Rezension: „Selbstkritische Position und kritische Reflexion“ – Festschrift für Werner Baur liefert starke Argumente für kirchliches Bildungshandeln

 

Carmen Rivuzumwami (Hg.) (o. J. [2018]): Gemeinsam: Leben Glauben Bilden. Festschrift für Werner Baur zum Eintritt in den Ruhestand, o. O. (Stuttgart): Evangelischer Oberkirchenrat, 225 Seiten.

 

Zwanzig Jahre war Werner Baur im Stuttgarter Oberkirchenrat für den Bereich Bildung der württembergischen Landeskirche zuständig. Wer den engagierten Lehrer und Schulleiter auf Tagungen oder Sitzungen erlebt hat, konnte spüren, dass Baur auch in kirchenleitender und administrativer Funktion stets ein Pädagoge mit Herzblut geblieben ist. Zu seinem Eintritt in den Ruhestand ist eine Festschrift im Eigenverlag des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart erschienen.

Der Band deckt die gesamte Bandbreite des landeskirchlichen Engagements im Bildungsbereich ab: von Kindertageseinrichtungen und Schulen über die Jugendarbeit bis zur Berufs- und Erwachsenenbildung. Die Autoren kommen aus beiden Landeskirchen Baden-Württembergs, aber auch aus der ökumenischen Nachbarschaft des Bistums Rottenburg-Stuttgart oder des Erzbistums Freiburg. Angesichts der Bandbreite der Themen kann hier nur eine kleine Auswahl der nahezu durchweg pädagogisch sehr engagiert geschriebenen Beiträge hervorgehoben werden.

Den Aufschlag macht ein sehr persönlich gehaltener Beitrag von Martin Schleske, Geigenbaumeister und Schalltechniker. Im Rückgriff auf seine eigene Bildungsbiographie beschreibt er sehr lebendig, anrührend und engagiert, wie wichtig das persönliche Vorbild, die fachliche Begeisterung des Lehrers und die Beziehung in der pädagogische Arbeit sind. Wir sollten das nicht vergessen in Zeiten wie diesen – und es sind die unsrigen –, in denen mal wieder technische Lösungen das – in diesem Fall – digitale Heil ins Tal der Bildung bringen sollen.

Norbert Collmar, Rektor der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, zeichnet am Beispiel des protestantischen Württembergs nach, wie sich aus sozialen und diakonischen Initiativen des neunzehnten Jahrhunderts das bildungspolitische Engagement der Kirche im berufsbildenden Bereich entwickelt hat. Als Beispiel verweist er etwa auf die Gründung der Großheppacher Schwesternschaft durch Wilhelmine Canz. Sie sammelte junge Frauen um sich, die als Kleinkindpflegerinnen ausgebildet wurden. Dieses Engagement setzt sich bis heute fort, in Gestalt einer Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik.

Christoph Schneider-Harpprecht, Baurs Kollege aus dem badischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, fragt, wozu ein eigener kirchlicher Bildungsgesamtplan sinnvoll ist. Gegen Kritik an diesem Instrument nennt er vielfache Aufgaben, die ein solcher Plan erfüllen kann: Er kann helfen, die Bildungslandschaft kirchlicher Träger weiterzuentwickeln, den Auftrag und die konstitutiven Merkmale evangelischer Bildungsangebote profilieren helfen, ein möglichst realistisches Bild der zu erreichenden Zielgruppen zeichnen, Chancen und Empfehlungen an die zuständigen Gremien geben. „Wenn der politische Wille vorhanden ist, so können jährlich oder im zweijährigen Rhythmus Zahlen, Daten und Fakten in standardisierter Form zusammengetragen und auch für die Haushaltsberatungen der Landessynode fruchtbar gemacht werden“ (S. 89).

Eckhard Geier, scheidender Geschäftsführer des Evangelischen Schulwerks Baden und Württemberg, unternimmt einen Parforceritt durch fünfhundert Jahre evangelische Schul- und Bildungsgeschichte. Instruktiv beleuchtet er das spannungsreiche Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Bildungsbereich. Evangelische Schulen sind für Geier zum einen „zeitlos zeitgemäß“, weil sie zu allen Zeiten genuin evangelisch-christliche Antworten auf die pädagogischen und sozialen Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit formulierten. Sie sind aber zugleich immer auch „unzeitgemäß“, insofern sie nicht einfach dem bildungspolitischen Mainstream folgen, sondern pädagogische Reformen „gegen den Trend“ ins Werk setzten. Diesen Freiraum von Schulen in kirchlicher Trägerschaft gilt es aber zunehmend gegen eine staatliche Dienst- und Fachaufsicht zu verteidigen, die freie Träger auch in didaktisch-methodischer Hinsicht immer stärker zur Vergleichbarkeit mit staatlichen Schulen drängt.

Bemerkenswert ist schließlich noch der Schlussbeitrag des Bandes: Stefan Hermann, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Landeskirche in Stuttgart-Birkach, hält ein engagiertes Plädoyer für einen weiterhin starken konfessionell geprägten Religionsunterricht, gut begründet, wenn auch im vorstehenden Sinne „unzeitgemäß“, insofern der Hauptstrom der zeitgenössischen Religionspädagogik deutlich in Richtung konfessioneller Kooperation fließt. Identitätsfragen stehen gegenwärtig weder in der pädagogischen noch politischen Debatte hoch im Kurs. Viele erhoffen sich durch eine stärkere Kooperation der Konfessionen beim Religionsunterricht eine Stärkung der christlichen Orientierung innerhalb einer zunehmend heterogener wie säkularer werdenden Schüler- und Elternschaft. Doch besteht die Gefahr, dass durch eine konfessionell-diffuse Lernumwelt die eigene religiöse Identitätsbildung eher erschwert als erleichtert wird – am Ende kennen die Schüler weder ihre eigene Herkunft noch die Konfession der anderen. Für Hermann gehören „perspektivische Positionalität“ und die Aufgabe „positioneller Perspektivität“ im Religionsunterricht eng zusammen. Wer sich der eigenen Konfession sicher ist, erfährt die Position der anderen nicht als Bedrohung. Daher kann gerade ein konfessioneller Religionsunterricht für Hermann zur Pluralitätsfähigkeit und zu starker Toleranz beitragen. Denn über Religion kann nicht distanziert gelehrt oder gelernt werden. Der Stuttgarter Religionspädagoge spricht in diesem Fall von Begegnungslernen, bei dem unweigerlich immer verschiedene Ebenen ineinander fließen und sich wechselseitig bedingen. Es kann keine neutrale Haltung gegenüber Religion geben, selbst eine religionsabstinente Haltung wäre eine Positionierung gegenüber Religion – und so ist Begegnungslernen über Religion immer auch bereits Begegnungslernen in Religion und durch Religion. Wichtig bleibt aber, dass Lehrkräfte bereit sind, zwischen religiöser Reden und Reden über Religion zu unterscheiden.

Wer freie Menschen will, muss auch für ein starkes freies Schulwesen und eine plurale Bildungslandschaft eintreten. Ein Staat, der für sich ein Bildungsmonopol beanspruchen wollte, wäre übergriffig auf den innersten Personkern. Und wenn Religion nicht zu etwas Bedrohlich-Fremden werden soll, gehört Religion in die Schulen und Bildungseinrichtungen. Hermanns Plädoyer am Ende seines Beitrags setzt einen starken Schlusspunkt für die gesamte Festschrift und ein deutliches Ausrufezeichen hinter das bildungspolitische Engagement des zu Ehrenden: „Gebildete Religion braucht selbstkritische Position und kritische Reflexion, zugleich aber auch das Bewusstsein eigener Perspektivität und Bruchstückhaftigkeit – wichtige Werte aufgeklärter Bildung, wie sie evangelischer Bildungstradition zugrunde liegen“ (S. 210).

