Johanna Rahner zieht im Interview (Katholisches Sonntagsblatt, 18/2025, S. 31) eine Bilanz des zu Ende gegangenen Pontifikats. Bleibende Früchte erkennt die Tübinger Theologin in einer Wiederentdeckung der katholischen Soziallehre und des politischen Engagements der Kirche. Offen lässt Rahner, warum überhaupt von einer Wiederentdeckung zu sprechen ist. Gerade der Vorgänger, Papst Benedikt XVI., hat mit seiner tiefgehenden Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Soziallehre geleistet, indem er Liebe als unverzichtbaren, motivierenden, der Humanität dienenden Ermöglichungsgrund für Gerechtigkeit herausgestrichen hat. Papst Franziskus hingegen hat vertieftes sozialethisches Nachdenken vielfach durch politischen Aktivismus oder Moralisierung eretzt; hierzu zählte auch der von Rahner erwähnte Besuch auf Lampedusa. Papst Franziskus hat der starken Tradition katholischen Staatsdenkens dadurch viel an Kraft genommen, etwa in der Migrationsethik. Wo die Sicherung der staatlichen Fundamente kleingeredet wird, setzen über kurz oder lang Verteilungskämpfe ein. Kirche leistet dann einen wichtigen Beitrag politischer Diakonie, wenn sie den linken Zeitgeist nicht einfach verstärkt, sondern die eigenen Orientierungswerte überzeugend, wohlbegründet und theologisch-philosophisch fundiert in aktuelle Debatten einbringt.
Kommentar
Leserbrief: Aus den Fehlern nicht gelernt
Die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ hat in ihrer Ausgabe vom 2. Mai 2025 einen Leserbrief übernommen, der sich mit der fehlenden Aufarbeitung des Verhaltens der katholischen Kirche in der Coroanzeit beschäftigt.
Zwischenruf: Ungute Personalentscheidungen
Die Personalentscheidungen der neuen Regierungspartei lösen ungute Befürchtungen aus. Mit der designierten Gesunheitsministerin und dem designierten Regierungssprecher stehen vehemente Befürworter der Coronamaßnahmen in den Startlöchenr. Die C-Parteien haben ihren christlichen
Personalismus spätestens mit der rechtsstaatswidrigen Coronapolitik
aufgegeben und sich als Rechtsstaatsparteien verabschiedet. Im
Hintergrund steht ein soziales Freiheitsverständnis, das Freiheit
nicht mehr von der Person, sondern von seiner institutionellen
Einbindung her denkt. Freiheit wird abhängig von sozialem Wohlwollen.
Personalität lässt sich aber nur im polaren Spannungsverhältnis von
Individualität und Sozialität leben, das nicht einseitig in Richtung
Sozialität aufgelöst werden darf.
Eine Aufarbeitung hat es hier wie anderswo nicht gegeben, auch nicht
in parteinahen Bereichen wie der Denkfabrik R 21, die mit dem Anspruch
auftreten, für eine "neue bürgerliche Politik" einzutreten.
Auch hier geben Akteure den Ton an, die eine freiheitsfeindliche,
antibürgerliche Coronapolitik mitgetragen haben (daher habe ich mich
in diesem Fall auch deutlich gegen eine Vernetzung ausgesprochen).
Der Positivpreis für Wissenschaftsfreiheit an einen
hochschulpolitischen Spitzenvertreter, der die Coronapolitik
öffentlich maßgeblich unterstützt hat, steht hier pars pro toto. Wer
das Recht auf körperliche Selbstbstimmung und das verbriefte
Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nicht achtet und einen
autoritären Maßnahmenstaat propagiert, hat mit bürgerlicher Politik
nichts zu tun. In diesem Fall können sich die C-Parteien auf breite
Unterstützung der kirchenführenden Kreise verlassen.
