Zwei Kommentarstimmen zum Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“

Die Diskussium um die „Erklärung“ der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen „Die Neue Ordnung“ und deren Chefredakteur, Pater Ockenfels, geht weiter. Hier Auszüge aus zwei aktuellen Kommentaren, die sich kritisch mit dem Boykottaufruf der deutschsprachigen Sozialethiker auseinandersetzen:

„Niemand muss die Positionen von Pater Ockenfels teilen. Er aht aber so wie jeder andere auch verdient, dass man sich mit seinen Argumenten auseinandersetzt. Eine solche Auseiandersetzung quasi per Dekret zu untersagen und dies noch mit einem Bekenntnis zur Pluralität des Faches zu verbinden, ist nicht nur unwissenschaftlich, es zeugt auch von einem geringen Reflektionsgrad [sic!] der Handelnden. Was allerdings stark ausgeprägt ist, ist deren Machtbewusstsein: Die Arbeitsgemeinschaft repräsentiert die große Mehrheit ihres Faches. sie könnte also mit großer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, dass es eben auch katholische Sozialethiker gibt, die andere Positionen vertreten. Das wäre echte Toleranz. Stattdessen setzt man auf öffentliche Ächtung. Trotzdem: […] Die Aktivitäten seiner ‚Kollegen‘ zeigen, dass sie ihn offenbar lesen, obwohl sie sich ärgern. Ein starker Beleg für die Relevanz der Zeitung und deren publizistischer Linie.“

Sebastian Sasse in der „Tagespost“ vom 28. März 2019.

https://www.die-tagespost.de/politik/pl/Kommentar-Maulkorb-statt-Argument;art315,196843

Bildergebnis für Forum Sozialethik

„Etwas gründlicher hätten Sie sich auch überlegen müssen, ob Sie wirklich eine Säuberung von Bibliotheken fordern wollten. Mir scheint die gesamte Erklärung stark von autoritärem Denken geprägt. Würde eine Ausgrenzungshandlung wie diejenige, die Sie anstreben, von rechtsautoritären Kreisen prakti­ziert (etwa im Sinne eines repressiven Antikommunismus), gäbe es vermutlich einen Aufschrei. Einen kaum sehr guten Eindruck macht auch der zarte Hinweis an den Orden, sich doch einmal Gedanken zu machen, wie man mit der Persona non grata Ockenfels verfahren könne. Hier verbünden Sie sich unverhohlen mit ekklesialen Machtstrukturen, die kritisch zu hinterfragen die christliche Sozialethik ansonsten gerne für sich in Anspruch nimmt. Es hat den Anschein, daß Herrschaftstechniken aus der Zeit der Antimodernisteneide und der indizierten Bücher durchaus bejaht werden – wenn sie nur der für gut gehaltenen Sache dienen.“

Jan Dochhorn, Associate Professor an der Durham University, im Wissenschaftsweblog „Forum Sozialethik“

https://forum-sozialethik.de/2019/03/19/sozialethikerinnen-boykottieren-rechte-zeitschrift/

PS: Mittlerweile wurden die Kommentare im Weblog des „Forums Sozialethik“ gelöscht. Bleibt die Frage, wer hier Angst vor einer offen geführten, kritischen Diskussion hat …

Debatte um Boykottaufruf deutschsprachiger Sozialethiker gegen die „Die Neue Ordnung“

Die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ wurde in der Nachkriegszeit durch die beiden Dominikaner Laurentius Siemer und Eberhard Welty – beide „Vordenker des christlich geprägten Widerstandes im Rheinland“, wie die „Tagespost“ schreibt – begründet. Sie wurden zu einer wichtigen Stimme der katholischen Soziallehre in der „alten“ Bundesrepublik. Jüngst hat die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Sozialethiker im deutschen Sprachraum zum Boykott der Zeitschrift aufgerufen. Dem aktuellen Chefredakteur, Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels, werden rechtspopulistische Äußerungen vorgeworfen.

