Netzwerk Wissenschaftsfreiheit verurteilt Kampagne gegen Kathleen Stock

Wir verurteilen die jahrelang gegen die Philosophin Kathleen Stock betriebene Hetzkampagne auf das Schärfste. Es widerspricht dem Ethos des Wissenschaftlers, sich an verleumderischen Aktionen wie dem gegen Stock gerichteten „Offenen Brief gegen Transphobie in der Philosophie“ zu beteiligen, den 2021 auch deutsche Hochschullehrer unterzeichnet haben: darunter Robin Celikates, Professor an der Freien Universität Berlin; Jan Baedke, Juniorprofessor an der RUB; Postdocs und Promovierende an der FU und der HU Berlin, der RUB, der LMU München, der RWTH Aachen sowie an den Universitäten Augsburg, Bielefeld, Erfurt, Hannover, Köln, Konstanz, Leipzig, Münster, Potsdam und Tübingen. Derartiges Mobbing gegen eine Einzelne darf auf keinen Fall, wie es häufig vorkommt, als Diskursverlängerung verharmlost und gerechtfertigt werden. Studenten müssen lernen, andere Positionen zu ertragen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Dozenten wiederum stehen in der Verantwortung, diesbezüglich Vorbilder zu sein. Auch in Deutschland werden Kollegen auf solche Weise attackiert und diffamiert. Dieser Cancel Culture muss entschieden entgegengetreten werden. Wir bedauern den Rückzug von Kathleen Stock sehr und sichern ihr unsere volle Solidarität und Unterstützung zu.

(Quelle: Pressemitteilung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit vom 3. November 2021, https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/)

Bildungsblog: Bildung, Sprache und politische Kultur

Ja, es gibt noch versprengte Geister in unserem Land, die sich ein freiheitliches Denken bewahrt haben. Einer davon ist Kollege Peter J. Brenner. Daher möchte ich an diesem Monatsersten auf eine Glosse von ihm hinweisen. Seine Texte, immer pünkltlich zum Monatsanfang, sind stets ein freiheitllicher Lesegenuss und ein sprachliches Vergnügen. Treffend zeigt er dieses Mal die Folgen des Bildungsverfalls für das politische Klima im Land auf:


https://imsw.de/2021/10/die-unfaehigkeit-zu-sprechen/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=der-bildungsblog-or-date-mtext_1


Bleiben wir kritisch gegenüber einer Politik, die von Freiheit spricht, aber den gefügigen Untertan meint. Bleiben wir kritisch gegenüber einem allgegenwärtigen Bildungsgedröhne, das sich vom freien Subjekt schon längst verabschiedet hat. Bleiben wir kritisch gegenüber vermeintlicher Sprachgerechtigkeit, die Sprache allein als Herrschaftsinstrument einsetzt.


Wir feiern heute ein Hoffnungsfest mitten in herbstlicher Kühle, in dieser Zeit nicht nur jahreszeitlich-meterologisch gemeint. Allerheiligen zeigt uns, wozu der Mensch berufen ist. In diesem Sinne: Einen hoffnungsvollen, stärkenden, gesegneten Allerheiligentag!

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit beklagt chinesische Einflussnahme

Pressemitteilung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit vom 26. Oktober 2021:

Mit Besorgnis hat das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit Berichte zur Kenntnis genommen, dass offizielle chinesische Stellen Veranstaltungen an deutschen Konfuzius-Instituten verhindert haben sollen. Laut mehreren Medien-Berichten und einer Stellungnahme der Leibniz Universität Hannover ist die Vorstellung eines Buchs über das Leben des chinesischen Parteichefs Xi Jinping an den Konfuzius-Instituten in Hannover und Duisburg abgesagt worden. Konfuzius-Institute sind in Deutschland an Universitäten angesiedelte Kultureinrichtungen, die formal unabhängig sind.

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wertet dieses Vorgehen als massiven Angriff auf den freiheitlichen Austausch von Wissen und von Meinungen. „Die Welt“-Herausgeber Stefan Aust und der langjähriger China-Korrespondent des „Stern“, Adrian Geiges, wollten an den Konfuzius-Instituten an der Leibniz-Universität Hannover und der Universität Duisburg-Essen ihr neues Buch „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“ per Online-Lesung vorstellen. Vor dem bereits vereinbarten Termin hat in Hannover die Tongji-Universität Shanghai interveniert und in Duisburg ist der chinesische Generalkonsul vorstellig geworden. Ergebnis: die Online-Lesung wurde „gecancelt“. Wir begrüßen die Absicht der Universität Hannover, in Eigenregie die Veranstaltung nachzuholen.