 

Rezension: Zerreißprobe Flüchtlingsintegration

Die Migrations- und Integrationspolitik spaltet weiterhin das Land und erweist sich – wie ein Buchtitel der Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins im vergangenen Jahr deutlich gemacht hat – für Deutschland als „Zerreißprobe“:

https://bildungsethik.wordpress.com/2017/01/22/nur-ein-narrativ-ein-sozialethischer-zwischenruf-zur-aktuellen-integrationsdebatte/

Der Band aus der Reihe „Theologie kontrovers“ ist jetzt in der Theologischen Literaturzeitung durch den Hannoveraner Diakoniewissenschaftler und Systematischen Theologen Alexander Dietz kritisch gewürdigt worden (Jg. 2018, Nr. 5, Sp. 537 f.):

http://www.thlz.com/artikel/20180/?inhalt=heft%3D2018_5%23r51

„Nachdem Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Sozialwissenschaften und Sozialethische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, bereits vor einem Jahr einen Sammelband mit sozialethischen Positionen zur Flüchtlingskrise vorgelegt hatte, legt sie nun mit dem vorliegenden Band zum Thema Flüchtlingsintegration nach. Das Werk umfasst fünfzehn Beiträge ausschließlich katholischer Theologinnen und Theologen (und einer Gewerkschaftsvertreterin). Im Vergleich zum ersten Band ist leider nicht nur die konfessionelle Zusammensetzung der Autoren begrenzter, sondern auch die positionelle Heterogenität. Nur einer der Beiträge ( Axel Bernd Kunze) vertritt eine dezidiert konservative Position, alle anderen Aufsätze sind aus einer erkennbar links-liberalen Perspektive verfasst. […]“ (Alexander Dietz)

Rezension: Wiener Sozialethiker Körtner ruft zur Vernunft auf

Körtners Argumentationsgang, sachlich vorgetragen, ist grundsätzlicher Natur. Tagespolitische Kontroversen stehen erkennbar im Hintergrund, werden aber nicht im Einzelnen diskutiert. Hierfür gibt es andere Orte der politik- und staatsethischen Debatte. Auch gegnerische Positionen aus der eigenen Disziplin werden selten explizit genannt. Man kann aber zwischen den Zeilen lesen, an welche sozialethischen Aussagen aus jüngerer Zeit, nicht zuletzt im Rahmen der Migrations- und Integrationskrise, der Verfasser beim Schreiben derselben gedacht haben mag.

… so der Sozialethiker Axel Bernd Kunze in einer Rezension in der aktuellen Ausgabe 2/2018 der Zeitschrift AMOSinternational (Thema: Terrorismus und Terrorismusbekämpfung) über das Buch „Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche“ des Wiener Sozialethikers Ulrich H. J. Körtner (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2017, 172 Seiten).

Die Besprechung finden Sie hier.

http://www.amosinternational.de/

 

Reisen bildet: Bier, Barock und Burschenschaft … – Eindrücke aus Bamberg

Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid

der fahrenden Scholaren.

Ich will zur schönen Sommerszeit

ins Land der Franken fahren,

valeri, valera, valeri, valera,

ins Land der Franken fahren!

Von Bamberg bis zum Grabfeldgau

umrahmen Berg und Hügel

die breite stromdurchglänzte Au.

Ich wollt’, mir wüchsen Flügel,

valeri, valera, valeri, valera,

ich wollt’, mir wüchsen Flügel.

 

(Joseph Victor von Scheffel)

Seit einigen Jahren gibt es den Interkorporativen Stammtisch Stuttgart, kurz: IKSS, der sich monatlich trifft: ein Treffpunkt für Korporierte unterschiedlicher Dachverbände oder verbandsfreier Bünde, die es aus familiären oder beruflichen Gründen in die schwäbische Metropole verschlagen hat. Seine Teilnehmer kommen aus den schönsten Universitätsstädten Deutschlands. Und so entstand die Idee, auch einmal gemeinsam auf Reisen zu gehen sowie die Studienorte und Verbindungen der anderen Stammtischbrüder kennenzulernen. Gesagt, getan: Das diesjährige verlängerte Wochenende vor dem Tag der Arbeit bot dazu eine günstige Gelegenheit.

Und wo sollte man besser damit beginnen als in Bamberg!? Am Samstagmorgen ging es also am Stuttgarter Hauptbahnhof los – in die Stadt der drei „Bs“: Bier, Barock und Burschenschaft – für einige der Reiseteilnehmer ein kleiner „Kulturschock“: vom protestantisch-nüchternen Württemberg in das katholisch-barocke Oberfranken.

B – wie Bier, Brauereien und Bierkeller

Wie könnte es anders sein: Ein Besuch in Bamberg ohne Bier wäre wie ein Burschenschafter ohne Band. So lernten unsere Corpsstudenten auf der Fahrt auch, dass Bier kein Alkohol ist, sondern vaterländischer Trank … Da das Hotelzimmer noch nicht bezugsfertig war, landete die Gruppe gleich bei Rauchbier, Kloß und Schäuferla – des Franken Leibspeise – im bekannten „Schlenkerla“, das auch als Drehort für „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Blacky Fuchsberger diente. Mindestens einem Teil der Gruppe schmeckte gleich der erste Schluck des rauchigen, dunklen, süffigen Bieres – und nicht erst das dritte Seidla, wie in Bamberg ein halber Liter Bier genannt wird.

Den Bamberger Bierbachelor haben wir nicht geschafft (laut Modulhandbuch sind hierfür alle neun Bamberger Biere an einem Tag zu probieren), aber die Vielfalt der Bamberger Biere kam nicht zu kurz.  Ein besonderes Erlebnis war nach dem sonntäglichen Kirchgang bei bestem Frühlingswetter der Frühschoppen auf dem Spezikeller (Keller – so heißen in Franken die Biergärten, weil traditionell direkt über den Lagerkellern das Bier ausgeschenkt wird) – mit Blick auf Bambergs sieben Hügel und seine Kirchtürme. Am 1. Mai besuchten wir noch den Greifenklaukeller, von dem aus man einen wunderschönen Blick auf die Altenburg hat.

Den krönenden Abschluss bildete am 1. Mai eine Führung durch die „Schlenkerla“-Brauerei am Stephansberg. Wir erfuhren nicht nur, wie mit Hilfe eines Buchenholzfeuers das Rauchmalz hergestellt wird, sondern wir stiegen auch in die alten Felsengänge unterhalb der Bamberger Bergstadt hinab, wo noch heute das Bier gelagert wird.

Bevor der falsche Eindruck entsteht: Auch wenn wir ein – wenngleich akademischer – Stammtisch sind, drehte sich nicht alles nur ums Bier. Bamberg ist nicht nur Bier-, sondern auch Weltkulturerbe-, Gärtner-, Barock-, Bischofs- oder Universitätsstadt.

B – wie Bergstadt, Bamberger Reiter und barocker Katholizismus

Also ging es gleich am ersten Nachmittag nach dem „Schlenkerla“ auf den Domberg hinauf: zum Kaiserdom mit dem berühmten Bamberger Reiter und dem einzigen Papstgrab nördlich der Alpen, zur Alten Hofhaltung, zur Neuen Residenz und zum Rosengarten. Wir hatten im Dom einen sehr kundigen Führer: Als Theologe erschloss er der Gruppe Kaiser Heinrichs Stein gewordene Idee, Bamberg zur „Roma secunda“ zu machen.