Die Mitte März veröffentlichte Stellungahme wurde zunächst wenig beachtet. Inzwischen kommt die Debatte in Gang. Die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ äußert unter Berufung auf den Bonner Emeritus und Ehrenvorsitzenden der Joseph-Höffner-Gesellschaft, Lothar Ross, deutliche Kritik am Vorgehen der Vereinigung sozialethischer Lehrstuhlinhaber – dort heißt es: „Lehne man sich bewusst an die mittelalterliche Inquistion an? ‚So oder ähnlich haben auch die Nazis nach 1933 aufgefordert, ’nicht bei Juden zu kaufen‘, stellt [Lothar Roos] fest.“ Die Erklärung, so zitiert die Zeitung den Bonner Sozialethiker weiter, sei unwissenschaftlich und arbeite mit bekannten Totschlagargumenten.

Der Deutschlandfunk zitiert den emeritierten Osnabrücker Sozialethiker, Manfred Spieker: Die Erklärung sei „empörend“. Auch Spieker zieht laut Deutschlandfunk – ähnlich wie sein Bonner Kollege – eine eindeutige Parallele: „Das entspricht in meinen Augen überhaupt nicht akademischen Gepflogenheit. Man soll sich auseinandersetzen mit Aufsätzen, denen man nicht zustimmt. Man muss Argumente liefern. Das entspricht einer akademischen Vereinigung. Aber nicht Forderungen stellen, die mich an die Aufforderung erinnern: ‚Bei Juden kauft man nicht‘ oder an eine Bücherverbrennung erinnern.“ Ferner weist Spieker darauf hin, dass die Urheber der Erklärung sich sonst sehr gern kirchliche Interventionen in ihre Arbeit verbitten würden, jetzt aber dasselbe gegenüber einem missliebigen Kollegen praktizierten: „Der Stil, nun ein Verdikt auszusprechen, ist grotesk. Gerade Kollegen, die sich gegen jede bischöfliche oder römische Interventionen gegen ihre wissenschaftliche Arbeit wehren würden und auch schon gewehrt haben, ausgerechnet die rufen einen Orden auf, ein Mitglied zu reglementieren. Das ist so widersprüchlich.“

Die Debatte zeigt einmal mehr, wie sehr die gesellschaftliche Debatte in Deutschland gespalten ist. Dabei geht es um mehr als um eine einzelne wissenschaftliche Zeitung. Der geistige Grundkonsens unserer Nachkriegsdemokratie, den die „Neue Ordnung“ mitbegründet hat, schwindet. Ein gemeinsames Freiheitsbewusstsein ist immer weniger erkennbar – und damit bröckelt auch der notwendige Grundkonsens über zentrale Prinzipien unseres liberalen Rechts- und Verfassungsstaates, etwa Wissenschafts- und Publikationsfreiheit. Daher ist es gut, wenn sich jetzt Widerspruch gegen einen solchen Boykottaufruf regt.

 