In den vergangenen Monaten ist das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit mit vielen Fällen befasst gewesen, bei denen einzelnen Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Gründen ihr Recht streitig gemacht wurde, am akademischen Diskurs teilzunehmen. Die Gefährdungen der Wissenschaftsfreiheit sind aber vielfältig, wie die aktuelle Lage zeigt. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wendet sich gegen Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit – woher immer diese kommen mögen.

Quelle: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/

Schlaglicht: Methodenkenntnis verfällt – nicht nur in der Universität

Wenn ich an meine Disziplin, die Sozialethik, denke, dann wird mittlerweile ernsthaft auf wissenschaftlichen Tagungen darüber diskutiert, ob Nächstenliebe Grenzen kennt. Früher waren die Unterscheidung zwischen der guten Tat und dem moralisch Richtigen, zwischen Wohl-Wollen und Wohl-Tun, das Wissen um ethische Vorzugsregeln und Kritieren einer rationalen Güter- und Übelabwägung gängiges Lehrbuch- und Handbuchwissen. Agendawissenschaft braucht kein solides methodisches Handwerkszeug mehr. Das ist verfallen.

Der Verfall an Methodenkenntnis hat leider auch über die Universitätswelt hinaus gesamtgesellschaftliche Dimensionen. Er äußert sich in einem moralisierten, affekt- und ressentimentgeladenen öffentlichen Diskurs, der nicht mehr zu rationaler, differenzierter ethischer Güterabwägung bereit ist, ja, die gravierenden Wertkonflikte erst gar nicht mehr wahrzunehmen in der Lage ist. Ich denke etwa an den Migrationsdiskurs, in dem ethische Vorzugsregeln nahezu unbekannt geworden sind. Ich denke an den aktuellen impfpolitischen Diskurs, der den Boden von Anstand, Würde und Humanität schon längst verlassen hat und zur Hetze gegen Teile des eigenen Volkes verkommen ist.

Schlaglicht: Vom Wert der Unvoreingenommenheit

Unterricht, der überwältigt, widerspricht dem Bildungsgedanken und der Befähigung des Einzelnen zur Selbstbestimmung. Schüler sollen nicht für eine bestimmte weltanschauliche, parteipolitische Sichtweise oder ein singuläres Problemverständnis vereinnahmt werden. Es geht beim Überwältigungsverbot und seinem Pendant, dem Kontroversitätsgebot, nicht um Wertneutralität, wohl aber um Unvoreingenommenheit. Was kontrovers diskutiert wird, muss auch didaktisch kontrovers aufbereitet werden. Ich muss bereit sein, das Selbstverständnis des anderen wahrzunehmen, und ich muss zunächst unterstellen, dass der andere gute Gründe hat, anders zu urteilen als ich. Ich muss diese Gründe nicht akzeptieren. Aber ich muss zulassen, dass es andere Arguemnte gibt, die ausgesprochen werden dürfen und die ich zumindest prüfen muss. Erst dann kann kontrovers gestritten und um das bessere Argument gerungen werden.

Wo Haltung und Quote regieren, hat eine solche Einstellung keine Chance mehr. Unvoreingenommenheit und der Verzicht auf Überwältigung in Unterricht und Lehre setzen Freiheitsbewusstsein voraus, und die Fähigkeit, Wertkonflikte überhaupt wahrzunehmen. Dies gilt für beide Seiten: Da gibt es den Lehrer, der mit seinen Schülern diskutieren will – aber bereits von Anfang an die Richtung vorgibt. Beispielsweise nach dem Motto: „Die“ Wissenschaft hat festgestellt … Andere Argumente werden von vornherein ausgeschieden. Was rauskommt, kann nur eine Pseudodiskussion sein. Doch wer einen akademischen Beruf ausübt, sollte wissenschaftstheoretisch über das Mundorgelniveau von Zeltlagerrunden hinaus gekommen sein: „Die“ Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält … Und da gibt es die Lernenden, die kritisch sind gegenüber parteipolitischer Beeinflussung – wenn diese aus konservativer Richtung kommt. Grüner Einsatz für Klimaschutz sei hingegen gut, im eigenen Interesse, das darf auch im Unterricht sein und wird nicht hinterfragt.

