Sammelrezension: Zwei Studienbücher, die sich sinnvoll ergänzen

Thomas Kesselring: Ethik im Bildungswesen. Bildung zu Selbstbestimmung und Verantwortung (utb; 6495), Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2025, 263 Seiten.

Roland Reichenbach: Ethik der Bildung und Erziehung (utb; 4859/Grundstudium der Erziehungswissenschaft),  Paderborn: Ferdinand Schöningh 2018, 269 Seiten.

Thomas Kesselring, der durch sein „Handbuch Ethik für Pädagogen“ in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft innerhalb der Pädagogischen Ethik bekannt ist, hat nun eine sozialethische Ethik des Bildungswesens vorgelegt. Diese wählt einen wertbezogenen Zugang und verbindet somit die vorgängige subjektbezogene Perspektive, die Bildung eröffnet, mit sozialethischen Fragen nach deren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der ethischen Gestaltung sekundärer Bildungszwecke. Eine solche Verschränkung beider Perspektiven ist für eine Sozialethik der Bildung keineswegs selbstverständlich und macht den besonderen Wert von Kesselrings Werk aus.

Der Band setzt zunächst mit Überlegungen ein, wie Bildung als Wert verstanden und ausgelegt werden kann. Bildung wird dabei pädagogisch zunächst als Wert an sich, als Selbstzweck betrachtet. Als „öffentliches Gut“ besitze Bildung aber auch eine wichtige Rolle für das gemeinsame Zusammenleben – und damit kommt die sozialethische Perspektive ins Spiel. Für die Pädagogische Ethik zeigt Kesselring auf, welche Rolle Wertfragen in der Bildung spielen und wie Bildung und Werterziehung zusammenspielen.

Nach diesem Präludium gliedert sich das Werk in drei Hauptteile, die mit den drei Schlagworten Wirtschaft – Macht – Entwicklung überschrieben werden können: Zunächst diskutiert Kesselring die ökonomischen Bedingungen der Bildung und die Bedeutung des Bildungswettbewerbs in einer Marktwirtschaft (I.).  

Hierauf diskutiert Kesselring verschiedene Modell der Ethikbegründung – von Aristoteles bis Kant (II.). Den Schwerpunkt legt Kesselring, der vor seinem Ruhestand in Deutschland und der Schweiz lehrte, auf die Diskursethik nach Habermas und Apel. Damit ist die Machtfrage aufgerufen, die in der pädagogischen Beziehung wie im Bildungssystem in verschiedener Gestalt eine Rolle spielt. Kesselring diskutiert die ethischen Herausforderungen, die hier für eine Berufsethik von Lehrkräften ansichtig werden, einmal unter der pädagogischen Frage der Autonomieförderung, das andere Mal unter der Frage, wie sich Chancengleichheit sozialethisch und pädagogisch umsetzen lässt. Deutlich wehrt der Verfasser ein Missverständnis ab: Machtausübung ist kein Machtmissbrauch. Macht ist ein Ermöglichungsfaktor – auch in der Pädagogik. Hier wäre nach der Betonung der Diskursethik auch ein deutlicher Bezug auf Kants bleibende Frage möglich gewesen: Wie kann die Freiheit bei dem Zwange kultiviert werden? Denn pädagogische Beziehungen sind in verschiedener Hinsicht asymmetrische Beziehungen. Das ist anzuerkennen. Und mit dieser Tatsache ist pädagogisch verantwortlich umzugehen, ohne dass der Zwang zur Freiheit umdeklariert werden dürfe, wie Kesselring mahnt. Dies wäre unaufrichtig und könne Kinder psychisch schädigen. Gerade deshalb will Kant nicht Freiheit „durch“ Zwang kultivieren.

Der dritte Hauptteil (III.) beleuchtet die moralische Entwicklung der Heranwachsenden, und dies nicht zuletzt unter Rückgriff auf Piagets klassisch gewordene Auffassung der Entwicklungsstufen und Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung. Die Darstellung läuft am Ende auf die Verallgemeinerungsregeln und damit auf einen menschenrechtlichen Zugang zu Bildung hinaus: eine wichtige Universalisierungsleistung, die im Rahmen der Moralerziehung alters-und entwicklungsangemessen anzubahnen ist. Zum Abschluss des Bandes weitet Kesselring noch einmal den Blick auf die ökologischen Grundlagen eines humanen Zusammenlebens, indem er Bildungs-, Tier- und Ökologische Ethik miteinander ins Gespräch bringt.

Gelingende Bildungsprozesse, wenn sie der Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen entsprechen sollten, müssen auch aus sozialethischer Sicht mehr sein als eine soziologisch zu beschreibende Anpassungsleistung zwischen Individuum und Sozialstruktur. Kesselring zeigt eine Sozialethik der Bildung, die angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen über eine gerechtigkeits- und gleichheitsfixierte Maßnahmenpädagogik hinausblickt und dem Anspruch folgt, eine freiheits- und wertorientierte Perspektive auch beim sozielethischen Zugang zu Bildung und Erziehung beständig mitzudenken.

Folgt Kesselring vorrangig einer bildungsbezogenen Linie, bietet sich Roland Reichenbachs „Ethik der Bildung und Erziehung“ begleitend bestens an. Reichenbachs Werk ist zweierlei: Studienbuch wie Essaysammlung – und wer Reichenbach kennt, weiß: Seine Essays versprechen nicht allein Erkenntnisgewinn, sondern zugleich Lesefreude. Erfrischend, gekonnt, gewitzt bügelt Reichenbach gängige Vorstellungen gegen den Strich und eröffnet somit auch altgedienten Pädagogen immer wieder Ahaerlebnisse und neue Einsichten.

Die gesammelten Essays beschäftigen sich mit der Zumutung des Erziehens, dem Umgang mit Konventionen, dem pädagogischen Modewort der Authentizität oder der regulativen Idee der Autonomie. Es geht um Verantwortung und den Umgang mit Ungleichheit, um Fürsorge und Gefühle, Tugend und Kompetenz, um Herzensbildung und Berufsethos. Eines wird immer wieder deutlich: Erziehung geht nicht ohne Beziehung. Hierfür braucht es den engagierten Lehrer, der mehr ist als ein Lernbegleiter. Reichenbachs Erziehungsethik ist ein deutlicher Widerspruch gegen konstruktivistische, technokratische oder technologische Missverständnisse von Lernen: Wo der Lehrer als Person verschwinde, werde Lernen sinnfrei. Im Bildungsprozess gehe es darum, sich auf eine gemeinsame Welt auszurichten und diese zu teilen. Reichenbach spart nicht mit scharfer Kritik, stets intelligent vorgetragen: Die Vorstellung, jeder konstruiere sich seine eigene Welt, sei letztlich psychopathologisch. In der Konsequenz blieben die Heranwachsenden in ihren esoterischen Wünschen gefangen.

Dabei rehabilitiert Reichenbach auch Vorstellungen, die einer vermeintlich rationalen Pädagogik ausgetrieben worden sind: Besondere Lesefrüchte versprechen die beiden Kapitel zum „Sentimentalismus“ und zum Dilettantismus in der Pädagogik.

Wer sich mit bildungsethischen Fragen aus einer genuin pädagogischen Perspektive näher beschäftigen will, sollte beide Bände in seine Hausbibliothek aufnehmen.

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