Schlaglicht: „nicht repräsentativ“

Man mag über den kanadischen Psychologen und Kulturkritiker Jordan Peterson und dessen provozierende Thesen denken, wie man mag. Immer wieder hat Peterson durch polemische Zuspitzungen polarisiert, wenn er von „kulturellem Marxismus“, „ideologischem Marionetten-Geschwätz“ oder „Vielfalts-Inklusivitäts-Gleichheits-Mob“ gesprochen hat. Wie die F.A.Z.  am 23. März 2019 hat die Theologische Fakultät der Universität Cambridge nach Protesten ihr Angebot einer Gastdozentur für den an der Universität Toronto lehrenden Kollegen zurückgezogen. Vielsagend ist allerdings die Reaktion der Studentengewerkschaft auf diese Entscheidung. Diese äußerte sich nach Angaben der F.A.Z. „erleichtert“. Denn Petersons Positionen seien „nicht repräsentativ für die Studentenschaft“ und daher kein „wertvoller Beitrag“ für die Universität. Dies klingt wie eine ungewollte Bestätigung des Geschmähten: Die Universität soll nicht mehr ein Ort des streitbaren Ringens um das bessere Argument sein, sondern nur noch denen ein Forum bieten, die das sagen, was die Mehrheit denkt. Inklusion, auf die sich die Universität bei ihrer Entscheidung beruht und die Peterson in Frage stelle, läuft damit auf eine Gleichschaltung des öffentlichen Raumes hinaus. Der Widerspruch zum eigenen universitären Leitbild wird gar nicht mehr gesehen, wie die F.A.Z. zu Recht kritisiert. Denn in der Selbstdarstellung der Universität Cambridge heißt es, man sei eine „weltführende Forschungs- und Lehrinstitution“, welche die freie Rede fördern wolle, und zwar in einem Umfeld, „in dem sämtliche Mitarbeiter und Studenten sich in der Lage sehen sollten, überliefertes Wissen in Frage stellen sowie neue Ideen und umstrittene oder unbeliebte Meinungen ohne Sorge vor Respektlosigkeit oder Diskriminierung ausdrücken zu können.“ Nur nebenbei sei daran erinnert, dass es auch in Deutschland schon eine Regierungschefin gegeben haben soll, die ein Buch, das sie gar nicht gelesen hat, als „nicht hilfreich“ aus dem öffentlichen Diskurs verbannen wollte. Nein, Zensur findet nicht statt.

Neuerscheinung: Kinderrechte in der Erzieherausbildung

Kurzzusammenfassung: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen kann 2019 ihr dreißigjähriges Jubiläum feiern. Das Dokument legt die Menschenrechte auf die besonderen Schutz-, Förder- und Beteiligungsansprüche von Kindern hin aus. Eine besondere Rolle spielen die Kinderrechte für die Erzieherausbildung an Fachschulen für Sozialpädagogik.

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 37 (2019), Heft 1, S. 34 – 37.

Der Verfasser (PD, Dr. theol., Dipl.-Päd., Zweite Staatsprüfung für das Lehramt der Sek.-Stufe II/I), Dozent für Pädagogik und Gemeinschaftskunde, leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen. Daneben ist er als Lehrbeauftragter für philosophisch-theologische Grundlegung der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München sowie für Bildungskonzepte und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig.

Schlaglicht: 7 Wochen ohne …

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ lautet das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche zur diesjährigen Passionszeit. Wer auf die dazugehörige Homepage geht, findet als erstes Überlegungen zur Notlüge. Nun gut, auch darüber kann man nachdenken. Aber wie sieht es mit unserer gesellschaftlichen Debatte aus!? Unsere öffentliche Kommunikation ist in vielem unglaubwürdig. Hierüber nachzudenken, scheint allerdings weniger gewollt – denn dann ginge es nicht nur um „7 Wochen ohne“, sondern um das Eingeständnis, dass wir vielleicht den so gut eingespielten Mainstream der öffentlichen Debatte einmal verlassen sollten, der sich doch so gut eingespielt hat – und bei dem die Kirchen kräftig mitmischen, aber nicht nur diese.

Wir diskutieren über den Klimawandel – und elektrifizieren oder digitalisieren alle Lebensbereiche. Vom elektrischen Rolladen in jedem Klassenraum bis zum interaktiven Klassenzimmer, das endlich die Kreidezeit überwunden hat. Strom kommt schließlich einfach aus der Steckdose, wie wir dank der Grünen und ihres Widerparts FJS schon lange wissen. Über den Energieverbrauch, der damit verbunden ist, redet niemand. Denn Digitalisierung ist gut, der Digitalpakt jeder Anstrengung wert. Das interaktive Whiteboard verbraucht Energie, die gute, alte Kreidetafel nicht … Aber wer wollte hier kleinlich sein, wo es doch gar nicht um den pädagogischen Nutzen geht.

