Leserbrief: „autoritäres Menschenbild“

Leserbrief in der WELT vom 21. März 2024 (Nr. 58, S. 7) zu: Online-Register zu Organspenden gestartet vom 19. März 2024:

Ein Ja zur Organspende ist jetzt auch digital möglich. Wohlgemerkt: ab 16. Das Elternrecht wird weiter abgebaut. Doch zufrieden ist Karl Lauterbach nicht. Er will die Widerspruchslösung. Diese kehrt die Beweislast um. Wer seinen Widerspruch nicht rechtssicher dokumentiert hat, dem wird die Verfügug über den eigenen Körper und den eigenen Sterbeprozess entzogen. Dahinter steht ein verqueres, autoritäres Menschenbild, das eines Rechtsstaates unwürdig sein sollte: Der Staat will eine selbstbestimmte Entscheidung erzwingen, indem er massiv in Grundrechte eingreift. Grundrechtsträger aber ist der Souverän, nicht der Untertan. Anreize für Spendebereitschaft ja, aber unter Beachtung des freien Willens mündiger Bürger.

Zwischenruf: Souverän, nicht Untertan – politisches Drängen auf Widerspruchslöung offenbart autoritäres Staatsverständnis

Ein Ja zur Organspende ist jetzt auch digital möglich – so berichtet etwa DIE WELT in ihrer Ausgabe vom 19. März 2024 unter dem Titel „Online-Register zu Organspenden gestartet“. Wohlgemerkt: ab 16. Das Elternrecht wird weiter abgebaut.

Doch zufrieden ist Karl Lauterbach nicht. Er will die Widerspruchslösung. Diese kehrt die Beweislast um. Wer seinen Widerspruch nicht rechtssicher dokumentiert hat, dem wird die Verfügug über den eigenen Körper und den eigenen Sterbeprozess entzogen.

Dahinter steht ein verqueres, autoritäres Menschenbild, das eines Rechtsstaates unwürdig sein sollte: Der Staat will eine selbstbestimmte Entscheidung erzwingen, indem er massiv in Grundrechte eingreift. Grundrechtsträger aber ist der Souverän, nicht der Untertan. Anreize für Spendebereitschaft ja, aber unter Beachtung des freien Willens mündiger Bürger.

Jahresrückblick: Sozialethische Veröffentlichungen aus dem Jahr 2023

Ausgewählte Veröffentlichungen (ohne Rezensionen oder Zeitungsbeiträge):

Sozialethische Grundlagenfragen

Kunze, Axel Bernd: Vorsehung neu denken: Klugheit – Freiheit – Intention, in: Concilium, 2023/59/3, S. 342 – 347.

Kunze, Axel Bernd: Freundschaft und Lebensbund – aus dem Tagungsband Würzburg 2022, in: Arbeitskreis der Studentenhistoriker (Hg.): online unter https://studentenhistoriker.eu/juedische-korporierte-der-akst-benoetigt-ihre-unterstuetzung/.

Politische Ethik

Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Dezentrales Gedenken 2022 aus Anlass des 9. November 1938. Bamberg 2023.

Bocksch, Mechthildis; Kunze, Axel Bernd (Red.): Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Bamberg 2023.

Dik, Oleg; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd: Menschenwürde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise. Regensburg 2023.

Kunze, Axel Bernd: Intensivstaat und zivilgesellschaftliche Staatsbedürftigkeit. Sozial- und freiheitsethische Betrachtungen zum Staatsverständnis (nicht nur) in Coronazeiten, in: Dik, Oleg; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd: Menschenwüde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise. Regensburg 2023, S. 219 – 258.

Kunze, Axel Bernd: Mahnmal für den Bamberger Widerstand: Stauffenberg und zwei Korporierte, in: Arbeitskreis der Studentenhistoriker (Hg.): online unter https://studentenhistoriker.eu/mahnmal-des-bamberger-widerstands-stauffenberg-und-zwei-korporierte/.

Kunze, Axel Bernd: Über Freiheit und Zivilcourage, in: Arbeitskreis der Studentenhistoriker (Hg.): online unter https://studentenhistoriker.eu/ueber-freiheit-und-zivilcourage/ [Druckfassung in Vorbereitung].