Und jetzt erleben wir, was passiert: Ohne Aufarbeitung dieser
Coronapolitik und ohne Aussöhnung werden die Freiheitsfeinde der
Coronajahre auch künftig die Politik bestimmen. Die Polarisierung des
Landes wird sich fortsetzen; der Riss, der unsere Gesellschaft
spaltet, wird sich weiter fortziehen. Ja, ich nehme sogar wahr, dass
sich die politische Polarisierung gegenwärtig noch steigert, aktuell
zwar nicht in neuen Maßnahmen, aber in einer wachsenden Vergiftung
sozialer Bezüge. Gruppen, Vereine und Gemeinschaften, die von ihrem
Selbstverständnis her parteipolitisch neutral sein sollten, werden
parteipolitisiert, andersdenkende Mitglieder rausgedrängt.
Es bleibt die Hoffnung, dass am Ende doch nicht die
Freiheitsverächter, sondern die Anhänger einer wirklich bürgerlichen
Freiheit, die auch um die Widerständigkeit des Subjekts weiß, das
letzte Wort haben werden. Aber dafür braucht es nicht nur einen
Regierungswechsel, sondern auch einen Wechsel der geistig-moralischen
Kultur. Ein solcher ist derzeit nicht gewollt, die neue Regierung wird
die Ampelpolitik fortsetzen und unser Gemeinwesen weiter auf Reserve
fahren, finanziell, aber auch bei den geistig-sozialen Ressourcen
unseres Zusammenlebens. Wir werden sehen, wie lange das gut geht.
Zwischenruf: Geistliche Leere und fehlende Aufarbeitung
Am Ostersonntag 2020 erklärte Heiner Wilmer im Deutschlandfunk, die leeren Kirchen seien ein Vorgeschmack auf eine Zukunft, die gar nicht mehr so fern sei. Die Religionsfreiheit sah der Hildesheimer Bischof nicht eingeschränkt. Die Kirche eines Landes, die sich mit einer solchen Zukunft anfreundet und keine missionarische Kraft mehr entwickeln will, zeigt eine geistliche Leere. Die 2-G-Gottesdienste, die im späteren Verlauf der Coronapolitik mancherorts stattfanden, können als geistliche Bankrotterklärung bezeichnet werden. Die Kirche, die sozialethisch gern von Teilhabe, Anerkennung und Inklusion spricht, hat bei einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik mitgemacht, ohne sich um eine sorgfältige ethische Abwägung zu mühen, und ist schuldig geworden. Umkehr ist notwendig und wäre möglich, wenn sie wirklich gewollt wäre. Davon ist nichts zu erkennen. Die Kirche hat auch in diesem Bundestagswahlkampf allzu gern die regierungsamtlichen Narrative dupliziert. Wer anders denkt, wird vor die Tür gesetzt, wie ein Ministrant im Bistum Passau erleben musste. Wo die Aufarbeitung der Coronapandemie pastoral bereits begonnen habe, bleibt ein Rätsel von Bischof Bätzing (Die Tagespost, 10. April 2025, S. 10). Ein Lernverhalten der Kirchenleitungen ist bisher nicht erkennbar.
Christliches Forum: Appell an die Bundesregierung
Das „Christliche Forum“ weist auf Appell von fünfundsiebzig Pädagogen hin, im Bildungssystem nicht weiter einseitig auf forcierte Digitalisierung zu setzen:
Bündnis für humane Bildung: Kritik an geplanter Schüler-ID
Als Mitunterzeichener des Appells vom März 2025 weise ich gern auf die neue Pressemitteilung des Bündnisses für humane Bildung hin. Den gläsernen Schüler brauchen wir nicht. Was wir brauchen, ist eine ehrliche Debatte über die Erziehungsprobleme in Familie, Gesellschaft und Schule – aber darüber zu reden, wäre schmerzhaft. Wir müssten uns Rechenschaft geben über die Orientierungswerte, denen wir folgen. Eine Schüler-ID ist nicht das, was unserem Bildungssystem fehlt. Sie wird am Ende vermutlich nur zu neuer Bürokratie führen, von datenschutzrechtlichen Bedenken noch abgesehen. Wir brauchen ein an Leistung, Eigenverantwortung, Mündigkeit und Freiheit orientiertes Bildungssystem und einen Kulturstaat, der verlässliche Rahmenbedingungen setzt, nicht auch noch einen gängelnden Planstaat, der Bildung und Pädgogik immer stärker seiner Kontrolle und Steuerung unterwirft. Das Bildungswesen steht unter der Aufsicht des Staates, nicht unter der vollständigen Steuerung des Staates.