Wir verschärfen den Datenschutz so, dass bestimmte Bereiche gar nicht mehr richtig handlungsfähig sind – und wir verstärken gleichzeitig die soziale Kontrolle, auch im Bildungsbereich, der eigentlich zur Selbstbestimmung freimachen sollte. Wird es bald automatisch generierte Testdaten geben, wie China es uns vormacht? Das wird auch in Deutschland kommen, gibt sich eine Vertreterin des „Education Engagements“ von Microsoft sicher. Andere Länder machen es vor, Deutschland wird sich das nicht mehr lange leisten können, wir sind in Gesprächen, sie können zuversichtlich sein … Der humanistische Individualismus ist alteuropäischer Kram und steht zum Ausverkauf.

Wir beklagen den Fachkräftemangel in Kindergärten, Pflegeheimen und Handwerksbetrieben – und tun immer noch so, als produzierten berufliche Schulen gescheiterte Lebensläufe am Fließband, wenn sie ihre Absolventen „nur“ mit einem Ausbildungsabschluss in die Welt entlassen. Wohingegen die Hochschulen mit jedem Bachelorabschluss in „Gender Studies“ an der „Knowledge based Society“ und am größten Wissensraum zwischen Lissabon und Helsinki mitarbeiten.

Und wir reden über Vielfalt und Pluralität – und rufen im Namen der Pluralität zum Boykott wissenschaftlich missliebiger Fachzeitschriften und zur Säuberung von Bibliotheken auf. Wo die Historiker vorangegangen sind, wollen die Christlichen Sozialethiker nicht abseits stehen, wie jüngst eine Erklärung zur „Neuen Ordnung“ zeigt. Alles natürlich im Namen der Freiheit. Schlimmer noch als die Zensur der Wissenschaft ist die Zensur durch die Wissenschaft.

Sieben Wochen ohne … – gar kein so schlechter Gedanke. Umkehr ja bitte, aber nicht so radikal. Denn das könnte viele Selbstgewissheiten in Frage stellen. Umkehr kann auch als ein Bildungsgeschehen verstanden werden. Ich sehe ein, dass die Welt auch ganz anders sein könnte – und werde herausgefordert, ein eigenständiges Urteil zu bilden. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat die notwendige Umkehr einmal so auf den Punkt gebracht – ein postsäkularer Gedanke, der gut zur Fastenzeit passen könnte: Denn „der freie Geist verletzt nicht nur das Tabu der Exzellenz, sondern auch das Tabu der Transzendenz. Sein Mut zur Wahrheit sprengt den Funktionalismus, die ausweglose Immanenz der sozialen Systeme. Und wenn man sieht, wie die ‚Weltgesellschaft‘ jedes Wort des Widerstands, jede Geste des Protests mühelos ins eigene Funktionieren einbaut, muss man zu dem Schluss kommen: Transzendenz ist heute der einzige subversive Begriff. Die konkrete Utopie jedes Außenseiters ist der systematische Paradigmenwechsel. Der freie Geist jedoch zielt auf die Metanoia des Einzelnen. Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.“

Engagement 1/2019: Lernen im Dialog – 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

engagement 1/2019 dokumentiert den Bundeskongress Katholischer Schule vom September 2018: Lernen im Dialog.

In der offenen „Umschau“ des Heftes würdigt der Bonner Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze das diesjährige Jubiläum der Kinderrechtskonvention:

Axel Bernd Kunze: Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird dreißig Jahre alt. Eine Würdigung aus Perspektive der Erzieherausbildung, in: Engagement 1/2019, S. 34 – 37.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Rez.: Mariano Barbato)
  • Robert Kruschel (Hg.): Menschenrechtsbasierte Bildung. Inklusive und Demokratische Lern- und Erfahrungswelten im Fokus (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Marcus Weber: Erlebnispädagogik in der Grundschule. 89 Aktionen und Spiele (Rez.: Julian Daubaris)
  • Konrad Fees: Geschichte der Pädagogik. Ein Kompaktkurs (Rez.: Ulrich Reichmann)
  • Matthias Asche, Dietmar Klenke (Hgg.): Von Professorenzirkeln, Studentenkneipen und akademischem Networking. Universitäre Geselligkeiten von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Rez.: Axel Bernd Kunze)
  • Ernst Peter Fischer, Klaus Wiegandt (Hgg.): Dimensionen der Zeit – Die Entschleunigung unseres Lebens – Forum für Verantwortung (Rez.: Gottfried Kleinschmidt)
  • Werner Schneider: Oskar Schindler/Steven Spielberg. Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt (Rez.: Volker Ladenthin)
  • Michele Minelli: Passiert es heute? Passiert es jetzt? (Rez.: Astrid Frey)
  • Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen (Rez.: Astrid Frey)

