Druckfrisch erschienen: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Axel Bernd Kunze: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates
(Zeitdiagnosen; Bd. 60), Berlin: LIT 2022.

Pädagogische und religiöse Fragen hängen eng zusammen. Dieses Verhältnis bleibt auch für den weltanschaulich neutralen Staat bedeutsam. Denn zur Sorge um dessen Kontinuität gehört die Sorge um seine kulturellen Wurzeln. Diese sind politisch-geschichtlich gewachsen und religiös geprägt. Der Band zeigt auf, welch bleibende Bedeutung Bildung und Religion auch in Zeiten gesellschaftlicher Pluralität für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kulturstaat besitzen. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe einsetzen. Axel Bernd Kunze ist Sozial- und Bildungsethiker. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft in Bonn und ist als Schulleiter tätig.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit:

https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Zwischenruf: „Diversity to go“ oder Resilienz durch ein substantielles Bildungsverständnis?

Die Vizepräsidentin der Universität Bamberg für Diversität und Internationales hat aktuell verschiedene Aktionen ihrer Hochschule zum bundesweiten Diversity-Tag angekündigt, selbstverständlich mit Genderstern. Ich kann mir nicht helfen: Wenn ich von einer Vizepräsidentin für „Diversität und Internationales“ höre, denke ich an ein DDR-Milieu. Der öffentliche Raum wird mit ideologischen Phrasen besetzt. Selbstverständlich sollte eine Universität internationale Beziehungen pflegen. Und selbstverständlich sollten Universitäten auch plural ausgerichtet sein. Aber hier geht es um etwas anderes: Der öffentliche Raum wird durch eine internationalistische, antitraditionalistische, dekonstruktivistische, weltanschaulich einseitige Ideologie besetzt. Und die Universitäten sind eine der Speerspitzen dieser ideologischen Vereinnahmung.

Nun legen Krisen Fehlentwicklungen schonungslos offen. Das gilt auch für die Coronakrise, die ein verfasungsrechtlicher Sündenfall sondergleichen war. Eine Universität, die ohne jeden Widerstandsgeist bereitwillig eine grundrechtswidrige 2G-Regel exekutiert, hat sich selbst ins Unrecht gesetzt und akademische Glaubwürdigkeit verwirkt, noch von Diversität zu sprechen. Professorenschaft, Hochschulleitungen, Hochschulverbände haben in ihrer Mehrheit bereitwilligst mitgemacht und sich am Geist unserer Wert- und Verfassungsordnung vergangen. Und damit dem Ansehen des akademischen Deutschlands schweren Schaden zugefügt.

Aber es geht noch um mehr: Mit der Bolognauniversität und der Umsteuerung auf eine plumpe, bildungstheoretisch unterkomplexe Kompetenzorientierung ist nicht alles beim Alten geblieben. Der Universität ist ein substantielles Verständnis von akademischer Bildung verloren gegangen – bei gleichzeitiger Massenakademisierung, die, bei Lichte besehen, keine ist. Früher studierte man Rechtswissenschaft, Theologie, Medizin, Philosophie – heute „Social Media“, „Demokratie und Regieren in Europa“, „Erneuerbare Energien“. Es geht nicht mehr um ein Gesamtverständis einer menschlichen Teilpraxis, es geht um die ideologische Zurichtung auf ein eng umgrenztes, politisch gewolltes Handlungsfeld. Es geht nicht mehr um die Befähigung, eine noch unbekannte Zukunft zu gestalten, sondern um Anpassung an aktuell für wichtig gehaltene politische Erfordernisse. Es geht nicht mehr um akademische Befähigung, Probleme selber zu erkennen, sondern um die Zurichtung auf politisch vorab bestimmte Fragen.

