Schlaglicht: Abschied vom freien Subjekt

Die gegenwärtige Situation ist dramatisch. Wir erleben den Abschied vom freien Subjekt. Wo die Integrität des Körpers der Kollektivierung geopfert wird, wird über kurz oder lang auch die Integrität des Geistes verloren gehen. Die Coronapolitik unserer Tage zeigt das mehr als deutlich. Die ersten Universitäten praktizieren 2G. Kein Wort mehr vom Recht auf Bildung, von Teilhaberechten der Studenten, vom Recht auf Ausbildungsfreiheit …. Offenbar sind auch universitäre Akteure nicht mehr in der Lage, die gravierenden Wertkonflikte unserer Tage zu erkennen. Ein Armutszeugnis. Am Ende werden nahezu alle gesellschaftlichen Institutionen moralisch diskreditiert und politisch desavouiert sein, einschließlich der Universitäten.

Man diskutiert, man stellt Fragen, man bleibt brav in der erwartbaren Spur der Disziplin – aber irgendwie scheint das alles nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun zu haben. Menschenrechte und Corona!? Man könnte ja einen Zusammenhang herstellen, aber den gibt es nicht. Denkfaulheit und geistige Überforderung, wohin man schaut. Man lernt brav, was der Dozent sagt oder die Umgebung hören will – aber es berührt nicht. Und so zeigt sich vielerorts, was leider mein Verdacht schon länger war: Die ethischen Hochglanzbegriffe, die so oft die öffentliche oder akademische Debatte bestimmen, wirken aufgesetzt. Letztlich geht es nicht um Menschenrechte und Teilhabe, Anerkennung und Demokratiepädagogik. Ist der Vergleich zu weit hergeholt? Oder kann man diesen Neusprech einer auf links getrimmten Berliner Republik mit dem Marxismus-Leninismus-Programm der alten DDR gleichsetzen, das eben pflichtschuldigst nachgebetet wurde? Aber wider alle Resignation – ein Bekenntnis am Schluss: Ja, es nutzt gegen diese Entwicklungen anzukämpfen, um der Freiheit willen. Denn ohne Freiheit ist alles nichts.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit äußert sich zur Causa Verfassungsschutz ./. Martin Wagener

Pressemitteilung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit vom 12. November 2021:

Auch wenn wir es ausdrücklich begrüßen, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz seine gesetzlichen Aufgaben gegenüber verfassungsfeindlichen Bestrebungen (ob rechts-/ linksextremistischer oder islamistischer Art) ernst nimmt, so sehen wir mehrheitlich das aktuelle Vorgehen gegen Martin Wagener mit einer gewissen Sorge. Zwar ist es nachvollziehbar, dass bei sicherheitsrelevanten Daten eine besondere Wachsamkeit angezeigt ist. Dennoch darf jedenfalls ein Eingriff in die Freiheit der Lehre nur auf verfassungsfeindliche Tendenzen, nicht auf wissenschaftliche Kritik an der Behörde allein, wie sie jüngst von Wagener geäußert wurde, gestützt werden. Wir erwarten angesichts des hohen Stellenwerts der grundrechtlich garantierten Wissenschaftsfreiheit ein sorgfältiges und nachvollziehbares Handeln der Behörde.

Quelle: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/

Braucht es heute noch Bibliotheken?

Die bisherige Staatsministerin Dorothee Bär, im Bundeskanzleramt für Digitalisierung zuständig, verspricht in ihrem Webauftritt, dass die „Digitale Schule“ der Zukunft „agil, innovativ, international, partizipativ, vernetzt, hybrid, selbstregulativ, projektbezogen“ sein werde. Es sind hochgesteckte Erwartungen. Nicht zum ersten Mal. Nur ein Beispiel: Auch die Sprachlabore vor Jahrzehnten sollten den Sprachunterricht revolutionieren, am Ende standen sie in vielen Schulen leer.

Peter J. Brenner vom Institut für Medienevaluation, Schulentwicklung und Wissenschaftsberatung, wies im März 2021 in seinem Bildungsblog darauf hin, dass die „Digitale Schule“ ohne pädagogisches Verständnis ein Hirngespinst bleiben müsse: „Mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen Effekt zu erzielen, ist im Geschäftsleben sicher ein richtiges Prinzip. In der Pädagogik funktioniert das aber nicht. Bildung und Erziehung sind etwas anderes als das Optimieren von Lernprozessen.“ Denn es geht dabei nicht allein um technische, datenschutz- oder urheberrechtliche Fragen.