Pressemitteilung des Bündnisses für humane Bildung vom 14. April 2025
Bildungsexperten fordern Korrektur des Koalitionsvertrag, weil „Bildungspolitik auf digitalen Irrwegen!“
Offenburg / Stuttgart, 14. April 2025. Das Bündnis für humane Bildung kritisiert, dass der neue Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD alte Irrtümer in neues digitales Gewand gießt – und damit die Bildungsprobleme in Deutschland verschärfen wird. Statt bewährter pädagogischer Konzepte soll erneut die Digitalisierung als Allheilmittel dienen. Weltweit machen Länder die Digitalisierung der Bildung rückgängig, der Koalitionsvertrag legt dagegen ihren Ausbau fest.
„Wer Ursachen der Bildungskatastrophe, u.a. die Digitalisierung, kennt und sie in Lösungen umdeutet, betreibt keine Politik, sondern Ideologie“, warnt Prof. Ralf Lankau, Sprecher des Bündnisses für humane Bildung. Der Koalitionsvertrag beschönige die Realität, ignoriere den Lehrkräftemangel und sichere das Geschäftsfeld Schule für die Tech-Konzerne. Lankau kritisiert, dass das Industrienarrativ „Ausbildung statt Bildung“ mit der einseitigen Orientierung an den MINT-Fächern zementiert wird. Die Abkehr vom humanistischen Bildungsideal sei eine Ursache der Bildungskatastrophe, denn immer weniger Schüler erreichten dadurch die Standards im Wortschatz, Sprechen, Lesen und Zuhören. Experten fordern dagegen schon lange den Ausbau der für die Bildung, Lern- und Intelligenzentwicklung zentralen Fächer Deutsch, Sport, Kunst und Musik.
Digitale Sackgasse statt pädagogischen Fortschritts
Studien weltweit – von der UNESCO bis zur britischen Regierung – belegen, dass Digitalisierung keine besseren Lernergebnisse bringt, sondern sogar schadet. „Trotz aller Erkenntnisse soll der DigitalPakt 2.0 durchgepeitscht werde,“ kritisiert Lankau. Mit der geplanten „Schüler-ID“, einem Bildungsverlaufsregister für jede Schülerin/ jeden Schüler und KI-gestützten Lernsystemen droht die totale Verdatung von Lern- und Bildungsbiografien. „Kinder sollen von Avataren am Bildschirm unterrichtet werden – ein Modell aus den Konzernzentralen von Google, Apple, Microsoft, SAP & Co.“, so Lankau.
„Der gläserne Schüler ist keine Vision, sondern ein Albtraum, den die Bundesregierung festschreiben will,“ ergänzt Peter Hensinger, 2. Sprecher des Bündnisses für humane Bildung. „Es ist ein Skandal, dass der Koalitionsvertrag keine Zeile zur Behebung des Lehrermangels enthält, denn Lehrerinnen und Lehrer sollen offensichtlich durch automatisiert agierende Computersysteme ersetzt werden“, kritisiert Hensinger.
Die gesamte Stellungnahme des Bündnisses für humane Bildung zum Koalitionsvertrag mit einer Kurzanalyse der Ursachen der Bildungskatastrophe und Alternativen steht auf:
https://die-pädagogische-wende.de/koalitionsvertrag-ursachen-loesungen/
Forderung: Bildung neu denken!
In einem vom Bündnis für humane Bildung initiierten Appell, den 75 Experten unterzeichneten und der am 14. März an die Verhandlungskommissionen von CDU, CSU und SPD weitergeleitet wurde, wurde ein Richtungswechsel in der Bildungspolitik hin zu einer Erziehung zur Medienmündigkeit gefordert, u.a. bildschirmfreie Grundbildung, ein Verbot privater Smartphones und digitaler Endgeräte an Schulen, mehr Lehrkräfte statt mehr Technik – und eine Bildungspolitik, die Kinder als Menschen sieht, nicht als Datensätze.
