der vor einem Jahr an dieser Stelle erschienen:

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (vgl. z. B. Stuttgarter Nachrichten v. 14.09.2017, S. 4) schlägt schon vor der Wahl Alarm: Frauen seien im neuen Parlament unterrepräsentiert, so viel sei schon heute sicher. Was will uns die Studie damit sagen? … dass die neuen Abgeordnete künftig vornehmlich die Interessen der Männer im Land vertreten werden!? Abgeordnete werden schließlich gewählt, damit sie im Parlament über das allgemeine Wohl des Landes verhandeln. Ansonsten müsste ja auch die Verteilung anderer Interessen oder Merkmale in der Bevölkerung eins zu eins im Parlament abgebildet werden. Dann könnten wir uns die Wahl ganz schenken und die Zusammensetzung des Bundestages von einem Computerprogramm nach den Daten des Statistischen Bundesamtes berechnen lassen. Wer wie die Autorinnen der Studie Quoten für Kandidatenlisten fordert, hat das Prinzip der Repräsentation nicht begriffen und sollte noch einmal politischen Nachhilfeunterricht nehmen.

(Der Beitrag ist am 22. September 2017 als Leserbrief in den Stuttgarter Nachrichten erschienen.)