Wer über die Chancen und Grenzen digital gestützten Lernens sprechen will, darf die anthropologischen und sozialen Fragen, die damit aufgerufen werden, nicht am Rande liegen lassen. Denn digitale Lernprozesse haben Folgewirkungen, die pädagogisch differenziert wahrzunehmen sind, so Brenner weiter: „Die Marginalisierung der Schrift, der Handschrift zumal, die Umcodierung vom Text zum Bild als herrschendem Symbolsystem, die Flüchtigkeit des Geschriebenen, der Zerfall von Wissensordnungen und die Entwertung von Wissensbeständen, die Transformation von Arbeitshaltungen von linearer Zielorientierung zur bricolage-Technik sind Entwicklungen, welche längst schon begonnen haben, nicht nur die Schule, sondern auch die Gesellschaft zu verändern. Ob die Schule das fördern oder dem entgegenwirken soll, ist eine noch offene Frage.“ 

Erst jüngst hat die im Mai veröffentlichte PISA-Sonderstudie zu Tage gefördert, dass es um Textverständnis und sinnerfassendes Lesen nicht gerade zum Besten bestellt sei. Einundzwanzig Prozent der Schüler in Deutschland erreichten noch nicht einmal das für ein selbstbestimmtes Leben erforderliche Mindestniveau. Die PISA-Forscher formulieren: „Die Nutzung digitaler Medien an sich wirkt nicht lernfördernd.“ Man kann es auch kürzer formulieren: Wer liest, schneidet in der Schule besser ab.

W-LAN, digitale Endgeräte und Lernplattformen können das Lernen nicht ersetzen. Wer Bücher, Lexika, Zeitungen und Bibliotheken sinnerfassend nutzen kann, wird auch digitale Medien besser nutzen können – so Heike Schmoll am 20. Mai 2021 im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen: „Die sogenannten Digital Natives können vielleicht mit vier Jahren auf einem iPad Zeichentrickfilme abrufen, aber sie sind noch mit 15 Jahren weit entfernt von den Fähigkeiten ihrer asiatischen Altersgenossen, strategisch im Internet zu recherchieren und bewusst mit den digitalen Quellen umzugehen. Das muss sich ändern, auch und gerade aus politischen Gründen.“

Bibliotheken sind also auch in digitalen Zeiten kein Auslaufmodell – im Gegenteil: Sie bleiben ein unverzichtbarer, nicht zu unterschätzender Bildungsort.

Schule soll unterrichtlich Wissen vermitteln und die Lernenden dabei unterstützen, Kompetenzen aufzubauen. Gleichzeitig sollen die Heranwachsenden aber auch eine Haltung zum Gelernten entwickeln und lernen, wie sie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten lebensdienlich und gemeinwohlförderlich einsetzen können.

Dies gilt nicht minder für das Hineinwachsen in eine Buch-, Lese-, Bildungs- und Wissenschaftskultur. Lesefähigkeit, sinnerfassendes Textverstehen, der Umgang mit beruflicher Fachliteratur, die Auseinandersetzung mit aktuellen Fachdiskurse, die für den eigenen Beruf wichtig sind, die Unterscheidung zwischen bleibenden Einsichten und modischen Trends müssen geübt werden. Diese Fähigkeiten verlangen mehr als eine oberflächliche Kultur des „Googlens“. Und diese Fähigkeiten  sind unverzichtbarer Bestandteil einer professionellen Haltung. Im pädagogischen Beruf kommt überdies eine doppelte Verantwortung zum Tragen: Nur  wer für sich selbst den Wert einer Buch-, Lese- und Bildungskultur entdeckt hat, wird diese auch an Kinder und Jugendliche weitervermitteln können. Wer Lesemuffel und „Buchallergiker“ verhindern will, darf nicht nur strategisch Kompetenzen fördern, er muss Freude am Lesen wecken.

Haltungen oder Bereitschaften sind allerdings nicht intentional zu erzeugen. Sie bleiben eine Frage der Erziehung, sie entwickeln sich im personalen Umgang miteinander, in der Praxis innerhalb der Schulgemeinde oder durch überzeugende pädagogische Vorbilder.

Schulbibliotheken sind auch in digitalen Zeiten kein Auslaufmodell – im Gegenteil: Sie bleiben ein wichtiger Lern- und Erfahrungsort für eine im Schulalltag gelebte Buch-, Lese- und Bildungskultur. Dies gilt umso mehr für eine evangelische Schule. Das Christentum ist entscheidend eine Bildungsreligion, die aus und mit dem Wort lebt.