Ein bekannter Bildungsforscher sagte vor Jahren auf einem Bildungskongress, es sei egal, ob Schüler Goethes Erlkönig oder eine Taschenrechneranleitung lesen würden. Es gehe am Ende nur um inhaltsunabhängige „Textkompetenz“. Das ist antitraditionalistisch, offenbart ein funktionales Menschenbild und nimmt den Einzelnen als Person nicht wahr. Die Konfliktlinien von damals zeigen sich heute in zunehmender Schärfe: Es geht um die Grenzziehung zwischen einem substantiellen, humanistisch orientierten, personalen Bildungsverständnis und einem sozialtechnokratischen Bildungsverständis, etwa im Dienste der Diverstitätsorientierung oder des Internationalismus. Und all das hat Folgen.

Die Coronakrise hat es an den Tag gebracht. Eine Gesellschaft im Allgemeinen, der ein substantielles Bildungsverständnis verloren geht, und eine Universität im Besonderen, der ein substantielles Verständnis akademischer Bildung verloren geht, wird gegenüber Krisen nicht resilienter. Im Gegenteil: Es regieren Emotionalisierung, Moralisierung, autoritäre Diskurssteuerung, Panikmache, Ausgrenzung, Polarisierung, Diffamierung, Hetze, Dehumanisierung, Entpersonalisierung und ein Verlust an Grundfreiheiten. Studenten, die sich zum Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit bekennen, werden von der Universität aus der akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen und ihrer Teilhaberechte beraubt. Wissenschaftler, die abweichende Positionen vertreten, werden diffamiert und mundtot gemacht, wer dem Mainstream folgt und widerständige Positionen aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen versucht, wird als „Hochschullehrer des Jahres“  geadelt. Die Menschenwürde wird mit Füßen getreten. Und das unter der mehr oder weniger bewussten Billigung durch die breite Masse.

Wir brauchen kein lächerliches „Diversity to go“, wie die Universität Bamberg jetzt ankündigt, und keine „Expertise in geschlechtersensibler Forschung“. Wir brauchen überhaupt eine Universität, die ein Verständnis akademischer Bildung vertritt, die diesen Namen verdient, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung auf Grundlage des ernsthaften, unvoreingenommenen wissenschaftlichen Ringens um das bessere Argument. Wir brauchen keine politischen Phrasen und das eifrige Geschwätz universitärer Presse- und Stabsstellen, sondern die ernsthafte geistige Auseinandersetzung um die Fragen der Zeit. Und diese sind nicht gering.

Ja, wir haben diverse radikale Politikwechsel erlebt – wobei immer noch offen bleibt, welche „gut“ und welche „böse“ sind . Der Atomausstieg oder die rechtswidrige Grenzöffnung Merkels wurden bejubelt, auch an den Universitäten, der Brexit verdammt. Einen solchen Politikwechsel können wir auch in der Hochschulpolitik erwarten – ob er kommen wird, weiß ich nicht. Aber die Massenakademisierung lebt davon, dass der Arbeitsmarkt sich noch als aufnahmefähig erweist. Dies könnte sich im Zuge fortschreitender Krisenentwicklung (Inflation, Verschuldungspolitik, demographischer Wandel, geopolitische Instabilität usw.) ändern – wenn sich zeigt, dass sich ein stabiles, öknomisches Gemeinwesen eben nicht auf akademische Pseudokompetenz, sondern nur auf Leistungsfähigkeit gründen lässt. Wir haben es in der Hand. Noch garantiert Wohlstand eine solche Politik, aber wir fahren schon länger auf Reserve. Auch der zunehmede Traditionsverlust und die fortschreitende Säkularisierung, die als Fortschritt verkauft wird, können radikale Politikwechsel befördern.