Rezension: Wieviel Bildung braucht die Demokratie? …

… Axel Bernd Kunze geht es bei der Beantwortung dieser Frage weder um PISA-Studien und Kompetenztraining noch um eine Agenda der politischen Bildungsarbeit zur Stärkung staatsbürgerlicher Resilienz gegenüber dem Populismus. Erfrischend altmodisch hält Kunze die Fahne eines humanistischen Bildungsideals hoch und fordert Freiheit und pädagogischen Eigensinn. […]

Auch wenn man Kunze bei der Kontroversität der Themen nicht immer zustimmen wird, lohnt sich die anregende und kurzweilige Lektüre für jeden, der sich der Frage nach dem Zusammenhang von Demokratie und Pädagogik stellen möchte. Kunze legt mit diesem schlanken Büchlein einen klugen und anregenden Debattenbeitrag vor.

Mariano Barbato, Politikwissenschaftler an der Universität Passau, in Engagement 1/2019, S. 43 f.

Bildergebnis für Kunze Bildung in der Demokratie

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind, Bonn 2018.

Schlaglicht: Hauptsache, inklusiv – aber nicht freiheitlich

Auch der sozialethische Nachwuchs weist in seinem Weblog, wie nicht anders zu erwarten war, auf den skandalösen Boykottaufruf der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik gegen die „Neue Ordnung“ hin. Alles natürlich ganz inklusiv und mit Gendersternchen – aber ohne Problem- oder Freiheitsbewusstsein. Und zu allem Überdruss wird einmal mehr „rechts“ und „rechtsextremistisch“ in einen Topf geworfen. Sancta simplicitas, ora pro nobis! Wenn die Gesinnung stimmt, muss man sich nicht um gedankliche Präzision bemühen.

https://forum-sozialethik.de/2019/03/19/sozialethikerinnen-boykottieren-rechte-zeitschrift/

Schlaglicht: Schule zwischen Werterziehung und Indoktrination

Die Demonstrationen „Fridays for Future“ beschäftigen Land auf Land ab die schulische Debatte. Wie soll die Schule, wie sollen die Schulleitungen hierauf reagieren, wenn Schüler hierfür die Schule schwänzen? Schulrechtlich ist die Sachlage eindeutig. Wer während der Schulzeit an Demonstrationen teilnimmt, bleibt dem Unterricht fern und muss hierfür die Konsequenzen tragen. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Maaßen hat in anderem Zusammenhang vor kurzem darauf hingewiesen, dass die Grundrechte verfassungsmäßig geschützt sind – aber nicht in jedem Fall zum Nulltarif zu haben sind. Das müssen sich auch Schüler und Eltern gewärtigen, wenn sie „Fridays for Future“ unterstützen.  Eine Schule, die ihrem Bildungsauftrag gerecht wird, sollte ihre Schüler dazu befähigen, die rechtlichen, politischen und ethischen Implikationen solcher Aktionen beurteilen und einschätzen zu können. Wie sich der Einzelne dann politisch dazu verhält, muss er selbst verantworten – dies zu entscheiden, ist nicht Aufgabe der Schule.

„Fridays for Future“ weist aber auf ein sehr viel grundlegenderes Problem hin: die Gefahr einer Ideologisierung der Schule, gerade auch um noch so vermeintlich guter Ziele willen. Schule hat einen Auftrag zur Werterziehung und ist in diesem Sinne keinesfalls moralisch neutral. Sie muss sich aber hüten, die Schüler zu indoktrinieren oder zu manipulieren. Die Debatte wird nicht einfacher dadurch, dass heute viele parteipolitische Ziele, für welche Schüler vereinnahmt werden, als ein vermeintlich neutrales, alternativlos Gutes daherkommen.

