Von Dr. Hans-Michael Tappen
Die radikale Immanenzfalle und der Tod der Vernunft
Haben wir verlernt, unser Leben im Licht der Vernunft zu sehen? Die Gegenwart drängt diesen Verdacht auf. Indem wir die Vernunft auf ein rein instrumentelles Werkzeug der Nutzenoptimierung und der permanenten, zirkulären Selbstreflexion reduzieren, treiben wir sie in eine Perversion. Diese Tyrannei der totalen Immanenz zwingt das Subjekt in einen geistig-existentiellen „Selbstmord“: Wir entziehen uns selbst das „Wasser des Lebens“, weil wir den Menschen von jeder echten Transzendenz abschneiden. Wo alles nur noch messbar, verwertbar und immanent gespiegelt ist, erstickt die Freiheit im Zwang zur totalen Selbstbespiegelung.
Gegen die Illusion der Psychotechniken: Das reduzierte Menschenbild
An diesem wunden Punkt offenbart sich die fundamentale Grenze moderner, rein humanistischer Ideenwelten. Wenn wir versuchen, den Verlust des Transzendenten durch eine endlose Kaskade sich ständig erneuernder „Psychotherapiemethoden“ und immanenter Psychotechniken zu kompensieren, betreiben wir bloß Symptomkosmetik. Ein solches therapeutisches Reagieren verwechselt Heilung mit Anpassung.
Es geht hierbei explizit nicht darum, den unbestreitbaren praktischen Wert und die akute Notwendigkeit klinischer Psychotherapie bei realem psychischem Leiden abzuwerten. Der Einspruch richtet sich gegen etwas anderes: gegen die Erhebung der Psychologie zur allgegenwärtigen Ersatzreligion und zum Instrument einer rein immanenten, gesellschaftlichen Konditionierung.
Das christlich-transzendentale Menschenbild verweigert sich dieser Reduzierung. Das DU im Sinne Martin Bubers ist kein psychologisches Gegenüber, das der eigenen Ich-Vergewisserung dient. Bei Erich Fromm bleibt das Du letztlich funktional – ein Katalysator zur Entfaltung einer immanenten Ich-Fähigkeit, die sich in einer rein horizontalen Gefühlsethik wie in der „Kunst des Liebens“ erschöpft. So scharf Fromms damalige Kapitalismuskritik auch war – sie bleibt im anthropozentrischen Raum verhaftet, weil sie die vertikale, konstitutive Achse des echten Bezugs abschneidet. Das Ich wird aber erst am DU, das bei Buber immer auch den Durchblick auf das ewige DU offenhalten muss.
Ebensowenig taugt das DU als missverstandenes, passives „Selbstvergessen“ im Sinne einer verkürzten Lesart von Meister Eckharts Armut im Geiste. Wo die populäre Rezeption und auch Fromm selbst Eckharts Gelassenheit zu einer bloßen Psychohygiene und therapeutischen Befreiung vom Besitzdenken säkularisieren, verfehlen sie deren Kern. Eckharts „Nichts-Haben“ ist keine immanente Lebenskunst zur humanistischen Selbstoptimierung, sondern radikale Ontologie und Mystik: Das Freimachen des Seelengrundes, damit Gott unvermittelt darin gebären kann.
An dieser Stelle bringt uns auch die populäre Transaktionsanalyse von Eric Berne mit ihrem Diktum „Ich bin OK – Du bist OK“ nicht weiter. So heilsam dieses Prinzip im geschützten Raum der therapeutischen Praxis als partnerschaftliches Gleichwertigkeitsgebot sein mag: Auf sozialethischer und staatlicher Ebene bleibt dieses vermeintliche „OK“ in der Immanenz völlig unbestimmt. Gemessen woran eigentlich? Ohne einen objektiven, transzendenten Maßstab verkommt das gegenseitige psychologische Abnicken zur bloßen Wohlfühlformel einer selbstreferentiellen Gesellschaft, deren moralische Koordinaten sich im permanenten Wandel befinden. In einer rein ökonomisierten Welt läuft dieses Prinzip sogar Gefahr, zu einem rein funktionalen „Ich funktioniere – Du funktionierst“ pervertiert zu werden. Das christliche DU hingegen ist kein therapeutisches Label, sondern ein radikaler, unbedingter Anspruch, der uns in die Verantwortung ruft. Es öffnet den Raum für eine echte transzendente Begegnung, die sich jeder psychologischen Handhabung, jeder marktkonformen Optimierung und jeder reinen Nutzenlogik entzieht.
Die Rationalität des Einspruchs: Ein echtes humanes Denken
Ein solcher Einspruch mag der psychologisierten Gegenwart als Phantasterei erscheinen oder gar dem Verdacht ausgesetzt sein, unmodern oder „inhuman“ zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Inhuman ist eine Gesellschaft, die den Menschen nur noch als psychologisches Rädchen versteht, das durch Therapien passend und funktionstüchtig gemacht werden muss, um im ökonomischen Getriebe mitzulaufen.