Kunze, Axel Bernd: 17. Mai 1933, Dachau – zum 90. Todestag des Wirceburgers Willy Aron, in: Arbeitskreis der Studentenhistoriker (Hg.): online unter https://studentenhistoriker.eu/17-mai-1933-90-todestag-willy-aron/ [Druckfassung in Vorbereitung].

Wirtschaftsethik und Sozialpolitik

Kunze, Axel Bernd (Mithg.): Denk doch mal. Onlinemagazin für Arbeit – Bildung – Gesellschaft. München 2022, Haben wir die richtigen Angebote in der Weiterbildung?, 2023/-/2; Die Forderungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Bildungspolitik von 1972, 2023/-/1.

Kunze, Axel Bernd: Arbeitsfeld Erzieherausbildung. Bildungs- und berufspolitische Entwicklungen im Kontext sozialpädagogischer Ausbildungsgänge, in: Kunze, Axel Bernd; Püttmann, Carsten: Gelingende Erziehung reflektiert praktizieren. Wesel 2023, S. 16 – 20.

Kunze, Axel Bernd: Auslandspraktika in der Erzieherausbildung, in: Kunze, Axel Bernd; Püttmann, Carsten: Gelingende Erziehung reflektiert praktizieren. Wesel 2023, S. 54 – 56.

Medizinethik und Gesundheitswesen

Bergmann, Ralf; Brenner, Andreas; Burchardt, Matthias; Dochorn, Jan; Döring, Ole; Esfeld, Michael; Frahm, Johannes; Gierhake, Kathrin; Göttman, Frank; Guérot, Ulrike; Harzheim, Lothar; Hentschel, Martina; Hiller, Detlef; Hörmann, Georg; Kostner, Sandra; Kotchoubey, Boris; Kroy, Klaus; Kunze, Axel Bernd; Lamm, Norbert; Lavecchia, Salvatore; Lehmann, Christian; Lehnert, Christian; Luft, Stefan; Mézes, Christian; Morawetz, Klaus; Reiner, Günter; Riedenauer, Markus; Schüffel, Wolfram; Schwachtje, Jens; Schwaetzer, Harald; Stahl, Henrieke; Ullrich, Henrik; Weber, Reinhard; Winkler, Martin: Offizielle Kirchenzeitung stoppt Corona-kritischen Bericht, in: Tichys Einblick, 2023/-/21.10., online unter https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/offizielle-kirchenzeitung-stoppt-corona-kritischen-bericht/.

Dik, Oleg; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd: Vorwort, in: Dik, Oleg; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd: Menschenwüde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise. Regensburg 2023, S. 7 – 10.

Ethik der Lebensformen

Kunze, Axel Bernd: Impulsvortrag Gendersprache, in: Arbeitskreis Stadt und Gesellschaft (Hg.): Arbeitskreis Stadt & Gesellschaft. Essen (Ruhr) 2023, S. 10 – 13.

Kunze, Axel Bernd: Erfahrungen – Einstellungen – Emotionen, in: Concilium, 2023/59/1, S. 115 – 119.

Bildung, Wissensgesellschaft, Medien, Kultur

Bank, Volker; Barben Jürg; Bender, Peter; Bossard, Carl; Breithausen, Jutta; Büchter-Römer, Ute; Damberger, Thomas; Dammer, Karl-Heinz; Fuchs, Thomas; Glöckler, Michaela; Grebe-Ellis, Johannes; Hackl, Bernhard; Herchert, Gaby; Hungerbühler, Norbert; Jongebloed, Hans-Carl; Kaenders, Rainer; Kissling, Beat; Klein, Hans Peter; Krautz, Jochen;  Kübler, Hans-Dieter; Kunze, Axel Bernd; Ladenthin, Volker; Lankau, Ralf; Möller, Christoph; Rekus, Jürgen; Reuter, Ingo; Rittelmeyer, Christian; Rodens, Klaus; Rostalski, Frauke; Sonar, Thomas; Spitzer, Manfred; Teuchert-Noodt, Gertraud; Türcke, Christoph; Wegner, Anke; Weiss, Ysette; Wittmann, Erich Ch.; Zierer, Klaus: Wissenschaftler fordern Moratorium der Digitalisierung in KITAs und Schulen, in: Gesellschaft für Bildung und Wissen (Hg.): online unter https://die-pädagogische-wende.de/wp-content/uploads/2023/11/moratorium_pub_17nov23.pdf [17. November 2023].