Kommentar: Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht im fairen Ringen um das bessere Argument

Erkenntnis ergibt sich nicht aus demokratischer Abstimmung, sondern im fairen Ringen um das bessere Argument. Damit hat Werner Roos mit seinem Beitrag „Kann Wahrheit relativ sein? Ein Plädoyer für vorurteilsfreie Wahrheitssuche“ in der Maiausgabe von Forschung und Lehre (29. Jg., 2/2022, S. 370 f.), der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes, Recht. Aber Werner Roos scheint schon vor dem Diskurs zu wissen, was richtig und was falsch ist – nach dem Motto: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält. Alles leicht überprüfbar via Faktencheck. Wissenschaftstheoretisch reichlich naiv wird in Beispiel 2 unterstellt, wer die Coronaimpfung nicht für alternativlos hält und kritische Anfragen an diese stellt, könne nur ungebildet sein. Es gibt zahlreiche Wissenschaftler, die wissenschaftlich gut begründet andere Positionen formulieren, aber in einem vermachteten Coronadiskurs nicht gehört werden.

Zum einen gibt es keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, die davor gefeit wäre, durch besseres Argument widerlegt zu werden. Zum anderen gehört es zur grundrechtlich geschützten Freiheit des Einzelnen, sich für oder gegen politische Forderungen zu entscheiden, auch wenn diese auf wissenschaftlichen Studien basieren. Diese Freiheit ist im demokratischen Rechtsstaat nicht verhandelbar.

Ja, der Coronadiskurs hat viel mit Bildungsverfall zu tun – aber anders als Roos meint. Vielen Akteuren der Bolognauniversität ist längst ein substantielles Bildungsverständnis verloren gegangen.  Der DHV sollte sich fragen, warum Vertrauen in Wissenschaft gerade in Zeiten größter Massenakademisierung so abgenommen hat. Dies hat viel mit dem Versagen von Selbstregulationsmechanismen zu tun. Der Coronadiskurs hat den Vertrauensverlust durch eine vielfach fehlende Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Entscheidung noch verstärkt. Diese mangelnde Unterscheidung trifft auch die fragwürdigen Preisentscheidungen bei den beiden letzten Ehrungen als Hochschullehrer des Jahres.

Gesellschaft für Bildung und Wissen: Schluss mit der Bildungs-Deform

… so der Titel eines MANIFESTS FÜR BILDUNG 2021 der Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V. Forum für Schule, Ausbildung und Studium, das nun in gedruckter Form innerhalb der Reihe GBW-FLUGSCHRIFTEN vorliegt:

Karl-Heinz Dammer, Oktober 2021: Das Manifest für Bildung zeigt Möglichkeiten auf, dem künstlich erzeugten Dauerdruck der Reform entgegenzuwirken, der Lehrerinnen und Lehrer unter Stress setzt. Das Manifest für Bildung bietet nicht nur einen kritischen Blick auf die Reform, sondern auch Argumente, um der durch fachliche Entmündigung und systematische Überlastung erzeugten Resignation der Lehrkräfte entgegenzuwirken. Im Endeffekt ist es deren Unterrichtsexpertise, mit der die Qualität des Schulsystems steht oder fällt.

120 Jahre Burschenschaftsdenkmal

Mit einem Festakt am 21. Mai 2022 um 15.50 Uhr am Burschenschaftsdenkmal feiert der Denkmalerhaltungsverein Eisenach e. V. das hundertzwanzigjährige Jubiläum dieses burschenschaftlichen Wahrzeichens. Es steht für die Einheit und Freiheit Deutschlands. Die Festrede hält Landrat a. D. Dr. Martin Kaspari. Ein Grußwort gibt Seine Hoheit Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Zu diesem festlichen Ereignis ist eine Jubiläumsausgabe der Zeitschrift „Denkmalgeflüster“ erschienen. Im Band wird auch auf die beiden Veröffentlichungen „Wiederentdeckung des Staates in der Theologie“ (von Alexander Dietz, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze und Ludger Schwienhorst-Schönberger, Leipzig 2020) sowie „Bildung in Demokratie. Warum pädagogischer Eigensinn und Freiheit unverzichtbar sind“ (von Axel Bernd Kunze, Bonn 2018) hingewiesen. Die Zeitschrift ist auch online abrufbar:

https://denkmalerhaltungsverein.de/denkmalgefluester

Neue Rezensionen: engagement 3/2021

Axel Bernd Kunze rezensiert im neuen Themenheft 3/2021 der Zeitschrift engagement, das mit deutlicher Verspätung jetzt erschienen ist, folgende Titel:

  • Rezension zu: Clemens Escher: „Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!“ Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949 – 1952, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017, 364 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 204 – 206.
  • Rezension zu: Michael Felten: Unterricht ist Beziehungssache (Bildung und Unterricht; Reclams Universal-Bibliothek; 19692), Ditzingen: Philipp Reclam jun. 2020, 112 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 197 f.
  • Rezension zu: Harald Schulze-Eisentraut/Alexander Ulfig (Hgg.): Gender Studies. Wissenschaft oder Ideologie?, Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag 2019, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 202 f.
  • Rezension zu: Josef Treutlein: Großes Werkbuch Wallfahrten und Prozessionen. Im Geist von Papst Franziskus (Herder Große Werkbücher), Freiburg i. Brsg.: Herder, 223 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 198 f.
  • Rezension zu: Markus Schiefer-Ferrari: Exklusive Angebote. Biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen, Ostfildern: Matthias Grünewald 2017, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 195 f.
  • Rezension zu: Clauß Peter Sajak, Michael Langer (Hgg.): Kirche ohne Jugend. Ist die Glaubensweitergabe am Ende? (Theologie kontrovers), Freiburg i. Brsg.: Herder 2018, 218 Seiten, in: Engagement 39 (2021), H. 3, S. 192.

GKP: Titus Brandsma soll weiterer Patron der Journalisten werden

Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands fordert in einer Pressemitteilung vom 12. Mai 2022, den in Kürze heiliggesprochenen Hochschullehrer, Journalisten und Widerstandskämpfer Titus Brandsma zum weiteren Patron der Journalisten zu ernennen. Hier die Pressemitteilung im Wortlaut:

Katholischer Journalistenverband unterstützt Appell an Papst Franziskus anlässlich der bevorstehenden Heiligsprechung

Köln/Kürten, 12. Mai 2022. Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) sieht in dem 1942 ermordeten niederländischen Geistlichen und Journalisten Titus Brandsma einen würdigen Patron der Journalistinnen und Journalisten. „Wir unterstützen den Appell belgischer und holländischer Kollegen an Papst Franziskus. In Wort und Tat stellte Titus Brandsma sich gegen die mörderische Ideologie des Nationalsozialismus“, erläutert der Vorsitzende der GKP, Joachim Frank. „Brandsma steht für eine Publizistik im Dienst von Wahrheit, Freiheit und Menschenwürde.“ Ein von vier katholischen Publizisten initiierter offener Brief an Papst Franziskus würdigt Brandsma als Vorbild für Journalistinnen und Journalisten. Der Märtyrer empfehle sich gerade heute, wo Journalistinnen und Journalisten in vielen Teilen der Welt Gewalt bis hin zur Ermordung erleiden müssen, zum Schutzpatron.

Der Karmelitenpater Brandsma wurde 1942 im KZ Dachau aufgrund seines Einsatzes im Widerstand für Pressefreiheit und gegen die nationalsozialistische Ideologie interniert und kurz darauf ermordet. Er wirkte als Chefredakteur einer Zeitung, setzte sich für eine Modernisierung des katholischen Pressewesens in den Niederlanden und eine Professionalisierung der Journalistenausbildung ein. Brandsma wurde verhaftet, als er persönlich eine Anweisung der Niederländischen Bischofskonferenz an die Herausgeber von Kirchenzeitungen verteilte, mit der die Bischöfe den Abdruck von NS-Propaganda untersagten. Bereits 1985 wurde Brandsma von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Am kommenden Sonntag, 15. Mai 2022, ist seine feierliche Heiligsprechung durch Papst Franziskus vorgesehen. Sein Gedenktag ist der 27. Juli.