Dieser transzendentale Einspruch ist kein Rückzug in ein psychoanalytisches „Life Against Death“-Denken im Sinne Norman O. Browns, das die Kultur bloß als neurotische Todesangst begreift und in immanenten Triebbefreiungen schwelgt. Es geht hier nicht um psychischen Vitalismus, sondern um das geistige Überleben der Vernunft selbst. Es ist ein strikt rationaler, logischer Argumentationsgang: Wer das Menschsein vor reiner Zweckmäßigkeit schützen will, muss ein Fundament aufzeigen, das außerhalb des verwertbaren Systems liegt.
Der pädagogische und ethische Einspruch nach Marian Heitger
Gerade hier bietet sich der prinzipienwissenschaftliche Ansatz von Marian Heitger mit bestechender Eleganz an. Ein empirischer oder rein psychologischer Ansatz scheitert stets am zirkulären Charakter der Immanenz – er muss mühsam versuchen, seinen eigenen Standpunkt aus sich selbst heraus dogmatisch zu begründen.
Die transzendental-kritische Pädagogik nach Heitger hingegen muss sich nicht darum kümmern, worauf sie steht, weil sie ihren Grund eben nicht selbst legen muss. Dies ist keine metaphysische Flucht vor einer Letztbegründung, sondern die konsequente Anerkennung einer logischen Notwendigkeit. Heitger fragt nach den unhintergehbaren Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit und Verantwortung. Er setzt an dem Punkt an, an dem der Mensch bereits als freies, verantwortliches Geistwesen angesprochen ist. Die Transzendenz ist hier kein vager Dogmatismus, sondern der unverzichtbare Fluchtpunkt, ohne den Freiheit, Würde und Erziehung gar nicht rational denkbar wären. Wenn die Pädagogik, die Ethik und die Politik diese Dimension preisgeben, kapitulieren sie vor einer reinen Anpassungsideologie.
Die Antwort auf Axel Bernd Kunze: Ist mit christlicher Sozialethik noch ein Staat zu machen?
Was Heitger für die Pädagogik fordert, gilt im selben Maße für das staatliche Gefüge insgesamt – und so warf PD Axel Bernd Kunze die entscheidende Frage auf: Ist mit christlicher Sozialethik heute noch ein Staat zu machen? Die Antwort lautet transzendental-kritisch: Gerade heute, und zwar dringender denn je!
Ein Staat, der sich rein aus der Immanenz seiner Institutionen, ökonomischen Kreisläufe und therapeutischen Beruhigungsstrategien speist, zehrt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Wenn wir der Vernunft das „Wasser des Lebens“ – die Ausrichtung auf das Unbedingte und Transzendente – entziehen, verkommt das Gemeinwesen zur bloßen Verwaltungsmaschine eines kollektiven Narzissmus und einer verkommenen Ökonomisierung, die alles Menschliche bloß noch nach seinem Marktwert bemisst.
Die Christliche Sozialethik erinnert den Staat an seine eigenen Grenzen und an die unantastbare Würde des Menschen, die jenseits aller Verwertbarkeit und psychologischen Optimierung liegt. Sie hält den Raum für das Unverfügbare offen. Genau aus dieser Transzendenz-Orientierung erwächst die stabilisierende, friedensstiftende und sittliche Kraft, die einen Staat erst tragfähig macht.
Fazit
Mit einer christlichen Sozialethik ist sehr wohl ein Staat zu machen – weil sie das Subjekt vor dem immanenten Selbstmord der permanenten Verwertungsreflexion rettet, die Reduktion des Menschen auf bloße Psychotechniken überwindet und der Vernunft ihr transzendentes Fundament zurückgibt.
Zur Person: Dr. phil. Hans-Michael Tappen blickt auf eine jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Bildung, Ethik und Seelsorge zurück. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Altenhilfe an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München promovierte er in Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien (Schüler von Marian Heitger). Zusätzliche Qualifikationen erwarb er in der Erwachsenenbildung an der Hochschule für Philosophie München (HFPH) sowie als psychoanalytischer Supervisor. In seiner Biografie verbinden sich Theorie und Praxis auf besondere Weise: Nach langjährigen Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und in der Bewährungshilfe beim Landgericht München I unterrichtet er als reaktivierter katholischer Religionslehrer an einer Münchner Berufsschule. Aus dieser tiefen Verankerung in staatlichen und kirchlichen Institutionen heraus widmet er sich heute Fragen der Lebensbegleitung und untersucht, welche Relevanz religiöse Bildung in unserer modernen Arbeitswelt besitzt.