Kunze, Axel Bernd; Püttmann, Carsten: Gelingende Erziehung reflektiert praktizieren. Wesel 2023 [zugleich Onlineausgabe unter: https://www.beaonline.de/2023/06/sonderheft-2023-der-zeitschrift-paedagogikunterricht/].

Kunze, Axel Bernd (Wiss. Beirat): Pädagogikunterricht. Wesel 2023, Interkulturelle Bildung in Zeiten des Integrationsparadoxes, 2023/43/1; Fachlichkeit als Anspruch, 2023/43/2-3; EduKItion. Pädagogik im Zeitalter der KI, 2023/43/4; Unterrichten an Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik, 2023/43/Sonderheft.

Kunze, Axel Bernd: Gesprächsstörungen. Eine sozial- und bildungsethische Ursachensuche im Angesicht der Coronakrise, in: Dik, Oleg; Dochhorn, Jan; Kunze, Axel Bernd: Menschenwürde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise. Regensburg 2023, S. 17 – 59.

Kunze, Axel Bernd: Für alle, die sich noch weiter informieren wollen, in: Kunze, Axel Bernd; Püttmann, Carsten: Gelingende Erziehung reflektiert praktizieren. Wesel 2023, S. 30 f.

Kunze, Axel Bernd: Gestörte Kommunkation. Eine bildungsethische Spurensuche in flüchtigen Zeiten, in: Kuypers, Harald (Hg.): Pädagogisch Handeln. Festschrift für Prof. Dr. Volker Ladenthin. Bonn 2023, S. 119 – 129.

Kunze, Axel Bernd: Schule braucht pädagogisches Verständnis. Reflexionen nach mehr als zwei Coronajahren, in: Lankau, Ralf (Hg.): Unterricht in Präsenz und Distanz. Lehren aus der Pandemie. Weinheim/Basel 2023, S. 81 – 95.

Kunze, Axel Bernd: Freundschaft und Lebensbund, in: Sebastian Sigler (Hg.): Die Vorträge der 82. deutschen Studentenhistorikertagung Würzburg 2022. München 2023, S. 360 – 364.

Kunze, Axel Bernd: Vorstellung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit, in: Arbeitskreis Stadt und Gesellschaft (Hg.): Arbeitskreis Stadt & Gesellschaft. Essen (Ruhr) 2023, S. 9 f.

Kunze, Axel Bernd: Die Bibel bildet, in: Concilium, 2023/59/5, S. 604 – 609.

Kunze, Axel Bernd: Pädagogische Herausforderungen in einer heterogener werdenden Gesellschaft, in: Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung, 2023/75/1, S. 7 f.

Kunze, Axel Bernd: Ethische Anfragen an schulisches Handeln, in: Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung, 2023/75/2, S. 14 f.

Kunze, Axel Bernd: Die Tugend der Mäßigung – bildungsethische Gedanken zu einer pädagogischen Ethik des Digitalen, in: Glaube + Erziehung, 2023/75/3, S. 6 f.

Kunze, Axel Bernd: Der Lehrerberuf als Menschenrechtsprofession, in: Glaube + Erziehung. Zeitschrift für christliche Erziehung, 2023/75/4, S. 8 f.

Kunze, Axel Bernd: Personal gestaltet und erfahren. Anmerkungen zur schulischen Lehrkunst aus bildungsethischer Perspektive – (nicht allein) in digitalen Zeiten, in: Pädagogische Rundschau, 2023/77/6, S. 735 – 750.

Kunze, Axel Bernd: Pädagogisches Neusprech. Zur Kritik aktueller Leitbegriffe, in: Profil. Das Magazin für Gymnasium und Gesellschaft, 2023/-/12, S. 38 – 40.

Sigler, Sebastian (Hg.); Kunze, Axel Bernd u. a. (Berater): Die Vorträge der 82. deutschen Studentenhistorikertagung Würzburg 2022. München 2023.

Kirche und Gesellschaft sowie Religionssoziologie

Kunze, Axel Bernd: Herausgeforderter und heilender Glaube, in: Concilium, 2023/59/4, S. 474 – 479.