Bamberg wurde wie Rom auf sieben Hügeln gegründet: Stephans-, Kaul-, Dom-, Jakobs-, Michels-, Abts- und Altenburgberg. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg weitgehend von Zerstörungen verschont blieb, zeigt sich bis heute die für Bamberg typische Dreiteilung in die geistliche Bergstadt, die bürgerliche Inselstadt zwischen den beiden Regnitzarmen und die Gärtnerstadt. Neben dem Bamberger Reiter am bekanntesten dürfte das Brückenrathaus sein, das in der Flussmitte zwischen Berg- und Bürgerstadt errichtet wurde. Seit 1993 ist Bamberg UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Sonntag begann mit einer Messe in der Karmelitenkirche und einem Besuch im Kreuzgang des dazugehörigen Klosters. Der aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Kreuzgang besticht vor allem durch seine Kapitelle mit reichhaltiger Tier- und Pflanzensymbolik. Am Nachmittag besichtigten wir die Kaisermäntel und den Papstornat im Bamberger Diözesanmuseum, wo wir aufgrund des schon sommerlichen Wetters mehr oder weniger die einzigen Besucher waren. Die aktuelle Sonderausstellung zum vierhundertjährigen Jubiläum der von den Jesuiten begründeten Marianischen Herren- und Bürgersodalität vermittelte überdies einen Einblick in die Entwicklung des katholischen Lebens von der Gegenreformation bis in die Gegenwart.

Dass der Volkskatholizismus in Bamberg noch lebendig ist, davon konnten wir uns am 1. Mai bei  der Festmesse und Maiandacht der Sodalität in St. Jakob selber überzeugen. Die ursprünglich romanische Kirche zählt zu den ältesten Bambergs; um sie nach Auflösung des Stifts vor möglichem Abriss zu bewahren, wurde sie im Zuge der Säkularisierung der Marianischen Sodalität übertragen. Am 1. Mai wird in Bayern Maria als Schutzfrau des bayerischen Landes verehrt. Natürlich wurde an diesem Tag auch mit Weihrauch nicht gespart.

Zelebrant und Prediger war der Bamberger Ordinarius für Kirchengeschichte und Patrologie, Farbenbruder Prof. Dr. Peter Bruns. In deutlichen Worten verteidigte er anlässlich der Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten, in Ämtern des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen, die Präsenz dieses zentralen Symbols unserer christlichen Kultur und Religion im öffentlichen Raum. Dabei sparte er auch nicht mit Kritik an beschämenden Äußerungen mancher Bischöfe, die jetzt wortreich vorgeben, die genuin religiöse Bedeutung des Kreuzes zu verteidigen, sich aber nicht zu schade waren, genau dieses auf dem Tempelberg zu verstecken. Das Kreuz, so der Prediger, sei ein öffentliches Zeichen, weil der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis gewesen sei. Das Kreuz stehe für die Grundlagen unserer Kultur, die ethischen Werte unserer Staats- und Gesellschaftsordnung und die Identität unseres Gemeinwesens – auch im säkularen Staat. Wo  dieser sich nicht mehr zu seinen geistigen Wurzeln bekennen will, verliert unser Zusammenleben an Humanität. Das Kreuz im Gerichtsgebäude etwa, so Prof. Bruns, erinnere daran, dass wir alle noch einer anderen Instanz gegenüber verpflichtet sind, es mahne den Ankläger oder Zeugen nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis abzulegen, und es mahne den Richter, das Recht nicht zu beugen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn versucht wird, religiöse oder auch nationale Symbole zunehmend aus dem öffentlichen Raum und damit aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.

Beim Rückweg in die Stadt, an den Domkurien vorbei, galt es noch, der Bamberger Staufersäule des Degerlocher Historikers Gerhard Raff Reverenz zu erweisen. Auch der Oberen Pfarre am Kaulberg statteten wir einen Besuch ab. Die dortige freudenreiche Gnadenmutter wird jährlich am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt in feierlicher Prozession zur schmerzhaften Mutter in der ehemaligen Jesuitenkirche St. Martin getragen.

Geteilte Gefühle löste der in der gleichnamigen Kapelle des Domes verehrte heilige Nagel aus, eine Reliquie, die Bamberg dem heiligen Kaiser Heinrich II. verdankt. Bis heute ist diese Berührungsreliquie ein Objekt frommer Verehrung. Man mag über die Reliquienverehrung denken, wie man will – dass auch der moderne Mensch sich Wirklichkeit nicht allein rational zu erschließen und zu deuten sucht, zeigen – wie auch in anderen Städten – die zahlreichen Schlösser am Geländer der Kettenbrücke.

Bamberg spielt auch für die deutsche Romantik eine wichtige Rolle. Wackenroders Besuch auf dem Bamberger Henricifest wurde zu einem Schlüsselmoment dieser Epoche. Nicht zuletzt wirkte in Bamberg der Romantiker E. T. A. Hoffmann – und so besichtigten wir nicht nur sein Wohnhaus und die Altenburg, auf der er häufig arbeitete, sondern begegneten auch dem Türknauf am Stephansberg, der ihn zum „Apfelweiblein“ inspirierte, oder beim abendlichen Bummel durch den Hain der Stelle, an der er den sprechenden Hund Berganza getroffen haben soll. Die Altenburg mit einem weiten Blick über Fränkische Schweiz und Steigerwald erreichten wir mit einem umgebauten Straßenbahnwagen, der heute Bamberger Touristen über sechs der sieben Hügel bringt.

B – wie Burschenschaft, Bamberger Widerstand und Bamberger Verfassung

1647 gründete Fürstbischof Melchior Otto Voit von Salzburg die Academia Bambergensis, die sich im Laufe der Zeit zur klassischen Vierfakultätenuniversität entwickelte, als solche die Säkularisierung des Hochstiftes aber nicht überlebte. Nur die beiden Fakultäten Theologie und Philosophie bestanden fort. 1972 erfolgte dann die Wiedergründung der heutigen Otto-Friedrich-Universität in Form einer Gesamthochschule. Aktuell zählt die Universität rund dreizehntausend Studenten (bei einer Einwohnerschaft von rund fünfundsiebzigtausend).

Selbstverständlich durfte auch ein Besuch bei der einzigen örtlichen Burschenschaft, der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg, nicht fehlen, nach ihrer Gründung in Leipzig und einer Zwischenphase in Erlangen seit 1991 in der noch jungen Universitätsstadt Bamberg ansässig. Auf dem Weg zum Alemannenhaus durchstreiften wir noch den zweiten Teil des Bamberger Weltkulturerbes: das Gärtnerviertel. Seit dem siebzehnten Jahrhundert bis heute wird in der Stadt Gemüsegartenbau betrieben, etwa der Anbau von Zwiebeln, Samen oder Süßholz.

Als Referentin für den Sonntagabend konnten wir die Bamberger Pädagogin Mechthildis Bocksch aus dem Vorstand der örtlichen Willy-Aron-Gesellschaft gewinnen. Sie stellte den Bamberger Bundesbrüdern und Stuttgarter Gästen die Erinnerungsarbeit des Vereins vor und beleuchtete in ihrem lebendigen Vortrag markante Aspekte des Bamberger Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Dieser wird vor allem durch drei Köpfe repräsentiert, die gemeinsam mit einem Denkmal im Bamberger Harmoniegarten gewürdigt werden: Claus Schenk Graf von Stauffenberg steht für den militärischen Widerstand, der Rechtsanwalt Hans Wölfel für den christlichen Widerstand und der jüdische Waffenstudent sowie Sozialdemokrat Willy Aron für den Widerstand der Arbeiterbewegung. Am „Stolperstein“ vor Arons Wohnhaus in der Luitpoldstraße wurde vor einigen Jahren die fränkische Regionalgruppe des Lassalle-Kreises, des Zusammenschlusses korporierter Sozialdemokraten, gegründet. Und kurz vor dem kommenden Jubiläumsjahr sollte nicht vergessen werden, dass in der Neuen Residenz am Domplatz am 14. August 1919 mit der sogenannten Bamberger Verfassung in der Stadt die erste demokratische Verfassung Bayerns verabschiedet wurde.