Ich freue mich, dass wir einen solchen Ort an unserer Fachschule heute wiedereröffnen können: mit einem aktualisierten Präsenzbestand zu allen Fächern und Handlungsfeldern, mit einem Handapparat für Lehrkräfte, einer übersichtlichen Zeitungsauslage, einem neu gestalteten, einladenden Lesesaal und mit Computerarbeitsplätzen für das Arbeiten vor Ort.

Ich übergebe die neugestaltete Schulbibliothek unserer Schulgemeinde – mit einem Wort des Lyrikers, Dramatikers und Essayisten Thomas Eliot:

„Die Existenz von Bibliotheken liefert den besten Beweis dafür, dass wir noch Hoffnung auf die Zukunft des Menschen haben können.“

(Auszug aus einer Schulleiterrede zur Wiedereröffnung der Schulbibliothek am 11. Nov. 2021)

Tagungsbericht: Jüdische Korporierte und jüdische Verbindungen

Die aktuelle Ausgabe des STUDENTEN-KURIERS berichtet über Heidelberger Tagung zu jüdischen Korporierten und jüdischen Verbindungen vom März 2021:

Sebastian Sigler: Jüdische Korporierte, jüdische Verbindungen, in: Studenten-Kurier. Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen 35 Neue Folge (2021), H. 2 + 3, S. 46 – 48.

Neuerscheinung: Kontextuelle Theologie

Axel Bernd Kunze rezensiert im Themenheft „Amazonien – Geschenk und Aufgabe“ der Internationalen Zeitschrift für Theologie die folgenden Titel zur kontextuellen Theologie:

Regina Reinhart: Die Amazonien-Synode. Chance und Herausforderung der Mission: Der Imperativ des Umweltschutzes, der Stärkung der indigenen Völker und des Aufbaus indigener Ortskirchn (Studia Instituti Missiologic Societatis Verbi Divini; 118), Siegburg: Franz Schmitt 2021, 448 Seiten.

Stefan Silber: Postkoloniale Theologien. Tübingen: Eine Einführung, Narr Francke Attmepto, 272 Seiten.

Axel Bernd Kunze (Rez.):Kontextuelle Theologie und theologische Kontextualisierung, in: Concilium 57 (2021), H. 4, S. 500 – 505.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit verurteilt Kampagne gegen Kathleen Stock

Wir verurteilen die jahrelang gegen die Philosophin Kathleen Stock betriebene Hetzkampagne auf das Schärfste. Es widerspricht dem Ethos des Wissenschaftlers, sich an verleumderischen Aktionen wie dem gegen Stock gerichteten „Offenen Brief gegen Transphobie in der Philosophie“ zu beteiligen, den 2021 auch deutsche Hochschullehrer unterzeichnet haben: darunter Robin Celikates, Professor an der Freien Universität Berlin; Jan Baedke, Juniorprofessor an der RUB; Postdocs und Promovierende an der FU und der HU Berlin, der RUB, der LMU München, der RWTH Aachen sowie an den Universitäten Augsburg, Bielefeld, Erfurt, Hannover, Köln, Konstanz, Leipzig, Münster, Potsdam und Tübingen. Derartiges Mobbing gegen eine Einzelne darf auf keinen Fall, wie es häufig vorkommt, als Diskursverlängerung verharmlost und gerechtfertigt werden. Studenten müssen lernen, andere Positionen zu ertragen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Dozenten wiederum stehen in der Verantwortung, diesbezüglich Vorbilder zu sein. Auch in Deutschland werden Kollegen auf solche Weise attackiert und diffamiert. Dieser Cancel Culture muss entschieden entgegengetreten werden. Wir bedauern den Rückzug von Kathleen Stock sehr und sichern ihr unsere volle Solidarität und Unterstützung zu.