Kunze, Axel Bernd: Im Überschwang der Liebe (Mt 5, 38 – 48), in: Der Prediger und Katechet, 2023/162/2, S. 161 – 163.

Kunze, Axel Bernd: Abschied und Neubeginn (Joh 14, 15 – 21), in: Der Prediger und Katechet, 2023/162/5, S. 343 – 345.

Kunze, Axel Bernd: Der Theologe auf dem Papstthron, in: tabularasa. Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, 2023/-/01.01., online unter https://www.tabularasamagazin.de/der-theologe-auf-dem-papstthron/.

Kunze, Axel Bernd: In memoriam Papst em. Benedikt XVI. +, in: Arbeitskreis der Studentenhistoriker (Hg.): online unter https://studentenhistoriker.eu/in-memoriam-papst-em-benedikt-xvi-%e2%80%a0/.

Geschichte des Sozialkatholizismus

Kunze, Axel Bernd: Eine Art theologischer Landkarte, in: Concilium, 2023/59/2, S. 249 – 253.

Zwischenruf: Aufarbeitung der Coronapolitik und Aussöhnung bleiben weiterhin notwendig

Bis heute verweigern sich die Funktionseliten unseres Landes der Aufarbeitung einer grundrechts- und freieitsfeindlichen Coronapolitik, die weiterhin unser Zusammenleben spaltet. Die Diskussion um die Preisverleihung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit an den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, ist nur ein Beispiel hierfür. Ein kleiner Lichtblick kommt nun aus der Nordkirche und ein notwendiges Eingeständnis: Bischof Jeremias spricht öffentlich davon, dass „wir als Kirche schuldig geworden seien“. Dies ist ein anderes Zeichen als jenes, einen hochschulpolitischen Hauptakteur dieser desaströsen Coronapolitik mit einem Freiheitspreis auzuzeichnen.

Die Haltung gegenüber der damaligen Coronapolitik dürfte ein (nicht der einzige) Grund für den Niedergang der Kirchen sein, den wir gegenwärtig erleben. Ein trauriger Tiefpunkt und eine geistliche Bankrotterklärung waren die 2G-Gottesdienste an Weihnachten 2021. Im neuen Band „Menschenwürde im Intensivstaat?“ (Regensburg 2023) heißt es „Später waren es dann beispielsweise Gottesdienste unter 2G-Regeln, die gerade kirchentreue Gläubige vor den Kopf gestoßen haben. Dieser kirchliche Kern wird nicht aktivistisch lautstark austreten, sondern sich schleichend zurückziehen.“ Als Gesprächspartner für einen differenzierten und verantwortlichen Umgang mit den Wertkonflikten der Coronajahre sind die Kirchen seinerzeit nahezu vollständig ausgefallen, von wenigen persönlichen Ausnahmen abgesehen. Der Niedergang der Kirchen für unser Land und seine geistigen Orientierungswerte wird uns noch bitter auf die Füße fallen wird. Der autoritäre, biopolitische Neokollektivismus einer Coronapolitik „ohne rote Linien“ war ein Vorgeschmack, welch geistiger Klimawandel ins Haus stehen könnte. Noch schlimmer, wenn eine solche Politik auch noch mit Freiheitspreisen gewürdigt wird.

Dabei geht es nicht um die persönliche Schuld des Preisträgers, die er mit seinem Beichtvater ausmachen muss. Es geht um die politische Verantwortung eines langjährigen Funktionärs eines hochschulpolitischen Spitzenverbandes, von dem Kollegen, die coronapolitisch gravierenden Grundrechtseingriffen und berufliche Nachteile erfahren haben, keinerlei Unterstützung zu erwarten hatten. Dies bleibt für einen Berufsverband ein Armutszeugnis. Und über diese politische Verantwortung muss öffentlich diskutiert werden. Sie ist im Falle Kempens so groß, dass sich die Auszeichnung mit einem Freiheitspreis verbietet. Eine Aufarbeitung dieser Coronapolitik und ein Prozess öffentlicher Aussöhnung bleiben notwendig. Das Eingeständnis des Bischofs der Nordkirche ist ein erster kleiner Schritt dorthin.

