Vor 170 Jahren von Wilhelmine Canz gegründet: Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt feiert Jubiläum

Die Industrialisierung und die Soziale Frage im neunzehnten Jahrhunderten veränderten das Remstal vor den Toren Stuttgarts sehr deutlich. Die verelendete Landbevölkerung zog es in die Fabriken, die Kinder verwahrlosten.Wilhelmine Canz (1815 bis 1901) formulierte als ihre Antwort auf die sozialen Herausforderungen der Zeit die Idee, junge Frauen auszubilden, welche – wie es in der damaligen Sprache hieß – „die Kinder von Bauernweibern hüten“ sollten.

Pionierin der Elementar- und Frauenbildung

Wilhelmine Canz, beeinflusst durch das Vorbild Regine Jolbergs, wird damit eine Pionierin christlicher Kindertagesbetreuung und Frauenbildung. Regine Jolberg hatte im badischen Leutesheim und später in Nonnenweier Kinderschulen und 1844 auch ein Mutterhaus zur Ausbildung von Kinderpflegerinnen gegründet. Sie ermutigte Wilhelmine Canz, Ähnliches auch in Württemberg zu versuchen.

Auf Einladung von Pfarrer Albert Spring kam Wilhelmine Canz nach Großheppach im Remstal, heute ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Weinstadt. Die Geschichte der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Trägerschaft der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft begann am 3. Mai 1856 mit dem Eintritt der ersten zwei Lernschwestern in die von Canz gegründete Bildungsanstalt für Kleinkindpflegerinnen.

Die Gründerin war eine gebildete und durchsetzungsstarke Frau. Den Grundstock ihrer Arbeit bildeten nicht zuletzt die Tantiemen aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Idee fand hochrangige Unterstützer, bis zum Stuttgarter Königshof. Die Zahl der jungen Frauen, die Ausbildung und berufliche Perspektive suchen, wächst, sodass Wilhelmine Canze 1860 sich vergrößern muss und das Mutterhaus in das ehemalige Gasthaus „Zum Löwen“ in Großheppach umzieht. 1877 erfolgte eine Umbenennung zum Mutterhaus für evangelische Kleinkinderpflege, von Canz bis zu ihrem einundachtzigsten Lebensjahr 1896 geleitet. 1881 verleiht König Karl von Württemberg diesem die Rechte einer juristischen Persönlichkeit.

Wilhelmine Canz übernahm beispielsweise die Fröbelkästen mit Legekärtchen für geometrische Figuren, setzte sich aber auch in anderen Teilen bewusst von der Fröbelpädagogik ab. Für sie stand der Entwicklungsgedanke im Vordergrund. Der paulinische Grundsatz „Prüft alles und behaltet das Gute“, dem Canz folgte, ermöglichte einen großzügigen pädagogischen Erfahrungsrahmen.

Erweiterte Ausbildungsmöglichkeiten

1950 schließen sich die Großheppacher Schwestern dem Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mütterhäuser an. Die Schule öffnet sich damit auch für Schülerinnen, die nicht Diakonisse werden wollen. 1971 zieht das Mutterhaus, zunächst unter dem Namen „Haus der Diakonie“, auf die andere Remsseite nach Beutelsbach um; die Fachschule erhält dort ebenfalls neue Räumlichkeiten. Der Schule angeschlossen ist ein Wohnheim für junge Frauen in Ausbildung oder Studium.

Was Wilhelmine Canz und andere Pädagogen ihrer Zeit ins Werk gesetzt haben, ist heute ein professioneller Bildungsberuf, der vielfältige Berufs- und Aufstiegsmöglichpkeiten eröffnet. 2004, mit Einrichtung des einjährigen Berufskollegs für Sozialpädagogik, wird die Schule um drei Klassenzimmer erweitert. Durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung wächst die Fachschule in den Folgejahren bis zur Größe von rund vierhundert Schülern und Schülerinnen. Neue Ausbildungsgänge entstehen: 2014 wird eine Berufsfachschule für Kinderpflege (seit 2022: für sozialpädagogische Assistenz) eröffnet und mit der praxisintegrierten Erzieherausbildung begonnen. 2025 kommt eine sozialpädagogische Assistenzausbildung in praxisintegrierter Form dazu. In der Berufsfachschule kann ausbildungsbegleitend ein gleichwertiger mittlerer Bildungsabschluss, während der Erzieherausbildung die Fachhochschulreife erworben werden.