(Quelle: Pressemitteilung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit vom 3. November 2021, https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/)

Bildungsblog: Bildung, Sprache und politische Kultur

Ja, es gibt noch versprengte Geister in unserem Land, die sich ein freiheitliches Denken bewahrt haben. Einer davon ist Kollege Peter J. Brenner. Daher möchte ich an diesem Monatsersten auf eine Glosse von ihm hinweisen. Seine Texte, immer pünkltlich zum Monatsanfang, sind stets ein freiheitllicher Lesegenuss und ein sprachliches Vergnügen. Treffend zeigt er dieses Mal die Folgen des Bildungsverfalls für das politische Klima im Land auf:


https://imsw.de/2021/10/die-unfaehigkeit-zu-sprechen/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=der-bildungsblog-or-date-mtext_1


Bleiben wir kritisch gegenüber einer Politik, die von Freiheit spricht, aber den gefügigen Untertan meint. Bleiben wir kritisch gegenüber einem allgegenwärtigen Bildungsgedröhne, das sich vom freien Subjekt schon längst verabschiedet hat. Bleiben wir kritisch gegenüber vermeintlicher Sprachgerechtigkeit, die Sprache allein als Herrschaftsinstrument einsetzt.


Wir feiern heute ein Hoffnungsfest mitten in herbstlicher Kühle, in dieser Zeit nicht nur jahreszeitlich-meterologisch gemeint. Allerheiligen zeigt uns, wozu der Mensch berufen ist. In diesem Sinne: Einen hoffnungsvollen, stärkenden, gesegneten Allerheiligentag!

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit beklagt chinesische Einflussnahme

Pressemitteilung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit vom 26. Oktober 2021:

Mit Besorgnis hat das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit Berichte zur Kenntnis genommen, dass offizielle chinesische Stellen Veranstaltungen an deutschen Konfuzius-Instituten verhindert haben sollen. Laut mehreren Medien-Berichten und einer Stellungnahme der Leibniz Universität Hannover ist die Vorstellung eines Buchs über das Leben des chinesischen Parteichefs Xi Jinping an den Konfuzius-Instituten in Hannover und Duisburg abgesagt worden. Konfuzius-Institute sind in Deutschland an Universitäten angesiedelte Kultureinrichtungen, die formal unabhängig sind.

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wertet dieses Vorgehen als massiven Angriff auf den freiheitlichen Austausch von Wissen und von Meinungen. „Die Welt“-Herausgeber Stefan Aust und der langjähriger China-Korrespondent des „Stern“, Adrian Geiges, wollten an den Konfuzius-Instituten an der Leibniz-Universität Hannover und der Universität Duisburg-Essen ihr neues Buch „Xi Jinping – der mächtigste Mann der Welt“ per Online-Lesung vorstellen. Vor dem bereits vereinbarten Termin hat in Hannover die Tongji-Universität Shanghai interveniert und in Duisburg ist der chinesische Generalkonsul vorstellig geworden. Ergebnis: die Online-Lesung wurde „gecancelt“. Wir begrüßen die Absicht der Universität Hannover, in Eigenregie die Veranstaltung nachzuholen.

In den vergangenen Monaten ist das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit mit vielen Fällen befasst gewesen, bei denen einzelnen Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Gründen ihr Recht streitig gemacht wurde, am akademischen Diskurs teilzunehmen. Die Gefährdungen der Wissenschaftsfreiheit sind aber vielfältig, wie die aktuelle Lage zeigt. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wendet sich gegen Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit – woher immer diese kommen mögen.

Quelle: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/presse/pressemitteilungen/

Schlaglicht: Methodenkenntnis verfällt – nicht nur in der Universität

Wenn ich an meine Disziplin, die Sozialethik, denke, dann wird mittlerweile ernsthaft auf wissenschaftlichen Tagungen darüber diskutiert, ob Nächstenliebe Grenzen kennt. Früher waren die Unterscheidung zwischen der guten Tat und dem moralisch Richtigen, zwischen Wohl-Wollen und Wohl-Tun, das Wissen um ethische Vorzugsregeln und Kritieren einer rationalen Güter- und Übelabwägung gängiges Lehrbuch- und Handbuchwissen. Agendawissenschaft braucht kein solides methodisches Handwerkszeug mehr. Das ist verfallen.

Der Verfall an Methodenkenntnis hat leider auch über die Universitätswelt hinaus gesamtgesellschaftliche Dimensionen. Er äußert sich in einem moralisierten, affekt- und ressentimentgeladenen öffentlichen Diskurs, der nicht mehr zu rationaler, differenzierter ethischer Güterabwägung bereit ist, ja, die gravierenden Wertkonflikte erst gar nicht mehr wahrzunehmen in der Lage ist. Ich denke etwa an den Migrationsdiskurs, in dem ethische Vorzugsregeln nahezu unbekannt geworden sind. Ich denke an den aktuellen impfpolitischen Diskurs, der den Boden von Anstand, Würde und Humanität schon längst verlassen hat und zur Hetze gegen Teile des eigenen Volkes verkommen ist.