Das Bündnis für humane Bildung fordert von der vermutlich neuen Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) als erste Maßnahmen einen Stopp der Digitalisierung, die Annulierung des Digitalpaktes 2.0 und Smartphone- und Socialmedia-Verbote bis zum 16. Lebensjahr.
Das waren die Forderungen an die Koalitionäre:
- Bildschirmfreie Grundbildung: Kitas, Kindergärten und Grundschulen bleiben in der pädagogischen Arbeit bildschirmfrei. Die negativen Erfahrungen mit Frühdigitalisierung in den skandinavischen Ländern, der fehlende Nutzen, das Ablenkungspotenzial und sogar negative Auswirkungen von digitalen Endgeräten im Unterricht für Lernprozesse, Aufmerksamkeit und Konzentration begründen den Einsatz analoger und manueller Medien und Techniken (Bücher, Schreiben auf Papier, Zeichnen). Der Digitalpakt Schule wird für Kita und Grundschule ausgesetzt.
- Smartphone- und Social-Media-Regulierungen: An Kitas und Schulen wird ein bundesweites Verbot privater digitaler Endgeräte (v.a. Smartphones, Tablets, Wearables/Smartwatches) eingeführt. Die Mediennutzung im Unterricht in höheren Klassen wird altersabhängig beschränkt.
Siehe dazu auch die Empfehlungen zu Bildschirmmedien für Kinder und Jugendliche von den ersten Lebensjahren bis zu Sekundarstufe II, 2024 veröffentlicht im Kinder- und Jugendarzt, dem Verbandsorgan des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands. - Mehr Lehrkräfte statt mehr Technik: Notwendig sind für Kitas, Kindergärten und Schulen mehr Erzieher und qualifizierte Lehrkräfte, Psychologen, Sozialarbeiter. Das analoge Spiel und Naturerfahrung, der Ausbau von Sport, handwerkliches Lernen, Musik und Theaterspielen müssen schon in der Grundschule im Lehrplan verankert werden.
- Unabhängigkeit von Tech-Konzernen: Werden digitale Geräte im Unterricht gebraucht, werden ausschließlich von der Schule gestellte Geräte genutzt, der Zugang zu Webdiensten ist zu unterrichtsrelevanten Seiten („White List“) möglich. Nutzung von Open-Source-Software und Datenschutz-konformer IT in Schulen. Die IT-Branche darf keine Sitze in den Beratungsgremien der Bildungspolitik haben.
Der Appell der 75 Experten vom 12. März 2025 mit einem Konzept zur pädagogischen Wende ist abrufbar unter https://die-pädagogische-wende.de/aufruf-bildungspolitik-2025
Pressekontakt: Ralf Lankau / Tel. 0781 / 205-349 / presse@aufwach-s-en.de
Bündnis für humane Bildung: Hochschullehrer, Wissenschaftler und engagierte Bürger gründeten 2017 das „Bündnis für humane Bildung“. Ihre Überzeugung lautet: Bildung lässt sich nicht digitalisieren! Digitale Instrumente können Bildungsprozesse nur unterstützen. Alternativen sind gefragt.
Website: http://www.aufwach-s-en.de
Bündnis für humane Bildung
als Interessengemeinschaft (IG) vertreten durch:
Prof. Dr. phil. Ralf Lankau und Peter Hensinger, M.A.
Zwischenruf: Freiheit braucht Bildung und Erziehung
Ein Land ohne Freiheit(sbewusstsein) ist auf Dauer nicht lebenswert. Doch das Freiheitsbewusstsein schwindet in bedenklichem Maße – und die wenigsten merken es. Und brauchen wohl auch keine Freiheit. Dass in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen, die einmal von ihrem Selbstanspruch her parteipolitisch neutral waren (ich meine nicht: wertneutral), eine parteipolitische Politisierung einzieht, ist nur ein Ausdruck dafür.