Seit 1923 ist der heilige Franz von Sales (1567–1622) Patron der Journalisten. Der französische Heilige nutzte als einer der ersten das neue Medium des Flugblatts für die Mission. „Franz von Sales, Gründer des Salesianer-Ordens und Patron der GKP, bleibt für uns Fürsprecher einer Publizistik aus christlichem Geist und Protagonist der europäischen, besonders der deutsch-französischen Verbundenheit”, so Joachim Frank. „Heute, wo Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten wieder an der Tagesordnung ist und von Publizistinnen und Publizisten Mut und Haltung gefragt sind, sehen wir in Titus Brandsmas einen überzeugenden Co-Patron unserer Profession.”

Frank erinnert auch an den Journalisten Fritz Gerlich (1883–1934), der wie Brandsma in Dachau ermordet wurde, und hoffte auf einen baldigen erfolgreichen Abschluss des laufenden

Seligsprechungsprozesses. „Das Leid, das unsere Vorgänger für ihre Überzeugungen erlitten, ist uns eine bleibende Mahnung“, betont Frank.

Der Offene Brief an Papst Franziskus im Volltext: https://www.nd.nl/geloof/katholiekinside/1123789/read-the-open-letter-from-journalists-to-pope-francis-here

Die Gesellschaft Katholischer Publizisten e.V. (GKP) ist ein Zusammenschluss von mehr als 520 Medienschaffenden. Auf der Basis des christlichen Glaubens trägt sie zur Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bei, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen des publizistischen Bereiches. Seit 1984 verleiht die GKP die Franz-von-Sales-Tafel an Menschen, die sich als katholische Publizistinnen und Publizisten besondere Verdienste erworben haben.

Zwischenruf: Wer anders denkt, ist ungebildet?

Werner Roos, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Universität Halle-Wittenberg, schreibt in der aktuellen Maiausgabe von „Forschung und Lehre“, der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes: „Leider taucht auch hier eine unrühmliche Besonderheit unseres Landes auf: der hohe Anteil von Impf-Zweiflern und -Verweigerern. Bei aller Vielfalt der Ursachen und Motive sind mangelndes Vertrauen in wissenschaftliche Forschung sowie unzureichende eigene Urteilsfähigkeit unübersehbar. Bildung und Wissenschaft bedürfen einander in besonderem Maße, auch weil die Richtigkeit und Konsequenz einer wissenschaftlichen Erkenntnis nicht durch Abstimmung in einem demokratisch gewählten Gremium festgestellt werden kann.“ (S. 371)

Richtig, Erkenntnis ergibt sich nicht aus demokratischer Abstimmung, sondern im fairen Ringen um das bessere Argument. Aber der Autor scheint schon vor dem Diskurs zu wissen, was richtig ist und was falsch – nach dem Motto: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält. Alles leicht überprüfbar via Faktencheck. Eine bemerkenswert wissenschaftstheoretische Naivität, die hier im Mitgliedsorgan der größten universitären berufsständischen Vertretung zelebriert wird. Und der Autor weiß offenbar auch, dass, wer anders denkt, nur ungebildet sein kann. O, sancta simplicitas, ora pro nobis!

Der Deutsche Hochschulverband sollte sich vielmehr einmal fragen, warum das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung so abgenommen hat – und dies angesichts einer immer größeren Massenakademisierung in Zeiten von Bolognauniversität und Lissabonprozess. Letzterer wollte den größten Wissensraum von Gibraltar bis zum Nordkap schaffen. Dieser Vertrauensverlust hat viel mit dem Versagen von wissenschaftlichen Selbstregulationsmechanismen zu tun und ist älter als der Coronadiskurs. Aber der Coronadiskurs hat diesen Vertrauensverlust weiter verstärkt, und auch der Hochschulverband selber mit seinen fragwürdigen Preisverleihungen der letzten zwei Jahre. Wer hintereinander einmal den „Cheflautsprecher“ der herrschenden Coronapolitik, Christian Drosten, das andere Mal das BioNTech-Gründerehepaar Şahin-Türeci auszeichnet, betreibt eher populistische Politik als sorgfältige Wissenschaft. Noch steht eine Evaluation der Coronapolitik aus, noch sind die Verträge zwischen BioNTech und der EU nicht öffentlich bekannt. Und keiner weiß, welche Leichen hier noch schlummern.