Werterziehung im Sinne der Befähigung zum Werten ist ein personales Erziehungshandeln zwischen Erzieher und zu Erziehenden. Dies ist etwas anderes als ein politisches Programm, das aufgrund bestimmter politischer Interessen der Schüler-, Eltern- oder Lehrerschaft übergestülpt wird – ein Beispiel hierfür ist das Programm „Schule ohne Rassismus“, dessen „Label“ über vielen Schultüren hängt (wobei bereits Zweifel anzumelden sind, ob der hier verwendete Rassismusbegriff überhaupt hinreichend geklärt und tragfähig ist).

Erziehung ist normativ, darf aber nicht normierend werden. Oder anders gesagt: Wer erzieht, tut dies aus einem motivlosen Interesse dem Heranwachsenden gegenüber. Das Einzige, was er vorab bestimmt, ist die Selbstbestimmung des anderen, nicht aber, welchen Gebrauch der junge Mensch von seiner Freiheit machen will. Erziehung aus Interesse an einem bestimmten (partei-)politischen Interesse heraus wird hingegen zur Ideologie. … und dabei ist es gleich, ob wir „Schule ohne Rassismus“ oder „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ über die Schultür schreiben.

In einer freiheitlichen Gesellschaft sollten wir vorsichtig sein mit staatlichen Parolen. … sind wir aber in vielen schulischen Bereich schon lange nicht mehr. Die Schule ist heute voll davon. Allerdings ist die Schule umgekehrt auch kein wertfreier Raum. Der Verfassungsgesetzgeber hat starke Wertvorentscheidungen getroffen, auch für die Schule. Und das zu Recht. Wichtig bleibt aber: Schule ist politisch, aber niemals parteipolitisch. Und sie muss mit der Widerständigkeit des Subjekts rechnen – das heißt: Sie darf Handlungsfähigkeiten fördern, aber keine Handlungsbereitschaften intentional steuern. Diese Grenze gilt immer. Doch wo ist diese zu ziehen?

Schulen dürfen staatliche Gedenktage wie den Volkstrauertag, den Tag der Deutschen Einheit oder den Holocaustgedenktag begehen. Hier geht es um das sozialmoralische Fundament wie das historische Gedächtnis des Staates; dieses zu pflegen, ist Bestandteil einer gemeinwohlverantwortlichen Schule (selbstverständlich dürfen entsprechende Feiern dann nicht wiederum parteipolitisch vereinnahmend oder indoktrinär-manipulativ ausgestaltet werden). Und eine solche Gedenk- und Erinnerungskultur muss das Überwältigungsverbot achten, also eingebettet sein in eine für die Schüler gedanklich nachvollziehbare historische Bildung. Eine Grenze wäre überschritten, wenn Erinnerungskultur nur mit Moralisierung und Emotionalisierung arbeiten würde – dies widerspricht dem Bildungsauftrag der Schule.

Schwieriger wird es bei Aktionen, bei denen genuin geistig produktive Akte gesetzt werden. Ein Beispiel: Viele Schulen beteiligen sich an der „Stolpersteinaktion“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Zur Erinnerung an Holocaustopfer werden vor Wohngebäuden oder Schulen Gedenksteine ins Pflaster eingelassen. Solche Aktionen gehören allenfalls in das freiwillige Angebot der Schule, nicht in den Pflichtunterricht. Schule soll die Schüler dazu befähigen, Kunst zu rezipieren und selber künstlerisch tätig zu werden. Sie darf aber nicht vorschreiben, welche Art von Kunst die Schüler kollektiv zu praktizieren oder gut zu finden haben. Dies hieße, eine Art „Staatskunst“ zu produzieren.