Christliches Forum: Kritik an Preis des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit für ehemaligen DHV-Präsidenten Kempen

Kritik an einer solchen Preispolitik, wie das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit sie betreibt, bleibt dringend notwendig, da wir nicht über Vergangenes reden, sondern über eine autoritäre, anmaßende Gesundheitspolitik, die brennend aktuell ist. Mit der Annahme des WHO-Vertrages, die wohl im Mai bevorsteht, wird die Entscheidung über Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit und damit in ein zentrales Grundrecht an eine internationale Organisation übertragen. Wir verlieren die Souveränität über zentrale Grundrechte unserer Verfassung. Ein solcher autoritärer, biopolitischer Neokollektivismus hat mit Freiheit wenig zu tun.

Zwischenruf: Die Opfer der Coronapolitik sind vergessen, auch an den Universitäten

Wie die „Tagespost“ in ihrer Ausgabe vom 8. Februar 2024 berichtet, wurde der langjährige, frühere Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, mit dem Positivpreis für Wissenschaftsfreiheit des gleichnamigen Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit ausgezeichnet. Der Preis wurde in diesem Jahr am 2. Februar 2024 erstmalig vergeben.

Der Preisträger habe, so heißt es in dem Bericht, einen „nachdenklichen Blick auf den Zustand der Universitäten“ geworfen. Schon früh kritisierte Kempen, dass der europäische Bolognaprozess zu einem „Scheuklappenstudium“ führe, wie Sebastian Sasse in der „Tagespost“ erinnert. In der Folge seien jüngere Wissenschaftler oft gar nicht mehr in der ganzen Breite der eigenen Disziplin verwurzelt. Auch die jüngere Bildungsforschung, die einen enormen Zuwachs an empirischen Studien gebracht hat, bietet hierfür genug Anschauungsmaterial. Gerade junge Wissenschaftler spürten, so heißt es in der „Tagespost“, einen Konformitätsdruck.

Eine „Cancel Culture“ ist auch an deutschen Universitäten nicht mehr zu übersehen. Seinem eigenen Verband bescheinigt Kempen, angesichts derartiger Entwicklungen viel geleistet und wichtige Akzente in der hochschulpolitischen Debatte gesetzt zu haben. Bemerkenswerte Akzente hat der Verband allerdings auch in anderer Hinsicht gesetzt: Mit seiner Preispolitik bei der Kür der „Hochschullehrer des Jahres“ in den Coronajahren 2021 und 2022 hat der Verband mehr als deutlich die regierungsamtliche Linie einer grundrechts- und freiheitsfeindlichen Coronapolitik unterstützt. 2021 wurden die Virologen Christian Drosten und Sandra Ciesek, 2022 die BioNTech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin ausgezeichnet.

Stimmen, die sich kritisch mit der herrschenden Coronapolitik und den Grundrechtseingriffen, von denen auch zahlreiche Wissenschaftler betroffen waren, auseinander setzten, wurden vom Deutschen Hochschulverband gezielt ignoriert, totgeschwiegen oder in der vom Verband herausgegebenen Zeitschrift „Forschung und Lehre“ zensiert. Zu dieser Verbandspolitik, für die Kempen als langjähriger Präsident eines hochschulpolitischen Spitzenverbandes maßgeblich die politische Verantwortung trägt, hätte man sich ebenfalls einen „nachdenklichen Blick“ gewünscht, ja mehr noch: deutliche Selbstkritik. Der Deutsche Hochschulverband hat in der Coronakrise politisch und moralisch versagt. Mitglieder, die in dieser Zeit abweichende Meinungen vertraten und gravierenden Eingriffen in ihre Grundrechte, etwa auf körperliche Unversehrtheit, Wissenschaftsfreiheit oder Berufsausübungsfreiheit, ausgesetzt waren, duften von ihrem Berufsverband keinerlei Unterstützung erwarten.

Eine Aufarbeitung dieses Versagens steht noch aus. Und so lange dies so ist, hinterlässt die Preisentscheidung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit mehr als einen schalen Nachgeschmack. Der Preisträger „ragte“ dann auch in den Coronajahren alles andere als „durch einen Einsatz für die Freiheit von Forschung und Lehre hervor“, wie die Vorsitzende des Netzwerkes in einer Pressemitteilung vom 29. Januar 2024 betont. Wer angesichts einer zunehmenden Polarisierung, Politisierung, Moralisierung, Ideologisierung und Emotionalisierung die Wissenschaftsfreiheit robust verteidigen will, sollte auf einem substantiellen Freiheitsverständnis bestehen und die Unteilbarkeit der Grundrechte verteidigen. Für beides steht der erste Preisträger des neugeschaffenen Preises für Wissenschaftsfreiheit nicht. Sein Stifter, das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, positioniert sich mit seiner Nominierung im politisch-gesellschaftlichen Mainstream, in dem freiheitlich-konservative Stimmen überdeutlich an den Rand gedrängt werden.