Ja, der Coronadiskurs hat viel mit Bildungsverfall zu tun – aber anders als Autor Roos meint. Vielen Akteuren der Bolognauniversität ist längst ein substantielles Bildungsverständnis verloren gegangen. Wissenschaft entsteht nicht durch Berufung auf vermeintliche Autoritäten, sondern durch harte Arbeit an Quellen, Daten und Theorien – und jede wissenschaftliche Erkenntnis ist immer nur so lange gültig, wie sie nicht argumentativ widerlegt worden ist, bleibt also fehlbar und vorläufig.

Über den angemessenen Umgang mit Corona muss zu recht unvoreingenommen, fair, kritisch und streitbar gerungen werden. Wer aber Andersdenkende von vornherein als ungebildet verunglimpft, vermachtet von vornherein den notwendigen Diskurs, zerstört damit Vertrauen und verhindert die so notwendige unvoreingenommene Suche nach neuer wissenschaftlicher Erkenntnis.

Jeder darf seine Ansichten publizieren und zur Diskussion stellen. Für die Mitgliedszeitschrift eines professoralen Berufsverbandes ist eine solche holzschnittartige Sicht auf den in der Tat notwendigen Zusammenhang von Bildung  und Wissenschaft allerdings blamabel.

Zwischenruf: Fragwürdige Preispolitik im Deutschen Hochschulverband

Der Deutsche Hochschulverband (DHV), die wichtigste berufsständische Vertretung im Universitätsbereich, kürt jährlich den „Hochschullehrer des Jahres“. Der Preis soll ein positives Bild dieses Berufes in der Öffentlichkeit vermitteln und das Faszinierende an einer Hochschullehrertätigkeit aufzeigen. Die Preisentscheidungen von 2021 und 2022 haben allerdings politisch kontroverse Debatten ausgelöst. 2021 wurde der Virologe Christian Drosten geehrt, der in der Coronapolitik der vergangenen Jahre eine führende Rolle spielte. 2022 geht der Preis an das Ehepaar Şahin-Türeci, die Gründer des Pharmaunternehmens BioNTech.

Kritiker sehen in diesen Preisverleihungen keine gelungene Form der Öffentlichkeitsarbeit, sondern eine gewissenlose Anbiederung an den politischen Mainstream. Die DHV-Führung maße sich mit der Wahl der Preisträger ein politisches Mandat im umstrittenen Feld der Corona- und Infektionsschutzpolitik an, das weit über die Vertretung berufsständischer Interessen hinausgehe.

Und in der Tat: Einem Berufsverband, der sich in polarisierten Zeiten wie den unsirgen für einen unvoreingenommen und fair geführten wissenschaftlichen Diskurs einsetzen will, hätte es hingegen gut zu Gesicht gestanden, nicht derart einseitg Partei zu ergreifen. Dies stärkt nicht das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeits, sondern erweist deren Ansehen einen Bärendienst. Überdies zeigen die Preisverleihungen: Kollegen mit abweichenden Meinungen dürfen vom DHV keine Solidarität und Unterstützung erwarten. Großverbände kranken am selben Syndrom wie einst die Volksparteien. Sie wollen überall mitmischen, erweisen sich aber gegenüber Freiheitseingriffen als kampfesunwillig, gelähnt und zeitgeistig. Am Ende laufen sie dem Zeitgeist und dem politischen Mainstream hinterher.