Der vor kurzem verstorbene Verfassungsrichter und Sozialdemokrat, Ernst-Wolfgang Böckenförde, hat davor gewarnt, Demokratie als Lebensform zu verstehen. Die Freiheit bliebe sonst auf der Strecke. Diese Warnung haben heute – ausgenommen die AfD – alle Parteien im Bundestag vergessen. Und hier liegt ein Grund für die gesellschaftliche Spaltung, die wir gegenwärtig erleben. Diese sollte nicht auch noch in der Schule reproduziert werden.

PS: Und Schule ist kein Reparaturbetrieb für alle möglichen politischen oder gesellschaftlichen Probleme. Schule sollte die Schüler befähigen, die Klimadiskussion kundig zu verfolgen und zu beurteilen. … damit sie sich ein eigenständiges, fundiertes Urteil bilden können. Hierfür braucht es eine solide naturwissenschaftliche und geographische Bildung – keinen „Klimatag“, wie Christian Lindner jetzt vorgeschlagen hat.

Schlaglicht: Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“

Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik – die Vertretung der Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialethik im deutschsprachigen Raum – hat mit einer Erklärung vom 12. März 2019 zum Boykott der dominikanisch-sozialethischen Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ aufgerufen. Die Erkärung wurde auf den eigenen Internetseiten der Arbeitsgemeinschaft veröffentlicht:

http://www.christliche-sozialethik.de/wp-content/uploads/2019/03/Ag-CSE_Die-Neue-Ordnung_Erklaerung.pdf

Die Dominikanerprovinz wird ausdrücklich aufgefordert, den Boykott aktiv durchzusetzen. Es ist skandalös, dass Wissenschaftler auf diese Weise den freien wissenschaftlich-publizistischen Diskurs zu unterbinden suchen und zur Säuberung wissenschaftlicher Bibliotheken aufrufen. Hier bewahrheitet sich ein Satz aus der aktuellen politischen Debatte in abgewandelter Form: Schlimmer als die Verfolgung der Wissenschaft ist die Verfolgung durch die Wissenschaft.

Namhafte Autoren wie Norbert Blüm, Josef Isensee oder Hans Maier, um nur drei Beispiele zu nennen, stehen für das anerkannte Renommee der „Neuen Ordnung“. Diese bleibt eine wichtige, traditionsreiche (darauf weist die Erklärung selber hin) und profilierte wissenschaftliche Fachzeitschrift, die für einen vitalen, intellektuell anregenden Pluralismus innerhalb der Christlichen Sozialethik unverzichtbar ist. Sowohl „Die Neue Ordnung“ als auch „Wort und Antwort“ zeugen vom wissenschaftlichen Engagement und der akademischen Tradition der deutschen Dominikaner. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Orden den Boykottforderungen nicht unterwirft und „Die Neue Ordnung“ in gewohnter Qualität erhält.

Niemand muss teilen, was in einer Zeitschrift veröffentlich wird. Aber es muss gedruckt werden können, damit darüber diskutiert und gestritten werden kann. Ansonsten wird man am Ende feststellen: Wo alle gleich denken, denkt am Ende niemand mehr.

Die streitbare „Neue Ordnung“ bleibt als profilierte Stimme der deutschsprachigen Sozialethik sowohl für den wissenschaftlichen als auch politisch-gesellschaftlichen Diskurs unverzichtbar – unabhängig davon, welcher parteipolitischen Richtung der Einzelne zuneigt oder welche Presseorgane der Einzelne persönlich bevorzugt. Es geht um nichts Geringeres als den Erhalt der Freiheit – um die Presse- und Wissenschaftsfreiheit, um den Erhalt eines (angst-)freien, pluralen publizistischen Diskurses in der Kirche und in unserem Land. Und dafür lohnt es sich zu streiten.

PS: In Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen – ersetzen Bekenntnisse den streitbaren Diskurs. Daher sei auch an dieser Stelle ein Bekenntnis angeschlossen: Ich werde „Die Neue Ordnung“ – zusätzlich z u weiteren, anders ausgerichteten Zeitschriften – abonnieren, als kleiner Beitrag zur Sicherung publizistischer Pluralität.