Da Stuttgarts bekanntester Bierorgler mit von der Partie war, klang der Abend musikalisch aus. Frankens inoffizielle Hymne aus der Feder Victor von Scheffels durfte dabei selbstverständlich nicht fehlen. Am folgenden Montag war dann Gelegenheit, den Originalschauplatz des Frankenliedes zu erleben: den Gottesgarten im Oberen Maintal mit der Adam-Riese-Stadt Bad Staffelstein, der Korbmacherstadt Lichtenfels, dem Staffelberg, Kloster Banz und der beeindruckenden Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen. 1445 erhielt an dieser Stelle ein Schäfer des Klosters Langheim  eine Vision der vierzehn Nothelfer, zu deren Ehren schon bald eine Kapelle errichtet wurde. Die heutige Basilika aus dem achtzehnten Jahrhundert stammt von Balthasar Neumann.

Und wie bei jeder guten katholischen Wallfahrt durfte nach dem Gebet und dem Kerzenopfer in der Basilika eine Brotzeit und ein „Nothelfertrunk“ in der unmittelbar daneben liegenden Brauerei nicht fehlen – so schließt sich wieder der Kreis …

Es waren vier ereignisreiche, anregende und erfüllte Tage mit guten Gesprächen und eindrücklichen Erlebnissen. Fortsetzung folgt hoffentlich. Denn es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Universitäts- und Studentenstädte in deutschen Landen, die einen Besuch lohnen.

Rezension: Parteien und Korporationen

„Als Auffrischung darüber, wie selbstverständlich das Verbindungswesen bis zur NS-Zeit in allen Parteien vertreten war, ist es ein interessantes Buch. Es wäre aber schön, wenn in allen Parteien ein solcher Bekenntnismut bestehen würde.“

Thilo Lambracht im CORPS-Magazin 2/2018 (S. 35) über das Werk „Rote Fahnen, bunte Bänder“ (hg. v. Manfred Blänkner u. Axel Bernd Kunze, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016).

Die ganze Rezension ist online zu lesen unter: http://www.die-corps.de/pageflip/CorpsMagazin_2018-2/index.html#corpsmagazin_2018_2_neu_ansicht/page/34-35

Schlaglicht: Der Kulturstaat braucht eine normative Grundlage – oder: Warum das Kreuz von öffentlicher Bedeutung ist

Deutschland erlebt eine neuerliche Kruzifixdebatte, seit der bayerische Ministerpräsident, Markus Söder, beschlossen hat, in allen öffentlichen Gebäuden des Freistaates Kreuze aufhängen zu lassen. Wie bei einem solchen Thema nicht anders zu erwarten, löste der bayerische Vorstoß heftige ablehnende Reaktionen aus. Der Münchner Kardinal Marx warf Söder vor, das Land zu spalten und das Kreuz im Namen des Staates zu enteignen. Es mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen, wie glaubwürdig es wirkt, wenn gerade jener oberste Repräsentant des deutschen Katholizismus, der sich auf dem Tempelberg nicht zu fein war, sein Bischofskreuz zu verstecken, nun dazu aufschwingt, mit aller Vehemenz den religiösen Gehalt des Kreuzes zu verteidigen.

Der freiheitliche Rechts- und Verfassungsstaat soll weltanschaulich neutral sein, aber keinesfalls religionslos. Israel, wo die Mesusa selbstverständlich in öffentlichen Gebäuden hängt, ist hierfür nur ein Beispiel. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio erinnerte in der liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“ daran, dass das deutsche Religionsverfassungsrecht gerade nicht laizistisch angelegt ist: „Danach kann der neutrale, der säkulare Staat durchaus wohlwollend auf Religionsgemeinschaften zugehen, die Hand zur Kooperation ausstrecken und aus der Welt des Glaubens auch Symbole und Botschaften übernehmen, solange das nicht Parteinahme oder gar theologische oder inhaltliche Positionierung bedeutet.“

Ein anderer Verfassungsrichter, Wolfgang Böckenförde, wurde vor allem durch sein Diktum berühmt, wonach der säkulare Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Der moderne Staat bedarf der Legitimation. Wir haben uns daran gewöhnt, in einem stabilen, demokratischen Rechts-, Sozial- und Kulturstaat zu leben. Doch selbstverständlich ist das keineswegs. Und so tun wir alle gut daran, mit den kulturellen Grundlagen unseres Staatswesens nicht allzu sorglos umzugehen.

Das Kreuz im Gerichtsgebäude erinnert auch im säkularen Staat daran, dass irdische Gerechtigkeit immer fehlbar bleibt und wir noch einer anderen Instanz, nennen wir sie Gott oder Gewissen, verantwortlich bleiben. Ankläger und Zeugen werden daran erinnert, nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis gegen andere abzulegen, Richter daran, das Recht nicht zu beugen oder vorschnell Urteile zu sprechen.

Das Kreuz in Amtsgebäuden, erinnert daran, dass jeder Einzelne eine unveräußerliche Würde besitzt. Im sozialen Rechtsstaat wird diese in der Anerkennung vorstaatlicher Menschenrechte konkret. Allerdings kann der Wille zum Recht rechtsimmanent allein nicht gesichert werden. Ein formaler Verfassungspatriotismus genügt als Ethos nicht, um die Menschenrechte dauerhaft zu sichern. Hierfür braucht es eine tiefergehende religiöse oder ethische Motivation.

Der Mensch ist mehr als ein Funktionär der sozialen Verhältnisse. Lebendig, geistig vital und schöpferisch bleibt ein Gemeinwesen nur dann, wenn seine Bevölkerung nicht allein funktional qualifiziert ist, sondern umfassend gebildet. Hierzu gehört ein Wissen um die eigene kulturelle Herkunft und Identität. Diese ist nicht beliebig austauschbar. In früheren Zeiten hat man für Kreuze in Schulen gekämpft. Ein Staat, der sein kulturelles Gedächtnis verliert und in dem es keine verlässlichen Gemeinsamkeiten mehr gibt, muss den Verlust an Integrationskraft durch Kontrolle und Steuerung ersetzen.

Die Identität unseres Gemeinwesens ist weder vom Himmel gefallen noch in einem weltanschaulichen Vakuum entstanden. Sie ist historisch-konkret gewachsen, und zwar in einem Prozess, in dem religiöse und kulturelle Werte nicht zu trennen sind. Wer dies nicht sehen will, sollte die Kultur unseres Zusammenlebens einmal mit der konkreten Praxis etwa in muslimischen Ländern des Nahen oder Mittleren Ostens vergleichen. Das Kreuz steht nicht allein für Heimat, Geborgenheit oder regionale Brauchtumspflege – das wäre zu wenig.