Der Hochschulverband hat mit den Preisverleihungen in einer nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlichen Kontroverse einseitig Partei ergriffen. Mich beschleicht der Verdacht, dass man in der DHV-Führung letztlich kein substantielles Verständnis von Wissenschaft mehr kennt – und daher nach dem Motto verfährt: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält“.

Dabei hat man übersehen, dass viele Fragen offen sind: Welche Rolle spielte Drosten in der „Gain of function“-Forschung? Wie sehr haben sich wissenschaftliches und politisches Handeln bei ihm vermengt? Neuere Meldungen deuten daraufhin, dass die mRNA-Impfstoffe von BioNTech niemals eine Regelzulassung erhalten könnten, weil der Nutzen zu gering und die Nebenwirkungen sowie Langzeitschäden viel zu groß seien. Sollte sich hier vielleicht der größte Medizinskandal der Neuzeit andeuten, hätte der DHV gegen alle moralische Vorsicht, politische Abwägung und wissenschaftlich saubere Prüfung einseitig und voreilig Partei ergriffen.

Bei alldem geht es nicht um Kleinigkeiten: Hier geht es um die Zerstörung der körperlichen Integrität durch einen autoritären, biopolitischen Neokollektivismus auf ungesicherter wissenschaftlicher Grundlage. Auch wenn die Preisträger 2022 nicht das Patent für die mRNA-Technologie halten und sich nicht öffentlich für eine Impfpflicht positioniert haben, hängt der Biontechimpfstoff doch mittendrin in jenem Medizin- und Politskandal, der sich jetzt anzudeuten beginnt. Gerade ein Wissenschaftlerverband hätte hier genauer hinschauen müssen. Stattdessen hat man nicht selten politisch und medial die Story um das Biontechehepaar als Herz-Schmerz-Schnulze aus Merkels bunter Republik der offenen Grenzen verkauft – und der DHV macht mit oder fällt mindestens darauf rein.

Und was hat man bei Drosten nun auszeichnen wollen? Seine wissenschaftliche Leistung oder seine Leistungen in der Wissenschaftskommunikation? Letzteres wäre Aufgabe seriös und verantwortlich arbeitender Wissenschaftsjournalisten. Bei einer gravierenden Krise, wie wir sie angesichts Corona erlebt haben, bleibt es wichtig, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Öffentlichkeit stellen. Es kann aber nicht darum gehen, dass Wissenschaftler auch noch den medialen und politischen Diskurs dominieren. Wissenschaftler sollten seriöse Forschung liefern, keine populäre Internetkommunikation – dafür sind die medizinischen Herausforderungen, auf die wir valide wissenschaftliche Ansichten brauchen, zu groß. Sollte Drosten u. a. für sein Podcast ausgezeichnet worden sein, zeigt sich auch hier, dass dem DHV ein substantielles Verständnis von Wissenschaft verloren gegangen ist. Nicht die politischen Medienstars unter den Professoren, sondern jene redlichen Wissenschaftler, die fern der Talkshows neue Erkenntnisse generieren und oftmals mit begrenzten finanziellen Mitteln, prekären Verträgen oder geringer Unterstützung zurecht kommen müssen, hätten Preise verdient.

Die Universitäten haben sich in vielen Punkten einer menschenrechtswidrigen Coronapolitik  als Antreiber erwiesen (2G-Regelungen im Lehrbetrieb, Maskenpflicht via Hausrecht, Impfnötigung, Abkanzlung von Wissenschaftlern mit abweichender Meinung …). Zu all diesen Punkten hat man vom Hochschulverband in den vergangenen Jahren nichts gehört. Das ist ein Armutszeugnis. Vielmehr gehören Universitäten und auch der DHV zu jenen gesellschaftlichen Akteuren, die aus der Coronakrise moralisch beschädigt herausgehen.