Wer die Wissenschaftsfreiheit robust verteidigen will, darf über die coronapolitischen Angriffe auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die wir erlebt haben, nicht schweigen. Alle, welche die Coronapolitik und die damit verbundene Umdeutung des Freiheitsverständnisses unterstützen, so schrieb die Vorsitzende des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit, Sandra Kostner, noch 2022 in ihrem Sammelband „Pandemiepolitik? Freiheit unterm Rad“ (Stuttgart 2022) sollten sich fragen, „ob sie wollten, dass andere darüber bestimmen können, welche pharmakologischen Substanzen sie ihrem Körper zuführen. Denn es könnte der Tag kommen, an dem es um Substanzen geht, die sie nicht verabreicht bekommen möchten. Der Geist, der das ermöglicht, ist aus der Flasche. Es ist an uns, ihn dort wieder hineinzubekommen und als Lehre aus den Pandemiejahren künftig darauf zu achten, dass er nicht mehr entweichen kann.“

Dieser Geist ist nun eines Freiheitspreises würdig. Die Opfer einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik sind hingegen vergessen, auch an den Universitäten.

Rezension: Menschenwürde im Intensivstaat?

Die erste Rezension zum neuen Band „Menschenwürde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise“ (von Oleg Dik, Jan Dochhorn und Axel Bernd Kunze, Regensburg 2023) ist erschienen. Der Historiker und Journalist Sebastian Sigler bespricht den Band in „tabularasa“. Der Staat wird immer übergriffiger gegenüber der Lebenswelt der Einzelnen, die Kirchen verlieren rasend schnell an Bedeutung. Beide Institutionen leiden unter einem Vertrauensverlust. Sigler sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Staatskrise und der gegenwärtigen Gottesferne – er schreibt:

Könnte es sein, daß die Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte während der Coronakrise eine Vertrauenskrise in diesem Land heraufbeschworen haben? Natürlich ist das so. Oleg Dik, Jan Dochhorn und Axel Bernd Kunze decken diese politische Krise, deren Folgen wir drastisch spüren, punktgenau auf. Zu ihr konnte es, so sagen die Autoren, überhaupt erst kommen, weil ohnehin schon lange eine Glaubenskrise schwelt.

Das jüngst im Roderer-Verlag, Regensburg, erschienene Buch „Menschenwürde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise“ ist geeignet, die anstehende, aber bislang erfolgreich verdrängte Aufarbeitung des landauf, landab zu beobachtenden, staatlichen Corona-Unrechts ordentlich anzuschieben. Denn die staatlicherseits auferlegten Beschränkungen durch die Corona-Krise sind längst als überzogen und übergriffig enttarnt. Diese Erkenntnis wird vielerorts verlegen bemäntelt, wobei Verantwortlichen auch zugutegehalten werden, dass es keine Handlungsschemata gab, nach denen sie hätten entscheiden können.

Unaufgeregt wird im Vorwort die Problemlage dargestellt. Der Staat hat die Unversehrtheit des Körpers durch Impfpflicht und Nachteile für Menschen, die zweifelten, missachtet. Die Amtskirchen haben munter mitgemacht, ja, vielfach die staatlichen Regeln für sich und im eigenen Hause noch verschärft. Der im Grundgesetz nach wie vor verankerte Bezug auf den christlichen und damit zugleich jüdischen Gott wurde auf diese Weise stark deformiert. Oder wurde hier dem Staatswesen gar ein noch nicht zur Gänze erkennbarer, aber unheilbarer Bruch zugefügt? […]

Und wer denn etwa hoffte, bei Kunze, Dochhorn und Dik mit fundamentalistischen Alternativen bedient zu werden, wird enttäuscht. Doch die Sache ist, folgt man den drei Autoren, schlimm genug, denn der „Intensivstaat“, den sie als längst bestimmenden Faktor in unserer aktuellen „Ampel“-Gesellschaft betrachten, ist zwar durch die Gottesferne in einer weitverbreiteten Glaubenskrise vorbereitet, aber erst durch die Ungerechtigkeiten der Corona-Krise heraufbeschworen worden.