Das Kreuz steht für die kulturellen Wurzeln, aus denen unser demokratischer Rechts-, Sozial- und Kulturstaat lebt. Es ist kein Missbrauch des Kreuzes oder die Enteignung einer Religion, wenn sich unser Staat auf diese Wurzeln besinnt und diese im öffentlichen Raum präsent hält. Er wird dadurch auch nicht übergriffig, sofern er nicht den Einzelnen zu religiösen Bekenntnisakten zwingt. Intoleranz gegenüber Religion entsteht im Gegenteil leichter dort, wo diese als etwas Bedrohliches erscheint und öffentlich nicht mehr verstanden wird. Der Staat verletzt auch nicht die notwendige Pluralität unserer Gesellschaft oder das Toleranzgebot, wenn seine Akteure darauf hinweisen, dass die kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens und die Identität des Staatsvolkes nicht beliebig austauschbar sind. Das Kreuz zeigt an, dass unser Land kein kultur- und gesichtsloser Raum ist – so etwa Nora Gomringer, die Leiterin des Internationalen Künstlerhauses „Concordia“ in Bamberg, im Interview mit der „Herder Korrespondenz“. Wollten wir uns auf andere Erzählungen festlegen, aus denen sich das historisch-geistige Erbe unseres Zusammenlebens speist, würde sich dessen Ethos unweigerlich ändern. Ja, selbst der Streit über das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol setzt die besondere abendländische Prägung voraus, wie sie sich in der Trennung von religiöser und politischer Sphäre bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten äußert.

Differenzierter als Marx hat sich sein evangelischer Amtsbruder Heinrich Bedford-Strohm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Wort gemeldet, auch wenn sein Votum für einen „öffentlich orientierenden Umgang“ mit dem Kreuz recht schwammig bleibt. Schon Paulus wusste, wie sehr das Kreuz polarisiert: Den Griechen bleibt es eine Torheit, den Juden ein Ärgernis. Zu Recht weist der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland dann auch darauf hin, dass sich das Kreuz nicht vorschnell vereinnahmen lässt: Es zwingt staatliches Handeln zur Demut und bewahrt vor der Versuchung des Totalitarismus. Die rechtmäßige, in biblischer und sozialethischer Tradition gut begründete Gewalt des Staates bedarf normativer Grundlagen, wenn sie nicht zum Unrecht einer Räuberbande mutieren soll. Das Kreuz bleibt aber auch eine Anfrage an die Kirche, die sich vor allzu vorschnellen politischen Heilsgewissheiten in vorletzten Fragen hüten sollte. Gerade zahlreiche Wortmeldungen aus den Kirchen in der seit 2015 emotional geführten Migrations- und Integrationsdebatte belegen, wie virulent diese Versuchung ist. Und möglicherweise haben die abwehrenden Haltungen deutscher Kardinäle gegen Söders Kreuzinitiative auch etwas damit zu tun, dass man es auf einmal mit der Angst bekommt, die eigene Blauäugigkeit gegenüber dem Islam werde am Ende als zu leicht befunden.

Das Kreuz ist öffentlich, weil auch der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis war. Das Kreuz ist politisch relevant, weil es aus christlicher Sicht eine Wahrheit über Gott und den Menschen ausdrückt. Es ist aber nicht parteipolitisch, so als könnten aus ihm eins zu eins Forderungen für die Tagespolitik abgeleitet werden. Das Kreuz in öffentlichen Gebäuden kann das harte Ringen um eine an Recht und Gerechtigkeit orientierte Politik in Verantwortung vor Gott und den Menschen nicht ersetzen. Vor dieser Aufgabe stehen Christen wie Nichtchristen gleichermaßen. Und das Kreuz in öffentlichen Gebäuden ersetzt auch nicht ein lebendiges religiöses Leben. Wie die Kirchen in Deutschland geistlich wieder vitaler werden können, bleibt eine brennende Anfrage an alle, die sich auch persönlich zur religiösen Bedeutung des Kreuzes bekennen.

Schlaglicht: Warum ich nicht am Katholikentag in Münster teilnehme …

Münster hält sich für eine liberale Universitäts- und Beamtenstadt: der richtige Ort also für einen Katholikentag, auf dem sich der Katholizismus gern gesellschaftskritisch, dialogoffen und modern präsentiert – ein wenig jedenfalls. Beim Jubiläumstreffen vor zwei Jahren in Leipzig hatte das gastgebende Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD) gänzlich ausgeladen. Jetzt darf immerhin der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion im Rahmen des offiziellen Katholikentagsprogramms auftreten. Gern gesehen ist Volker Münz dennoch nicht, wie der oberste Repräsentant des deutschen Funktionärskatholizismus, Thomas Sternberg, im Februar im Interview deutlich machte: „Wir haben die kirchenpolitischen Sprecher aller Fraktionen im Bundestag eingeladen; dazu gehört nun leider auch die AfD.“ Unverblümt rückte der ZdK-Präsident und CDU-Politiker im Gespräch mit der Bielefelder Zeitung die AfD in die Nähe des Nationalsozialismus.

Noch im vergangenen Jahr hatte Sternberg versucht, den links-liberalen – „Wir sind Kirche“ – wie den konservativen Flügel – „Forum deutscher Katholiken“ – des organisierten Laienkatholizismus an das ZdK zu binden, was in beiden Fällen scheiterte. Vom Anspruch, das ZdK zum Repräsentanten der gesamten Bandbreite des deutschen Katholizismus zu machen, ist im Vorfeld des münsterschen Katholikentreffens nicht mehr viel übrig geblieben. Christen, die etwa in der Migrations- und Integrationspolitik von der Linie der Großen Koalition abweichen, vertreten nicht einfach eine andere politische Meinung, über die demokratisch gestritten werden kann, sondern werden plakativ des Rassismus verdächtigt.  Und das ZdK lässt sich gern vor den parteipolitischen Karren seines Präsidenten spannen. Liberalität und Dialogoffenheit sehen anders aus.

Der Katholikentag von Münster verschließt sich der kontroversen Debatte, noch bevor diese überhaupt beginnen kann. Die christliche Botschaft ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Christen engagieren sich in einem weiten demokratischen Spektrum links wie rechts der Mitte. Und das ist gut so. Denn unter Christen darf es unterschiedliche Positionen zu politischen Fragen geben, darf über politische Streitfragen politisch diskutiert werden und muss um das rechte politische Handeln mitunter auch hart gerungen werden. Gerade ein ehemaliger Akademiepräsident wie Sternberg sollte dies wissen, waren es doch nicht zuletzt die katholischen Akademien, die in der „alten“ Bundesrepublik viel dazu beigetragen haben, die Ausgrenzung sozialdemokratisch engagierter Katholiken zu beenden.

Stattdessen setzt der Münsteraner Katholikentag jenen neuen Kulturkampf und jene Spaltung des Landes innerkirchlich fort, die wir erleben, seit Merkel ihre realitätsuntaugliche, unkontrollierte, als alternativlos deklarierte Einwanderungspolitik an Recht und Parlament vorbei durchgesetzt hat – und welche die Große Koalition trotz allen Heimatgeredes bis heute fortführt. Es ist ein innerbürgerlicher Kulturkampf, der hier ausgetragen wird: zwischen links-liberalen und poststrukturalistisch orientierten einerseits, freiheitlich-konservativen und staatsnahen Positionen andererseits. In diesem aktuellen Kulturkampf, den der katholische Publizist Matthias Matussek in seinem neuen Buch „White Rabbit“ auf intellektuell anregende und sprachlich genussvolle Weise wortgewaltig beschrieben hat, zeigt sich ein neuerlicher katholischer Integralismus, auf Seiten der Bischofskonferenz wie des Laienkatholizismus. Das parteipolitische wie sozialethische Spektrum, das Bischöfe und Laienfunktionäre für zulässig erachten, bleibt äußerst begrenzt. Weite Teile der kirchlichen oder theologischen Öffentlichkeit haben sich vom Traditionsstrom katholischer Staatsethik verabschiedet. Die Integrität des Staates, seine Rechtsfunktion und die kulturelle Identität des Staatsvolkes zu verteidigen, steht sozialethisch gegenwärtig nicht hoch im Kurs.