Die fehlende Aufarbeitung der freiheitswidrigen Coronapolitik und Ausgrenzung Andersdenkender während der Coronajahre sind nur zwei der Ursachen. Die Früchte ernten wir jetzt. Hochschullehrer, die tief in dei Coronapolitik verstrickt waren, wie Drosten oder Kempen werden uns weiterhin als moralische Vorbilder vorgezeigt. Ihre Ehrungen als „Hochschullehrer des Jahres“ oder Verteidiger der Wissenschaftsfreiheit werden immer fraglicher, je mehr Details über den politischen Druck auf das Robert-Koch-Institut ans Tageslicht kommen. Es steht zu befürchten dass sich das gesellschaftliche Klima unter der neuen Bundesregierung verschärfen wird, vor allem wenn die bleibenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht gelöst werden können. Der kommende Koalitionsvertrag wird aller Voraussicht nach ein Weiter-so beinhalten und – wie wir bei der Klimaneutralität gesehen haben – die Entwicklungsfesseln für unser Gemeinwesen sogar noch verfassungsrechtlich zementieren.
Ich habe früher in einem DFG-Forschungsprojekt gearbeitet, an dessen Wiege der sogenannte PISA-Schock stand und in dem vieles schon akademisch diskutiert und vorgedacht wurde, was heute immer deutlicher wird. Ich will nur einen Punkt nennen: Es kommt nicht mehr auf die Initiative des Einzelnen an. Alles wird in Rechtsansprüche gegenüber den Staat umgedeutet, der alles zu richten und zu erfüllen hat. Wo Freiheitsräume in Leistungsansprüche umgedeutet werden, geht die Freiheit verloren. Vorerst fährt unser Land auf Reserve, taumelt im „Rausch der Dekadenz“ (Josef Kraus) und verspielt zunehmend die notwendige Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft, die es bräuchte, um wieder auf die Beine zu kommen. Wer es sehen wollte, könnte sehen, was sich pädagogisch an unseren Schulen oder Hochschulen abspielt. Diese vermitteln nicht allein Wissen und Kompetenzen; sie sollten auch aufzeigen, wie diese gewertet sowie lebensdienlich und gemeinwohlförderlich eingesetzt werden können. Kurz: Es geht um Erziehung im weitesten Sinne. Aber über Erziehungsfragen zu reden, ist unbequem, man verschließt lieber die Augen. Denn über Erziehung zu reden, bedeutet, über unsere gemeinsamen Orientierungswerte zu reden. Wer erziehen will, braucht eine Vorstellung von gelingendem Menschsein, von dem, wohin er erziehen will. Und so haben wir die Bezugsdisziplin für Lehrer auf Bildungswissenschaft verkürzt. Doch es geht in einem Bildungssystem, das zur Freiheit befähigen will, immer um einen doppelten Auftrag: zu Bildung und Erziehung.
Was bleibt? Gegenwelten – nicht Utopien! – werden immer wichtiger – als kulturethsiches Langzeitgedächtnis, als Arche, als Ort, wo die analytischen Kräfte geschärft werden können. Denn diese werden wir noch dringend brauchen. Wir brauchen Orte, an denen eine Vorstellung überdauert, was Freiheit eigentlich ist und sein soll.
Zwischenruf: Wenn die attraktive Vielfalt der Wirklichkeit nicht standhält …
Seit zwanzig Jahren gibt es im Bereich der Elementarbildung ein Nebeneinander von fachschulisher und akademischer Qualifizierung; seit nunmehr zwanzig Jahren gibt es in Deutschland kindheitspädagogische Studiengänge. Veronika Verbeek bürstet in ihrem gleichnamigen Buch die „neue Kindheitspädagogik“ und deren Leitideen gegen den Strich. Seit einen Vierteljahrhundert wurden die frühe Bildung und Erziehung kräft umgebaut. Leitideen wie Akademisierung, Professionalisierung, Kompetenzorientierung, Selbstbildung oder Partizipation machten die Runde. Da Wissenschaft in derselben Zeit immer stärke ihre gesellschaftliche Relevanz nachweisen musste, wurde der Neustart in der Elementarbildung mit griffigen Marketingformeln verkauft: Bildung von Anfang an, die ersten Jahre sind die wichtigsten, der Kindergarten ist der erste Bildungsort – lauten nur einige von ihnen. Mittlerweile beginnen Lebensläufe, etwa von Bundestagsabgeordneten, auch nicht mehr mit der Grund- oder allgemeinbildenden Schule, sondern dem Kindergarten.