Die vollständige Rezension lesen Sie hier:

Rezension: Die Bibel bildet

„Theologie und höhere Bildung“ heißt das neue Themenheft der Zeitschrift CONCILIUM. Darin rezensiert Axel Bernd Kunze die folgenden Titel (Jg. 59, Heft 5 v. Dezember 2023, S. 604 – 609):

Irmtraud Fischer, Jörg Frey, Ottmar Fuchs, Katharina Greschat, Alexandra Grund-Wittenberg, Bernd Janowski, Ralf Koerrenz, Volker Leppin, Tobias Nicklas, Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Uta Poplutz, Dorothea Sattler, Konrad Schmid, Andreas Schüle, Günter Thomas, Samuel Vollenweider, Michael Welker (Hgg.): Bildung (Jahrbuch für Biblische Theologie; Bd. 35/2020), Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 2021, 298 Seiten.

Marianne Heimbach-Steins, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hgg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch, Regensburg: Friedrich Pustet 2022, 528 Seiten.

CONCILIUM, das bisher im Würzburg Echter-Verlag erschienen ist, wird ab dem kommenden Jahrgang 2024 vom Verlag Karl Alber im Rahmen der Nomos-Verlagsgruppe herausgebracht.

Neuerscheinung: Menschenwürde im Intensivstaat? – Jetzt erhältlich.

Seit 20. Dezember 2023 im Buchhandel erhältlich:

Oleg Dik, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze: Menschenwürde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise (Philosophie interdisziplinär; 54, hg. v. Harald Schwaetzer und Henrieke Stahl), Regensburg: S. Roderer 2023, 258 Seiten.

mit folgenden Beiträgen:

  • Vorwort
  • Jan Dochhorn: Einführung: Von einer Tagesordnung zu der anderen
  • Axel Bernd Kunze: Gesprächsstörungen. Eine sozial- und bildungsethische Ursachensuche im Angesicht der Coronakrise
  • Jan Dochhorn: Paradoxologia Theologica. Ansätze zu einer Gesellschaftskritik aus theologischer Sicht angesichts der Coronakrise
  • Oleg Dik: Die zerrissene Menschenwürde. Corona als Symptom einer theologischen Krise
  • Axel Bernd Kunze: Intensivstaat und zivilgesellschaftliche Staatsbedürftigkeit. Sozial- und freiheitsethische Betrachtungen zum Staatsverständnis (nicht nur) in Coronazeiten.

Aus der Verlagsankündigung:

„Der Einzelne hätte keinen Arbeitsplatz mehr“. So kommentierte Ende 2021 der Justizminister von Nordrhein-Westfalen, Peter Biesenbach (CDU), seinen Vorschlag, 2G am Arbeitsplatz einzuführen. Die drei Autoren dieses Bandes interessieren sich für diesen Einzelnen und erörtern aus theologischer Perspektive, wie es dazu kommen konnte, dass man in der Coronakrise so über ihn redete. Oleg Dik identifiziert eine unbewusste Dynamik in der Gesellschaft, eine Strategie des Ekels gegen das Abweichende, und setzt ihr die gemeinschaftsbildende Kraft der Eucharistie entgegen. Jan Dochhorn identifiziert eine Tragik des Gesellschaftlichen: Wider ihren Willen und ohne Verstehen realisiert Gesellschaft immer wieder das Gegenteil handlungsleitender Ideale – entsprechend dem, was Paulus über den sündunterworfenen Menschen schreibt. Gesellschaft ist nicht als der Ort von Emanzipation zu sehen, sondern ist ein Götze geworden, eine divinisierte Bezugsgröße von Erlösungs- und Bedrohungs¬phantasien. Axel Bernd Kunze behandelt das Paradox, dass wir nach Zeiten der Staatsvergessenheit mit der Coronakrise unversehens mit einem Intensivstaat zu tun hatten (und zunehmend weiter haben); er sucht in einem weiteren Beitrag nach Bedingungen für eine gesellschaftliche Versöhnung.