Je lauter das Lied der Buntheit, Verschiedenheit und Toleranz im deutschen Katholizismus gesungen wird, umso obsessiver wird der Druck, politischen Konformismus zu erzwingen – auch innerkirchlich. Dies hat sich im Vorfeld des diesjährigen Katholikentages einmal mehr gezeigt: Was die Jusos für die SPD, ist der BDKJ für das ZdK. Der Jugendverband setzte das ZdK mit dem Vorwurf unter Druck, es mache die AfD in Münster hoffähig. Und eine Münsteraner Erklärung, initiiert vom Institut für Theologie und Politik, will glauben machen, dass sich kirchlicher Mut gerade darin zeige, die AfD erneut auszuladen.

„Suche Frieden …“ lautet das Motto des diesjährigen Katholikentages in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens. Doch ein nennenswerter Beitrag zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung unseres Landes, von der selbst die Kanzlerin in der Regierungserklärung zu Beginn ihrer aktuellen Amtszeit gesprochen hat, wird von diesem Katholikentag nicht ausgehen. Hierfür braucht es keine „mutige Kirche“, die sich dem kontroversen Gespräch verweigert, sondern – in Matusseks Worten – einen „auseinandersetzungsstarken, traditionsstolzen, überzeugten und überzeugenden Katholizismus“. Das gegenwärtige ZdK steht hierfür nicht, sondern verzwergt sich gerade selber, indem es den politischen Katholizismus auf einen Abklatsch des üblichen Debattenmainstreams reduziert.

Grund zum streitbaren Gespräch und zur Auseinandersetzung gibt es mehr als genug: in den sozialethischen Debatten um Migration und Integration, den Umgang mit dem Islam und die kulturelle Identität unseres Landes, um die Funktion des Staates und die Bedeutung des Kreuzes im öffentlichen Raum oder um Streit um die Konsequenzen aus „Amoris laetitia“ für konfessionsverschiedene Ehepaare oder gleichgeschlechtliche Paare. Das Gespräch unter Christen wird weitergehen. Und es bleibt der Kirche in unserem Land zu wünschen, dass es weiterhin oder auch neuerlich Orte des politisch engagierten Katholizismus gibt, an denen mutiger, kontroverser und vitaler gestritten wird, als die selbst auferlegten Begrenzungen des Münsteraner Katholikentages erwarten lassen.

LESEPROBE: Aktuelle Herausforderungen unserer Demokratie – beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive

EINLEITUNG

aus:

Axel Bernd Kunze: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind (Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; 13), Bonn 2018, 164 Seiten; ISBN 978-3862691487.

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Die Geschichte der deutschen Nationalstaatsbildung zeigt, dass der staatstheoretische und der bildungstheoretische Diskurs von Anfang an eng miteinander verflochten waren. So wurde etwa die Idee der Burschenschaft geboren aus der Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem einen Deutschland, und seiner inneren Freiheit. Zunächst war die deutsche Nation allerdings nur im geistigen Bereich zu haben, wie es Friedrich Schiller in seiner Prosa­skizze „Deutsche Größe“ in Worte gefasst hat: „[…] und wenn auch das Imperium untergegangen, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. […] Sie ist eine sittliche Größe / sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist.“ Die deutsche Kulturnation war entstanden; die Bildungsidee geriet nach dem Untergang des Alten Reiches gleichsam zur „Fortsetzung der Reichsidee mit anderen Mitteln“. Die weitere Geschichte der Burschenschaft ist untrennbar verwoben gewesen sowohl mit dem Kampf um geistig-akademische Freiheit als auch mit dem Ringen um nationale Einheit.

Jede Gesellschaft braucht eine symbolische Vorstellung von sich selbst. Eine solche lebendig zu erhalten, ist nicht unwesentlich – wenn auch keineswegs ausschließlich – eine Bildungsaufgabe. Dass uns hierzulande die Pflege unserer eigenen Kultur alles andere als leicht fällt, hat das letzte runde Jubiläum der Gründung der Urburschenschaft vor zweihundert Jahren in Jena gezeigt: Man muss keineswegs Burschenschafter sein, um diesem Datum Bedeutung für unser Gemeinwesen beizumessen – sollte man meinen. Immerhin stehen zwei der wichtigsten Nationalsymbole, Nationalhymne und Nationalflagge, mit diesem Ereignis in Verbindung.  Dessen eingedenk, ist die Nichtbeachtung dieses Jubiläums durch unsere Verfassungsorgane und den größeren Teil der Öffentlichkeit mehr als fragwürdig gewesen.

Ein Land, das sich seiner eigenen Tradition und seiner eigenen Identität nicht mehr bewusst ist, verliert an geistiger Vitalität und schöpferischer Kraft. Wir sehen das unter anderem an der Empörungs- und Moralisierungsrhetorik, die sich in die politische Debatte eingeschlichen hat (vgl. Körtner 2017). Ein solches Land verliert aber auch an Integrationskraft – weil eine überzeugende Kultur fehlt, in die hinein Integration überhaupt möglich wäre. Dies alles sind schlechte Vorzeichen für die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir gegenwärtig stehen. Die geistig-moralischen Grundlagen unseres Gemeinwesens müssen gepflegt werden, wenn die Aufgabe geistiger Selbstbehauptung gelingen soll – und diese Aufgabe wird in den nächsten Jahren nicht kleiner, sondern größer werden.

Der genannte Zusammenhang ist nur ein Beleg dafür, wie sehr politische und Bildungsfragen miteinander verknüpft sind. Wir tragen soziale Verantwortung für Werte und Normen, Sitte und Brauchtum, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Tradition und Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln.

Es wird nicht gelingen, trennscharf zwischen unaufgebbaren Werten und historisch wandelbaren kulturellen Prägungen, Routinen, kollektiven Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken zu unterscheiden, wie es der im schweizerischen Freiburg lehrende Sozialethiker Daniel Bogner jüngst vorgeschlagen hat. Erstere sind nicht ohne letztere zu haben – und umgekehrt. Dass sich Kultur historisch wandelt, ist eine triviale Aussage. Mit dem Wandel kultureller Prägungen, Routinen, kollektiver Vorlieben, Gewohnheiten und Alltagspraktiken werden sich auf Dauer auch gesellschaftliche Orientierungswerte wandeln. Daher brauchen wir einen offen und fair geführten Diskurs darüber, was unser Zusammenleben bestimmen soll – und was eben auch nicht.

Jedes Gemeinwesen, das stabil bleiben will, braucht einen gesellschaftlichen Mindestkonsens. Wichtig sind zunächst einmal zentrale Spielregeln einer formalen Sittlichkeit. Zu diesen müssen wir uns als Gemeinwesen verbindlich bekennen, diese müssen wir deutlich einfordern und diese muss der Staat auch bereit sein durchzusetzen. Es geht beispielsweise um eine gewaltfreie Streit- und Debattenkultur, ein robustes Maß an Ambiguitätstoleranz, den Willen zu Verständigung und Toleranz, Fairness und gegenseitigen Respekt, Achtung vor der Verfassung und den unveräußerlichen Rechten anderer.