In kurzen Abständen folgen neue Leitbilder, denen dann alle folgen müssen. Wer nicht mitmacht, darf nicht mehr mitspielen. Eines dieser Leitbilder lautet Diversität – verkürzt zu eingängigen Slogans: „Würdigung von Vielfalt“, „Vielfalt als Chance“ oder – damit es modern und weltoffen klingt – „Let’s celebrate diversity“ – soll über dem Kindergarten stehen. Slogans verkürzen notwendigerweise. Und, so Verbeek, wird gar nicht bemerkt, wie gerade unter dem Etikett Diversität neue Stereotypisierungen und Exotisierungen gedeihen. Problematisch wird dies erst recht dann, so die Trierer Kindheitspädagogin, wenn die Einseitigkeit und Verkürzung dazu führt, dass Kinder, die es bräuchten, keine pädagogsiche oder entwicklungspsychologische Förderung mehr erhalten, weil alles am Ende auf die Gruppenzugehörigkeit und den Opferstatus marginalisierter Gruppen geschoben werde.
Hier zeigen sich die Widersprüche gesinnungethisher Agendawissenschaft, die den Blick auf die Realität verloren hat. In Lehrbüchern, Broschüren, Leitbildern oder Internetseiten zeige sich Vielfalt, so Verbeek, nur in erkennbar attraktiven jungen Menschen unterschiedlicher Ethnie oder Herkunft. Verbeek spricht, vielleicht nicht ganz glücklich, von einem „positivistischen“ Diversitätsverständnis, das der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht standhält. Aber wehe, diese Wirklichkeit bricht ein und Vielfalt zeigt sich nicht mehr attraktiv, sondern konflikthaft. Dann meldet sich Überforderung, dann wird schnell nach rechtlchen Lösungen und Eingriffen der Träger oder gleich der Politik gerufen. Dabei wären gerade solche Erfahrungen der beste Ansatz, mit Erziehung zu beginnen. Aber solche kann schmerzhaft sein, wenn man sich zunächst eingestehen muss, dass der eigene Blick auf die Wirklichkeit rosa getönt war und die eigenen Orientierungswerte sich als romantisiert verzerrt erweisen. Agendawissenschaft kann dieser Wirklichkeitbegegnung lange ausweichen. Erzieher und Pädagogen, die in der Praxis stehen, nicht.
Zwischenruf: Gesellschaftlicher Zusammenhalt?
„Vermisst, ersehnt – und umkämpft: Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ – so der Titel des neuen Themenheftes von AMOSinternational, der wichtigsten Fachzeitschriften deutschsprachiger, katholischer Sozialethik. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist gestört – und da bleibt guter Rat teuer. Die Gründe sind vielfältig, von einer ausgrenzenden Coronapolitik bis zum gesinnungsethischen Wokismus. Allerdings hätten Redaktion und Herausgeber selber genügend Grund nach dem eigenen Beitrag am vermissten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fragen. Denn Wissenschaft und Medien tragen ihren eigenen Anteil daran. AMOSinternational zieht selber Brandmauern hoch und cancelt Autoren, die sich dem Zwang zur Gendersprache widersetzen. Die Fachzeitschrift ist hier ein deutliches Abbild einer Sozialethik, die sich iängst zur gesinnungsethischen Agendawissenschaft gewandelt hat.