Die aktuelle Impfdebatte, die Familien, Kollegien, Vereine, Freundeskreise … spaltet, ist nur ein Thema, das aktuell reichlich Anschauungsmaterial dafür bietet, wie oft ein Bewusstsein für gravierende Wertkonflikte fehlt. Nicht wenige, die über eine Polarisierung bei diesem Thema klagen, merken gar nicht, welchen Anteil sie selber daran haben, und zwar durch fehlende Unvoreingenommenheit. Da wird im vollen Brustton der Überzeugung erklärt, es gebe keine guten Gründe, sich nicht impfen zu lassen.  Wir wissen schon: „Die“ Wissenschaft hat schließlich festgestellt. Und im Ton moralischer Überlegenheit werden Haltungsnoten verteilt, sind die Rollen von vornherein schon vergeben: Lässt Du Dich noch überzeugen, oder hat es keinen Sinn mehr, mit Dir zu reden!? Implizit steht schnell der Querdenkervorwurf im Raum. Wenn aber schon vor jedem Gespräch klar ist, wer der Gute und wer der Böse ist, macht der Austausch von Argumenten wenig Sinn.

Ohne Bewusstsein für gravierende Wertkonflikte, den Wert der Freiheit und die Fähigkeit zur sorgfältigen, unvoreingenommenen, differenzierten ethischen Güterabwägung wird es Lehre ohne pädagogikwidrige Überwältigung nicht geben können. Und leider schwinden diese Voraussetzungen im öffentlichen Diskurs. Am Ende blühen Agendawissenschaft und Haltungspädagogik. Es droht eine „Diktatur des Guten“. Doch Vorsicht: Moralisierung ist noch keine Moral, schon gar nicht ethische Reflexion.

Ohne die Fähigkeit zu rationaler ethischer Reflexion wird es nicht gelingen, Wertkonflikte so zu lösen, dass in Krisensituationen einzelne Rechtsgüter nicht einfach hintenrunter kippen. Wo Wertkonflikte nicht mehr erkannt werden, werden einzelne Werte schnell absolut gesetzt – und das willkürlich, gern nach medialer Aufmerksamkeit und tagespolitischer Bedeutung: heute mal der eine Wert, morgen der nächste.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat im vergangenen Jahr davon gesprochen, dass wir nach der Coronakrise einander viel verzeihen müssten. Das ist richtig, weil Menschen fehlbar sind, nicht zuletzt in Krisen- und Ausnahmesituationen. Unverzeihlich ist es allerdings, wenn wir elementare Grundprinzipien unserer Wert- und Verfassungsordnung aufgeben wollten. Zu den elementaren Prinzipien einer freiheitlichen Staats- und Verfassungsordnung gehört, dass einzelne Grundrechte nicht durch vorschnelle, einseitige Güterabwägung zulasten anderer verwirklicht werden. Jede Impfung bleibt ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit (dies gilt erst recht für Impfstoffe, die im Zuge einer verkürzten Notfallzulassung eingeführt wurden), weshalb nicht etwa unter Verweis auf Sozialrechte einfach eine Pflicht zur Impfung proklamiert werden kann. Eine freiheitliche Gesellschaftsordnung setzt auf die freie Entscheidung des Einzelnen. Und sie vertraut darauf, dass die Einzelnen sich ihre Entscheidung nicht leicht machen. Diese moralische Pflicht zu unterstützen, wäre Aufgabe eines wertorientierten Unterrichts, der nicht überwältigen, sondern zum Selberdenken anleiten will.

Nicht immer werden gravierende Wertkonflikte im praktischen Vollzug einvernehmlich gelöst werden können. Daher braucht es unabhängige Gerichte, die im Konfliktfall unvoreingenommen entscheiden können. Es wäre dem Rechtsfrieden abträglich, wenn in der Coronakrise auch das Bundesverfassungsgericht Schaden genommen haben sollte – so befürchtet es aber die „Welt am Sonntag“ vom 10. Oktober 2021, wenn sie über das Kanzlerdinner zwischen Kabinett und Verfassungsrichtern titelt: „Juristen befürchten Einflussnahme auf Corona-Urteile“. Nicht nur pädagogisch, auch juristisch ist Unvoreingenommenheit ein hohes Gut: Wer sich in seinen Grundrechten beeinträchtigt sieht und in Karlsruhe Rechtsschutz sucht, muss sich auf ein unparteiisches Urteil verlassen können. Und hierzu zählt, dass nicht eine Prozessseite – in Karlsruhe nicht selten die Regierung – vorab die eigenen Argumente mit dem Gericht abgestimmt hat. Eine solche Kumpanei wiegt schwer. Für ein funktionierendes Staatswesen ist es wichtig, dass sich Verfassungsorgane grundsätzlich gegenüberstehen und nicht miteinander kungeln. Die Befangenheitsanträge gegen den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth, und Verfassungsrichterin Susanne Baer, die gegenwärtig auf dem Tisch liegen, sind ein deutliches Alarmsignal. Es wäre schlimm, wenn in dieser Krise auch die dritte Gewalt im Land Würde und Anstand verlieren sollte. Unvoreingenommenheit und Vertrauen sind wertvolle Güter, die schnell verspielt, aber nur mühsam wieder aufgebaut sind.