Allerdings genügt ein Gerüst formaler Verfahrensregeln, wie dieses etwa im Modell eines Verfassungspatriotismus propagiert wird, allein nicht. Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen unterfüttert werden durch ein Fundament emotional gestützter, konkret gelebter Orientierungswerte. Diese bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag und sind Ausdruck gemeinsamer Identität. Man kann von einem Vorrat an kulturellen Selbstverständlichkeiten sprechen, der uns im Alltag den Rücken freihält. An dieser Stelle ist durchaus der umstrittene Begriff „Leitkultur“ zu verwenden, womit noch nichts darüber ausgesagt ist, wie diese abgesteckt werden kann. Leider haben wir in den politischen Debatten alles dafür getan, diesen Begriff klein zu reden. Dass eine solche „Leitkultur“ nicht statisch sein kann, ist eine triviale Erkenntnis. Und selbstverständlich sollte eine Leitkultur so offen formuliert werden, dass sie dem heutigen Freiheitsempfinden gerecht wird. Aber Liberalität ist keinesfalls eine Erfindung unserer Tage, damit hat unsere westliche Gesellschaft schon länger Erfahrung – und das ist auch gut so. Sie war möglicherweise in bestimmten Bereichen früher sogar größer als heute.

Denn wo kulturelle Gemeinsamkeiten, gegenseitige Verbundenheit und wechselseitig übernommene Verpflichtungen schwinden, wo das Vertrauen in intuitiv gewusste, unproblematisch gelebte Gemeinsamkeiten verloren geht, gehen letztlich Freiheitsräume verloren. Ein Gemeinwesen, in dem man sich nicht mehr aufeinander verlassen kann, muss kontrollieren, regulieren und steuern. Daher ist es keineswegs belanglos, wie sich ein Staatsvolk zusammensetzt. Daher sollten Integrationsprobleme in einem Gemeinwesen nicht aus taktischen Gründen verharmlost werden. Vor ihnen die Augen zu verschließen, wird sich über kurz oder lang rächen.

Integration zählt grundsätzlich zu den gesellschaftlichen Funktionen von Schule. Allerdings wird die Schule dieser Aufgabe nur dann pädagogisch gerecht, wenn sie diese mit individuellen Funktionen verbindet, beispielsweise der Aufgabe persönlicher Identitätsbildung. Bildung befähigt den Einzelnen zur Selbstbestimmung, hilft ihm, sich zu den Bedingungen der eigenen Sozialisation zu verhalten, und ermöglicht ihm, sich Alternativen zu erschließen. Dabei soll der Einzelne ein bewusstes Verhältnis zur eigenen Kultur aufbauen. Das Verständnis der eigenen Kultur wird dadurch befragbar sowie differenzierter und wird sich dadurch auch wandeln. Schule kann diesen Prozess der Auseinandersetzung nicht erzwingen, aber sie kann wichtige Anstöße dafür geben.

Diese Integrationsaufgabe von Schule darf einerseits sicher nicht unterschätzt werden, aber sie ist andererseits auch kein Selbstläufer, der politisch beliebig steuerbar wäre. Schule braucht für ihre Erziehungs- und Integrationsaufgabe politischen und gesellschaftlichen Rückhalt und dann auch die notwendigen Ressourcen. Wir können Schule und Lehrerschaft nicht beständig mit neuen Aufgaben überfordern, wenn das Kerngeschäft des Unterrichts am Ende nicht leiden soll. Nur ein Alarmsignal soll hier exemplarisch genannt werden: In Frankfurt haben sich Anfang Februar 2017 fünfundsiebzig Rektoren und Konrektoren mit einem Offenen Brief zu Wort gemeldet, weil die Folgen der unbewältigten Flüchtlingswelle an den Schulen zu einer kaum noch zu bewältigenden Arbeitsbelastung der Lehrer geführt haben. Ferner litten die Schulen, so die Unterzeichner, unter den Auswirkungen unausgegorener Inklusionskonzepte und der Tatsache, dass die Schule immer mehr Erziehungsaufgaben zu übernehmen habe, für die eigentlich die Familie zuständig sei. Junge Lehrer wollten in der Folge kaum noch eine Stelle in der Großstadt Frankfurt annehmen, so die Schulleiter.

Viel wird davon abhängen, inwieweit Schule zentrale Elemente einer integrativen, überzeugenden Kultur und Wertordnung auch selbst vorlebt. Viele Elemente einer Willkommenskultur in der Schule oder Interkulturellen Pädagogik wirken am Ende dann doch recht hilflos. Angesichts der derzeitigen Integrationsherausforderungen genügt es nicht, einmal ein interkulturelles Schulfest zu veranstalten oder in mehreren Sprachen „Herzlich willkommen“ an die Schultür zu schreiben. Ganz zentral bleibt die Aufgabe, die Verkehrssprache zu erlernen – die wichtigste Voraussetzung, damit keine Parallelgesellschaften entstehen. Desintegration oder Entfremdung zeigt sich mitunter erst in der zweiten oder dritten Generation, wenn die Erinnerungen an die Fluchtumstände verblassen. Die Aufgabe, die hier zu stemmen ist, wird meines Erachtens gegenwärtig noch unterschätzt. Ein erster notwendiger Schritt wäre mehr Realismus in der Integrationsdebatte, der kulturelle und religiöse Unterschiede nicht kleinredet, sondern offen beim Namen nennt.

Der vorliegende Band beleuchtet aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive exemplarisch aktuelle Bildungsaufgaben, vor  denen unser demokratisches Gemeinwesen derzeit steht. Dahinter steht die Überzeugung, dass nur eine Bildung, die den Einzelnen zur Freiheit befähigt, und eine Bildungspraxis in unseren Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen, die selbst vom Kerngedanken der Freiheit durchdrungen ist, unserem Zusammenleben in Staat und Gesellschaft zum Besten gereicht. Pädagogischer Widerspruch sollte überall dort formuliert werden, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sie muss erst von uns gestaltet werden – unter Bedingungen und Herausforderungen, von denen niemand vorgeben sollte, sie bereits im Voraus zu kennen. Diese Zukunft zu meistern, bedarf es der Freisetzung der Einzelnen. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln, die über Konvention, Anpassung, Routine und Epigonentum hinausgeht, wird nur eine Pädagogik wecken können, die ihre pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft und die sich ihren pädagogischen Eigensinn politisch nicht nehmen lässt.

Das Auftaktkapitel formuliert einleitend Fragen an den gegenwärtigen Zustand unserer repräsentativen Parteiendemokratie (Kap. II). Anschließend wird aufgezeigt, inwiefern Demokratie ein pädagogisches Thema ist (Kap. III). Dabei wird unterschieden zwischen Demokratie als Bildungsaufgabe und einer Erziehung zur Demokratie. Das folgende Kapitel fragt nach den Chancen, aber auch Grenzen demokratie- und menschenrechtspädagogischer Konzepte in der Lehrerbildung (Kap. IV). Im fünften Kapitel werden aktuelle Veränderungen, die Schule und Hochschule im Zuge der gegenwärtigen Bildungsreformdebatte ergriffen haben, einer pädagogischen Kritik unterzogen (Kap. V). Hierauf aufbauend, werden grundlegende Prinzipien einer eigenständigen pädagogischen Berufsethik dargelegt (Kap. VI). Inwieweit gegenwärtige bildungspolitische Entwicklungen dem Anspruch der Freiheit, wie er dem liberalen Rechts- und Verfassungsstaat zugrunde liegt, gerecht werden, wird an zwei Prüfsteinen exemplarisch diskutiert: dem Umgang mit dem Elternrecht (Kap. VII) und der Inklusionsdebatte (Kap. VIII). Abschließend wird vor dem Hintergrund aktueller migrations- und integrationspolitischer Herausforderungen diskutiert, welche Rolle Religion im Bildungssystem spielen sollte (Kap. IX).