Gute Anschauung hierfür bietet auch ein Tagungsbericht der Rottenburger Diözesanakademie. „Mutter oder Schauplatz aller Probleme?“, hat man vor der Bundestagswahl in einer Onlinediskussion zur Migrationskrise gefragt. Die Antworten gaben drei Wissenschafter aus Politik-, Rechts- und christlicher Sozialwissenschaft. Die Anworten fallen wenig überraschend aus: Wir haben Diskursprobleme – Pauschalurteile, Populismus, Polarisierung. Wer hingegen konkrete gesellschaftliche Problemlagen anspricht, diskutiere undifferenziert. Eine rationale Auseinandersetzung, die unterschiedliche gesellschaftliche Positionen miteinander vermitteln will, findet so nicht statt. Für die beteiligten Wissenschaftler sind Ressourcen immer noch in Hülle und Fülle vorhanden. Kein Problem – wir müssen nur die Kommunen besser ausstatten. Von welchen Haushaltsmitteln, bleibt offen. Schon gar nicht wird gefragt, ob die heutige Migrationspolitik überhaupt dem entspricht, was mit dem Asylrecht im Grundgesetz einmal gemeint war: der Schutz vor politischer Verfolgung, nicht ein Einfallstor für Masseneinwanderung.
Bei alldem ist sehr viel interessanter, worüber in der erlauchten akademischen Diskussionsrunde nicht gesprochen wurde: illegale Einwanderung, eine fehlende gezielte Fachkräfteeinwanderung, fehlende Grenzsicherung, Integrationsprobleme, Finanzierungsprobleme in den Sozialversicherungssystemen, ein angespannter Sozialstaat, überforderte Schulen, Deindustrialisierung … – all das gibt es hinter den Türen der Hörsäle und Professorenbüros nicht. Es bleibt dann auch bei moralisierenden Appellen. Konkrete Lösungen, wie illegale Zuwanderung unterbunden, die Migration gesteuert und eine gezielte Fachkräfteanwerbung erreicht werden kann, kommen nicht vor.
Hier zeigt sich eine gesinnungsethische Agendawissenschaft, der jedes Verständnis für den Erhalt der gemeinsamen Grundlagen unseres Zusammenlebens und seiner staatlichen Grundlagen abhandengekommen ist. Die Debatte soll nach der Wahl am 3. Juli fortgesetzt werden. Man wird diesen Sommertag getrost anders verbringen. Der Schauplatz, auf denen sich der gesellschaftliche Zusammenhalt entscheiden wird, ist nicht mehr der immer stärker verengte sozialwissenschaftliche und sozialethische Diskurs universitärer Wissenschaften, die gesellschaftliche Akzeptanz herstellen wollen, aber die Rückbindung an gesellschaftliche Wirklichkeit längst verloren haben. Wir sollten die Signale aus anderen Ländern nicht überhören.
Zwischenruf: Einseitige Schuldzuweisungen fördern Verständnis nicht
Gesprächsstörungen und Unverständnis gibt es mittlerweile zwischen vielen gesellschaftlichen Bereichen. Der Präsident der Technischen Universität München, Wolfgang A. Herrmann, empfiehlt Lehrern im Interview mit der „Tagespost“ vom 12. Februar 2025 ein bezahltes „Jahr in der Wirtschaft“. Lassen wir mal die Frage außen vor, ob ein solcher Vorschlag in der Praxis nicht wieder allein mehr Bürokratie und Belastungen für Schulen schaffen würde. Einseitige Schuldzuweisungen fördern Verständnis nicht. Ein solches „Sabbatical“ bräuchte es umgekehrt auch für Wirtschaftsvertreter, die sich immer wieder zu Bildungsthemen äußern. Auch in diesem Fall wäre ein fundierteres Verständnis von Bildung und Erziehung wünschenswert. Viele Vorschläge bleiben bei einer Maßnahmenpädagogik stehen und ignorieren den schulischen Erziehungsauftrag. Es war ein Fehler, mit PISA und Bologna die Bezugsdisziplin der Lehrer auf Bildungswissenschaft zu verkürzen. Bildung ohne Erziehung kann nicht gelingen.