Festschrift geplant: Papst em. Benedikt XVI. zum fünfundneunzigsten Geburtstag

Die Gesellschaft zur Förderung christlicher Verantwortung plant – wie schon zu den runden und halbrunden Geburstagen zuvor – Papst em. Benedikt XVI. anlässlich seines fünfundneunzigsten Geburtstages mit einer Festschrift zu ehren. Wer möchte, kann sich in die tabula gratulatoria eintragen lassen. Weitere Informationen zum Festschriftprojekt finden sich hier.

Schlaglicht: Deutschland muss wieder zivilisiert streiten lernen

Manchmal hilft ein Blick von außen: Die Neue Zürcher Zeitung („die beste Zeitschrift der Welt“, wie die Verkäuferin zu mir beim Kauf der Samstagsausgabe sagte) kommentierte in der gestrigen Samstagsausgabe einen Tag vor der Wahl: „Deutschland hat verlernt, zivilisiert zu streiten.“ Und genau diese Fähigkeit müssen wir in der neuen Legislaturperiode zurückgewinnen, wenn wir an Freiheit zurückgewinnen wollen. Dies gilt akademisch, politisch, gesellschaftlich … Eine unvoreingenommene Debattenkultur wird in unserem Land häufig von Anhängern der sog. Mitte verletzt, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, wie ein ganzes demokratisches Spektrum legitimer Positionen, über die man kontrovers diskutieren könnte, wenn es denn gewollt wäre, in brunnenvergiftender Manier ausgegrenzt wird.

In einem anderen Beitrag in der gestrigen NZZ wurde beklagt: „Die Grenzen dessen, was öffentlich diskutiert werden darf, sollen ausgerechnet in den Medien immer enger gezogen gezogen werden. Dafür wird der Kreis derer, die ausgeschlossen werden müssten, immer größer. Dass diese Bestrebungen von Leuten augehen, die gemäss Eigenwahrnehmung gegen ‚undemokratische Positionen‘, ‚Wissenschaftsfeindlichkeit‘ und ‚Menschenfeinde‘ kämpfen, ist schon fast kokett.“ Lucien Scherrer, Autorin des Beitrags, führt als Beispiele die Debatten um Klimawandel und Rassismus an. Selbstverständlich muss über die Ursachen des Klimawandels oder Rassismusvorwürfe, die erhoben werden, weiterhin ein kontroverser Diskurs möglich sein. Auch Karl Lauterbach wird von Scherrer angeführt: „Dieser behauptete bei einem seiner vielen Fernsehauftritte einmal, es sei unbestritten (also Konsens), dass sieben Prozent aller Kinder an Long Covid litten. Als Beleg konnte er später einzig eine britische Studie nennen, deren Ergebnisse bisher weder in Deutschland noch in der Schweiz bestätigt wurden. Trotzdem kam es niemandem in den Sinn, Lauterbach das Mikrofon abzustellen – auch Jan Böhmermann nicht, obwohl er dafür plädiert, alle Meinungen im öffentlichen Raum einer ’strengen Qualitätskontrolle‘ unterziehen zu lassen.“

Bezeichnenderweise hierzu habe ich gestern auf einer wissenschaftlichen (Online-)Tagung erlebt, wie ein Kollege erklärte, für die aktuellen Konflikte sei das Konzept „Meinungsfreiheit“ nicht mehr ausreichend, wir bräuchten komplexere Begriffe. Er sprach von „öffentlicher Vernunft“. Das klingt irgendwie kantianisch, akademisch, gebildet. Doch mir schwant Übles: Wo die individuelle Freiheit (etwa, seine Meinung zu sagen) preisgegeben wird, zugunsten einer kollektivierten Vernunftkonstruktion, wird vom freien Subjekt am Ende nicht mehr viel übrigbleiben. Dann entscheidet am Ende die gesellschaftliche Meinung darüber, was ich noch sagen darf und was nicht. Damit wäre einer zivilisierten Streitkultur von vornherein der Boden entzogen.