Der Band basiert auf verschiedenen Vorarbeiten, die für die Drucklegung überarbeitet, angepasst und teilweise neu zusammengestellt wurden. In der Regel handelt es sich dabei um Vorträge, die an verschiedenen Orten diskutiert wurden. Auch wenn diese aus ganz unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, geben sie zusammen eine Antwort darauf, warum Staat und Gesellschaft auf Bildung nicht verzichten können. Allerdings bleibt es wichtig, dass der Eigensinn jeder Pädagogik nicht durch politische Zwecke absorbiert wird.

Bildung ist das Vermögen des Einzelnen, ein reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zu seiner Umwelt einzunehmen. Bildung ist das Vermögen des Menschen, sich selbst als Urheber eigener Willensbildungsprozesse zu erfahren und eigene Geltungsansprüche zu erheben: „Anders verhält es sich aber, wenn wir (nachträglich) erfahren, dass unsere Willensbildungsprozesse unter dem manipulativen Einfluss anderer Personen standen. […] Das ist […] dann der Fall, wenn der andere auf unseren Willensbildungsprozess in einer Weise Einfluss gewinnt, die zu einem Kontrollverlust führt.“ (Tiedemann 2006, S. 126 f.) Daher ist Bildung als Menschenrecht geschützt: nicht in erster Linie aufgrund gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Erwartungen, sondern um der Freiheit des Einzelnen willen. Der Mensch vermag nicht einfach zu „existieren“. Er ist weder allein festgelegt durch seine natürlichen Anlagen noch durch die Einflüsse seiner Umwelt. Vielmehr muss er selbst entscheiden: Wer will ich sein? Was will ich aus mir machen? Wie will ich leben? Im Bildungsprozess entfaltet der Mensch seine Mündigkeit, seine Individualität und seine Persönlichkeit.

Unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft lebt von dieser Freiheit der Einzelnen. Nur aus der Erfahrung geistiger Integrität und Unabhängigkeit heraus wird der Einzelne dazu fähig, Verantwortung zu übernehmen und sich für Erhalt, Gestaltung und Weiterentwicklung des gemeinsamen Zusammenlebens einzusetzen.

Ich danke allen, die mich ich in den vergangenen Jahren eingeladen haben, über die genannten Themen zu sprechen und nachzudenken, mit denen ich diskutieren und streiten durfte – viele Gedanken zu einer Pädagogik, die selbst nicht politisch  ist, aber gerade deshalb politisch relevant ist, haben sich auf diese Weise klären und weiterentwickeln lassen.

 

Verwendete Literatur

Daniel Bogner: Wechselseitige Integration. Kann Religion eine Integrationsressource sein?, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Zerreißprobe Flüchtlingsintegration, Freiburg i. Brsg. 2017, S. 149 – 162, hier: 159.

Andreas Fisch: Gesetzestreue – Verfassungspatriotismus – Leitkultur. Wie entwickelt sich Zusammenhalt in einer Einwanderungsgesellschaft?, in: Ders., Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenhalt – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 325 – 356.

Andreas Fisch, Axel Bernd Kunze: Streitgespräch II: Die Rolle von Bildung und Bildungseinrichtungen bei der Integration, in: Andreas Fisch, Myriam Ueberbach, Prisca Patenge, Dominik Ritter (Hg.): Zuflucht – Zusammenleben – Zugehörigkeit? Kontroversen der Migrations- und Integrationspolitik interdisziplinär beleuchtet, Münster 2017, S. 199 – 209.

Ulrich H. J. Körtner: Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017.

Friedrich Schiller: Deutsche Größe [1801], in: Schillers Werke. Nationalausgabe, 2. Bd., Teil 1: Gedichte in der Reihenfolge ihres Erscheinens 1799 – 1805 – der geplanten Ausgabe letzter Hand (Prachtausgabe) – aus dem Nachlaß (Text), herausgegeben von Norbert Oellers, Weimar 1983, S. 431 – 436, hier: 431.

Paul Tiedemann: Was ist Menschenwürde? Eine Einführung, Darmstadt 2006, S. 126 f.

Neuerscheinung: Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

Unsere Demokratie ist in Bewegung geraten. Ein neuer Band reflektiert die aktuellen Herausforderungen unseres
politisch-gesellschaftlichen Zusammenlebens aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive:

Axel Bernd Kunze:

Bildung in der Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind

(Pädagogik in Europa in Geschichte und Gegenwart; 13),

Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft 2018, 164 Seiten.

Pädagogik ist nicht selbst politisch, aber politisch relevant – durch das, was sie dem Einzelnen mitgibt. Indem Bildung zur Freiheit im Denken, Reden und Handeln befähigt, ist sie für Demokratie unverzichtbar. Umgekehrt wird sich nur ein demokratisch verfasster Staat politisch mündige Bürger wünschen und auch ertragen können.
Pädagogischer Widerspruch ist dort notwendig, wo Bildungspolitik die Bürger glauben machen will, sie wüsste schon im Voraus besser, wofür diese ihre Freiheit einsetzen sollten. Die Zukunft liegt nicht fertig vor uns, sondern muss erst noch entworfen werden – unter Herausforderungen, die wir heute noch nicht überblicken können. Den hierfür notwendigen Mut zur Freiheit wird nur eine Pädagogik wecken können, die sich ihren pädagogischen Eigensinn bewahrt und ihre eigene pädagogische Freiheit nicht unter Wert verkauft.
Streitbar, kritisch und unkonventionell diskutiert der Band aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive aktuelle Bildungsaufgaben, vor denen unser Gemeinwesen steht: von einer Erziehung zur Toleranz über gesellschaftliche Integration und Inklusion bis zum Umgang mit religiöser Vielfalt.

Der Verfasser ist promovierter Sozialethiker und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er leitet eine Fachschule für Sozialpädagogik und lehrt als Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung. Daneben ist er in München und Heilbronn als Lehrbeauftragter für (berufs-)ethische Fragen in der Sozialen Arbeit tätig.

Aus „Gemeinsamer Erklärung“ soll Petition werden

„Gemeinsame Erklärung 2018“ lautet ein Text, mit dem sich am 15. März 2018 Vera Lengsfeld, ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, zusammen mit weiteren 30 Erstunterzeichnern  öffentlich zu Wort meldete. Gefordert werden wirksame Maßnahmen, die den mit der Migrationskrise eingetretenen inneren wie äußeren Kontrollverlust Deutschlands beenden und die rechtsstaatliche Ordnung an den deutschen Grenzen wiederherstellen. Rasch stieg die Zahl der Unterzeichner, an Ostern waren es bereits fast 15.000.

Inzwischen haben die Initiatoren einen Strategiewechsel angekündigt: Zum einen soll die Unterstützerliste nicht allein auf Publizisten, Künstler, Wissenschaftler und Akademiker beschränkt sein. Zum anderen soll die Erklärung durch eine Massenpetition an den Deutschen Bundestag begleitet werden. Mit dieser soll die Bundesregierung aufgefordert werden, eine Kommission einzusetzen, die „schnellstmöglich Vorschläge unterbreitet, wie der durch die schrankenlose Migration eingetretene Kontrollverlust im Inneren des Landes beendet werden kann; wirksame Hilfe für die tatsächlich von politischer Verfolgung und Krieg Bedrohten organisiert werden kann und wo dies idealerweise geschehen sollte.“ Wer die Petition unterstützen will, kann dies online auf den Seiten der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ tun.