Seit 2017 besteht – in Kooperation mit der Evangelischen und der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg – die Möglichkeit, im Rahmen eines Integrierten Studienmodells zusätzlich zum staatlich anerkannten Erzieherabschuss einen kindheitspädagogischen Bachelorabschluss zu erwerben. Ab dem Schuljahr 2027/28 wird es durch eine Kooperation mit der Fachhochschule des Mittelstands ferner möglich sein, die Erzieherausbildung mit einem ausbildungsbegleitenden Studium in Sozialer Arbeit und Management zu verbinden.

Ziel ist es, jungen Menschen mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzung den Einstieg in das Arbeiten mit Kindern zu ermöglichen und eine Vielfalt an durchlässigen und anschlussfähigen sozialpädagogischen Qualifizierungswegen zu eröffnen. Wer mit einem Hauptschulabschluss in der sozialpädagogischen Assistenzausbildung Geleitet wird die Schule im Teammodell durch eine pädagogisch-administrative und eine pädagogisch-didaktische Schulleitung.

Diakonische Gemeinschaft

Nicht nur die Fachschule, auch der Schulträger, die Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, kann gleichfalls auf hundertsiebzig Jahre des Bestehens zurückblicken. Der Träger betreibt ferner die Evangelische Pflegeschule Weinstadt und das Kinder- und Familienzentrum am Sonnenhang, die ebenfalls Teil des Bildungs- und Begegnungszentrums am Mutterhaus in Beutelsbach. Ferner ist der Träger mit dem Wilhelmine-Canz-Zentrum in Großheppach und der Tagespflege im Mutterhaus im Bereich Pflege und mit Angeboten des gemeinschaftlichen Wohnens aktiv.

2022 konnte auf dem Mutterhausgelände ein großer Erweiterungsbau eingeweiht werden. Das Kinder- und Familienzentrum wurde um zwei  Gruppen mit naturnaher und tiergestützter Pädagogik erweitert, eine Tagespflege und moderne Wohnungen für ein Wohnen in Gemeinschaft sind neu entstanden. Die Fachschule für Sozialpädagogik erhielt in diesem Zusammenhang eine Naturwerkstatt in Lehmbauweise als zusätzlichen Unterrichtsraum. Der traditionelle evangelisch-religionspädagogische Schwerpunkt wurde zusätzlich um eine naturpädagogische Konzeption erweitert.

Die Stiftung Großheppacher Schwesternschaft hat sich aktiv bemüht, das traditionelle Modell einer Diakonissengemeinschaft, das historisch an ein Ende gekommen ist, neu zu denken und zukunftsfähig zu machen. 2011 wurde die Eckstein-Gemeinschaft, ein nach dem Leitwort der Stiftung benannter Freundeskreis, gegründet, der Frauen wie Männern einen Zugang zur Diakonischen Gemeinschaft ermöglicht, welche Dienst und Sendung der Stiftung trägt. 2021 schließen sich Schwestern und Eckstein-Gemeinschaft zusammen. Der Diakonischen Gemeinschaft – so heißt es auf den Internetseiten der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, „können sich Menschen anschließen, die die Ziele der Stiftung unterstützen und sich eine Gemeinschaft, die gemäß christlicher Werte leben, anschließen wollen. Die Diakonische Gemeinschaft besteht nun aus Diakonissen, Diakonischen Schwestern und Männern und Frauen, die der Stiftung verbunden sind.“ Ein Teil der Mitglieder der Gemeinschaft lebt auf dem Mutterhausgelände, auf dem verschiedene Formen des Wohnens in Gemeinschaft angeboten werden.

Jahresfest

Gefeiert werden die hundertsiebzig Jahre von Großheppacher Schwesternschaft und evangelischer Fachschule für Sozialpädagogik im Rahmen des traditionellen Jahresfestes am 18. Oktober 2026. Die Feier beginnt mit einem Festgottesdienst in der Beutelsbacher Stiftskirche, in dem Frau Dekanin Juliane Bauer predigen wird, und setzt sich dann in und um das Mutterhaus fort.

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